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Leute stalken, leicht gemacht

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor / P12 / Gen
23.06.2022
23.06.2022
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LEUTE STALKEN, LEICHT GEMACHT

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Nervös greife ich meine Tasche fester und lehne mich krampfhaft entspannt gegen das Klettergerüst. Izel ist noch nicht da. Verdammt. Da kommt er! Jetzt könnte ich meine Freundin wirklich gut gebrauchen. Ob sie heute kommt?
Leonard steigt von seinem schwarzen Mountainbike und schließt es zwischen den anderen an.
Elegant streicht er seine Haare aus dem Gesicht und blickt sich um. Ich nicke ihm zu, aber er scheint mich nicht zu bemerken. Autsch.

Noch nervöser als vorher blicke ich auf meine Armbanduhr. Schon fünf vor halb. Gleich fängt Mathe Nachhilfe an und sie ist immer noch nicht da.
Während ich hilflos mitansehen muss, wie Leonard nach drinnen verschwindet, höre ich ein lautes: „Mayala, ist er schon da?“
Endlich! Izel.
„Psst.“, zische ich und deute auf den Eingang. Izel versteht sofort und verstummt. „Ich glaube, er ist mit Max auf der Toilette.“
„Worauf wartest du noch?“ Meine Freundin grinst. Ich grinse zurück.

„Warum kann einem etwas in einem Moment so plausibel und im Nachhinein so idiotisch erscheinen?“, murmel ich vor mich hin, während wir die Tür zur Jungstoilette öffnen. Izel signalisiert mir die Klappe zu halten und entsperrt ihr Handy. Sie will Audioaufnahmen oder Fotos machen. Vielleicht auch beides. Ich verdrehe die Augen und halte die Luft an, folge Izel und laufe prompt in sie hinein. Meine Freundin ist wie erstarrt. Ich spähe über ihre Schulter und ziehe meinen Kopf sofort wieder zurück. Leonard starrt erst uns irritiert an, dann das Handy in Izels Hand.
Syncron bewegen wir uns rückwärts wieder raus, während Izel irgendetwas von falscher Tür, fehlender Brille, heruntergefallenes Schuld und weiteren Quatsch stammelt.

„Ich frage mich wo Max war. Ich bin mir absolut sicher, dass er und Leonard zusammen auf Toilette gegangen sind.“, meine ich nachdenklich zu Izel, als sie uns mit vielen Entschuldigungen, Lügen und falschen Anschuldigungen aus der Situation rausgebracht hatte.
Izel fokussiert einen Punkt hinter mir, macht große Augen und ihre Wangen röten sich. Ich will mich nicht umdrehen, tue es aber trotzdem. Max steht direkt hinter mir und sieht mich an, als wäre ich ein Alien. Er hat alles gehört. Wortlos drehe ich mich um und schreite so schnell und würdevoll wie möglich aus seinem Blickfeld. Schnell klappt, würdevoll nicht so.

Als ich mir sicher bin, dass Max mich nicht mehr sehen kann, fange ich an zu rennen. Nicht das es etwas geändert hätte. Es führt nur dazu, dass ich ausser Atem bin und Lukas, unser Nachhilfelehrer, mich sieht, was heißt, dass ich keine weiteren zehn Minuten schwänzen kann. Verdammt!
Müde schleppe ich mich zu meinem Platz, ganz hinten und packe mein Mäppchen, mein Handy und meinen Collageblock aus. Ich schreibe zwar nie von der Tafel ab, aber wenn Leonard mich anschaut, kann ich immerhin so tun, als würde ich ihn nicht wahrnehmen.
Nicht dass er mich je anschauen würde.

Ich öffne Whatsapp und mache Mobile Daten an. Sofort werde ich mit 63 Nachrichten aus fünf Chats überflutet. Ich ignoriere sie alle und öffne den Chat von Izel und mir.

Ich: Wo bist du?????????

Izel: keine Ahnung bin leo gefolgt und im erstklässerflur gelandet. Jetzt ist er weg!

Ich: er ist hier! HIIIILLLLLFFFFFFFFEEEEEEEE!!!!!!!!!!!!!!!!!

Izel: ich komme. Verdammt ich war echt eine weile nicht hier

Ich: wo bist du denn?

Izel: ich suche jetzt die Treppen

Ich: komm jetzt!!!

Izel: ich find die treppen nicht

Ich: er schaut mich an ich glaube er erkennt mich OMG!

Izel: verdammt! Er schaut auf unsere platz und ich bin nicht da!

Ich: hast du die treppen jetzt?

Izel: gleich

Ich: egal er guckt wieder weg

Izel: hast du wenigstens ein Foto gemacht?

Ich: Spinnst du????? Er hat mich direkt angeschaut!!!!!!!!!!!

Izel: ich glaub ich bin da


Die Tür öffnet sich. Es ist Izel. Ich versuche sie mit Blicken zu durchbohren, weil sie mich in dieser Situation allein gelassen hat, doch sie lächelt nur und setzt sich neben mich.
Ich lehne mein Handy gegen das Mäppchen, stelle den Timer der Fotoapp auf fünf Sekunden und drücke auf ‚Start‘. Zuspät fällt mir auf, dass ich vergessen habe, Blitz und Ton auszumachen und Leonard ist einem fünf Sekunden langen Blitzlichthagel und einem beständigen: Klickklickklickklickklickklickklickklick, ausgesetzt.
Es sind sehr lange fünf Sekunden.
Verwirrt schaut er mich an. Alle schauen mich an. Izel kichert schadenfroh und stupst mich mit dem Ellbogen an.

Ich spiele mit dem Gedanken aus dem Fenster zu springen, während ich beschließe so zu tun, als würde ich weiterhin von der Tafel abschreiben, bis mir auffällt, dass sich die Stifte immer noch in meinem Mäppchen befinden und wenn ich sie jetzt auspacken würde, würde ich indirekt zugeben, dass ich es mein Handy war.
Viel zuspät fällt mir auf, dass ich auch ein Video hätte machen können. Ich seufze über meine eigene Dummheit, mache mein Handy aus und hole den erstbesten Stift hervor.
Krampfhaft den Blick von Leonard ignorierend, schreibe ich die Aufgabe von der Tafel ab, die Lukas angeschrieben hat ( |: 3x + 15y = 124   ||: y= 47) und lege den Stift wieder weg.

„Sieh es positiv.“, flüstert mir Izel zu. Wir haben bestimmt einige gute Bilder aus Frontalansicht.“
Ich sehe sie böse an, doch mir fällt auf die Schnelle keine wirklich schlagfertige Beleidigung ein und so zische ich einfach: „Du bist echt ein ‚fliegender Furz‘ !“, etwas zu laut, denn nun drehen sich die gesamten hinteren Reihen zu uns um. Vereinzelt ist Kichern zu hören.
„Leonard sieht so süß aus, wenn er lacht.“, flüstert mit Izel verträumt zu.
„Mich auslacht.“, stelle ich klar und wünsche mir, ich hätte auf mein Bauchgefühl und doch im Bett bleiben sollen.

Die Uhr zeigt 16 Uhr 15. Leonard steht auf und verschwindet aus dem Raum. Izel steht auch auf, nimmt meinen Arm, zieht mich mit sich und geht ihm so unauffällig wie möglich hinterher.
Ich wehre mich nicht. Es würde meinen Stolz nur noch mehr zerstören, falls von ihm überhaupt noch was übriggeblieben ist.
„Wohin willst du denn jetzt schon wieder?“
„Wir müssen doch Fotos machen. Für unsere Modelkarriere.“ Izel zwinkert mir verschwörerisch zu und ich verstehe. Ich habe zwar keine Lust, aber mache es trotzdem. Was tut man nicht alles für seine Freundin?

Wir stehen auf dem Schulhof. Ich muss komische Posen machen, obwohl der Fokus nicht auf mich, sondern auf Leonard, im Hintergrund gerichtet ist. Ich habe keine Ahnung, warum ich das nochmal mache.

„Jetzt bist du dran!“ fahre ich Izel an, als es mir reicht. Ich schnappe mir das Handy und stelle mich so hin, dass ich zu Leonard blicke und sehe sie herausfordernd an.
„Spinnst du?“ Izel zeigt mir einen Vogel. „Ja.“ ich grinse und füge noch frech hinzu: „Du stehst doch sonst so gerne im Mittelpunkt.“
„Nein, jetzt gib mir mein Handy wieder!“ Ich schüttele nur den Kopf, was Izel zum Anlass nimmt sauer zu werde und nun zu versuchen mir nun ihrerseits das Handy wegzunehmen. Ich renne, Izel mir hinterher.
„Schau mal, er guckt!“, rufe ich und mache ein Foto, auf dem Izel verdutzt in die Kamera schaut. Im Hintergrund ist Leonard zu sehen. Er guckt tatsächlich.
„Ich hab‘s!“ Izel springt in einem riesen Satz auf mich zu und schubst mich zu Boden.
„Zeig!“, sie reißt mir das Handy aus der Hand. „Perfekt!“
„Hast du dein Lebensziel jetzt erreicht?“, stichele ich, doch sie beachtet mich nicht. Starrt nur verliebt auf das Foto.

Es ist 17 Uhr. Izel hat den ganzen Unterricht, seit der Pause nur noch auf das Foto gestarrt und ich habe aus meinen Fehlern gelernt und mich für heute in keine unangenehme Situation mehr gebracht.

Meine Freundin und ich verabschieden uns am Tor.
„Nächste Woche wieder?“, fragt sie.
„Nächste Woche wieder.“, sage ich.
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