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Biolumineszenz

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P16 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character)
23.06.2022
23.06.2022
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23.06.2022 1.325
 
Berlin ist groß. 3,6 Millionen Einwohner ungefähr.

Man sollte meinen, dass man Fehler machen könnte und danach nicht unbedingt mit den Konsequenzen konfrontiert werden müsste, bei so vielen Menschen, richtig?

Falsch.

Jedenfalls war es Klaas nicht vergönnt, seiner letzten monumental schlechten Entscheidung aus dem Weg zu gehen. Jeden Tag, wenn es ihn mit der Masse an Studenten nach draußen in die Sonne trieb, konnte er es hören noch bevor er überhaupt das Gebäude verlassen hatte. Dumpfe Bässe, elektronische Beats, oder eben jede andere kaum erträgliche Musikrichtung, die an dem Tag den Campus beglücken sollte.

Heute war es eine unerträgliche Kakophonie an Beats, die irgendein überbezahlter und viel zu überhypter DJ als Musik verkaufte, unterlegt mit irgendeiner 0815 Stimme, die immer dieselben vier Worte wiederholte.

Klaas hasste es. Hasste, dass seine Aufmerksamkeit überhaupt abdriftete, als wäre er in irgendeiner Form daran interessiert, wer für diese Lärmbelästigung verantwortlich war.
Fakt war aber nun mal leider, dass sein Gehirn manchmal einen sehr selektiven Fokus hatte, der außerhalb seiner Kontrolle lag.

„Klaas, du starrst. Noch ‘ne Sekunde länger und Gurki denkt, das ist ‘ne Einladung, um rüberzukommen und uns vollzuquatschen.“ Jan deutete mit einer schnellen Kopfbewegung über seine Schulter. „Der Lauch guckt schon die ganze Zeit so, als wär‘s gleich soweit.“

Etwas verärgert über seine eigene Unaufmerksamkeit flackerte Klaas‘ Blick zurück in die Gegenwart und automatisch schüttelte er den Kopf, als würde er versuchen, alle gerade gedachten Gedanken loszuwerden.

Klaas hasste sie.

Die Gruppe identitätsloser Hipster, die sich fünf Meter rechts von ihnen auf der Wiese vor dem Hauptgebäude niedergelassen hatte und in unmenschlicher Lautstärke irgendeine Hipster-Scheiße durch eine tragbare Box plärrte.

Sie sahen genauso aus wie alle anderen Trottel, die in Berlin herumliefen: Markenklamotten, von denen alle wussten, dass sie viel zu teuer waren, Pullis mit übergroßen Adidas-Logos, weiße Tennissocken, Caps oder Carhartt-Mützen über denselben langweiligen Haarschnitten, dasselbe weiße Paar Schuhe.

Klaas hasste es, hasste, dass sein Blick abdriftete, weg von seinem Laptop, in Richtung dieser aufgeblasenen, selbstüberzeugten –

Das Ding war – über die Klamotten und die Musik hätte Klaas ja noch hinwegsehen können. Leben und leben lassen. Whatever. Aber diese abgehobene Arroganz, die überhebliche Gelassenheit, die die Gruppe umgab, überall, wo sie auftauchten, reizte ihn.

Sein Blick flackerte über die Gesichter, scannte die Gruppe nach einer ganz bestimmten Person ab und, wie sollte es auch anders sein, hockte er neben Frieda.

Trotz des Lärms um sie herum, schienen beide tief in Gedanken versunken. Frieda lag mitten auf der Wiese, hatte ihren Kopf auf Jokos Oberschenkel abgelegt und starrte abwesend auf ihren Laptop.

Frieda.

Frieda war die Definition von allem, was Klaas an Berlin hasste. Erzwungene Individualität reflektiert in kurzen blauen Haaren, die an den Seiten kürzer waren als hinten, schwarze Klamotten, Nasenpiercing. Frieda war cool, und alle um sie herum schienen scheinbar zu vergessen, dass sie von den restlichen Idioten in Berlin nicht zu unterscheiden war, die genauso hart versuchten anders zu sein.

Frieda verstand es, Blicke auf sich zu ziehen, egal wo sie auftauchte. Alle kannten Frieda und Frieda kannte alle. Sie war vor allem laut, in jeglicher Hinsicht, und fröhlich und nett und immer gut gelaunt, und das reichte, um Klaas jedes Mal die Galle hochzutreiben, wenn er sie sah. Aber Klaas‘ Skepsis war leider nicht der allgemeine Konsens. Frieda war beliebt und gerne gesehen und ihre Coolness übertrug sich infolgedessen automatisch auf die Leute, die sie umgaben. Sprich: ihre Hipster-Freunde. Sprich: Joko.

Joko mit den strohblonden Haaren und der goldenen Hipster-Brille und den bunten Socken. Joko, der so absurd groß und so absurd ungelenk war.

Joko, den Klaas noch weniger leiden konnte als Frieda.

Bis vor kurzem hätte Klaas sein gesamtes Erspartes darauf verwettet, dass Joko und Frieda eins dieser Klischee-Ekel-Pärchen waren, die auf Instagram kitschige Bilder von sich in abartig süßen Posen veröffentlichten und dann den Post mit zu vielen Emojis und zu vielen Hashtags hochjazzten.

Bis er vor einigen Wochen auf einer Party mit Joko im Bett gelandet war. Jetzt wusste er: Joko war schwul. Verdammt schwul, um genau zu sein, und auch wenn Klaas es niemals laut zugeben würde, Joko war auch verdammt gut im Bett.

Joko schien nicht Teil zu haben an den Konversationen um sich herum, hatte die Beine nur lang von sich gestreckt und stützte die Arme hinter sich auf der Wiese ab. In seinem rechten Ohr steckte ein Kopfhörer.

Und tatsächlich schweifte Jokos Blick auffällig unauffällig umher und landete dabei einmal zu oft auf Klaas, als dass dieser Jans Interpretation hätte abwimmeln können.

Klaas wandte den Kopf ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf seinen Bildschirm, auf dem der Cursor auffordernd blinkte und ihm mitteilte, dass er heute wirklich mehr als zwei Sätze seiner Hausarbeit schaffen sollte. Er hatte keine Zeit für den Scheiß.

Jan lehnte sich mit überheblichem Grinsen zurück und verschränkte die Arme.

„Meinste der hat euren Quickie in Dendes Garderobe ‘n bisschen zu ernst genommen?“, fragte er und man hörte ihm seine Schadenfreude an. „Nicht, dass der sich jetzt Hoffnungen macht und du ihm sein kleines Hipster-Herzchen brechen musst.“

Klaas zuckte nur trotzig mit den Schultern und brummte. Die Sonne brannte ihm in den Nacken.

„Lass‘ ihn halt gucken. Viel mehr wird der von mir nicht mehr zu sehen bekommen.“

Jan lachte laut auf und aus den Augenwinkeln konnte Klaas beobachten, wie Jokos Kopf sich ihnen wieder zuwandte. Stoisch starrte er auf seinen Bildschirm.

„So schlimm?“, fragte Jan und es war klar, wovon er redete.

Klaas zuckte wieder nur unbeteiligt mit den Schultern. Er würde sicher nicht zugeben, dass es gut gewesen war. Betrunken und einfach und gut. Oder, dass er sich immer noch einen drauf runterholte. Es gab einfach Dinge, die musste Jan nicht wissen.

Gerade wollte er ansetzen und das Thema wechseln, als ein neuer Song zu ihnen herüberdröhnte und diesmal hätte er beinahe anklagend den Kopf gedreht.

Vielleicht hatte er Joko – in sehr betrunkenem Zustand – gestanden, dass er The Subways gar nicht so scheiße fand. Und vielleicht dröhnte gerade genau der Song aus den Lautsprechern zu ihm rüber, zu dem sie rumgemacht hatten, kurz bevor sie in der Garderobe verschwunden waren.

In Gedanken schallte er sich einen Idioten dafür, dass er sich daran überhaupt noch erinnern konnte. Immerhin war er sturzbesoffen gewesen und Joko eben der erstbeste, der willig und betrunken genug gewesen war, um mit ihm zu verschwinden. ‘N kleiner Fick, nichts weiter.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Olli sich neben ihn auf die Bank fallen ließ.

„Ey Leude, ich schmeiß‘ hin, ich schwör’s euch“, verkündete er lauthals, während er sich mit der Linken eine Kippe in den Mundwinkel steckte und mit der Rechten in seinem Rucksack wühlte. „Mein Alter bring mich um, aber ganz ehrlich, ich schlaf‘ lieber unter jeder Brücke, als noch eine einzige Vorlesung bei diesem Dreckssack zu ertragen.“

Klaas reichte ihm nur kommentarlos sein Feuerzeug. Es war jedes Mal dieselbe Leier donnerstags. Spätestens nach zwei Kippen hatte Olli sich wieder beruhigt.

Während sich der andere also weiter aufregte, sich die Kippe ansteckte und Klaas so tat, als würde er seinen Ausführungen folgen, streifte sein Blick immer wieder nach rechts.

Joko trug nicht, wie sonst immer, sein breites Grinsen. Seine Augen verfolgten eher abwartend, wie Frieda ihre Sachen in ihren Rucksack warf. Er sagte etwas zu ihr und sie lachte, laut und ehrlich und ein bisschen zu gut gelaunt.

Klaas‘ Augen wurden einen Deut schmaler, als sie Joko zum Abschied fest umarmte. Klaas war es zuwider, diese ganze Umarmerei.

Er war schon im Begriff, Olli wieder seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, als Friedas Blick plötzlich seinen traf. Ihre Augen blitzten wissend.

Erschrocken drehte Klaas den Kopf weg, doch beobachtete noch mit Horror, wie sich die Blauhaarige erneut zu Joko drehte und ihm grinsend ein paar Worte zuwarf, die den Größeren automatisch dazu veranlassten, zu Klaas rüberzuschauen.

Lachend klopfte Frieda Joko auf die Schulter, der ihr den Mittelfinger zeigte, bevor sie sich von der Gruppe entfernte. Jedoch nicht, ohne Klaas noch einmal anzugrinsen.

Klaas hasste alles.
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