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Der Wechselbalg (Unter dem Hügel - Teil 1)

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Robin of Loxley / Robert of Huntingdon
23.06.2022
23.06.2022
1
1.786
 
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Nach seinem Tod riet man ihm eindringlich davon ab, die Freunde - so lange ein wichtiger Teil seines Lebens - weiterhin zu beobachten, denn anderenfalls würde es ihm viel schwerer fallen, sich in sein neues Leben einzufügen. Sein altes nicht loszulassen, würde ihm nur Schmerz bereiten, daher wäre es besser, nicht mehr daran zu denken. Aber er war immer schon für seine Sturheit und seine Dickköpfigkeit bekannt und hatte auch früher nur selten getan, was andere ihm rieten, selbst wenn es zu seinem Besten war. Da hätte es niemanden verwundern sollen, dass er sich nicht an diesen Rat hielt.
Selbstverständlich musste er sich erst von seinen schweren Verletzungen erholen, schließlich wäre er beinahe gestorben – und für seine Freunde war er ja auch gestorben - und selbst an diesem Ort war niemand in der Lage, ihn auf magische Weise zu heilen. Und zuerst glaubte er ihnen natürlich auch, als sie ihm erzählten, dass er in seinem alten Leben nicht hätte gerettet werden können und er war ihnen dankbar, dass sie ihm erlaubt hatten, zurückzukehren. Erst später fiel ihm auf, dass er sich nicht selbst dazu entschieden hatte, von hier wegzugehen. Und erst noch viel später fiel ihm auf, dass Herne wahrscheinlich doch die Fähigkeit besaß, ihn zu retten, denn hatte er nicht Marion ins Leben zurückgeholt, nachdem sie von Gisburne erschossen worden war? Aber Herne schien nicht in diese Welt kommen zu wollen und er wollte sich auch nicht darüber beschweren, noch am Leben zu sein. Daher hielt er den Mund.
Nachdem es ihm dann besser ging – und das viel schneller, als er es für möglich gehalten hatte - fing er an, seine neue – alte - Heimat zu erkunden. Und er versuchte herauszufinden, zu was er in diesem Leben fähig war oder besser gesagt, was ihm all das hier nutzen konnte, was er in seinem alten Leben gelernt hatte. Jagen und Kämpfen schienen in dieser Gemeinschaft nicht sehr wichtig zu sein und er stellte fest, dass er keine große Lust hatte, hier anzuwenden, was er bei Matthew in der Mühle gelernt hatte. Das einzige, was ihm nun noch blieb, waren seine Visionen und er war sich nicht sicher, ob er sie nicht auch verloren hatte.
Daher fing er damit an, der Frage nachzugehen, wieso man ihm überhaupt von der Beobachtung seiner Freunde abgeraten hatte, wenn sie sich doch unerreichbar fern von ihm befanden. Die Antwort darauf bestand aus der Erkenntnis, dass er seine Visionen doch nicht verloren hatte, sondern sie ihm auch hier zur Verfügung standen. Es dauerte auch nicht lange, bis er feststellte, dass er – im Unterschied zu früher – selbst entscheiden konnte, was er jetzt sehen wollte und nicht mehr ertragen musste, was ihm – oftmals scheinbar wahllos – gezeigt worden war. Jetzt konnte er sich aussuchen, was er sehen wollte. Und er wollte natürlich seine Freunde sehen.
Aber zuerst war ihm nicht bewusst, dass er die Visionen steuern konnte und daher sah er, als er das erste Mal seine Freunde in einer Schüssel mit Wasser erblickte, genau das, was in diesem Moment in der Welt der Menschen passierte. Dies war ihm allerdings auch nicht sofort bewusst, weil ihn etwas anderes beschäftigte. Nachdem er mitbekommen hatte, wie viele Monate bei seinen Freunden bereits verstrichen waren, seit seiner Ankunft hier, war er mehr als nur verwundert darüber, denn er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, sich bereits solange hier aufgehalten zu haben. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als jemanden zu fragen, was passiert war.
Was dann geschah, gefiel ihm nicht besonders, denn zuerst fing der andere an zu lachen. Und nachdem er sich wieder beruhigt hatte, erklärte er ihm – und das auf eine Weise, als wenn er mit einem Idioten sprechen würde – dass die Zeit hier langsamer verlief als in der Welt der Menschen.
In dem Moment stellte er zum ersten Mal fest, dass andere seines Volkes ihn nicht als gleichwertig ansahen. Sie konnten zwar nicht leugnen, dass er kein Mensch war – und später stellte er dann fest, dass sie ihn auch nicht wie einen behandelten – aber er hatte zu lange in der Menschenwelt gelebt und war zu sehr von ihnen geprägt worden. Die anderen verheimlichten ihm nicht, dass sie der Meinung waren, es würde mit Sicherheit lange dauern, bis er diesen Makel ablegen konnte. Nun verstand er auch, wieso diejenigen Angehörigen seines Volkes, die sehr lange bei den Menschen gelebt hatten, nur sehr selten wieder zurückgelassen wurden. Warum sie bei ihm eine Ausnahme gemacht hatten, wollte ihm keiner verraten.
Aber weil er nun endlich eine Möglichkeit gefunden hatte, seine Freunde zumindest zu sehen, entschied er sich, das Verhalten seines Volkes erst einmal zu ignorieren, denn ihm war aufgegangen, dass er daran nichts anderen konnte. Daher widmete er sich der Beobachtung seiner Freunde, auch wenn ihm das nicht nur Freude brachte, denn zu gerne hätte er auch mit ihnen gesprochen. Er hätte ihnen gerne mitgeteilt, dass er noch am Leben war, um ihnen ihre Trauer zu ersparen. Vor allem hätte er gerne Marion geholfen, denn es zerriss ihm das Herz, als er sah, wie es ihr immer schlechter ging und er nichts dagegen unternehmen konnte. Aber auch die anderen hätten Hilfe benötigt, denn sie hatten es nicht geschafft, zusammenzubleiben. Jeden hatte es woanders hin verschlagen und sie wussten so gut wie nichts voneinander.
Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht herausgefunden, dass er nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit sehen konnte. Er hatte auch noch nicht herausgefunden, dass er keine Schale mit Wasser benötigte, wenn nur er selbst seine Visionen sehen wollte. Anders sah das nur aus, wenn er sie auch jemandem zeigen wollte. Allerdings gab es hier niemanden, mit dem er teilen wollte, was ihn beschäftigte. In den ganzen Monaten, die er sich bereits hier befand, hatte er keinen einzigen neuen Freund gefunden und so verzehrte er sich weiterhin nach seinen alten. Aber selbst ihm war klar, dass er nicht mehr tun durfte, als zu beobachten. Schließlich war er in der Menschenwelt gestorben und daher durfte er sich dort niemandem nähern, der ihn hätte erkennen können.
An diesen Entschluss hielt er sich sogar, nachdem er entdeckt hatte, wie er ein Portal zwischen den Welten schaffen konnte. Dies war allerdings etwas, was er nur selten tat, denn dies fiel ihm viel schwerer, als eine Vision herauf zu beschwören. Vielleicht war das aber nicht weiter verwunderlich, wenn er bedachte, dass er ja auch in seinem alten Leben schon Visionen gehabt hatte.
Statt seine Freunde also zu besuchen – und damit wahrscheinlich zu Tode zu erschrecken – machte er sich daran, zu erfahren, was unmittelbar nach seinem Tod geschehen war. Er sah, wie seine Freunde in Wickham festgehalten wurden und wie sie reagierten, als Gisburne ihnen die Nachricht von seinem Tod überbrachte. Ihren Schmerz zu erleben, war für ihn fast so, als würde er noch einmal sterben. Aber er sah nun auch, wie sie befreit wurden und obwohl es ihn sehr freute, dass sie davongekommen waren, erlebte er auf einmal eine andere Art von Schmerz, als er verstand, dass Herne bereits einen neuen Sohn zu sich gerufen hatte, bevor der alte gestorben war. Es schmerzte, zu verstehen, dass er bereits ersetzt worden war, bevor ihm selbst klar wurde, sein Leben wäre zu Ende. Und auch wenn er verstand, dass es dem Sommerkönig vorherbestimmt war, für den Wald und die Menschen zu sterben, so schmerzte es ihn doch, zu sehen, wie ein anderer an seine Stelle trat.
Danach dauerte es eine ganze Zeitlang, bis er erneut den Mut fand, seine Freunde zu beobachten. Und zum ersten Mal verstand er, wieso man ihm geraten hatte, dies nicht zu tun. Trotzdem konnte er nicht lange darauf verzichten, denn es verlangte ihn immer noch, die vertrauten Gesichter zu sehen.
In der nächsten Zeit beobachtete er, was es Sir Richard of Leaford kostete, seine Tochter vom König begnadigen zu lassen, aber auch, dass Marion trotz ihrer neugewonnenen Freiheit dahinwelkte, als hätte sie nicht mehr die Kraft, weiterzuleben, aber auch nicht den Mut, ebenfalls zu sterben. Er beobachtete, wie die anderen seiner Bande sich von ihr abwandten, weil sie als einzige begnadigt worden war und wie sie sich in alle Richtungen zerstreuten. Er sah, wie John und Much versuchten, ein ehrliches Leben als Schäfer zu führen und wie schwer sie es hatten. Er sah, wie Will versuchte, in der Taverne seines Bruders seine Erinnerungen in billigem Bier zu ertränken. Er sah, wie Nasir in diesem ihm fremden Land, weit weg von seiner Heimat, jemanden suchte, der es wert war, dass er ihm diente. Er sah, wie Tuck als einziger in Sherwood verblieb, aber seine Entscheidung nichts daran ändern konnte, dass es jetzt niemanden mehr gab, der die Menschen beschützte und unterstützte.
Denn er sah auch, wie der Sheriff und Gisburne, aber auch Abt Hugo und eine Reihe der Gutsbesitzer die Situation ausnutzten, dass es niemanden gab, der sich als Hernes Sohn um die Menschen kümmerte, die keine Rechte besaßen. Wer auch immer seine Freunde am Tag seines Todes gerettet hatte, war wieder aus dem Wald verschwunden und er war nicht in der Lage, ihn in einer seiner Visionen zu erspähen. Es war, als hätte ihn jemand hinter einem Vorhang verborgen und er wäre selbst für jemanden unter dem Hügel nicht aufzuspüren.
Als er all das Leid erblickte, das die Menschen in Sherwood erleiden mussten, ohne, dass ihnen jemand half, da fiel es ihm sehr schwer, nicht doch zurückzugehen. Einzig der Gedanke, dass ihn die Personen, die ihn von früher kannten, jetzt wahrscheinlich als Wiedergänger vertreiben würden – schließlich waren inzwischen alle davon überzeugt, er wäre tot – hielt ihn davon ab. Aber obwohl es ihn schmerzte, stellte er seine Beobachtungen nicht ein, denn etwas zog ihn zu seinen Freunden. Er fuhr mit seinen Beobachtungen fort, weil er genau spürte, dass es da irgendetwas gab, was er noch nicht entdeckt hatte. Und er konnte nicht aufhören, danach zu suchen, denn ihm war inzwischen bewusst geworden, dass es sehr wichtig für ihn war. Allerding hatte er noch nicht herausgefunden, was er denn nun genau suchte.
Aber während er die Menschenwelt durch seine Visionen beobachtete, vernachlässigte er es, seine neue Heimat zu erkunden. Er vernachlässigte es auch, sein eigenes Volk kennenzulernen, auch, weil er sich bereits eine Meinung über sie gebildet hatte, denn schließlich hatten sie ihn davor bewahrt, zu sterben. So lebte er zwar unter ihnen, aber nicht mit ihnen. Er beobachtete zwar, wie sie ihr Leben gestalteten und entdeckte, dass in dieser Welt ebenfalls Menschen lebten. Er lernte, dass die meisten von denen deshalb hier waren, weil sie als Kinder gegen die Wechselbälger seines Volkes ausgetauscht worden waren, so wie es mit ihm selbst geschehen war. Aber er kam nicht auf den Gedanken, denjenigen zu suchen, den er ersetzt hatte. Und er verstand die Welt nicht, in der er jetzt lebte.
Hätte er sie verstanden, dann wäre wahrscheinlich alles anders gekommen.
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