Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Liebe lieber isländisch

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P18 / MaleSlash
22.06.2022
22.09.2022
7
7.708
9
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
22.09.2022 1.032
 
Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich von der Kombination aus einer summenden Stimme, kauenden Pferden und dem Kratzen einer Mistharke wach wurde. Kurzzeitig ließ mich dieser Umstand vergessen, wo ich war und was ich hier machte. Ich wollte mich auf die Seite rollen, weiterschlafen. Doch hörte mein Bett einfach auf. Moment mal. Bett? Das hier war nicht mein Bett. Schlagartig war ich in der Vertikalen und rieb mir die müden Augen. Zu vielen Gedanken kam ich nicht, denn zwei graue Augen sahen mich von einer Etage tiefer amüsiert an: „Morgen, Dornröschen“, rief er mir gut gelaunt entgegen. Es ließ mich dümmlich lächeln, doch wurde mir dann wieder bewusst, wieso ich hier war. Während ich die Treppe nach unten kraxelte, erkundigte ich mich nach Perle. Verdammt! Ich hatte doch wach bleiben wollen. Als Bjarni mein besorgtes Gesicht sah, lachte er auf und schlug mir die Hand derart hart auf die Schulter, dass es jeden meiner Jungs in der Werkstadt in die Knie gezwungen hätte: „Ihr geht es bestens, Jan, schau!“ Weil ich selbst immer noch nicht ganz wach war drehte er mich an den Schultern herum und tatsächlich. Die Stute schnaubte und kaute genüsslich an ihrer Morgenration Heu.
„Wir sollten den Tierarzt rufen, er soll…“, wieder dieses raue Lachen, das zwar klang als würde er mich auslachen, jedoch jede Faser meines Körpers in Schwingungen brachte. Jede. „Der war schon längst da, als du noch im Traumland deinen Schönheitsschlaf gehalten hast, mein Lieber.“ Ich blinzelte. Träumte ich noch? War das wirklich noch Bjarni gerade? Er war so…locker. Und die verbissene, grüblerische Miene, die mich sonst so faszinierte, war aufgeklart. Er lächelte sogar. Es war beinahe seltsam.
Und er lächelte ehrlich. Wenn er seine Stute ansah, waren es nicht seine Mundwinkel die lächelten, sondern seine Augen. So viel Erleichterung und Liebe verbarg sich hinter dem kalten Grauton.
Automatisch zogen sich meine Mundwinkel nach oben. Einen Moment schwiegen wir, sahen uns an, bis ich auf die Mistgabel deutete: „Soll ich helfen? Ich kann vielleicht nicht gut mit Pferden, aber als Stallbursche bin ich jahrelang erprobt.“
Er verengte die Augenbrauen: „Nachdem du die ganze Nacht auf dem Heuboden auf ein Pferd aufgepasst hast, das nicht deins ist, willst du nun Scheiße schaufeln, von Pferden, die ebenfalls nicht deine sind?“
Ich zuckte mit den Schultern: „Hab nichts besseres vor und vielleicht ist der Besitzer der Pferd danach ja so freundlich und entschädigt mich mit einer Käsesemmel.“
Bjarni lachte und drückte mir eine Mistgabel in die Hand: „Der Besitzer denkt darüber nach.“
Ich mistete. Und musste mir schon nach zwanzig Minuten eingestehen, dass ich nicht so fit war, wie ich immer dachte. Ich kämpfte noch mit der dritten Box, keuchte wie eine Dampflock, während Bjarni schon bei seiner fünften war und dabei fröhlich vor sich hin pfiff.
Als ich mich mit einem Schielen versichert hatte, dass er mich gerade nicht ansah, lehnte ich mich kurz auf meine Mistgabel und versuchte meinen keuchenden Atem in den Griff zu kriegen. So kalt es auch nachts schon war, je wärmer war es noch tagsüber, so dass mir der Schweiß den Körper runterlief.
„Bis jetzt sieht das aber eher nach einer halben Käsesemmel aus“, flötete Bjarni. Kurzzeitig wollte ich ihm den Mist um die Ohren hauen, doch sein Lachen war…ansteckend. „Ist schon bisschen her“, gab ich zurück und fächerte mir Luft zu. Mein Kopf fühlte sich knallrot an. Und Bjarnis Blick nach zu urteilen, war er das auch. „Hey ich bin Mechaniker! Ich hab andere Qualitäten!“ Und dazu gehörte definitiv nicht wie der junge Morgen durch einen Stall zu hüpfen.
„Du kannst zu meiner Tante gehen und frühstücken, dann machen wir danach Nertill zusammen“, schlug er diplomatisch vor. Doch ich schüttelte nur vehement den Kopf: „Ich habs gesagt, also werde ich diese Boxen so ordentlich misten, als würde mein Leben davon abhängen“, gab ich zurück und klopfte mir gegen die Brust, was ihn belustigt schnauben ließ.
Letztendlich dauerte es zwei Stunden bis ich endlich meine Käsesemmel bekam. Nachdem Bjarni noch zweimal gefragt hatte, ob ich wirklich weitermachen wollte, war er gegangen um die ersten Pferde zu reiten, denn seine Boxen waren fertig. Ich wusste selbst nicht, wieso ich das an meinem freien Tag tat. Wollte ich ihm gefallen, wollte ich mir selbst gefallen? Einfach nur bei ihm sein? Keine verfickte Ahnung. Ich konnte nur sagen, dass ich ihn in einem Raum voller Menschen immer noch angesehen hätte. Nur ihn.
„Jan?“, Bjarnis Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Er lehnte im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. „Fuck…es tut mir echt leid dich zu fragen, aber du meintest vorher im Stall du bist Mechaniker und….“
Ich kaute immer langsamer und legte den Kopf fragend schief: „Spuck schon aus. Solange ich nicht noch mehr Boxen misten soll, ist die Chance, dass ich nein sage, nicht sehr groß.“
Er seufzte und schob sich noch im Stehen eine halbe Semmel rein, bevor er über die Schulter deutete: „Ich wollte nur die Ovalbahn abziehen, aber der Traktor springt nicht an…und, ehrlich?“, er kratzte sich am Kopf, als würde es ihm peinlich sein „mit so neuen Maschinen kenne ich mich kaum aus. Die auf Island sind meist alle noch recht…antik. Ich will dich wirklich nicht um einen Gefallen bitten, ich zahle dich, aber…“
„Ich schaus mir an“, fiel ich ihm ins Wort und sah ihn ruhig an. Die harten Kanten um seine Züge wurden weicher, beinahe freundlich. Er taute allmählich auf. „Ich kann dir nichts versprechen, aber mal ansehen kostet nichts.“ Wie von selbst zwinkerte mein Auge ihm frech zu. Im Nachhinein betrachtet, verstand ich selbst nicht, wieso ich es tat, wo mein Mut dafür herkam. Doch manchmal glaube ich, dass der Kopf dort übernimmt, wo der Verstand nicht weiter weiß. Und das war so ein Moment.
Ein winziges Schmunzeln erweichte seine nordischen Züge für einen kurzen Augenblick, bevor sie wieder härter werden, als erwartete er jeden Moment kalte isländische Gicht im Gesicht. Ich wollte aufstehen und mitkommen, doch seine Hand drückte mich zurück an den Tisch, den Christin für mich gedeckt hatte: „Iss.“ Es klang beinahe wie ein rauer Befehl, so dass sich mein Blut an unguten Stellen sammelte „Du hast dir deine Käsesemmeln mehr als verdient.“
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast