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Famous Last Words

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteRomance, Thriller / P18 / MaleSlash
Eustass 'Captain" Kid Trafalgar Law
22.06.2022
25.06.2022
2
17.998
5
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22.06.2022 7.871
 
Guess who's back!
Es hat anscheinend nur ein Wochenende mit dem besten Menschen dieser Welt und ein verdammt geiles MCR-Konzert gebraucht, damit meine Muse wieder zuschlägt und ich innerhalb von drei Tagen knappe 20k Wörter schreibe. :D
Wie immer gilt: ich habe keine Ahnung, was das hier ist, aber ich hatte viel Spaß beim Schreiben. XD


Sarah, das hier ist für dich. Du bist das Beste, das mir je passiert ist. ♥



"Wie wäre es, wenn du dich ausnahmsweise mal nicht fast umbringst?"
Law nippte an seinem Kaffee, gegen die Anrichte gelehnt und Shachi fast schon tadelnd ansehend. "So schwer kann das ja nicht sein."
"Und das sagst ausgerechnet du?" Shachi schüttelte den Kopf und fuhr sich nachdenklich über die frisch vernähte Wunde an seinem rechten Oberschenkel. In der grünen Hose klaffte ein großes Loch, die Ränder durchtränkt von seinem Blut.
"Außerdem war ich das nicht selbst. Kann ja keiner ahnen, dass der Typ, der gerade wen umgebracht hat, plötzlich aufspringt und mich angreift, nachdem man ihm den Brustkorb aufgeschlitzt hat."
"Nein, überhaupt nicht..." Law schnaubte spöttisch, trank noch einmal von seinem Kaffee. "Wäre mir nie in den Sinn gekommen, ihn am Bett zu fixieren, damit genau das nicht passieren kann. Das war sicher eine Ausnahme."
Shachi verdrehte die Augen.
"Halt die Klappe, Law. Ich glaube, das war mir Lehre genug, okay? Ich bin fast draufgegangen, wärst du nicht gewesen."
Grinsend hob Law den Arm und deutete mit einem knappen Kopfnicken auf den dünnen Schlauch, durch den sein Blut in Shachis Körper floss.
"Du meinst, du wärst ohne mein Blut draufgegangen. Dein Glück, dass wir die gleiche Blutgruppe haben."
"Ist ja schon gut, ich lade dich auf einen Kaffee ein. Sind wir dann quitt?"
"Das ist zumindest ein Anfang, ja."



Erschöpft öffnete Law die Tür zu seiner Wohnung, stieß sie mit dem Fuß wieder zu und zog sich die Schuhe aus. Er schwitzte, draußen war es viel zu warm. Zu seinem Glück hält er nicht viel von Sonnenlicht und ließ deshalb die Jalousien grundsätzlich unten. In seiner Wohnung war es fast schon kalt, eine willkommene Abwechslung.
Auf dem Weg in sein Schlafzimmer stoppte er kurz in der Küche, setzte sich eine Tasse Kaffee auf und klaubte sich dann ein paar frische Klamotten aus seinem Kleiderschrank. Er sprang unter die Dusche, ließ kaltes Wasser über seine Schultern laufen um sich abzukühlen und wusch sich. Danach zog er sich um, ging zurück in die Küche und nahm seinen Kaffee.
Während er ins Wohnzimmer lief und es sich auf der Couch bequem machte, kramte er sein Smartphone aus der Jackentasche und ließ sich die Nachrichten durch. Ein paar von der Familie, weder etwas wichtiges noch spannendes.
Die letzte Nachricht, die er öffnete, war allerdings recht interessant. Das war ziemlich viel Geld, das ihm da geboten wurde und er zögerte auch nur kurz, bevor er das Angebot annahm.
Das Geld an sich war ihm prinzipiell egal, sonderlich materiell war er nicht - mal ganz abgesehen von der abartig teuren Kaffeemaschine in seiner Küche - aber Geld zu haben war immer besser, als keines zu haben. Und wer wusste schon, wann er es gebrauchen könnte.
Law las sich die Details zu seinem neuesten Auftrag durch und sendete eine kurze Nachricht, dass man sich gerne treffen könnte, um weitere Einzelheiten zu besprechen. Immerhin lernte er seine Kunden gerne persönlich kennen, bevor er sich überhaupt an die Arbeit machte.
Er trank von seinem Kaffee, als sein Smartphone vibrierte und den Eingang einer Nachricht ankündigte, die er nur überflog und sich dann von seiner Couch erhob. Da hatte es jemand sehr eilig - auf ein Treffen in einer halben Stunde war er zwar nicht vorbereitet, aber gut. Schließlich hatte er heute auch nichts mehr vor, also konnte er genauso gut in Erfahrung bringen, wer ihn da angeheuert hatte.
Law schnappte sich beim Rausgehen seinen Schlüsselbund, stopfte ihn zu seinem Smartphone in die Hosentasche und zog die Stiefel wieder an, bevor er das Haus verlies.



Law war ein paar Minuten zu früh im Café eingetroffen. Ihm waren öffentliche Orte deutlich lieber, falls ihn einer seiner Arbeitskollegen treffen sollte, war ein Besuch in einem Café deutlich einfacher zu erklären.
Mit einem Kaffee in der Hand hatte er sich an einen Tisch am Fenster mit Blick auf den Eingang gesetzt und beobachtete die Leute, die ein- und ausgingen. Hin und wieder hielt er sich hier auch privat auf und saß stundenlang hier und beobachtete die Menschen. Es hatte eine fast schon meditative Wirkung auf ihn, zuzusehen, wie die Barista in geübten Handgriffen die Maschinen bedienten.
Sein Blick wanderte durch den belebten Raum, beinah alle Tische waren besetzt. Am Tresen hatte sich eine Schlange gebildet, aber keiner der Barista wurde nervös. Sie alle blieben ruhig, hatten ein Lächeln im Gesicht und bedienten einen Gast nach dem anderen.
Während Law dasaß und das Treiben beobachtete, löste sich ein wahrhaft riesiger Kerl aus der Menge und steuerte seinen Tisch an. Law richtete sich auf, sein Blick nun auf den Mann fixiert. Riesig, muskulös, flammend rote Haare - mit Sicherheit gefärbt, der Ansatz ließ eine dunklere Naturhaarfarbe erahnen - und fast schon... goldene Augen. Law hatte in seiner Karriere als Arzt schon viele, viele Menschen mit unterschiedlichsten Augenfarben gesehen, aber nie waren ihm goldene Augen begegnet.
Interessant.
"Hi", begrüßte Law den Mann, als der sich ihm gegenüber setzte.
"Hi! Ich hätte Ihnen ja 'nen Kaffee spendiert, wenn Sie sich schon die Mühe machen, so spontan hierher zu kommen, aber wie ich sehe, haben Sie schon einen."
Law hob seinen Kaffeebecher zum Gruß und schmunzelte.
"Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich wollte es vermeiden, vergiftet zu werden. Reine Vorsichtsmaßnahme. Aber ich schätze den Gedanken dahinter."
"Und was, wenn ich die Barista bestochen habe?"
Law hob eine Augenbraue.
"Das wäre ein ziemlicher Aufwand dafür, dass gar nicht sicher war, dass ich mir hier überhaupt etwas bestelle. Außerdem könnte es potentiell andere Menschen gefährden."
"Und Sie glauben, das würde mich interessieren?"
Law musterte den Mann vor sich einen Augenblick, dann schüttelte er schmunzelnd den Kopf.
"Nein, das glaube ich nicht. Sie sind da mit einem besonderen Wunsch an mich herangetreten und bezahlen sehr viel Geld dafür - Ihnen sind andere Menschen absolut egal."
"Ganz genau." Der Kerl trank von seinem Kaffee, zuckte dann mit den Schultern und streckte die Hand aus. "Mein Name ist Kid, freut mich."
"Law", antwortete er und drückte die Hand einen Moment. Schwielen. Handwerker? Auf jeden Fall niemand, der in einem Büro arbeitet. "Also, um auf den Auftrag zurückzukommen..."
Kid nickte, zog die Hand zurück und grinste breit.
"Man hat Sie mir empfohlen mit den Worten, Sie wären der einzige und beste. Ich wollte mich selbst von Ihnen überzeugen, aber man hat mich offensichtlich nicht belogen. Sie sind gut."
"Danke, schön zu hören, dass man so von mir spricht. Es handelt sich um einen Dauerauftrag, ja? Ihnen ist bewusst, dass das Verfahren noch in der Testphase ist und mögliche... Nebenwirkungen verursachen könnte?"
"Wollen Sie sich damit etwa absichern? Als würde ich zu einem Anwalt rennen, wenn etwas schief läuft."
"Oh, nein, ich gehe stark davon aus, in diesem Fall einen Revolver an meine Stirn gehalten zu bekommen. Ich wollte Sie lediglich darüber informieren, dass es zu Komplikationen kommen könnte."
"Das ist mir bewusst."
"Sehr gut." Law trank von seinem Kaffee. Diese verfluchten goldenen Augen! Ob das Kontaktlinsen waren? Nein, dafür wirkten sie zu natürlich. Ob es das Licht hier im Café war? Auch eher unwahrscheinlich.
Law räusperte sich.
"Ich brauche eine Blutprobe, bevor ich anfangen kann. Ich muss wissen, ob Sie überhaupt geeignet sind."
"Oh, es gibt Ausschlusskriterien?"
Law nickte.
"Sämtliche Krankheiten, die einen potentiell tödlichen Ausgang haben, schließen Sie bereits aus. Der Vorgang beschleunigt die Alterung, sorgt also auch für ein rasches Wachstum. Tumore zum Beispiel. Die Funktionsdauer ist ohnehin nicht sehr groß und falls Sie an irgendetwas erkrankt sein sollten, könnte ich keinen Erfolg garantieren."
Kid nickte nachdenklich, zuckte dann mit den Schultern und schmunzelte wieder. Er schien das alles hier viel zu locker aufzufassen. Die Reaktionen waren eigentlich immer gleich: man wurde nachdenklich, überlegte es sich im besten Fall anders und im schlimmsten Fall stimmte man zögernd zu.
Kid allerdings... brauchte keinen zweiten Gedanken an ein Wenn und Aber zu verschwenden.
"Sie sind also einverstanden?"
"Bin ich. Von mir aus könnten Sie mir auch jetzt das Blut abzapfen."
"Ich... habe kein Equipment dafür dabei. Wenn Sie mich begleiten würden, wären wir in zwanzig Minuten fertig."
"Sie wollen mich aber nicht umbringen, oder?", fragte Kid, während er bereits aufstand und auf Law wartete, der ihm einen Moment später folgte. "Das ist normalerweise mein Job. Ich hatte nicht vor, heute zu sterben."
Law konnte nicht anders, er grinste. Dieser Kerl war ihm suspekt, in jeder Hinsicht. Und trotzdem hatte es einen gewissen Reiz, dieses Spielchen mitzuspielen.
"Dann hätten Sie nichts von Ihrem Kaffee trinken dürfen."
Einen Moment lang sah Kid ihn entgeistert an, dann grinste er und zeigte Law den Inhalt seines Bechers. Er war leer.
"Fast hätten Sie mich erwischt. Aber auch nur fast."



"Hier arbeiten Sie also?"
"Im privaten Rahmen, ja. Bitte nichts anfassen. Das Equipment kostet mehr Geld, als Sie mir für Ihren Auftrag bezahlen. Und diese Rechnung wollen Sie nicht übernehmen."
Kid hob abwehrend die Hände.
"Keine Sorge. Die Sache mit dem Revolver würde auch in dem Fall funktionieren."
"Ich würde es nicht darauf ankommen lassen. Das hier ist mein Reich."
Law schmunzelte, während er durch den Raum lief. Die verlassene Fabrik war das perfekte Versteck für sein Labor. Dass sie auch anderweitig genutzt wurde, interessierte ihn herzlich wenig. Zumindest solange, bis sich jemand fragte, was sich hinter der gesicherten Tür befand.
Sein Labor bestand im Prinzip nur aus diesem einen Raum, der ursprünglich mal ein Materialienlager gewesen war. Die Regale hatte er behalten; in ihnen standen hohe Karaffen, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Wenn Kid genau hinsah, konnte er fehlgeschlagene Versuche sehen, die er dort konservierte.
Law bot ihm seinen Bürostuhl an, der am Schreibtisch an der Rückwand des Raumes stand und wusch sich im Waschbecken daneben bereits die Hände.
"Wieso?"
"Wieso was?"
"Wieso Sie das tun. Soweit ich weiß, sind Sie ein angesehener Chirurg in einem der besten Krankenhäuser weit und breit. Wenn einer Ihrer Vorgesetzten - oder noch schlimmer: die Presse - davon erfährt, was Sie hinter verschlossenen Türen machen, wären Sie ruiniert."
Law zuckte mit den Schultern, während er sich die Hände trocknete und Handschuhe anzog.
"Mir wird eben schnell langweilig. Welcher Arm?"
Kid starrte ihn an, als wäre er wahnsinnig. Vermutlich war er das auch.
"Der rechte", antwortete ihm Kid dann und streckte den Arm aus. Mh, ja. Der linke wäre schwierig geworden. Narben zierten die Haut, die mit Sicherheit mal komplett zerfetzt worden war.
"Ein Unfall?", fragte Law, als er auf den linken Arm deutete und auf die Armbeuge des rechten einen Tupfer mit Desinfektionsmittel drückte.
"Ja. Ist schon ein paar Jahre her. Mich hat ein Arzt Ihres Kalibers wieder zusammenflicken können, sonst bräuchte ich jetzt eine Prothese. Ihnen wird also langweilig und deshalb tun Sie... das hier?"
Law nickte, während er Kid das Blut abnahm. Er füllte einige Röhrchen, bevor er die Nadel entfernte, ein Wattebausch auf die Wunde drückte und das letzte Röhrchen ein paar Mal kippte.
"Andere lesen ein Buch oder gießen ihre Pflanzen. Ich versuche die Wissenschaft voranzubringen, indem ich illegale Experimente am Menschen durchführe."
"Sie sind ein wahrer Durchschnittsbürger, was?"
Law lachte leise auf, deutete Kid, den Wattebausch auf die Wunde zu drücken und schüttelte dann den Kopf.
"Keinesfalls, würde ich sagen. Da haben wir wohl was gemeinsam. Ich lasse es Sie wissen, wenn Sie geeignet sind. Bis dahin... wünsche ich einen schönen Tag."
Kid stand auf, die Hand noch auf die Ellenbeuge gedrückt und sah ihn mit geneigtem Kopf an.
"Sie sind ein ziemlich schräger Vogel, wissen Sie das?"
"...Ja. Hat man mir das ein oder andere Mal gesagt."
"Ich freue mich schon, von Ihnen zu hören, Law. Nächstes Mal bringe ich Ihnen einen Kaffee mit."
"Wenn es überhaupt ein nächstes Mal gibt."
"Oh, darauf wette ich. Selbst, wenn ich nicht geeignet sein sollte."
"Sie sind ganz schön von sich selbst überzeugt, mh? Es wird mir eine Freude sein, dieses Selbstbewusstsein zu zerschmettern. Finden Sie alleine raus?"
"Sicher. Bis dann, Law."
Kid hob die Hand zum Abschied, dann verließ er das Labor. Law sah ihm nach, schüttelte dann den Kopf. Seltsamer Kauz. Seine Kundschaft bestand größtenteils aus sehr seltsamen Menschen, aber Kid unterschied sich von ihnen.



Den Rest des Tages verbrachte er mit der Analyse von Kids Blut. Der Kerl ging ihm nicht aus dem Kopf - irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Mittlerweile war sich Law sicher, dass seine Reaktion viel zu... alltagstauglich war. Als hätte er mit ihm über ein Auto gesprochen, statt über einen Dauerauftrag für Organe.
Er wollte auch überhaupt nicht wissen, wofür er die brauchte. Ihm war es lieber, wenn er nichts von den Verwendungszwecken wusste. Für den Fall, dass er erwischt wurde, würde ihm Unwissenheit zwar nicht den Arsch retten, ihm aber vielleicht ein paar Jahre Gefängnis ersparen.
Müde fuhr sich Law über die Augen. Bisher war Kids Blut unauffällig, keinerlei Zeichen einer tödlichen Krankheit. Wenn er es sich recht überlegte, war Kid topfit. Kein Wunder, bei so einer Statur.
Seufzend zog er sich die Handschuhe aus, stand von seinem Schreibtisch auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Beim Rausgehen sah er ein paar Männer, die geschäftig durch die Hallen wuselten.
Ein ähnlich riesiger Kerl stand hinter ihnen, einen exzentrischen pinken Mantel über die Schultern gelegt, die Hände in den Hosentaschen. Durch die Sonnenbrille konnte Law keine Augen erkennen, aber er war sich sicher, dass er angestarrt wurde.
Der kalte Schauer, der ihm über den Rücken lief, war Beweis genug.
Er nickte knapp, setzte seinen Weg dann fort. Als Law in seinem Auto ankam, schrieb er Kid, dass es gut aussah und sie sich nächste Woche gerne wieder treffen konnten.
Dann fuhr er nach Hause, um endlich ein wenig schlafen zu können.



E.K, 16.06., 11:24 Uhr
Wie trinken Sie Ihren Kaffee?

Law starrte den Bildschirm seines Smartphones einen Augenblick lang an, dann seufzte er niedergeschlagen und schüttelte den Kopf. Im Gehen antwortete er Kid, schwarz. Bringen Sie mir einfach zwei Zuckerpäckchen dazu mit, und verließ das Krankenhaus durch den Haupteingang.
Ob er das Risiko eingehen wollte, den Kaffee tatsächlich zu trinken, wusste er noch nicht. Viel zu misstrauisch war er Leuten gegenüber, die er kaum kannte.
Law stieg in sein Auto und fuhr zur Fabrik. Seit er Kids Blut untersucht hatte, war er nicht mehr dort gewesen - viel zu stressig war die Woche gewesen. Das hatte zwar zu einigen Verzögerungen bei anderen Projekten geführt, aber das war abzusehen gewesen. Immerhin hatte er jeden seiner Kunden gewarnt, dass seine Arbeit vorging.
Als er in den Hof der Fabrik fuhr, war Kid schon da. Er lehnte gegen ein rostiges Gestell, das bestimmt mal ein fahrbarer Untersatz gewesen sein mochte, seine besten Zeiten aber schon lange hinter sich hatte.
In einer Hand balancierte er zwei Kaffeebecher, in der anderen hielt er sein Smartphone. Als Kid aufsah, vibrierte Laws in seiner Hosentasche. Schmunzelnd stieg er aus dem Wagen, machte sich gar nicht erst die Mühe, die Nachricht zu lesen, sondern lief gleich auf Kid zu.
"Das nenne ich Timing", begrüßte ihn Kid, reichte ihm einen der Kaffeebecher und zwei pinke Tütchen Zucker. Dankbar nickend griff Law danach und besah sich den Kaffee.
"Ich hab ein Händchen dafür. Danke für den Kaffee."
"Kein Problem. Ich sagte ja, dass ich Ihnen einen mitbringe, wenn wir uns das nächste Mal sehen."
"Seien Sie bloß nicht so überheblich, das war lediglich Glück."
Kid lachte leise, trank von seinem Kaffee - dieses Mal war der Becher auch tatsächlich gefüllt - und zuckte dann mit den breiten Schultern.
"Vielleicht, aber ich hatte Recht. Also, wollen wir?"
Nickend lief Law bereits voraus, friemelte im Gehen die Tütchen auf und schüttete sie in den Kaffee. Nach kurzem Zögern trank er sogar davon. Hoffentlich bereute er das nicht.
Tief durchatmend lief er durch die Fabrik. Heute waren sie alleine, keine Spur von den Leuten von diesem exzentrischen Kerl, der sich hier manchmal herumtrieb.

"Der Ehrlichkeit halber muss ich Ihnen sagen, dass es zu Verzögerungen kommen kann, je nach dem, wie stressig die Arbeit gerade ist", sagte Law, als er die Tür zu seinem Labor aufstieß.
"Das dachte ich mir schon. Wie flexibel sind Sie denn, wenn es um... Notfälle geht?"
"Kommt darauf an, worum es sich handelt. Die Herstellung dauert im Prinzip nicht lange, eine Lunge braucht aber mehr Zeit als eine Niere."
Law zuckte mit den Schultern, während er sich auf seinen Stuhl am Schreibtisch niederließ und Kid einen freien anbot. Der einzige, der sich außer dem Bürostuhl noch im Labor befand.
Kid nickte verstehend, ließ sich auf dem Stuhl nieder und schien das Labor das erste Mal wirklich zu betrachten, bevor sich sein Blick wieder auf Law legte.
"Ich bin mir sicher, dass Sie keine Einzelheiten dazu benötigen, wieso ich Ihnen einen Dauerauftrag anbiete. Ich will auch nicht wissen, wie Sie das alles anstellen. Mir geht es einzig und allein um die Ware. Und Sie wollen Ihr Geld. Ich schlage vor, dass ich Sie bezahle, wenn die Ware bei mir eingetroffen ist. Bevorzugen Sie einen Mittelmann?"
Law hob eine Augenbraue. Das war... überraschend professionell. Kid war ein Businessmann, das wurde ihm gerade mehr als nur klar. Er schüttelte den Kopf.
"Mir ist der persönliche Kontakt tatsächlich lieber, aber ich richte mich da ganz nach Ihnen. Übrigens biete ich keine... Montage an. Ich liefere Ihnen nur das, was Sie in Auftrag geben, baue aber nichts ein."

Kid lachte auf, wank dann ab.
"Nein, keine Sorge. Das machen wir selbst. Wenn Sie es sich aber anders überlegen, bin ich Ihr Mann."
"Das wird nicht passieren."
Schalk trat in Kids Augen, aber er sagte nichts dazu. Stattdessen zog er aus seiner Hosentasche einen Briefumschlag.
"Das ist die vereinbarte Anzahlung. Für jedes Organ, das Sie uns liefern, zahlen wir den Preis, den Sie uns genannt haben."
Law zögerte einen Augenblick, dann griff er nach dem Briefumschlag und legte ihn auf den Schreibtisch neben sich, ohne reinzusehen.
"Sie vertrauen mir?"
"Nein", sagte Law, ein breites Grinsen auf den Lippen. "Wobei ich überrascht bin, dass der Kaffee nicht vergiftet ist. Aber ich weiß, für wen Sie arbeiten. Es würde nicht nur mich in den Ruin treiben, wenn Sie plaudern würden. Er ist genauso... am Arsch, wenn die Presse davon erfährt, dass er Organe auf dem Schwarzmarkt kauft."
"Also vertrauen Sie nur darauf, dass keiner den anderen anschwärzen würde?"
"Ganz genau. Und deshalb hoffe ich für Sie, dass der Betrag in diesem Umschlag auch wirklich der ist, den wir vereinbart haben. Falls Sie es sich anders überlegen wollen, ist jetzt der Zeitpunkt dafür."
Kid grinste breit, schien einen Augenblick lang ernsthaft darüber nachzudenken, dann schüttelte er den Kopf.
"Nein, er stimmt. Ich habe persönlich nachgezählt. Wir wollen es uns doch nicht mit unserem größten Lieferanten verscherzen. Also, wann können wir mit der ersten Lieferung rechnen?"

Law drehte sich ein wenig auf seinem Stuhl, öffnete eine Schublade und zog einen Stapel Papiere heraus. Er suchte nach den passenden, räusperte sich und überflog die handschriftlich geschriebenen Zeilen.
"Mh, Sie wollten... ah, da. Lebern? So viele? Meine Güte, ich will wirklich nicht wissen, was Sie damit vorhaben." Er warf Kid einen Blick zu. "Geben Sie mir eine Woche."
Kid nickte, stand dann von seinem Stuhl auf.
"Meine Nummer haben Sie ja."



"Eustass?"
"Schaffen Sie es in einer halben Stunde in der Fabrik zu sein? Ich habe eine Nachtschicht für Sie hingelegt."
"Ich bringe Ihnen einen Kaffee mit."

Zufrieden legte Law sein Smartphone auf den Schreibtisch. Ein hohes Piepsen von der Maschine neben ihm kündigte an, dass die letzte Fuhre fertiggestellt worden war. Er drehte sich auf seinem Stuhl, nahm die Leber an sich und legte sie in die Kühlbox daneben.
Er hatte die ganze Nacht damit zugebracht, Kids Lieferung fertigzustellen. Müde fuhr er sich über die Augen, schloss die Kühlbox, griff nach ihr und einer zweiten und machte sich dann auf den Weg nach draußen auf den Hof. Es war heute Nacht arschkalt, also machte er sich keine Sorgen um die Ware. Nur darüber, dass er in zwei Stunden zur Frühschicht ins Krankenhaus musste und vorher gerne noch eine Stunde schlafen wollte.
Oder einfach mehr Kaffee trinken würde.

Kid fuhr pünktlich eine halbe Stunde später auf den Hof. Nur der Mond spendete ein wenig Licht, änderte aber nichts daran, dass Kids Augen leuchteten. Law verstand noch immer nicht, wie ein Mensch eine solche Augenfarbe haben konnte.
Schmunzelnd beobachtete er, wie Kid aus seiner Karre - einen anderen Namen hatte das Ding nicht verdient - stieg und vom Beifahrersitz einen Mehrwegbecher klaubte.
"Ist leider hausgemacht, ich hoffe, das stört Sie nicht", begrüßte ihn Kid und reichte ihm den Becher.
Law zuckte mit den Schultern, beäugte das Gebräu aber argwöhnisch.
"Muss reichen. Ich war die ganze Nacht beschäftigt, da würde ich auch die Plörre aus dem Krankenhaus trinken, die sie Kaffee schimpfen."
Er deutete auf die beiden Kühlboxen, während er einen Schluck vom Kaffee nahm und anerkennend summte.
"Gar nicht schlecht. Sogar die richtige Menge Zucker. Ich bin begeistert."
"Und ich erst. Mein Chef ist von Ihnen auch sehr überzeugt. Bin mir sicher, dass wir uns noch öfter sehen werden, Law."
Kid grinste breit, nahm aus der Hosentasche einen weiteren Briefumschlag und reichte ihn Law.
"Wir sehen uns nur solange, wie Sie mich bezahlen, Kid. Bilden Sie sich nichts darauf ein."
"Oh, und wie ich mir darauf etwas einbilde. Ich habe mich ein bisschen umgehört. Soweit ich weiß, verlaufen Ihre Verkaufsgespräche etwas... kürzer. Mit mir führen Sie ja schon beinahe eine richtige Unterhaltung."
"Wenn Sie meinen", antwortete Law, zuckte beiläufig mit den Schultern und nippte am Kaffee. "Mag vielleicht auch daran liegen, dass ich ein sehr höflicher Mensch bin und Sie einfach nicht die Klappe halten wollen."
"Oh, biestig. Ich würde zu gerne wissen, ob Sie auch beißen, statt nur zu bellen."



Nach der Lieferung hörte Law eine ganze Weile lang nichts von Kid. Ihm war das auch ganz recht so, die Arbeit im Krankenhaus war stressig. Ganz davon abgesehen, war ihm Kid irgendwie unheimlich.
Er vermutete, dass man früher oder später einfach abstumpfte und die Dinge nahm, wie sie kamen, aber jemanden so skrupelloses hatte er lange nicht mehr getroffen. Außerdem hatte Kid eine Ausstrahlung, die ihn an ein Raubtier erinnerte.
"Erde an Law, hörst du mir überhaupt zu?"
"Hm? Ja."
Laws Blick schärfte sich und er sah Shachi vor sich stehen, der mit der Hand vor seinem Gesicht herumfuchtelte.
"Ah, ja, und was habe ich dich gerade gefragt?"
"...ob ich dir zuhöre."
Shachi verdrehte die Augen, während Law schmunzelte. Es kam nicht oft vor, dass er so zu Scherzen aufgelegt war, aber es machte einfach zu viel Spaß, Shachi ein wenig zu ärgern.
"Ich habe dich gefragt, ob du heute Abend schon was vor hast. Immerhin haben wir alle drei Morgen frei und Penguin will irgendeine Bar unsicher machen, von der er gehört hat."
"Nein, danke."
"Du bist also beschäftigt?"
"Nein", antwortete Law, setzte sich auf einen der Stühle im Bereitschaftsraum und überschlug die Beine. Kids Kaffeebecher ruhte in seinem Schoß.
Shachi seufzte niedergeschlagen, ließ sich neben Law auf einen Stuhl fallen und fuhr sich über das Gesicht.
"Du bist ein hoffnungsloser Fall, Law. Irgendwann finden wir dich tot in deiner Wohnung, weil du dich seit drei Wochen bei keinem mehr gemeldet hast und wir anfangen uns Sorgen zu machen."
"Nach drei Wochen sollte nicht mehr viel von mir übrig sein, wenn ihr mich dann erst findet. Dann ist das schlimmste schon vorbei."
"Weißt du nicht, worauf ich hinaus will?"
Shachi klang verärgert, die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen wurde tiefer.
Law sah ihn einen Augenblick lang an, nippte an seinem Kaffee und zuckte dann mit den Schultern.
"Sicher weiß ich, was du mir sagen willst. Aber nicht jeder muss jedes Wochenende durch irgendwelche Bars ziehen, um nicht in seiner eigenen Wohnung zu verrecken."
"Ich geb's auf." Shachi warf geschlagen die Arme in die Luft, erhob sich dann von seinem Stuhl. "Wenn du es dir anders überlegst, kannst du uns ja anrufen."



Law stieß ein befriedigtes Seufzen aus, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Zuhause. Er liebte seine Wohnung, auch wenn er hier überraschend wenig Zeit verbrachte. Aber es war seine eigene kleine Festung, in die er sich zurückziehen konnte, wenn ihm die Außenwelt zu viel wurde.
Sicherlich hätte er Lust, mit Shachi und Penguin um die Häuser zu ziehen. Doch noch mehr genoss er die Einsamkeit in seinen eigenen vier Wänden.
Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen striff er sich die Stiefel von den Füßen, hing die Jacke an den Haken über der Kommode im Flur und machte sich dann barfuß auf den Weg in die Küche.
Mit einer Hand trug er Kids Kaffeebecher, mit der anderen hielt er sein Smartphone. Keine neuen, wichtigen Nachrichten. Lediglich eine weitere Erinnerung von Shachi, dass er sich melden sollte, wenn er es sich anders überlegte.
Der Becher landete unter Petra, seiner Kaffeemaschine, und während sie röchelnd den Kaffee brühte, zog er sich frische Kleidung an.
Erschöpft, aber wirklich zufrieden, ließ er sich auf seine Couch fallen, streckte die Beine und nippte am heißen Kaffee, den er sich aus der Küche geholt hatte. Law schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und genoss die Ruhe. Den ganzen Tag hörte er tausende Gespräche und Stimmen, hunderte Maschinen piepsten oder gaben anderweitig Geräusche von sich.
Die Ruhe in seiner Wohnung war jedes Mal eine willkommene Abwechslung zum geschäftigen Treiben im Krankenhaus.
So blieb er einige Minuten liegen - und beinahe wäre er sogar eingeschlafen - doch lautes, wütendes Klopfen riss ihn aus seiner Ruhe. Verärgert runzelte er die Stirn, hievte sich von der Couch und auf dem Weg zur Wohnungstür überlegte er sich schon eine passende Tirade für den Störenfried.
Doch sobald er die Tür öffnete, blieben ihm die Worte im Hals stecken.

"...Kid?"
"Ja, äh, hi", röchelte Kid. Er hielt sich gerade so auf den Beinen. Seine Hände waren blutgetränkt, hinterließen Handabdrücke auf dem weißen Türrahmen.
"Was ist Ihnen denn passiert?"
"Wollen Sie das wirklich wissen?" Kid schaffte es zu grinsen. Law sah, dass es verdammt anstrengend sein musste, überhaupt zu stehen, geschweige denn weitere Muskeln zu bewegen.
"...nein", antwortete Law, schüttelte den Kopf und überlegte kurz, was er machen sollte. Schließlich trat er ein wenig zur Seite und öffnete Kid den Weg in seine Wohnung. "Warum sind Sie nicht ins Krankenhaus gefahren?"
"Oh, ja, ist bestimmt 'ne gute Idee...", murmelte Kid, zog sich am Türrahmen ein Stück hoch und trat dann auf wackeligen Beinen in Laws Wohnung. "... es gibt eben Situationen, in denen man lieber wen aufsucht, dem man mehr vertraut als den Knochenflickern im Krankenhaus."
"Sie meinen, weil ich keine Fragen stelle."
"Ganz genau."
Law seufzte, schloss hinter Kid die Tür und griff dann nach Kids rechtem Arm, um ihn sich über die Schulter zu legen und ihn zur Couch zu bringen.
"Die Reinigung bezahlen Sie", sagte Law, während er Kid auf der Couch absetzte und ins Bad lief, um nasse Handtücher und sein Nähzeug zu holen. Als er zurückkehrte, lag Kid auf dem Sofa, die Beine hingen über der Lehne und mit dem rechten Arm verdeckte er seine Augen. Sein Brustkorb bewegte sich hektisch, als er ein knappes Lachen rausbrachte.
"Wenn ich das überlebe, bezahle ich so einiges, da macht die Reinigung nur einen kleinen Bruchteil aus."
Law starrte ihn einen Moment lang an, dann kniete er sich kopfschüttelnd neben Kid auf den Boden und betrachtete die Wunde. Sah aus, als hätte ihm jemand mit einem Vorschlaghammer die Hälfte vom Oberkörper zerfetzt.
"Meine Güte, was treiben Sie denn in Ihrer Freizeit?"
"Anscheinend ziemlich viel, sonst wären gewisse Leute nicht so wütend auf mich."
"Mhmh, so sieht es auch aus. Ihnen ist bewusst, dass ich keine Lebern Zuhause lagere?"
"Dann is' ja gut, dass ich noch eine unten im Auto hab. Hier..."
Kid friemelte den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche. Schweiß stand ihm auf der Stirn, er atmete flach und schnell.
"Das ist ein Scherz, oder?"
Law konnte gar nicht anders, als Kid entsetzt anzustarren. Blut lief an der Couch entlang, tropfte auf den Boden und ruinierte seinen Teppich. Ein halbtoter Kerl lag in seiner Wohnung und er erzählte ihm, dass er zufällig eine Leber dabei hatte?
Das musste ein Scherz sein.
"Nein. Wenn Sie mich weiter so anstarren, verrecke ich Ihnen hier und Sie müssen irgendwem erklären, wo die Leiche herkommt."
Law griff nach dem Autoschlüssel, stand auf und schüttelte den Kopf, während er bereits zur Tür lief.
"Die wollen mich doch alle verarschen...", murmelte er. Barfuß lief er nach unten auf die Straße, drückte wahllos irgendeinen Knopf auf der Fernbedienung und steuerte dann den aufleuchtenden Wagen an.
Auf dem Beifahrersitz stand eine Kühlbox. Die Tür war noch verriegelt, also öffnete er sie und griff nach der Box. Würde Kids Blut nicht an seinen Händen kleben, könnte es beinah so aussehen, als würde er für Nachschub an Bier sorgen.
Hoffentlich sah ihn niemand.



Als er zurückkam, lag Kid bereits bewusstlos auf der Couch. Der rechte Arm hing bewegungslos von der Couch, unter der Hand sammelte sich das Blut, das der Teppich nicht mehr auffangen konnte.
Seine Brust hob sich in sehr unregelmäßigen Abständen, also eilte Law zur Couch, stellte die Kühlbox daneben ab und machte sich ans Werk.

Eine Operation unter solchen Umständen, ohne das passende Equipment, war riskant. Extrem riskant. In jedem anderen Fall hätte er Kid vor der Tür verbluten lassen und am nächsten Morgen entsetzt die Polizei gerufen.
Schließlich fertigte er nur die Organe und setzte sie nicht auch noch ein.
Doch irgendwas war anders. Er wusste noch nicht, was es war und was ihn dazu gebracht hatte, Kid schlussendlich doch zusammenzuflicken. Aber nach ein paar Stunden schweißtreibender Arbeit hatte er es tatsächlich geschafft, Kid am Leben zu halten.
Mehr schlecht als recht, aber vielleicht würde er es ja überstehen. Als er sich sicher war, dass sein Gast nicht gleich verrecken würde, sobald er ihn alleine ließ, ging Law duschen und stieg dann in seinen Wagen, um zum Labor zu fahren. Dort griff er sich ein paar Dinge, schleppte sie zum Kofferraum und fuhr nach Hause zurück.
Erleichtert sah er, dass sich Kids Brust immer noch hob und senkte. Er versorgte Kid so gut er konnte und hoffte, dass er den Blutverlust halbwegs unbeschadet überstand. Im Gegensatz zu Shachi teilten sie nicht die gleiche Blutgruppe.

Law ließ sich von Petra noch eine weitere Tasse Kaffee brühen, ließ sich dann Kid gegenüber auf einen der beiden Sessel fallen und beobachtete ihn, während er seinen Kaffee trank.
So friedlich daliegend konnte er fast als ein normaler Durchschnittsbürger durchgehen. Die Narben zerstörten das Bild ein wenig, taten Kids Aussehen aber keinen Abbruch. Law war froh, die goldenen Augen nicht sehen müssen.
Er ließ ihn schlafen, prüfte zwischendurch seine Temperatur und vertrieb sich ansonsten die Zeit mit einem guten Buch und einer enormen Menge Kaffee. Irgendwann regte sich Kid, wachte aber nicht auf.
Law fühlte sich wie auf heißen Kohlen. Einerseits brannte die Neugierde in ihm, was Kid wohl angestellt haben mochte, dass man ihm so eine Wunde zufügte, andererseits war er besser dran, wenn er es nicht wusste.
Außerdem wollte er unbedingt, dass Kid überlebte. Wenn er das geschafft hätte, wäre sein Ego mehr als nur gestreichelt worden.

Erst am nächsten Morgen wachte Kid auf. Law hörte von der Küche aus, wie aus dem Wohnzimmer angestrengte Laute zu ihm drangen.
"Bleib liegen", sagte Law, als er zu Kid zurückkehrte. Die Tasse stellte er auf dem Tisch ab, dann kniete er sich neben die Couch und hob den Verband ein wenig an. Die Wunde hatte noch ein wenig geblutet, aber nicht übermäßig. Sah gut aus. Hoffentlich entzündete sich die Naht nicht.
"Was...?"
"Das fragst du mich? Du bist mitten in der Nacht vor meiner Tür aufgekreuzt und hast ausgesehen, als würdest du jeden Moment abkratzen."
"So fühl ich mich auch..."
Kid verdeckte die Augen mit dem rechten Arm, stöhnte leise und legte sich wieder auf die Couch, von der er eigentlich hatte aufstehen wollen.
"Du hast verdammt Glück, dass ich so ein guter Arzt bin. Ich will gar nicht wissen, was du angestellt hast, aber glaub nicht, dass ich das jetzt jedes Mal mache. Das nächste Mal lasse ich dich auf dem Hausflur verbluten."
Kid nahm den Arm von den Augen, grinste Law von der Seite an.
"Ich hätte nicht mal darauf gewettet, dass du mich dieses Mal zusammenflickst. Aber ich dacht', es wär einen Versuch wert gewesen."
Law schnaubte, griff nach der Kaffeetasse und setzte sich wieder in den Sessel, in dem er die Nacht verbracht und über Kid gewacht hatte.
"Wieso, um Himmels Willen, hattest du überhaupt eine Leber dabei?"
"Glücklicher Zufall", meinte Kid, zuckte mit den Schultern und bereute es kaum einen Augenblick später. "War eigentlich unterwegs zu 'nem Kunden. Brauchte sie wohl selbst. Gut, dass das eh meine war."
"Mh, streng genommen war es nicht deine, nur eine Kopie."
"Kommt auf das Gleiche raus, Law. Ist das mein Kaffeebecher?" Kid deutete auf den Becher, den er in der Hand hielt und von dem er gerade trinken wollte. Ertappt hielt er inne, nickte dann aber und trank einen Schluck.
"Ja. Ich wollte ihn dir zurückgeben, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Bis dahin leistete er mir gute Dienste."
Law schmunzelte ein wenig, als Kid zu grinsen begann.
"Behalt ihn. Mein kleines Dankeschön dafür, dass ich nicht im Hausflur krepiert bin."
"Pass bloß auf, so stabil ist die Naht nicht. Ein Faden weniger und du verblutest."
"Drohst du mir?"
"Vielleicht." Law trank gelassen einen weiteren Schluck von seinem Kaffee.
"Ah, schon wieder so biestig. Ich glaube kaum, dass du dir die Mühe machst, mich am Leben zu halten, nur, um mich dann doch umzubringen."
"Da hast du leider Recht."



Drei Tage blieb Kid bei Law und schlief auf der Couch. Am Morgen des dritten Tages erlaubte Law ihm, probeweise aufzustehen und sich zu waschen. Als er sah, dass Kid nicht gleich in sich zusammenklappte und die Nähte nicht aufgegangen waren, entließ er ihn.
Zwar nicht ohne die Warnung, es nicht gleich zu übertreiben und wenn er sich unwohl fühlte, ins Krankenhaus zu fahren, aber damit war Laws Arbeit getan.
"Danke", sagte Kid, als er an der Haustür stand. Er trug einen viel zu engen Pullover von Law und die blutige Hose, die er schon vor drei Tagen getragen hatte. "Ich revanchier mich irgendwann dafür."
"Ist das ein Versprechen?", fragte Law, gegen den Türrahmen gelehnt und schmunzelte. "Oder eine Drohung?"
"Beides." Kid grinste. "Übrigens - falls du mal einen Kerl mit 'ner kreuzförmigen Narbe am Kinn siehst... halt dich fern von ihm. Wenn du die Möglichkeit hast, bring ihn um oder so. Würdest mir 'nen Gefallen damit tun."
"Ist er...?" Law deutete auf Kids Wunde.
"Ja. Übler Kerl, aber nicht so übel wie ich sein werde, wenn ich wieder fit bin. Wenn ich mit ihm fertig bin, wird ihm auch 'ne neue Leber nicht viel nützen."
Law verzog das Gesicht.
"So genau wollte ich das gar nicht wissen."
Kid lachte leise, hielt sich gleichzeitig die Seite, um den Schmerz ein wenig zu betäuben.
"Wir sehen uns, Law. Danke nochmal."
"Kein Problem."



"Law!" Shachi löste sich von einem Gespräch mit einem anderen Arzt, als er Law durch den Eingang des Krankenhauses spazieren sah. "Wo zum Teufel hast du gesteckt?!"
"Hab mich nicht wohl gefühlt. Bin ein paar Tage Zuhause geblieben."
"Ist alles in Ordnung? Das sieht dir nicht ähnlich."
Law verdrehte die Augen.
"Shachi, ich war erkältet. Wenn du nicht willst, dass das halbe Krankenhaus stillsteht, weil ich krank zur Arbeit erscheine, werde ich mir wohl mal ein paar Tage Ruhe gönnen dürfen."
Shachi musterte ihn einen Moment lang, dann zuckte er mit den Schultern.
"Hast auch wieder Recht. Geht's dir denn besser?"
"Ja. Siehst du doch. Irgendwas Neues, von dem ich wissen müsste?"
"Eigentlich nicht. Alles beim Alten. Allerdings will der Chef dich sehen."

Überrascht sah Law ihn an.
"Der Chef?"
"Ja. Es geht rum, dass sie dich befördern wollen, oder so. Bin mir nicht ganz sicher. Habe nicht nachgefragt. Der Kerl ist gruselig."
Schmunzelnd klopfte Law ihm auf die Schultern.
"So schlimm wird er schon nicht sein."
"Du kennst ihn nicht! Dieser pinke Mantel den er immer mit sich rumschleppt ist einfach... einfach... ach, ich weiß auch nicht. Außerdem sieht man nie seine Augen. Keine Ahnung, was in seinem Kopf abgeht, aber ganz gesund ist der Kerl echt nicht."
Law lief es kalt den Rücken runter. Das klang verdächtig nach dem exzentrischen Paradiesvogel, den er hin und wieder in der Fabrik sah. Und so viele Männer mit pinken Mänteln gab es bestimmt nicht.
Er hätte wirklich an der Feier teilnehmen sollen, in der sich der neue Chef vorgestellt hatte...
"Scheiße", murmelte Law, schüttelte aber schnell den Kopf, als Shachi ihn verwirrt ansah. "Ich meine... Ich kenne ihn ja noch nicht. Vielleicht muss man ihn nur... ein wenig besser kennenlernen."
Shachi starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
"Ich schließe Wetten darauf ab, dass du ihn mindestens genauso gruselig finden wirst wie ich. Er wollte dich sehen, sobald du wieder da bist, also... viel Spaß!"
Grinsend hob Shachi die Hand zum Abschied, machte sich dann schnell aus dem Staub und ließ Law im Flur stehen.

Ihm wurde schlecht.



Law räusperte sich, bevor er gegen die Milchglastür klopfte. Donquixote Doflamingo stand in schwarzen, geschwungenen Lettern auf dem Glas. Ihm sagte der Name nichts, aber als er die Tür öffnete und den Mann hinter dem Schreibtisch sah, lief es ihm erneut kalt den Rücken runter.
Das war er. Der Kerl, den er in der Fabrik gesehen hatte. Das war sein Chef.
"Ah... Trafalgar Law, richtig? Setzen Sie sich."
Law nickte knapp, räusperte sich erneut und stapfte mit steifen Schritten auf den Stuhl vor dem Schreibtisch zu. Das war ein gottverdammt schlechter Scherz.
Doflamingo grinste breit, aber es war kein freundliches Grinsen. Das war das Grinsen eines Mannes, der einen auf der Stelle umbringen würde, ohne mit der Wimper zu zucken.
"Sie wollten mich sprechen?"
"Richtig. Es geht um eine Beförderung. Wie Sie sich sicher vorstellen können, wollen wir Sie natürlich soweit fördern wie nur möglich. Sie wurden dem Vorstand als die beste Wahl für den neuen Oberarzt der Chirurgie empfohlen. Die gesamte Abteilung scheint hinter Ihnen zu stehen. Herzlichen Glückwunsch."
Doflamingo klang gelangweilt, als würde er in einem alten Wälzer blättern und hin und wieder in paar Sätze daraus vorlesen, ohne überhaupt den Inhalt zu verstehen. Und trotzdem behielt er dieses gefährliche Grinsen auf den Lippen.
Law neigte den Kopf.
"Mh... danke. Das würde aber bedeuten, ich hätte weniger Zeit im OP und müsste mehr Papierkram erledigen, oder?"
"Vermutlich."
"Dann lehne ich ab. Nehmen Sie... keine Ahnung, irgendjemand anderes. Ich kenne die Namen der meisten Leute in diesem Krankenhaus nicht mal. Nehmen Sie lieber jemanden, der wenigstens vorspielt, ihm würden die Menschen hier was bedeuten."
Doflamingo lachte auf, kein freundliches Lachen, nein. Eines, das Law eine Gänsehaut bescherte.
"Sie werden nicht ablehnen. Es gibt niemanden, den wir sonst in dieser Position sehen. Sofern Sie also nicht kündigen wollen..."

Law musterte Doflamingo einen Augenblick, dann stand er auf.
"Natürlich nicht. Vielen Dank für die Beförderung."



Zugegebenermaßen hatte das neue Büro, das Law dank seiner Beförderung nun seit einer Woche sein Eigen nennen durfte, einige Vorteile zu bieten. Zum Beispiel eine eigene Kaffeemaschine, auch wenn sie nicht so gut war wie Petra.
Oder dass man ihn in Ruhe ließ, außer es lag etwas wichtiges vor. Allerdings brachte es auch einige Nachteile mit sich: außerordentlich viel Papierkram. Und er hasste Papierkram.
Die Zeit, die dafür draufging, würde er lieber im OP verbringen. Oder er würde in den Fluren hin und herlaufen und nach Patienten sehen. Irgendwas. Hauptsache kein Papierkram.

Law setzte gerade seine Unterschrift unter einen OP-Bericht, der liegengeblieben war. Einen weiteren Vorteil hatte es, Oberarzt zu sein. Der Bericht, den er eigentlich letzte Woche hätte abgeben sollen, konnte er getrost zu den Akten legen, da er nun der Verantwortliche dafür war.
Er nahm einen Schluck Kaffee, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, schwang seine Bürotür auf und Shachi hechtete herein.
"Law! Mach dich fertig, du wirst gebraucht!"
Keinen Augenblick später stand Law bereits, lief an Shachi vorbei in Richtung der OP-Säle. Shachi lief ihm nach.
"Was ist passiert?"
"Er wurde gerade eingeliefert. Man hat ihn in irgendeiner Gasse gefunden. Er... scheiße, Law, sowas hab ich noch nie gesehen. Wie stellst du es dir vor, wenn ein Mensch in eine Schrottpresse gerät?"

Entsetzt starrte Law ihn an.
"Übel, schätze ich. Falls man überhaupt das Pech hat zu überleben."
Shachi nickte. "Er hat die gesamte Notaufnahme zusammengebrüllt. Ich glaube, wenn seine Beine amputiert würden, könnte er's überstehen. Soweit ich gesehen hab, sind auch nur die Beine betroffen."
"Wie schafft man es überhaupt, in eine Schrottpresse zu geraten?"
"Keine Ahnung, ich weiß nicht mal, ob es eine war. Oder ob er einen Unfall hatte. Ich hatte keine Zeit zu fragen, während er mich fast taub gebrüllt hat."
Law schmunzelte einen kurzen Augenblick. Morbider Humor war schon immer etwas gewesen, das ihn in den unpassendsten Momenten hat lachen lassen.
"Na, fein. Dann schauen wir uns das mal an."



Law hätte nie im Leben gedacht, dass er mal einen Menschen umbringen würde. Natürlich waren ihm schon Patienten auf dem Tisch unter den Händen weggestorben, aber das war niemals seine Schuld gewesen. Das war eine höhere Gewalt gewesen, gegen die er einfach nichts tun konnte.
Aber niemals hätte er erwartet, dass er sich aktiv dazu entschließen würde, einem Menschen, dem man helfen könnte, nicht zu helfen.

Denn als er den Kerl sah, den man vorsichtshalber auf dem OP-Tisch fixiert hatte, bevor die Anästhesie ans Werk ging, wurde ihm flau im Magen. Und das nicht nur wegen der blutigen Fleischklumpen, die mal Beine gewesen waren. Shachi lag gar nicht so weit daneben, wenn er glaubte, dass das eine Schrottpresse gewesen sein könnte.
Doch Law fixierte sich nur auf die Narbe am Kinn. Er bezweifelte, dass es viele Männer in der Umgebung gab, auf die Kids Beschreibung der Narbe passte. Von der Statur her passte es ebenfalls; er war ähnlich groß wie Kid und genauso breit gebaut.
Ob er das war?

Law räusperte sich, während er darauf wartete, dass die Narkose endlich einsetzte und sie beginnen konnten. Verflucht, er hatte einen Eid geleistet. Es stand gar nicht zur Debatte, den Kerl umzubringen. Auch nicht für Kid. Wieso sollte er ihm überhaupt einen Gefallen tun?
Wobei er sich gut vorstellen konnte, dass Kid daran nicht unschuldig war, wie der Kerl aussah. Immerhin sagte er ja, dass ihm eine Leber nicht mehr helfen würde.
Er schluckte.
"Alles in Ordnung?", fragte Shachi neben ihm leise, während sie darauf warteten, dass die letzten Vorbereitungen abgeschlossen wurden.
"Ja."
"Du siehst blass aus."
"Ich bin immer blass. Halt einfach die Klappe."
Shachi sah ihn verwirrt an, fügte sich aber und hielt den Mund, bis sie anfangen konnten. Dann waren Law und er in einem professionellen Rausch, in der nichts mehr wirklich Wert besaß außer ihrer Arbeit.

Law besah sich die Verletzung. Von den Knochen war prinzipiell nichts mehr übrig, einiges davon war sicher zu Staub zermalmt worden. Verfärbungen der Hautfetzen ließen ihn vermuten, dass das ziemlich langsam vonstatten gegangen muss.
Wenn Kid daran Schuld war, war er wohl richtig wütend gewesen.
Er atmete tief durch. Um eine Amputation würden sie nicht drumherum kommen, das Gröbste hatte der Kerl aber schon überstanden. Sie würden nur die tote Haut und zusätzlicher Ballast entfernen und die Wunde vernähen müssen.
"Sein Puls ist so schnell...", murmelte Shachi neben ihm.
"Und er schwitzt", ergänzte Law. "Es ist kalt hier drin, wie kann er da schwitzen?"

Sie wechselten einen Blick, dann ging alles ganz schnell.
Die Milz war verletzt, ebenso die Niere. Für ihn sah das nach einem stumpfen Trauma aus, wie es nach einer ordentlichen Schlägerei auftreten konnte. Blut war bereits in den Bauchraum geflossen.
Law stand einen Augenblick lang da, bevor er den Kopf schüttelte.
"Law?"
"Das ist verschwendete Mühe."
"Wie bitte?" Shachi starrte ihn entsetzt an, genauso wie der Rest des Teams. "Ist das dein Ernst?"
"Ja. Was sollen wir da noch machen? Seine Organe sind verletzt, seine Beine sind Brei und selbst wenn wir das noch irgendwie hinbiegen können, wird ihn der Blutverlust umbringen."
Law schluckte. Er war kein gläubiger Mensch, aber in diesem Moment betete er, dass das auch wirklich der Kerl war, von dem Kid gesprochen hatte.
"Ich bin hier fertig."
Er zog sich die Handschuhe aus, zog sich das Haarnetz vom Kopf und stapfte aus dem OP-Saal. Auf direktem Wege ging er in Doflamingos Büro.

"Ah, Trafalgar", begrüßte ihn Doflamingo. "Wie läuft es als Oberarzt?"
Law schüttelte den Kopf.
"Ich kündige. Machen Sie sich keine Hoffnung, dass ich Morgen hier aufkreuze."
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