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Die Sühne

Kurzbeschreibung
GeschichteHorror, Historisch / P16 / Gen
20.06.2022
20.06.2022
1
4.285
 
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Diese Geschichte spielt chronologisch in den fünfzig Jahren zwischen dem vierten und dem fünften Buch.

1497 in der Nähe von Athen

Weite Felder erstreckten sich über das Land. Lediglich ein gepflasterter Weg führte durch die Landschaft. Die Felder wurden vereinzelt von Büschen oder Bäumen gesäumt. Zwei Reisende ritten auf dem Feldweg. Beide waren nicht gerade unauffällig, dennoch, auf dem Weg zu einer Stadt, würden die meisten Leute ihnen nicht viel Beachtung schenken, denn schließlich gab es dort die unterschiedlichsten Menschen, die aus allen Teilen der bekannten Welt kamen.
Wenn jemand Andrej und Abu Dun sah, dann würde er wohl auf dem ersten Blick erkennen, dass sie Krieger waren. Was er jedoch nicht erkennen würde, wäre die Tatsache, dass es sich bei den beiden um Vampyre handelte. Sie waren ungefähr zehnmal stärker als gewöhnliche Menschen, regenerierten sich innerhalb von Sekunden und Minuten, und konnten nur durch eine Enthauptung oder das Durchbohren des Herzens getötet werden.
Andrej hielt plötzlich inne und stoppte sein Pferd. Er sah nach Westen und etwas schien seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Abu Dun, ein Nubier von über zwei Metern Körpergröße, der auch als Mensch ein furchtbarer Gegner gewesen war, stoppte sein Pferd ebenfalls.
„Was ist, Sahib?“ fragte er spöttisch.
„Ich rieche Blut. Eine Menge davon.“ erwiderte Andrej und gab seinem Pferd die Sporen.
Das Pferd wieherte und rannte los. Noch im Ritt zog Andrej sein Damaszenerschwert hervor. Abu Dun folgte ihm sogleich. Als Vampyre waren ihre Sinne sehr viel schärfer, als die eines Menschen. Und so musste Abu Dun das Blut ebenso gerochen haben. Er zog seinen gewaltigen Krummsäbel und ritt alsbald an Andrejs Seite. Doch tatsächlich war der Ort den sie erreichen wollten, gar nicht einmal weit entfernt.
Die Leichen von Soldaten lagen auf dem Boden. Etwas, eine Bestie womöglich, musste hier mit unfassbarer Wut gekämpft und sie in Stücke gerissen haben. Andrej und Abu Dun hatten in den vielen Jahren, die sie schon zusammen reisten, viele furchtbare Dinge gesehen, und auf mehr als einem Schlachtfeld gekämpft. Sie hatten die Taten verschiedener Monster gesehen, welche die Menschen für einen Teil ihrer Folklore hielten; aber auch die Taten von Menschen, die denen der Bestien in wenig nachstanden. Dennoch waren sie erschrocken über die Brutalität, mit der hier gekämpft worden sein musste.
Ein osmanischer Soldat war regelrecht in Stücke gerissen worden. Arme und Beine lagen verstreut auf dem Boden. Sein Gesicht, dessen linke Hälfte ebenfalls völlig zerfetzt zu sein schien, zeigte den puren Ausdruck des Entsetzens, im Moment von dessen Todes. Ein weiterer Soldat lag auf dem Boden, und hatte Arme und Beine von sich gestreckt. In seinem Bauch klaffte ein riesiges Loch, und seine Eingeweide lagen wie übergroße Maden direkt neben ihm.
„Es sind alles osmanische Soldaten, keine christlichen.“ stellte Abu Dun fest, „Wer hat bloß vierzig osmanische Soldaten getötet, und warum?“
Beide waren von ihren Pferden gestiegen und sahen sich um. Der Geruch von Blut hing noch stark in der Luft, und dunkle Flecken hatten das Gras getränkt. Ein Geräusch ertönte. Es war nicht in der Nähe, doch Andrej und Abu Dun hörten es trotzdem und sahen sofort in die Richtung, aus der es gekommen war. Eine kleine Gestalt hatte die beiden gesehen, und rannte sofort los. Doch die beiden Vampyre hatten sie schnell eingeholt.
Es war ein Junge, welcher etwas mehr als zehn Winter gesehen haben mochte. Erschrocken wich er vor Andrej zurück. Sein Erschrecken musste nur noch umso größer werden, als er Abu Dun erblickte. Dass dieser ihn angrinste, machte die Situation nicht viel besser, denn so sah er geradezu furchterregend aus.
„Wir tun dir nichts.“ sagte Andrej beruhigend und steckte seine Waffe wieder ein, „Ich bin Andrej Delany, und dieser feixende nubische Kerl ist mein Weggefährte Abu Dun.“
„Ich... ich heiße... heiße Eusebios.“ stotterte der Junge.
„Was ist hier geschehen?“ fragte Andrej.
„Es war eine Bestie. Die Bestie hat einfach alle angegriffen und getötet. Alle Soldaten die bei uns waren, sind von ihr getötet worden.“ redete er.
„Du hast als einziger überlebt?“ wollte Abu Dun wissen.
Der Junge schüttelte den Kopf und sagte: „Wir Jungen haben alle überlebt, die Bestie war bloß hinter den osmanischen Soldaten her.“
„Was für eine Bestie?“ fragte Andrej.
„Es war dunkel, und es ging so schnell. Ich habe sie nicht genau gesehen.“ antwortete Eusebios, „Aber die Soldaten, die so stolz darauf waren, echte Männer zu sein. Sie haben geschrien wie kleine Mädchen, als die Bestie sie angegriffen hat.“
Eusebios führte die beiden Fremden ein gutes Stück weiter. Auf einer kleinen Lichtung saßen mehrere Jungen zusammen. Es waren sehr viele Jungen, bestimmt um die hundertfünfzig von ihnen. Und sie alle waren im halbwüchsigen Alter, so wie Eusebios. Als sie die beiden Fremden näherkommen sahen, wurden sie unruhig. Doch sie flohen nicht. Nun sah Andrej auch den Grund dafür. Die Jungen waren angekettet worden. Lediglich dieser Eusebios musste sich irgendwie befreit haben. Einige der älteren Jungen stellten sich schützend vor die jüngeren, doch Eusebios gab ihnen zu verstehen, dass von den beiden Fremden keine Gefahr ausging.
„Wieso seid ihr Jungen alle hier?“ wollte Abu Dun wissen, „Was habt ihr mit den osmanischen Truppen zu schaffen?“
„Wir gehören zur Knabenlese.“ erklärte einer der Jungen, „Man hat uns von unseren Familien entführt und wollte uns in die muselmanischen Länder verschleppen.
Andrej und Abu Dun sahen sich an. Sie hatten schon von der Knabenlese gehört. Sie war eine der zahlreichen Grausamkeiten der Osmanen.
„Wohnt ihr in Athen?“ frage Andrej.
Viele der Jungen nickten.
„Dann werden wir euch jetzt zurückbringen.“ erklärte der Vampyr.
„Zuerst sollten wir ihre Ketten kappen und sie befreien.“ meinte Abu Dun.
„Mit unseren Schwertern?“ fragte Andrej und sah auf sein kostbares Damaszenerschwert.
„Ich dachte, dass es mit den Schwertern schneller geht als mit den Zähnen, aber du kannst es so machen, wie du es meinst.“ erwiderte der nubische Riese.

Einige Stunden später

Andrej und Abu Dun hatten die Jungen zurückgebracht. Gleich, nachdem sie die Stadttore durchquert hatten, hatten sie sich von den Jungen getrennt. Es war ihre Stadt, und sie kannten sich hier aus. Sie würden schon den Rückweg zu ihren Häusern finden.
Die beiden Vampyre waren durch die Stadt gegangen, bis sie ein passendes Gasthaus gefunden hatten, in welchem sie unterkommen konnten. Schließlich hatten sie eines gefunden, welches sie sich leisten konnten, und welches günstig gelegen war. Sie betraten es nacheinander und sahen sich um. Überall saßen Leute, die ihnen jedoch keine größere Beachtung schenkten.
Der Wirt sah sie neugierig an, ob sie Platz nehmen würden. Als sie das taten, schickte er ein junges Mädchen zu ihnen, welches offensichtlich in diesem Gasthaus arbeitete. Andrej bemerkte, dass sie recht hübsch war. In einigen Jahren würde sie ganz gewiss eine bildhübsche junge Frau sein. Neugierig näherte sie sich den beiden Fremden.
Sie lächelte sie an und sagte: „Ich habe schon von euch beiden gehört. Ihr müsst Andrej Delany und Abu Dun sein. Ich weiß, was ihr getan habt?“
Andrej und sein nubischer Freund sahen sich alarmiert an, bevor Abu Dun misstrauisch fragte: „Ist das so?“
„Ja, es war wunderbar, dass ihr die Jungen gerettet und befreit und wieder zurückgebracht habt.“ meinte das Mädchen.
Ein unsichtbares Gewicht schien von ihrer beider Schultern abgefallen zu sein. Für einen Moment hatten sie geglaubt, dass das Mädchen von den Vampyren sprach, die sie vor einigen Jahren im heiligen römischen Reich deutscher Nation getötet hatten.
Die Tür öffnete sich, und einige Soldaten kamen herein. Es waren osmanische Soldaten, und ihr Kommandant trat als erster vor und setzte sich an einen Tisch. Ausgerechnet an den Tisch neben Andrej und Abu Dun. Doch er widmete ihnen keine Beachtung. Die beiden Vampyre sahen sich an. Scheinbar waren diese Soldaten nicht hier, weil sie die zur Knabenlese auserkorenen Jungen wieder zurückgebracht hatten.
„Korinna, in der Küche gibt es Arbeit für dich.“ rief der Wirt dem Mädchen zu.
Dieses lächelte die beiden Fremden noch einmal an, ging dann zu dem Wirt, und in den hinteren Teil der Schänke. Andrej und Abu Dun bestellten etwas zu essen, und die Soldaten taten es ebenso. Im Inneren das Gasthauses herrschte eine bedrückende Stimmung. Offenbar wagte es keiner der Gäste, die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sich zu ziehen. Nacheinander verließ jeder von ihnen seinen Platz und dann auch die Schänke, bis Andrej, Abu Dun und der Wirt die einzigen waren, die sich noch dort aufhielten. Und Korinna.
Das Mädchen räumte das leere Geschirr ab und brachte es zurück in die Küche. Doch nachdem sie fertig war, kam sie wieder zurück und sah die Soldaten abschätzig an. Wie zufällig ging sie zu dem Tisch, an welchem der Kommandant saß.
„Hattet Ihr Erfolg, edler Herr?“ fragte sie mit deutlich hörbarem Spott, „Wenn der Bey Ünal seine besten Leute losschickt, um diese Bestie zu finden, dann müssten sie doch eigentlich Erfolg haben, oder nicht?“
Der Kommandant wandte sich zu dem Mädchen um, holte mit der geballten Hand aus und schlug ihr ins Gesicht.
„Du sollst deinen Blick senken, dich verhüllen und nur dann reden, wenn du angesprochen wirst!“ befahl er.
Korinna sah ihn an. Trotz und Verachtung spiegelten sich in ihren Augen, jedoch keine Angst. Andrej glaubte für einen Moment, in ihren Augen noch etwas gesehen zu haben. Etwas uraltes und düsteres. Aber nur einen Augenblick lang, dann waren ihre Augen wieder die eines aufmüpfigen, halbwüchsigen Mädchens.
„Mir gefällt nicht, wie du mich ansiehst.“ meinte der Kommandant und erhob erneut die Hand, um sie zu schlagen.
Diesmal war Andrej jedoch schneller. Er sprang von seinem Platz, zog sein Damaszenerschwert und schwang es durch die Luft. Die Klinge trennte den Arm des Soldaten knapp unterhalb der Schulter ab. Eine wahre Fontäne aus Blut schoss heraus, und der Kommandant stieß einen gellenden Schmerzensschrei aus. Einen Augenblick später stand er auf und zog seine Waffe. Mit wutverzerrtem Gesicht richtete er sie auf Andrej.
Die anderen Soldaten sahen Andrej ebenfalls wütend an, und nicht wenige von ihnen hatten ebenfalls ihre Hände auf die Griffe ihrer Schwerter gelegt. Der Geruch des Blutes weckte die innere Bestie in Andrej, doch er war schon geübt darin, sie in Zaum zu halten. Ein Blick zu Abu Dun verriet, dass es dem Nubier ähnlich erging.
„Das wirst du zutiefst bereuen!“ rief der Kommandant.
Anschließend verließ er wütend das Lokal, und die übrigen Soldaten folgten ihm. Nur noch vier Personen hielten sich in der Schänke auf. Korinna warf Andrej einen dankbaren Blick zu, der Wirt sah hingegen missmutig aus.
„Ich fürchte fast, dass ihr euch einen mächtigen Feind gemacht habt, Herr.“ sagte er missmutig, „Dieser Kommandant wird die Schmach, von Euch besiegt worden zu sein, nicht auf sich beruhen lassen.“
„Das stört uns nicht. Wir hatten es schon mit viel gefährlicheren Menschen... und Kreaturen zu tun.“ redete Abu Dun.
„Wovon genau redet ihr, Herr?“ fragte der Wirt vorsichtig.
„Seid doch so nett, und erzählt uns von dieser Bestie, welche die umliegenden Ländereien heimsucht.“ forderte der Nubier ihn auf.
„Diese Bestie ist ein Märchen für Kinder.“ beharrte der Wirt, „Bloß Waschweiber und Narren glauben an ihre Existenz.“
„Euer kleines Märchen hat zahlreiche osmanische Soldaten dahin gemetzelt.“ antwortete Andrej.
„Nicht bloß die osmanischen Soldaten. Schon seit Monaten treibt diese Bestie ihr Unwesen in der Stadt.“ erzählte Korinna, welche deutlich redseliger war, als der Wirt für den sie arbeitete, „Sie greift stets Soldaten an, doch oft auch Sklavenhändler oder andere Personen, die durch das Leid anderer an Reichtum gelangen. Mittlerweile hat sie schon hunderte von ihnen getötet. Bei dieser Kreatur soll es sich um einen Keftar handeln.“
„Ein Keftar?“ fragte Abu Dun ein wenig erschrocken.
„Was für eine Kreatur ist das?“ wollte Andrej wissen.
„Am Tag ist sie ein Mensch, so wie jeder andere auch. Doch in den Nächten, besonders in den Vollmondnächten, nimmt der Keftar seine wahre Gestalt an. Die einer Werhyäne.“
Andrej und Abu Dun hatten schon gegen Werwölfe gekämpft. Es sollte den Vampyr folglich nicht überraschen, dass es noch weitere Kreaturen gab, die ganz ähnliche Kräfte hatten.
„Das glaubt ihr doch nicht wirklich.“ begehrte der Wirt auf.
„In meinem langen Leben habe ich schon vieles gesehen.“ erwiderte Andrej nur und trank seinen Becher mit Bier aus.
Er und Abu Dun standen auf, bezahlten ihr Essen und verließen die Gaststätte. Draußen wurden sie bereits erwartet. Der Kommandant, dem Andrej einen Arm abgetrennt hatte, stand ein gutes Stück von ihnen entfernt und lächelte sie böse an. Direkt vor ihnen standen hingegen die Soldaten, die sie auch schon im Gasthaus gesehen hatten.
„Auf sie!“ brüllte der Kommandant.
Die Soldaten stürzten sich auf die beiden Vampyre. Andrej zog sein Damaszenerschwert, und Abu Dun seinen schweren Säbel. Der erste Soldat stürzte sich brüllend auf Andrej. Dieser konterte seinen Schwerthieb und trat ihn in den Bauch, sodass er zurücktaumelte. Einen Augenblick später bohrte sich Andrejs Klinge in dessen Brust. Zwei weitere Soldaten stürzten sich auf ihn. Viel schneller als ein Mensch es je konnte, wich er ihren Angriffen aus und wirbelte seine Klinge durch die Luft. Einem trennte er einen Arm ab, dem anderen ein Bein.
Zwei Soldaten zugleich griffen auch Abu Dun an. Dieser wartete, bis sie nahe genug herangekommen waren, dann schwang er seinen wuchtigen Säbel. Die Schwerter der Soldaten zerbrachen, und beide Soldaten wurden mit dem gleichen Hieb enthauptet. Die beiden Vampyre nickten sich zu. Nun gingen sie in die Offensive. Wie Berserker stürzten sie sich auf die Soldaten und schlugen und hackten mit ihren Waffen um sich. Ein Soldat wurde in zwei Hälften geteilt, zwei weitere enthauptet, und einer ganzen Reihe weiterer durchbohrten sie die Brust oder den Bauch.
Ein Soldat stieß sein Schwert vor und rammte es tief in die Brust von Abu Dun. Er stieß einen triumphierenden Rau aus, doch der Nubier zog die Klinge grinsend wieder heraus. Vor den Augen des Soldaten schloss die Wunde sich wieder. Mehrere der Soldaten hatten es gesehen und wichen vor Angst zurück. Abu Dun nutzte den Moment, mit mit seinem schweren Säbel unter sie zu fahren, und reiche blutige Ernte zu halten.
Auch Andrej kämpfte noch. Er tötete zwei weitere Soldaten, die versucht hatten, vor ihm davonzulaufen. Ein Soldat zog eine Muskete hervor und feuerte auf den nubischen Riesen. Der Schuss traf ihn in den Oberarm, heilte jedoch sofort wieder.
„Elender Feigling!“ grollte Abu Dun, „Warum kämpfst du nicht gerecht?“
Mit schnellen Schritten rannte er zu dem Soldaten mit der Muskete, ließ seinen Säbel fallen, packte diesen Soldaten und riss ihn mit bloßer Kraft entzwei. Die anderen Soldaten schrien entsetzt auf und wollten davonlaufen, doch Andrej schnitt ihnen den Weg ab und deckte sie mit schnellen harten Schwerthieben ein.
Mittlerweile hatten sie schon zwanzig Soldaten zu Boden geschickt, wo sie kampfunfähig, verletzt oder sogar schon tot waren. Die anderen Soldaten zogen sich mehr und mehr zurück. Doch am Ende der Straßen kamen plötzlich noch mehr Soldaten hinzu, es mussten mehr als fünfzig sein. Einige von ihnen trugen eine Sänfte, auf welcher ein edel gekleideter Mann saß. Die beiden Vampyre sahen sich an. Jetzt mussten sie fliehen, denn gegen soviele Gegner konnten sogar sie nicht lange ankommen.
Doch die übrigen Soldaten senkten die Waffen und sahen diesen Mann bloß an. Als auch Abu Dun merkte, dass der Kampf vorüber war, ließ er ebenfalls seinen schweren Säbel sinken. Die Sänfte hielt an, und der edel gekleidete Mann trat hinaus.
„Ich bin der Bey Ünal.“ stellte er sich vor, „Ihr müsst Andrej Delany und Abu Dun sein. Euer Ruf eilt euch voraus.“
„Was wollte Ihr von uns?“ fragte Abu Dun geradeheraus.
„Ich möchte euch beide dafür gewinnen, eine Bestie für mich zu jagen.“ erklärte er, „Es ist der Keftar, der seit einiger Zeit in meinen Ländereien für Verwüstung sorgt und meine Untertanen nach Herzenslust ermordet.“
„Heißt es nicht, dass der Keftar bloß ein Ammenmärchen sei?“ feixte Abu Dun.
„So wie zwei Vampyre, die zehnmal so stark wie gewöhnliche Menschen sind, und deren Wunden innerhalb von wenigen Augenblicken heilen?“ gab Bey Ünal zurück.
„Wir schätzen unsere Unabhängigkeit.“ lehnte Andrej das Angebot des Beys ab.
„In diesem Fall muss ich mich deutlicher ausdrücken.“ erklärte der Bey verärgert, „Wenn ihr den Keftar für mich tötet, dann erhaltet ihr nicht bloß eine reiche Belohnung. Ich sehe auch davon ab, dass ihr die diesjährige Knabenlese zerstört und mehr als zwanzig von meinen Männern getötet oder verstümmelt habt. So stark ihr auch sein mögt, unbesiegbar seid ihr nicht. Ihr würdet auch unzählige unschuldige Menschen retten, welche dieser Bestie in Zukunft noch zum Opfer fallen würden.“
„Dann bleibt uns wohl keine andere Wahl.“ meinte Abu Dun.

„Da haben wir ja einem schönen Auftrag zugesagt, Hexenmeister.“ meinte Abu Dun, während er mit Andrej über den Sklavenmarkt schlenderte.
„Du hast doch eingewilligt, Pirat.“ gab Andrej zurück.
Natürlich war Andrej kein Hexenmeister, während Abu Duns Zeit als Flusspirat schon sehr lange zurücklag. Doch das waren die Spitznamen, mit denen sie sich von Zeit zu Zeit bedachten.
„Ich habe eingewilligt, diese Bestie zu jagen. Nicht aber, über diesen Sklavenmarkt zu gehen.“ gab der nubische Riese zurück.
„Der Keftar hat diesen Monat schon sechsmal hier zugeschlagen. Hier ist unsere beste Chance, mit der Suche zu beginnen.“ erwiderte Andrej.
Der Sklavenmarkt war ein fruchtbarer Ort. Überall waren verschiedene Menschen, zumeist aus Europa und Afrika. Sie waren in einem erbärmlichen Zustand, trugen bloß Fetzen von Kleidung und waren noch dazu angekettet. Andrej ging an einem jungen Mädchen vorbei, welche ungefähr in dem gleichen Alter sein musste, wie diese Korinna aus dem Gasthaus. Sie hatte eine deutlich hellere Haut und war sehr hübsch. Vielleicht war ihr genau das zum Verhängnis geworden, denn nun, wo man sie in die Sklaverei verkauft hatte, würde sie in den Harem irgendeines Sultans wandern. Die gleichalterigen Jungen hingegen würde man wahrscheinlich kastrieren, bevor man sie zu Sklaven machte.
Fast noch schlimmer waren jedoch die Leute, die den Sklavenmarkt besuchten. Nicht bloß reiche Leute, sondern auch einfache Bürger. Sie zeigten offen ihre Lust und Freude an der Hilflosigkeit ihrer Opfer. So gut wie niemand unter ihnen schien Mitleid mit den Sklaven zu haben, oder Widerwillen gegen die Sklaverei zu zeigen. Als Andrej noch jünger war, hatte er sich erschrocken gefragt, was das bloß für Menschen waren. Nun wusste er, dass Menschen sich gegenseitig so schlimme Dinge antun konnte, dass diese Welt keine Monster und Vampyre brauchte, um ein furchtbarer Ort zu sein.
Plötzlich näherte sich eine Präsenz dem Sklavenmarkt. Abu Dun bemerkte sie auch. Etwas, was sich uralt und zugleich so unfassbar bösartig anfühlte, dass es sogar an einem Ort wie diesem, wie ein Mahnmal des Bösen wirken musste. Und es kam schnell näher.
„Der Keftar ist da!“ kreischte ein weißgekleideter Mann mit Turban, „Diese Bestie zeigt sich schon am helllichten Tag!“
Besagte Bestie stürzte sich auf ihn und riss ihm den Kopf ab. Anschließend griff sie weitere Besucher des Sklavenmarktes an, und streckte sie mit brutalen Prankenhieben zu Boden. Auch die Sklaven schrien erschrocken auf, versuchten zu fliehen und zerrten wie verrückt an ihren Ketten. Der Keftar ignorierte sie jedoch. Stattdessen hetzte er alle, welche keine Sklaven waren. Eine junge Frau schrie auf, als ein Prankenhieb ihr Brust und Bauch aufschlitzte.
Andrej und Abu Dun stellten sich dem Keftar. Diese Bestie war sogar größer als Abu Dun, dichtes Fell mit den typischen Flecken der Hyänen überzog ihren Körper. Die Arme und Beine waren sehr muskulös, lange Krallen zierten die Finger dieser Bestie. Ihr Kopf war der einer Hyäne, allerdings viel größer und massiger. Der Keftar knurrte, jaulte und geiferte.
Andrej sprang ihr in den Weg und schlug mit seinem Damaszenerschwert zu. Die Werhyäne wich dem Angriff aus und ignorierte den Vampyr einfach. Abu Dun hingegen stieß ihr seinen Krummsäbel tief in den Leid. Die Bestie heulte vor Schmerz auf und fegte den Nubier mit einem Prankenhieb gegen die Wand. Sie zog den Krummsäbel heraus und ließ ihn achtlos fallen. Andrej bemerkte, dass sich die Wunde des Keftars ebenso schnell schloss, wie es bei ihm und Abu Dun der Fall war.
Die Menschen flohen noch immer in Panik vor der Werhyäne. Andrej packte sein Damaszenerschwert fester und stürmte mit einem lauten Brüllen auf die Bestie zu. Diese hörte ihn, drehte sich zur Seite und wich dem Angriff aus. Mit einem Schlag wirbelte sie die Waffe aus Andrejs Händen und legte ihre Pranken um seine Schultern. Ihr geiferndes Maul näherte sich Andrejs Gesicht, doch sie brüllte bloß und ließ ihn dann fallen.
Abu Dun war wieder aufgestanden und hieb mit seinem Säbel nach ihr. Er schlug der Werhyäne ein Ohr ab. Doch es wuchs sogleich wieder nach. Diesmal war der Keftar jedoch wirklich wütend. Er zog seine Pranken über Abu Duns Brustkorb und schmetterte den Nubier kraftvoll gegen eine Wand. Vier blutige Risse zogen sich über seinen Körper, doch sie heilten bereits.
Der Keftar jaulte noch einmal auf, ging in die Hocke und sprang anschließend auf das Dach eines Hauses. Über die Dächer rannte die Kreatur davon.
Andrej reichte Abu Dun die Hand, und half seinem Freund, aufzustehen.
„Hexenmeister, diese Kreatur ist sogar stärker als wir beide.“ entfuhr es dem Nubier.
„Ich hatte den Eindruck, dass der Keftar uns im Kampf verschont hat, Pirat.“ erwiderte dieser.

Am nächsten Tag

Der Bey war nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Doch er wollte die Werhyäne um jeden Preis vernichten, und so stellte er am Hafen eine Falle für sie auf. Die Sklaven von Sklavenmarkt waren in den Hafen gebracht worden. Die osmanischen Soldaten hatten sie angewiesen, sich in einem Kreis um Bey Ünal herum aufzustellen. Mehrere der Soldaten patrouillierten durch den Hafen. Auch Andrej und Abu Dun hielten sich in der Nähe der Sklaven auf.
„Das gefällt mir nicht, Hexenmeister.“ murrte der nubische Riese, „Dieser feige Bey benutzt die Sklaven als lebende Schutzschilde.“
„Wir können diese Situation jetzt nicht ändern, Pirat.“ gab Andrej zurück, obwohl ihm diese Situation auch nicht gefiel.
„Woher wissen wir, dass der Kampf diesmal besser für uns laufen wird?“ fragte Abu Dun, „Wir sind doch schon gestern nicht gegen diese Bestie angekommen.“
„Der Bey hat seine Soldaten mit Armbrüsten ausgestattet, welche silberne Bolzen enthalten. Das soll die Bestie schwächen.“ meinte der Rumäne.
Über lange Stunden hinweg passierte nichts. Andrej glaubte schon, dass die Bestie doch nicht mehr käme. Doch dann ertönte ein lautes Knurren, und die Soldaten am Rande des Hafens brachen in Panik aus. Tatsächlich, der Keftar war wieder da. Gnadenlos schlitzte er die Soldaten mit seinen Krallen auf, als er über den Hafen rannte. Die Sklaven brachen in Panik aus, als sie erkannten, dass die Bestie in ihre Richtung lief. Auch, wenn sie es auf den Bey abgesehen hatte, so war der Keftar doch eine grauenhafte Erscheinung.
Andrej und Abu Dun griffen zu ihren Waffen. Die Werhyäne stürmte an ihnen vorbei, doch einige Bolzen trafen sie. Die Bestie schrie vor Schmerz auf, tötete zwei Soldaten mit ihren Krallenhieben und rannte weiter. Nun war sie jedoch deutlich langsamer als vorher. Ihre Wunden schlossen sich nicht mehr so schnell, und das Blut lief aus den Wunden.
Andrej stellte sich ihr in den Weg und drosch mit seinem Schwert auf sie ein. Der Keftar wehrte jedoch jeden einzelnen der Schwerthiebe mit seinen Krallen ab. Schließlich ließ Andrej sein Schwert fallen und packte die Pranken der Bestie mit beiden Händen, und hielt sie auf diese Weise fest. Die Werhyäne war stärker, und es würde nur Augenblicke dauern, bis sie sich befreit haben würde. Doch Andrej hoffte, dass Abu Dun diese wenigen Augenblicke günstig nutzte.
Der Nubier zögerte nicht. Er griff sie von hinten an und stieß seinen Krummsäbel zwischen ihre Schulterblätter, und durchbohrte so ihr Herz. Die Werhyäne sah fassungslos auf die Klinge, die aus ihrer Brust ragte, und brach schließlich in die Knie. Andrej sah Abu Dun an. Das Herz zu durchbohren, war eine effektive Methode, um einen Vampyr zu töten. Offenbar wirkte es auch beim Keftar.
Die Bestie sank reglos zur Seite, als Abu Dun seine immense Waffe aus ihrem Körper zog. Die schrumpfte und das Fell fiel ihr aus. Andrej erkannte, dass diese Bestie sich nun zurückverwandelte. Vor ihm lag plötzlich ein junges Mädchen. Er kannte dieses Mädchen. Es war Korinna. Sie sah mit einem traurigen Gesichtsausdruck zu den beiden Vampyren auf.
„Warum habt ihr das getan?“ fragte sie, „Ich habe doch bloß die Bösen gejagt, um die Unschuldigen zu beschützen. Ich wollte doch nur die Sklaven befreien, und diejenigen rächen, denen Unrecht getan wurde.“
Das Mädchen sackte nun endgültig zu Boden und blieb reglos liegen.
„Das war einfach großartig.“ sagte der Bey Ünal und lachte böse auf, „Diese Kreatur stand meinen Geschäften und Plänen im Weg. Und ihr habt sie für mich aus dem Weg geräumt. Das war ein großer Erfolg für mich. Obwohl es schon eine Schande ist, dass ein Weibsbild soviele meiner tapferen Männer getötet hat.“
Die Soldaten lachten ebenfalls auf. Es war ein grausames, böses Lachen. Der Bey warf verächtlich einen Beutel auf den Boden, aus welchem das Klimpern von Münzen erklang.
„Eure Belohnung.“ sagte er höhnisch, „Und jetzt verlasst meine Stadt, ihr verfluchten Vampyre!“
Andrej und Abu Dun sahen sich an. In ihrer beider Blick loderten Wut, Ärger und Kampflust. Jeder von ihnen hasste es, von jemand anderem für dessen Zwecke eingespannt und belogen zu werden. Sie nickten sich zu und erhoben erneut ihre Waffen.

Das Schiff verließ den Hafen in einem schnellen Tempo. Abu Dun kannte sich mit Schiffen gut aus, und er hatte die klügeren unter den Sklaven schnell darin eingewiesen, welche Dinge sie am Schiff zu erledigen hatten, damit er es fahren konnte. Andrej sah zurück zum Hafen. Bald würde man die Leichen des Beys und seiner Soldaten finden. Dann würden sie abermals gehetzt und gejagt werden. Doch sie hatten die richtige Entscheidung getroffen.
„Und ihr bringt uns wirklich zurück in unsere Heimat?“ fragte ein junges Mädchen hoffnungsvoll und sah Andrej an.
Die nun befreite Sklavin erinnerte ihn an Korinna, obwohl sie ihr nicht einmal ähnlich sah. Seine Schuldgefühle wuchsen, wurden jedoch besänftigt, als er sich sagte, dass sie jetzt das richtige taten. Dass sie diesmal nicht die falsche Person angriffen.
„Ja, wir bringen euch zurück.“ meinte er nur und sah wieder hinaus, diesmal jedoch auf die weite See hinaus.

ENDE
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