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Ein wenig viel

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P6 / Gen
20.06.2022
20.06.2022
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Gedankenverloren umfassten ihre Finger die zwei kleinen Münzen in ihrer Tasche.
Ja, sie waren noch da. Genau dort, wo sie sie an diesem Morgen hingesteckt hatte. Doch ihre dürren, faltigen Hände erfühlten auch ein kleines Loch in ihrem Gewand. Ein Glück, dass sie dadurch ihre Münzen nicht verloren hatte! ‚Wenn ich zuhause bin, muss ich das Loch unbedingt flicken‘, dachte sie bei sich. Das würde zwar nicht besonders schön aussehen, aber ihr blieb nichts anderes übrig. Und ein Flicken mehr oder weniger machte inzwischen wirklich nichts mehr aus.
Früher hätte sie sich mit solcher Kleidung niemals hier im Tempel blicken lassen. Auch jetzt konnte sie die Blicke der anderen auf sich spüren. Herablassend. Mitleidig. Abschätzig. Früher hatte man sie niemals so angesehen. Und auch wenn sie gedacht hatte, sie hätte sich mittlerweile daran gewöhnt, tat es immer noch weh. Es war nicht einfach, sich alleine im Leben durchschlagen zu müssen, das hatte sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes erfahren.
Das Schlimmste jedoch war der Moment, wenn sie am Opferkasten vorbeiging. Sie hatte immer gern etwas abgegeben, und weil sie mehr als genug zum Leben gehabt hatte, war es ihr nicht schwergefallen. Außerdem machte es immer einen guten Eindruck, viel Geld einzulegen. Jeder, der einen dabei beobachtete, konnte sehen, dass man sich das leisten konnte. Und es waren viele, die den Opferkasten beobachteten. Sie selbst tat es schließlich auch.
Da war wieder einer, der eine ganze Handvoll großer Münzen in den Kasten legte. Und gleich danach noch einer. Das laute Klingeln des Geldes ließ jeden wissen, dass sie reiche Männer waren. Die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Umstehenden waren ihnen sicher. Hinter sich hörte die Witwe ihre Nachbarinnen tuscheln.
„Der hat sicher wieder gute Geschäfte auf dem Markt gemacht! Er hat viel mehr eingelegt als letzte Woche!“
„Und damit ist er nicht der Einzige. Ich glaube ja, sie wollen mit ihrer Freigiebigkeit diesen berühmten Rabbi beeindrucken. Um den ranken sich allerlei Gerüchte ...“
Die Witwe hörte nicht länger zu. Erst jetzt bemerkte sie den Fremden, der dem Opferkasten gegenüber saß und still beobachtete, wie die Leute ihre Gaben einlegten. Er war einfach gekleidet, wäre kaum aufgefallen in der großen Menge. Aber ihn umgab etwas, das alle anderen in diesem Raum überstrahlte.
Ihre Finger in der Tasche verkrampften sich um die zwei Scherflein. Zwei kleine Kupfermünzen. Ein lächerlich kleiner Betrag, kaum genug, um sich ein Brot zu kaufen. Sie hatte nicht mehr. Zögerlich nahm sie die Münzen heraus und sah sie an. Mit dem Finger fuhr sie die Prägung im Metall nach, als wollte sie jedes Detail daran genau verinnerlichen. Ihr letztes Erspartes. Alles, was sie besaß. Und doch viel zu wenig. Was sollte man von ihr denken, wenn sie diese beiden Münzen in den Opferkasten warf? Es würde so aussehen, als sei sie zu geizig. Diese zwei Scherflein waren so wenig wert, dass sie genauso gut gar nichts geben könnte.
Das würde ihr die Blicke der anderen ersparen. Ja, vielleicht war es besser, wenn sie einfach von hier verschwand. Eilig ließ sie die Münzen wieder in ihre Tasche gleiten und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Doch ihre Schritte wurden immer langsamer. Wohin wollte sie denn gehen? Was konnte sie mit diesem Geld schon anfangen? Nichts. Aus menschlicher Sicht waren diese beiden Münzen so gut wie wertlos. Aber Gott wusste, welchen Wert sie für sie besaßen.
Wieder einmal tasteten ihre Finger nach den beiden Scherflein. Und als sich ihre Hand um die zwei Münzen schloss, stand ihre Entscheidung fest.
Ohne auf die Menschen um sich herum zu achten, bahnte sich die Witwe einen Weg durch die Menge zum Opferkasten. Sie nahm die Münzen, warf einen letzten Blick darauf und ließ los.
Kling, Kling.
Das Geräusch kam ihr so laut vor, dass sie glaubte, jeder im Tempel müsste es gehört haben. Jetzt hatte sie es also getan, und es gab kein Zurück mehr. Sie bereute ihre Entscheidung nicht, aber sie wollte nicht sehen, wie die anderen sie anschauten. All diese Menschen, die sich ein Urteil über sie bilden würden, obwohl sie nicht wussten, wie viel diese zwei kleinen Münzen ihr bedeutet hatten.
Doch als sie aufschaute, blickte sie direkt in die Augen des fremden Rabbis. Und das Lächeln, mit dem er sie bedachte, war so voller Liebe, dass sie vollkommen davon überwältigt wurde.
‚Gut gemacht‘, sagte sein Blick.
Ohne auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, was all die anderen von ihr denken mochten, verließ sie den Tempel. Hinter sich hörte sie den Rabbi sprechen.
„Sie hat alles eingelegt, was sie besaß ...“

Ja, ihre Tasche war nun leer. Doch ihr Herz war so voll Freude, dass sie glaubte, es müsse überfließen.

***

Nach Lukas 21, 1-4.
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