Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Erotik / Free me

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Free me

von bookfan
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P18 / Gen
18.06.2022
27.06.2022
18
19.216
12
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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23.06.2022 1.310
 
Bis ich die Toiletten erreicht habe, reiße ich mich mit aller Macht zusammen. Ich muss zumindest so lange Haltung bewahren, bis ich mich in eine der Toilettenkabinen einschließen kann. Als ich die Tür zu den WC-Räumen öffne, strömt mir angenehm kühle Luft entgegen.

Nachdem ich eine der Kabinen betreten und die Tür hinter mir geschlossen habe, lasse ich mich mit butterweichen Knien auf den heruntergelassenen Toilettendeckel nieder. Ich stütze meine Ellenbogen auf meinen Oberschenkeln und meinen Kopf in meinen Händen ab. Mein Atem geht immer noch viel zu schnell. Ich zittere am ganzen Körper. Nur zu gerne möchte ich die Sache mit Mr. Donovan alias Mr. Dark Room möglichst kühl betrachten. Doch es gelingt mir nicht. Es nimmt mich emotional mehr mit, als mir lieb ist. Ich bin verwirrt und innerlich aufgewühlt, als ob ein Orkan in mir wütet, welcher meine geliebte Ordnung in lauter Einzelteile zerfleddert. Ich habe keine Ahnung, wie ich sie je wieder zusammensetzen soll. Aber irgendwie werde ich das schon schaffen. Ich muss es schaffen. Trotz meiner gekrümmten Haltung versuche ich tief in den Bauch ein- und auszuatmen und dabei nicht unentwegt an den Gesprächsverlauf in Mr. Donovans Arbeitszimmer zu denken. Natürlich gelingt mir das nicht. Stattdessen rufe ich mir jedes Wort, das wir miteinander gewechselt haben und jede Geste, Regung und Mimik meines Chefs ins Gedächtnis. Besonders viel Kopfzerbrechen bereitet mir der Moment, in dem mein Boss sich zu mir vorgebeugt und mir ins Ohr gehaucht hat. Seine letzten Worte lassen darauf schließen, dass er unser Techtelmechtel noch nicht für abgeschlossen hält. Der Augenblick war ohne Zweifel heiß. Seine Nähe verursacht in meiner Körpermitte ein nahezu unerträgliches Kribbeln. Doch er darf und kann nicht meine Erlösung sein. Um nicht ständig an Mr. Donovan zu denken, brauche ich Ablenkung. Ich sollte den Mann kontaktieren, der mir vor dem italienischen Restaurant seine Nummer gegeben hat. Immerhin entspricht er optisch genau meinem Typ. Entschlossen richte ich mich auf. Nicht grübeln, sondern aktiv werden, ist stets mein Motto gewesen und diesem werde ich auch dieses Mal folgen. Es gibt immer eine Lösung. Ich ziehe meine Mundwinkel in die Höhe und ignoriere meinen Unruhezustand, auch wenn sich in meinem Magen ein ganzer Schwarm Schmetterlinge zu befinden scheint.

Ich bin fest entschlossen, den Mann vom Restaurant zu kontaktieren. Amy wird begeistert sein und mir vermutlich sogar meine Nachrichten diktieren wollen, denke ich mit einem Schmunzeln. Auf jeden Fall wird der Fremde dafür sorgen, dass ich abgelenkt bin und nicht auf dumme Gedanken komme. Mr. Donovan muss aus meinem Kopf verschwinden oder zumindest der nackte, heiße Mr. Dark Room. Entschieden stehe ich auf.

Mit staksigen Schritten verlasse ich meine Kabine. Ich bleibe vor einem der Waschbecken stehen und betrachte mich in dem großen Wandspiegel. Meine Wangen sind leicht gerötet. Ansonsten sehe ich eigentlich aus wie immer. Perfekt geschminkt und frisiert. Ich drehe das Wasser auf und halte meine Handgelenke unter den eiskalten Strahl. Aber nicht lange, denn ich muss mich jetzt wirklich schnell wieder an die Arbeit mache. Meine Mittagspause werde ich heute sausen lassen, um Zeit einzusparen. Ich werde mich in meine Unterlagen stürzen und mich tief in die Finanzen des Unternehmens graben, damit ich nicht noch einen weiteren Gedanken an Mr. Donovan verschwende.

Als ich mein Büro betreten habe und auf mein Smartphone blicke, das auf meinem Schreibtisch liegt, sehe ich, dass zwei Nachrichten eingegangen sind. Als ich sie öffnen will, ahne ich bereits, von wem sie sind. Und ich liege richtig. Amy hat mir geschrieben.

„Und wie war es?“, lautet ihre erste Frage und zehn Minuten später hat sie mir eine weitere Botschaft zukommen lassen: „Ist er es????!!!!"

Ich seufze und lege mein Mobilgerät zunächst zur Seite. Statt meiner Schwester zu antworten, widme ich mich lieber gleich meinem ersten Punkt auf meiner ellenlangen To-do-Liste für den heutigen Tag.

Aber so sehr ich mich auch zu zwingen versuche, mich auf mein Tagesgeschäft zu konzentrieren, es gelingt mir nicht. Eigentlich habe ich nie ein Problem, mich auf etwas zu fokussieren. Meine Konzentration lässt mich nur selten in Stich. Doch heute ist das anders. Und daran ist nur Adam Donovan schuld. Ich spüre, wie Wut über die ganze Situation in mir aufbricht, sich zu einem harten Bündel in meinen Magen zusammenschnürt, ohne dass ich eine Idee habe, wie ich dieser Luft machen kann. Vor meinem Chef muss ich mich zusammenreißen. Auf keinen Fall will ich mir etwas in seiner Gegenwart anmerken lassen. Ich werde so tun, als ob nie etwas geschehen ist. Da wird sich der liebe Adam, noch wundern.

Da dieser Tag, wie der vorangegangene auch schon, wenig produktiv werden wird, entscheide ich, meine Schwester nicht länger auf die Folter zu spannen und ihr endlich zu antworten. Natürlich hat sie mir zwischenzeitlich drei weitere Nachrichten zukommen lassen. Ich sehe sie bildlich vor mir. Wie sie auf meiner Couch sitzt, Schokolade in sich hineinstopft und wie die Schlange vor ihrer Beute auf ihr Smartphone stiert, bis ich sie endlich erlöse und sie sich dann für mich den Kopf zerbrechen kann, wie es weitergeht. Sicherlich hat mein Schwesterherz damit gerechnet, dass ihr Kurztrip nach Boston eine willkommene Abwechslung sein wird, aber wohl kaum, dass ich sie mit einem derart aufregenden Leben überrasche. Ehrlich gesagt, wäre mir mein altes, vielleicht für Außenstehende etwas monoton wirkendes Leben tausendmal lieber als das hier. Aber aus dieser Nummer komme ich jetzt nicht mehr heraus. Das Einzige, was mir jetzt noch übrig bleibt, ist auf meinen Verdrängungsmechanismus zu setzen, mich in Aktivität zu stürzen und mir Ablenkungen zu suchen.

„Er ist es“, antworte ich Amy.

Es dauert gefühlt nicht eine Sekunde, bis eine Nachricht von Amy auf meinem Handy aufblinkt.

„Oh, oh, oh!!!“

Ich schüttele leicht mit dem Kopf. Ja, ein „Oh" ist das in der Tat, hilft mir aber auch gerade nicht weiter.

Ich warte, während ich auf mein Handy sehe.

Mit einem Vibrieren kündigt sich die nächste Mitteilung an.

„Wie hat er reagiert???“

Schnell fliegen meine Finger über die Tastatur meines Mobilgerätes.

„Ich bin mir nicht sicher, was ich von seiner Reaktion halten soll und ob das für ihn jetzt abgehakt ist.“

Prompt antwortet mir Amy.

„Weißt du, was ihn eure Treffen bedeutet haben? Hat er sich vielleicht mehr erhofft?“

Stöhnend fasse ich mir an die Stirn. „Ach, Amy“, sage ich leise, bevor ich eine weitere Mitteilung ins Handy tippe.

„Wir haben uns im Club nicht für romantische Momente getroffen, sondern schlicht und ergreifend um Sex zu haben. Glaubst du da wirklich, dass er sich von der Sache mehr versprochen hat? Ich glaube das auf jeden Fall nicht.“

Ungeduldig klopfe ich mit der Hand auf meine Schreibtischplatte. Ich wünschte, die größten Gefühlsverwirrungen hätte ich bereits hinter mich gebracht. Aber das wird vermutlich noch eine Weile dauern. Dummerweise werde ich den Verursacher meine Nervosität und Unruhe demnächst vielleicht sogar täglich zu Gesicht bekommen.

Mit einer leichten Vibration kündigt sich wieder eine Nachricht von Amy an.

„Du hast in den letzten Tagen glücklich gewirkt. Was auch immer das zwischen euch ist, es hat dir auf jeden Fall gutgetan.“

Ich muss grinsen, während ich ihr antworte.

„Sex ist eben manchmal die Lösung, wirkt entspannend und fördert die Ausschüttung von Glückshormonen.“

Ich habe mich seit meinen Treffen im Dark Room in der Tat herrlich entspannt gefühlt. Das Gefühl, das ich danach jedes Mal verspürt habe, werde ich definitiv vermissen. Jetzt muss ich mir ein anderes Mittel suchen, um nach Feierabend wieder herunterzukommen.

Mein Handydisplay leuchtet erneut auf.

„Dann weißt du, was du zu tun hast – dir einen neuen Liebhaber suchen. Aber ob jemand deinem Boss dabei das Wasser reichen kann, bleibt fraglich.“

Gleich darauf vibriert mein Smartphone wieder.

„Heute Abend machen wir uns zur Ablenkung einen richtigen Mädelsabend. Mit Serien, ungesunden Sachen zum Essen, Sekt und Rotwein und vielen lustigen Unterhaltungen.“

Ich schüttele den Kopf. Das ist mal wieder typisch Amy. Aber ich muss zugeben, dass sie das Leben in Augenblicken zu genießen versteht.
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