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Die Anzugschneiderin

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P18 / Het
Haruchiyo "Sanzu" Akashi
18.06.2022
05.08.2022
2
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05.08.2022 6.059
 
[ II/III ]
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Haruchiyo stellte den Motor ab und stieg aus dem Wagen.

Seine Augen erfassten sofort das bekannte, beschriftete Fensterglas deines Ateliers, in dem sich das Sonnenlicht spiegelte. Ein eigentümliches Kribbeln erwachte in seinen Gliedmaßen und wuchs an, je näher er der geöffneten Tür kam. Er blieb im Türrahmen stehen.

Du telefoniertest am Empfangstresen und schriebst parallel etwas nieder. Auf deinem Gesicht lag ein leichtes Lächeln. Vielleicht sprachst du mit einem anderen Kunden.

Er hatte in den vergangenen Wochen ab und zu an dich gedacht. Manchmal während der Arbeit, manchmal kurz vor dem Einschlafen. Nichts Unanständiges. Haruchiyo hatte sich vorgestellt, wie du emsig an seinem Anzug arbeitetest. Auch hatte er sich mehrfach das finale Exemplar ausgemalt, das er in deiner Gegenwart anprobierte. Es sah in seiner Vorstellung gut aus.

„Ich freue mich auf Sie. Bis nächste Woche!“

Du legtest auf und sahst sofort in seine Richtung. Das Lächeln verwandelte sich in ein Strahlen, das dein gesamtes Gesicht eroberte und seine Rippen kitzelte. „Guten Tag, Sanzu-san!“ Du tratst hinter dem Tresen hervor. „Kommen Sie rein.“

Du trugst wieder Rot. Der kirschrote Blazer kontrastierte mit dem schlichten weißen Oberteil darunter und die kirschrote Schlaghose schwang an den Hosenbeinen wie ein Gewand.

„Ich gehe davon aus, dass Sie für Anprobe Nummer zwei bereit sind. Wir können direkt loslegen.“ Du machtest eine Geste Richtung Nebenzimmer und gingst mit ausladenden Schritten voraus.

Er folgte dir und wagte es, deine Beine genauer in Augenschein zu nehmen. Die Schlaghose machte sie länger, schlanker. Seine Augen wollten zu deinem Hintern hochwandern, da wirbeltest du herum und sein Blick schoss unmittelbar zu dir empor.

„Da ist er!“, verkündetest du glücklich und mit einer feierlichen Geste.

Haruchiyo traute seinen Augen nicht. Da war er in der Tat: sein Anzug. Die Puppe trug Hemd, Kragen und Sakko und vor der Puppe hing auf einem Herrendiener, sorgfältig drapiert, die Hose.

Haruchiyo trat näher heran, um die einzelnen Kleidungsstücke zu inspizieren. Das Hemd war eine fast transparente Symphonie aus Lotusblättern und -blüten, die sich zärtlich aneinanderschmiegten. Der Sakko und die Hose mit ihren ungewöhnlichen Motiven wirkten wie gemalt.

Er streckte die Hand nach der Oberbekleidung aus und befühlte den Baumwollstoff mit Kaschmirbeimischung. Die edlen Fasern fühlten sich weich und leicht, aber dennoch robust gegen seine Fingerkuppen an. Du hattest ihm ein Kunstwerk geschneidert. Nun, fertiggeschneidert war der Anzug noch nicht. Ihm fehlten Knöpfe und Kragen.

Er machte keine Szene wie letztes Mal. Dass diese Teile heute fehlten, gehörte bestimmt zum Prozess dazu. Außerdem war er viel zu überwältigt von deinen Fertigkeiten, um sich künstlich aufzuregen.

„Mögen Sie ihn anprobieren?“, kam es aufgeregt aus deinem Mund und er hatte den Eindruck, dass du ein Jauchzen unterdrücktest. Dein Körper bebte erwartungsvoll. Du warst ja so scharf darauf, ihn in diesem Anzug zu sehen. Noch mehr als er selbst, wie es schien.

„Ich probiere ihn an, ja“, sagte er.

Haruchiyo zog in der Umkleidekabine Hose, Hemd und Sakko an und verschmolz auf der Stelle mit dem Anzug. Man spürte den Unterschied zur Kleidung von der Stange: Alles saß wie angegossen, passte auf jede Erhebung, auf jede Vertiefung. Die edlen Stoffe, die du laut eigenen Angaben aus den besten Webereien erworben hattest, schmiegten sich liebkosend an seine Haut.

Du harrtest mit gebührendem Abstand vor der Kabine aus. Als er den Umhang beiseiteschob, erblickte er dich mit vor dem Mund gefalteten Händen stehen, voller Hoffnung und Gespanntheit. Da packte ihn das Verlangen, dich zu ärgern. Dich eine Weile zappeln zu lassen, ehe er seine Meinung zu deinem Werk kundtat.

Mit zusammengezogenen Brauen und einem Strichmund betrachtete er sich im Spiegel. Der Anzug stand ihm.

„Wie gefällt er Ihnen?“, fragtest du bangend und sichtlich angespannt. Trotzdem bemühtest du dich um ein Lächeln.

Extra kritisch fuhr er erst über die eine, dann über die andere Schulter, während er feststellte, dass ihm das maßgeschneiderte Kleidungsstück schmeichelte.

„Sitzt es an den Schultern gut, Sanzu-san?“, wolltest du wissen.

Haruchiyo musste sich zwingen, nicht zu grinsen. Er beschloss, dich von der Ungewissheit zu befreien. „Er sitzt sehr gut, überall. Und er gefällt mir. Ich wüsste nicht, wo noch etwas verbessert werden sollte.“

Du formtest die Lippen zu einem O und atmetest leise, doch sichtlich erleichtert aus. „Das freut mich, das freut mich wirklich sehr!“

Obwohl aus seiner Sicht keine Änderungen vorgenommen werden mussten, prüftest du akribisch den Sitz deines Kunstwerks. Mit seinem Einverständnis fuhrst du konzentriert über einzelne Körperpartien, stelltest Fragen und machtest sporadisch Notizen.

„Sieht gut aus. Ich muss nur noch das Revers pikieren, den Kragen einsetzen und die Knopflöcher stechen. Die Krawatte darf natürlich nicht fehlen. Das Meiste davon werde ich per Hand machen, mit diesen Fingerchen“, erklärtest du und hobst die Hände, um spielerisch mit den Fingern zu wackeln.

Die Innenseiten deiner Hände waren von einem zarten Rosa. Sie wirkten rau, aber auch sanft. Arbeiterhände, die täglich gepflegt wurden, damit die Rauheit sie nicht völlig verschlang.

„Heute erfahren diese Prozeduren oft eine automatische Behandlung“, erklärtest du und legtest beide Hände über deine Brüste ab, „aber ich investiere in die Kleidung so viel Handarbeit wie nur möglich. Mein alter Herr würde das wollen, ich weiß das. Und auch ich denke, dass sich das so gehört. Das macht den Anzug nur noch mehr zu einem Unikat.“

Du fasstest den Anzug an seinem Körper mit einem träumerischen Blick und einem ebenso träumerischen Lächeln ein.

„Ist er schon lange tot?“, fragte Haruchiyo. Er wollte dich aus dem Zustand bringen, in dem du nur deine Stoffschöpfung sahst. Es gelang ihm, denn im nächsten Moment trafen sich eure Blicke.

„Drei Jahre.“ Du stecktest die Arme von dir und sahst nach oben, zur Decke. Vielleicht auch durch sie hindurch. „Er hat mir das alles hinterlassen. Ich will dieses Atelier am Leben erhalten. Sicher, ich habe meine eigenen Ideen und Vorstellungen. Und natürlich arbeite ich etwas anders. Aber die Philosophie, die will ich unbedingt erhalten. So bleibt mein Vater in meiner Nähe, auch wenn er nicht mehr da ist.“

Haruchiyo konnte sagen, dass du gerade in Erinnerungen versankst. Damit zögerte sich sein Aufenthalt hier hinaus. Aber er hatte nichts dagegen. Er hatte heute Zeit. Außerdem schaute er dich gerne an und wollte mehr über dich wissen.

„Ich wollte schon als Kind Schneiderin werden“, gestandest du ihm. „Es fing damit an, dass ich einzigartige Sachen tragen wollte. Das allermeiste, das ich heute trage, habe ich selbst gemacht.“

Haruchiyos anfängliche Vermutung, dass deine Kleidung maßgeschneidert war, hatte sich also bestätigt. Ob du nur Rottöne trugst? Oder war es Zufall, dass du stets Nuancen dieser Farbe anhattest, wenn er hier war? Jedenfalls standen sie dir. Du leuchtetest darin so schön. Mal wie eine Flamme, mal wie die Sonne, mal wie Blut.

„Eins führte zum anderen, ich ging bei meinem Vater in die Lehre und, ja. Jetzt bin ich hier.“ Du verschränktest die Arme vor der Brust und sahst dich abermals in dem Atelier um. „Es ist nicht einfach, das Atelier alleine zu führen. Aber ich bin gerne mein eigener Herr und nehme alle Mühen in Kauf.“

Haruchiyo kommentierte nichts von dem, was du sagtest. Seine Vermutung, dass du die Schneiderei alleine führtest, hatte sich bestätigt. Deine Leidenschaft war beeindruckend.

„Und Sie? Machen Sie auch das, was Sie immer schon machen wollten?“, fragtest du ihn heiter.

Haruchiyo musste über diese Frage nicht nachdenken. Er hatte seit jeher davon geträumt, Mikeys rechte Hand zu werden. Jetzt war er es. Mikey rechte Hand, Bontens Nummer zwei.

„Ich mache das, was ich schon immer machen wollte“, bestätigte er dir.

Du lächeltest ihn an und ihm wurde ganz warm.

„Das freut mich. Nun, ich möchte Sie nicht länger aufhalten. Ich habe Sie, glaube ich, genug mit meiner Biografie zugequatscht. Ich werde den Anzug bis übermorgen fertigstellen, wenn Sie wirklich keine weiteren Änderungswünsche haben.“

„Bis übermorgen?“ Das hieß, dass er ab übermorgen Besitzer eines exquisiten, maßgeschneiderten Anzugs werden würde. Zweifelsohne war das erfreulich. Ganz in seinem Interesse. Er hatte schließlich lange Wochen darauf gewartet, dass das hochwertige Stück fertig wurde. Doch hieß das nicht, dass er dich übermorgen das letzte Mal sehen würde?

„Sagen wir“, du schautest auf deine Armbanduhr und dann auf den Anzug, „gleiche Uhrzeit wie heute. Könnten Sie herkommen?“

Haruchiyo zog sein Handy aus der Westentasche und ging die Agenda für Übermorgen durch. Der Nachmittag war komplett frei. „Einverstanden.“

„Dann trage ich Sie gleich ein!“ Du klatschtest freudig in die Hände und maßt den Anzug von den Schultern bis zum Ende der Hosenbeine. „Ich kann es kaum erwarten, den Anzug im fertigen Zustand an Ihnen zu sehen. Sie können sich umziehen, wenn Sie mögen.“

Haruchiyo nahm deinen Vorschlag an und zog sich um. Du indes trugst ihn in deinen Terminkalender ein.

Übermorgen, überlegte er beim Falten der einzelnen Kleidungsstücke, die er dir kurz darauf überreichte, damit du sie wieder sorgfältig auf die Puppe hängen konntest.

„Ich gehe mit raus“, sagtest du, als ihr euch zum Foyer aufmachtet. „Ich brauche eine kleine Mittagspause. Essen und den Kopf ordentlich lüften.“ Du schnapptest eilig nach dem Atelierschlüssel, den du in einer Schublade des Empfangstresens aufbewahrtest, und tratst nach ihm in den späten Nachmittag hinaus.

Haruchiyo verabschiedete sich nicht sofort von dir. Der Schlüsselbund klimperte, als du erst die Tür abschlosst und dann die Vorbaurollade herunterzogst, um auch sie unten zu verschließen.

„Ich muss in die Richtung“, erklärtest du freundlich und deutetest nach links.

Und er musste zum Auto. Wenn er ein normaler Mann gewesen wäre, könnte er dich fragen, wohin genau du wolltest und ob er dich in seinem Auto mitnehmen konnte. Du warst sauber und kompakt und er müsste nicht befürchten, dass du dich in seinem Lexus unangemessen verhieltest. Aber er war kein normaler Mann.

„Ich habe meinen Wagen drüben geparkt.“ Er nickte mit seinem Kopf in die Richtung der Parkfläche.

„Ah“, machtest du und schautest kurz auf die andere Straßenseite. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag, Sanzu-san. Bis übermorgen.“ Du verbeugtest dich, machtest auf dem Absatz kehrt und schwebtest davon. Er schaute dir hinterher, bis du aus seinem Sichtfeld verschwandest. Dann peilte er die Parkfläche an.

Einen schönen Tag noch.

Haruchiyo setzte sich ans Lenkrad und sah auf seine Armbanduhr. Er würde es dir gleichtun und sich ein spätes Mittagessen einverleiben. Dann würde er nach Roppongi fahren und einen Abstecher in Rans Casino machen.


Fortuna.

Haruchiyo streifte die Buchstaben, die golden gegen einen schwarzen Hintergrund leuchteten, kurz mit dem Blick, bevor er das Casino betrat.

Rans Casino hatte vor einem halben Jahr seine Tore geöffnet. Er hatte es schlicht, aber effektiv nach der Glücksgöttin der römischen Mythologie benannt. Die Räume waren entsprechend gestaltet: Mit Säulen, Miniaturaquädukten, die von prachtvollen Fontänen abliefen, und Statuen römischer Götter. Die Sinne schaukelten im Duft von Lavendel, während die hohe Decke von prachtvollen Kristalllüstern illuminiert wurde.  

Die Abende in der Fortuna begannen in der Regel mit ein paar Runden Baccara oder Black Jack. Haruchiyo entschied sich heute für Black Jack.

Es schien ein simples Kartenspiel mit simplen Regeln zu sein: Den Dealer besiegen, indem man so nahe es ging an einundzwanzig Punkte herankam, ohne die einundzwanzig zu überschreiten. Tatsächlich war das Spiel mit seinen Regeln und Möglichkeiten, die die wenigsten ausschöpften, etwas kompliziert. Es war schwieriger als Baccara, bei dem man auf Spieler oder Bank setzte, sich entspannt zurücklehnte und den Dealer machen ließ. Doch verglichen mit Kalibern wie Roulette oder Poker war Black Jack ein mildes Spiel und eignete sich perfekt zum Aufwärmen.

An dem Tisch, den Haruchiyo anpeilte, wurde gerade nicht manipuliert. Hochrangige Bonten-Mitglieder wussten im Vergleich zur gewöhnlichen Klientel die geheimen Zeichen und Muster in der Nähe der Spieletisch zu deuten: Die Farbe der Krawatte, der Ohrschmuck, Ringe an den Fingern, Knöpfe an den Westen, minimale Veränderungen an der Dekoration. Der Dealer am Tisch trug seinen Ring am Mittelfinger. Das hieß, dass es da ehrlich zuging.

Haruchiyo setzte sich. Er war alleine am Tisch und wechselte ein paar kurze Worte mit dem jungen, adrett gekleideten Dealer, bevor es an die Karten ging.  

Haruchiyo war ein fähiger, erfahrener Spieler, dem das Glück auch noch hold war. Im Spiel brauchte er keine linke Unterstützung. Seine Verlustquote war gering. Ran passte das gut, denn wenn Haruchiyo sich erst einmal warmgespielt hatte, motivierte er die anderen Spieler dazu, an Fortunas Rad zu drehen.

Casinos waren genauso an Profit interessiert wie der Gast. Vielleicht sogar ein Stück mehr, denn im Casino sollte alles, von der glänzenden Ausstattung bis zum wohligen Duft, den Spieler dazu bringen, länger zu bleiben und viel zu spielen. Und da das Casino einem hochrangigen Bonten-Mitglied gehörte, war man umso mehr auf Profit aus.

Mit flüssigen Fingerbewegungen verteilte der Dealer die Karten auf der seidengrünen Unterlage. Vor Haruchiyo summierten sich über seinem Einsatz eine Acht und eine Zehn. Sein Gefühl riet ihm zu Stand. Er bewegte die Hand waagerecht durch die Luft, ein Zeichen dafür, dass er keine weitere Karte wollte.

Der Dealer nahm sich eine Karte. Eine zehn.

Haruchiyos Mundwinkel zuckten. Ah, sein Gefühl enttäuschte ihn selten. Der Dealer hatte mit der Karte eben die einundzwanzig Punkte überschritten.

Haruchiyo konzentrierte sich auf das Spiel, doch er merkte am Rande, wie sich links und rechts von ihm jeweils eine Person niederließ. Er schwenkte seinen Blick erst in die eine, dann in die andere Richtung. Links saß eine Frau, die er auf fünfzig schätzte. Ihre Falten waren gepflegt und ihr Hals war mit einer schimmernden Perlenkette geschmückt. Rechts von ihm verkündete ein gewöhnlich wirkender Typ seinen Einsatz. Haruchiyo hatte keine Probleme damit, wenn sich andere Spieler zu ihm an den Tisch gesellten, sofern sie ihm nicht zu nah auf die Pelle rückten.

Nachdem jeder Spieler seinen Einsatz getätigt hatte, machte sich der Dealer an seine Arbeit.

Die Karten sangen, die Jetons wanderten und es gesellten sich mehr Spieler dazu, bis der Tisch voll war. Bald bildete sich eine Traube an Zuschauern an dem Tisch.

Haruchiyo spürte deutlich die Anwesenheit von Männern und Frauen, die dem Geschehen passiv beiwohnten. Manche warteten, um einzusteigen; andere schauten zu, weil sie gerade selbst nicht spielen wollten, weil sie sich die Spielweise abschauen wollten oder weil sie abwogen, ob man auf einen Spieler seiner Wahl setzen konnte.

Haruchiyo ließ sich weder durch die Zuschauer noch durch seine Mitspieler beirren und auch nicht, als ihn ein dicker Typ mit Brille fragte, ob er auf ihn setzen könne.

„Versuch nur nicht, meine Entscheidungen zu beeinflussen. Das funktioniert nicht bei mir“, war das Einzige, was Haruchiyo dem Mann sagte. Und er hörte auf ihn, ohne eine Miene zu verziehen. Wahrscheinlich gehörte er zu den Menschen, die einen Top-Spieler bereits von Weitem erkannten.

Die Perlenkette war ein guter Black Jack-Spieler: Sie hatte eine Strategie, spielte konsistent und ließ sich durch Siege nicht dazu verleiten, unvernünftig mit ihren Einsätzen umzugehen. Damit stellte sie die anderen Spieler am Tisch in den Schatten – nach ihm, natürlich.

Nachdem Haruchiyo sich aufgewärmt hatte, ging es weiter mit Roulette und nach einer kurzen Badezimmer- und Getränkepause mit Craps. Auch wenn er Glücksspiele liebte, war die Luft am heutigen Abend schneller raus als sonst und ihn überkam das Verlangen, sich von der spielwütigen Menschenmeute zurückziehen.

Fortuna verfügte über zwei VIP-Lounges: Eine für Bonten-Mitglieder und eine für High Roller, die jeder Casinobesitzer hegte und pflegte. Schließlich spielten diese Menschen um hohe Summen.

Die VIP-Lounge für Bonten-Mitglieder lag im dritten Stock. Sie wurde von zwei Türstehern bewacht und zentrierte sich um die gigantische Fontäne der großen Spielhalle und war zum Casinogeschehen hin mit einer verspiegelten Glasfront ausgestattet.

Haruchiyo flanierte über den kondensmilchfarbenen Marmor, mit dem die gesamte Lounge ausgelegt war. Das Licht der Deckenlüster spiegelte sich kristallklar zu seinen Füßen und der Widerhall seiner Schritte verschmolz mit den zarten Tönen klassischer Musik, die ihn auf seinem Weg begleitete.

Hier und da standen unmittelbar vor der wandhohen Glasfront Spieltische und gewöhnliche Tische mit Stühlen. An den letzteren saßen Männer und Frauen mit Ferngläsern und Funkgeräten und kommunizierten mit ausgewählten Dealern an Spieltischen. Sie behielten von hier aus nicht nur die Karten, sondern auch die Spieler selbst im Blick.

Haruchiyo steuerte die Bar an und setzte sich mit Abstand zu zwei Männern, die in ein Gespräch über die Wahrscheinlichkeiten von Glücksspielen vertieft waren.

„Guten Abend, Sanzu-san. Wie immer?“, fragte wie weibliche Bedienung, als sie sich vor ihm auf den Tresen abstützte.

„Wie immer“, erwiderte Haruchiyo und bekam wenig später seinen Salty Dog, an dem er auch direkt nippte. Das Getränk im Highball-Glas, dessen Rand mit Salz garniert war, war von einem zarten Orange und schmeckte hier besonders gut: Frisch, leicht säuerlich, aber nicht zu säuerlich.

Die zwei Typen grüßten ihn unterwürfig und machten sich zum Gehen bereit. Dass er einschüchternd war, kam ihm zumindest in so einer Situation recht. So konnte er ungestört sein Getränk genießen.

Haruchiyos Finger trommelten leise gegen das Glas, während er den Tag Revue passieren ließ. Erst den Abend im Casino, dann die zweite Anprobe in deinem Atelier. Sein Körper reagierte auf die Erinnerung an dich mit einem Vibrieren, als hätte man eine Saite angeschlagen, die nun wild hin und her sprang.  

Auf einmal ertönten hinter ihm Schritte. Kurz darauf rückte in sein Sichtfeld ein fliederfarbener Anzug und ein Duft von dunkler Vanille und Patschuli stieg ihm in die Nase, der die tänzelnde Saite sofort zum Verstummen brachte. Es war Ran.

Haruchiyo konnte Ran besser leiden als Kakucho. Ihre Beziehung war dennoch rein kollegial und funktional. Die gesamte S-62 trug noch Izana im Herzen. Er wusste es. Und sein Gefühl sagte ihm, dass sie ihn verdächtigten, Mucho damals getötet zu haben.

„Braucht Mikey Me-Time?“, wollte Ran wissen und lehnte sich neben Haruchiyo gegen den Tresen.

Haruchiyo schielte kurz zu seinem Kollegen hinüber, antwortete jedoch nicht. Eine rhetorische Frage verlangte keine Antwort. Stattdessen nahm er einen weiteren Schluck von seinem Getränk.

Ran kicherte über Haruchiyos Schweigen. „Du hast da unten ernsthafte Konkurrenz, Sanzu“, sagte er unerwartet.

Haruchiyos Brauen schossen in die Höhe. „Konkurrenz? Was meinst du damit?“

Ran nickte geschmeidig in die Richtung der Glasfront, bevor er sich vom Tresen abstieß. Haruchiyo schnappte nach seinem Glas und ging hinter dem anderen her.

„Siehst du den Tisch links vom großen Lüster?“ Ran deutete in die besagte Richtung. „Der kahlköpfige Typ spielt gut. Hat tatsächlich ein paar Dealer abgezockt, die mit Manipulation arbeiten. Schon sehr beeindruckend. Vielleicht willst du gegen ihn spielen.“

Haruchiyo führte das Glas zu seinem Mund. Wartete da unten auf ihn ein würdiger Gegner? An dem Tisch links vom großen Lüster wurde Roulette gespielt.

Während Haruchiyo darüber grübelte, ob er sich wieder nach unten begeben wollte, ließ er seinen Blick über die Menge von Menschen wandern, die ihr Glück an anderen Tischen versuchten.

Plötzlich blieb er an der Farbe Rot hängen. Haarwellen flossen über den rot gekleideten Rücken wie Seide. Er stutzte. Warst das etwa du da unten? Er verzog die Augen zu Schlitzen in der Hoffnung, besser sehen zu können.

Die Farbnuance stimmte absolut, Frisuren waren wandelbar.

All die Farben und all der Glanz um das Rot verblassten, je länger er starrte. Indes gewann das Rot an Intensität, so als hätte das knöchellange Kleid jede andere Farbe und jeden Reflex um sich herum aufgesogen.

Nein.

Das konntest unmöglich du sein. Du in einem Casino? Vielmehr machtest du den Eindruck, ein fleißiges Bienchen zu sein, das von morgens bis abends arbeitete und seiner Berufung – dem Schneidern –  nachging, um sich übers Wasser zu halten. In einem Casino konnte man innerhalb weniger Minuten, ach was, Sekunden alles verlieren. Nein, das würdest du nicht riskieren. So schätzte er dich ein.

Obwohl Haruchiyo sich argumentativ einredete, dass das nicht du warst, war da ein Teil in ihm, der das Gegenteil glaubte. Es zog ihn nach unten, zu dem Rot und den seidenen Wellen. Haruchiyo hatte die leise Hoffnung, dass er dich außerhalb des Ateliers treffen konnte. Er wusste nicht, was er dir sagen würde. Vielleicht würdest du ja zuerst etwas sagen. Haruchiyo hoffte es. Mit Frauen zu reden war schon immer schwierig gewesen.

Ran begann wieder zu reden. Haruchiyo filterte die ersten Worte heraus: Roulette, Einsatz, Dealer. Das alles war gerade nicht so wichtig.

Er sah plötzlich, wie sich das Rot durch die Menschenmenge Richtung Ausgang bewegte. Es war nicht ganz dein Gang, aber soweit er das von hier oben beurteilen konnte, waren sehr hohe Absätze im Spiel. Das veränderte nicht nur die Körpergröße, sondern auch die Gangart und die allgemeine Ausstrahlung.

Haruchiyo riss sich von dem Anblick, nur um den Rest seines Salty Dog herunterzuschlucken.

„Oi, Sanzu, wo willst du hin?“

Haruchiyo antwortete nicht. Er stellte im Vorbeigehen sein Glas auf den Tresen und nahm im nächsten Moment die Treppe zur tiefliegenden Ebene. Mit schnellen Schritten stieg er herunter; das Herz Polterte seine Rippen im gleichen Rhythmus auf und ab.

Unten orientierte er sich und sah zwischen den monochromen Kleidern und Anzügen die Farbe Rot. Haruchiyo strebte danach, während er die anderen Casinogäste, die im in die Quere kamen, zur Seite schob. Er scherte sich nicht um die schiefen Blicke und das empörte Einatmen.

Das Rot und die Seide, die sich im Lichterglanz wog, kamen näher. Immer näher und näher, sein Herz dröhnte immer lauter in seinen Ohren – und plötzlich kamen sie zum Stillstand. Die Haare schwangen zur Seite und offenbarten ein weiches Frauenprofil. Haruchiyo stoppte.

Es war nicht die Form deiner Brauen. Es waren nicht deine Augen. Es war nicht deine Nase und nicht dein Mund. Diese Frau sah nicht schlecht aus, aber sie war nicht du. Eine Welle der Enttäuschung schwappte über sein Herz und begrub die Aufregung wie ein Schiff.

Die Frau winkte jemandem zu, bevor sie ihre ursprüngliche Route änderte. Haruchiyo dagegen blieb zwischen den blinkenden, singenden Spielautomaten des Eingangsbereichs stehen.

Er fühlte sich wie der letzte Idiot. Konnte Mikey ihn nicht anrufen und ihm etwas in Auftrag geben? Dann hätte er seine Gedanken umgehend auf Mikeys Wünsche gelenkt und müsste nicht über diese Peinlichkeit denken.

Unzufrieden legte er das Gesicht in die Hand und schnaubte. Und nun? Haruchiyo ließ die Hand sinken und sah sich um. Die summenden Automaten gingen ihm auf den Geist. Er musste sich eine Beschäftigung suchen, bis Mikey sich bei ihm meldete. Oder eben wer anders. Auf das Casino hatte er keine Lust mehr. Zum Teufel mit dem Glückspilz, der Rans Dealer gerade erfolgreich abzockte.

Ohne einen Plan verließ Haruchiyo die Fortuna und hielt unweit des Einganges an, um über den weiteren Verlauf des Abends zu sinnieren. Vielleicht könnte er illegalen Autorennen beiwohnen. Früher war er selbst über nachtverlassene Autobahnen gerast. Heute war das nicht mehr so reizvoll … Zusehen eigentlich auch nicht mehr.  

Haruchiyo steckte die Hände in die Hosentaschen und verzog den Mund. Irgendetwas musste es doch geben, womit er den Abend ausklingen lassen konnte.

Was du wohl gerade tatest? Warst du noch im Atelier bei hellem Lampenlicht, ausgestattet mit einer Nadel oder an einer Nähmaschine sitzend? Hattest du dich vielleicht schon schlafen gelegt? Was tatest du, wenn du nicht arbeitetest?

Das wiederholte Klacken von Absätzen ertönt hinter ihm. Es kam immer näher und als Haruchiyo sich umdrehte, sah er die Frau, die ihm beim Black Jack Gesellschaft geleistet hatte. Zwischen ihren Zeige- und Mittelfinger brannte eine lange, dünne Zigarette.

Die Perlenkette blieb eine gute Armlänge von ihm entfernt stehen. „Hast du heute Abend etwas vor, junger Mann?“, fragte sie ihn mit ihrer samtigen Stimme.

Er begriff sofort, worauf sie anspielte. Da sie ein würdiger Spieler gewesen war, antwortete er noch recht respektvoll: „Ältere Frauen sind nicht mein Geschmack. Und Raucherinnen ebenfalls nicht.“

Die Frau lächelte schmal und mit einem leisen, enttäuschten Schnauben, bevor sie seelenruhig an der Zigarette zog. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend.“

„Gleichfalls“, erwiderte Haruchiyo trocken. Er wartete, bis der Klang ihrer Schuhe sich im Stimmengewirr und in der Musik verlor, bevor er sich entschied, den nächsten Taxistand aufzusuchen.

Er würde nach Hause fahren und den Abend bei einem Whiskey und Magazin oder Buch ausklingen lassen.


„Ich denke, Sie werden begeistert sein.“

In deinem rubinroten Oberteil mit den weiten Ärmeln flattertest du die Treppenstufen hoch und er sah dir nach wie einem schönen Schmetterling, der ihm vorausflog. Du warfst ihm einen erwartungsvollen Blick zu, bevor du deine Füße wieder in Bewegung setztest.

Haruchiyo folgte dir. Ihm war, als würdest du ihn in eine geheimnisvolle Welt ziehen wollen, die bisher nur du kanntest. Wenn er so darüber nachdachte … Dieses Atelier war in der Tat deine eigene Welt.

Seinen fertigen Anzug mit Knöpfen, Kragen und Seidenkrawatte zu sehen, bescherte ihm kein neues Hochgefühl. Du jedoch warst hin und weg. Mit seiner Erlaubnis strichst du über Falten, korrigiertest Sitze, prüftest alles noch einmal auf Herz und Nieren. Deine Berührungen waren mal ein leichter Hauch, mal spürte er deine Finger deutlich.

Er wollte gar nicht, dass du aufhörtest, ihn zu berühren. Aber du hörtest damit auf und stelltest dich vor ihn. Deine Züge waren in einer seligen Zufriedenheit eingebettet.

„Schauen Sie sich das an.“ Deine Augen funkelten. Wie Sterne. Aber sie sogen den Anzug ein wie ein schwarzes Loch. Deine leicht geöffneten, geschminkten Lippen waren wie schimmerndes Glas. Du warst schön. Er konnte den Blick nicht von dir nehmen.

Haruchiyo stand in deinem Atelier. Aber in diesem Moment war ihm plötzlich, als wäre er nach Hause gekommen. Aus der klirrenden, beißenden Kälte hinein in einen Raum, in dem ein heimeliges Feuer knisternd brannte. Ein warmes Feuer, an dem er sich nicht verbrennen konnte.

Du tratst näher an ihn heran, den Fokus noch immer auf das von dir geschneiderten Kleidungsstück gerichtet. Warum sahst du ihn nicht an?

„Ich mag es. Ich mag es sehr“, flüstertest du, als sprächest du nicht zu ihm, sondern direkt mit den feinen Fasern, aus welchen sein Aufzug bestand. „An Ihnen sieht er fantastisch aus. Ich denke, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das der beste Anzug ist, den ich je geschneidert habe.“

Deine Hände berührten seine Brust nicht. Doch seine Rippen wurden warm.

Ganz entrückt standest du da, ließt deine Hände durch die Luft auf Höhe seiner Schultern wandern, als wolltest du das Kleidungsstück scannen. Seine Rippen indes wurden heiß, so unglaublich heiß, dass sie anfingen zu schmelzen. Sein gesamter Brustkorb schmolz unter der Wärme deiner Hände wie unter einer heißen Flamme. Es war das erste Mal, dass es ihm so erging. Es war komisch. Aber er mochte es.

Endlich hobst du die Wimpern und eure Augen trafen sich. Für einen Augenblick war es, als hätte die Welt ihren Atem angehalten. Ihr saht einander an. Dann huschte über dein Gesicht ein Ausdruck, den er nicht deuten konnte. Du blinzeltest. Am Rande sah er, wie sich deine Ohren rot färbten. Du zogst die Hände zurück und sein erster Impuls war es, nach ihnen zu greifen.

Er tat es nicht. Haruchiyo bereute und er bereute nicht. Ganz wie die Saite eines Zupfinstruments, die hin und her schwang.

Du machtest einen Schritt zurück und strichst dir verlegen durch die Haare.

„Entschuldigung“, murmeltest du. „Es ist mit mir etwas durchgegangen.“

Haruchiyo musste sich zwingen, seine Augen von dir zu nehmen. Er wusste nicht, was er erwidern sollte. Also schwieg er.

„Was sagen Sie? Gefällt er Ihnen?“ Hoffnungsvoll sahst du ihn an. „Wenn ich Verbesserungen vornehmen soll, dann sagen Sie mir Bescheid.“

„Er gefällt mir.“ Haruchiyo drehte sich nicht nochmal nach dem Spiegel um. Er hatte den Anzug bereits von allen Seiten begutachtet und wollte lieber dich anschauen. Außerdem war ihm anhand deiner Reaktion klar, dass der Anzug in deinen Augen perfekt war. Somit stellte er auch für ihn Perfektion dar. „Ich habe keine Verbesserungsvorschläge. Es passt alles.“

„Das freut mich! Sie können ihn sofort mitnehmen.“

Sofort mitnehmen. Das hieß, den Anzug mitnehmen, dein Atelier verlassen und höchstens nur dann zurückkehren, wenn der Gedanke über ihn käme, sich noch einen Maßanzug von dir anfertigen zu lassen. Er hatte gerade keine Ideen für einen neuen Anzug. Geld hatte er dagegen genug.

„Wären Sie einverstanden, wenn ich Sie vorher noch fotografieren würde? Für meine Website. Was sagen Sie?“

„Lieber nicht“, blockte Haruchiyo ab und beobachtete, wie die Enttäuschung deine Augen trübte und deine Mundwinkel herunterzerrte. Es war nur zu deinem Besten. Einen Kriminellen auf seiner Website zu verewigen, war unklug, auch in Teilen. Haruchiyo konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal so viele Gedanken um jemandes Wohlergehen abseits von Mikey gemacht hatte.

In deine Augen kehrte wieder ein Strahlen ein und deine Mundwinkel zuckten. Du faltetest die Hände in der Luft und zwinkertest ihm zu. „Dürfte ich Sie dann für mein persönliches Portfolio ablichten?“

„Persönliches Portfolio?“, fragte Haruchiyo stirnrunzelnd nach.

„Mhm!“, machtest du vergnügt. „Ich habe ein Album mit meinen Lieblingsprojekten. Nur wenn Sie nichts dagegen haben, versteht sich.“

Du würdest etwas von ihm haben, wenn er sich einverstanden erklärte. Und was hätte er von dir? Den Anzug. Und sonst? Nichts. Nach einem fairen Deal klang das nicht. Doch rigoros abschlagen konnte er dir nicht, nicht, wenn du die gläsernen Lippen hoffnungsvoll kräuseltest und ihn mit leuchtenden Augen beschienst.

„Meinetwegen, wenn’s schnell geht.“

„Ich hole eben schnell mein Handy!“

Du rauschtest an ihm vorbei und dein Duft streifte ihn wie eine sanfte Brise. Nur ein paar Sekunden später warst du wieder zurück und begannst damit, ihm Anweisungen für Posen zu geben.

„Ich denke, das dürfte reichen“, sagtest du, nachdem du etwa sechs Fotos geschossen hattest.

Du stelltest dich neben ihn, um ihm die gemachten Bilder zu zeigen. Die Fotos waren ansehnlich. Du hattest ein Händchen dafür, Leute in Posen zu bringen, bei denen man die Vorzüge des Anzuges sah. Auch die Winkel waren gelungen. Vielleicht gehörte Fotografieren zu deinen Hobbys.

Haruchiyos Blick löste sich nach dem dritten Foto vom Display. Er folgte der Kontur deines Zeigefingers deinen Arm hinauf, erklomm deine Schulter und verharrte auf deinem Halbprofil. Deine Augen ruhten auf dem Display. Deine schimmernden Lippen bewegten sich. Du warst wirklich, wirklich schön.

Er wollte dich küssen. Wahrscheinlich hatte der Lippenstift, den du trugst, eine ekelhafte Konsistenz und schmeckte nicht besonders gut. Aber er wäre bereit, beides in Kauf zu nehmen, wenn er seine Lippen nur kurz auf deine legen könnte.

Eine Haarsträhne löste sich hinter deinem Ohr, glitt über die Ohrschmul und streifte deine Wange. Haruchiyo überkam das Verlangen, dir die Strähne wieder hinter das Ohr zurückzuschieben. Um dich wieder besser sehen zu können. Um deine Haut mit seinen Fingern hauchzart zu streifen.

Er tat es nicht.

„Sie haben schöne Augen“, kommentiertest du aus dem Nichts heraus. „Blaugrün.“

Haruchiyo blinzelte.

Blaugrün.

Haruchiyo hatte sich als Kind oft gefragt, welche Farbe seine Augen eigentlich hatten. Waren sie grünblau oder blaugrün? Er hatte von anderen Menschen verschiedene Antworten erhalten. Manche hatten nur blau oder grün ohne irgendwelche Nuancen gesehen. Er vertraute deiner Wahrnehmung. Seine Augen waren also blaugrün.

„Sie wirken kalt, aber traurig“, sagtest du gedankenverloren.

Traurig?

Haruchiyo untersuchte dein Halbprofil: Du warst sein in die Abbildung seines Gesichts versunken. In seinen Augen.

„Lass das“, kam es verspätet von ihm. Seine Stimme war gedämpft, fast leise. Abermals stießt du ihn vor den Kopf. Beim Besprechungstermin hattest du ihm gesagt, er sei ein sanfter Mann. Und dass er schönes Haar hatte, beneidenswert schönes Haar. Nun behauptetest du, seine Augen seien traurig. Er sah nur die scharfen Augen eines Mannes, der Verräter richtete.

Du löstest dich von deinem Handy. „Was soll ich lassen?“, fragtest du verwirrt.

Es war eine Frage, auf die er keine Antwort hatte. Ja, was solltest du eigentlich lassen?

„Oh.“ Du wurdest rot, krebsrot bis auf die Ohren. „Ohhh, entschuldigen Sie, ich habe laut gedacht, nicht wahr? Ich habe laut gedacht. Ich wollte Sie nicht kränken, Sanzu-san!“

Er hätte vermutet, dass du ihn auf den Arm nehmen wolltest, hättest du nicht angefangen, dich inbrünstig zu entschuldigen und dich zu verbeugen.

„Ich bin nicht gekränkt“, stellte er zischend klar, um dich zum Schweigen zu bringen. „Sprich lieber nicht alles aus, was du denkst.“

Nervös strichst du dir mit einer Hand über die Haare, während die andere noch immer das Handy festhielt. „Es tut mir sehr leid“, wiederholtest du ein letztes Mal, ehe du tief Luft holtest und wieder ein Lächeln in dein Gesicht zurückbrachtest. Es war wackelig. „Wie gefallen Ihnen die Bilder? Können Sie guten Gewissens zulassen, dass ich über Sie verfüge?“

„Ist in Ordnung“, ließ er dich wissen.

Deine Mundwinkel wanderten ein Stückweit nach oben und zogen das Lächeln stramm. Für den Bruchteil einer Sekunde erfasstest du seine Narben und ein merkwürdiges Gefühl schoss ihm durch die Brust. Das hast du bisher keinmal getan. Warum jetzt, ausgerechnet beim letzten Termin?

Ihr schwiegt. Woran dachtest du? Genau wie am allerersten Tag wünschte er, dass er hinter deine Stirn schauen konnte. Vor allem wünschte er, er könnte in Erfahrung bringen, wie du ihn sahst. Im Ganzen, nicht in Fragmenten. Andererseits war da die leise Befürchtung, dass seine Narben dich abstießen. Das könnte er nicht aushalten.

„Uhm“, brachst du das Schweigen, „soll ich Ihnen den Anzug abholbereit machen, Sanzu-san?“

Es waren die letzten Momente, die ihr miteinander hattet. „Ja, das wäre gut.“ Und das war auch gut so. Du strapaziertest seine Nerven mit deinen Komplimenten und deiner Direktheit und hattest bereits zu viel Platz in seinem Kopf eingenommen. So sehr, dass er irgendwelche Frauen im Casino mit dir verwechselte.

„Bitte warten Sie hier. Sie können sich setzen, wenn Sie mögen.“

„Ich stehe. Das dauert hoffentlich nicht lange“, formulierte Haruchiyo fordernd. Er sah noch, wie die Unsicherheit deine Züge einnahm, bevor du tief nicktest und an ihm vorbeigingst.

Ah, dieses schlechte Gewissen, das sich durch seine Brust fraß wie ein Schädling … Doch es musste sein.

Hinter seinem Rücken raschelten Stoff und Plastik. Haruchiyo steckte die Hände in die Hosentaschen und starrte auf das dunkle Parkett zu seinen Füßen.

Du warst eine normale – wenn auch eigenartige – Frau. Er war ein gefährlicher Mann. Ein sehr gefährlicher Mann. Die Nummer zwei einer jungen kriminellen Organisation, die bald ganz Japan seinen Atem nehmen würde. Mord. Drogen. Prostitution. Haruchiyo führte kein normales Leben. Ihr passtet nicht zueinander.

„Bitte schön.“

Der Anzug floss funkelnd und raschelnd über deine Arme. Er nahm das Kleidungsstück und die separat in einem winzigen Karton untergebrachte Krawatte entgegen. Eure Finger berührten sich. Das elektrisierende Gefühl, das Haruchiyo über die Wirbelsäule rann, war gewaltig. Er ignorierte die kribbeligen Nachwehen dieses Gefühls in seinem Magen und seiner Brust und sagte: „Dann will ich zahlen.“

„Selbstverständlich. Gerne. Ich habe die End-Rechnung bereits vorbereitet.“

Haruchiyos gesamter Körper kam ihm eigentümlich schwer vor, als er dir zum Tresen folgte. Schweigsam wartete er darauf, dass du ihm den Endbetrag nanntest, den er zu leisten hatte.

Er hatte hinreichend Bargeld dabei. Bargeld war im Vergleich zur Kartenzahlung unhygienischer, aber es war besser, wenn Menschen wie er bar bezahlten. Auf diese Weise minimierte man das Risiko der Nachverfolgung.

„Haben Sie keine Angst, dass Sie ausgeraubt werden?“, fragtest du aufrichtig besorgt, als du ihm drei Noten mit dem Zeigefinger zuschobst. „Das sind dreitausend zu viel, Sanzu-san.“

„Es sind nicht zu viel“, erwiderte er ungerührt und schob die drei Tausend-Yen-Scheine zu dir zurück. „Und nein, ich habe keine Angst, so viel Bargeld mit mir zu tragen.“

Du betrachtetest den Fuji und die Kirschblüten, die auf der Rückseite der oberen Note prangten, und lächeltest zurückhaltend. „Danke. Sie sind sehr gütig.“

Nur Mikey und dir gegenüber, dachte Haruchiyo. Er behielt diesen Gedanken bei sich und ließ sich von dir zum Ausgang komplimentieren.

„Auf Wiedersehen, Sanzu-san“, sagtest du zu ihm an der geöffneten Tür. „Ich würde mich freuen, wenn ich irgendwann an einem neuen Anzug für Sie arbeiten kann.“

Du beleuchtetest ihn mit einem derart warmen Blick, dass seine Brust wieder anfing zu schmelzen. Haruchiyo wusste nicht, was er erwidern sollte. Deshalb nickte er einfach, bevor er sich Richtung Auto aufmachte. Er drehte sich nicht nach dir um.  

Nachdem er seinen Anzug sorgfältig auf dem Rücksitz untergebracht hatte, setzte er sich ans Lenkrad und starrte auf das glänzende stilisierte L vor sich. Dein strahlendes Gesicht tauchte vor seinem inneren Auge auf und füllte seine Brust mit einer angenehmen Wärme.

Unglaublich, was du mit ihm machtest, obwohl du meterweit entfernt warst. Und mit einem Mal wirbelten all die Dinge, die zu ihm gesagt hattest, in seinem Kopf durcheinander wie klirrende, funkelnde Murmeln.

Ein sanfter Mann. Beneidenswert schönes Haar. Traurige Augen.

Haruchiyo knirschte mit den Zähnen und fassten fahrig nach der Sonnenblende über ihm. Er klappte sie herunter, schob die Spiegelabdeckung beiseite und begegnete seiner Reflektion: volle Brauen, dichte Wimpern, blaugrüne Iriden. Haruchiyo bewegte sein Gesicht näher zum Spiegel und begutachtete sich von links und rechts, bevor er die Sonnenblende wieder hochklappte und aufgebracht den Motor anwarf.

Jetzt. Jetzt waren seine Augen traurig.
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