Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die goldene Farbe in meiner Brust

von kweenron
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Het
18.06.2022
18.06.2022
1
7.252
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
18.06.2022 7.252
 
„Hast du heute gegessen?“

„Ja.“

„Was hattest du?“

„Frühstück und Mittagessen. Abendessen ist in einer Stunde.“ Seine Stimme ist monoton, wie immer. Er hasst diese Gespräche und das ist mir bewusst. Trotzdem besteht Ryzek darauf. Und wer waren wir, ihm zu widersprechen?

„Und warst du auf der Toilette?“

„Ich bin nicht bescheuert.“ Vas fährt sich durch die dunkelbraunen Haare. Im Gegensatz zu unserem Herrscher mit seinem bleichen Aussehen, ist seine Haut gebräunt und seine Augen leuchten golden. Gerade zu dieser Stunde, wo die Sonne tief steht und alles in ein warmes Licht taucht, scheinen sie alles zu überstrahlen.

„Mir macht das genau so viel Spaß wie dir“, meine ich mit sarkastischem Ton. Vas kennt den nächsten Teil, also legt er seinen Mantel ab und streckt mir bereitwillig den Arm hin. Er meidet meinen Blick und senkt den Kopf, was einen Schatten über seine Augen legt. Sie verlieren etwas von ihrem Strahlen.

Routiniert taste ich seine Arme ab und fahre dann über seine Schultern. Jeden anderen Patienten würde ich fragen, ob er Schmerzen empfindet, aber bei Vas ist das anders. Er spürt keine Schmerzen. Er spürt körperlich gar nichts. Keinen Schmerz. Keinen Hunger. Keinen Durst. Keinen Harndrang. Ihm könnte der Magen explodieren und er würde es nicht merken. Seine Lunge könnte sich entzünde und er könnte langsam daran sterben, ohne es zu ahnen.

Zwar macht ihn seine Gabe zu Ryzek Noavek‘s bester Waffe, aber sie macht ihn auch unglaublich verletzlich. Deshalb hat unser Herrscher ihm und mir aufgetragen uns täglich zu treffen, damit ich ihn untersuchen kann. Vas mag einer unserer besten Krieger sein, aber es war meine Aufgabe sicher zu stellen, dass es ihm gut geht. Vas hasst das. Ich weiß, dass es ihn lästig ist. Wahrscheinlich verletzt es sein Ego. Deshalb kann er mich auch nicht ansehen, als ich mich vor ihn knie und beginne seine Beine nach Brüchen abzutasten.

Nachdem ich das mental von meiner Liste streichen kann, halte ich ein kleines Gerät vor seinen Kopf, das seine Temperatur aufnimmt und gleichzeitig seinen Plus misst - auch das liegt im grünen Bereich. Bei den meisten dieser Untersuchungen stelle ich keine Verletzungen fest und lasse ihn wieder gehen. So auch heute.

„Bis morgen, Vas.“

„Kann es nicht erwarten.“

~ ~ ~

Eine Woche später sitzt Vas wieder vor mir und sieht aus dem Fenster, während die Abendsonne seiner Haut einen goldbraunen Glanz gibt. Und obwohl der Anblick nicht ablehnend ist, wird mein Blick von etwas anderem angezogen. „Mit wem hast du dich geprügelt?“

„Niemandem“, antwortet er, aber ich kann sehen dass sein Handgelenk verstaucht ist. Es ist angeschwollen und wird schon lila. Ich nehme es in meine Hände und drehe es vorsichtig - normale Menschen würden vor Schmerz zusammen zucken.
Jemanden zu untersuchen der weder Schmerz, noch Fieber oder Übelkeit spürt unterscheidet sich sehr von der Untersuchung anderer Patienten. Aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Mich um Vas zu kümmern ist zu meiner Hauptaufgabe geworden und hat vor allem anderen höchste Priorität.

„Guter Witz.“ Ich hole einen stützenden Verband aus einem der Schränke.

„Das ist nicht nötig.“ Widerspruch habe ich erwartet. Den bringt er mir jedes Mal entgegen. Für einen solch rücksichtslosen Krieger ist sein Ego sehr fragil. Ich habe keine Ahnung warum er glaubt hier den starken Kerl abgeben zu müssen. Ich bin es gewöhnt Soldaten verletzlich zu sehen. Einige seiner Freunde habe ich eigenhändig zusammen geflickt. Er macht meinen Job härter als er sein muss.
„Wollen wir diese Diskussion wirklich wieder durchgehen?“ Ich will seinen Arm wieder greifen, doch er zieht ihn zurück wie ein kleines Kind, das sich etwas auf die Haut gekritzelt hat. „Wirklich?“
„Ich brauche das nicht.“

„Es mag dir keine Schmerzen bereiten, aber eine Verstauchung muss man trotzdem behandeln.“ Ich stemme die Hände in die Hüfte. „Wird eine Distortion nicht ausreichend behandelt“, beginne ich aus dem Lehrbuch zu zitieren, „können die Gelenke in der Zukunft weniger stabil sein und die Verletzung erneut schneller auftreten. Zudem können die Bänder wiederholt überdehnen und dadurch ausleihern.“  Sein Blick bleibt zurückhaltend, fast trotzig. „Stell dir vor Ryzek wird angegriffen und dir fällt das Schwert aus der Hand.“ Solch ein Spruch hilft immer. Auch heute überzeugt er ihn - zumindest weit genug um mir den Arm hin zu halten. Ich verbinde es sorgfältig und fülle danach ein Gel in eine kleine Dose ab. „Verteil das auf dem Handgelenk bevor du schlafen gehst. Morgen früh kommst du wieder vorbei und ich gebe dir eine Schiene mir, die du selbst anlegen kannst.“

„Das klingt wahrlich traumhaft.“ Natürlich tut es das. Ich kann es selbst kaum erwarten.

~ ~ ~

„Ich verstehe einfach nicht, warum er sich nicht helfen lassen will“, fluche ich am nächsten Morgen, aber meine Kollegin lacht nur.
„Du weißt doch, wie Soldaten sind. Das sind alles Sturköpfe.“
„Idioten, wenn du mich fragst.“
Sie kicherte und knuffte meine Schulter. „Feela!“
„Du weißt, dass es die Wahrheit ist! Manchmal kommen sie erst her, wenn sich ihre Wunden entzündet haben und was einmal ein relativ harmloser Schnitt war, wird ein ernstes Problem mit dem wir Wochen lang zu tun haben.“

„Ich glaube, das ist so ein Ego-Ding“, meint Niemez Schulter zuckend. „Nach dem Motto „Oh, schaut Mal wie hart im Nehmen ich bin.“ oder so. Die müssen einander etwas beweisen und wissen nicht, auf welch andere Weise sie das tun können.“
„Ich wünschte nur, ich könnte verstehen, was sie damit bezwecken wollen. Ryzek wird sie wohl kaum in seine Leibgarde benennen, wenn sie sich bei jeder Schlacht fast umbringen und selbst Trainingswunden zu einem Problem werden. Manchen von den Idioten bekommen es ja nicht einmal hin ihre frisch geschnittenen Tötungsmale sauber zu halten.“

„Na habe ich ein Glück dein Lieblingsidiot zu sein.“ Wir zucken beide auf Vas‘ tiefe Stimme hin zusammen. Zum ersten Mal sehe ich ein Schmunzeln auf seinen Lippen. Er lehnt im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Merkwürdigerweise fällt mir trotzdem sofort auf, wie schlampig der Verband um sein Handgelenk gewickelt ist. „Guten Morgen, Feela.“ Ich glaube, ich habe ihn noch nie meinen Namen aussprechen hören.

Niemez neben mir räuspert sich verlegen und dreht ihm wieder den Rücken zu.
Meine Wangen werden heiß und knallrot. „Morgen, Vas.“ Ich verfluche mich innerlich und meide seinen Blick, als ich in das Behandlungszimmer schlurfe.

Seine Haltung ist das komplette Gegenteil zu sonst. Er hockt sich auf den Tisch und lehnt sich zurück, wobei er sich mit den Armen hinter sich abstützt. Ich will die Augen verdrehen als ich sehe, wie sich sein Handgelenk dabei biegt. Das Schmunzeln ist zu einem breiten Grinsen geworden. Ist er am Morgen immer so gut drauf? Sehe ich abends immer nur den Vas, der grummelig wird, wenn er müde und geschafft ist?

Ich lege die Schiene, die ich gestern vorbereitet habe, und eine Art dünnes Schweißband neben ihm ab, sowie das Gel, das ich ihm bereits gestern mitgegeben hatte. Anschließend hebe ich die Hand auffordernd vor ihn. Irgendwie schaffe ich es nicht ihn anzusehen. Die Scharm darüber, dass er gehört hatte, wie ich mich über ihn beschwert habe, ist zu groß.

„Kein Grund schüchtern zu werden“, meint er locker und reicht mir bereitwillig den Arm. „Mir war schon klar dass ich dein Lieblingspatient bin.“
„Gibt nichts besseres als ein großgewachsenes Kind zu behandeln“, murmle ich. Auf sein „Hm?“ schiebe ich ein schnelles „Nichts.“ hinterher. Auch wenn ich mir sicher bin, dass er mich verstanden hat.

Den Verband, den er sich gestern - grauenhaft - selbst angelegt hat wickele ich ab und reibe sein Handgelenk dann wieder mit dem Gel ein. Obwohl wir es als Schmerzgel bezeichnen, lindert es auch Entzündungen. „Das trägst du jeden Morgen auf“, erkläre ich. „Dann ziehst du das hier über.“ Ich streife den Stoffschlauch über seine Hand. „Das verhindert, dass die Schiene das ganze Gel aufnimmt.“
Danach erkläre ich ihm, wie er die Schiene richtig anlegt. Eigentlich ist das idiotensicher, aber... Vas Kuzar ist bekanntlich ein Idiot.

„Wir sehen uns dann heute Abend wieder.“ Ich drehe ihm den Rücken zu und tue so, als wäre ich unglaublich damit beschäftigt den gebrauchten Verband zusammen zu rollen, während er aufsteht und zur Tür geht. Ich kann hören, wie er die Türklinke herunter drückt und die Tür leise quietscht, als er sie öffnet. Aber er geht nicht hinaus.

„Hey.“ Ein schelmisches Lächeln liegt auf seinen Zügen. Beinahe wirkt er jungenhaft. „Ich freue mich drauf.“ Mit dem Blick in seine goldenen Augen zieht sich etwas in meiner Brust zusammen.

~ ~ ~

Es ist mir unglaublich unangenehm dass Vas gehört hat, wie ich über ihn und seine Kameraden geredet habe. Ich respektiere ich die Soldaten und was sie für unser Reich tun. Sie beschützen uns und unseren Frieden. Nur dank ihnen können wir hier in Sicherheit leben. Ich bin Ärztin geworden weil ich ihnen etwas zurück geben will. Na gut, nicht nur deshalb, aber ich hätte mir kaum eine andere Karriere aussuchen können, in der meine Gabe so nützlich wäre wie hier.

Er hingegen schien es mir nicht übel zu nehmen. Es wirkt fast so, als würde er das des Öfteren hören. Vor unserem nächsten Treffen hatte ich fast Angst, aber er war wie immer. Der mürrische Vas, der sich nur ungern anhört, wenn man ihm etwas vorschreiben will - auch wenn ich das Gefühl habe, er wäre etwas lockerer.

Zwei Wochen später haben wir viel zu tun. Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe oder eine Pause hatte. Auf meiner Kleidung sind kleine und größere Blutflecken und so müde wie Niemez aussieht, muss ich auch wirken.
Eine Einheit ist an der Landesgrenze überfallen worden und die Verletzten sind allesamt in unsere Praxis gekommen. Gerade in solchen Situationen macht sich meine Gabe besonders gut. Anderen den Schmerz durch eine einfache Berührung nehmen zu können ist bei regulären Untersuchungen, wo man das Problem suchen muss nicht besonders hilfreich und manchmal sogar hinderlich, aber bei offensichtlichen Fleischwunden gab es nichts besseres.

„Hey Titus“, begrüße ich den nächsten Patienten. Ein Druckverband war als erste Maßnahme um seinen Oberschenkel gewickelt worden und nachdem wir alle lebensgefährlichen Verletzungen behandelt haben, kann ich mich endlich darum kümmern.

Titus starrt an die Decke. Er ist bleich und atmet flach. „Mama, bist du das?“, murmelt er geistesabwesend. Desorientierung ist ein eindeutiges Zeichen von zu viel Blutverlust. Auch er ist einer dieser Idioten, die wir hier mehr als einmal zu Besucht haben, weil sie sich das Leben schwerer machen als nötig.
„Titus?“ Ich berühre den Soldaten an der Schulter. „Ich bin es, Feela.“

Plötzlich stößt jemand von hinten gegen mich. Ich falle fast über auf den armen Titus und kann mich gerade noch so am Tisch abstützen.
„Cyrus, du bist in Sicherheit“, erklingt Niemez‘s Stimme hinter mir. Wir sind darauf trainiert in jeder Situation ruhig zu bleiben, aber ich kann trotzdem Panik in ihrer Stimme hören. Hier läuft irgendetwas aus dem Ruder.

„Ich werde sterben. Ihr wollt mich umbringen!“ Der Ausdruck auf Cyrus‘ Gesicht ist verzerrt. Er ist aufgesprungen und hält die Arme vor sich ausgestreckt. Ich weiß nicht, ob er uns damit auf Abstand halten will oder das eine Angriffshaltung sein soll.
„Cyrus, du bist im Krankenhaus“, antworte ich mit ruhiger Stimme. Niemez hält mich am Arm fest - oder mehr, klammert sich an mich. „Du bist in Sicherheit. Wir wollen dir nur helfen.“

Ich mache mich von meiner Kollegin los und gehe langsam auf ihn zu. „Du kennst uns doch. Wir flicken euch immer wieder zusammen und ihr müsst euch von uns dumme Sprüche anhören.“
Trauma macht merkwürdige Dinge mit Menschen. Wir sind es gewohnt solche Zustände zu sehen, aber das hier ist ein Extremfall.

Cyrus sieht zwischen uns hektisch hin und her, aber sagt nichts. Er scheint sich nicht weiter aufzuregen, also mache ich vorsichtig ein paar Schritte weiter vor. „Aber ich...“, beginnt er dann. Jetzt scheint er verwirrt zu sein und nicht mehr panisch. „Ich bin...“ Er sieht an sich herunter und sieht das Blut auf seinem Oberteil. Es stammt von seiner Kopfwunde. „Ich werde sterben.“
„Nein, das wirst du nicht. Wir werden das verhindern, ja? Niemez und ich sind sehr gut darin.“ Ich strecke die Hand nach ihm aus und er lässt es zu. „Es ist alles okay.“

Aber sobald ich Cyrus berühre, kehrt die Panik in seinen Blick zurück. „Nein. Nein! Ich werde sterben!“ Er schlägt meine Hand von seinem Arm, dann packt er mich und rammt mich gegen die Wand. Ich lande auf dem Boden und schnappe nach Luft. Instinktiv hebe ich die Arme über den Kopf, für den Fall, dass er mich tritt oder schlägt.
Niemez schreit auf. Und daraufhin bricht Chaos aus.

Erst ein stumpfer Aufprall neben mir lässt mich vorsichtig aufsehen. „Komm runter, Kumpel!“ Vas klingt wütend. Er drückt Cyrus mit dem Unterarm gegen die Wand und fixiert ihn mit seinem Blick. „Reiß dich zusammen!“
Ich bliebe in der Ecke zusammen gekauert, bis zwei weitere Soldaten Cyrus nehmen und in ein anderes Zimmer bringen. Wahrscheinlich ist es besser, wenn er unter Aufsicht seiner Kameraden von einem anderen Arzt behandelt wird. Niemez klammerte sich an dem Bett von Titus fest. Der Soldat hatte sich auf dem Unterarm aufgestützt und sieht mit wirrem Blick in die Richtung in die Cyrus verschwunden war.

„Alles okay?“ Vas reicht mir die Hand. Ich sehe ihn für einen Moment nur an. Es sieht so aus als würden sich seine Augen wie Honig oder flüssiges Gold bewegen und mit jedem Atemzug glitzerten sie auf eine andere Weise. „Feela?“
Ich schüttle kurz den Kopf und kehrte in das Hier und Jetzt zurück. „Ich denke schon.“ Dass ich zittere fällt mir nicht auf, bis Vas mich in das übliche Behandlungszimmer geführt hat. Dieses Mal sitzt nicht er auf dem Tisch, sondern ich. Und da fällt mir auf, wie sehr ich zittere.

„Sicher dass alles okay ist?“ Ich nicke, auch wenn ich mich selbst noch davon überzeugen muss. Ich habe das Gefühl auf dem linken Ohr nicht richtig zu hören und die Hälfte meines Gesichts fühlte sich an wie ein Muffin, auf den man geschlagen hat. Zumindest glaube ich dass Muffins sich so fühlen würden, wenn sie Gefühle hätten. Da Vas sich gelassen an die Theke gegenüber von mir lehnt, gehe ich davon aus, dass es zumindest nicht wie ein zerquetschter Muffin aussieht.

Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und gibt mir ein paar Minuten um durchzuatmen. „Du bist fertig für heute“, sagt er dann.
„Was?“
„Deine Schicht ist zu Ende.“ Ich ziehe verwirrt die Brauen zusammen. Was meinte er damit? Nur weil ein Patient neben sich gestanden hat heißt das nicht, dass ich einfach aufhören kann zu arbeiten. Gerade jetzt brauchen wir jede helfende Hand.

„Du kannst nicht einfach-“
„Es ist Abend, Feela.“ Erst jetzt sehe ich auf die Uhr an der Wand und stelle fest, dass er tatsächlich Recht hat. Meine Schicht ist vorbei. Ich muss vor lauter Stress die Zeit vergessen haben. Ich gehöre eindeutig ins Bett.
„Mein Tag ist nicht beendet, bis ich dich ab gecheckt habe.“
Ein Grinsen erscheint auf seinen Lippen und ich bereue sofort, dass ich mich so ausgedrückt habe. „Ich dachte, du hättest mich längst ab gecheckt.“

„Ich hasse dich“, erwidere ich. Vas lacht nur kurz auf, bevor er sich neben mich setzt. Das ist das erste Mal, dass ich ihn lachen höre. Und es löst ein warmes Kribbeln in mir aus. Als er mir aufgeholfen hat, ist mir sofort aufgefallen wie warm seine Haut an meiner ist. Sein Griff war sicher und seine Hand um einiges größer als meine.
„Bringen wir es hinter uns.“ Er zählt an den Fingern alle üblichen Punkte ab, die ich ihn normalerweise frage. Ob er gegessen und getrunken hat. Ob er sich erleichtert hat. Und ob im Training etwas vorgefallen war, das ich wissen sollte. Immerhin scheint er einen normalen Tag gehabt zu haben. Aber so ganz werde ich ihm nicht glauben - einfach nur weil ich weiß, dass er ein Idiot ist.

Ich stehe auf und er streckt mir bereitwillig seinen Arm entgegen. „Wie läuft das eigentlich?“, fragt er. Seine Augen verfolgen meine Hände, die über seine Arme streichen. „Deine Gabe, meine ich.“
„Mein Vater war Arzt“, beginne ich und bin mir selbst nicht sicher, warum ich das Gefühl habe ihm die ausführliche Version erzählen zu wollen. „Also habe ich als Kind viel Zeit in der Klinik verbracht und viele Menschen leiden gesehen. Deshalb wohl ist meine Gabe, dass ich anderen die Schmerzen nehmen kann, wenn ich sie berühre.“

„Deshalb ist Cyrus so ausgerastet“, meint er. „Er hat schon eine Nahtoderfahrung hinter sich und meinte damals, dass sich auf einmal alles taub angefühlt hat. Er glaubte wohl, das würde wieder passieren.“
„Hört sich fast so an, als würdest du mir die Schuld geben.“
„Nein.“ Vas schnaubt. „Wenn er sich nicht so den Kopf gestoßen hätte, würde ich ihm ordentlich eine rein hauen.“
„Gewalt ist nicht immer die Lösung.“

„Als Kind haben die anderen mich gehänselt.“ Ich stutze kurz als er mit seiner Vergangenheit anfängt und mache mich danach daran, seine Schultern abzutasten. „Eines Tages habe ich gemerkt, dass es nicht mehr weh tut, wenn sie mir ein Bein stellen oder mich anrempeln. Also habe ich zurück geschlagen und danach haben sie mich in Ruhe gelassen.“ Er zuckt mit den Schultern als wäre es das normalste auf der Welt schon als Kind andere zu verprügeln.

Ich überlege einen Moment lang, was ich darauf antworten soll, bevor ich den Kopf schüttel. „Also hat man schon als damals auf dich aufpassen müssen.“
Vas grinst. „Frag nicht wie ich herausgefunden habe, dass ich auch alles andere nicht mehr spüre.“

~ ~ ~

Danach sehe ich Vas für ein paar Tage nicht. Ryzek lässt sich nicht gefallen dass man seine Leute überfällt und verletzt. Er setzt zum Gegenschlag an und weil er selbst daran Teil nimmt, ist auch Vas dabei. Ich weiß noch nicht, ob ich es angenehm finde, ihn nicht täglich zu sehen. Vielleicht macht es mich nur nervös, weil er an einer unbemerkten Wunde verbluten könnte, bevor er wieder zu mir kommt.

„Halte mich nicht für verrückt“, sagt Niemez nach vier Tagen und grinst mich frech an. Wir sitzen auf einer Bank im Hinterhof der Klinik und genießen die warme Sonne auf der Haut. „Aber ich glaube - und ich betone glauben - dass du ihn ein bisschen vermisst.“
Ich stoße empört Luft aus. „Das kann nicht dein Ernst sein.“
Sie sieht mich herausfordernd an. „Deine Laune wird gegen Feierabend immer schlechter. Eigentlich ist es doch genau das Gegenteil, aber bei dir... Es ist nicht so, als würdest du unhöflich werden, aber du wirst ruhiger und einsilbig.“
„Ich bin verletzt“, sage ich und greife mir theatralisch an die Brust.
Sie lacht. „Denk immer daran: Jeder überstandener Tag bringt dich näher an die Rückkehr deines Lieblingsidiots.“ Daraufhin muss auch ich lachen.

Eine Stunde später sind wir wieder in der Praxis und ich verbinde gerade einen verstauchten Knöchel an einem jungen Soldaten in der Ausbildung, als ich Tür mit einem Knall auffliegt. Alle im Raum zucken zusammen. Die Erfahrung mit Cyrus geistert noch in meinem Unterbewusstsein herum, als ich vorsichtig aufstehe und mich dem Eingang zuwende. Der Besuch verschlägt mir fast den Atem. Auch Niemez starrt ihn verblüfft an.

Vor uns steht unser Herrscher Ryzek Noavek.

Er ist - und das denke ich mit allem Respekt - schlaksig. Als hätte man die Proportionen eines Kinds auf den Körper eines Erwachsenen angewendet. Natürlich ist das nicht das erste Mal, dass wir ihn sehen, aber bislang war er immer unerreichbar weit entfernt gewesen. Seine Haut ist bleich, was in großem Kontrast zu seiner dunkelblauen Uniform steht. Die Tötungsmale auf seinem Arm stechen rot hervor.

Keiner weiß so richtig wie wir reagieren sollen, während Ryzek Noavek sich mit kühlen, abschätzenden Blick umsieht. Ich versuche unterdessen zu verstehen, was er hier tut. Der Palast hat eigene Ärzte und Krankenzimmer. Oder haben wir etwas verbrochen? Geht es um den Vorfall mit Cyrus?
Der erste, der sich bewegt ist der Soldat den ich behandle. Er springt mit einem lauten „Sir!“ auf und ich muss ihm am Arm packen, damit er nicht zur Seite kippt als er sein Bein belastet. Das sorgt dank meiner Gabe allerdings nur dazu, dass er sich gerade hinstellt und es voll benutzt. Ich verspüre den Drang die Augen zu verdrehen.

Erst da fällt mir auf dass Ryzek nicht allein ist und Vas hinter ihm steht. Natürlich ist er außerhalb des Hauses Noavek nicht allein unterwegs. Auch wenn es hier in der Hauptstadt keine lautstarken Regierungsgegner gibt, ist der wichtigste Mann eines Landes ständig ein potentielles Ziel.

„Guten Tag die Damen.“ Ryzek Noavek lächelt und ich nicke nur, weil ich nicht weiß, was ich darauf erwidern soll. „Bitte beenden Sie die Behandlungen. Wir können warten.“
„O-okay“, stammelt Niemez und wirft mir einen viel sagenden Blick zu. Ich unterdrücke es, mit den Schultern zu zucken und drücke den jungen Mann wieder auf das Bett, damit ich seinen Fuß weiter einbinden kann.

Ich sehe nicht was Vas und die anderen machen, aber mein Patient verfolgt sie mit den Augen als wären sie das faszinierendste, das er jemals gesehen hat. „Das ist Herr Noavek“, flüstert er andächtig. Viele Soldaten sehen es als Ehre an ihrem Land zu dienen, aber das machte nicht alle gleich zu Patrioten. Er muss ein wirklicher Patriot sein, wenn er so ehrfürchtig seinen Namen ausspricht.

Sobald ich fertig bin schreibe ich eine Notiz für seinen Kommandanten und drohe ihm etwas überzogen damit, dass er im schlimmsten Fall nie wieder richtig laufen könne, wenn er sein Bein nicht schont. Mit den Jahren habe ich gelernt dass die meisten nur darauf hören. Außerdem ist es nicht komplett aus den Haaren gezogen.
Damit ist er entlassen. Nachdem er zwei möglichst normale Schritte gemacht hat - vermutlich um vor den älteren Soldaten nicht schwach zu wirken - räuspere ich mich warnend und er fängt mit eingezogenem Kopf an zu humpeln. Das entspricht deutlich mehr seinem Zustand.

Niemez und ich sind etwa zur gleichen Zeit fertig und waschen gemeinsam die Hände, nachdem wir aufgeräumt haben. „Was machen wir jetzt?“, fragt sie leise.
„Die nächsten Patienten behandeln?“, stelle ich die Gegenfrage, obwohl ich es lieber wie eine entschlossene Antwort klingen lassen hätte. Aber auch in meinem Kopf kreist die Frage, ob wir womöglich etwas falsch gemacht haben.
„Aber es die Ryzek Noavek!“ Sie wirft einen verstohlenen Blick über mich hinweg in seine Richtung und stößt mir dann mit dem Ellenbogen in die Seite. „Vas ist dein Patient also muss ich mich um unseren Herrscher kümmern? Was wenn ich etwas falsch mache?“
„Niemez, du bist eine super Ärztin. Deine Gabe macht es dir fast unmöglich Fehler zu machen, also komm runter.“ Sie kann mit nur einer Berührung feststellen, wo das Problem eines Patienten liegt. „Der einzige Fehler den wir machen könnten ist sie warten zu lassen. Lass uns tief durchatmen und dann gehen wir rüber.“ Ich reiche ihr ein Handtuch und trockne meine eigenen Hände ab. Wir atmen gleichzeitig ein und aus.

Obwohl unser Herrscher wie ein normaler Mann aussieht, ist etwas an ihm einschüchternd. Vielleicht ist es das Wissen wer er ist, oder der Fakt das Vas jeden genau im Auge behält, der auch nur daran denken könnte in seine Richtung zu atmen. Wenn ich die beiden so anschaue, würde ich eher vor Vas davon rennen. Er ist groß und breit gebaut. In seiner vollen Rüstung sieht er sogar noch größer und breiter aus. Der Idiot ist ein ganzer Schrank.

Weil Niemez noch immer ein so wirkt als würde sie sich gleich in die Hose machen, übernehme ich das reden. „Es ist uns eine Ehre Sie hier begrüßen zu dürfen, Sir. Ich bin Doktor Feela Kaeso. Was können wir für Sie tun?“ Hinter seinem Rücken drückt Vas die Lippen zu einem schmalen, frechen Lächeln zusammen. Wahrscheinlich hat er mich noch nie so förmlich reden hören. Selbst bei unserem ersten Treffen habe ich mich nicht so ausgedrückt. Aber er ist auch nur ein Idiot, nicht der Herrscher unseres Landes.

„Ich wollte euch danken“, antwortet Ryzek Noavek. Wir sind beide offensichtlich überrascht davon und Vas‘ Lächeln wird breiter. Die Asche, die seine Abwesenheit in mir hinterlassen hat, entfacht erneut zu einem Feuer des Hasses. „Euer Einsatz hat viele meiner Männer nach dem Überfall gerettet. Dort draußen gibt es leider nicht die gleiche medizinische Versorgung wie hier in der Hauptstadt. Ohne euch hätten es einige von ihnen nicht geschafft. Dafür will ich mich persönlich bedanken.“ Ich spüre wie verlegene Röte in meine Wangen steigt. „Der Feldzug heute war erfolgreich und die Verletzungen meiner Männer sind nicht schwer. Trotzdem wollte ich zwei unser besten Ärztinnen einen Blick auf ein paar von ihnen werfen lassen. Außerdem muss mein Freund hier unter die Lupe genommen werden.“

Vas‘ freches Grinsen verschwindet in sekundenschnelle als Ryzek sich ihm zuwendet. Er beugt sich leicht vor und erwidert: „Mir geht es gut, Sir.“
Mit einem warmen Lächeln steht unser Herrscher auf und klopft ihm auf die Schulter. „Wenn ich dir das jedes Mal glauben würde, Vas, wärst du tot.“ Dann wendet er sich noch einmal an uns. „Ich habe leider nicht viel Zeit und muss zurück ins Haus Noavek. Noch einmal vielen Dank für die Arbeit, die Sie tun.“

Wir sehen ihm nach. Sobald er, gefolgt von drei Soldaten, den Raum verlassen hat, grinst Vas uns wieder an. „Ihr solltet eure Gesichter sehen.“
„Ich hasse dich“, entgegne ich plump und deute ihm an, mir in das Behandlungszimmer zu folgen.
„Ich weiß.“
Niemez lasse ich mit den anderen vier Soldaten zurück. Sie hatten sich auf die Stühle in der Ecke des Raumes gesetzt, die wir als Wartebereich nutzen.

Vas grinst noch immer als er sich auf den Tisch setzt. Ich unterdrücke ein Seufzten und mache mich daran verschiedene Dinge aus den Schränken zu holen. Es ist ein paar Tage her seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe; außerdem war er an einem Kampf beteiligt, daher beschließe ich eine große Untersuchung durchzuführen.
„Du kannst direkt wieder aufstehen und die Rüstung ablegen“, meine ich.

Er sieht darin wirklich lächerlich breit aus. Fast so als will er einen Bären imitieren. Dunkelblaue Bären - gibt es so etwas überhaupt? Außerdem muss so viel Leder und Metall unglaublich schwer sein - was wiederum bedeutet dass er stark sein muss. Natürlich ist er stark. Das merke ich, wenn ich ihn abtaste. Sein ganzer Körper ist durchtrainiert.
Bis er damit fertig ist sich der Hälfte seiner Kleidung zu entledigen, bereite ich eine Spritze und Ampulle vor. Wenn er sich etwas eingefangen hat würde das höchstwahrscheinlich im Blut nachzuweisen sein.

Ohne die Rüstung wirkt er beinahe klein, obwohl er mich noch immer um fast einen Kopf überragt. Während ich mir Handschuhe überziehe krempelt er den Ärmel seines Shirts hoch. Ich binde ihn ab und warte darauf, dass die Vene sichtbar wird. Dabei fällt mir auf, dass Vas meine Bewegungen beobachtet. Seit wann macht er das?

„Das könnte jetzt etwas weh tun.“
„Bist du dir da sicher?“, hinterfragt er mit einem leichten Schmunzeln.
„Gewohnheit“, verteidige ich mich. Obwohl keiner Schmerzen empfindet wenn ich ihn berühre, warne ich sie immer vor. Manche Leute können ihre Gabe kontrollieren und sie gezielt an- und abstellen, aber ich habe das noch nie gekonnt. Egal wen ich berühre - die Schmerzen verschwanden augenblicklich. Manche meinen, all ihre Empfindungen würden weniger werden, aber nur selten hat sich jemand darüber beschwert. Vas würde das wohl auch nie tun.

Ich nehme ihm Blut ab stelle es gleich in die Maschine, die es analysiert. Danach wende ich mich den neuen Malen auf seinem Arm zu. Vas hat unzählige davon. Ich glaube kaum, dass er selbst noch sagen könnte, wie viele unserer Feinde er umgebracht hat. Zu töten ist etwas schlechtes, auch wenn es zur Verteidigung unserer Grenzen passiert. Manche flüstern in dunklen Gassen darüber, dass sie die Methoden des Hauses Noavek nicht unterstützen, aber niemand wagt es, das laut auszusprechen. Ich bevorzuge es mir darüber nicht all zu viele Gedanken zu machen. Den Kopf unten zu halten erscheint mir als angebracht - immerhin habe ich ein gutes Leben.

Obwohl es so aussieht als hätte Vas sich gut um die Wunden gekümmert, desinfiziere ich sie zur Sicherheit noch einmal. Danach beginne ich ihn wie gewohnt abzutasten.
„Wo seid ihr unterwegs gewesen?“, frage ich um die Situation etwas weniger merkwürdig zu machen. Oder einfach nur, damit ich mich auf etwas anderes als seine warme, goldbraune Haut unter meinen Fingern und seinen wachsamen Blick auf mir konzentrieren kann.

„Die Grenze in den Bergen. Es ist kalt in der Gegend und in den Nächten gefriert der Boden. Wenn du jemals Verreisen willst, dann kann ich das nicht empfehlen. Ich weiß nicht, warum man in einer solchen Gegend leben wollen würde. Es ist das ganze Jahr über kahl und kalt. Mir haben die paar Tage gereicht.“
„Hast du Frostbeulen?“
„Stell dir vor, ich habe einen Wintermantel getragen.“
„Du bist unausstehlich“, erwidere ich.

Tatsächlich hat er bis auf ein paar blaue Flecken keinen Schaden davon getragen und auch sein Handgelenk ist problemfrei. Bevor die Analyse seines Blutes fertig ist, höre ich mir noch seine Lunge und sein Herz an. Wir haben zwar Geräte, die die Funktion der Organe messen können, aber ich höre zur Sicherheit immer selbst nach. Ich vertraue der Technik, aber manche Dinge kann man hören, bevor sie gemessen werden können.
Ich wende mich nur kurz von ihm ab um das Stethoskop zu nehmen und als ich mich umdrehe, hat er sich das Oberteil über den Kopf gezogen. „Okay?“, sage ich und blinzle zwei Mal perplex.
„Ist das nicht leichter?“ Ich nicke und hoffe dass man mir nicht anmerkt, dass ich etwas überrumpelt bin.

Ich versuche auch nicht darauf zu achten, wie sich seine Muskel bewegen, während er die Arme aus den langen Ärmeln zieht und das Shirt zur Seite legt. Ich gehe um den Tisch herum und lege das Stethoskop auf seinen Rücken. Da er keine Kälte empfinden kann, widerstehe ich dem Drang ihn vorzuwarnen, dass es kühl sein könnte. Sein Rücken ist wirklich muskulär und definiert. Wie lang er wohl gebraucht hat, um seinen Körper so weit zu bringen?
Vas atmet ein paar Mal tief ein und aus. Ich kann nichts ungewöhnliches hören, also stelle ich mich wieder vor ihn und mache mich daran sein Herz abzuhören. Meinen Blick lasse ich auf das Instrument fixiert, auch wenn seiner auf mir liegt. Wann hat er damit aufgehört immer an mir vorbei zu sehen, als wäre ich Luft? Und warum ist mir das nicht aufgefallen?

„Muss ganz schön Arbeit sein, so auf seinen Körper zu achten.“ Er muss sich mit Hilfe von Weckern daran erinnern zu essen, wie schwer muss es dann sein immer die richtige Menge zu essen? Oder zu wissen, wann er aufhören muss zu trainieren, bevor er seine Muskeln soweit überanstrengt, dass er sich verletzt?
„Du nimmst mir einige Sorgen ab.“
Ich halte beim Lesen der Analyse seines Blutes inne. Das habe ich nicht erwartet. Als ich aufsehe liegen seine goldenen Augen auf mir. „Ich kontrolliere nur deine Arbeit“, meine ich und zucke bemüht locker mit den Schultern. Heute macht er mich nervös und es ist leicht für ihn, mich aus dem Konzept zu bringen.

Er zieht sich wieder an, während ich aufräume. „Lass dir ruhig Zeit“, sage ich und mache mich auf den Weg nach draußen. Aber ich habe die Tür noch nicht einmal erreicht, als er nach meinem Arm greift. Ich kann seinen Körper hinter meinem spüren, als würde die Hitze eines Feuers von ihm ausgehen.
„Ich verrate dir ein Geheimnis“, sagt er mit gesenkter Stimme, obwohl wir die einzigen im Raum sind. Sein Atem auf meiner Haut jagt mir einen Schauder über den Rücken, doch es ist nicht unangenehm. „Ryzek ist nur her gekommen, weil er sehen wollte, welche Frau es schafft, dass ich auf sie höre.“ Aus seinem Mund hört es sich wie ein Kompliment an.

~ ~ ~

Ein paar Wochen später bin ich krank. Ich habe mir eine schlimme Erkältung eingefangen. Mein Hals schmerzt, meine Stimme ist rau und ich huste fast durchgehend. Auch meine Temperatur ist leicht erhöht. Um meine Patienten nicht zu gefährden bin ich daheim geblieben und habe mich mit Tee und Suppen auf dem Sofa eingenistet.

Dort sitze ich auch, als es klingelt. Nach einem schnellen Blick auf die Uhr gehe ich in den Flur. Ich hatte Niemez gebeten, mir ein Medikament und etwas zum Inhalieren vorbei zu bringen, aber sie war sehr früh dran. Andererseits ist sie wirklich fürsorglich - es würde mich nicht wundern, wenn sie hier mit einer Infusion auftaucht.
Bevor ich die Tür öffnen kann, muss ich heftig husten und verziehe das Gesicht, weil mir danach der Hals brennt. Vielleicht ist eine Gabe wie Vas‘ nicht die schlechteste, die man bekommen kann. Ich öffne die Tür und erstarre.

„Wow“, erklingt Vas‘ Stimme. „Du siehst beschissen aus.“
Mir wird schlagartig bewusst, dass ich noch meinen Pyjama trage und seit zwei Tagen nicht unter der Dusche gestanden habe. Oder waren es drei? „Was machst du hier?“ Meine Stimme klingt rau.
Seine Haltung wird angespannt, sogar etwas nervös. „Niemez“, antwortet er und fährt sich durch die Haare. Sie sind an den Seiten kurz geschnitten, durch sie hindurch kann man Schnitte von der Rasierklingen sehen. Oben sind sie länger und zurück gekämmt. „Sie hat mich vorbei geschickt.“ Er hebt eine Plastiktüte hoch, die sie ihm mitgegeben haben muss.
„Du warst in der Klink?“
„Ich hatte einen kleinen... Zwischenfall.“

In mir läuten Alarmglocken auf. Er hat noch nie direkt gestanden einen Zwischenfall gehabt zu haben. „Komm rein“, sage ich bevor ich darüber nachdenken kann welches Chaos in meiner Wohnung herrscht.
Abgesehen davon dass ich mich nicht gut fühle, arbeite ich lang und hart. Ich versuche sie ordentlich zu halten, aber meistens endet es damit, dass ich einen Tag am Wochenende opfere, um sie wieder auf Vordermann zu bringen. Gerade befindet sich ein Wirrwarr aus zwei Decken und mehreren Kissen auf dem Sofa. Der Tisch davor quillt mit Geschirr und leeren Verpackungen fast über. Mal abgesehen von dem Schuhchaos in meinem Flur und den Klamotten auf dem Boden meines Badezimmers.

„Ignoriere einfach all das.“ Ich mache eine Handbewegung in Richtung meines Wohnbereiches und führe ihn zum Esstisch. Vas schiebt die Hände in die Taschen seines Mantels, während ich Niemez‘ Geschenke inspiziere. Vas muss ihr seine möglichen Wunden verschwiegen haben, denn ich finde nichts darin, was mir bei der Behandlung von Wunden hätte helfen können. Immerhin gibt es Tabletten gegen Halsweh und davon werfe ich mir direkt eine ein.

„Was für einen Zwischenfall hattest du?“ frage ich und drehe mich wieder zu meinem Patienten. Er sieht sich um. Innerlich verfluche ich Niemez dafür, dass sie mich nicht wenigstens vorgewarnt hat. Wenn sie Vas schon zu mir nach Hause schicken muss, wäre das dass mindeste gewesen. Dafür muss ich mich bei ihr revanchieren.
Er antwortete nicht und scheint in Gedanken versunken. „Ich weiß dass es aussieht als hätte hier eine Bombe eingeschlagen, aber du brauchst es nicht so anstarren.“

„`Tschuldige“, sagt er und wendet sich endlich wieder mir zu. „Wir waren in den Sümpfen unterwegs und-“
„In den Sümpfen?!“, unterbreche ich ihn. Die Sümpfe sind ein Paradies für Bakterien und Krankheitserreger. Es gibt viele lange und scharfe Gräser, an denen man sich schneiden kann und das schlammige Wasser sorgt dafür, dass sie sich sofort entzünden. Mücken und andere Insekten beißen einen und können zusätzlich Krankheiten übertragen. Patienten aus den Sümpfen sind mein schlimmster Albtraum.
„Ja?“
„Hast du das Niemez gesagt?“
Du bist meine Ärztin.“

Ich bin fassungslos. Mir ist klar dass die meisten Menschen nicht wissen wie gefährlich die Sümpfe sein können, aber jemand wie er - der besonders gut auf seinen Körper achten muss - sollte das wissen.
„Wir müssen los.“
„Was? Wohin?“
Ich bin schon auf den Weg in den Eingangsbereich um mir Schuhe anzuziehen. Mein Pyjama ist komplett vergessen. „Ins Krankenhaus. Jemand muss dein Blut untersuchen, weil die Sümpfe wie ein Biologielabor sind.“
„Muss das heute sein?“
„Sehe ich so aus als würde es warten können?“ Angesichts des Aufzugs in dem ich vor ihm stehe, ist die Frage eigentlich überflüssig. „Du könntest dir alles mögliche eingefangen haben.“

Ich will meine Schlüssel vom Tisch nehmen, als er mich am Arm packt. Nein, das ist das falsche Wort. Er hält meinen Arm nur fest, greift ihn nicht so als hätte er Angst ich könnte wegrennen. Ich bin mir sicher, dass ich mich ohne Probleme aus seinem Griff befreien könnte, aber ich bin mir nicht sicher ob ich das will, wenn seine Berührung ein Kribbeln in mir auslöst.
„Bleiben wir heute hier. Du kannst machen was du willst, aber gehen wir nicht in die Klinik.“
„Vas“, mein Ton ist hart. Ich hebe den Zeigefinger drohend vor sein Gesicht. „Du hast keine Ahnung, was für ein Risiko du dich aussetzt. Besonders, weil du nichts empfinden kannst.“
Er legt seine Hand auf meine und senkt meinen Arm. „Ich verspreche dir, dass ich morgen als aller erstes in der Klinik auftauchen werde und wenn du willst bringe ich dir danach die Ergebnisse vorbei. Aber bitte lass uns heute hier bleiben.“

Vas wartet bis ich antworte. So lang hält er meine Hand in seiner und starrt mich an. Ich starre zurück. Direkt in seine goldbraunen Augen. Noch immer habe ich den Eindruck als würde sich die Farbe der Iris wie flüssiges Edelmetall bewegen. Sein Blick ist ruhig und abwartend. Ich erkenne nicht die Härte, die ich erwartet habe. Keine Ahnung ob es daran liegt, dass er ein Soldat ist, aber ich dachte er würde mich nun kühl anschauen. Als wäre seine Aufforderung ein Befehl gewesen, aber so hat sie nicht geklungen - ganz im Gegenteil. Er hatte mich nicht nur gefragt hier zu bleiben, sondern mich darum gebeten. Vas Kuzar bittet jemanden um etwas. Ein Bild das ich mir bislang nicht habe vorstellen können.

Keines der Fenster meiner Wohnung ist zur Abendsonne hin ausgerichtet. Ohne das goldene Licht wirkt seine Haut blasser, aber seine Augen leuchten wie immer. Wieso hat er solch ausdrucksstarke Augen?
„Okay“, stimme ich schließlich leise zu. Vas lässt mich nicht sofort los, als könnte er den Gedanken, mich nicht mehr zu berühren, nicht ertragen. Und als er seine Hand von meiner zieht, lässt er die Finger einzeln von seiner Handfläche gleiten. Ich bin wie hypnotisiert.

„Ich kann Dinge spüren“, sagt er leise, als er auf meinem Sofa sitzt und ich hinter ihm knie. „Ich merke, wenn mir schwindelig wird und ich erkenne Müdigkeit. Nicht so, wie andere Menschen, aber ich kann es wahrnehmen. Genauso wie ich Gefühle empfinden kann. Ich kann zwar nicht sagen, wenn ich mir in den Finger schneide, aber Worte können mich sehr wohl verletzten.“
Sofort bereue ich meinen scharfen Ton. „Ich habe es nicht so gemeint.“
„Ist schon okay“, entgegnet er und seufzt. „Ich will nicht in die Klinik weil die letzten Tage anstrengend waren.“ Er hat ein paar Insektenbisse auf dem Rücken, die ich mit Salbe aus meinem Medizinschrank einschmiere - sicher ist sicher.
„Warum seid ihr in den Sümpfen gewesen?“
„Ein paar Verbrecher hatten sich dahin verzogen. Wir wollten sie dingfest machen, aber sie haben sich ziemlich gewehrt.“ Er zögert einen Moment und ich merke die Anspannung in seinem Körper. „Ryzek hat etwas abbekommen“, gesteht er dann leiser als zuvor.

„Das tut mir leid.“ Ich beende meine Arbeit und rutsche neben ihn.
Vas hat die Hände zwischen den Beinen verschränkt und seinen Blick darauf geheftet. „Es ist mein Job ihn zu beschützen. Ich habe versagt.“
„Du machst gute Arbeit, Vas.“
„Wie kannst du das sagen, wenn er verletzt wurde?“ In seinen Augen liegt etwas gebrechliches als er mich ansieht. Solch einen Ausdruck habe ich bei ihm noch nie gesehen. Jetzt verstehe ich warum er immer so wirkt als stände er unter Strom. Es muss eine unglaubliche Last auf ihm liegen. Der Chef von Noavek‘s Leibgarde zu sein ist zwar eine Ehre, aber auch eine große Verantwortung. Wenn etwas schief geht, wird er die Konsequenzen tragen müssen.

„Wie oft hast du ihn davor beschützt?“, stelle ich die Gegenfrage. Meine Hand berührt seinen Oberarm noch bevor ich darüber nachgedacht habe. Für einen Moment rutsch sein Blick darauf hinab, bevor er wieder mich ansieht.
„Ich habe ihm schon ein paar Mal den Hintern gerettet.“ Ein Lächeln huscht über seine Züge und es ist ansteckend.
„Na, siehst du?“

Vas hebt die Hand und streicht mit den Fingerspitzen über meine Wange. Die Berührung ist wärmer auf meine Haut als sie sein sollte und hinterlässt unsichtbare Spuren. „Ich habe vorher gelogen“, meint er. „Als ich gesagt habe dass du beschissen aussiehst.“
„Hast du?“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Wispern.
Er nickt. „Ja.“

Mit einem Mal wird mir bewusst wie nah sein Gesicht vor meinem ist. Ich kann seinen Atmen auf meinem Gesicht spüren und jeden einzelnen haselnussbraunen Fleck in seinen Augen erkennen. Diese Augen faszinieren mich mehr als alles andere in ganz Shotet.
Ich denke nicht darüber nach ihn zu küssen. Ich tue es einfach. Und er küsst mich. Seine Hand gleitet in meinen Nacken und die andere zieht mich an der Hüfte näher zu sich.

Ehe ich es mir versehe hat er mich auf seinen Schoß gezogen. Seine großen Hände streichen unter meiner Kleidung über meine Haut. Ich fahre durch seine Haare, die mir überraschend weich vorkommen. Vas Kuzar ist ein guter Küsser. Seine Zunge geistert in meinem Mund herum.

Die Vernunft holt mich schneller ein als ich will. Aber ich löse mich ihm und lasse meine Stirn für einen Moment an seiner liegen. „Du wirst krank werden“, keuche ich als ich ihn ansehe. Dieses Mal lasse ich mich ohne Gegenwehr von seinen Augen in ihren Bann ziehen.
„Ist nicht so als würde ich davon etwas mitbekommen.“
„Gerade deshalb müssen wir aufhören.“ Der Anflug eines schlechten Gewissens streicht über mich. Ich bin seine Ärztin. Wie könnte ich verantworten, dass er wegen mir krank wird?
„Tu das nicht.“ Er küsst meine Wange, dann meinen Kiefer und meinen Hals.
Ich seufze wohlig. „Glaub mir, ich will das auch nicht. Aber wir müssen.“

„Du bist gemein“, murmelt er und legt das Kinn auf meiner Schulter ab. Er hält mich nah an sich gedrückt und ich frage mich, ob manche Empfindungen bei ihm abgeschwächt sind. Ich habe das Gefühl er schätzt Berührungen mehr als andere Männer. Als wäre es ihm wichtig, jede davon bewusst zu wahrzunehmen.
Weil auch ich mich nicht von ihm lösen will, streiche ich aus dieser Haltung über seinen Oberkörper um ihn abzutasten. Nun erlaube ich mir den Kontakt zu genießen und mir jede Kurve seiner Muskeln einzuprägen. Wer hätte gedacht, dass ich ihn mal so wertschätzen würde.

Er muss mir trotzdem versprechen morgen direkt nach dem Frühstück in die Klinik zu gehen und sich von Niemez untersuchen zu lassen. Ich kann momentan kein Fieber bei ihm feststellen, aber ich würde meine Hand für diese Feststellung nicht ins Feuer legen. Gerade vertraue ich meinem Urteil nicht.
„Willst du mich zur Beobachtung hier behalten?“, fragt er nachdem er sich wieder angezogen hat und sieht mich mit einem Schmunzeln auf den Lippen an. „Über Nacht, meine ich.“
„Du kannst mir nicht erzählen dass dich niemand im Hause Noavek niemand erwartet.“
Vas verzieht das Gesicht. „Du hast Recht.“
„Ich bin Ärztin“, erwidere ich. „Generell habe ich immer Recht.“ Er küsst mich noch einmal lang und intensiv, so dass sich die Welt um mich herum dreht.

Vas Kuzar mag ein Idiot sein. Sarkasmus spricht er fließend und er ist verdammt selbstgefällig. Sein Selbstbewusstsein grenzt an Egoismus. Er hat einen Dickkopf und ihm fehlt gesunder Menschenverstand wenn es um die Behandlung von Verletzungen geht. Aber er ist auch einfühlsam und legt wert auf die kleinen Dinge, die ich wahrscheinlich nicht beachten würde, weil ihm ein paar Grundlegende Empfindungen fehlen. Außerdem bringt er mich zum Lachen und gibt mir das Gefühl die wichtigste Person in einem Raum zu sein, selbst wenn er komplett überfüllt wäre.

Vas Kuzar mag ein Idiot sein. Aber immmerhin ist er mein Idiot.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast