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Eine Eisige Quest

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Het
Daphne Greengrass Harry Potter
18.06.2022
06.08.2022
3
20.881
13
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06.08.2022 4.366
 
Kapitel 3 – Schlacht der Lichter und Klingen



Humpelnd schleppte sich Liv durch den Schnee in Richtung der Felsen, die sich in der Eiswüste auftürmten. Eskil hatte ihr einmal erzählt, dass sie die Überreste der Schlachten der Eisriesen waren. Doch sie wusste nicht, ob er das nur gemeint hatte, um sie mit seinem Wissen zu beeindrucken.

Zu den Felsen. Nur zu den Felsen. Wenn sie die Felsen erreichte, würde alles gut werden.

Das versuchte sich Liv einzureden. Doch sie war am Ende ihrer Kräfte. Sie fiel in den Schnee, und ihr fehlte die Kraft, um sich erneut aufzurichten.

Das letzte, was sie sah, bevor sie das Bewusstsein verlor, war eine schwarze Gestalt, die sich mit einem besorgten Gesicht über sie beugte. Ein lieblicher Geruch von Rosen umspielte ihre Nase.

Und dann war da nur noch Dunkelheit.





Eine leichte Briste strich über das verschneite Land und von oben schien der silberne Mond auf Harry und Daphne herab. Mehr als ein halber Tag war vergangen, seitdem sie durch eine von ihnen ausgelöste Lawine ihren Bewachern entkommen waren. Und drei Stunden waren seit dem Einbruch der Dunkelheit vergangen, als sie sich in Richtung Norden in Bewegung gesetzt hatten.

„Glaubst du, wir sind bereits in Immerfrost?“, fragte Daphne neben ihm. Ihr Atem formte eine Wolke vor ihrem Mund.

Harry ließ seinen Blick wandern. Nicht dass es viel zu erkennen gab. Die Landschaft war von eintönigem, konturlosem Weiß, nur vor ihnen ragten einige Felsen empor, an denen sich ihr Blick festhielt. Schon lange hatten sie die auf Muggel-Karten vermerkten Gegenden hinter sich gelassen.

„Schwierig zu sagen“, entgegnete er. „Aber wenn nicht, sollten wir nicht mehr weit entfernt sein.“

„Ich hoffe es…“

Sie stampften weiter durch den Schnee und die Felsen vor ihnen kamen immer näher. Auch wenn es schwierig war, in der Dunkelheit die Entfernung genau abzuschätzen, konnte es nicht mehr weit sein. Verbarg sich dahinter das magische Land von Immerfrost? Das Ziel ihrer Reise?

Wobei, das eigentliche Ziel ihre Reise war Santa Claus. Tot zu ihren Füßen, wenn es nach Daphne ging. Er selbst war noch nicht davon überzeugt, dass dies das richtige Vorgehen war, und hatte ihr das auch vor ihrer Abreise mitgeteilt.  Seither hatten sie über diesen Punkt ihrer Quest nicht wieder gesprochen. Würde es wirklich dazu kommen oder könnten sie einen anderen Weg finden, den Fluch, der auf den Greengrasses lastete, zu brechen?

Harry blickte zu Daphne und bemerkte, wie sie immer noch leicht zitterte, auch wenn sie sich mit Wärmezaubern bedeckt hatten. Sie war so ganz anders als Ginny. Und Ginny war gar nicht erfreut gewesen, dass er sie auf ihrer Mission begleitete…

Beim Gedanken an Ginny weiteten sich auf einmal Harrys Augen und er blieb wie angefroren stehen.

Daphne stoppte neben ihm.  „Was ist los, Harry?“

„Unsere Freunde! Deine Familie! Sie wissen nicht, dass es uns gut geht!“

„Was meinst du?“

„Die Lawine“, sagte Harry aufgeregt. „Wenn die Norweger denken, wir sind verschollen oder umgekommen, dann werden sie das auch den anderen mitteilen. Wir müssen ihnen sagen, dass es uns gut geht.“

Er zückte seinen Zauberstab und wollte gerade seinen Patronus erschaffen, als Daphne seinen Arm ergriff. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, Harry.“

Nun war es an Harry, seine Reisegefährtin verwirrt anzusehen. „Warum sagst du sowas? Willst du Astoria und Tracey im Glauben lassen, du seist tot?“

„Natürlich nicht! Aber wir dürfen nicht riskieren, entdeckt zu werden.“

„Ein Patronus kann nicht verfolgt werden“, sagte Harry. „Wir haben nichts zu befürchten.“

„Bis auf das helle, weiße Licht, das ein Patronus ausstößt“, sagte Daphne und verstärkte den Griff um seinen Arm. Sie schaute ihm jetzt direkt in die Augen. „Es würde in der Dunkelheit meilenweit zu sehen sein. Bitte, Harry, wir können das nicht riskieren.“

Harry schüttelte den Kopf, und Daphnes flehender Blick verschwand aus seinen Gedanken, ersetzt durch die Vorstellung einer weinenden Molly. Sie und all die anderen, Ron, Hermine, Ginny. Sie hatten bereits so viel verloren. Er konnte ihnen nicht noch mehr Leid zufügen.

„Es tut mir leid, Daphne. Ich muss es tun“, sagte er und befreite sich aus ihrem Griff. „Expecto Patronum!“

Ein silberner Hirsch brach aus seinem Zauberstab hervor und fing an, um sie herumzulaufen. Als er merkte, dass keine Dementoren in der Nähe waren, verharrte er vor ihnen. Harry trat an ihn heran, die tröstliche Wärme, die der Patronus ausstieß, in sich aufziehend wie heiße Schokolade nach einem langen Wintertag.

„Bitte sage meinen Freunden und auch Astoria Greengrass und Tracey Davis, dass Daphne und ich wohlauf sind“, sagte er seinem Patronus. „Sie sollen sich keine Sorgen machen. Wir kehren zu ihnen zurück, wenn wir unsere Mission erledigt haben.“

Der Hirsch senkte seinen Kopf als Zeichen, dass er verstanden hatte, ehe er sich jäh auf die Hinterbeine aufrichtete und begann, durch die Luft empor zu galoppieren. Innerhalb weniger Sekunden war er am dunklen Nachthimmel verschwunden, nur einen leichten, silbernen Schimmer in der Luft vor ihnen zurücklassend, der sich ebenfalls schnell verlor. Mit dem Patronus verschwand auch die Wärme. Harry wurde von einem eisigen Frösteln erfasst.

„Dein Patronus ist wirklich wunderschön“, erklang Daphnes Stimme neben ihm. Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Wie schade, dass ich damals nicht cool genug gewesen bin für deinen geheimen Club.“

Harry schmunzelte und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als am Nachthimmel auf einmal andere Lichter erschienen. Nicht silbrig, sondern blau und grün mit einem Hauch von Lila. Die Lichter schienen rasant näher zu kommen.

„Daphne, was sind das?“, fragte er, auf die Lichter deutend.

Daphnes Augen weiteten sich. „Scheiße, Polargeister!“

Sie zückte ihren Zauberstab und Degen. Auch Harry holte daraufhin schnell das Schwert von Gryffindor aus seinem Rucksack. Bevor er fragen konnte, was Polargeister waren, waren diese schon bei ihnen angekommen.

Es handelte sich um kleine geflügelte Geisterwesen, die strahlende Lichter ausstießen, wie er jetzt sehen konnte. Es mussten dutzende sein. Und keines der Wesen glich dem anderen, ihre Formen rund, gebogen oder langgezogen und schmal wie ein Streichholz. Manche waren durchsichtig, sodass man durch sie die Sterne schimmern sehen konnte, andere fest, bei einigen war es eine Mischung aus beidem und ein paar hatten spiegelnde Oberflächen. Und sie alle stießen laute Rufe aus.

„Hübsches Licht“, schrie ein Polargeist. „Mach es nochmal!“

„Ja, noch mal! Noch mal“, rief ein anderer.

Ein drittes Wesen rief: „Ja! Hübsches Licht! Hübsches Licht!“

Die anderen Polargeister stimmten mit ein. „Hübsches Licht! Hübsches Licht! Hübsches Licht!“

Harry und Daphne tauschten einen Blick. Sie sah genauso ratlos aus wie er sich fühlte.

„Hey, ihr da!“, schrie Harry hinauf. „Wir können kein Licht machen! Bitte verschwindet von hier!“

Die Polargeister hörten auf mit ihren Rufen und verharrten in der Luft über ihnen.

Ein Polargeist von ganz oben fragte: „Was hat er gesagt?“

Und ein andere rief von unten hinauf: „Der Fleischsack sagt, sie können kein Licht machen.“

„Warum sagt er, sie können das nicht machen? Das Licht war doch so hübsch“, fragte ein weiterer.

„Weil wir nicht gesehen werden dürfen!“, rief Harry. „Ihr seid zu auffällig. Bitte verschwindet von hier!“

„Der Fleischsack sagt, wir sind zu auffällig“, teilte der erste Polargeist den anderen mit.

„Ja, das sind wir!“, antwortete ein anderer Polargeist und begann, Saltos in der Luft zu drehen. Sein grünes Strahlen wurde noch heller. „Wir sind auffällig! Auffällig! Auffällig! Auffällig!“

Der erste rief wieder zu Harry und Daphne hinunter, wobei er ebenfalls begann Saltos zu drehen: „Ja, auffällig! Und nun mach wieder das hübsche Licht!“

„Das geht nicht!“, rief Harry. Er war zornig, aber er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, denn diese Wesen waren so merkwürdig.

Daphne schien genug zu haben. Sie richtete ihren Zauberstab auf einen der Polargeister und rief: „Stupor!“

Doch der Schockzauber flog einfach durch das Wesen hindurch und verschwand am Nachthimmel. Mit ihrem Zauber schien sie die Polargeister jedoch gereizt zu haben, denn im nächsten Moment stürzten sie wie Raubvögel auf sie herab. Sie flogen rasend schnell um ihre Köpfe und sogar durch ihre Körper wie die Geister in Hogwarts, dass Harry schlecht wurde.

Währenddessen johlten und lachten sie und riefen ununterbrochen „Hübsches Licht! Macht das hübsche Licht! Hübsches Licht, Licht, Licht!“

Nur von dem Schwert von Gryffindor in seiner Hand schienen sich die Wesen fernzuhalten, wie Harry bemerkte. Er hob die Waffe in die Luft und schrie: „Verschwindet oder ich strecke euch allesamt hiermit nieder!“

Alle Polargeister hörten gleichzeitig auf, um sie herum zu fliegen. Es herrschte eine atemlose Stille. Und im nächsten Moment begannen sie am Nachthimmel hinfort zu fliegen, so schnell sie nur konnten.

Lächeln ließ Harry das Schwert sinken. Er drehte sich zu Daphne, einen Witz auf seinen Lippen, als auf einmal eine düstere Stimme in seinen Gedanken erklang.

Ihr hätte nicht hierherkommen sollen, Harry mit den blutigen Händen und Daphne mit dem ängstlichen Herzen. Jetzt werdet ihr sterben.

Erschrocken fuhr Harry herum. Einige Schritte hinter ihnen stand ein menschenartiges Wesen, an dem doch nichts menschlich war. Seine Haut war schwarz wie die Nacht, nur seine gelben Augen funkelten spöttisch in der Nacht. Aus seinem Kopf ragten Hörner. Der Rumpf war wie bei einem kräftigen Mann, doch seine Arme waren viel zu lang und hingen fast bis zu den Knien. Die Beine waren eine Mischform von menschlichen Gliedern und den Hinterläufen einer Ziege. Sie endeten in großen, gespaltenen Hufen. Ein stechender Gestank ging von der Gestalt aus.

Knecht Ruprecht.

Harry zögerte keine Sekunde. Er riss seinen Zauberstab empor und schleuderte einen Fluch auf das Ungeheuer. Doch sein Fluch prallte wirkungslos an seinem Körper ab. Er versuchte es noch einmal, und neben ihm erwachte auch Daphne aus ihrer Starre und griff Knecht Ruprecht an, doch all ihre Zauber prallten von ihrem Gegner ab, ohne irgendeinen Schaden anzurichten.

Knecht Ruprechts Mundwinkel hoben sich zu einem spöttischen Lächeln, wobei sie schmutzige, gelbe Reißzähne offenbarten. Dann spreizte er seine Hände, und aus den Fingerkuppen schoben sich Krallen, so lang wie Dolche.

hr seid erbärmlich, hallte seine Stimme in ihren Gedanken. Und du bist eine Enttäuschung für deine Familie, Daphne Greengrass. Ihr ehemals edle Blut hat mit dir wahrlich seinen Untergang gefunden.

Harry blickte zu Daphne, deren gesamter Körper heftig angefangen hatte zu zittern. Dann hob sie jedoch ihren Degen, und ihr Gesicht wurde von einem Ausdruck feuriger Entschlossenheit erfasst. Ihr Zittern verstummte.  

„Daphne, wir –“, rief Harry, doch er war zu spät.

Mit einem gellenden Schrei war sich Daphne auf das Ungeheuer. Doch dieses reagierte überraschend schnell. Mit einer seitlichen Drehung wich es Daphnes Degen aus. Eine Krallenhand fuhr hinab und zerfetzte Daphnes Ärmel.

Jetzt sprang auch Harry nach vorne und versuchte dem Ungeheuer das Schwert zwischen die Rippen zu stoßen. Ein Prankenhieb traf die Klinge und hätten ihm beinahe die Waffe aus der Hand gerissen. Harry wurde zurückgeworfen. Doch bevor die Bestie nachsetzen konnte, war Daphne über ihm. Mit einem Wirbel von ungestümen Schlägen griff sie die Bestie an und verschaffte Harry so die Gelegenheit, sich wieder aufzurappeln. Doch statt den Degenhieben auszuweichen, sprang Knecht Ruprecht vor. Eine Klauenhand fuhr hinab. Daphne warf sich zurück, doch die Pranke hinterließ vier tiefe Striemen auf ihrer linken Wange. Dann fuhr Knecht Ruprecht herum. Harry riss das Schwert hoch, um den Prankenhieb aufzuhalten, der nach seinem Kopf zielte. Sein Schwert vibrierte unter der Wucht des Treffers.

„Teilen wir uns auf“, rief Harry seiner Gefährtin zu. Ganz gleich, wie gewandt Knecht Ruprecht auch sein mochte, kein Kämpfer konnte seine Augen überall haben.

Daphne nickte ihm knapp zu. Gleichzeitig mit Harry griff sie an. Schneller als das Auge zu folgen vermochte, wirbelten ihre Klingen. Knecht Ruprecht blockte ab und duckte sich unter Harrys Schwerthieb. Das Licht des Mondes spiegelte sich in der machtvollen Waffe. Daphnes Degen durchdrang die Deckung des Ungeheuers, während Harry mit seinem Schwert eine der Klauen band. Ein dunkler Schnitt zerteilte den Brustmuskel über dem Herzen von Knecht Ruprecht. Die Wunde war nicht tief. Erstaunlicherweise blutete sie kaum.

Daphne sprang zurück und entging nur knapp den Klauen des Ungeheuer. Knecht Ruprecht setzte ihr nicht nach, sondern machte einen Ausfallschritt auf Harry zu. Er täuschte einen Hieb auf den Kopf an und wechselte im letzten Augenblick die Richtung. Harry schaffte es nur durch seine jahrelang trainierten Sucher-Reflexe rechtzeitig zur Seite zu springen und dem Schlag auszuweichen, der ansonsten seinen Brustkörper zerschmettert hätte.

Die Kontrahenten gönnten sich keine Atempause. In tödlichem Tanz umkreisten Harry und Daphne das Ungeheuer. Harry hätte gerne noch einmal seinen Zauberstab eingesetzt, aber er wagte es nicht, aus Angst, er könnte Daphne treffen.

Dann setzte Harry einen tiefen Angriff, der auf die Beine des Ungeheuers zielte. Doch Knecht Ruprecht blockte sein Schwert mit einer Klaue, und eine andere Klaue des Ungeheuers streifte seinen Arm. Blut rann hinab, doch Harry spürte keinen Schmerz. Er setzte weiter nach und die Wucht seines Angriffs brachte ihren Gegner aus dem Gleichgewicht. Sie beide stürzten zu Boden. Sofort war wieder Daphne über ihnen. Sie fing einen Klauenhieb ab, der auf Harrys Kehle zielte. Knecht Ruprecht rollte sich seitlich ab und kam mit katzenhafter Gewandtheit wieder auf die Beine. Spöttisch blickte er sie an.

Erbärmlich. Absolut erbärmlich. Ihr seid –

Noch während das Ungeheuer sprach, sprang Harry hoch und griff erneut an. Er ließ einen wahren Hagel von Schlägen auf ihren Gegner nieder. Schritt um Schritt trieb Harry ihn auf die Felsen zu. Auch Daphne griff wieder an. Ihre Klinge streifte Knecht Ruprecht am Oberarm und hinterließ einen klaffenden Schnitt. Das Ungeheuer stieß wiederum keinen Schmerzenslaut aus.

Harry zielte mit seinem Schwert auf den Kopf ihres Gegners. Seine Klinge verfehlte dessen Hörner nur knapp. Im selben Moment durchbrach ein Klauenhieb Harrys Deckung. Er riss den Kopf zur Seite und trug dennoch eine Schnittwunde an der Wange davon.

Auch Daphne blutete aus zahlreichen leichten Wunden. Es schien ganz so, als spielte Knecht Ruprecht mit ihnen und trachtete danach, den Kampf in die Länge zu ziehen, um sie zu verhöhnen, während sie immer näher an die Felsen kamen. Die kleinen Schnitte und Prellungen zehrten an ihren Kräften. Harry konnte sehen, wie Daphnes Bewegungen langsamer wurden. Ihr Atem ging keuchend. Sie würde nicht mehr lange durchhalten können.

Harry warf sich nach vorne, um ihren Gegner von ihr abzulenken. Er schwang sein Schwert wie eine Sichel und zwang das Ungeheuer, vor ihm zurückzuweichen. Knecht Ruprecht machte einen Satz zurück, um einigen Abstand zwischen sich und Harry und Daphne zu bringen. Sie befanden sich nun direkt vor einer Höhle im Felsen, in die Knecht Ruprecht langsam zurückwich. Harry und Daphne folgten ihm. Der Wind um sie herum verstummte.

Die Höhle ging nicht tief, und in der Mitte blieb Knecht Ruprecht stehen. Er hob die Rechte und strich sich in übertriebener Geste über die Stirn. Deutlich sah Harry, wie sich die Wunden auf seiner Brust und seinem Oberarm, die sie ihm mit so viel Schwierigkeit abverlangt hatten, schlossen.  

Erneut schenkte Knecht Ruprecht ihnen ein spöttisches Lächeln.

Zeit zu sterben.

Ihr Gegner schnellte nach vorne, schneller als jemals zuvor in ihrem Kampf. Ein Prankenhieb prellte Daphne den Degen aus der Hand, und ein zweiter Schlag des Ungeheuers traf Daphne seitlich am Kopf. Sie wurde gegen die Höhlenwand geschleudert, schlug hart gegen den Stein und stand nicht mehr auf.

„Daphne!“, schrie Harry und versuchte zu ihr zu eilen, doch Knecht Ruprecht stellte sich ihm in den Weg. Fast spielerisch blockte er Harrys Schwerstoß ab, mit dem er an ihn vorbeizukommen versuchte.

Harry wusste, dass er Daphne nur würde helfen können, wenn er ihren Gegner besiegte. Mit dem Mut der Verzweiflung warf er sich nach vorn. Er sprang Knecht Ruprecht an. Seine Klinge schrammte über dessen Braue und hinterließ einen klaffenden Schnitt. Das Ungeheuer stieß einen überraschten Schrei aus und wich zurück, eine ganz andere Reaktion als bei Daphnes Treffern zuvor. Blut troff auf sein linkes Auge, und spiegelte sich da etwa Angst in seinem Gesicht?

Doch ehe Harry einen klaren Gedanken fassen konnte, ging das Ungeheuer mit wirbelnden Prankenhieben auf ihn los. Harry versuchte so gut es ging, seine Schläge abzufangen, doch Knecht Ruprecht kämpfte nun wie ein Berserker. Die Lust zu Spielen schien ihm vergangen zu sein. Ein dunkles Loch klaffte nun dort, wo einst sein linkes Auge gewesen war. Das geschundene Fleisch war verätzt, als hätte man es mit tödlicher Säure bespritzt. In ungezügeltem Zorn ging er nun auf Harry los. Seine Hiebe waren schlechter gezielt als zuvor, und doch trieb die Wildheit des Angriffs Harry in die Defensive. Er wich zurück, duckte sich oder drehte sich weg und schaffte es kaum noch, seinerseits einen Schlag zu setzen.

Harry spürte, wie seine Kräfte nachließen. Er versuchte an all jene zu denken, die wiedersehen wollte, auf dass ihm diese Gedanken neue Kräfte verliehen, wie es schon bei anderen Kämpfen der Fall gesehen war. Ron und Hermine. Die anderen Weasleys. Luna und Neville und all seine anderen Freunde. Teddy. Ginny…

Doch sein Blick wanderte immer wieder zu Daphne, die zusammengebrochen auf dem Boden lag. Ihr Brustkorb begann sich sanft zu heben und zu senken. Sie lebte!

Dann schlug klirrend Klaue auf Stahl, und Harry wurde aus seiner Erleichterung gerissen. Angestrengt parierte er die wilden Hiebe seines Gegners. Jede Parade nahm ihm ein wenig mehr von seiner Kraft.

Mit einer seitlichen Drehung löste er sich aus dem Kampf. Doch sofort setzte Knecht Ruprecht nach. Das Ungeheuer schien zu ahnen, dass Harrys Treffer mit dem von Basiliskengift getränkten Schwert tödlich war, und wollte ihn mit in den Tod reißen. Knecht Ruprecht ließ nicht zu, dass der Kampf auch nur einen Herzschlag lang stockte. Gnadenlos trieb er Harry vor sich her. Er musste einen zweiten Treffer landen, wusste Harry, sonst würde er nicht mehr lange genug durchhalten!

Ein wuchtiger Klauenhieb fegte Harrys Schwert zur Seite. Sofort folgte ein Hieb durch die Lücke, die nun in seiner Deckung klaffte. Harry warf sich zur Seite, doch die Klaue des Ungeheuers traf ihn an der Schulter. Blut sickerte aus der Wunde. Aus dem Gleichgewicht geraten, stürzte Harry, als er einem zweiten Hieb des Ungeheuers auswich. Das Ungeheuer verfehlte ihn so knapp, dass er den Luftzug auf seiner verletzten Wange spürte.

Instinktiv warf sich Harry nach vorn. Er riss sein Schwert zur Seite, und mit einem leisen Zischen ritzte er die Haut des Ungeheuers unterhalb des Knies, eine tiefe, blutige Furche zurücklassend.

Knecht Ruprecht knickte seitlich ein und führte noch im Stürzen einen schlecht gezielten Hieb auf seinen Kopf. Harry duckte sich und rollte sich seitlich ab, während das dunkle Fleisch des Ungeheuers zu ätzen anfing. Blankes Entsetzen stand seinem Gegner ins Gesicht geschrieben.

Noch halb gebeugt fuhr Knecht Ruprecht herum und setzte Harry in zügellosem Zorn nach. Doch dann verharrte er plötzlich. Sein verbliebenes Auge rollte zurück und ein heftiges Beben erfasste seinen zum Tode geweihten Körper. Im nächsten Moment erhellte ein roter Blitz die Dunkelheit und traf Knecht Ruprecht in den Rücken.

Harrys Augen schnellten zu Daphne, die just in diesem Moment wieder auf dem Boden zusammenbrach. Ihr Zauberstab kullerte ihr aus der kraftlosen Hand.

Das war die letzte Gelegenheit!, dachte Harry. Noch ehe sich Knecht Ruprecht erholen konnte von dem, was auch immer ihn gepackt hatte, riss er sein Schwert hoch und stieß es durch das Herz seines Gegners. Ein letztes Mal bäumte sich der Körper des Ungeheuers auf, ehe er leblos zusammensackte.

Keuchend erhob sich Harry von ihrem besiegten Widersacher. Er wandte sich um und sah Daphne zitternd auf dem Boden liegen. Sofort war er bei ihr.

„Daphne!“, rief er und packte sie an den Schultern. Er untersuchte sie auf Verletzungen. Abgesehen von Kratzern und Prellungen schien sie äußerlich unverletzt zu sein, doch wusste er nicht, welche inneren Schäden sie durch ihren Aufprall davongetragen haben könnte. Er zückte seinen Zauberstab und fing an, die spärliche Anzahl an Heilzaubern, die er kannte, anzuwenden. Die Kratzer auf Daphnes Haut schlossen sich, ihre Prellungen verblassten etwas und ihr Atem beruhigte sich.

Dann öffnete Daphne ihre Augen. Ihr Blick glitt über ihren besiegten Widersacher, und ein schwaches Lächeln erfasste ihre Lippen. Harry wurde von einem Schwung Zuneigung zu ihr erfasst. Sie hatten sich tapfer geschlagen, und Daphne ganz besonders. Sie hatte ihren Ahnen Ehre gemacht. Und dennoch, ohne das Schwert von Gryffindor hätten sie nicht gewinnen können…

„Harry“, riss ihn plötzlich Daphnes schwache Stimme aus seinen Gedanken. Sie hustete. „Wir werden erfrieren.“

Daraufhin nahm Harry sie in die Arme, um sie mit seinem Körper zu wärmen. Gleichzeitig belegte er sie beide mit den stärksten Wärmezaubern, zu denen er fähig war, doch auch er war am Ende seiner Kräfte. Seine Glieder fühlten sich schwer an. Erschöpft lehnte er sich an die Höhlenwand, seine Arme weiterhin um Daphne gelegt, die sich an ihn schmiegte.

Sie waren schon vorher so eng beieinander gewesen, unter seinem Tarnumhang, als sie sich versteckt hatten. Doch das hier fühlte sich viel intimer an. Harry konnte Daphnes Wärme spüren, die Konturen ihres Körpers, ihre langen Beine neben seinen, ihre Brüste, die sich an seine Seite drückten.

Mehrere Minuten vergingen, vielleicht sogar Stunden – wer konnte das schon sagen – während die beiden sich langsam erholten. Dann härte Harry auf einmal wieder Daphnes leise, aber schon etwas kräftigere Stimme neben sich.

„Es tut mir leid, Harry.“

Harry blickte zu ihr, doch sie wich seinem Blick aus. „Was tut dir leid?“

„Das ich dich hier mit hineingezogen habe“, sagte Daphne.

Jetzt war es an Harry, zu lächeln. „Du hast keine Entscheidungen für mich getroffen. Wenn ich schon den Preis für meine Sünden bezahlen muss, dann gestehe mir wenigstens zu, dass sie die meinen waren.“

Daphne stieß einen leisen Seufzer aus. Ihr Atem kitzelte Harrys Hals. „Sünden, sagst du. Ich habe auch einige begangen, weißt du. Es … es gibt da etwas, dass ich dir erzählen muss, Harry.“

„Wenn du mir sagen willst, dass du es warst, die euren Vater verraten hat, dann habe ich das schon erraten.“

Daphne erstarrte in seinen Armen und blickte ihn an. Überraschung spiegelte sich in ihrem Blick. „Wie?“, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch in der eisigen Luft.

Harry schloss seine Augen, zurückdenkend an ihre Reaktion als er sie in Yggdrasil auf ihren Vater angesprochen hatte. „Wer sonst hätte die anonymen Tipps ans Ministerium geben können?“, sagte er. „Wer sonst hätte gewusst, wo sich der Vater aufhielt, außer der geliebten Tochter?“

Er öffnete wieder seine Augen, und zuckte zusammen, als er Daphnes ängstlichen Blick sah. Das war nicht seine Absicht gewesen.

„Ich halte es dir nicht vor“, sagte er eilig und festigte seinen Griff um Daphne, um sie seine Aufrichtigkeit fühlen zu lassen. „Es ist die Liebe zu deiner Familie, die ich so sehr an dir bewundere, Daphne. Die Liebe zu deiner Familie, die dich sogar dazu brachte, dich von deinem eigenen Vater abzuwenden, da er mit seinen Verbrechen die Ehre der Familie beschmutzte. So war es doch, oder nicht?“

Daphne nickte, offenbar nicht imstande, ihre Gedanken in Worte er fassen. Tränen fingen an, über ihre Wangen zu laufen. Harry ging ein Stich durchs Herz, doch er hatte das Gefühl, dass sie darüber sprechen mussten, waren sie doch immerhin Partner auf dieser eisigen Quest und hatten gerade gemeinsam um ihr Leben gekämpft.

„Deine Liebe zu deiner Familie, oder eher deine Unterwerfung, ist jedoch auch das, was ich am meisten an dir verachte“, sprach er daher weiter. „Dieses Bild deiner Familie, das du in deinem Kopf aufgebaut hast und dem du alles andere unterordnest. Deine Ahnen in ihren pompösen Gräbern, von denen du ständig sprichts, und in deren Angesicht du dich beweisen musst. Über alles andere willst du den Leuten gefallen. Nein, du willst nicht, dass sie dich für den liebenswertesten Menschen auf der Welt halten, das ganz sicher nicht, aber du willst, dass sie dich in Erinnerung behalten. Als ein Mitglied der ruhmreichen Familie der Greengrasses. Deshalb hast du deinen Vater verraten, weil du angewidert warst von seinen Taten, nicht wahr? Und deshalb willst du den Namen Greengrass wieder einer Bedeutung zuführen. Deshalb gehst du immer weiter voran, wie gerade eben. Selbst wenn es deinen eigenen Tod bedeuten könnte. Vielleicht willst du das ja sogar. Denn dann würden die Leute immerhin voller Bewunderung von dir sprechen. Von der letzten Greengrass-Erbin, die sich aus Liebe zu ihrer eigenen Schwester geopfert hat.“

Harry hob seine Hand, um Daphne die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. „Du bist nicht Herrin deines Schicksals, Daphne, sondern seine Sklavin. Und das liebe und hasse ich an dir.“

Daphne schenkte ihm ein schiefes Lächeln, und ihre Wangen glitzerten immer noch von ihren Tränen, doch für Harry lag dennoch eine beinahe schon überirdische Erhabenheit in diesem Anblick. Ein warmes Gefühl erfasste sein Herz.

„Ich habe dir noch viel mehr zu sagen, Harry, irgendwann, aber fürs erste bin ich einfach nur froh, dich an meiner Seite zu wissen“, sagte Daphne leise und drückte sich wieder an seine Seite. „Selbst wenn du auch nur auf der Flucht vor deinen Dämonen bist...“

Ein Lächeln erfasste Harrys Mundwinkel. Offenbar war er nicht der einzige, der den anderen aufmerksam beobachtet hatte.

Danach schwiegen sie, und es war einige Zeit später, dass Harry hörte, wie Daphne eingeschlafen war. Ihre Schlafgeräusche füllten die dunkle Höhle. Harry fühlte, wie auch für ihn Morpheus‘ Ruf immer unwiderstehlicher wurde.

Ein letztes Mal blickte er zu seiner Partnerin in seinen Armen, die da so gut hinzupassen schien, ehe er seinen Blick durch die Höhle wandern ließ. Als er zu dem Ausgang blickte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Da war eine dicke Eiswand, die den Weg aus der Höhle versperrte und den Blick hinaus trübte. Jenseits davon schwoll ein Licht langsam an, dann wieder ab. Das war ihm zuvor noch gar nicht aufgefallen. Wie lange war die Eiswand schon da?

Doch bevor Harry mehr darüber nachdenken konnte, übermannte ihn seine Müdigkeit.





AN:

Ich glaube, die Geschichte ist nicht so beliebt angesichts dessen, dass das letzte Kapitel keinen einzigen Kommentar bekommen hat. Aber ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich bisher sehr viel Spaß beim Schreiben hatte. Gerade in diesem Kapitel ist sehr viel passiert und so ist auch beim Schreiben die Zeit wie im Fluge vergangen. Es gab sehr viel Action, was auch eine gewisse Herausforderung beim Schreiben war. Aber was denkt ihr, wie es für unsere beiden tapferen Abenteurer weitergehen wird? Ich würde mich freuen, eure Vermutungen zu hören!

Übrigens: Das war jetzt das dritte Kapitel. Insgesamt plane ich mit um die zehn. Nur damit ihr ein Gefühl bekommt, wo wir in der Geschichte ungefähr stehen.

Noch ein Tribut: Die Polargeister waren inspiriert von den Schlamuffen in Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“. Leseempfehlung!
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