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Dies irae – Tag des Zorns

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Übernatürlich / P18 / Het
17.06.2022
23.09.2022
15
90.322
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23.09.2022 5.954
 
Mittlerweile war Peer bei Möglichkeit dreiunddreißig angekommen, den Prinzen von San Diego zu töten, und vermutlich würde sich sein Vater für ihn schämen, dass ihm noch nicht mehr Ideen eingefallen waren. Inzwischen hatte er sich an diesen Freak sogar irgendwie gewöhnt, hinzu kam seine dauerhafte schlechte Laune, seine Gleichgültigkeit der gesamten Situation gegenüber. Mit Heathers Tod war die gesamte Farbe aus seinem Leben verschwunden und jetzt war er von hässlichen Grau-, Schwarz- und Weißtönen umgeben, die ihn anödeten.
Der Prinz von San Diego nutzte seine Stimmungen gnadenlos aus. Wüsste Peer es nicht besser, würde er ihn sogar für einigermaßen zivilisiert halten. Nun, wäre da nicht diese Besessenheit seiner Schwester gegenüber, die Peer wirklich auf die Nerven ging. Er hatte es satt, über sie zu reden, zumal er wirklich keine großartigen Geheimnisse verraten konnte, dazu kannte er Emelie nicht gut genug. Sie war so viel älter als er und die meiste Zeit seines Lebens hatte er geglaubt, sie wäre tot. Prinz Pellicano hingegen wusste ziemlich viel über sie und Peer hielt ihn für einen irren Stalker, äußerte das aber nicht, um keinen unnötigen, kräftezehrenden Streit zu provozieren. Überhaupt hatte sich ihre gemeinsame Koexistenz bisher erstaunlich gut gemacht; vielleicht auch, weil Peer inzwischen gleichgültig dem Prinzen gegenüber war. Sollte er ihn doch beim Duschen beobachten, es war ihm egal. Es wäre ihm sogar egal, wenn der Giovanni sich nebenbei einen runterholen würde. Missmutig starrte Peer an die Zimmerdecke. Ihm war sehr wohl bewusst, dass die Giovanni ihn nicht gehen lassen wollten. Mit all den Informationen, die er inzwischen gesammelt hatte, konnten sie ihn schlichtweg unmöglich laufen lassen. Er sollte hier endgültig sterben. Wenn es nach der Baronin ging, so schnell wie möglich. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Die Giovanni-Schwester war ungenießbar, scharfsinnig und überhaupt das ganze Gegenteil ihres Bruders. Wenn sie anwesend war, durfte Peer sich kaum ohne ihre Zustimmung rühren. Als würde ich beide gleichzeitig angreifen. Pff. Vittoria war in den letzten Nächten selten hier gewesen, offenbar gab es Meinungsverschiedenheiten mit verschiedenen Anarchen. Da sie die Baronin war, wurde natürlich nach ihr verlangt. Zuerst hatte Peer geglaubt, dass die Anarchen gegen die Giovanni protestierten, doch offenbar war es so, dass plötzlich jeder Anarch mit dem anderen im Clinch lag und Vittoria Pellicano die Wogen irgendwie glätten musste.

Prinz Pellicano ließ seinen unfreiwilligen Gast tun und lassen, was dieser wollte. Peer hatte uneingeschränkt Zugriff auf sein Mobiltelefon und somit auf das Internet, konnte Fernsehen oder sich in der Bibliothek der Giovanni bedienen. Der Prinz hatte sogar veranlasst, dass ihm alle Utensilien zum Malen gebracht wurden. Peer hätte sich gern darüber mokiert, dass Pellicano glaubte, alle Toreador würden einen Pinsel schwingen, in Wahrheit war er jedoch beinahe dankbar. Er würde nie so gut malen wie Heather, doch er konnte in die Malerei entfliehen und dabei seiner Umgebung entkommen, wenigstens für einige Zeit. Wahrscheinlich würde Pellicano auch gar nichts gegen ihn unternehmen; seine Freude war das Wissen, dass er Emelie quälte, weil er ihren jüngeren Bruder entführt hatte.
Der Toreador seufzte und setzte sich auf. Seiner Meinung nach brauchte Prinz Pellicano dringend einen Exorzisten. Er konnte keine Fragen mehr über sie oder ihre Familie hören. Außerdem konnte er nur erahnen, was dieser Psychopath mit ihr machen würde, wenn er sie endlich in die Finger bekäme.
Inzwischen hatte er allerdings auch begriffen, wieso es überhaupt dieses angespannte Verhältnis zwischen seiner Schwester und dem Giovanni-„Prinzen“ gab. Er hatte zwar gewusst, dass die Giovanni sie verschleppt hatten (nach Los Angeles hatten sie lockeren Briefkontakt gehabt, eine Chance, sich etwas besser kennenzulernen), aber er hatte keine Details gekannt. Jetzt kannte er genug davon und mehr wollte er auch gar nicht wissen.
Peer stand auf und ging zu der Staffelei, die ihm zur Verfügung stand. Sein Arbeitsplatz war unordentlich, das war er normalerweise nicht, aber hier störte es niemanden und es war auch nicht mehr wichtig. Seine Fingerkuppen glitten über die nackte Leinwand, spürten die aufgeraute Oberfläche, nahmen das hungrige Weiß in sich auf. Mit Heather hatte er gemeinsam gemalt, an einem Werk. Anfänglich war es schwierig gewesen, zwei Künstler auf einem Bild zu vereinen, ohne die Harmonie des Bildes zu stören, doch sie hatten geübt und irgendwann hatten sie sich gut ergänzt. Er lächelte ein wenig bei diesem Gedanken. Ihm fehlte die Wärme ihrer Haut, ihre Lebendigkeit, das Schlagen ihres Herzens, das er selbst dann hören konnte, wenn zwischen ihnen ein Tisch stand.
Seit sehr langer Zeit dachte er an Lavinia. Es war beinahe amüsant, dass sie sich wie eine berühmte Malerin genannt hatte, denn Peer bezweifelte, dass sie wirklich Lavinia hieß. Namen waren Schall und Rauch. Er hieß inzwischen Perryn, Pellicano nannte seine Schwester „Lily“ (weshalb auch immer), Emelie, die in Wahrheit eigentlich Emilijana hieß, selbst hatte sich offiziell in Emily James-Morgen umbenannt, ihre Drillingsbrüder hatten ihre Namen gänzlich abgelegt und Bezeichnungen angenommen, die nur einem Malkavianer einfallen würden.
Peer empfand Lavinia gegenüber keine Abscheu, er verurteilte sie auch nicht für den Kuss. Die Toreador, die er zufällig kennengelernt hatte, hatte keine Ahnung gehabt, dass er schlimmere Dinge als Vampire kannte. Er hatte auch keine Chance bekommen, es ihr zu erzählen. Nach der Wandlung war er eine lange Zeit verwirrt gewesen, sogar regelrecht hilflos, denn der Kuss hatte seine Fähigkeiten und Talente regelrecht absorbiert. Ein bisschen Hexenkraft war ihm geblieben, doch das Erbe seines Vaters war verschwunden. Dämonische und kainitische Kräfte vertrugen sich ganz offensichtlich nicht. Er hatte sich nie gefragt, was aus ihm geworden wäre, hätte LaCroix Lavinia nicht hinrichten lassen. Die Unabhängigkeit von seiner Familie war eher Segen als Fluch. Nun, er vermisste gelegentlich die Sonne, das stimmte. Manchmal, wenn die Sehnsucht zu groß war, sah er sich auf YouTube Sonnenauf- oder Sonnenuntergänge an. Heather hatte ihm oftmals erzählt, wie die Sonne am Tag ausgesehen hatte. Sie war immer besser darin geworden, ihre Erzählungen waren so malerisch geworden, dass Peer die Sonne fast auf seiner Haut fühlen konnte.
Der Giovanni hatte ihm nicht einfach seinen Guhl genommen. Er hatte ihm die Frau genommen, die ihm die Sonne zurückgegeben hatte. Plötzlich dachte er an die Ringschachtel, die er in seinem Schreibtisch versteckt hatte. Es hatte keinen wirklichen Grund gegeben, damit zu warten. Er hatte Heather damit überraschen wollen, denn ihr wurde eine kleine Ausstellung zugesagt. In der Nacht der Ausstellung hatte er vor ihr ganz klassisch einen Kniefall machen wollen. Egal, was Pellicano plante, Peer musste noch einmal zurück in das Appartement, er wollte den Ring an sich nehmen.
Lavinia hatte nichts davon im Sinn gehabt, als sie ihn in dieser einen Nacht angesprochen hatte.
Mit beinahe automatischen Bewegungen griff er nach den Farben - sehr hochwertige Farben, die Giovanni protzten gern herum - und suchte die zusammen, die er benötigen würde. Seinen Blick nahm er dabei kaum von der Leinwand, als wolle er die Idee darin einbrennen. Bestimmt tauchte er einen Pinsel in die Farbe und begann sein Werk.

***********


Sie kehrten zu zweit ins alte Jägerkloster zurück. Kage fand sie am Tresen sitzend, in einer Hand eine brennende Zigarette und ein großes Glas mit dunkler Flüssigkeit, die sowohl nach Blut als auch nach Alkohol roch. Sie hatte die Füße auf dem Tresen abgelegt, das Glas gegen die Schläfe gepresst.
Beckett folgte ihm gleich einem Schatten, machte jedoch keine Anstalten, ihn zu überholen.
„Du rauchst doch gar nicht“, begann Kage vorsichtig.
Ihr Gesicht war knochenbleich, ihre Augen rotgerändert. Sie hatte nur einen kurzen Blick für ihn und Beckett übrig. In einem Zug kippte sie das Glas, griff um den Tresen und holte einen bereits angerissenen Blutbeutel hervor. Sie mischte das Blut mit irgendeinem goldfarbenen Alkohol und hob es wieder an den Mund.
Kage ging langsam weiter auf sie zu. „Keine Ahnung, was ich jetzt sagen soll“, gab er zu. „Die Geschichte, dass dein Vater aus dem Weltall stammt, gefiel mir besser.“
Ihr Blick umwölkte sich, der Griff um das Glas wurde fester. „Als würde ich damit prahlen gehen“, zischte sie und ihre Worte waren ein klein wenig verschwommen, „dass Abaddon mein Vater ist. Das glaubt doch sowieso keiner.“ Sie biss sich auf die zitternde Unterlippe, drehte und wendete die Zigarette in ihrer Hand, nachdem sie das Glas abgestellt hatte. Für einen Moment befürchtete Kage, dass sie sich den Glimmstängel ins Auge brennen wollte.  

„Weißt du was?“, sagte sie und schnaubte bitter, „Damals… unter den Giovanni, da habe ich mich prostituiert, damit ich nicht hungern muss. Damit ich nicht wieder jemanden in Raserei töte. Also scheiß‘ drauf. Scheiß auf die Hölle. Scheiß auf Crevan. Scheiß auf Abaddon.“ Sie nahm die Füße vom Tresen und glitt schwankend vom Hocker, wandte ihnen den Rücken zu, um die Kisten mit Alkohol und Blut zu studieren, die Ash hier abgestellt hatte. Offenbar unzufrieden mit der Auswahl, füllte sie das Glas erneut nach, nippte daran, hielt die Zigarette weiter zwischen den Fingern, ohne daran zu ziehen. Sie wollte alles gern auf die leichte Schulter nehmen, es abtun, doch ihre Augen waren aufgewühlt und unnatürlich geweitet, ihre Wangenmuskulatur zu straff, also biss sie permanent die Zähne aufeinander. Ihre Augen waren fest auf Kage gerichtet und dem Drachen gelang es nur mit Mühe, nicht rückwärts von ihr zurückzuspringen, als ihre freie Hand nach vorn schnellte und ihn am Hals packte. „Sie halten dich so und hämmern in dich hinein, als hätte das irgendetwas mit Sex zu tun, aber das hat es nicht, nur rein und raus, aber vermutlich wollten sie auch keinen Sex, sondern nur einen schnellen Fick, weil ihnen dafür Essen versprochen wurde, Drogen oder Geld und die armen Wichser wurden danach genauso entsorgt wie alle anderen auch.“
Kages Augen weiteten sich ebenfalls. Er wehrte sich nicht, der Druck war nicht stark. Die Augen der Vampirin füllten sich mit blutigen Tränen, ihr Gesicht hingegen zeigte Wut. „Wieso tun sie das? Wieso packen sie dich so an? Wieso würgen sie dich halb bewusstlos? Ist das eine Demonstration von Macht? Wenn du mich fragst, wäre eine wirkliche Demonstration von Macht die, dass diese Arschlöcher endlich mal eine Frau zum Orgasmus bringen, aber das können sie nicht, weil es sie nicht interessiert und weil sie nur ihren Schwanz irgendwo reinrammen wollen, weil sie keine Ahnung von weiblichen Körpern haben und weil sie die Klitoris für ein hippes neues Getränk halten oder für eine Amtssprache eines fernen Landes oder aus irgendeiner Weltraumserie.“ Endlich ließ sie Kage los und stolperte zurück zu den Kisten. Die Tränen liefen, scheinbar von ihr unbemerkt, Schluchzer unterbrachen sie, machten ihr das Sprechen manchmal unmöglich. Die Zigarette ließ sie fallen und trat sie aus.
Der Drache hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Er machte einen Schritt in ihre Richtung und wurde plötzlich festgehalten. Beckett hielt seine Jacke so fest, dass er ein Loch hineinriss. Nachdrücklich schüttelte er den Kopf.
Emelie stand hinter dem Tresen, schloss die Augen und trank einen großen Schluck, während weiter Blut ihre Wangen hinablief. „Sie haben am Ende auch nur das gemacht, was ihnen gesagt wurde, schön rein und raus und bei Bedarf zuschlagen oder ihren Schwanz so tief in den Rachen rammen, dass man kotzen muss, aber das ist ihnen egal, und dann ficken sie dich in den Arsch und das tut verflucht weh, weil sie am Gleitgel sparen, aber Blut ist erwünscht, ja sogar erbeten, gut für die Kamera, denn es gibt ja nicht nur diese Wichser, die so etwas tun, es gibt auch diese Wichser, die so etwas sehen wollen und viel Geld investieren, um so etwas sehen zu können, weil sie sich selbst nicht trauen, ihre Frau in den Arsch zu vögeln. Oh, und sie erfinden schöne Spitznamen, Bezeichnungen, bei denen der Herr der Hölle erröten würde. Und blöderweise lernen sie dazu, auch wenn es am Anfang alle Strafen wert war, weil sie Schwänze in Münder geschoben haben, die Fangzähne hatten.“ Sie lachte und schluchzte zur gleichen Zeit, trank das Glas aus und warf es gegen eine Mauer. Es zersprang geräuschvoll. „Scheiß doch auf sie alle.“

Kage war der erste, der sich bewegte. Er nahm sich die geöffnete Flasche und sagte gepresst: „Ich muss mal an die frische Luft.“
Beckett hörte ihn hinausgehen, die schwere Tür fiel zu. Die Kainitin zitterte und drehte sich dann langsam zu ihm herum. Emelie sah trotzig aus. Ihre Wangen waren mit blutigen Tränenspuren beschmiert, ihre geweiteten Augen machten immer noch einen gehetzten Eindruck. Sie überbrückte die Distanz zwischen ihnen so schnell, dass Beckett einen Moment mit dem Gleichgewicht rang, als sie sich an ihn klammerte. Ihre Umarmung war so fest, als wolle sie sich in ihm verkriechen. „Beckett, ich will, dass du mir die Angst rausvögelst.“
Mit allem hatte der Gangrel gerechnet, nur damit nicht. Er rang nach Worten, nach irgendeiner Reaktion. Missmutig hob Emelie den Kopf. Was auch immer sie in seinem Gesicht sah, sie rollte mit den Augen und gab ein genervtes Geräusch von sich. „Unten im Club ging’s doch auch. Oder war das nur Wiedersehensfreude?“
Zum Glück war sein Verstand schnell und wendig. Sie hatte zwar nicht von sich gesprochen, doch ganz offenkundig hatte sie gerade Dinge erzählt, die sie hatte unter den Giovanni ertragen müssen. Dass sie jetzt Sex wollte, überraschte ihn nicht, das war schon immer ihre Art gewesen, damit umzugehen, getreu dem Motto, dass Angriff die beste Verteidigung sei. Außerdem vertraute sie ihm - zumindest diesbezüglich - in höchstem Maße. Normalerweise. „Wieso fragst du nicht Pike?“, erwiderte er also und bemühte sich, seine Irritation aus seiner Stimme fernzuhalten.
Emelie ließ ihn los und verzog das Gesicht. „Um Himmels willen, es war eine Verabredung bei McDonald’s. Unser Date war viel besser.“ Beiläufig wischte sie sich über die Augen. „Vergiss es. Leck mich doch.“ Sie drehte ihm wieder den Rücken zu und besah sich die Scherben, die sie verursacht hatte.
Beckett sah ihr verwirrt dabei zu, wie sie nach Schaufel und Besen suchte. Wann hatte sie entschieden, nicht mehr mit Pike zusammen zu sein? Wieso erklärte sie ihm nicht, was das alles sollte? Sie hatte ihn behandelt wie einen Fremden und jetzt nahm sie seine Zurückweisung persönlich?

„Ich… kann mich nicht so gut an die letzten Tage erinnern. Kage hat dir bestimmt gezeigt, wie wir Kontakt mit den Mädchen aufnehmen. Hast du dich um sie gekümmert?“ Sie hatte nur einen Lappen gefunden und sah zu Beckett. Sie sah völlig verloren aus.
„Ja“, antwortete Beckett vorsichtig. „Al-Asmai gibt auf sie Acht, zumindest beobachtet er das Haus.“
Sie lächelte schwach. „Qadir? Das ist aber lieb von ihm. Hast du dich mit ihm in Verbindung gesetzt? Hoffentlich hast du ihn schön von mir gegrüßt. Ich glaube ja, er mag mich. Vermutlich tut er das wirklich, denn du hast dich in New York damals reichlich seltsam aufgeführt.“
„Das ist eine Lüge“, antwortete er lapidar, während ein böser Verdacht in ihm keimte. Emelie war es gewesen, die al-Asmai angerufen hatte und jetzt erinnerte sie sich nicht. Sie erinnerte sich nicht daran, dass sie und Pike „ein Paar“ waren. Irgendetwas war also in Pikes Konditionierungsprogramm schiefgelaufen. Vielleicht konnte er das zu seinem Vorteil nutzen und Emelie die Realität wieder nahebringen. „Wenn du möchtest, gehen wir in mein Hotel. Wir könnten aber auch noch bis zu den Hollywood Hills fahren.“
Die Vampirin versuchte, ihn verärgert anzusehen, biss sich dabei aber erwartungsvoll auf die Unterlippe. Schließlich nickte sie.
„Darf ich in deinen Kopf? Später?“
„Beckett“, säuselte sie und ihr Lächeln war aufregend und verheißungsvoll, „das darfst du doch immer.“

Der Gangrel fuhr sich durch die Haare, als sie sich wieder den Scherben zuwandte. In Wahrheit wollte er keineswegs mit ihr schlafen, nicht nach Pike, nicht nach dem, was sie vorhin erzählt hatte, nach allem, was er über ihre Familie erfahren musste (Ob Emelie ihm wohl je davon erzählen würde? Offiziell wusste er nichts davon). Er wollte sich irgendwo in die Stille setzen und darüber nachdenken, um besser damit umzugehen zu können. Im Moment wollte er Emelie lieber in Watte packen und mehrere Decken um sie rollen, um sie zu schützen, vor dieser grausamen Welt, zu der sie dazugehörten. Solche Gedanken wären ihm früher nie gekommen, es hatte mit Hekates Geburt angefangen. Ein gemeinsames Leben mit Emelie bedeutete viele menschliche Emotionen auf einmal, Emotionen, an die sich Beckett kaum noch erinnerte. So dringend, wie er sie beschützen wollte, so unbedingt wollte er eine Schneise durch die Giovanni schlagen, den Dämon vernichten und dieses verdammte Kalifornien verlassen. Er würde nichts dergleichen tun, denn das gequälte, missbrauchte Mädchen war eine Kämpferin, die sich lachend in den Schlund der Hölle fallen ließ, um ihre Ziele zu erreichen. Sie mochte diesen übergriffigen Schutz nicht, sie brauchte ihn in Wahrheit nicht.
Es war natürlich gänzlich etwas anderes, wenn es umgedreht war und Emelie Beckett beschützte, so sah sie das zumindest. So, wie sie geglaubt hatte, ihn und sich selbst vor Vykos zu schützen und die grauenhaften Experimente des Unholds ertragen hatte. Beckett hätte diesen Schutz niemals gebraucht und auch nicht angenommen und genau das hatte sie gewusst. Ihre Entscheidung, ihr Blutsband zu zerstören, war vermutlich aber letztlich das letzte Quäntchen Vertrauen gewesen, das sie nie in ihn gehabt hatte.
„Emelie?“
Die Kainitin hatte mit spitzen Fingern die Glasscherben eingesammelt und sah nicht einmal auf. „Hm?“
„Komm her.“ Er bemühte einen Tonfall, der ihr gefiel und offenbar hatte er damit Erfolg. Mit einem Lächeln, das nicht einmal ansatzweise auf die letzten Stunden hindeutete, kam sie näher. „Ja, Mr. Beckett?“
Er hob die Arme, nur ein klein wenig, die Handflächen nach oben gerichtet. Emelie griff nach seinen Händen und ließ sich näherziehen. Aufmerksam legte sie den Kopf schief, reckte sich ein wenig, um die Sache zu beschleunigen. Gerade, als sich ihre kalten Lippen berührten, wurde die schwere Eingangstür aufgeschoben und sie fuhren erschrocken auseinander wie Teenager in einer Klosterschule.
Es war Ash, der zurückkehrte. Für die anderen beiden Kainiten hatte er kaum einen Blick, er balancierte einen ziemlichen Stapel Kisten und brachte sie in irgendein Hinterzimmer.
Verlegen zupfte Emelie an Becketts Hemd herum. „Wenn… wenn das hier vorbei ist“, murmelte sie, „kommst du dann wieder zu uns zurück?“
Bei all den Problemen hatte Beckett überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass das ja auch noch zwischen ihnen stand. Er gab nicht sofort eine Antwort, obwohl sie ihm bereits auf der Zunge lag. Ich bin doch nie weg gewesen. Immer wieder fragte er sich, wieso er sich all das eigentlich antat. Sich in seiner Freiheit zu beschränken, menschliche Emotionen zu verstehen und teilweise zu heucheln, Kinder erziehen, die er eigentlich gar nicht haben dürfte, auf eine Malkavianerin aufpassen, die ihm irgendwann den letzten Nerv rauben würde und das sogar schon mehrfach getan hatte. Beckett wollte sie ansehen, aber Emelie hatte den Blick gesenkt und zupfte immer noch nervös an seinem Hemd. Ihre Verletzlichkeit rief Instinkte in ihm wach, deren Existenz er nicht einmal in Erwägung gezogen hatte. Selbst sein Tier war im Augenblick ausschließlich auf sie konzentriert; ihre Verletzlichkeit war keine Schwäche, sie würde sie nie jemand anderem zeigen, nur ihm. Darum hatten sie all die Jahre gekämpft. Vertrauen.
„Wohin möchtest du gehen?“, fragte er und Emelie sah verwirrt auf. „Ich… weiß nicht“, gestand sie, „ich hatte noch keine Zeit, darüber nachzudenken.“
Beckett nickte. „Spontan würde ich London vorschlagen, nur, um weitere Schritte zu planen.“ Er fühlte sich der Stadt, in der er geboren worden war, immer noch verbunden. Manchmal konnte die Planung weiterer Schritte mehrere Jahre in Anspruch nehmen. London bot viele Möglichkeiten, um sich zurückzuziehen. „Oder Silchester. Das ist allerdings recht klein.“
„Du hast deine alte Unterkunft dort immer noch?“ Die Verletzlichkeit fiel von ihr ab und obwohl Beckett es begrüßte, wenn sie ihre Fassung zurückgewann, flüsterte eine verräterische Stimme in seinem Hinterkopf, dass er es ausnehmend genoss, wenn sie Schutz bei ihm suchte. „Weshalb auch nicht?“
Das Lächeln, das sich langsam in ihrem Gesicht ausbreitete, erreichte zwar ihre verquollenen Augen nicht, doch das war im Moment nicht einmal schlimm. „Du möchtest uns mitnehmen?“
„Das möchte ich“, sagte er und unterdrückte ein Seufzen. Was blieb ihm auch anderes übrig? Was sollte er sonst sagen? Er konnte schlecht auf das zurückkommen, was vor ein paar Monaten überhaupt zu der jetzigen Situation geführt hatte. Deswegen sind wir doch hier. Deswegen all dieses Chaos. Dieser Schmerz.
Emelies Blick ging an ihm vorbei, in weite Ferne, dann lächelte sie wieder und dieses Mal war das Lächeln echt. „Weißt du noch, als Hekate angefangen hat, all ihre Plüschtiere in den Hals zu beißen, als sie Hunger bekam?“
Becketts Mundwinkel zuckten. „Wir hätten ihr die Nahrungsaufnahme genauer erklären sollen.“ Bei Pandora hatten sie ihren Fehler nicht wiederholt. Wahrscheinlich hatten sie andere Fehler gemacht. Er hatte regelrecht darum kämpfen müssen, damit Emelie ihm seine Töchter überließ. Ihre Schuldgefühle waren so groß, die Angst, dass er es ihr übel nahm. Die Schwangerschaften. Die Kinder. Als ob sie etwas dafür konnte, dass Vykos mit ihrem Uterus herumexperimentiert hatte. Unvermittelt kniff Beckett die Augen zusammen und war dankbar dafür, dass er die Brille trug. Der Schmerz kam zurück, dieser einmalige, verzehrende Schmerz, scharf wie eine Klinge, unauffällig wie ein Schatten.
Emelie runzelte die Stirn. Sie wusste vielleicht nicht, was gerade los war, doch sie spürte über das Blutsband seine Unruhe. „Es ist seltsam“, sagte sie leise und hörte endlich auf, an seinem Hemd zu zupfen, „ich bin mir aus irgendeinem Grund sehr sicher, dass wir nicht noch mehr Kinder bekommen.“
Ich weiß, hätte er am liebsten gesagt. Stattdessen schwieg er und wich etwas von ihr zurück. Sie sah nachdenklich aus.

Ash kam zu ihnen zurück und Beckett schüttelte den Kopf über ihre eigene Leichtsinnigkeit, an dieses Thema in der Nähe von anderen Kainiten auch nur zu denken. Der Toreador betrachtete das Werk, das Emelie angerichtet hatte. Er sah immer irgendwie resigniert aus, deshalb veränderte sich sein Gesicht kaum. „Ich habe noch nicht an einen Besen gedacht.“
Schuldbewusst zog die Malkavianerin die Schultern nach oben. „Schreib mir eine Rechnung“, schlug sie vor.
Ashs Mundwinkel hob sich ein wenig. „Sag mal, womit verdienst du eigentlich dein Geld? Du bist keine Jägerin mehr.“
„Produkttesterin“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen, „und außerdem bekommen die meisten Jäger nicht mal Geld.“
Sie bemerkte, dass Beckett verhalten grinste. Ihre Antwort schien ihn zu amüsieren und darüber freute sie sich. Früher hat er sich über uns lustig gemacht. Diese Diskussion konnte sie jetzt wirklich nicht gebrauchen. Diese Zeiten waren längst vorbei. Bist du da sicher? Dein Clan ist immer ein Thema. Das entsprach nicht der Wahrheit. Beckett hatte ihren Clan schon längst akzeptiert, manchmal schien er sogar stolz darüber zu sein. Klar, stolz auf sich, weil er es mit uns aushält. Jetzt will er mit uns plötzlich nach Europa. Wie lange, bis er wieder wegläuft?

„Em?“ Ash legte den Kopf ein wenig zur Seite. Die Vampirin sah auf. Beckett grinste nicht mehr, er hatte die Tür ins Visier genommen. Seine Haltung hatte sich geändert. Ash drehte sich ebenfalls um. „Dieses Geräusch kenne ich.“
Kage rannte die Türen des Klosters fast ein. Er sah aufgebracht aus. „Jäger“, knurrte er.
„Oh, doch nicht-“, hob Emelie an und ihr Freund nickte bereits. „Er ist nicht allein und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das noch irgendetwas mit Ugly zu tun hat.“
„Ash, versteck dich“, zischte Emelie und der Toreador sah sie ungläubig an. „Wie bitte? Ich bin durchaus in der Lage, es mit Jägern aufzunehmen.“
„Das glaube ich dir, aber es müssen nicht noch mehr von uns mit hineingezogen werden.“ Sie blickte zu Beckett und öffnete den Mund. Der Gangrel hob eine Augenbraue. „Unterstehe dich.“
Das Summen von Motorrädern verstummte. Emelie konnte nicht genau einschätzen, wie viele es waren, vielleicht drei oder vier, dann sollte es keine großartigen Schwierigkeiten geben. „Gut, ich habe eine andere Idee. Ash, wir verstecken uns einfach alle und versuchen das Ganze mit ein bisschen Heimlichkeit, ja? Oder willst du, dass sie das Kloster zerlegen?“
„In Ordnung“, stimmte Ash zu und ging mit großen Schritten in Richtung Hinterzimmer. Beckett sah, wie Kage die Klostertür bereits öffnete. Emelie war einfach an Ort und Stelle verschwunden und wartete vermutlich in der Verdunkelung. Er seufzte und nahm seine Nebelgestalt an.

„Das ist unnötig“, bemerkte Kage wütend. Mazer Hayes richtete den Lauf der abgesägten Schrotflinte auf ihn und schüttelte den Kopf. „Nein, es ist längst überfällig. Ich kann die Vampire spüren, Blödmann. Sie sind da drin. Geh beiseite oder wir machen dich nieder. Deine Wahl.“
Kage musterte die drei Typen, die Mazer umringten. Er kannte keinen der Jäger. Einer war groß und breit wie ein Schrank, hatte eine Glatze und hielt zwei Pistolen, die in seinen großen Händen wie Spielzeug aussahen. Der zweite Kerl hatte eher Mazers Statur, schlank und muskulös, ein Läufer vielleicht oder ein Kletterer. Er war mit zwei Dolchen bewaffnet. Der dritte Jäger sah aus wie Harry Potter ohne die Blitznarbe. Er hatte sogar eine kleine, runde Brille.
Mit einem kaum hörbaren Seufzen trat Kage beiseite. Mazer ließ die anderen vorgehen und behielt seinen ehemaligen Kollegen im Blick. „So einfach?“
„Du bist derjenige, der sie in den Tod führt. Ich habe dich mehrfach gewarnt. Du kannst immer noch gehen.“
Mazer hatte noch nie Angst gezeigt, er stürzte sich immer Hals über Kopf in den Kampf, auch wenn die Vampire ihm überlegen waren. Seine blinde Wut schien ihm irgendwie den Hals zu retten. Er grinste Kage abfällig an. „Der einzige Grund, weshalb du am Leben bleibst, ist der, dass wir mal Freunde waren.“ Er folgte seinen Kumpanen und Kage schnitt ihm eine Grimasse.
Die Jäger sahen sich gründlich um und waren offenkundig enttäuscht über die Stille.
„Du hast gesagt, hier sind welche“, murrte der Schrank und Mazer hob eine Hand. Es sah aus, als würde er lauschen. „Hier sind auch welche. Ich weiß es.“
Kage blieb an der Tür stehen. Ja, Mazer hatte früher schon diese Begabung gehabt, die Monster der Dunkelheit zu erspüren, deshalb war er immer noch erstaunt darüber, dass Ash ihn hatte täuschen können. Vielleicht hatte Mazer seinen Radar nicht angehabt, er wusste nicht, wie es funktionierte. Kage hoffte, dass er sich nicht einmischen musste. Die Fehde zwischen Vampiren und Jägern ging ihn nichts mehr an und Drachen töteten nicht einfach wahllos Sterbliche.
„Wir gehen zu zweit“, befahl Mazer und zeigte damit einen gewissen Grad an Erfahrung und Intelligenz. Der Schrank und der Läufer setzten sich langsam in Bewegung, während Harry Potter bei Mazer blieb.

Ash hatte sich in einen der Lagerräume zurückgezogen und lauschte. Seine Sinne waren geschärft und er hatte einen seltsamen Anflug von… Vorfreude. Die Jäger sahen zwar in den steinernen Raum, entdeckten ihn hinter dem Regal jedoch nicht. Das amüsierte ihn überraschenderweise. Was hatten sie denn erwartet? Ash verließ sein Versteck und folgte ihnen lautlos, bevor er mit täuschend echter Verwirrung rief: „Hey, wer seid ihr denn?“
Die Jäger fuhren zu ihm herum und der Große richtete augenblicklich seine Waffen auf ihn. Ash riss die Augen auf und gleich darauf die Arme nach oben. „Hey, was soll das? Ist das ein Überfall oder so?“
Der schmalere Jäger (neben dem Schrank sah jeder andere Typ schmächtig aus) hob einen seiner Dolche. „Na? Wen haben wir denn da?“
„Ich… bin Ash.“ Er hatte noch immer seine Arme gehoben. „D-das ist mein Club, ja? Ich habe das gekauft. Was wollt ihr? Geld? Ich habe hier noch kein Geld.“
Die Jäger tauschten einen kurzen Blick. Der Schrank sah irritiert aus, der andere genervt. „Lass das sein“, schnarrte der Jäger mit den Dolchen, „machen wir es kurz.“
„Kurz? Was denn?“ Ashs Erinnerungen lösten sich aus ihrem Versteck. Feuer. Gitter. Jäger. Schmerz. Unerwarteter Schmerz in einem emotionslosen Unleben. Der Gestank seines Fleisches. Er spürte Wut in sich aufsteigen und genoss sie. Er lächelte, ohne seine Zähne zu zeigen. „Du willst mir doch nicht wehtun, oder, mein Freund?“

Emelie wartete, bis Mazer und der Jäger, der wie Harry Potter aussah (Ob er ein Double gewesen war?) an ihr vorbeigegangen waren, ehe sie sich sichtbar machte. Sie entstieg der Verdunkelung und packte die Schrotflinte. Mazer hatte ganz sicher nicht damit gerechnet, doch seine Reflexe waren wirklich gut. Statt nachzusehen, was geschah, fuhr seine freie Hand herum, zweifellos, um nach ihr zu schlagen. Emelie wich dem Hieb aus, packte das Gewehr und zerrte es zu sich. Hayes ließ es nicht los, also verdrehte sie ihm den Arm, bis er zwangsläufig seinen Griff lockerte. Das Gewehr warf sie achtlos in Kages Richtung. „Hallo“, sagte sie und Harry Potter starrte sie an, griff ziellos an seinen Gürtel, um seine Waffe zu finden. Der ist ja noch total grün hinter den Ohren. Sie lächelte entzückt. „Hey, Harry.“
Der Jäger runzelte verärgert die Stirn und in Mazer kam Bewegung.
„Wie wäre es, wenn du dich mal dort drüben hinsetzt?“
„Nein, sieh ihr nicht in die-“
Doch Mazers Warnung kam zu spät. Harry Potters Gesicht wurde ausdruckslos und er ließ sich neben dem Tresen auf den Boden fallen. Emelie schnalzte mit der Zunge. „Schämst du dich eigentlich nicht?“, fragte sie den Jäger, „Der ist doch kaum volljährig.“
„Er wäre nicht hier, wäre sein Leben nicht von Vampiren zerstört worden“, zischte Mazer. „Was hast du mit ihm gemacht?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Wir nennen das Beherrschung. Es ist eine sehr komplizierte Sache. Normalerweise ist mein Clan für den Irrsinn bekannt – mal unter uns, das ist wirklich eine blöde Bezeichnung. Vor Jahrhunderten wurde uns aber unsere Gabe genommen. Zu gefährlich. Zu unkontrollierbar. Wir erhielten als Austausch die Beherrschung. Na ja, in den neunziger Jahren ging das alles den Bach runter und jetzt haben wir wieder den Irrsinn, obwohl ihn manche natürlich nie verloren haben. Oh, und andere, wie ich, haben ein klein wenig Beherrschung behalten, obwohl ich nie ausgetauscht worden bin, verstehst du? Jedenfalls, nett, dass du vorbeikommst. Soll ich dir gleich den Kopf wegpusten oder möchtest du mir noch irgendetwas sagen?“
Er machte sich nicht die Mühe, die Klinge zu verbergen, die er unter seiner Jacke hervorzog. „Beherrschung, ja? Hat mein Bruder auch damit Bekanntschaft machen müssen?“
Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Du willst nicht wirklich wieder damit anfangen, oder? Ich trage keine Schuld an seinem Tod. Im Gegenteil, ich wünschte, ich hätte ihn verhindern können. Ugly war gut zu mir, als es niemand anderes mehr war.“
„Es ist mir ein Rätsel, weshalb Bach zugelassen hat, dass eine Kreatur wie du der Leopoldsgesellschaft beitritt.“
Emelie sah, wie Harry Potter um den Tresen gezerrt wurde. Vermutlich kümmerte sich Beckett gerade um ihn. Armes Jüngelchen. „Wieso willst du mich wirklich vernichten? Weil ich ein Vampir bin? Oder willst du mich vernichten, weil ich eine Erinnerung daran bin, dass dein Bruder nicht nur ein Jäger war, sondern auch ein Mann, der eine Frau begehrt hat, die er nicht hätte begehren sollen?“
Mazer griff sie an und Emelie wich ihm aus. Zu ihrem großen Erstaunen brachte sie es nicht über sich, Gegenangriffe zu starten. Zum einen war sie sich Kages Präsenz sehr wohl bewusst, zum anderen gab es da diesen unbestimmten Widerwillen, jemanden zu verletzen, den Ugly gemocht hatte. Dass sie sich nicht wehrte, brachte ihn offenbar noch mehr auf. Je wütender er wurde, desto konzentrierter war er, desto klarer wurden seine Augen und Emelie begriff, dass er ein wahrhaftiger Jäger war, wie Bach. Gesegnet mit Tugenden und Kräften, geleitet von Bekenntnissen. „Wieso tänzelst du so herum?“, knurrte er und Emelie wich der Klinge ein weiteres Mal aus. „Ich bin ein netter Vampir“, erwiderte sie. Was sollte sie nur mit ihm tun? Wieso hatte sie plötzlich ein Gewissen? Weil Ugly es erwartet hätte. Er hätte es irgendwie geschafft, die Sache aus der Welt zu schaffen.
Ein plötzlicher Schuss ließ sie alle zusammenfahren. Ein zweiter Schuss folgte, dann das dumpfe Geräusch von schweren Körpern.
Emelie hatte keine Ahnung, was sie eigentlich tun wollte, doch diese Geräusche schienen die letzten Zweifel von Mazer zu zerstreuen. Seine Augen glänzten sehr unnatürlich und seine Bewegungen wurden noch schneller und tatsächlich streifte die Spitze der Klinge ihren Arm.
Danach geschah alles ganz schnell.

Noch bevor Mazer erneut ausholen konnte, war Beckett hinter ihm und packte seinen Arm. Er drehte den gesamten Jäger zu sich herum und Mazers Gesicht wurde blass. Beckett musste wie der fleischgewordene Albtraum eines jeden Jägers aussehen mit seinen großen Pranken, den schwarzen Krallen und glühenden Augen, die Mazer über den Rand der Sonnenbrille hinweg fixierten. Er gab dem Jäger einen Stoß vor die Brust und er flog durch das Kloster. Der Gangrel folgte ihm mühelos.
„Warte!“ Emelie beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen, bevor Kage sich rührte. „Töte ihn nicht!“
Beckett stand über Mazer, der gerade den Kopf schüttelte und sich gleich darauf an den Hinterkopf griff. „Wieso nicht?“
„Nicht. Bitte.“ Emelie legte ihm eine Hand auf die Brust, als könne sie ihn damit aufhalten. Sie lächelte etwas verhalten. „Auch wenn du manchmal süß bist, wenn du dich so aufspielst.“
Er seufzte lautlos und machte zwei Schritte zurück.
Mazer sah ungläubig dabei zu. Sein Blick brannte immer noch. „Wieso bringst du es nicht zu Ende?“
„Weil Ugly das nicht gewollt hätte“, erwiderte sie aufrichtig und etwas in Mazers grauen Augen bewegte sich. Ergeben sank er auf den Boden zurück. „Hast du ihn geliebt?“, fragte er.
Die Vampirin sah ihn mit Bedauern an. „Nein. Aber ich wünschte, ich hätte es gekonnt.“
Kage hielt Mazer die Hand hin. „Ich bringe dich raus.“
Der Jäger zögerte. „Wo sind die anderen?“
Die Miene des Japaners war ausdruckslos. „Ich habe dir gesagt, dass du sie in den Tod schickst.“
Mit einem Fluch auf den Lippen ließ Mazer sich aufhelfen. Kage half ihm nach draußen.

„Das funktioniert nicht, Em“, sagte Ash gelassen hinter ihnen und sie drehte sich zeitgleich mit Beckett herum. Ash schleifte die zwei Toten hinter sich her. Blut klebte auf ihm, als hätte es einen roten Regenschauer gegeben. „Er weiß jetzt, dass es hier Vampire gibt. Er wird wiederkommen. Ich kann so nicht eröffnen.“
„Tut mir leid.“ Emelie zog eine Grimasse. „Ich werde mich darum kümmern.“
Ash nickte und zerrte die toten Jäger weiter, schleifte sie hinaus, um sie vermutlich irgendwo von den Klippen zu stoßen.
Emelie warf einen Blick hinter den Tresen. Tot sah Harry wirklich aus wie in Kind. Es sollte ihr nicht leidtun, dennoch tat es das. Für Beckett hatte es keine Bedeutung, er hatte nur eine potentielle Bedrohung eliminiert.
„Wir haben nie über ihn geredet“, sagte der Gangrel jetzt leichthin.
Emelie zuckte mit den Schultern. „Wozu auch? Er ist tot.“
„Und trotzdem diese Probleme.“ Becketts Tonfall war leicht, ein bisschen zu locker.
„Ich rede mit dir nicht über andere Männer“, murrte sie und der Gangrel grinste sie an. „So? Er war ein anderer Mann?“
Nicht, dass Beckett den Jäger nicht schon kennengelernt hatte. Damals. Der Typ hatte ausgesehen, als wäre er direkt von einem Wikinger-Ähnlichkeitscontest gekommen und offensichtlich hatte ihm viel an der Vampirin gelegen. Davon war Beckett am meisten fasziniert. „Den du gern geliebt hättest?“, setzte er nach und Emelie wirbelte zu ihm herum, den Zeigefinger nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. „Du“, fauchte sie, „du weißt doch genau, dass du der Einzige bist, also lass diese Andeutungen!“
Beckett hob lediglich die Augenbrauen, aber sein Wolf platzte fast vor Stolz. Den Wolf störte nicht einmal, dass es aktuell noch diesen nervigen Ventrue gab, der sonst was in Emelies Kopf angestellt hatte. Beckett hingegen hätte beinahe mit den Zähnen geknirscht.
Kage kehrte zu ihnen zurück. Er sagte nichts, doch Emelie kannte ihn lange genug, um seine Blicke deuten zu können. Dieses Thema würden sie ein andermal noch vertiefen.

Als Ash wieder zu ihnen stieß, hatte er sein Handy in der Hand. Er hielt es ein wenig in die Höhe. „Einige Anarchen versammeln sich morgen Nacht, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Es wäre gut, wenn du auch da bist.“
Emelie warf einen Blick auf die Uhr. Die Nacht war weit vorangeschritten und eine Versammlung begann für gewöhnlich nicht erst in den späten Nachtstunden. Sie blickte zu Beckett, der sie aufmerksam beobachtete. Die Andeutung eines Lächelns lag auf seinem Mund. Sie konnte ihre Enttäuschung und ihre Sehnsucht nicht ganz vor ihm verbergen, was dazu führte, dass das Lächeln etwas breiter wurde.
Frustriert wandte sie sich wieder Ash zu. „Und wo treffen wir uns?“
Der Toreador scrollte auf dem Display herum, ehe er leise grinste. „Im Asylum.“
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