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Am Ende wird alles gut

von Armarna
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Het
Astoria Greengrass Draco Malfoy Lucius Malfoy Narzissa Malfoy
17.06.2022
23.09.2022
4
29.622
3
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23.09.2022 10.952
 
Er stand versteckt hinter einer der bodenlangen Stoffgardinen und schaute vorsichtig daran vorbei nach draußen. Weit vom Haus entfernt saß Draco auf einer Bank unter der gigantischen Trauerweide und schmiedete vermutlich einen weiteren intriganten Plan.
Lucius verzog das Gesicht und wendete sich ab. Seinen Sohn so da sitzen zu sehen und glauben zu müssen, dass er wieder etwas ausheckte, machte ihn wütend. Draco machte ihn wütend – und inzwischen gelang ihm das schon durch seine pure Anwesenheit. Lucius musste ihn nur sehen, nur kurz in dieses blasse, spitze Gesicht sehen, diese Augen, die ihn feindselig und verurteilend ansahen und schon könnte er jedes Mal platzen vor Wut. Genauso ging es ihm auch jetzt, wo Draco an einem so merkwürdigen Ort, zu einer merkwürdigen Zeit einfach im Garten saß und scheinbar nichts tat.
Nichts – zumindest wenn man vom Intrigenschmieden absah.

„Was regt dich so auf?“ hörte er Narzissa fragen. Ihre Stimme war so liebenswürdig und verständnisvoll wie immer, doch ihm entging die leicht genervte Nuance darin nicht. „Ich rege mich nicht auf“ log er deshalb und vermied es geschickt sie dabei anzusehen. Sie glaubte ihm offenbar nicht, denn anders konnte er sich ihr leises Lachen nicht erklären. Er ging nicht darauf ein.

„Nun geh schon“ forderte sie ihn auf und erinnerte ihn dadurch daran, was sie besprochen hatten. Er war einverstanden gewesen, aber aus welchem Grund wollte ihm gerade partout nicht mehr einfallen. Es war ihm schon schwer genug gefallen Dracos Zauberstab an Narzissa zurückzugeben, damit sie ihn wiederum Draco zurückgeben konnte. Das hatte ihm nicht behagt, denn die Vorstellung, dass sein Sohn nun wieder bewaffnet war, war nicht gerade beruhigend für ihn. Nicht, dass er glaubte Draco werde ihn angreifen, dafür fehlte dem Bengel der Schneid, der Mut und auch das Können, aber er könnte alles mögliche andere damit anstellen und das war offenkundig nicht gut.
Aber Narzissa hatte ihn überzeugt –wie auch immer- und so hatte Draco seinen Zauberstab wiederbekommen und er hatte –warum auch immer- zugestimmt das Gespräch mit dem Jungen zu suchen. ‚Von Mann zu Mann‘ hatte Narzissa gesagt, doch sie hatte als Frau keine Ahnung davon. Sich mit Draco zu duellieren wäre ein Leichtes für ihn gewesen, er würde dabei natürlich gewinnen, aber mit diesem Jungen zu sprechen - das kam ihm neumodisch und unnötig vor. Männer regelten die Dinge untereinander anders, jedenfalls nicht mit Gesprächen. Das war eine weibische Unart und vorallem wenn Männer das taten wirkten sie auf Lucius verweichlicht und nicht authentisch. Er mochte so etwas nicht und jetzt war er selbst im Begriff genau das zu tun – und das obwohl er Narzissa gesagt hatte, dass das nichts nutzen würde. Draco und er waren nun einmal Malfoys und als solche verabreichten sie einander Gift oder stachen sich Messer in den Rücken, doch sie setzten sich doch nicht unter Trauerweiden und redeten mit einander wie zwei Tussis! Er hatte Narzissa all das gesagt und sie hatte diese Jahrhunderte alte Tradition mit einem einzigen lapidaren Lächeln außer Kraft gesetzt. Sie war wirklich eine Hexe! Er sah zu ihr, überlegte ihr genau das zu sagen, doch dann entschied er sich dagegen, drehte sich um und ging hinaus, denn vielleicht hatte Narzissa recht und ein Gespräch könnte etwas bewirken. Vielleicht hatte sie aber auch Unrecht und dann könnte er ihr genau das vorhalten. ‚Ich habe es dir ja gesagt‘ könnte er dann zu ihr sagen und dann vielleicht später nochmal auf das Messer im Rücken oder das Gift zu sprechen kommen.

*

Sein Vater war noch mehr als zehn Schritte von ihm entfernt, doch das reichte schon, dass Draco der Kamm schwoll. Allein die Anwesenheit seines Vaters, sein hochnäsiger, überlegener Blick, brachte ihn jedes Mal dazu fast die Fassung zu verlieren. Er hatte wirklich keine Lust auf was-auch-immer-er-wieder-vorhatte und blaffte ihm deshalb „Was willst du hier?“ entgegen. Außerdem griff er möglichst unauffällig nach seinem Zauberstab – nur zur Sicherheit versteht sich.

„Reden“ antwortete sein Vater einsilbig und wirkte nicht so als wäre er selbst erfreut darüber.

„Reden?“ wiederholte Draco ungläubig und sah fassungslos dabei zu wie sein Vater einen der weit hinabhängenden Äste der Trauerweide fahrig zur Seite schlug, „Ja“ antwortete und sich dann neben ihn auf die Bank setzte. Er sah ihn nicht an, schaute stattdessen auf den See hinaus und wirkte fahrig, zappelig und beinahe unsicher. Skeptisch begutachtete Draco seine Körperhaltung, die steif war, wie immer, doch ausnahmsweise trommelte er mit den Fingern auf seinen Knien herum. Das hatte Draco bei seinem Vater noch nie gesehen und deshalb wurde ihm nun selbst ganz mulmig zu Mute.
„Wenn du reden willst, dann rede“ forderte Draco ihn auf, doch er merkte, dass sein Ton, trotz der harschen Wortwahl, nicht mehr so gereizt klang wie zuvor. Trotzdem schien es seinen Vater aufzuregen, denn er wendete den Blick noch weiter ab, sah zurück zum Haus und atmete ein paar Mal tief durch. „Wenn es nach mir ginge…“ fing er an und klang nun wieder mehr nach sich selbst, denn sein Ton war drohend, beinahe nur ein Zischen, „...dann lägst du schon längst röchelnd auf dieser Wiese und würdest mich um das Gegengift anflehen.“

Draco wusste nicht, was das sollte oder warum sein Vater das zu ihm sagte, doch das war auch egal. Morddrohung war Morddrohung und er war weder faul noch dumm, also schoss er unmittelbar zurück: „Und wenn es nach mir ginge, hättest du schon längst ein Messer im Rücken. Ich weiß wie Malfoys Dinge regeln.“

„Werd ja nicht frech, Freundchen!“

„Wer hat denn hier angefangen Morddrohungen auszusprechen!? Ich weiß ja nicht mal weswegen du das gemacht hast!“

Sein Vater war zwar vor ihm auf den Beinen, aber dafür hatte Draco als erster den Zauberstab gezogen und zielte nun genau auf die Kehle seines Gegenübers. Er konnte sehen, wie wütend ihn das machte und genoss den Triumph deshalb umso mehr und gut sichtbar.

„Deine Mutter…“ fing Lucius vor Wut bebend an, doch er rührte sich dabei keinen Zentimeter, „…wollte, dass ich mit dir spreche. Ich habe ihr gleich gesagt, dass es rein gar nichts bringt sich mit dir unterhalten zu wollen, aber sie glaubt ja immer noch an das Gute in dir. Aber nun sieh dich an: du zielst mit dem Zauberstab auf die Kehle deines eigenen Vaters. Ihres geliebten Ehemannes“ Er schüttelte den Kopf und lächelte eines seiner abscheulichsten Lächeln: „Sie wird so enttäuscht von dir sein…“

„Du bist einfach nur widerlich!“ blaffte Draco, nahm den Zauberstab herunter, weil er wirklich befürchtete, dass seine Mutter ihn gerade sehen konnte und feixte: „Dich hinter Mutter zu verstecken ist erbärmlich – sogar für dich!“

„Nicht einmal halb so erbärmlich wie du, wo du im Dunkeln halbherzige Lügen erfindest, Pläne schmiedest und ernsthaft glaubst, ich kriege nicht mit, was für ein elender Betrüger du bist!“ Noch ehe Draco begriffen hatte, worauf sein Vater hinaus wollte, schnellte schon dessen Hand nach vorne, packte ihm am Kragen und dann apparierten sie so abrupt los, dass Draco fast seinen Zauberstab hätte fallen lassen.

*

„WAS SOL…“-Draco stockte der Atem, sein Vater ließ ihn los und schubste ihn einen Schritt nach hinten, woraufhin Draco ihn finster anfunkelte, sich den Atem und weitere Flüche aber verkniff, da sie mitten auf der langen Treppe standen, die hinauf zur Gringrotts Bank führte. Die Umstehenden starrten sie ohnehin schon an, also war Draco nicht besonders erpicht darauf ihnen noch mehr Futter zu liefern, indem er sie alle an seinem Streit mit seinem Vater teilhaben ließ. Er könnte noch so sauer auf ihn sein, aber er würde niemals öffentlich seine eigene Familie beleidigen und demontieren. Außerdem würde es nur auf ihn selbst zurückfallen, wenn er jetzt anfing wild herumzutoben.

„Mitkommen“ raunte sein Vater, drehte sich um und marschierte schnellen Schrittes die Treppe hinauf. Draco folgte ihm eilig, doch er war immer noch wütend auf ihn und noch immer spürte er das Adrenalin und die Wut unbändig wild durch seinen Körper rasen. Sein Vater unterstellte ihm Lügen?! Intrigen und Betrug?! Pah! Das kam ja gerade vom Richtigen!
Stocksauer machte Draco eine Faust, versteckte sie jedoch in seiner Umhangtasche und folgte seinem Vater stillschweigend in die Bank. Sie gingen zu den Kobolden, wurden wie immer gezwungen-höflich begrüßt und anschließend in ihr Verließ geführt. Sie hatten natürlich mehrere, doch dieses eine –Verließ Nummer 438– war die Hauptanlaufstelle.  Nachdem der Kobold verschwunden war, betraten sie nach einander wortlos das Verließ. Der Raum sah aus, als sei er aus Gold, doch in Wahrheit waren die Goldmünzen hier nur sehr fein säuberlich auf- und nebeneinander gestapelt und verdeckten dadurch komplett den Stein der Wände, des Bodens und Mithilfe der Magie sogar auch der Decke. Links gab es Regale mit den wertvollen Edelsteinen: Saphire, Rubine, Smaragde, Malachit und Diamanten, rechts standen ein paar der besonders wertvollen Sammlerstücke wie der silberne Thron eines Koboldkaisers aus dem Sudan und eine verfluchte Elfenbein-Schmuckschatulle aus dem frühen 14. Jahrhundert.  
Draco fühlte sich wohl hier – anders als in Bellatrix Verließ in dem er einmal mehr oder weniger zufällig gewesen war und angesichts des wilden Durcheinanders, das dort drinnen geherrscht hatte, beinahe einen Nervenzusammenbruch erlitten hätte. Hier war alles wie es sein sollte: alles war an seinem Platz, alles war ordentlich und nirgends lagen Juwelen, Perlen, Edelsteine mit Geldstücken vermischt in der Gegend herum.

Aber was sein Vater mit diesem Besuch bezwecken wollte, wusste er nicht. Er drehte sich um und darauf schien sein Vater nur gewartet zu haben, denn er verschränkte die Arme vor der Brust und forderte ihn auf: „Sieh dich um, sieh dir alles genau an, denn dann siehst du mit eigenen Augen was alles vor die Hunde gehen wird, wenn du so weiter machst wie bisher.“

Draco schnaubte, also war jetzt Moralpredigt-Zeit… na toll… „Ich habe keine Ahnung wovon du redest. Was hast du jetzt schon wieder für ein Problem mit mir?“

„Ich…“, die Stimme seines Vaters wurde erneut etwas lauter, doch er regulierte sich runter, was ihn aber einige Atemzüge und Beherrschung abverlangte. „…Verkauf mich nicht für dumm, Draco! Ich weiß, dass du irgendetwas ausheckst. Ich weiß zwar noch nicht genau was es ist, aber ich bin mir sicher, dass es etwas furchtbar Törichtes sein muss!“

Draco fühlte sich ertappt und beleidigt, denn sein Plan war keineswegs töricht, doch das ließ er sich nicht anmerken, um nicht aufzufliegen: „Ich hecke aber nichts aus! Du hast einfach nur Wahnvorstellungen!“

„Und warum belügst du uns dann wegen des Boots? –Schau nicht so! Du hast gesagt, du hättest es gewinnbringend verkauft. Ich weiß aber, dass das nicht stimmt und direkt nach diesem merkwürdigen Deal bist du nach Hause gekommen. Warum? Was war da los?“

„Nichts!“ Draco rollte die Lippen übereinander, merkte, dass er zu schwitzen begann. Das war gefährliches Terrain und jetzt musste er aufpassen, denn auch sein Vater war wachsam und würde jedes seiner Worte filtern, hin und her wenden und analysieren. Er durfte sich nicht in die Falle locken lassen, denn sonst käme heraus, dass er dieses verfluchte Boot nur deshalb gekauft hatte, weil er darin den Zeitumkehrer gefunden hatte. –Versteckt hinter einem Rettungsring. Er hatte dem senilen Zauberer nichts davon gesagt, so getan als sei er ein Muggle, der sich nur für das historische Boot und seine Seemannsgeschichten interessierte – natürlich war ihm beides herzlich egal gewesen. Er hatte nur den Zeitumkehrer begehrt und sein Glück, einen gefunden zu haben, kaum fassen können. „Dieser Kerl hat mich über den Tisch gezogen… Ich hab mich geschämt, deshalb hab ich euch angelogen…“ grummelte er lügend und sah auf seine Füße. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm glaubte, denn er traute sich nicht den Blick zu heben und nachzusehen. Eine Weile sagte niemand etwas, bis die nächste Frage kam: „Und das Cottage. Warum hast du das erfunden?“

Damit du aufhörst zu fragen, warum ich zurückgekommen bin und ich dir nichts vom Zeitumkehrer erzählen muss! –Verdammt, hätte er das Tagebuch schon gefunden, dann hätte er längst zurückreisen können und nichts hiervon wäre je passiert! Doch natürlich antwortete er nicht mit der Wahrheit, sondern mit einer weiteren Notlüge: „Ich wollte, dass ihr denkt, ich hätte einen Plan für die Zukunft. Ich habe aber keinen und bevor du jetzt was sagst: ja, ich finde das selbst nicht gut und ich schäme mich deswegen.“ Er schnaubte atemlos, ehe er gereizt nachlegte: „Und? Bist du jetzt zufrieden oder hast du noch mehr Fragen, die mich dazu bringen, dass ich mich schlecht fühle?“ Er hob den Blick und es stand außer Frage, dass sein Vater noch einige Fragen in petto hatte, doch zu Dracos großer Überraschung stellte er keine davon und wendete sich nun selbst von ihm ab. Eine Weile standen sie einfach nur da, jeder von ihnen betrachtete eine andere Ecke des Verließes und erst als die Stille zwischen ihnen unerträglich wurde, fing Lucius wieder an zu sprechen. Er sprach leise und schleppend wie er es gerne tat, doch anders als sonst, taktierte er Draco nicht mit unzufriedenen Blicken, sondern betrachtete weiterhin den Goldstapel zu seiner Linken. „Deine Mutter will, dass wir uns verstehen. Sie will, dass wir einander vertrauen, uns einig sind und nicht gegeneinander taktieren. Ich respektiere ihren Wunsch natürlich, aber...“, er schnaubte abfällig, „…du warst lange weg. In dieser Zeit hast du dich verändert, du bist erwachsen geworden. Du bist jetzt ein Mann und auch wenn du etwas anderes sagst, glaube ich sehr wohl, dass du Pläne für deine Zukunft hast. Du willst sie mir nicht verraten - wenn du glaubst, dass das ratsam ist, dann das ist deine Entscheidung und dementsprechend auch deine Pflicht mit den Konsequenzen klarzukommen, die Fehlentscheidungen zwangsläufig nach sich ziehen.“ Nur kurz sahen sie sich an, dann redete Lucius weiter und vermied dabei erneut Dracos Anblick, „Als du fort warst, hatten deine Mutter und ich eine gute Zeit. Es herrschte Ruhe und Frieden im Haus, die jetzt, wo du wieder da bist, verpufft ist, als wäre sie niemals da gewesen.“

„Du hältst mich also für einen Störenfried und willst mich rausschmeißen?“ ging Draco getroffen dazwischen und war noch viel getroffener als sein Vater einfach nur nickte und dann sachlich weiter argumentierte: „Du bist doch auch der Meinung, dass wir zwei niemals mehr wieder in Eintracht unter einem Dach leben können. Tag ein, Tag aus gibt es Streit zwischen uns. Deine Mutter erträgt das nicht mehr und ich ertrage es nicht sie jeden Tag aufs Neue so erschüttert zu sehen. Wenn du nur einmal in deinem Leben ehrlich bist, gibst du zu, dass es dir genauso geht.“

Draco atmete hörbar und sogar schon etwas zittrig aus: „Du tust gerade so als läge es nur an mir, dass wir uns ständig streiten. Du fängst doch die meiste Zeit damit an! Und danach gibst du dich immer als das größte Unschuldslamm unter dieser Sonne aus – tja – warum auch nicht? Das hat vor dem Gamot ja schließlich auch hervorragend für dich funktioniert!“

„Genau das meine ich!“ zischte ihn sein Vater an und an dem immer röter werdenden Hals konnte Draco sehen, dass er kurz davor war, vollkommen die Beherrschung zu verlieren. „Du bist undankbar und du drehst und wendest alles so lange, bis es dir in den Kram passt und immer die Anderen Schuld sind, anstatt zu sehen, dass DU es bist, der hier die Probleme macht! Ich hätte mich mal wagen sollen so mit meinem Vater zu reden, wie du es mit mir machst! Er hätte mich sofort enterbt und Schlimmeres.“

Die Worte seines Vaters hatten eine unbeschreibbare Wirkung auf ihn. Er wollte ihm darauf wirklich zu gerne eine Antwort geben, doch er begriff, dass Lucius im Begriff war ihn aus dem Haus zu schmeißen und dass wäre eine Katastrophe, denn wenn er das Haus nicht mehr betreten durfte, waren die Chancen sein Tagebuch zu finden gleich null und damit wäre sein ganzer Plan zunichte. Er schwieg also, doch das fiel ihm unfassbar schwer, so schwer, dass ihm ganz übel davon wurde und die Übelkeit wurde noch schlimmer, als er bemerkte, dass sein Vater sein Schweigen als Triumph über ihn wertete. „Sehr schön“ freute sich sein Vater süffisant grinsend und gab sich nicht einmal Mühe seine Genugtuung zu verbergen. „Da ich nicht davon ausgehe, dass von deiner Seite ein adäquater Lösungsvorschlag kommen wird, werde ich dir jetzt einen unterbreiten. Du würdest gut daran tun ihn dir nicht nur anzuhören, sondern auch zu beherzigen.“ Draco gab ein Murren von sich und nickte abgehakt. „Erstens: ab sofort hast du keinerlei Zugriff mehr auf dieses Verließ oder eines der anderen. Jede Ausgabe die du machen willst –und sei sie noch so klein-, geht vorher über meinen Schreibtisch. Zweitens: ab sofort hältst du dich nur noch in deinem Zimmer oder im Ostflügel auf. Den Westflügel und die Hauptterrasse wirst du zu keiner Zeit betreten, denn dort werde ich mich aufhalten, so laufen wir nicht der Gefahr uns spontan zu begegnen und müssen uns nur sehen, wenn es wirklich notwendig ist. Drittens: sollten wir uns dennoch zur gleichen Zeit im gleichen Raum aufhalten müssen, erwarte ich von nun an tadelloses Benehmen. Da ich mir sicher bin, dass wir diesen Begriff sehr unterschiedlich definieren, mache ich es noch etwas klarer: es bedeutet, dass du schweigst und nur dann sprichst, wenn du direkt und unmissverständlich dazu aufgefordert wirst. Viertens: du verpflichtest dich dazu, dass du dich mindestens einmal im Monat mit einer angemessenen Gesellschaft umgibst und dir ein gewisses Netzwerk aufbaust. Ich habe dir schon tausend Mal gesagt wie wichtig so etwas ist! Und Fünftens: du suchst dir eine regelmäßige Beschäftigung, die einem Reinblüter wie dir würdig ist.“

Draco hatte das Gesicht schon nach dem zweiten Punkt zu einer missmutigen Grimasse verzogen und die Arme vor der Brust verschränkt, er lachte trocken und wiederholte: „Eine regelmäßige Beschäftigung, die einem Reinblüter wie mir würdig ist? Was soll das sein? Soll ich Muggle töten?“ Sein Vater antwortete nicht verbal darauf, doch an dem immer deutlicher sichtbar werdenden Pulsieren seiner Halsschagader und der immer röter werdenden Gesichtsfarbe, konnte Draco sich denken, was ihm gerade durch den Kopf gehen musste. Zerknirscht redete Lucius weiter: „Das waren deine Punkte. Wenn du dich daran hältst, werde ich mich auch an meine halten. Erstens: ich hinterfrage deine sogenannten Geschäfte, die du im Ausland getätigt hast, nie wieder. Zweitens: ich werde dir aus dem Weg gehen und mich nur im Westflügel und auf der Hauptterrasse aufhalten. Drittens: ich werde dir keinen Grund mehr dazu geben, dass du dich in die Ecke gedrängt fühlst und meinst du müsstest dich rechtfertigen. Ich werde dich ignorieren, wenn wir uns im selben Raum aufhalten müssen. Viertens: dir steht es frei jederzeit in unser Haus in Frankreich zu flohen. Was du dort machst, hinterfrage ich nicht. Fünftens: ich gewähre dir Zugriff auf meine private Bibliothek in meinem Arbeitszimmer. Du kannst jeden Freitag von 14 bis 16 Uhr hinein, ich werde dann darauf achten nicht vor Ort zu sein. Haben wir eine Abmachung?“ Sie sahen sich eine Zeitlang schweigend und musternd an. Wie es schien, versuchte jeder abzuwägen, ob der jeweils andere gerade versuchte ihn hereinzulegen.
Draco war sich unsicher.
Er mochte die Vorstellung nicht sonderlich, dass er das Haus nicht mehr voll nutzen konnte, denn er musste überall hindürfen, wenn er weiter nach dem Tagebuch suchte. Andererseits… er war noch nie häufig im Westflügel gewesen und die Chancen, dass er sein Tagebuch seinerzeit dort versteckt hatte, waren verschwindend gering. Die Privatbibliothek seiner Vaters hingegen – nun, er musste gestehen, dass ihn das schon ziemlich reizte, genauso wie die Vorstellung in das Haus nach Frankreich flohen zu können. Dort könnte er den Zeitumkehrer aufbewahren ohne fürchten zu müssen, dass seine Eltern ihn zu leicht finden könnten. Außerdem würde das Haus in Frankreich ein weiteres Problem lösen: er könnte dort ungestört den Vielsafttrank brauen, den er für seine Reise in die Vergangenheit brauchte (denn schließlich hatte er nicht vor mit sich selbst zu sprechen und sich ein Traumata zu verpassen…).  Nach langer Überlegung willigte er also ein. Sie besiegelten den Deal mit einem Handschlag. Draco ignorierte das Grummeln in seiner Magengegend genauso sehr wie den Eindruck, dass er gerade einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben könnte…
Andererseits hatte er ja schließlich auch nicht die volle Wahrheit preisgegeben und ohnehin nur vor sich so lange an die Abmachung zu halten, bis sie ihm nicht mehr passte…

*
Tatsächlich verliefen die nächsten Tage erstaunlich viel ruhiger als zuvor und Draco bemerkte, dass er sich von Tag zu Tag immer mehr entspannte und dem Frieden langsam etwas mehr vertraute. Tatsächlich begegnete er seinem Vater nur zu den Mahlzeiten, denn seine Mutter bestand darauf, dass sie sie gemeinsam wahrnahmen. Wenn sie miteinander sprachen war es immer sehr höflich, aber gleichzeitig natürlich auch unfassbar oberflächlich.
Er hatte zwar nicht den Eindruck, dass seine Mutter sonderlich begeistert war von ihrem Arragement, aber sie sagte auch nichts dagegen. Vermutlich genoss auch sie diese herrlich „streit-freie“ Zeit im Hause Malfoy und wollte den vorsichtigen Frieden nicht unnötig gefährden.

Draco konzentrierte sich die meiste Zeit immer noch auf die Suche nach seinem Tagebuch, doch er musste gestehen, dass ihm die Ideen ausgingen und er sich immer schwerer damit tat sich für die Suche aufzurappeln. Er hatte inzwischen sogar dein Hauselfen ein weiteres Mal bestochen und ihn gebeten heimlich für ihn nach dem Tagebuch Ausschau zu halten – leider war der Elf nicht erfolgreich gewesen und Draco hatte die nicht enden wollende Heultriade des Elfen ertragen müssen. Er hatte sich im Anschluss geschworen nur noch im äußersten Notfall auf die Hilfe von Hauselfen zurückzugreifen.

Den Rest des Tages füllte Draco oftmals mit „einer für einen Reinblüter angemessenen Tätigkeit“ – nicht nur, damit sein Vater ihn weiterhin so schön in Ruhe ließ, sondern auch um sich selbst nicht langweilen zu müssen. Er hatte seine alten Zaubertrankbücher entstaubt und braute in dem Haus in Frankreich nun einige Tränke nach – versteckte darunter natürlich auch Vielsafttrank, der aber zwischen all den anderen kaum auffiel. Es machte ihm Spaß und oft stellte er fest, dass er –ohne es bemerkt zu haben- bis tief in die Nacht arbeitete.

Alles in allem fühlte er sich wohl und beinahe war er sogar versucht gewesen, dieser trügerischen Ruhe zu verfallen und seinen Plan zu verwerfen, aber dann fiel ihm wieder ein, weshalb er das alles überhaupt erst erwogen hatten. Der Grund war tatsächlich der vorletzte Punkt auf der Liste seines Vaters: „triff dich mit anderen Leuten und bau ein Netzwerk auf“.

Ja, Draco kannte die Vorträge seines Vaters zum Thema „erfolgreiches netzwerken“ in- und auswendig, denn er hatte sie ihm während seiner Kindheit bis zum Erbrechen vorgetragen. Aber Draco verabscheute das. Während sein Vater auf Knopfdruck breit grinsen und belanglosen Smalltalk mit politisch-motiviertem Intrigenschmieden zu vermischen mochte wie kein Zweiter, tat Draco sich bereits mit normaler Konversation schwer. Es war ihm zu wider und es langweilte ihn immer wieder das Selbe mit Leuten zu besprechen, die er ohnehin nicht leiden mochte und deren Antworten auf seine Fragen sowieso immer die selben waren. Das kam ihm einfach nur überflüssig vor. Aber: ‚triff dich mit anderen Menschen‘ war eine Bedingung und er spürte, dass es an der Zeit war, genau diesen Punkt umzusetzen, also verkündete er bei einem gemeinsamen Lunch mit der Familie „ich werde mich mit ein paar Leuten aus der Schule treffen. Wir sind in London unterwegs.“
Sein Vater nahm das kaum merklich nickend zur Kenntnis, während seine Mutter ihn auszuquetschen versuchte wen genau er meinte, was sie machen würde, wohin sie essen gehen würden, ob er Gold brauchte, was er anziehen wollte, ob Mädchen dabei waren und wer seine Begleitung sein würde. Dracos Antwort auf all diese Fragen war ein mürrisches: „Wir machen irgendwas, irgendwo und irgendwer kommt schon mit. Frag nicht!“ –Die Wahrheit lautete, dass er sich noch um überhaupt nichts gekümmert hatte. Weder hatte er Leute eingeladen, noch wusste er wen genau er überhaupt einladen sollte…

„Wie wäre es, wenn ihr euch hier trefft und dann von hier aus zusammen nach London floht – der neue Kamin bringt euch direkt in die Innenstadt. Das ist sehr praktisch“ schlug sein Vater scheinbar uneigennützig vor, in Wahrheit wollte er natürlich kontrollieren, ob er sich wirklich verabredet hatte und vorallem mit wem und wie vielen.

„Großartige Idee! Die Elfen könnten auch einen kleinen Empfang vorbereiten“ pflichtete seine Mutter bei.

„Nein, bloß nicht!“ ging Draco dazwischen. „Ich will kein großes Theater! Ich will einfach nur mit ein paar Leuten zum Abendessen ausgehen. Wir machen weder eine Party, noch einen Empfang daraus. Das bedeutet also: keine Snacks, keinen Champagner und kein… weiß-der-Geier-was!“ –Nach ein paar weiteren vehementen Verneinungen schaffte es Draco schließlich seine Mutter davon zu überzeugen, dass es wirklich in Ordnung war, Gäste zu haben ohne gleich ein ganzes Orchester dazu bestellen zu müssen. Er schaffte es allerdings nicht, seinen Vater davon zu überzeugen, dass er die Leute direkt in London treffen würde. Das war schlecht… denn eigentlich hatte er vorgehabt allein nach London zu gehen, ein paar Stunden auszuhalten und dann wieder nach Hause zu kommen und vorzugeben, er habe den Abend seines Lebens verbracht. Daraus wurde nun bedauerlicherweise nichts… Also saß er Stunden später noch immer in seinem Zimmer und starrte auf ein leeres Pergament und die schon eingetrocknete Tinte am Ende seiner schwarzen Schreibfeder. Er wusste nicht, was er schreiben sollte, wie er es schreiben sollte, geschweidedenn wem er schreiben sollte, denn seit über zwei Jahren hatte er keinen Kontakt mehr zu seinen ehemaligen Freunden –oder besser gesagt- Klassenkameraden mehr gehabt. Ihnen jetzt einfach so aus dem Nichts zu schreiben, kam ihm merkwürdig vor und es widerstrebte ihm auch.

Er konnte bereits Pansys hämisches Grinsen sehen und hörte sie bereits ätzen: „na… sieh an wer da angekrochen kommt…“ –nein, darauf konnte er wirklich gut verzichten! Pansy einzuladen stand also außer Frage.

Gregory Goyle? Mhm… wollte er wirklich mit Gregory Goyle zu Abendessen? Allein die Vorstellung gruselte ihn, denn Gregory war nicht sonderlich dafür bekannt sonderlich unterhaltsam zu sein. Also was sollte er mit ihm reden? Worüber hatten sie damals eigentlich immer gesprochen? Als Draco so darüber nachdachte fiel ihm auf, dass er eigentlich nie wirklich allein mit Gregory gewesen war und im Grunde nichts über ihn wusste – was nicht schlimm war, denn es interessierte ihn auch nicht. Die meiste Zeit hatten sie wohl damit verbracht sich über andere lustig zu machen, insbesondere über Potter – und der war hoffentlich nicht in der Nähe, wenn Draco einen Fuß nach London setzte, also war Gregory auch raus.

Blaise Zabini? Und sich sein arrogantes Gelaber über Frauen anhören? Oh Merlin, nein danke!

Adrian Pucey und Marcus Flint? Die beiden waren immer zusammen und hatten schon damals eine merkwürdige Eigendynamik entwickelt. Sie waren wie zwei schrullige Zwillinge, die ihre eigene Sprache entwickelt hatten, die für alle Umstehenden unbegreiflich war. Also nein, er hatte keine Lust sich mit zwei Aliens an den Tisch zu setzen und ihrem Gegrunze und Gequake zuhören zu müssen.

Millicent Bulstrode? Im Leben nicht! Er hatte sie einmal einen Popel essen sehen und seitdem nie wieder mit ihr gesprochen oder auch nur in ihre Richtung gesehen. Außerdem war sie ihm schon immer zu burschikos und raubeinig gewesen.

Wen gab es noch? Theodore Nott? Ihn hatte er von allen Slytherins immerhin am wenigstens verabscheut. Also vielleicht wäre Nott ja eine ganz passable Möglichkeit.

Draco schnaubte, ignorierte das nagende Gefühl in seinem Brustkorb und versuchte sich die Tatsache schön zu reden, dass sein aktuelles Netzwerk aus nur einer einzige Person bestand – und das auch nur, wenn er etwas Glück hatte und Nott zusagte…

*

„Nur Nott?“ fragte sein Vater mit merkwürdig hoher Stimme, die den Spott, den er damit ausdrücken wollte, aber wirklich ganz wundervoll betonte. Wäre Draco in diesem Moment ein Hund gewesen, hätte er den Kamm gestellt und die Zähne gefletscht, stattdessen schielte er einfach nur zu seinem Vater und grunzte etwas, das sich mit etwas Fantasie eventuell nach einem „ja“ hätte anhören können.

„Oh, das ist reichlich… überschaubar“

Draco spürte wie sein Kiefer so sehr verspannte, dass er sicher gleich einen Krampf bekommen würde, er presste sich dennoch eine Antwort heraus: „Als du mir vordiktiert hast, dass ich mich mit Meinesgleichen treffen soll, hast du es versäumt eine Mindestmengenangabe vorzugeben, also entscheide ganz allein ich mit wie vielen Personen ich mich umgebe und wenn es nur eine ist, dann ist es eben nur eine! Du hast keinen Grund dich zu beschweren! Ich halte mich an unsere Abmachung, also tu das gleiche und hör auf mich zu provozieren!“ –Sein Vater kam nicht mehr dazu zu antworten, weil just in diesem Moment Nott durch den Kamin gesaust kam. Er landete elegant, klopfte sich den kaum vorhandenen Staub von der Kleidung und grinste sofort charmant.
Seit Draco ihn zuletzt gesehen hatte, hatte er sich nicht verändert. Noch immer hatte er diese feinen und ganz hübschen Gesichtszüge (Draco erinnerte sich daran, wie er einige Slytherin-Mädchen mal darüber hatte philosophieren hören, ob Notts Grübchen echt oder magische Illussionen waren; erst dadurch war ihm überhaupt erst aufgefallen, dass Nott tatsächlich Grübchen hatte. Er hatte ihn wochenlang damit aufgezogen).

Sie begrüßten sich ziemlich formell mit einem ungelenken Handschlag und auch wenn Nott es durch gekonnt eingesetzten Smalltalk schaffte, dass die Situation nicht peinlich wurde, war sie dennoch etwas steif. Draco hatte es übertrieben eilig sich zu verabschieden und sich und Nott schnellstmöglich aus der Schusslinie seines Vaters zu bringen. Sie flohten nach London und waren nach nur wenigen Schritten schon mitten auf dem Travalgar Square. Die Springbrunnen der Muggle waren bunt und grell erleuchtet, es herrschte hektisches Treiben, so wie eigentlich immer und trotz all der Menschen hier war Draco sich sicher, dass Nott und er gerade die einzigen Zauberer vor Ort waren und somit auch die einzigen, die bemerkten, dass die Meerjungfraustauen neckisch grinsten und die Delfine zu ihren Seiten streichelten als seien es ihre geliebten Haustiere.
Die Muggle um sie herum waren laut, merkwürdig gekleidet und aßen im Gehen, was Draco mit einem angewiderten Gesichtsausdruck stumm verurteilte. Außerdem hielten sich erstaunlich viele von ihnen, aus einem für Draco nicht nachvollziehbaren Grund, einen schwarzen Spiegel ans Ohr, was ihn nur in seiner ohnehin schon geringschätzenden Meinung über Muggle bestätigte. Einem Menschen, der sich ernsthaft einen Spiegel ans Ohr hielt und laut vor sich hinredete, konnte man offenbar nicht mehr helfen… „Hier ist es…“ fing Draco an, doch Nott unterbrach ihn: „Großartig, nicht wahr?“ Draco stockte verblüfft, doch Nott korrigierte sich schnell: „Ich meine nicht die ganzen Muggle –Merlin nein!- ich meine die Geschichte. Ich liebe den Travalgar Square.“

„Das erleichtert mich…“ gab Draco zu und konnte nicht anders als einem Mädchen hinterherzuschauen, das nicht nur blaue Haare, sondern auch noch Löcher in ihren Nylonstrumpfhosen hatte – und sie trug beides ohne sich dafür zu schämen. Das war wirklich sehr brüskierend! Nott lachte auf. „Merlin Malfoy… wenn ichs nicht besser wüsste würde ich sagen, du fällst hier gerade am meisten auf!“

„Das würde ich nicht so unterschreiben…“ grummelte Draco und verzog das Gesicht, weil er hatte mitansehen müssen, wie dem Typ, der auf dem Rand des Brunnens saß, die Soße von seinem Burger über die Finger auf seine Hose und den Boden tropfte. Er hatte außerdem ein Stück Zwiebel im Mundwinkel hängen gehabt und Mayonaise an der Nase. Ein Anblick, den er leider so schnell nicht wieder vergessen würde…

„Ehrlich, mach dich locker. Es sind nur Muggle. Ja, ich weiß, sie sind anders als wir. Sie sind irgendwie ursprünglicher, roher und haben noch etwas sehr barbarisches an sich. Sie sind nicht kultiviert, haben keinerlei Sinn für die Schönheit der Welt – wie sonst erklärt man sich, dass sie überall Müll hinterlassen und alles verpesten?- und in ihrer Welt gibt es keinen Glanz, weil es keine Magie gibt. Das ist im Grunde sehr traurig für sie. Es ist ein trostloses, sinnloses Leben, das sie führen. Ich würde ja sagen, sie sind zu bemitleiden, wenn sie nicht so… abgrundtief grässlich wären.“ Nott sinnierte, sah dabei ebenfalls durch die Menge und schloss seine sehr plausibel klingende Theorie mit den Worten: „Im Prinzip sind sie wie Trolle, in einem menschlichen Kostüm - versuch es so zu sehen und du wirst merken, dass du viel besser mit ihrer Anwesenheit zurecht kommst.“

Draco zuckte mit den Schultern, rümpfte die Nase, weil der Typ mit dem Burger nun seinen Finger auf einer merkwürdig frivole Weise ableckte und danach versuchte das Stück Zwiebel, das ihm immer noch im Mundwinkel klebte, ebenfalls mit seiner Zunge einzufangen. „Ich verstehe deine Metapher zu den Trollen und mag sie sehr. Aber ich weiß nicht ob ich das wirklich so verinnerlichen kann.“ Der Typ erwischte die Zwiebel mit seiner Zunge, allerdings fiel sie ihm runter. Er fischte sie mit beschmierten Fingern von seiner Hose und steckte sie sich anschließend in den Mund. Draco unterdrückte sich ein Würgen. „Ich weiß nicht einmal, ob ich das möchte.“

„Ich tue das auch nur aus reinem Selbstschutz“ sagte Nott und offenbar hatte auch er den Typ mit dem Burger gerade im Visier, denn er schüttelte sich kaum merklich und zog Draco dann am Arm weiter. „Lass uns gehen. Ich sehe schon, dass das hier weder der richtige Ort für dich noch für mich ist…“

*

Nach diesem aufschlussreichen und erfreulichen Gespräch, war Draco umso überraschter gewesen, dass Nott nicht in die Winkelgasse hatte gehen wollen, sondern ihn ziemlich zielstrebig in ein Restaurant geführt hatte, das offensichtlich Muggln gehörte. Es war zugegebenermaßen sehr ansehnlich und auch wenn Draco die Namen der ganzen Weine auf der Karte nichts sagten, war er dennoch überrascht, dass Muggle überhaupt etwas am kultivierten Weintrinken fanden und sogar über eine reichliche Auswahl verfügten. Die Bedienung war, dafür dass sie auch eine Muggle war, freundlich. Draco traute ihr soagr zu, dass sie im Stande dazu war Speisen unfallfrei von A nach B zu tragen – händisch natürlich, denn sie war ja eine Muggle. Er überlegte einen Witz darüber zu machen, doch er ließ es, weil zu viele Muggle in Hörweite waren (er wollte schließlich einen gemütlichen Abend verbringen und hatte keine Lust einen wütendenden Mob heraufzubeschwören).

Sie bestellten Wein, aßen und redeten. Nott fragte ihn über seinen Auslandstripp aus, wollte alles wissen und Draco hatte nichts dagegen davon zu erzählen. Ihm fiel währendessen auf, dass er das bislang noch mit niemandem so wirklich im Detail geteilt hatte.

Sie bestellten noch eine Flasche Wein und Draco fand allmählich gefallen an dem Geschmack. Es war bei Merlins Bartspitze sicher nicht einmal annähernd mit Elfenwein vergleichbar, aber nachdem er sich erstmal an den Geschmack gewöhnt hatte, musste er gestehen, dass es seltsamerweise trotzdem etwas für sich hatte. Mehr aus Gewohnheit als aus wirklichem Interesse, fragte Draco auch Nott, was er in der Zwischenzeit so getrieben hatte.
Nott lächelte und Draco musste unwillkürlich wieder an die Schwämereien der Slytherinmädchen über „Notts unendlich niedliche Grübchen“ denken, weil genau die nun wieder hervortraten. „Nichts was annähernd so aufregend war, wie das, was du erlebt hast… Naja, fast nichts. Ich bin jetzt auch im Club.“ Er lächelte beinahe entschuldigend, was Draco irritiert und kopfschüttelnd fragen ließ: „Im Club?“

„Ja im Club, du weißt scho… oh! Du bist noch nicht lange wieder hier und vermutlich weißt du es nicht…“, er verzog kurz peinlich berührt das Gesicht und winkte dann ab: „Naja, es ist ja auch eigentlich keine große Sache. Es ist nur… Also eigentlich ist es ja auch gar kein richtiger Club, sondern sowas Blödes und Inoffizielles – eine Spinnerei. Keine Ahnung wer damit angefangen hat, aber naja… du weißt ja wie sowas ist: einer sagt was und -schwups- geht es wie ein Lauffeuer durch alle Reihen und plötzlich spricht jeder davon, als wär‘s Allgemeinbildung.“

Es nervte Draco, dass er keinen blassen Schimmer davon hatte, worüber Nott sprach. Früher war ihm das nie passiert. Früher war er derjenige gewesen, der andere über die neusten Gerüchte aufgeklärt hatte und immer an der Quelle des Interessanten gesessen hatte. Mürrisch raunte er: „Ich weiß immer noch nicht worüber du da sprichst…“

Es schien Nott unangenehm zu sein, denn er nahm einen übertrieben großen Schluck Wein und verzog das Gesicht, ob nun wegen des Geschmacks oder wegen dem, was ihm bevorstand, war nicht zu sagen. „Der Club“ wiederholte er und tat so, als fände er es selbst blöd. Draco sah aber, dass das Gegenteil der Fall war. „Naja, so sagen sie, weil jetzt irgendwie alle scheinbar zur gleichen oder ähnlichen Zeit meinen sich verloben zu müssen. Wie gesagt, Spinnerei. Du weißt wie die Leute so sind…“, er rollte mit den Augen. „Also alle, die jetzt verlobt sind, sind sozusagen im Club der Verlobten. Irgendwer fand das urkomisch… keine Ahnung. Es ist nicht… es ist nicht wichtig.“ Würde Draco wetten müssen, würde er darauf tippen, dass Nott höchstselbst diesen „Club“ ins Leben gerufen hatte, doch er verkniff sich den Kommentar, weil er sich bissiger angehört hätte, als er es wollte und zweitens weil es den Abend versaut hätte, wenn er nun fies wurde.

„Du bist also verlobt?“ fragte Draco, nahm nun auch einen großen Schluck Wein und versuchte zu ignorieren, dass es ihn fuchste. Nicht, weil er selbst nicht verlobt war – natürlich nicht! Er hatte es nicht eilig mit sowas. Es war… etwas anderes. Vielleicht war es die Art wie Nott ihn behandelte, als wäre er ein rohes Ei. Als ob er in Tränen ausbrechen würde, weil er offenbar der Einzige war, der noch nicht verlobt war – der sogar noch Lichtjahre von einer Verlobung entfernt war, weil er nicht mal eine Freundin hatte.
Das war doch lächerlich!
Er hatte keine Zeit für eine Frau und auch keinen Nerv.
Wenn er nur mal an die Beziehung mit Pansy dachte –Merlin- das war die Hölle gewesen! Davon hatte er immer noch die Schnauze voll!

„Viola McLaggen“ unterbrach Nott seine Gedankengänge und Draco nickte nachdenklich, bevor er skeptisch das Gesicht verzog: „Das ist doch wohl nicht etwa die Schwester von Cormac, oder?“ Er musste lachen, als er sich Nott zuammen mit diesem nervigen Cormac McLaggen an einem Tisch vorstellen – in seiner Fanatasie war alles drum herum in Gryffindorfarben – einfach entsetzlich.

„Du kennst sie?“ fragte Nott überrascht und ebenso überrascht antwortete Draco: „Nein, aber ich kenne ihren Namen und ich meine… ernsthaft Nott? Cormacs Schwester? Sie war doch auch eine Gryffindor, nicht wahr? Du hättest doch sicher einen besseren Fang…“

„Pass auf was du sagst Malfoy!“ raunte Nott und zu Dracos Überraschung war er vollauf ernst und sah tatsächlich wütend aus. „Ich habe keine Lust auf deine vorgefertigten Meinungen, erstrecht nicht über Leute, die du gar nicht kennst und überhaupt erst gar nicht, wenn es meine Zukünftige betrifft. Sie ist eine tolle Frau und ich werde nicht mit anhören, wie jemand wie du schlecht über sie redet.“

„Jemand wie ich?!“ schnappte Draco im Brustton der Empörung, doch Nott fuhr ihm stoisch in die Parade, wagte es sich ihm entgegenzusetzen und wich nicht zurück – so wie Draco es von Crabbe und Goyle gewohnt war. „Ganz genau, jemand wie du Malfoy“ wiederholte er eisern. „Du solltest nach dem Krieg, nachdem was darin eure Rolle war, nach eurer Verhandlung und nachdem du anschließend feige abgehauen bist, lieber ganz klein stapeln und das weißt du auch! Du hast von allen Menschen auf dieser Erde wohl den kleinsten Anspruch darauf über Andere urteilen zu dürfen, weder über andere Slytherins noch über Gryffindors! Merlin! Ich kann eigentlich kaum glauben, dass du diese alte Leier immer noch von dir gibst! Das ist dermaßen überholt, das ist dermaßen bescheuert, dass ich kaum fasse, dass du das selbst offenbar einfach nicht kapierst. Du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen, also… was soll das noch? Willst du dich selbst in ein besseres Licht stellen, indem du andere klein machst? Echt Malfoy, sowas macht man mit 13 oder 14, aber nicht mehr mit 21! Statt andere schlecht zu machen, solltest du lieber mal damit anfangen, dich aktiv in ein besseres oder wenigstens in ein ‚nicht mehr ganz so schlechtes‘ Licht zu stellen.“ Er schnaubte, „Aber ich bezweifle allmählich, dass du weißt was ich damit meine. Ehrlich Malfoy. Entweder du verschanzt dich in deinem Herrenhaus oder du umgibst dich mit Reinblut-Fetischisten, die dir nach dem Mund reden. Glaubst du wirklich, dass du so jemals wieder auf einen grünen Zweig kommst?“

Draco war wütend, denn Notts Worte waren ekelhaft gewesen. Er wollte ihn verfluchen oder wenigstens anschreien, doch hier und jetzt, in diesem Lokal, riss er sich mühevoll zusammen, stellte sein Weinglas betont langsam zurück auf den Tisch und feixte leise: „Wie ich sehe bist du nicht nur in diesem lächerlichen „Club“, sondern auch noch was? Erstes Vorstandsmitglied im Harry-Potter-Fanclub? Meinst du das mit ‚sich in ein besseres Licht stellen‘? Ich küsse weder diesem Volltrottel die Füße noch mache ich einen auf sanftmütiger Gutmensch! Das habe ich gar nicht nötig! Ich bin wer ich bin und wer das nicht ertragen kann, kann mir ohnehin gestohlen bleiben! Und ich umgebe mich mit wem ich will – und das sind ganz sicher keine ‚Reinblut-Fetischisten‘ die mir nach dem Mund reden! Was soll das überhaupt sein? So langsam habe ich den Eindruck die Gesellschaft verlangt, dass man sich dafür schämt ein Reinblut zu sein, aber auch das sehe ich nicht ein! Bei Merlin! Ich bin ein verdammt reinblütiger Malfoy mit einem langen Stammbaum – darauf bin ich im Übrigen auch sehr stolz - und ich bin ein Slytherin: ambitiniert, führungsstark und was ich will, das krieg ich auch!“

Nott lachte kopfschüttelnd: „Dann willst du offenbar einsam sein, denn das ist genau das, was du kriegst. Was glaubst du denn warum ich mit dir hierhin gegangen bin anstatt in die Winkelgasse, mh? Weil ich mir sehr gut vorstellen kann, wie sie dich dort empfangen hätten und das wollte ich mir und dir ersparen. Aber gut, du weißt es offenbar besser und benimmst dich weiterhin wie ein…“ Draco starrte ihn mit vor der Brust verschränkten Armen an, war jederzeit bereit aufzustehen und zu gehen, doch jetzt sah er ihn abwartend, regelrecht herausfordernd an, während Nott nach der passenden Beschimpfung für ihn suchte.
Draco spürte die Wut in sich, spürte wie sie in seiner Brust immer mehr aufkochte, sprudelte und überquoll, bis er an dem Punkt war, an dem er nur noch Zerstörung sehen wollte.
Er hatte Notts Worte nicht nur zur Kenntnis genommen, nein. Sie hatten ihn auch eiskalt erwischt und darüber war er sauer. Zum Teil auf sich selbst, aber auch auf Nott und darüber, dass er diese Worte ausgesprochen hatte, dass er diese Fakten benannt hatte. Denn es stimmte, was er sagte: die Leute grenzten ihn aus. Niemand erzählte ihm mehr von irgendwelchen neuen Clubs oder erwähnte auch nur irgendetwas. Sie sprachen ja nicht einmal mehr mit ihm. Wohin er auch ging, wendete man sich lieber ab und flüsterte lieber ein Wort.

Dieses Wort…
Draco sprach es aus, weil er sehen wollte, wie Nott reagierte, weil er sehen wollte, ob es das war, was Nott in ihm sah. „Wie ein Todesser?“

Nott zuckte zusammen, zwar nur leicht, aber Draco hatte es bemerkt.  Es verletzte ihn, doch das wollte er sich nicht anmerken lassen, versteckte es hinter seiner gut trainierten, starren Maske der Emotionslosigkeit.
„Nein, das meinte ich natürlich nicht“ nuschelte er zwar, doch in seinen Augen stand etwas anderes geschrieben und da er auch nicht sagte, was er stattdessen gemeint hatte, fühlte Draco sich in seinem Eindruck nur bestärkt. Er schnaubte, schüttelte den Kopf und stand auf. „Ich wollte deine Zeit nicht stehlen und gehe dann mal zurück zu meinen Reinblut-Fetischisten“ sagte er zum Abschied, aber das war gelogen, denn eigentlich hatte Nott seine Zeit gestohlen und nicht andersherum! Er war lieber allein, als dass er sich sowas weiterhin anhörte. Mit diesem Gedanken kehrte ein wenig wohltuende Genugtuung zurück in sein Innerstes und ließ ihn erhobenen Hauptes aus Notts Sichtfeld verschwinden.

*

Auch noch Tage nach seinem Treffen mit Nott wurde Draco wütend, wenn er nur darüber nachdachte, also hatte er sich dazu entschlossen, nicht mehr darüber nachzudenken und seinen Fokus wieder mehr auf sein eigentliches Ansinnen zurückzuverlegen: sein Tagebuch finden und endlich den Zeitumkehrer benutzen, bevor noch mehr Dinge passierten, auf die er getrost verzichten konnte.

Wenn er nicht gerade das Haus durchsuchte, saß er in seinem Zimmer und las Zeitungen oder Bücher, brachte sich wenigstens somit auf den neusten Stand der Dinge und Geschehnisse. Natürlich nur durch reinen Zufall hatte er so erfahren, dass tatsächlich sehr viele seiner ehemaligen Schulkameraden entweder schon verheiratet waren oder kurz davor standen.
Potter war natürlich auch darunter, er würde mini-Weasley heiraten. Draco konnte die Heerschar an rothaarigen, sommersprössigen Kindern mit Wuschelhaaren, Brille und merkwürdig schlaksigem Körperbau schon glasklar vor sich sehen. Das war wirklich zum Erbrechen und nicht wünschenswert.
Auch Ron Weasley hatte seine Verlobung mit der –Zitat- „aufstrebenden Politikerin Hermine Granger“ verkündet. Draco hatte ein Bild von den beiden in der Zeitung gesehen und hämisch grinsend festgestellt, dass Weasley auf dem Foto irgendwie fett aussah und Granger neuerdings Bleistiftröcke trug um seriös zu wirken. Das war armselig.
Neben der Gryffindor-Bande waren auch andere Draco bekannte Namen und Gesichter „im Club“ oder wie Draco ihn nannte: „im Club der Verdammten“. So würde Pansy tatsächlich die Frau von Marcus Flint werden, was Draco überraschte, denn er hatte die beiden noch nie wirklich mit einander sprechen sehen und er fragte sich, wie und wann sie sich so gut kennengelernt hatten, dass sie beschlossen hatten zu heiraten… Vielleicht hatten sie das auch gar nicht wirklich getan, denn sicher war eine Ehe wie diese arrangiert und nichts anderes als eine reine Formsache. Er hatte nie gedacht, dass Pansy einmal vor ihm heiraten würde. Das war merkwürdig und er fand es sogar ziemlich unverschämt von ihr. Sicher tat sie das nur, um ihm eine reinzuwürgen. Aber das würde nicht funktionieren. Er war entspannt und hatte nichts dagegen. Nein wirklich. Es kümmerte ihn kein bisschen. Sollte sie doch heiraten, sie würde noch früh genug sehen was sie davon hatte, denn Marcus passte überhaupt nicht zu ihr. Sicher würden die beiden ununterbrochen streiten und wären unglücklich bis an ihr Lebensende, weil beide zu stolz wären, um sich ein Scheitern ihrer Ehe einzugestehen. Wenn er es sich recht überlegte, dann geschah den beiden das auch ganz recht. Selbst schuld! Da war er doch wirklich lieber allein, als sowas aushalten zu müssen!

Neben Pansy und Marcus erfuhr Draco noch von weiteren ehemaligen Mitschülern, die bald heiraten würden – darunter Susan Bones, Kevin Whitby, Zacharias Smith und sogar Neville Longbottom!

LONGBOTTOM!
Als er das las, schmiss er die Zeitung weg und begann ernsthaft daran zu zweifeln, ob die Mehrheit der menschlichen Rasse noch zurechnungsfähig war. Offenbar nicht. Und er beschloss das Thema nun ein für alle mal zu ignorieren. Er hatte schließlich eine Aufgabe und genau auf die sollte er sich auch fokussieren und sonst auf nichts anderes.

*

Narzissa seufzte. Sie konnte sich einfach nicht auf ihren Roman konzentrieren und legte ihn zur Seite. Sie bemerkte, dass Lucius ihr deswegen einen heimlichen Blick zuwarf, sich dann aber schnell wieder auf die Zeitung konzentrierte.

„Hat er dir erzählt wie sein Treffen mit Theodore Nott verlaufen ist?“ fragte Narzissa in die Stille und bemerkte den leidenden Blick, der sich auf Lucius Gesicht stahl wann immer sie ihn auf ihren Sohn ansprach. „Er wirkt seitdem noch angespannter und fahriger, findest du nicht auch? Ich befürchte sie haben sich gestritten.“

„Natürlich haben sie das“ antwortete Lucius monoton. „Draco war anwesend, also gab es Streit. Das ist doch immer so. Er ist ein streitsüchtiges Nervenbündel – mich wundert es nicht, dass das so geendet ist.“

Erneut seufzte Narzissa schwer. Ihr Herz wurde schwer, wann immer sie Draco sah. Er sah so einsam aus und sie stand daneben und konnte nichts dagegen tun. „Ich wünschte ich könnte ihm helfen…“ sagte sie, wohlwissendlich, dass sie bei ihrem Gatten nicht auf Zustimmung zu hoffen brauchte, doch sie versuchte es erneut. „Sollten wir ihn nicht mehr unter Leute bringen? Vielleicht entstehen darauß wieder Kontakte? Wir könnten nochmal ein Fest geben, ein Anlass fällt uns sicher ein und dazu laden wir seine Mitschüler von damals ein. Was meinst du?“

Lucius warf ihr einen langen Blick zu, ehe er kopfschüttelnd wieder die Zeitung aufschlug. „Ich meine, dass das rein gar nichts bringt. Ich wette, dass es keine halbe Stunde dauert, bis er sich mit jedem auf diesem Fest mindestens einmal angelegt hat. Die Leute werden verärgert sein und gehen, so wie Nott. Aber das wird nicht an ihm hängen bleiben, denn am Ende des Tages wird es nicht heißen ‚Draco ist so und so‘, am Ende werden es ‚die Malfoys‘ und ich habe keine Lust mich wegen seiner schlechten Laune und seinem Selbstmitleid ins Aus zu stellen. Entweder er kriegt das allein hin oder eben nicht. Zissa, der Junge ist erwachsen. Er muss das selbst regeln. Wir können ihm nicht immer alles servierfertig vor die Nase stellen. Er muss lernen, dass er selbst verantwortlich ist und selbst aktiv etwas unternehmen muss, wenn er nicht allein dastehen will. Wir können da nichts tun und das sollten wir auch nicht.“

*

An den Morgenden fiel es Draco immer schwerer aufzustehen. Manchmal fragte er sich überhaupt, ob es sich lohnte in den Tag zu starten oder ob es nicht einfach viel besser wäre, an Ort und Stelle zu bleiben und sich die Decke über den Kopf zu ziehen.
Aber er bemerkte wie das klang und wollte nicht als depressiv abgestempelt werden, also raffte er sich jeden Tag auf ein neues auf. Aber es fiel ihm von Tag zu Tag schwerer.

Er hatte keine Lust mit seinen Eltern zu reden.
Er hatte keine Lust nach dem Tagebuch zu suchen, denn er wusste einfach nicht mehr wo er noch suchen sollte. Er hatte die Hoffnung schlichtweg aufgegeben. Vielleicht war es auch irgendwie und irgendwo zerstört worden und es weiterhin zu suchen wäre vergebene Liebesmüh.
Ihm war zwar der Gedanke gekommen einfach auf gut Glück in die Vergangenheit zu reisen und wenn er merkte, dass er falsch war, könnte er ja immer noch schnell zurück, aber auch das erschien ihm plötzlich so unendlich mühsam. Außerdem hatte er den Zeitumkehrer in Frankreich deponiert und er hatte keine Lust bis zum Kamin zu laufen, Flohpulver aus dem Schälchen zu nehmen, es in die Flamme zu werfen und diesen langen, französischen Namen laut und deutlich auszusprechen, bevor er dann auch noch in die Flamme eintauchen musste. Das kam ihm wie eine lebenlange Weltreise vor.

Nein, da blieb er lieber hier. In seinem Zimmer, in seinem Bett und in schlabbrigen Klamotten. Er hatte nämlich auch keine Lust sich einen Anzug anzuziehen. Das war ähnlich mühsam wie eine Flohpulverreise nach Frankreich. Wenn er nur allein an den Krawattenknoten dachte, konnte er schon spüren wie sich eine Sehnscheidentzündung in seinem Handgelenk anbahnte!

Nein, da blieb er wirklich lieber hier und war allein mit sich. Das war ohnehin besser, denn andere Menschen waren ihm schlicht und ergreifend zu wider. Sie waren anstrengend und kaum zu ertragen. Ihre Gespräche waren so inhaltlos, dass er beim Gedanken daran schon Kopfschmerzen bekam.

Nein, er war wirklich am allerliebsten hier allein und nur mit sich. Das war kein bisschen ungesund (auch wenn seine Mutter das permanent behauptete, aber sie war nun einmal auch nur ein anderer Mensch und damit anstrengend und kaum erträglich).

Trotzdem raffte er sich gelegentlich auf, um die bescheuerten Bedingungen seines Vaters zu erfüllen und dadurch weiterhin seine Ruhe vor ihm zu haben. Also braute er Tränke, die er meistens direkt nach ihrer Fertigstellung wieder wegkippte, weil sie nichts geworden waren oder er las irgendetwas. Meistens dicke Bücher über die Historie, magische Gegenstände und düstere Flüche. Zeitung las er nicht, denn die waren voll von dem Zeug, das die anderen belanglosen Menschen in ihrer Freizeit so produzierten und deshalb war es natürlich ebenso wenig von belang wie sie. Und offenbar waren alle anderen Menschen derart beschäftigt mit ihrem belanglosem Zeitverschwendungstreiben, dass sich keiner dazu in der Lage sah, sich bei ihm zu melden. Aber er meldet sich auch nicht. Er hatte es nicht nötig sich langweilen zu lassen und er war darüber hinaus auch niemand der angekrochen kam. Bei keinem. Weder Pansy, Nott, Goyle noch sonst wer würde von ihm hören. Warum auch? Solchen Leuten hatte er ohnehin nichts zu sagen, denn ihre Horizonte konnten mit dem seinen nicht einmal ansatzweise mithalten!

Umso genervter reagierte er deshalb, als sein Vater ihm während eines Mittagessens verkündete, dass sie zu einem ministerialen Empfang zu Ehren des neuen Zaubereiministers gehen würden – und mit „sie“ meinte er sie alle. Auch ihn. Explizit ihn.

Und so stand er an einem Donnerstag Nachmittag in London und eilte dicht hinter seinen Eltern ins Ministerium. Es war nicht so, dass er absichtlich getrödelt hatte und sie deshalb nun zu spät dran waren, aber… nun ja, gerade waren sie eben etwas spät dran.
Das Atrium war schon gut gefüllt, das Geschwätz der Leute hörte sich an wie ein gigantischer Bienenschwarm. Er versuchte einigermaßen unauffällig und ungesehen durch die Mitte zu kommen, was sein Vater ihm aber gehörig versaute, denn der schien die Aufmerksamkeit geradezu auf sich ziehen zu wollen. Ständig grüßte er irgendwelche Leute, sprach zwei Sätze mit ihnen und ging weiter. ‚Der König des Smalltalks‘ wie Draco ihn gedanklich grummelnd nannte, war voll und ganz in seinem Element. Ein politischer Handshake hier, ein falsches Lächeln da, nett formulierte aber keineswegs so nett gemeinte Grüße hier, eine kleine Information gegen eine andere dort. Draco hätte sich am Liebsten in Luft aufgelöst, doch natürlich ließ sein Vater ihn nicht. Wann immer niemand zu schauen schien, packte er ihn am Arm und zog ihn weiter nach vorne – so weit, bis sie schließlich an der Loge der Ehrengäste angekommen waren. Natürlich hatte sein Vater Plätze dort für sie reserviert und war es Draco dort draußen bei dem „normalen Gästen“ schon unangenehm genug gewesen, so toppte die Ehrengast-Loge alles bisherige um ein Zehnfaches, denn hier wurde das politisch-motivierte Geplänkel seines Vater in Perfektion erwidert.
Handshakes, Küsschen links und rechts und Armgegrabsche waren hier wohl gerade fürchterlich im Trend und auch Draco wurde mit hineingezogen. Zwar hielten sich die meisten bei ihm zurück und begnügten sich mit einem einfachen und distanzierten Handschlag, doch es war trotzdem unangenehm, denn sie ließen ihn spüren, dass er hier vollkommen uninteressant war. Sein Vater war der Einflussreiche von ihnen, also scharrten sie sich um ihn, ignorierten Draco und Draco wusste nicht, ob er das gut oder schlecht finden sollte. Es war gut, weil er seine Ruhe hatte, aber es fühlte sich trotzdem schlecht an, so offenkundig missachtet zu werden. Und genau in diesem Moment hörte Draco betrat der Held der Stunde das Podium. Und nein. Es war natürlich nicht der neu gekührte Zaubereiminister.

Nein.

Es war natürlich der heilige Sankt Potter, der mit einer Entourage im Schlepptau auf genau die Ehrenloge zusteuerte, in der Draco gerade stand und sich ein Augenrollen nicht verkneifen konnte. Seine Mutter rammte ihm zur Strafe ihren Ellenbogen in die Rippen und zischte ihm etwas von „Beherrschung“ zu, doch Draco ignorierte sie, denn ihm war speiübel von diesem Auftritt.
Natürlich gab Potter sich bescheiden wie immer und natürlich glänzten seine Augen dabei, weil er die ganze Aufmerksamkeit insgeheim doch genoss.

Merlin, das war so abartig widerlich!

Und noch schlimmer war das Chaos, das ausbrach, sobald Potters Fuß die Loge berührte. Draco wurde beiseite geschubst, weil irgendwer sich sehr ruppig an ihm vorbeidrängelte um den echten Harry Potter aus nächster Nähe zu begutachten. Draco wusste aus Erfahrung, dass Potter aus nächster Nähe auch nicht viel schöner war, als aus weiter Entfernung, weshalb ihm letzteres deutlich lieber war.

„Du solltest auch zu ihm gehen“ wisperte ihm seine Mutter ins Ohr und Draco schnaubte entrüstet: „Wozu? Soll ich ihn etwa um ein Autogramm bitten?“

„Sei nicht albern! Du könntest ihm beispielsweise zu seiner kürzlichen Verlobung gratulieren“ schlug sie vor, doch abermals schnaubte Draco nur abfällig: „Er hat sich mit mini-Weasley verlobt, also müsste ich ihm wohl eher herzliches Beileid wünschen…“

„Draco, also wirklich! Du könntest ein bisschen mehr Größe zeigen und dich erwachsen verhalten. Eure kindischen Zankereien sind doch längst passé! Geh zu ihm und gratuliere ihm. Du musst ihm ja nicht um den Hals fallen!“

Draco lachte trocken: „Wenn ich das täte, würde er hundertpro den Sicherheitsdienst rufen.“ Draco stockte, überlegte und fügte dann schelmisch grinsend hinzu: „…und der würde mich dann von ihm wegzerren und hier rausbringen, mhm… eigentlich ist das gar nicht so eine schlechte Idee…“. Seine Mutter ging nicht mehr darauf ein – brauchte sie auch nicht, denn ihr Blick sagte alles und während Draco ganz unfreiwillig durch den Sog der Potter-Fans immer näher zu Potter geschoben wurde, beobachtete er, dass sein Vater sich gekonnt aus der Affäre gezogen hatte und nun scheinbar höchst interessiert in ein Gespräch mit einem älteren Zauberer vertieft war.

„Oh nein“ hörte er Potter sagen und musste sich abwenden, um die Beherrschung wenigstens äußerlich zu wahren. „Wir werden die Hochzeit klein halten. Also jedenfalls soweit das möglich ist. Ginny hat ja eine ziemlich große Familie.“ Heiteres Gelächter brach aus und Draco verstand nicht einmal ansatzweise warum. Das war nicht mal witzig gewesen. Es wäre witzig gewesen, wenn er gesagt hätte, dass Ginny nur deshalb eine große Familie hatte, weil sich Weasleys offenkundig gern anders die Zeit vertrieben als gewöhnliche Zaubererfamilien, aber so war es einfach nur eine lahme, langweilige Anmerkung gewesen. –Und selbstverständlich lachte man darüber, weil es aus dem Mund von Harry Potter so viel innovativer und cleverer klang, einfach nur, weil er eben Harry Potter war. Dazu fiel Draco wirklich nur ein einziges Wort ein und das war: Würgereiz! Apopros Würgereiz, Mini-Weasley war ja auch da und nun kreuzten sich ihre Blicke. Sofort runzelte sie die Stirn und funkelte ihn misstrauisch an (so als ob er hier das Wiesel wäre, das man verdächtigte ein Taschendieb zu sein!): „Malfoy – was machst du denn hier?“
Sämtliche Augen richteten sich zur gleichen Zeit auf ihn und während diese Augen eben noch voller Bewunderung Harry Potter angeschmachtet hatten, sahen sie nun genauso skeptisch und missmutig aus wie Ginny Weasleys.

„Mir die Zeit vertreiben, was sonst?“ antwortete er schnarrend und lächelte schief, um den Zynismus seiner nächsten Worte noch etwas mehr zu unterstreichen: „Außerdem wollte ich mir die Gelegenheit, euch zu eurer Verlobung zu gratulieren, auf keinen Fall entgehen lassen. Ich bin mir sicher, dass eure Traumhochzeit die ganze magische Gesellschaft verzaubern wird. Vielleicht ernennen sie diesen Tag ja sogar zum Nationalfeiertag? Heute wäre eigentlich eine gute Gelegenheit das anzusprechen, immerhin dürfte der neue Zaubereiminister in guter Stimmung sein, nicht wahr?“ Zufrieden stellte Draco fest, dass Potter nun genauso genervt aussah, wie er sich selbst eben noch gefühlt hatte.

„Verzieh dich Malfoy!“ antwortete Ginny sichtlich gereitzt und drehte sich demonstrativ von ihm weg. „Er ist immernoch so ein Arsch wie früher“ sagte sie absichtlich laut zu Hermine Granger, die gleich neben ihr stand und nun zustimmend und mitfühlend nickte.

„Danke für die Glückwünsche – auch wenn sie irgendwie ziemlich… naja – Danke jedenfalls“ presste sich Potter heraus, schüttelte den Kopf und bahnte sich dann zusammen mit seiner liebreizenden Verlobten, Granger und Ron Weasley einen Weg an Draco vorbei zu ihren Sitzplätzen.

Das war doch ganz gut gelaufen, denn nun war Potter sauer und er fühlte sich wieder gut.

*

Leider hielt sein gutes Gefühl nicht lange an, denn kaum war er zurück bei seinen Eltern, erntete er schon direkt wieder ein unzufriedenes Kopfschütteln und eine leise gezischte Schelte von seiner Mutter, während sein Vater ihn gekonnt ignorierte.
Ihn rettete, dass die politische Veranstaltung begann und alle mehr damit beschäftigt waren dem neuen Minister zuzujubeln oder alternativ Potter anzuhimmeln, denn das schien der zweitwichtigste Tagesordnungspunkt auf der heutigen Agenda zu sein. Somit waren alle zu sehr beschäftigt, um weiterhin gegen ihn zu wettern, auch wenn Draco durchaus wahrnahm, dass ihm trotzdem immer wieder geringschätzende Blicke taktierten – die er aber immer in der gleichen Intensität erwiderte. Er war nicht hierher gekommen, um das Opfer zu spielen, also würde er sich auch nicht wie eins verhalten.
Er stand die lächerliche Farce durch, ertrug sie, klatschte wenig begeistert mit, wenn es von ihm erwartet wurde und schaffte es irgendwie sich immer weiter in den Hintergrund zu schieben, sodass er schließlich die Wand im Rücken hatte und weit abseits der Leute stand. Von hier aus konnte er sich gut umsehen, hatte alles im Blick und wurde in Ruhe gelassen.
Er war hier nur ein Zaungast – der eigentlich gar nicht hier sein wollte – und nun das lächerliche und langweilige Schauspiel begutachtete. Es ging ihn nichts an, er gehörte nicht dazu und so kam er sich auch vor. Als es ihm dann irgendwann wirklich zu blöde wurde, beschloss er zu gehen. Er schlupfte durch die Menge wie ein Schatten. Niemand sprach mit ihm, niemand sagte ihm auf Wiedersehen. Niemand beachtete ihn großartig und niemand nahm Notiz davon, dass er der erste Gast gewesen war, der die Party verlassen hatte. Und zwar allein. Wie immer.

*

Je mehr Zeit verstrich, desto lethargischer wurde er.
Seine Eltern organisierten Parties, Feiern, Feste – sie fanden tausend Namen dafür, doch es war immer das Selbe. Schnöde Gesellschaft, schreckliche Musik, geschmackloses Essen. Er hatte keinen Appetit. Und er war stets der Erste, der die Party verließ – meist dauerte es nicht länger als eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde, die an seinen Nerven zerrte wie ein jahrhundertelanger Krieg. Er bekam Kopfschmerzen, Ohrendröhnen und Magenkrämpfe, wenn er Menschenansammlungen nur von weitem sah oder auch nur schon hörte. Das war ihm einfach zu wider und irgendwann beschloss er die Versuche seiner Eltern ihn unter Menschen zu bringen, zu ignorieren und verließ gar nicht erst das Zimmer, wenn sie wieder eine dieser belanglosen Feiern veranstalteten. Er wusste, dass er damit gegen die Bedingung seines Vaters verstieß, aber das auch war ihm merkwürdig egal. Um ehrlich zu sein, legte er es sogar darauf an und war gespannt zu sehen, ob sein Vater ernst machte und ihn rausschmeißen würde.
Bislang war noch nichts dergleichen passiert, was er einerseits gut fand, denn so konnte er weiterhin in seinem Zimmer sein, doch auf der anderen Seite fand er es auch schade und inkonsequent von ihm, denn er hatte das seltsame Verlangen nach Zerstörung und noch mehr Frust.

Den Zeitumkehrer hatte er auch schon lange nicht mehr in den Händen gehalten. Auch dazu fehlte ihm die Muße und immer öfter dachte er, dass es, so wie es war, doch eigentlich ganz gut war. Alle Welt schien glücklich und zufrieden zu sein und er fand sich langsam einfach damit ab, dass sein Leben nun einmal so war, wie es war. Diese Erkenntnis rang ihm nicht mehr als ein Schulterzucken ab – zu einer größeren Emotion war er sowieso gerade viel zu müde.

*

Es war Dienstag, als Draco runter in den Salon ging und sich skeptisch und mit verzogenem Gesicht im Haus umschaute. Überall hingen Gerlanden, weißer Glitzer rieselte von der Decke und es roch nach Zimt und Tannennadeln. Die Hauselfen trugen weiß-rot-grün gestreifte Mützen, mit denen sie wohl aussehen sollten wie weihnachtliche Wichtel, doch in Wahrheit sah es für Draco mehr als verstörend aus.
„Da bist du ja!“ flötete seine Mutter, als er die Tür zum Salon aufmachte und vor Entsetzen atemlos in der Tür stehen blieb. Alles war voll. Er wusste nicht, wohin er zuerst schauen sollte: auf den überdimensionierten Adventskranz, den riesigen Tannenbaum in der Ecke oder auf seinen Vater, der tatsächlich nicht einmal ansatzweise so genervt aussah, wie Draco es erwartet hatte, während er Kerzen an den Baum schweben ließ.

„Was zur Hölle…?“ fing Draco an, doch seine Mutter unterbrach ihn: „Ich dachte es freut dich. Als Kind mochtest du es immer, wenn wir viel Weihnachtsdeko haben? Und ich dachte mir, dass dir ein wenig gute Laune und Weihnachtsstimmung nicht schaden könnten. Also: was meinst du?“

Er wollte nicht ‚es ist abscheulich‘ sagen, denn seine Mutter sah so erwartungsvoll und fröhlich aus, aber… „es ist abscheulich“ traf es nun einmal am Besten. Sofort ließ sie enttäuscht die Schultern sinken und seufzte: „Draco! Was ist los mit dir? In letzter Zeit bist du so…“

„Abscheulich?“ schlug sein Vater von weiter hinten im Raum vor ohne sich zu ihnen umzudrehen.

„…miesepetrig, wollte ich sagen“ ergänzte seine Mutter. „Kannst du dir selbst denn nicht ausnahmsweise mal ein wenig Freude erlauben?“

Draco zuckte mit den Schultern, fühlte sich verurteilt und in die Ecke gedrängt, weshalb er ohne Rücksicht auf Verluste raunte: „Lass mich diesen Plunder anzünden, dann kann ich vielleicht etwas Freude empfinden.“

„Das reicht jetzt!“ donnerte die Stimme seines Vaters so laut, dass es in dem hohen Raum tatsächlich hallte. Die Kerze, die er hatte schweben lassen, fiel zu Boden und zerbrach in zwei große Stücke. „Ich habe dieses Selbstmitleid satt! Reiß dich endlich mal zusammen und fang an dich wie ein erwachsener Mann zu benehmen, anstatt wie ein kleines, bockiges Mädchen!“

„Lucius…“

„NEIN! Es geht mir auf die Nerven! Allein sein Gesichtsausdruck geht mir schon auf die Nerven und dieses Getue erst recht! Ich sag dir eins, Draco: du wirst weder mir noch deiner Mutter Weihnachten vermiesen und hörst auf der Stelle auf dich wie ein sterbender Schwan aufzuführen! Ich kann es nicht mehr ertragen!“

Draco spürte wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg. All die unterschwellige Wut, der Hass, die Verzweiflung – einfach alles – kochte hoch und er giftete: „Ich benehme mich nicht wie ein sterbener Schwan! Du hast doch keine Ahnung! Meinst du mich interessiert dieses blöde Weihnachten einen feuchten Dreck?! Nein, tut es nicht! Es ist mir scheißegal! Genauso wie ih…!“ Noch bevor er es ausgesprochen hatte, traf ihn die Ohrfeige so hart, dass er zur Seite taumelte. Er hörte seine Mutter schreien, spürte gleichzeitig den brennenden Schmerz in seiner Wange pochen und spürte wie ihm die Hände vor Wut zitterten. Als er sich umdrehte und seinen Vater vor sich stehen sah, war es vorbei. Er stürmte auf ihn zu, schubste ihn so kräftig er konnte nach hinten und war mehr als zufrieden, als sein Vater hinterrücks gegen die Tischkante stieß und umknickte. Er fing sich zwar schnell, doch da hatte Draco auch schon seinen Zauberstab gezogen und richtete ihn auf die Kehle seines Vaters. Er wollte zu gern etwas sagen, doch er war so wütend, dass einfach kein Ton über seine Lippen kam. Seine Zauberstabhand bebte vor Wut und er sah seinem Vater einfach nur in die Augen, ignorierte, dass seine Mutter hektisch auf ihn einredete und erst als sich sein Puls langsam wieder beruhigte, zischte er: „Pack mich nie wieder an. Nie wieder.“ –und dann ging er.
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