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Game of Survival

von Ajeen
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Angst / P18 / Gen
Gale Hawthorne Haymitch Abernathy Katniss Everdeen OC (Own Character) Peeta Mellark
17.06.2022
17.06.2022
1
2.020
 
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17.06.2022 2.020
 
Die Ernte.

Der Wind streicht mir die noch leicht feuchten Strähnen meines Haares aus dem Gesicht, während ich mich leichtfüßig durch den Saum von Distrikt zwölf bewege. Von meiner Schulter baumelt ein recht großer Sack voll mit Kleidern, Blusen und Röcken, welche ich auf dem Hob für kleines Geld verkaufen konnte.

Durch den Erntetag heute weiß ich, dass ich die Kleider auch ein wenig teurer verkaufen könnte als ich es sonst tue. Da ich die Tochter, oder eher Stieftochter, des Schneiders bin, verkaufte ich seit ich richtig Nähen konnte die Teile, welche ich aus den übrigen Stoffresten fertigte. Und zum Erntetag braucht eben jeder im Distrikt angemessene Kleidung.

Oder eher das was dass Kapitol als angemessen empfindet, wenn man seine Kinder zum sterben wegschicken muss. dachte ich bitter.

Zu dieser Zeit des Jahres war der Hob besonders überfüllt, da nur heute keiner der Männer in die Kohlewerke musste und hier ließen sich schließlich die besten Geschäfte machen. Mein Weg führte mich vorbei an Greasy Sae, welche versucht mir einen Teller heißer Suppe zu verkaufen versucht. Mit einem leichten Lächeln und abwinken meinerseits hat sie jedoch schnell das Interesse an mir verloren und wendet sich zugänglicheren Personen zu, welche sich hier zu genüge tummeln.

Nicht weit von Greasy Sae entfernt stellte ich mich selber hin, um hier meine Kleider zu verkaufen. Es dauerte nur etwa anderthalb Stunden, bis sich mein Sack merklich geleert hatte. Zwar waren noch ein paar Kleidungsstücke übrig, jedoch würde ich diese in das Kinderheim meines Distriktes bringen. Viel Zeit war schließlich auch nicht mehr, bis sich alle auf dem Platz vor dem Justizgebäudes einfinden müssen.

Dennoch gibt es eine Tradition welche sich jedes Jahr am Tag der Ernte hier auf dem Hob ereignet, welche ich nicht mehr missen möchte. In der Mitte des Hobs befindet sich dann immer ein aus klapprigen Kisten bestehendes Podest und jedes Jahr seitdem ich meine Kleider hier verkaufe, also seit ich etwa dreizehn Jahre alt war, steige ich nach dem Verkauf auf dieses Podest und singe.

Ich singe jedes Jahr das gleiche Lied, zur gleichen Zeit am gleichen Tag. Dennoch sind meine Knie leicht zittrig und meine Hände beginnen zu schwitzen als ich auf dem Podest stehe und sich die Menge der Menschen vom Hob mir zuwendet. Sie alle wissen was jetzt kommt, was jetzt passieren wird, und sie alle wissen auch, das ich dieses Lied meinem Vater widme.

„Kommst du, kommst du,
 Kommst du zu dem Baum?
 Wo sie hängten den Mann, der drei getötet haben soll?
 Seltsames trug sich hier zu.
 Nicht seltsamer wäre es,
 Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.

 Kommst du, kommst du,
 Kommst du zu dem Baum,
 Wo der tote Mann zu seiner Liebsten rief: Lauf!
 Seltsames trug sich hier zu.
 Nicht seltsamer wäre es,
 Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.“

Während meine Stimme anfangs noch leicht gezittert hatte, wurde sie mit jedem Ton und Satz der meinen Mund verließ, fester und sicherer.

„Kommst du, kommst du,
 Kommst du zu dem Baum,
 Wohin ich dir riet zu fliehen und uns zu befreien?
 Seltsames trug sich hier zu.
 Nicht seltsamer wäre es,
 Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.“

Der Moment war gekommen, man könnte nun eine Stecknadel fallen hören, so ruhig war es geworden. Es schien jedoch auch als wären draußen alle Geräusche verstummt, nicht einmal ein zwitschernder Vogel war zu hören. Mir wurde flau im Magen, dennoch hatte ich gerade heute das Bedürfnis dieses Lied zu Ende zu bringen.

„Kommst du, kommst du,
 Kommst du zu dem Baum,
 Ein Seil als Kette, Seite an Seite mit mir?
 Seltsames trug sich hier zu.
 Nicht seltsamer wäre es,
 Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.“

Eine einzelne Träne stahl sich aus meinem Augenwinkel und bahnte sich ihren Weg über meine Wange.

Mit einem durch die Stille hallenden Knall schlug eine Tür gegen die dahinter liegende Wand und ein Junge aus dem Heim stürmte herein. Abgehetzt schrie er etwas in den Hob hinein. Daraufhin brach ein Tumult aus, alle schienen sich aus ihren Starren zu befreien, mir streckte jemand die Hand entgegen und zog mich mit einem Ruck von den Kisten herunter.

Durch den plötzlichen Schwung prallte ich gegen die Brust desjenigen, welcher mich rasch hinter sich her in Richtung Ausgang zog, während der Beutel mit den Kleidern hinter mir im Hob zurückblieb. Die Leute tuschelten, doch alles was ich vernehmen konnte waren Satzfetzen wie „Friedenswächter!“, „Sie kommen!“ oder „Nehmt euch in Acht!“

Die Hand, welche meine noch immer in festem Griff hatte, zog mich unermüdlich weiter durch die Menge und dann durch ein verstecktes Loch in der Wand hinaus ins Freie. Draußen angekommen ließ er meine Hand los und drehte sich ruckartig zu mir um.

Er hatte definitiv das typische Aussehen des Saums, dunkle Haare und stechend graue Augen. Auch war er definitiv größer als ich, würde ich einfach geradeaus schauen würde ich höchstens auf seine Brust starren. Außerdem strahlte er eine körperliche Wärme aus, nicht nur das er gut Aussieht sondern eher so als wäre seine Haut, sein ganzer Körper, erhitzt.

Seine Grauen Irden treffen auf meine blauen als er den Kopf nach unten neigt um mir ins Gesicht blicken zu können. Gerade will ich den Mund öffnen, da schneidet er mir auch schon das Wort ab.

„Mach dich lieber schnell auf den Weg zurück nach Hause, Plätze wie solche sind nichts für Mädchen wie dich.“ sagt er mit harter Stimme.

Verärgert ziehe ich die Brauen zusammen, schaffe es jedoch nicht etwas sinnvolles zu erwidern. Stattdessen stottere ich nur, „Ich… doch ich.“

„Spars dir lieber.“ erwidert er barsch, kehrt mir den Rücken zu und macht sich auf den Weg in Richtung des Saums.

Noch immer verdutzt stehe ich da, reiße mich im letzten Moment aus meiner Starre und rufe ihm ein klägliches, aber sehr ernst gemeintes „Danke!“ hinterher. Schiebe dann jedoch noch ein „Fremder.“ nach.  

Er scheint es noch gehört zu haben, denn er dreht sich noch einmal halb zu mir um.

„Gale.“ Damit wandte er sich um und ging.

Ich stehe da und starre ihm nach. „Danke Gale.“ flüstere ich.
Keine zwei Stunden später stehe ich im kleinen Flur der Wohnung über der Schneiderei des Distrikts und lasse mir die Bluse mit der Schnürung am Rücken von meiner Mutter hinten zusammenbinden.

Die Stille in der Wohnung ist beängstigend. Mit vier Personen in einer Wohnung von solch einer geringen Größe, sie besteht lediglich aus einer kleinen Küche, einem ebenso kleinen Badezimmer und zwei Schlafzimmern, ist es sehr seltsam wenn nahezu die einzigen Geräusche von der Straße herauf durch ein offenes Fenster am Ende des schmales Flures hallen.

Meine Schwester mit ihren gerade erst elf Jahren ist noch ein weiteres Jahr von ihrer ersten Ernte verschont, während es für meinen Bruder dieses Jahr die zweite ist und für mich die vorletzte. Dennoch mache ich mir immer am meisten Sorgen um meine Mutter. Noch einen Verlust könnte sie nicht verkraften, da bin ich mir sicher.

Ihr erster Mann, mein Vater, starb in den 56. Hungerspielen und ließ eine hochschwangere sechzehnjährige mit ihrem ungeborenen Kind zurück. Noch am selben Tag, wahrscheinlich durch den ganzen Stress, kam ich auf die Welt, sodass mein Geburtstag quasi auf den Erntetag fällt. Jahr für Jahr. Dies veranlasste mich dazu ihn einfach nur vergessen zu wollen, den Tag meiner Geburt.

Noch heute frage ich mich wie sie das alles damals geschafft hatte. Ich weiß, dass sie als ich etwa ein Jahr alt war, Arbeit beim Schneider fand, der Schneiderssohn verliebte sich in meine Mutter, sie sich in ihn und die beiden heirateten. Mit William, so hieß mein Stiefvater, hatte nicht nur meine Mutter einen neuen Mann gefunden, sondern ich bekam auch einen Vater, denn er behandelte mich immer wie sein eigen Fleisch und Blut.

Auch als meine Mutter zwei weitere, also seine Kinder, gebar, blieb ich dennoch seine Tochter. Ein paar Jahre schien das Leben wieder unbeschwert zu sein, so gut es eben im ärmsten Distriktes Panems möglich ist, doch das Unglück schien an unserer Familie zu haften wie Pech.

Bei einem Mienenunglück vor vier Jahren verlor auch ihr zweiter Mann sein Leben und sie stand wieder alleine da, diesmal jedoch mit drei Kindern. Zu allem Unglück waren auch seine Eltern schon verstorben, Alte Menschen gibt es schließlich in Distrikt zwölf kaum.

„Du siehst wundervoll aus.“ flüsterte meine Mutter mit Tränenverschleierten Augen. Mit diesen Worten riss sie mich aus meinen Gedanken. Langsam drehte ich mich zu ihr um, wir sahen uns einen Moment schweigend an, dann zog ich sie in eine feste Umarmung, als könnte es die letzte sein. Mit dem Gesicht in meinen Haaren verborgen wispert sie ganz leise, „Happy Birthday mein Schatz.“

Jaron und Eliza kamen leise aus ihrem Zimmer geschlichen und schlangen ebenfalls die Arme um uns. In etwa so sah es jedes Jahr vor der Ernte bei uns aus. Durch das viele Alleinsein meiner Mutter, hatte ich, seit William verstorben war, jedes Jahr meinen Namen gegen Tesserasteine getauscht und irgendwann nicht mehr mitgezählt wie oft mein Name in dem Lostopf landete. Zwar habe ich mit meiner Mutter in der Schneiderei gearbeitet, aber dennoch musste sie das meiste alleine machen und eine vierköpfige Familie ernähren, bis ich meine eigene Ware auf dem Hob verkaufte und etwas mehr beisteuern konnte.

Langsam lösen wir uns voneinander, verlassen das Haus und waren dann auch recht schnell auf dem Platz vor dem Justizgebäude angekommen. Noch einmal schloss ich meine Mutter und Schwester in die Arme, nahm dann meinen Bruder an die Hand und gemeinsam reihen wir uns bei den anderen zwölf bis achtzehnjährigen ein.

Nach dem kleinen Piks in den Finger trennen sich unsere Wege voneinander, er schleicht geduckt zu den dreizehnjährigen, während ich in die zweite Reihe von vorne gehe, zu den anderen siebzehnjährigen. Nur schwerlich konnte ich seine Hand aus meiner gleiten lassen.

Meine Augen wanderten über die anderen in meiner Reihe, bis ein paar stechend grauer Augen meinen Blick gefangen halten. Augenblicklich zucken meine Mundwinkel leicht nach oben und ich kann beobachten wie Gale es mir gleich tut und leicht grüßend die Hand hebt. Ich tue es ihm gleich, zeitgleich fragte ich mich wie er mir nie auffallen konnte. Lag es daran, dass ich mit den Jahren immer seltener in die Schule ging? Oder daran das ich immer für mich alleine, mit den Gedanken bei der nächsten kargen Mahlzeit für meine Geschwister, hing? Ich wusste es nicht.

Meine Gedanken wurden erneut unterbrochen, doch diesmal war es nicht die liebevolle Stimme meiner Mutter, sondern die schrecklich hohe Stimme der Betreuerin Effie Trinket. Sofort stellte ich auf Durchzug, die Rede des Bürgermeisters schien ich schon ausgeblendet zu haben, doch ihre Stimme war deutlich schriller und damit auch schwieriger auszublenden. Haymitch, dessen Auftritt ich offenbar auch schon verpasst hatte, saß in sich zusammengesunken und schief auf seinem Stuhl.

Auch Effie hielt erst eine kurze Rede über das Kapitol und die Tradition der Hungerspiele, obwohl unser Bürgermeister dies schon getan hatte. Erst als sie sich der Glaskugel mit den Mädchennamen widmete und ihr Blick daran haften bleib höre ich ihr wieder bewusst zu.

Mit kleinen Tippelschritten, sodass ihre Mintgrüne Perücke, natürlich ist ihr gesamtes Outfit auf diese Farbe abgestimmt, hin und her wackelt.

„Und wie jedes Jahr,“ schnurrt sie ins Mikrofon und versucht sich an einem klimpernden Augenaufschlag, „Ladies first!“

Langsam lässt sie ihre Hand über den Zetteln hin und her streifen.

Mein Magen wird flau.

Ihre Hand gleitet nun zwischen den Zetteln hindurch.

Eine Gänsehaut überzieht meine Arme.

Langsam, ganz langsam, zieht sie einen Zettel heraus.

Ich bekomme das Gefühl, mich übergeben zu müssen.

Als sie den Zettel öffnet wird mir mit einem Schlag ganz kalt.

Sie hebt das Mikrofon an den Mund.

Ich kann fühlen, wie mein Herz viel zu schnell in meiner Brust schlägt.

Ich kann sehen wie sich ihre Lippen bewegen.

„Das weibliche Tribut für Distrikt zwölf ist,“ erneut versucht sie Spannung aufzubauen, bei mir funktioniert es, ich könnte mich jeden Moment vor mir auf den Boden erbrechen, dann schaut sie in die Menge,

„Lavea Amara.“ schallt mein Name in der Stille ohrenbetäubend laut durch das gesamte Distrikt.
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