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Das Geheimnis der Nachtigall

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Fantasy / P12 / Het
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Geister & Gespenster Zauberer & Hexen
16.06.2022
28.06.2022
29
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23.06.2022 4.470
 
“Oh verdammt.” denke ich noch. In den vergangenen Wochen haben Hilde und ich nicht nur an Badeseen herumgesessen, sondern auch fleißig das Zaubern geübt. So war es mir mittlerweile ein leichtes, eine Barriere hochzuziehen, um meinen Geist vor magischen Angriffen zu schützen. Dies tat ich in derselben Sekunde, in der der Fremde überrascht fragt, “Oh, guten Tag. Haben Sie sich verlaufen? Kann ich Ihnen helfen?”
Ich setze mein harmlosestes Lächeln auf und antworte freundlich, “In der Tat. Es tut mir leid, wenn ich unerlaubt Ihr Grundstück betreten habe! Seien Sie versichert, es geschah unwissentlich.” Darauf folgt ein Augenaufschlag dem bisher kein Mann hat widerstehen können.
So auch dieser hier. Mit einem breiten Grinsen entgegnet er, “Aber ich bitte Sie, wer könnte einer solch freundlicher jungen Dame schon böse sein.” Einladend tritt er beiseite und deutet mit der ausgestreckten Hand ins Innere des Hauses. “Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten? Es ist doch recht heiß heute und Sie sind offensichtlich herübergeschwommen.”
Im Geist wäge ich meine Möglichkeiten ab. Er ist definitiv der unbekannte Magier der seit geraumer Zeit gemeinsam mit seinem blutrünstigen Homunkulus in der Stadt sein Unwesen treibt. Unsere Suche war bisher erfolglos. Kein Wunder, wenn er sich so gut vor dem Auge der Öffentlichkeit verborgen hält. Nun bietet sich hier eine Chance und die ehrgeizige Ermittlerin in mir drängt, diese nicht sinnlos verstreichen zu lassen. Die vernünftige Alexandra, jedoch warnt. Laut und eindringlich. Doch es gewinnt, öfter als gut für mich ist, die ehrgeizige Alexandra.
“Das ist sehr freundlich.” antworte ich zuckersüß. “Sie haben recht, ich bin geschwommen, und jetzt wo Sie es erwähnen, wird mir doch recht kühl.”
“Dann bitte. Kommen Sie herein und wärmen sich etwas auf.”
Energisch, ehe ich es mir noch einmal anders überlegen kann trete ich ein. Baltasar würde, wenn er davon wüsste die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Der Fremde, der sich mir noch immer nicht vorgestellt hat, führt mich in einen gemütlichen etwas kleineren Saal als wie der, den ich vorhin durchs Fenster beobachtet habe. Kaum habe ich mich auf das von ihm zugewiesene Kanapee gesetzt, als sein buckliger Koch herein geschlurft kommt. “Sie haben gerufen, Meister?”  
Dieser wirbelt herum, funkelt den Mann wütend an und zischt, “Lass das mit dem Meister! Siehst du nicht? Ich habe Besuch. Bring Erfrischungen.”
Der unstete Blick des anderen flackert zu mir. Verwirrt wiederholt er, “Erfrischungen?”
Der gutaussehende entgegnet ungeduldig, “Ja, etwas Wein, Trauben, Fleisch und Käse. So etwas eben. Und jetzt pack dich!” Seine Hand wedelt in der Luft herum.
Überrascht, wie er mit seinem Angestellten spricht, ziehe ich die Augenbrauen hoch.
Sofort wende er sich wieder mir zu. Seine Mimik, nun wieder völlig verändert zeigt reine Freundlichkeit. “Entschuldigen Sie bitte. Gutes Personal ist heutzutage kaum noch zu finden.”
Ich nicke nur. Denselben Spruch kannte ich schon von meinen Eltern.
Er mustert mich. “Oh je, Ihnen ist kalt. Ich werde sogleich nachsehen, ob ich etwas zum Überziehen für Sie finde.”
Schon war er aufgesprungen und aus dem Raum gefegt. Schneller als gedacht kehrt er zurück. In den Händen hält er eine Art dünnem Mantel. “Dies ist ein Kimono. Dies tragen die Frauen in Japan.” erklärt er und reicht mir das Stück.
Verwundert stehe ich auf und besehe mir das bunte Stück Stoff. Reine Seide fließt durch meine Finger. Angenehm kühl fühlt sie sich auf meiner Haut an, als ich nun hineinschlüpfe.
“Passt er?”
“Wie angegossen.” wispere ich verwirrt. “Haben Sie immer Kleidungsstücke für eventuelle Gäste parat?”
“Nur für hübsche junge Damen in Badebekleidung.” entgegnet er zwinkernd.
Ich ziehe es vor, nicht darauf zu antworten.
“Sie haben mir Ihren Namen noch gar nicht verraten?”
“Ich kenne den meines Retters ja auch noch nicht.” entgegne ich frech, mache die Worte jedoch mit einem freundlichen Lächeln wett.
“Touché.” lacht er. “Darf ich mich vorstellen …” Er deutet eine leichte Verbeugung an. “… Umberto De Santis. Zu Ihren Diensten.”
“Katharina.”
“Katharina und weiter?”
“Ich bin einfach nur Katharina. Aber wenn Sie darauf bestehen, von Strasser.”
“Eine Von und Zu.” staunt er und mustert mich erneut. “Wo kommen Sie her, Katharina?”
“Aus Berlin natürlich.” entgegne ich schnell. “Und Sie? Ihr Name klingt irgendwie … italienisch?”
“So ist es.” Umberto greift sich einen in der Nähe stehenden Stuhl und trägt ihn zu dem Kanapee. Mit einem Nicken bedeutet er mir, es mir wieder bequem zu machen und nimmt selbst mir gegenüber platz.
Einen Moment sitzen wir nur schweigend da und mustern den jeweils anderen, schließlich beginnt er das Gespräch und fragt, “Erzählen Sie mir von sich, Katharina! Was tun Sie so, wenn Sie nicht gerade schwimmen gehen?”
“Kindermädchen. Ich bin Kindermädchen.”
Überrascht runzelt er die glatte Stirn. “Jemand wie Sie ist ein Kindermädchen? Das hätte ich nie vermutet.”
Um das Thema von mir abzulenken, frage ich nun, “Und Sie, Umberto, was tun Sie?” Demonstrativ sehe ich mich um. “Dies Haus deutet auf eine ertragreiche Anstellung hin.”
Er lacht. “Ich bin nicht angestellt.”
“Nein?” tue ich unschuldig.
“Nein.” bestätigt er feixend. Falls er weiter ausholen wollte, wird er durch das Eintreten seines Kochs unterbrochen. “Die … Erfrischungen.” brüllt dieser beinahe und balanciert mühsam bei seinem humpelnden Gang, ein voll beladenes Tablett in den Händen. Ungeschickt stellt er es auf einen in der Nähe stehenden Tisch. Als er sich anschickt, die Sachen auf der Tischplatte zu drapieren, ruft sein Vorgesetzter ungehalten, “Das genügt. Scher dich fort!”
Der Bucklige verbeugt sich demütig und huscht so schnell er kann aus dem Saal.
Statt seiner übernimmt Umberto das servieren. “Bitte schön, Katharina.” Er reicht mir ein Glas Weißwein. Dieser ist erfreulicherweise perfekt temperiert.
“Vielen Dank.” bedanke ich mich artig. Genussvoll nehme ich den ersten Schluck.
Umberto scheint mit, mich beim speisen beobachten zu können, zufrieden zu sein, denn er selbst nimmt nichts zu sich.
“Ist Ihnen nicht heiß?” necke ich ihn und werfe seinem teuer aussehenden Zweiteiler eine bedeutungsvollen Blick zu.
Er sieht an sich herunter und streicht mit der Handfläche über den dunklen Stoff. “Nein. Ich fühle mich wohl. Hitze bin ich gewohnt.  Ich … mir wird nicht warm.” erklärt er leise lächelnd.
“Apropos, wo kommen Sie denn eigentlich her? Italien, das weiß ich ja nun, aber von wo dort?”
“La Serenissima Repubblica di San Marco.” entgegnet er wie aus der Pistole geschossen. Der Stolz auf seine Heimat schwingt in jedem Wort mit.
“Dachte ich es mir doch. Venezianer.” murmle ich.
“Sie dachten schon?” hakt er verwirrt nach.
Ich nicke. “Ja. Ihr Haus. Oder sollte ich eher venezianischer Palazzo sagen?”
Umberto macht ein Gesicht als sei er ertappt worden. “Zu viel?”
Lächelnd schüttle ich den Kopf. “Jeder so wie ihm beliebt.”
“Da haben Sie recht, Katharina.” sagt er, scheinbar erleichtert. “Würden Sie mir die Freude machen, und mich auf einem Rundgang durch das Haus begleiten? Ich würde Ihnen sehr gerne alles zeigen.”
Ich sage zu und bald darauf schreiten wir durch die ausladenden Räumlichkeiten. Adjektive wie wunderschön, beeindruckend und außergewöhnlich lasse ich wie die Brotkrumen bei Hänsel und Gretel in regelmäßigen Abständen immer wieder ins Gespräch einfließen. Umberto schien sehr stolz nicht nur auf seine venezianischen Wurzeln, sondern auch auf die Familie, seinen Reichtum und dies Haus zu sein.  
“Wäre es sehr vermessen von mir, Sie zu bitten, mir noch länger Gesellschaft zu leisten?” bittet er vorsichtig als unser Rundgang in der wunderschönen Gartenanlage beendet ist. “Oder wartet daheim ein Herr von Strasser?”
Ich verstehe schon, er sucht zu ergründen, ob ich gebunden bin.
“Es gibt keinen Herrn von Strasser.” Baltasar möge es mir verzeihen.
Erfreut klatscht Umberto in die Hände. “Na prima! Dann ist es also abgemacht, Sie bleiben?”
Von Nervosität ergriffen deute ich an mir herunter. “Das würde ich ja sehr gern, aber … ich bin wirklich unpassend gekleidet und außerdem wartet meine Freundin am anderen Ufer auf mich.”
“Ihre Freundin? Sie sind nicht allein schwimmen gegangen?”
Ich schüttle den Kopf. “Nein. Hilde macht sich sicher bereits große Sorgen, wo ich bleibe.”
Sorgen? Sie wird halb krank vor Sorge sein.
Doch Umberto überrascht mich, indem er verkündet, “Aber das ist doch gar kein Problem. Mein Diener kann hinüberrudern und Ihrer Freundin Bescheid geben. Außerdem finde ich sicherlich in einem meiner Schränke etwas Passenderes zum Anziehen für Sie, Katharina.”
“M-meinen Sie?” stammle ich, verwirrt über so viel Einfallsreichtum.
“Sicher doch. Also, ist es abgemacht?”
Einen Moment mustere ich ihn. Tatsächlich scheint er sich über meine Anwesenheit zu freuen. Vielleicht könnte ich das als Vorteil nutzen und etwas mehr über seine Beweggründe diese Stadt heimzusuchen herausbekommen?
Ich sage zu und mache ihn damit wohl glücklich, denn er strahlt wie ein Kind am Weihnachtstag.
Umberto hatte mich zu einem Zimmer im ersten Stock begleitet. “Wenn es Ihnen zusagt, können Sie sehr gern heute Nacht hier schlafen.” bietet er an und öffnet einladend die mit Intarsien verzierte Tür.  
“Wunderschön!” entfährt es mir bei dem Anblick. Tatsächlich befinde ich mich inmitten eines wahren Prinzessinnentraums. Ein breites Himmelbett mit schweren altrosa farbigen Vorhängen dominiert den Raum. Links und rechts daneben stehen zierliche Chippendaletische mit Lampen aus bunt geblasenem gläsernen Lampenschirmen darauf. Auch die Fenster beinhalten Bilder aus buntem Glas. Die durch sie hindurch scheinende Sonne wirft hüpfende bunte Lichtreflexe aus den hellen marmornen Boden. Mit offenem Mund nehme ich die Pracht in ich auf.
“Ich sehe schon, es gefällt Ihnen.” schmunzelt mein Gastgeber. “Ich darf mich empfehlen? Bis zum Abendessen habe ich noch etwas zu erledigen.”
Ich nicke stumm und betrete den Raum.
Hinter mir fällt die Tür ins Schloss.

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Mein Zimmer beinhaltet außerdem einen kleinen Balkon vor den bodentiefen Fenstern. Neugierig trete ich hinaus und sehe mich um. Eine kühle Prise umweht meine nackten Beine und fährt in mein Haar. Eine Strähne fällt mir ins Gesicht, als ich sie hinter das Ohr zurück streiche, meine ich mit einem Mal salzige Meeresluft zu riechen.  
“Seltsam?” Meines Wissens ist der Wannsee nicht an ein Meer angeschlossen. Überhaupt wirkt von hier aus alles wie aus einem fremden Land. Italien vielleicht? Vater erzählte mir einmal davon als er und Mutter von einer Reise zurückkehrten.
Ohne Zweifel war hier einiges an Magie im Spiel. Verärgert, weil ich es versäumt habe Umberto auf das Wappen über der Eingangstür anzusprechen, gehe ich zurück ins Zimmer.
Um mir die Zeit zu vertreiben, streife ich durchs Zimmer und sehe mich um. Dabei fliegen meine Gedanken immer wieder zu Hilde, die sicherlich mittlerweile vollkommen aufgeregt in die Akademie zurückgekehrt war und dort einem überaus schlecht gelauntem Baltasar mein Verschwinden beichten musste. Sicherlich ist er außer sich vor Verzweiflung. Denn sie müssen ja annehmen, ich sei ertrunken, wenn er wüsste. Dann würde sich sicherlich seine Verzweiflung ganz schnell in Wut umwandeln.
Dieses Zimmer ist, wie auch schon die restlichen Räume, ganz nach venezianischen Vorbild möbliert. Spärlich. Es ist nur das notwendigste vorhanden. Das ist dann aber auch von erlesenster Qualität.
So wie das Bett. “Wie bequem es aussieht.” denke ich und liege einen Wimpernschlag später schon darauf.

Baltasar's Stimme lässt mich auffahren. War ich eingeschlafen? Die Sonne hatte sich mittlerweile weiterbewegt. Rasch laufe ich durch die noch immer geöffnete Balkontür auf den Balkon.
Auf dem Wasser steht er gemeinsam mit Avery in einem winzigen Ruderboot und unterhält sich mit jemanden, der außerhalb meines Sichtfeldes steht. Was heißt unterhalten, beide Männer brüllen sich an. Sofort suche ich auf mich aufmerksam zu machen. Ich winke, rufe, hüpfe Arm schwingend auf und ab, doch niemand scheint mich zu bemerken. Seltsam. Sicher rein erneuter Zauber. Hatte Umberto mittlerweile herausbekommen, wer ich in Wirklichkeit war?
Eilig durchquere ich den Raum bis zur Tür, reiße diese auf und flitze die Treppe hinunter in das Foyer. Von hier kann ich einen Flurentdecken, den wir bei unserer Führung nicht erkundet hatten. Ganz vorn, im Schatten des Ganges, steht Umberto. Seine Haltung ist lässig, überheblich, ganz derselbe den ich kennengelernt habe. Baltasar ihm gegenüber wirkt äußerst erbost. Rücklings an die Wand gepresst, lausche ich schweigend dem Gespräch. Als Umberto sich weigert, mich oder wenigstens ein Lebenszeichen von mir freizugeben, sehe ich mich gezwungen einzuschreiten. Zwar hatte ich um mich zu schützen eine Barriere erschaffen, doch nun musste ich diese, zumindest kurzzeitig fallen lassen. Konzentriert spreche ich in Gedanken den Zauber. Im Geist formuliere ich ein kleines Handfeuer. Dieses schwebt direkt über meiner Handfläche. Ich recke die Hand in die Luft und kann nur hoffen, dass Baltasar oder Avery es bemerken.
Kaum habe ich es eine Minute in die Luft gehalten, schnipse ich mit dem Finger und es verschwindet. Habe ich mir Baltasar's Stimme nur eingebildet oder hat er mir telepathisch mitgeteilt, ich solle zu ihm kommen? Augenblicklich fährt auch meine Barriere wieder hoch. Keine Sekunde zu spät, denn Umberto dreht sich um und erblickt mich. Durch meine Anwesenheit scheinbar verunsichert, will er Baltasar so schnell wie möglich loswerden. “Wie gesagt, ich melde mich.” In einer flüssigen Bewegung gleitet rückwärts, bis er direkt neben mir zum Stehen kommt. Im selben Moment schlägt die Wassertür mit einem Knall zu. Der Blick, den er mir in diesem Moment zuwirft, werde ich nie mehr vergessen.
“Sagtest du nicht, du hießest Katharina?”
Ich beschließe, mich unwissend zu stellen. “So ist es auch.”
Er schnaubt. Wut lodert in seinem Blick. “Von wegen. Jetzt weiß ich, wer du bist, Alexandra.”
Noch nie hat mein eigener Name mir solche Furcht bereitet.
Ich schlucke schwer.
“Ich sehe es an deinem Blick. Ich habe recht. Komm!” Er packt mich am Oberarm und zieht mich mit sich. Nichts ist mehr übrig von dem galanten italienischen Sunnyboy.
“Stopp! Lassen Sie mich sofort los! Sie tun mir weh!” jammere ich und versuche meinen Arm aus seinem Schraubstockgriff zu lösen.  
Doch er ist zu stark. Unnatürlich stark sogar. So ist es ihm auch ein leichtes mich hinauf in das Zimmer zu tragen, mich hineinzuwerfen und die Tür mit einem Zauber abzuschließen. Fest entschlossen vom Balkon hinunter in das Wasser zu springen nehme ich Anlauf, doch kurz bevor ich die gläserne Tür erreiche, schlägt diese vor meiner Nase zu und verriegelt sich ebenfalls. Wütend schlage ich mit der Faust dagegen, doch das Glas scheint ebenfalls nicht normal zu sein, es lässt sich nicht zerschlagen. Auch nicht, als ich eine der zierlichen Lampen greife und diese mit Wucht dagegen schmettere. Zwar zerbricht die Lampe in hunderte Einzelteile, doch das Fenster erstrahlt makellos wie zuvor.
Vor Verzweiflung und Wut über meine eigene Dummheit weinend werfe ich mich auf das Bett. Kaum darin liegend, schlafe ich auch wieder ein. Was ich natürlich erst bemerke, als ich die Augen aufschlage und draußen der Mond prall und rund am Himmel steht.
“Wie schön, du bist wach.” Unverkennbar Umberto's Stimme dringt durch die Dunkelheit. Erschrocken reiße ich mir die Decke vor die Brust. “Du musst dich nicht ängstigen.” beruhigt er mich zum Schein. “Du hast nichts an dir, was ich nicht schon bei anderen gesehen hätte.”
Entrüstet will ich schon den Mund aufsperren, als er fort fährt, “Außerdem hast du vergessen dich zu entkleiden. Also, beruhige dich!”
Er schnippt mit dem Finger und sofort erstrahlen dutzende Kerzen und erfüllen mit ihrem diffusen Licht den großen Raum.
“Wer bist du und warum hältst du mich hier fest?” will ich zornig wissen.
Theatralisch entrüstet klopft er sich gegen die Brust. “Ich war ehrlich und habe dir gesagt, wer ich bin.”
“Wohl kaum.”
“Mein Name ist Umberto De Santis.” Er betont den Zunamen und gibt mir einen Moment, um von selbst auf den Rätsels Lösung zu kommen. Doch leider scheint mein Hirn mitten in der Nacht nicht aufnahmefähig zu sein.
“Ja, und? Ich fragte, WER du bist? Eindeutig ist dies Haus von Zauberei erfüllt.” Miene Hand macht eine ausholende Geste.  
Er setzt sich zu mir auf die Bettkante. Seine linke Hand ruht auf dem Laken, nicht weit von meinem Oberschenkel entfernt. Sein Blick liegt auf mir. Ein wissendes Lächeln umspielt seine Lippen. “Offensichtlich ist es das. Ich bin überrascht, dass du es erkennst.” lobt er spöttisch.
Ich schnaube, ziehe die Beine an den Körper und umschlinge sie mit beiden Armen. “Warum hältst du mich gefangen? Warum lässt du mich nicht zu meinem Mann?”
Bei der Erwähnung von Baltasar springt er auf. Wutschnaubend speit er mir ins Gesicht, “Eben, weil du die Hure meines Bruders bist.”
Im ersten Moment meine ich, mich verhört zu haben. Bruder? Baltasar und er Brüder?
“Oh, ich sehe …” verkündet er herablassend. “… du weißt nichts von meiner Existenz. Mein Brüderchen hat sich über mich ausgeschwiegen. Ich frage mich …” Raubtier gleich kommt er näher, setzt sich wieder auf die Bettkante und hebt die Hand. Hölzern weiche ich zurück, als seine Finger sanft über meine Wange streichen. Sein Daumen legt sich auf meinen bebenden Lippen und fährt an den Konturen meiner Unterlippe entlang.
Angeekelt drehe ich den Kopf weg.
“Was denn? So schüchtern.” ätzt er. “Meinen Bruder empfängst du doch auch mit offenen Armen. Machst du etwa Unterschiede zwischen Familienmitgliedern?”
“Was für Familienmitglieder? Baltasar hat nur einen Vater und sonst niemanden.” fauche ich.
Lachend lehnt er sich zurück. “Oh ja, ich begreife, was mein Bruder an dir so anziehend findet.”
“Ich verlange, dass du mich sofort gehen lässt! Sonst …”
“Sonst was?” unterbricht er mich belustigt.
“Sonst wird er zurückkehren und mich befreien. Und das …” Ich blicke ihm tief in die Augen. “… wird nicht angenehm für dich enden.”
“Ach, meinst du, ja?” lacht er und hält sich den Bauch.
Verwundert über seine Reaktion, runzle ich die Stirn. Wenn er ein Magier ist, muss er doch von Baltasar's Stellung wissen. Warum zeigt er keinen Respekt und hat nicht einmal die Spur von Furcht an sich?
Meine Gedanken erratend fährt er fort, “Ich muss dir wohl einiges über unsere Familie erzählen, oder? Hast du Hunger?”
Warum dieser Sinneswandel? Verwundert frage ich, “Hunger?”
Er verdreht die Augen. “Hörst du schlecht? Hast du Hunger? Ich meine, es ist mitten in der Nacht und du hast seit Stunden nichts zu dir genommen. Um keinen Preis der Welt möchte ich mir nachsagen lassen müssen, ich würde meine eigene Familie nicht anständig bewirten.”
Er hat recht, ich bin hungrig. Zögernd nehme ich sein Angebot an und begleite ihn in das Erdgeschoss, wo sein Koch wieder ein leckeres Mahl gezaubert hat.
Gierig mache ich mich über das Geflügel und den Kloß in Soße her, während er schweigend zusieht und selbst keinen Biss nimmt.
“Nun.” meine ich während ich mir mit der Serviette den Mund betupfe. “Erzähl!”
Schmunzelnd lehnt er sich auf seinem Stuhl zurück. “Nicht hier. Es eignet sich nur ein Raum in diesem Haus für dieses Geschichte.” Umberto steht auf und reicht mir seine Hand. Widerstrebend ergreife ich sie und lasse mich von ihm in den Thronsaal führen. Vor dem riesigen Wandbild mit dem Siegreichen Ritter bleiben wir stehen. “Hier. Dies ist der passende Rahmen.” verkündet er und macht eine ausladende Geste. “Nimm platz, Alexandra!”
Ich folge und sehe zu ihm auf. Dozierend geht er zwischen mir und dem Wandteppich auf und ab. “Du hast recht, wenn du mich nicht vollends als Baltasar's Bruder ansiehst. Tatsächlich sind wir Halbgeschwister. Unser Vater gebar mich im Jahre 1304. Er fand mich in einem Lazarett. Halb tot, wie ich leider gestehen muss, doch nach meiner Wiedergeburt war nichts mehr wie vorher.”
“Du bist ein Vampir.” stelle ich schaudernd fest.
Er sieht mir in die Augen. “So ist es. Ich war meines Vaters liebster Sohn. Eine lange Zeit lang. Gemeinsam zogen wir in die Kreuzzüge, verteidigten im Namen des Dogen die Republik Venedig gegen den König von Ungarn. Wir besiegten Drachen, andere Vampire und festigten so die Macht unserer Familie.”
“Ich verstehe. Daher der ganze Reichtum.” denke ich.
“Wir halfen Fonzi, die Reformation in unserer Heimatstadt durchzusetzen. Daran fand mein Vater solchen Gefallen, dass er künftig als Reformator in der Welt unterwegs war. Als im 18. Jahrhundert das Venedig wie wir es kannten langsam unterging, hielt es Vater nicht länger aus und war praktisch nur noch auf Reisen. Bei einer solchen traf er schließlich auf …”
“Die Hexe. Baltasar's Mutter.” schlussfolgere ich laut.
Er nickt. “So ist es. Ich nehme an, er hat vor, mit dir zu wiederholen, was Vater einstmals tat. Er vereint sich mit einer Hexe, um auf diese Weise seine Linie fortzuführen.”
Was? “Wie war das bitte?”
Er übergeht meinen Einwand und erzählt weiter, “Vater verliebte sich in diese … Frau. Stellte sie über alles. All seine Ansprüche, seine Werte, alles, was ihm wichtig war, zählte plötzlich nichts mehr. Selbst ich, der unter seinen Kindern ihm der liebste Sohn war, war unwichtig geworden.”
Ich fange an, zu begreifen. Umberto, einst das Lieblingskind der Familie, wurde zurückgesetzt. In seiner Ehre verletzt.
“Vater hatte nur noch Augen für diese Hexe. Und als sie ihm dann noch eröffnete, sie würde einen Balg von ihm erwarten … Ein Kind, empfangen auf dem herkömmlichen,  dem menschlichen Wege, da war er vollends … begeistert. Ich war gezwungen zuzusehen, wie seine rechtmäßigen Erben mehr und mehr in den Schatten verdrängt wurden. Einige haben dies nicht verkraftet.”
“Was geschah mit ihnen?”
“Sie drehten durch, wie man heutzutage so salopp zu sagen pflegt. Mordeten im Blutrausch, bis Vater ihnen Einhalt gebieten musste.”
“Was tat er mit ihnen?”
Umberto zuckt die Schultern. “Einen nach dem anderen tötete er, bis schließlich nur noch eine Hand voll von uns übrig blieben. Wir lernten, uns anzupassen. Unsichtbar zu
sein.”
Nicht schön für ein empfindsames Kind, das es vorher gewohnt war, die volle Aufmerksamkeit der Eltern zu erhalten.
“Was sagte deine … eure Mutter dazu?”
“Wir haben keine Mutter. Vater war es, der uns erschaffen hatte.”
“Ich verstehe. Wie traurig.”, denke ich noch.
Er nickt mir zustimmend zu.
“Was geschah dann?”
Er seufzt in Erinnerung an die vergangene Zeit. “Baltasar wurde geboren und verhätschelt auf Teufel komm raus. Alle mussten Rücksicht nehmen und als klar wurde, dass er ein Halbvampir ist, der besondere Lebensumstände erfordert, wurde auch noch der Palazzo umgestaltet. Das war der Moment, wo ich es nicht mehr aushielt. Ich begab mich auf Reisen und zog schließlich in einen eigenen Palazzo in Venedig um. Ganz wegzugehen brachte ich nicht übers Herz, da Vater sonst nur mich hatte und mein Herz noch immer an ihm hing.”
“Das ist sehr … nobel von dir gewesen.” urteile ich freundlich.
Er schnaubt. “Nobel. Ich hatte nur Angst, dass sich die Hexe auch noch all unseren Reichtum unter den Nagel reißt. Sie führte sich ohnehin schon auf, wie die selbsternannte Herrscherin über Venedig.”
Ein so schlechtes Bild hatte ich nicht von Baltasar's Mutter, als er mir seine Sicht der Geschichte erzählt hat.
“Baltasar wuchs heran. Zu meinem Leidwesen war er übermäßig klug und auch noch ein mächtiger Zauberer. Um es kurz zu machen, Vater und seine Hexe waren so stolz und förderten ihn mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.”
Was mich zu einer Frage führt, die mir die ganze Zeit schon unter den Nägeln brennt. “Wie kommt es, dass du zaubern kannst? Bei Baltasar ist es mir klar. Wegen der Mutter. Aber du?”
“Ich war Zauberer als Claudius mich fand. Diese Kraft behielt ich, auch als nur noch Vampirblut in meinen Adern floss.”
“Ich verstehe.” Demütig sehe ich hinunter auf meine im Schoß gefalteten Hände.
“Du siehst es, ich bin etwas Besonderes. Und dennoch geriet ich in Vergessenheit, bis Vater eines Tages an mich herantrat und mich bat, Baltasar nach Deutschland zu begleiten. Er selbst könne es nicht, da er dieses Land …” Seine Hand beschreibt eine allumfassende Geste. “… nicht ausstehen kann und seine Frau das angenehme venezianische Leben so zu schätzen weiß, dass sie es nicht aufgeben wolle. Da setzte es bei mir aus. Ich sah rot und drehte nun selbst durch. Nur mit dem Unterschied, dass ich nicht unschuldige, sondern die wahrhaft schuldige für diese Misere bestrafen wollte. Ich ging hin und tötete die Hexe meines Vaters.”
“Was tat er dann?” Atemlos lausche ich seinen weiteren Ausführungen. Mein Herz klopft mir bis zum Hals als er sagt, “Vater war außer sich. Er versuchte mich zu töten, doch vermochte es nicht. Und ich …” Er seufzt und fährt sich beschämt mit der Hand über das Gesicht. Die erste ehrliche Gefühlsregung bei ihm, seit ich hier bin. “… ich machte das ich wegkam. Ich wusste, er würde mich jagen. Überall hin, egal wie lange.”
“Konntest du es ihm nicht erklären? Es vielleicht als Unfall darstellen?” suche ich zu insistieren. Bringe ich hier tatsächlich Gefühle für meinen Entführer auf?
Umberto lächelt mir entgegen. “Es ehrt dich, dass du auf meiner Seite bist. Aber Vater war damals vollkommen geblendet. Nichts ließ er auf seine Frau kommen.”
“Ich verstehe. Wie schade. Was geschah dann?”
“Nun ja, Baltasar ging dennoch nach Deutschland. Ich verfolgte seine Geschicke aus der Ferne. Blut bleibt Blut. Scheinbar empfand ich trotz allem etwas wie Bruderinstinkt für ihn?
Ich nicke, um ihm zu zeigen, dass ich das respektiere. “Aber wieso bist du jetzt nach Berlin gekommen? Ich will ehrlich zu dir sein, wir wissen, wer du bist und was du in den letzten Monaten getan hast.”
“Ach, wisst ihr das?” unkt er grinsend. “Ich denke nicht.”
“Dein von dir erschaffener Homunkulus ist Blutgierig. Er labt sich an Leichen. Gut, er hat sie nicht selbst umgebracht, aber schön ist es dennoch nicht.” plaudere ich.
“Du weißt von Bernd?” staunt er ehrlich.
“Ja. Wir verfolgen eure Spur nun schon eine längere Zeit und ich sah ihn in einer Vision.” Mist! Das hätte ich nicht sagen dürfen.
Aufmerksam geworden, sieht er mir in die Augen. “Vision? Du hast das dritte Auge?”
“Ähm …” suche ich auszuweichen. “Ich … ich hatte da so einen Traum.”
“Dass du zaubern kannst, weiß ich schon längst. Auch ich habe meine Hausaufgaben gemacht.” grinst er. “Dein Name ist Alexandra von Strasser und du bist Londonerin. Erst in diesem Jahr trafst du hier in der Stadt ein.”
“Das stimmt. Und nein, ich habe nicht das dritte Auge. Ich kann nur … sehen, was geschehen ist. Ich denke, das umschreibt es ganz passend.”
“Ich denke, es ist viel mehr als das, was du zustande verbringen vermagst.” lobt er und mustert mich mit ehrlicher Bewunderung.
Peinlich getroffen fahre ich mir mit der Hand durch das lose Haar.
“Das muss dir nicht peinlich sein, Alexandra.” raunt er und kommt auf mich zu. “Dass du etwas Besonderes bist, wusste ich, als ich erfuhr, dass mein Bruder sich mit dir verpaart hat.”
Erschrocken ruckt mein Kopf in die Höhe. “Ähm … was das angeht, ich und er haben nicht … also wir …”
Ein schallendes Gelächter erfüllt den sonst so leeren Raum. “So prüde. Ach ja, du bist ja Engländerin.” Direkt vor mir bleibt er stehen und sieht auf mich hinunter. Das Kerzenlicht zeichnet die scharfen Konturen seines Gesichtes weich. Seine azurblauen Augen erinnern an das Meer der Adriaküste, das ich bisher nur von Beschreibungen kenne. Das dunkle glänzende Haar durchziehen einzelne golden Strähnen, die es in diesem Licht viel heller wirken lassen.
Er ist schön, noch schöner als Baltasar. Groß und offensichtlich mächtig und stark. Mich nicht von ihm angezogen zu fühlen, wäre eine Lüge. Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe.
“Du bist wirklich reizend, Alexandra. Ich frage mich, was Baltasar dazu sagen würde, wenn ich dich zu meiner Gefährtin machen würde?” raunt sein dunkler Bass.
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