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Elsarlias‘ Feenwolfzauber – Buch 1 Die Steppe der Hornmenschen

von NiniWeg
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / Mix
Elben & Elfen Halblinge & Hobbits Ritter & Krieger Zauberer & Hexen Zwerge
16.06.2022
27.06.2022
11
39.664
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23.06.2022 4.169
 
„Guten Morgen, lieber Elsarlias.“, begrüßt Taminja ihren guten Freund frohgemut, nachdem sie aufgewacht ist. Ihren Schlafplatz hat sie sich auf der alten Feuerstelle, die sie entfernt und mit Heu bedeckt hatte, ausgebreitet. Nun liegt sie da auf dem Bauch und strampelt fröhlich mit ihren Beinen, während sie dabei zuschaut, wie Elsarlias gerade wieder einen Verband um die Wundstelle wickelt. „Guten Morgen, Taminja. Gut genächtigt?“, grüßt er zurück. „Ja, bestens. Wie sieht’s aus?“, erwidert sie. „Sehr gut. In den acht Tagen Ruhe ist die Wunde fein geheilt. Es besteht nicht mehr die Gefahr, dass sie erneut aufbricht. Morgen früh werden wir aufbrechen. Sollte sie bis dahin nicht aufgewacht sein, muss ich sie entweder tragen oder mithilfe meiner Energie gewaltsam aus dem Koma holen.“ „So etwas kannst du?“ „Gewiss. Ich habe sie ja auch in den Schlaf hineingetrieben. Also werde ich sie ebenfalls irgendwie herauslocken können. Allerdings habe ich das zuvor noch niemals getan. Nun ist aber Frühstückszeit.“, meint er. Daraufhin rührt Taminja drei Schüsseln voll Brotbrei mit Kräutern an, und Elsarlias nimmt sich Louwaine auf den Schoß, um ihr in die Ohren flüstern zu können. Dann lässt er sich ihre Schüssel geben und füttert sie. Taminja beobachtet ihn dabei. Nach einer kleinen Weile sagt sie: „Hinreißend. Wenn ich euch so sehe, denke ich, dass ihr ein wunderschönes Paar wäret.“ Da schaut Elsarlias mit bissigem Blick auf, wird gleich darauf aber wieder sanft, schüttelt seicht seinen Kopf und schnalzt dabei leise. „Aber Taminja. Du weißt doch, wozu ich hier bin. Ich mache diese Reise gewiss nicht, um mir eine Gefährtin zu suchen. Dann wäre ich in meiner Heimat geblieben oder hätte für längere Zeit, wie meine Schwester, das schöne Waldreich Vyrsurion besucht. Außerdem passt Louwaine nicht zu mir. Bedenke! Sie ist ein menschliches, verwildertes Wesen und ich bin ein Nevtiar, ein Nebelwesen. Wir sind zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten. Sie ist zu unruhig und rührt meine Wut. Das würde niemals gut gehen. Ich muss mich selbst schon vorsehen und mich beherrschen, wenn sie aufwacht. Damit es nicht erneut Kampf gibt.“ „Ich weiß. Es war nur ein scherzhafter Wunschgedanke von mir. Entschuldige. Natürlich weiß ich, dass das nichts wird. Schon allein deshalb, weil sich unsere Wege in Windshorn trennen sollen.“, meint Taminja erst nickend, dann lächelnd. Doch plötzlich bleibt ihr der Mund offen stehen. Indirekt warnt sie Elsarlias, der Louwaine gerade ahnungslos einen Löffel reicht, indem sie haucht: „Ha. Guten Morgen, Louwaine. Du bist erwacht.“ Louwaine schluckt verwirrt ihren Happen herunter und fragt: „Wieso? Wie lange habe ich denn geschlafen?“ „Acht Tage?“, erwidert Taminja verlegen. „Was? So lange?“, wundert sich Louwaine und Taminja nickt ihr zu. Elsarlias schaute erst geschockt, verhält sich jetzt aber ganz ruhig und presst die Lippen aufeinander. „Oh je. Wenn das mal gut geht.“, denkt er sich still. „Oh, was ist denn nur mit mir passiert? Warum schlief ich so lange?“, fragt sich Louwaine und schüttelt dabei leicht den Kopf.  „Du hattest heftiges Fieber, mein Kind. Es war lebensgefährlich. Deswegen hast du so lange geschlafen.“ „Ehrlich? Ups. Das erklärt dann alles…“, meint Louwaine. Dann stützt sie ihren Kopf in die Hand und sagt: „Meine Güte. Ich hatte vielleicht einen verrückten Traum. Von einer Fabelwölfin oder sowas. Die sagte, ich solle es weise nutzen. Aber was? Ich weinte nach meiner Mutter. Ach, an alles kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Macht aber nichts. War ja nur ein Traum. Ging dafür dennoch ganz schön lange.“ Sie schaut nach oben und dann zur Seite nach Taminja. „Wo bin ich hier?“ „Na, in der Baumhöhle.“ „Ach so. Stimmt. Ich bin ja verletzt. Aber sag mal, habe ich etwa die ganze Zeit im Sitzen geschlafen? Oder wer ist da hinter mir?“ Taminja winkt ab und kichert verlegen: „Niemand Gefährliches.“ Doch da schiebt Elsarlias die Frau schnell von seinem Schoß herunter und weicht hinter dem Baumstamm flink in den dunkleren Hintergrund. „Wer war das? Unerhört!“, faucht Louwaine, die sich verdattert nach der Ursache umschaut. „Komm heraus, Schlafsitter! Oder hast du etwa Angst vor mir?“, fordert Louwaine. „Nein, das habe ich nicht. Versprich mir nur eins, bevor ich mich im Lichte zeige!“, fordert Elsarlias seinerseits. „Und das wäre?“, erwidert sie keck. „Rege dich nicht auf, wenn du mich siehst! Denn ich bin kein Feind und werde dir nichts tun, solange du friedlich bleibst.“ „Warum sollte ich mich aufregen? Solang du kein Monster bist.“, zuckt sie mit den Achseln. „Dieses Wort ist relativ. Woher soll ich wissen, was du als Monster bezeichnest?“ „Alles, was kein Mensch ist natürlich.“ „So? Bäume und Tiere sind für dich also Monster! Und auch Taminja.“ „Taminja, Bäume, Tiere? Wieso? Aber nein. Sie sind, was sie sind. Aber doch keine Monster. Wer aber bist du? Deine Stimme kenne ich doch irgendwoher.“ „Schweif nicht ab! Du sollst mir versprechen, ruhig zu bleiben.“ „Aber Herr, sei doch nicht so unfreundlich zu ihr! Sie kriegt Angst. Deine Stimme ist doch sonst nicht von solcher Härte durchdrungen.“, bittet Taminja. „Das ist dein Herr? Das Nebelwesen? Warum zeigt er sich nicht?“, fragt Louwaine ermuntert. „Versprich es!“, fordert Elsarlias in einem etwas sanfteren Ton. „Ja, das werde ich. Versprochen.“, ergibt sich Louwaine. Erst jetzt tritt er aus dem Dunklen etwas hervor und setzt sich neben Taminja. Louwaine haucht vor Riesenschreck und schlägt sich die Hände vor den Mund. „Oh nein!“, sagt sie dabei hastig. „Du hast es versprochen. Beherrsche dich!“, erinnert Elsarlias freundlich. Sie nimmt die Hände langsam wieder herunter und runzelt die Stirn. „Der?“, fragt sie ungläubig. „Das ist doch nicht Dein Ernst, oder? Sag, dass das nicht Dein Herr ist! Der kann kein Nebelwesen sein.“, sagt sie zu Taminja. „Wieso glaubst du das?“, knurrt Elsarlias leise, denn für ihn ist es eine tiefe Beleidigung, seine Volkszugehörigkeit aberkannt zu bekommen. Auch wenn es irrwitzig ist, denn in Wirklichkeit kann sie das nicht. Er ist ein Nebelwesen und daran gibt es nichts zu rütteln. Louwaine blickt ihn verstört an, doch er nimmt sich gelassen eine Schüssel Brei und beginnt zu essen, sagt dabei: „Von mir aus glaube, was du willst! Ich weiß, was ich bin. Und das soll mir reichen.“ „Aber, aber, Kind. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben. Er ist sehr lieb.“, will Taminja sie beruhigen, doch sie starrt weiterhin auf den Essenden. „Deine Ohren und deine Finger sind so hässlich. Daher musst du ein Monster sein.“, platzt es scheu aus Louwaine heraus. „Außerdem willst du mich fressen.“, knurrt sie dann bösartig. Da beginnt Taminja laut zu lachen, während er mit seinen Augen rollt und daraufhin sagt: „Das ist typisch für Menschen wie dich. Vorurteile sind eure Richtlinien. Dann wünsche ich dir weiterhin viel Freude damit. Denn mich betrifft das schon lang nicht mehr. Ich habe, was ich will und kann zufrieden sein. Und du?“ „Ich nicht. Denn du stahlst mir meine Freiheit und lagerst mich wie ein Sack Futter.“, zischt Louwaine und Taminja lacht noch lauter auf. Ihre Augen tränen schon und mühevoll stößt sie hervor: „Aber, aber, Louwaine! Elsarlias ist weder ein hässliches Monster noch will er dich fressen. Und gefangen hält er dich auch nicht. Sondern er hat dich gerettet. Er pflegt dich unermüdlich, bis deine Wunde verheilt ist.“ „Ach, so ist das. Mit der Wunde war ich ihm wohl zu eklig und verdarb ihm seinen Appetit. Er will mich für später zum Fressen aufbewahren, wenn ich wieder geheilt bin und appetitlicher aussehe.“, meint sie zynisch. „Du bist schon geheilt. Nur noch deine Narbe muss behandelt werden.“, macht er sie mit nüchternen Gemüt darauf aufmerksam. Energisch stellt er seine Schüssel auf den Boden, um ihr zu zeigen, welches Essen er tatsächlich bevorzugt. „Aber du riechst entsetzlich. Du solltest jetzt baden gehen.“, entgegnet er dann. „Ha! Das kann ja auch dein Kochtopf besorgen.“ Während er wieder in die dunklere Ecke geht und etwas hervorkramt, scherzt er dunkel: „Für solch ein großes Menschenweiblein wie dich habe ich keinen Topf mehr. Sie sind alle zu klein. Du müsstest schon gebraten werden. Aber dafür bräuchte ich einen großen Spieß, und den Bäumen möchte ich wegen solcherlei nicht unnötig wehtun.“, obwohl sie immer noch etwas unterernährt ist. Im Dunkeln schmunzelt er ein wenig. Dann schreitet er auf sie zu und wirft ihr energisch etwas zu. „Da! Deine Kleidung. Wasche dich gründlich da hinten im Fluss und ziehe sie dann an! Wir brechen sehr bald auf. Taminja und ich werden jetzt alles zusammenpacken und die Pferde bereit machen.“, kündigt er entschlossen an, geht um Louwaines Lager herum und rollt neben ihr seine Decke zusammen. Louwaine verzieht entsetzt ihr Gesicht. „Zum Glück war ich im Tiefschlaf.“, murmelt sie. Er blickt sie an, schmunzelt bitter und sagt: „Übrigens. Dich kann ich auch genauso gut in der feurigen Glut rösten.“ Dann steht er auf und geht zufrieden hinaus. Sie schaut ihm hinterher und sagt leise: „Das wird er gewiss noch tun, wenn ich wieder etwas dicker bin und nicht mehr solch ein Hungerhaken.“ „Welch ein Unsinn! Er scherzt nur, weil du ihn verärgern wolltest. So etwas würde er nie tun. Glaub mir, mein Kind!“, entgegnet Taminja mit ihrer beruhigend summenden Stimme. „Glaubst du das wirklich? Auf mich macht er nicht diesen Eindruck. Er ist zumindest gefährlich. Das kann ich spüren.“ Darüber lacht Taminja nur und meint: „Also mir gefällt er prima. Er ist weise und führte uns heil und sicher durch die wilden Gegenden.“ Louwaine steht schon mit umgewickelter Decke am Höhlenausgang und sagt letztendlich etwas traurig und scheu: „Ich
fürchte mich trotzdem noch vor ihm. Bitte nimm es mir nicht übel! Ich möchte deine Gefühle wirklich nicht verletzen, ich kann nichts dafür, aber ich finde deinen Herren leider entsetzlich und bin froh, wenn ich seinen Fängen entkommen kann.“, bevor sie sich auf den Weg zum Fluss macht.

Der klare Fluss ist kühl und sie muss sich erst daran gewöhnen. Dennoch tut ihr das kräftige Bad so gut, als würden zwanzig Jahre Kummer und Last von ihr hinweggespült werden. Im Wasser fühlt sie sich leicht. Doch letztendlich muss sie doch hinaus und krabbelt zum Ufer. Schwankend geht sie zur trockenen Stelle, an der ihre frisch gewaschenen Klamotten liegen. Sie ist noch etwas wackelig auf den Beinen, denn immerhin ist sie seit acht Tagen nicht mehr gelaufen, und dabei sind ihre Muskeln trotz Taminjas Bewegungsübungen, die sie mit Louwaines Beinen durchgeführt hatte, etwas abgeschlafft. Sie schnappt sich nun die Decke und will sich abtrocknen. Doch da hört sie plötzlich Hufstampfen, das Schnauben von Pferden und ein melodisches Summen. Sie quiekt leise und versucht hektisch, sich die Decke überzuwerfen, doch sie findet dauernd nicht die richtigen Seiten und Ecken. „Arrch! Nicht einmal in Ruhe baden lässt der mich!“, flucht sie leise. Elsarlias scheint etwas davon vernommen zu haben, denn er fragt plötzlich: „Kann ich dir bei irgendetwas helfen?“ Empört blickt sie ihn an und bellt schroff: „Nein!!! Hau ab! Wie kannst du es dir nur wagen, dich in meine Nähe zu schleichen und mich anzuglotzen?!“ Schnell zieht sie sich nun doch die Decke um sich herum zu. „Ich bin nicht geschlichen. Ich sollte mich einigermaßen gut bemerkbar gemacht haben. Die Pferde wollte ich striegeln und nicht sinnlos umherblicken. Dich schaute ich an, weil du schriest.“, erklärt er freundlich, doch sie zischt daraufhin: „Verdammt! Schau endlich weg! Sonst werde ich mich bis heute Abend nicht anziehen können.“ „Oh, verzeihe! Wie du willst. Ich möchte hier nur die Pferde striegeln und ahnte nicht, dass du ausgerechnet an dieser offenen Stelle badest. Ich sorgte mich um dich und vergaß, dass ihr Menschen euch dermaßen geniert. Es war durchaus nicht meine Absicht, dich jetzt in Verlegenheit zu bringen.“ Damit dreht er sich um und beginnt mit seiner Striegelarbeit. Louwaine knurrt verächtlich und sucht sich zwischen höherem Gras ein besseres Versteck, um sich anzukleiden. Mit bitterbösem Blick kommt sie danach wieder zu Elsarlias und überreicht ihm die Decke. „Fein siehst du aus.“, schnurrt er zufrieden und bindet die Decke zusammengerollt an sein Pferd. „Kannst du reiten?“, fragt er aber plötzlich und sie zuckt zusammen. „Klar kann ich reiten. Was denkst du denn? Ich freue mich riesig darauf, es wieder einmal zu tun.“, antwortet sie kurz angebunden. „Nun gut. Dann lass es mich doch einmal sehen!“, fordert er sie auf. Sanft streicht sie über Glondais Nüstern und sagt: „Das ist ein sehr schönes Pferd. Solch eines habe ich nie zuvor gesehen.“ Sie geht, ihn streichend, an seiner Flanke entlang und will auf seinen Rücken klettern. Doch Glondais wiehert leise, zuckt mit der Flanke und weicht ein Stück zur Seite. Louwaine mit ihren noch schwachen Beinen fällt dadurch hin und ärgert sich über diese Demütigung, zudem weil Elsarlias auch noch lauthals lacht. „Wie kommst du darauf, dass du auf meinem Freund Glondais reiten sollst? Der wird dich allein nicht aufsitzen lassen.“ Erleichtert atmet sie bei diesen Worten auf. Kein Wunder, dass ihr das passierte, wenn dieses eigensinnige Pferd diesem höhnischen Biest gehört. Es sei also keineswegs ihr eigener Fehler gewesen, denkt sie. Sich ihre Hände sauber reibend, steht sie wieder auf. Doch zu ihrem Unglück schwingt sich Elsarlias leichtfüßig auf sein weißes Pferd und reicht ihr seine Hand. „Es sei denn, du möchtest mich gerne auf ihm begleiten. In meinem Beisein wird er dich durchaus nicht abwerfen.“, bietet er ihr höflich an. Sie schüttelt den Kopf und tritt zurück. „Nein Danke. Ich bevorzuge es, allein zu reiten und würde mich durchaus mit einem langsamen Esel zufrieden geben, wenn ich nur um Himmels Willen nicht bei dir mitreiten muss.“, wehrt sie ab. Er zieht seine gebotene Hand wieder ein und zeigt dann kurz auf das große, braune Pony. „Fein. Wie du möchtest. Dort ist Fildrou. Sie sei dir von uns bis zur Stadt Windshorn geliehen.“, erklärt er dabei. Das lässt sich Louwaine nicht zweimal sagen. Schnell, bevor er es sich wieder anders überlegen könnte, schreitet sie auf das wollige, dunkelbraune Pony zu. Dummerweise stolpert sie diesmal über eine Wurzel und fällt kullernd hin, was dem Herrn auf dem hohen Schimmel mal wieder zum Lachen bringt. „Du solltest erst einmal vorher laufen üben, damit du wieder stärkere Muskeln bekommst.“, meint er dann. „Nein Danke. Ich verzichte. Das Reiten werde ich auch schon so schaffen.“, winkt sie ab. Mühselig hüpft sie auf das Pony, denn einmal noch sackt sie durch einen umknickenden Fuß zu Boden. Mit großer Anstrengung klettert sie auf den Rücken des Tieres, ihre Glieder zittern dort. „Nun führe Fildrou und reite wenigstens neben mir!“, fordert Elsarlias sie auf. So will Louwaine das Pony durch einen Ruck antreiben, doch es bleibt genauso geduldig stehen und frisst Gras wie zuvor auch. „Noch solch ein Bocktier! Nur anders behext!“, denkt sich Louwaine mürrisch. „Pferdchen, bitte lauf! Nur mir zu Liebe.“, säuselt sie dem Tier ins Ohr, doch das wird erst recht nichts. Nur Elsarlias gelingt es bei seinem Pferd und reitet auf sie zu, um neben ihr stehen zu bleiben. „Sag, wann bist du zuletzt geritten?“, fragt er freundlich. „Nicht lange her.“, serviert sie ihn kalt ab und tritt dem Pony in die Flanke. Da wiehert es laut und rennt wie von Wespen gestochen los. Louwaine macht dadurch einen Ruck nach hinten und klammert sich schnell in der Mähne fest. Nach kurzem Galopp fällt sie sogar herunter. Elsarlias pfeift einen sanften, lieblichen Ton und schon macht die durchgebrannte Fildrou Kehrt, um zu ihm zurück zu rennen. Er lobt das Pony und reitet dann neben die am Boden leise vor sich hin fluchende Menschenfrau. „Nun, sagst du mir jetzt die Wahrheit? Wann war es?“, fragt er ahnungsvoll. „Na gut. Du hast gewonnen. Es war zuletzt in meiner Kindheit. Seither ritt ich nie.“, ergibt sie sich genervt. „So, so. Sag das doch gleich und breche dir nicht alle Knochen! Wie ich dir schon anbot, du kannst hinter mir mitreiten.“, tadelt er und bietet ihr nochmals freundlich die Alternative an. „Nein Danke. Auf keinen Fall. Dann gehe ich lieber zu Fuß.“, streikt Louwaine. „Das kommt nicht in Frage. Wir müssen zügig hier herauskommen. Das heißt, du reitest! Egal wie oder mit wem.“, gebietet er unerbittlich. In dem Moment kommt aber gerade Louwaines letzte Hoffnung, nämlich die fröhliche Taminja. „Gut. Ich werde dann mit ihr reiten, wenn sie nichts dagegen hat.“, entgegnet Louwaine und blickt die kleine Frau erwartungsvoll an. Doch Elsarlias kommt ihrer Antwort zuvor: „Sie wird etwas dagegen haben. Mit zwei Reitern auf ihrem Rücken kommt Fildrou nicht so schnell voran wie Glondais. Und spätestens, wenn uns Owcrims verfolgen sollten, wirst du merken, dass deine Idee übel ausgehen kann, Louwaine.“ „Verzeihung. Aber was sind Owrc…cr…?“ „Owcrims.“ „Ja. Owcrims. Was sind das?“, fragt Louwaine ihn. Da fängt er an zu lachen und fragt: „Du hältst dich in einer der gefährlichsten Gegenden auf und weißt nicht, was Owcrims sind?“ „Nein. Wieso?“, erwidert sie schüchtern. „Nun. Ein Völkchen von ihnen sind die Bewohner dieses wunderschönen Landes.“, beginnt er seine Erklärung und präsentiert ihr dabei mit einem Arm die weite Prärieebene hinter dem Fluss. „Außerdem solltest du vermutlich mit Owcrims Bekanntschaft gemacht haben. Solche, die dir die Wunde beibrachten.“ „Hö! Die Krishnuks?“, ruft sie erschrocken, fragend, weil Elsarlias sie mit einem Schlag wieder daran erinnert. „Krishnuk, ja. Das dürfte der Anführer einer Owcrim-Truppe aus dem Norden sein. Der ist mir bekannt.“ „Ja, das ist er. Glaub mir! Krishnuk heißt deren Anführer. Ich kannte nur seinen Namen und nannte sie alle Krishnuk, die ihr als Owcrims bezeichnet. Ich wusste nicht wie die tatsächlich heißen.“, bestätigt sie. „Aber woher kennst du ihn?“, fragt Elsarlias leicht misstrauisch. Louwaine senkt ihren Kopf und atmet tief durch, bevor sie scheu antwortet: „Das ist so: Ich war in seiner Gefangenschaft. Er hatte mich gestohlen. Ich gehörte ihm nie. Ehrlich. Falls du daran denkst, du könntest mich abkaufen, dann hast du dich geschnitten. Ich gehöre niemandem. Damit du’s weißt!“ „Menschlein, beruhige dich! Ich weiß, dass die Owcrims alles, was sie rauben, für ihr Eigentum halten. Nun bist du ja wieder frei und weißt, wie sie sind. Also komm! Steig auf!“, redet er ihr freundlich zu. Prüfend schaut sie ihn an. „Und aus welcher Himmelsrichtung stammst du? Etwa aus Westen?“ „Nein, ich stamme aus einem wunderschönen Reich im Norden. Und nun komm!“ „Moment. Da ist noch etwas. Wo sind die anderen? Ich meine Wiccan und seinen netten Freund. Und den Zwergen habe ich auch noch nie gesehen. Hast du sie etwa schon heimlich aufgefressen, so wie du es noch mit mir vorhast?“, bezichtigt sie ihn. Erst schaut Elsarlias sie verdutzt an, dann lacht er aber wieder laut und vergnügt. Geheimnisvoll schmunzelnd blickt er sie an. „Glaubst du denn wirklich, dass fünf Leute und ihre Pferde in acht Tagen in meinen Bauch passen würden? Schau nur, wie dick ich bin! Ich platze fast.“, erwidert er amüsiert. Danach drängt er: „Sie sind vorausgeritten, Mädchen. Nach Windshorn. Dort warten sie in Sicherheit auf mich. Wir aber sind hier keineswegs sicher. Also komm endlich her und steig auf! Es ist höchste Zeit, loszureiten.“, und wippt nun schon etwas ungeduldig dort oben auf dem Pferderücken. Taminja, die ebenfalls lachte, ist auch schon längst auf ihr Pony geklettert und wartet hippelig. „Wie soll ich aufsteigen? Dein Pferd wird mir doch wieder ausweichen, wenn ich hinaufzukommen versuche. Ich dachte, es lässt keinen außer dir reiten?“, will Louwaine sich herauswinden.
Doch vergebens. „Du hast mir nicht recht zugehört. Glondais lässt niemanden ohne mich auf sich reiten. Das heißt aber nicht, dass mich niemand begleiten darf.“, erklärt Elsarlias sanft. „Ich bin zu schwach, um hinaufzukommen. Und Glondais ist ziemlich groß.“, sucht sie eine andere billige Ausrede. Er bietet ihr seine Hand an und sagt freundlich: „Kein Problem. Ich hebe dich hinauf. Komm! Nimm meine Hand! Ich beiße dich nicht.“ Louwaine weicht langsam zurück und weigert sich ausdrücklich: „Nein, nein. Lieber nicht. Da gehe ich viel lieber zu Fuß.“ Plötzlich dreht sie sich um und läuft hastig auf den Fluss zu, um ihn dann planschend zu durchschreiten und in das Riesengrasfeld zu rennen. „Louwaine, nein! Um Himmels Willen, komm zurück!“, ruft Taminja aufgeregt hinterher. Geschwind reitet Elsarlias ebenfalls durch den Fluss zur anderen Seite hinüber, springt vom Pferd und rennt der flüchtenden Frau nach. Louwaines Herz rast wie verrückt. Wenn dieses Ungeheuer sie einholt und zu fassen kriegt, gibt es gewiss großen Ärger. „Louwaine, komm sofort zurück!“, ruft er energisch. Für sie klingt es böse. Noch hastiger rennt sie daher weiter. Er tat jetzt zwar freundlich, aber immerhin hatte er sie bei ihrer ersten Begegnung mit dem Bogen bedroht und war mit einem blitzenden Dolch auf sie zugeschritten. Nie wird sie diesen Moment der Gefahr vergessen. Nun hofft sie, dass er sich nicht seinen am Köcher hängenden Bogen nehmen und auf sie schießen möge. Doch schon erreicht sie höheres Gras und schlägt darin Haken. Langsam fühlt sie sich sicherer, doch dann bemerkt sie, dass er ihr mühelos folgt und sie rasch einholt. Sie hetzt voran, er hängt ihr am Fersen. Dann stolpert sie, fällt mit Wucht hin und er springt über sie hinweg, um nicht ebenfalls zu fallen. Sein Schatten wirft sich auf sie, riesig und dunkel. „Wo willst du denn hin, hmm?“, fragt das groß gewachsene Nebelwesen, das vom Boden aus noch überwältigender aussieht als es so schon ist. „Ist deine Abneigung gegen mich so groß, dass du vor mir fliehen musst?“, fragt er melodisch und ruhig. Ihr steht die Furcht ins Gesicht geschrieben. „Nein, nein!“, haucht sie und krabbelt im Krebsgang drei Schritte vor ihm zurück. „Was geht dich das an, wohin ich will?“, keucht sie und will sich umdrehen, um aufspringen und erneut lossprinten zu können. Doch Elsarlias ist schneller und packt sie rechtzeitig am Arm. „Hier geblieben! Du kommst mit mir!“, spricht er dabei entschieden. „Nichts da! Das bestimmst du nicht!“, zischt sie und will ihn wegtreten, was ihr Dank seiner Wendigkeit nicht gelingt. Da will sie sich mit aller Macht losreißen und beginnt wie ein bockiges Kind mit Strampeln und Stoßen gegen ihn anzukämpfen. Seine Hände sind allerdings stärker. So lässt sich Elsarlias das nicht gefallen. Er packt ihre Arme und drückt sie mit einem Ruck zu Boden. Mit seinem Schienbein nagelt er ihre Brust fest. Sie kann nun zappeln wie sie will, kommt aber nicht mehr los. Kurzerhand gibt sie auf und schnaubt verächtlich. „Äh! Ich finde ihn widerlich.“, denkt sie. „Sehr wohl bestimme ich das, ob du mitkommst. Und es geht mich auch sehr wohl etwas an, wo du hinläufst und mein Leben gefährdest.“, meint er ernst. „Wieso dein Leben? Was habe ich damit zu tun? Pass doch selbst drauf auf!“, entgegnet sie krächzend. „Das tue ich, indem ich dich dahin mitnehme, wo du hingehörst.“ „Wo gehöre ich denn hin, he?“, fragt sie provozierend. „In eine Menschensiedlung natürlich.“, erwidert er freundlich. Sie lächelt verächtlich und sagt: „Ja, und genau dort würde ich jetzt auch hinrennen, wenn du Bestie mich nicht behindern würdest.“ Er beugt sich zu ihr hinunter und belehrt sie: „Würde ich dich nicht behindern, dann liefest du jetzt in dein sicheres Verderben!“ Seine Augen blicken sehr böse dabei. „Ach, was du nicht sagst. Ich kenne die Landkarte bestens.“, wirft sie ihm schnippisch entgegen. Da beginnt er laut und sarkastisch amüsiert zu lachen. „Bestens? Von wegen. Entweder hat sich an der Landkarte in deinem Kopf etwas verändert oder du bist in Wahrheit doch ein Owcrim-Spion und spielst mir seit neun Tagen etwas vor. Bei letzterem wärst du wahrlich eine Hexe.“, erörtert er. „Was, ich? Ein Owcrim-Spion? Eine Hexe? Du spinnst wohl! Wie kommst du auf solch einen Quatsch, hornloser Hornochse?“, empört sich Louwaine angewidert. Energisch richtet Elsarlias seinen Arm nach Süden und unterrichtet sie warnend: „Wie ich darauf komme? Nun, da hinten befinden sich haufenweise Owcrim-Dörfer. Wie Sand am Meer! Falls du Schneckchen das noch nicht weißt.“ Misstrauisch blickt Louwaine ihn an. Schon geht er von ihr herunter, richtet sich auf und präsentiert ihr den Weg zu den tödlichen Owcrim-Dörfern. „Bitte. Geh! Wenn du solche Lust darauf hast, am Spieß gebraten zu werden oder tatsächlich im Kochtopf zu landen, dann werde ich dir nicht im Wege stehen. Es ist dein Leben.“ „Du willst mich doch nur für dich selbst! Das ist ein Trick.“ „Nein. Geh! Ich gewähre es dir.“ Louwaine steht auf. Trocken und unabsichtlich herausfordernd erfragt sie: „Und dein Leben? Wenn ich nun tatsächlich eine Spionin wäre und es verriete?“ Blitzschnell zieht er seinen glänzenden Silberdolch, um ein Bündel langes Gras abzuschneiden, und warnt bedrohlich: „Dann solltest du dich vorsehen. Ich werde dich auf der Stelle niederstrecken und fesseln, wenn du gewillt bist, tatsächlich zu den Owcrim-Siedlungen zu entfliehen. Du hast die Karte studiert?“ „Ja, immer wieder.“ „Einen kleinen Erinnerungsfehler macht jeder einmal. Aber jetzt wirst du dich erinnern. Und so töricht, dass du in deinen eigenen Tod rennst, bist du nicht. Nun ehrlich! Bist du eine Spionin?“ Louwaine zittert vor Angst, ihre Zähne klappern kurz einmal. „Nein, bitte. Tu mir nichts! Spionin bin ich nicht. Ich habe es doch nicht so gemeint. Ich wollte dich nur überprüfen und einschätzen lernen. Es tut mir leid.“, wimmert sie schüchtern und bibbernd, da sie denkt, er würde sie mit seinem Dolch niederstrecken wollen. „Dann komm jetzt mit mir! Sonst werde ich dich doch betäuben müssen, wie ich es übrigens auch mit einer Spionin getan hätte.“, mahnt er im Vorbeigehen und steckt sein Messer wieder ein, um ihr zu zeigen, dass er dieses definitiv nicht gegen sie verwenden wollte.
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