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Cinderella muss sterben

Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / Het
Alecto Carrow Amycus Carrow Avery Evan Rosier Fenrir Greyback Mulciber
15.06.2022
23.09.2022
8
39.368
10
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23.09.2022 4.082
 
VIII.
Niemand spricht von Gold  


Korrekturfee: Eve001
Beta: Veshraa
Schrecktor: General Ticktack



Monoceros hatte ihnen laut Fenrir nicht vorgegeben, wo sie den gesuchten Gegenstand finden würden. Genaugenommen hatte er ihnen auch nicht gesagt, wie weit sie dafür gehen sollten. Aber das zu wissen, war auch nicht ihre Aufgabe. Die bestand darin, zu beschaffen, was der Boss haben wollte.

Viel zu früh hatte Fenrir sie geweckt. Und während Alecto gegen ihre Müdigkeit angeblinzelt hatte, erinnerte sie sich bloß daran, dass die gegenüberliegende Zelle in ihrem Traum leer gewesen war. Hoffentlich kein schlechtes Omen.

Dann kam Bewegung in den Morgen.
Unsanft hatten sie sich an ihrem Ziel Einlass verschafft und ihr Anliegen vorgetragen. Alecto mochte es, wenn man höflich miteinander sprach. Dann fand man meistens schnell zu einer Lösung.
Fenrir war außerdem der Meinung, dass es zum Geschäftemachen gehörte, Getränke zu servieren. „Wer beim Verhandeln nicht trinkt“, hatte er ihr erklärt, „will sich nicht einigen. Wie soll man sonst am Ende auf das Ergebnis anstoßen?“

Eine verkorkte Flasche irgendeines Fusels flog durch die Luft und landete krachend an der Wand über dem Inhaber des Ladens. Ein Schwall beißende Plörre verteilte sich zusammen mit Glassplittern auf ihm, der schützend die Arme nach oben hielt.

Alecto räkelte sich auf der brokatbespannten Chaiselongue. Eine glockenblumenfarbige Blase, größer als ein Kürbis, klebte an ihren Lippen. Doch die wollte nicht platzen, gleich wie viel Luft sie aus ihren Lungen in die Masse pumpte.

„Wo sind deine verdammten Bücher?“, brüllte Fenrir den in der Ecke kauernden Borgin an und schleuderte einen Beistelltisch durch das bodentiefe Sprossenfenster zu seiner Rechten. Glas zerplatzte klirrend und regnete vom Dachstuhl in die Nokturngasse hinab.

Fenrir stürmte erneut auf sein Opfer zu. Die schmierige Gestalt kroch seitlich davon. Eine alberne Verfolgungsjagd. Borgin stieß gegen eine Spiegel-Vitrine, in der eine Art Magma-Herz in Ketten pochte, und war mit seinen Fluchtstrategien wohl am Ende.
„Deine Scheiß-Bücher, Borgin. Wo hast du die?“
Mit der Schulter rammte Fenrir gegen die Vitrine. Die Glastüren zerbarsten und es gab Nachschlag auf Borgins Schädel. Alecto sah, dass einzelne Splitter, groß wie Taschenspiegel, in Fenrirs Schulter stecken blieben. Der Werwolf schien es nicht einmal zu bemerken.

„Deine Bücher oder dein Genick“, grunzte er. „Krieg ich das eine nicht, breche ich das andere.“
Auch Alecto verlor langsam die Geduld. Sie pikste die widerspenstige Blase vor ihrem Gesicht mit den Fingernägeln kaputt.
„Drei Sickel, dass er sich gleich einpinkelt“, schlug sie vor und schwang sich von der Chaiselongue.
Fenrir packte Borgin grob an der Kehle und zog ihn hoch. „Kneifs ein. Meine Stiefel sind gerade erst sauber geworden.“
Ohne die Gegenwehr zu beachten, schleifte er ihn zum zerstörten Fenster, schob ihn hindurch und hielt ihn über den gähnenden Abgrund.

Aus dem anfänglichen Gejapse wurde ein würgendes Gurgeln.

„Lass mich mit ihm reden. Ich glaube, ich muss ihn mal über ein paar Details in Kenntnis setzen”, sagte sie und schlenderte quer durch die Kammer zu den beiden.

Der Werwolf schnaubte. Der Versager blieb, wo er war. Ein Fähnlein im Wind. Wie passend.

„Der größte Vorteil entsteht, wenn jeder bekommt, was er sich wünscht“, trällerte Alecto und wickelte einen Faden „Druhbels besten Blaskaugummi“ um den Zeigefinger. „Mr. Borgin, Sir. Ihre Situation ist – gelinde gesagt – beschissen. Sie sollten kooperieren.“

Eher widerwillig zog Fenrir Borgin zurück ins Innere des Zimmers und schleuderte ihn ihr förmlich vor die Füße.
„Das macht hier niemandem Spaß, glauben Sie mir.“
Der Werwolf gluckste hämisch.
„Aber wissen Sie, woran ich Spaß habe?“, sagte sie, saugte den Kaugummi vom Finger und ging vor Borgin in die Hocke. „An den Unverzeihlichen. Und mein böser Wolf hier“, sie deutete auf Fenrir, „wartet nur darauf, ein Stückchen von Ihnen zu kosten. Darüber sollten Sie sich im Klaren sein.“

Offenbar war Borgin für eine vernünftige Unterhaltung längst zu unpässlich. Röchelnd vor Schmerzen hielt er sich den Hals. Dicke Tränen kullerten aus den geröteten Augen. Flehend stierte er ihr entgegen und schüttelte den Kopf. Sie tätschelte ihm die Wange. Offenbar ging er davon aus, dass zumindest sie Gnade zeigen würde. Schließlich war sie eine Frau. Und fast noch ein Kind.
Falsch gedacht.

Sie brauchte den Sold, um sich hübsche Kleidung zu kaufen. Vor lauter Laufmaschen konnte man ihre Knie durch das Nylon schimmern sehen. Die Absätze ihrer Schuhe waren noch schlimmer dran.

Langsam schob Alecto den Rock hinauf und tastete überdeutlich nach ihrem Zauberstab, der in der Spitze der halterlosen Strümpfe steckte. Dass sie das übertrieben breitbeinig tat und damit den Herren einen unbeschwerten Blick auf ihre Unterwäsche gewährte, brachte ihr ein Knurren von Fenrir ein.
So kurz vor dem Vollmond war er immer etwas wunderlich.

Sie lächelte dennoch und presste die Zauberstabspitze zwischen Borgins Augen.

„Bitte“, krächzte er, als er endlich wieder zu Luft gekommen war. „Sag Mulciber, dass ich zahle. Die letzten Wochen waren schwer. Für uns alle. Jeder will nur verkaufen. Niemand will kaufen.“
„Sie hören nicht richtig zu, Sir. Niemand hat hier von Gold gesprochen. Wir wollen Ihre Geschäftsbücher. Ihre echten.“
„Du bist doch ein findiges Mädchen und verstehst sicher, dass das mein Ruin wäre.  Diskretion ist unabdinglich für das Geschäft.“
„Noch ein Widerwort und ich schlag dir den Schädel ein!“, mischte sich Fenrir brüllend ein und hob den Fuß. Ehe Alecto einschreiten konnte, versetzte der Werwolf Borgin einen Tritt in die Seite. Der brach in sich zusammen und hielt sich nun die Rippen statt den Hals. Offenbar spielte Borgin auf Zeit. Oder darauf, dass Fenrir die Puste ausging.

Seufzend streckte Alecto die Beine durch und kam in den Stand. Das hier führte nirgendwo hin. Sie legte sich die Zauberstabspitze an die Lippen. Die Brust herausgestreckt und das Kinn gesenkt umrundete sie Borgin und trat an Fenrir heran.
„Soll ich ihn noch foltern oder willst du ihn sofort fressen?
„Ich mag’s, wenn sie vorher schreien“, grunzte der zufrieden.
„Und was magst du noch?“

Unzweifelhaft konnte sie von sich behaupten, dass sie es mochte, Fenrir dermaßen dünnhäutig zu erleben. Schon heute Morgen war er merkwürdig lauernd um sie herumgeschlichen. Keinen Bissen hatte er herunterbekommen und auch den Tee hatte er verschmäht. Stattdessen hatte er in ihre Richtung geschnappt und geknurrt, als sie ihm ein Stück Schinken hatte reichen wollen. Je mehr er sie mied, desto mehr zog es sie zu ihm. Daran änderte auch das finstere Knurren nichts.

Jetzt schwankte Fenrirs Blick unkonzentriert zwischen ihrem Ausschnitt und ihren Lippen hin und her.
Tänzelnd überwand sie die letzten Zoll und schmiegte sich der Länge nach an ihn. Er glühte regelrecht. War das, was in seinem Schritt pochte, ein Resultat der Gewalt? Oder ihrer Nähe?
Gedankenverloren zupfte Alecto ihm ein paar Scherben aus der Schulter. Der Werwolf zuckte nicht mal. Die schwarze Wolle trank gierig von den dort entspringenden roten Rinnsalen.

„Du könntest seinen Brustkorb wie eine reife Frucht aufbrechen und den süßen Saft herausschlürfen“, flüsterte sie verträumt.

Die bloße Vorstellung brachte seine Pranken zum Zittern. Halbgeöffnete Lippen ließen Raubtierzähne aufblitzen. Stechende Augen fixierten sie.

Würde er sie jetzt küssen, würde sie sich dem vielleicht nicht entziehen.

Klauen umschlangen ihre Taille. Nägel gruben sich in den Stoff, prallten gegen die Stangen ihres Korsetts. Dann wirbelte er sie herum, presste sie mit dem Rücken an sich. Die Nähte der schlecht sitzenden Robe ächzten unter seinen gierigen Atemzügen. Auch wenn er heute Morgen geduscht hatte, stank seine Robe nach Schweiß. Rasiert hatte er sich nicht. Dafür waren sie zu sehr in Eile gewesen. Jetzt kratzen seine Wangen an ihrem Nacken. Seine Nase fuhr die Mulde hinter dem Ohr entlang und der heiße Atem bescherte ihr eine Gänsehaut.
Sein Glühen war ansteckend.
Ausgehend von der Taille, ihre Brust streifend, schob sich Fenrirs Hand unter ihren Zauberstabarm. Er richtete ihn auf Borgin – der sich mittlerweile zu seinem Schreibtisch schleppte – und knurrte: „Mach schon.“

Um nicht gänzlich in seinen Klauen zu zergehen, flüsterte sie: „Crucio.“




Lautstark warf Fenrir die Bürotüre hinter sich zu.
Die Stufen hinab in dem schmalen, verwinkelten Treppenhaus, musste sie mit Vorsicht nehmen.
Hier hatte schon lang keine Hexe mehr geputzt. Die Spinnenweben hingen schwer von Staub in den Ecken. Dazu stumpf gewordene Fenster, schwebende Kerzen die Wachstränen an die Wände weinten.

„Schau mal“, sagte Alecto und hob das Büchlein, das sie in den Händen hielt, in die Höhe. „Evan war da. Oh, wie niedlich. Er hat eine Spieluhr gekauft. “

Borgins Handschrift war mindestens so schmierig wie der Kerl selbst. Im flackernden Licht konnte Alecto sie kaum entziffern. Dennoch strahlte sie, denn insgesamt war der Auftrag ungewohnt glatt verlaufen.

Warum konnte sie alles in ihrem Leben nicht so einfach bekommen? Borgin war eingeknickt und hatte ihnen sein wirkliches Geschäftsbuch ausgehändigt. Nicht unbedingt freiwillig, aber darum ging es schließlich nicht.

Alecto befeuchtete ihren Finger und blätterte um. „Und Nott hat was verkauft. Und dann zum dreifachen Preis wieder gekauft. Irgendwie merkwürdig, oder?
Weiter kam sie mit ihren Recherchen nicht. Klauen packten sie am Nacken.
„Was sollte das eben?“, knurrte es hinter ihr.
„Da-Da … Das war nur ein Spaß.“
„Es gibt kein nächstes Mal, haben wir uns verstanden?“
„Verstanden.“

Woher nahm er das Recht, sie weiterhin am Nacken festzuhalten? Das schlurfende Geräusch seiner Stiefel kündigte an, dass er jetzt direkt hinter ihr stand. War er ernsthaft sauer deswegen?
Wieder spürte sie seinen hitzigen Atem, dieses Mal jedoch am Hinterkopf.
„Das ist kein Witz. Warum denkst du wohl, hab ich heute Morgen so über dein Parfüm geflucht?“
„Das riecht trotzdem gut. Mir egal, was du sagst“, gab sie trotzig zurück.
Unbeirrt schnarrte der Werwolf weiter: „Trotz des Kinderduftwässerchen kann ich förmlich riechen, wie dein Blut durch die Adern pulsiert. Oder wie scharf es dich macht, Männer zu demütigen.“
„Das hat mich nicht scharf gemacht!“, widersprach sie schrill. „Hör auf, sowas Peinliches zu sagen!“

Falls das stimmte, was er da andeutete, würde er sofort bemerken, dass ihre Wangen warm wurden. Oder ihre Ohrmuscheln. Wie um ihre Befürchtung zu untermauern, nahm Fenrir einen tiefen, genüsslichen Atemzug.
„Peinlich ist, dass dir gar nicht klar ist, dass du förmlich darum bettelst, von mir gefressen zu werden.“

Eine Trickstufe, die unter ihr einbräche, wäre ein angenehmeres Gefühl gewesen als diese Erkenntnis. Darum ging es hier also. Der Werwolf war nicht lüstern, sondern gierig auf Hexenfleisch. Alecto schluckte schwer. Die Enge des Treppenhauses wurde bedrückend. Ebenso wie die Nähe zum Werwolf in ihrem Rücken. Wie hatte sie so dumm sein können?

„Üblicherweise halte ich mir so kurz vor Vollmond meine Feinde näher als meine Freunde. Kratzt mich nicht, wenn die was abbekommen. Ein Wichser mehr oder weniger macht keinen Unterschied.“
„Und was willst du mir damit sagen?“
„Dass du dir überlegen solltest, ob du eher Feind oder Freund sein willst“
„Was soll das denn jetzt? Bist du jetzt total verblödet?“
„Das mein ich“, grollte er. „Du legst es geradezu drauf an, ins Kreuzfeuer zu geraten.“
Sie nickte steif.
„Ich hab’s geschnallt. Lass mich los. Spar dir deinen Vortrag.”

Alecto schüttelte seine Pranke ab, warf einen Blick über die Schulter und erkannte, dass Fenrir wirklich nicht zu Scherzen aufgelegt war. Gier setzte sich in seiner Grimasse durch und Speichel rann ihm aus dem Mundwinkel. Wie hypnotisiert und voller Fresslust fixierte er sie.
„Kletter durch das Fenster da vorne raus. Geh zu Eva“, brachte er geifernd hervor.
Sein Halswirbel knackte schaurig und Alecto spürte, wie sich etwas Feuchtes in ihrem Nacken löste und das Rückgrat hinunterlief.
Nicht panisch reagieren, schärfte sie sich ein. Da dreht er nur noch mehr durch.
„Ich will meinen Sold von Monoceros. Du behältst den nicht allein.“

Sie ging weiter, ohne sich umzudrehen. Nach einem erneuten Blick auf diese Fratze, würde sie sicher nicht weiterhin so ruhig bleiben können.
Das Knarren ihrer Schritte auf der Treppe wurde unnatürlich laut.
„Verschwinde, Alli. Ernsthaft. Wir haben Besuch. Unten im Verkaufsraum. Ich hab sie schon von oben gerochen.“

Ihre Brauen krochen oberhalb der Nase zu einem grimmigen Balken zusammen.
„Wer soll das bitte sein, hm? Avery? Mein Bruder? Der Dunkle Lord persönlich?“
„Die, vor der Scabior dich gewarnt hat“, sagte Fenrir und schob sie die Stufen hinab, in Richtung Fenster.
„Unsinn. Scabior hat nichts dergleichen getan.“

Ruppig zog Fenrir am Fensterrahmen. Eine Horde gusseisernen Kröten, die auf einem Kissen davor hockten, mussten ebenso weichen wie der geschmacklose Vorhang. Alles an dem Holz war so morsch, dass es Alecto unmöglich tragen würde. Der Verschluss schnappte auf und der Nebel der Nokturngasse waberte hinein.

„Lüg besser. Sonst kostet das dich irgendwann den Kopf“, griff Fenrir den Gesprächsfaden auf und deutete mit einem Schwenk seiner Pranke an, dass sie nun gefälligst zu verschwinden hatte.
„Ich will die Hälfte vom Sold. Trotzdem“, beharrte sie.
„Träum weiter.“
„Dann nehm’ ich das Buch mit.“
„Träum weiter“, wiederholte der Werwolf und drängte sie rücklings an das Fensterbrett. Zähne schnappten drohend vor ihren Lippen zusammen. Das war nicht der Kuss, den Alecto eben im Sinn gehabt hatte.
Im Hohlkreuz machte sie ohnehin keine gute Figur. Noch weniger, als Fenrir sie kurzerhand an der Hüfte packte und sie wie einen Wollfaden durch dieses Nadelöhr zu quetschen versuchte.
Ihre Ellbogen schlugen gegen den Rahmen, der mahnend stöhnte. Ihr Steißbein kratzte über den unteren Teil des Schnappverschlusses.

„Erstick dran, dreckiger Verräter!“, fauchte sie und warf ihm das Geschäftsbuch vor die Füße. Sogleich ließ der Werwolf von ihr ab.

Es war höher, als es aussah. Ihre Knöchel jaulten ungnädig, als sie auf dem Kopfsteinpflaster der Nokturngasse aufkamen. Alecto strauchelte auf ihren Absätzen herum, ehe sie sich fing und mürrisch zum Fenster sah. Dort stand Fenrir und winkte ihr hämisch mit dem Geschäftsbüchlein.
„Ich mein’s ernst. Bleib die nächsten Tage auf Abstand, Kleines.“

Daraufhin marschierte er los und verschwand im Inneren von „Borgin und Burkes".

Sie hatte Lust, ihm ein paar Sätze nachzuschleudern sowie einen Haufen gepfefferter Flüche. Dass er eh schon zu viel Misstrauen auf sich geladen hatte. Dass sie es, mit ihrem Blutstatus, gar nicht nötig hatte, sich auf ein verlaustes Schlitzohr wie ihn einzulassen.

„Ich mein’s ernst“, äffte sie ihn nach und zog die Krempe des Spitzhutes tiefer in ihr Gesicht. „Bleib die nächsten Tage auf Abstand. Und wo soll ich hin, hm? Nach Hogwarts? Warum wirfst du mich nicht direkt den Auroren zum Fraß vor?“

Anstatt im Genuss ihres Soldes zu schwelgen, stand sie da und starrte Löcher in die Fassade von „Borgin und Burkes". Bei Madame „McHavelocks“ hätte sie sich einen dieser Hüte mit Feder und Schleier kaufen können. Die trug man jetzt. England trauerte um das magische Blut, das vergossen wurde. Und Hexen, die etwas auf sich hielten, trauerten mit.

Oder neue Runen aus Menschenknochen? Alectos Schultern sackten weiter hinab.  Warum hatte Fenrir, anstatt sie davon zu jagen, ihr nicht einfach eine Tracht Prügel verpasst? Damit konnte sie umgehen. Die Ablehnung war schwieriger zu bewältigen als ein Veilchen oder ein wackeliger Zahn.

Mit dem faden Beigeschmack der Demütigung raffte Alecto ihren Umhang enger und trottete los. Nicht, dass der Werwolf sie insgeheim beobachtete und sich ins Fäustchen lachte.

„Be-neh!“, tönte es in einem eigenartigen Zusammenspiel aus Gackern und Weinen und Alecto schreckte auf.
Trübe Augen starrten sie aus der angrenzenden Gasse an. Dieses verschrumpelte Wesen war eine Sabberhexe. Weit über den Rand des Wahnsinns hinaus, beweinte und beklatschte sie ihr Dasein.
„Was wird kürzer, je länger es wird?“, gackerte sie.
„Da- ... Das weiß ich nicht“, stotterte Alecto und taumelte rückwärts. „Ein Sonnenstrahl?“
Bloß weg! Bevor die Kreatur auf die Idee kam, sie zu verfluchen.
„Be-neh!“, schallte es hinter Alecto durch die Gassen. Wohl nicht die richtige Antwort auf das Rätsel.
Falsch, versuchen Sie es doch bald wieder, hätte Fenrir jetzt sicher gewitzelt. Wenn überhaupt möglich, wanderten Alectos Mundwinkel noch tiefer.

Links von ihr spottete eine Horde Schrumpfköpfe in einem Schaufenster los. Grabeskerzen flimmerten unter ihnen gegen die Helligkeit des Morgens an. Knopfaugen funkelten aus allerlei Nischen und Hauseingängen. Hauselfen gingen ihrer Arbeit nach – polierten, schrubbten und entfernten Spinnweben.

Alecto passierte sie ohne Eile, denn es erwartete sie ohnehin niemand.

Einmal mehr wirkte die Nokturngasse eher wie ein eigener kleiner Kosmos. Eigenartig gewachsene Gebäude, düster, aber nicht feierlich. Vielleicht waren die Häuser der Winkelgasse mal Bäume gewesen, die ihre Wurzeln tief in die Erde geschlagen hatten. All die Steine und das Erdreich, die sich dabei aufgetürmt hatten, waren hier verbaut worden.

„Bloß ein wacher Verstand kann Licht erzeugen, das einem den Blick in die dunkelsten Ecken ermöglicht“, sprach es unweit von Alecto. Skeptisch legte sie den Kopf zur Seite und spähte unter ihrer Krempe zu der Geräuschquelle. Bis auf die halbrunde Brosche an ihrem Robenkragen hatte die Frau nichts Schmückendes an sich. Unscheinbar. Vom Scheitel bis zur Sohle ein graubrauner Pinselstrich. Sie stand nah des „Sternenpropheten“ und schien auf jemanden zu warten.

„So jung und schon vom Leben gezeichnet“, sagte die Fremde und etwas Warmes drängte die Strenge aus ihrem krähenartigen Gesicht.
„Was wollen Sie?“, erwiderte Alecto vorlaut.
„Ich biete dir alles, was du suchst, mein Kind.“
„Warum solltest du? Was bezweckst du damit?“
„Mein Name ist Jean Snyde“, erklärte die Frau und reichte Alecto die Hand. Es wäre unhöflich gewesen, diese Geste unerwidert zu lassen, auch wenn es nur ein Versuch war, Alecto anzuhalten.
„Und?“
„Ein skeptischer Geist verborgen hinter einem Puppengesicht“, sagte Snyde lachend. „Gut, dann keine Namen. Ein wohlgehütetes Geheimnis sollte auch eins bleiben.“
Snyde reichte ihr erneut und mit Nachdruck die Hand und fügte hinzu: „Du brauchst auch keinen Namen, damit die Mutter Gaia dich erhört.“
„Mutter Gaia?“, echote Alecto und verzog die Lippen.

„Nachdem Gaia die Welt, wie wir sie kennen, dem Chaos entrissen hatte, deckte sie den Tisch für jeden von uns reichlich. Ein Paradies, fantastisch in seiner Hülle und Fülle“, flüsterte Evan und unterdrückte das Krächzen in seiner Stimme. Tief im Türrahmen zusammengesunken, umklammerte er seine Knie und verbarg das Gesicht vor dem stechenden grünen Nebel, der dem Ministerium jegliche Wärme genommen hatte.

„Diese Erzählung trug mein ehrenwerter Vater an mich heran.“
Sie hörte sein Lächeln, ehe ein Hustenkrampf ihn schüttelte und es zunichte machte. Kurz füllte nichts die aufkommende Stille. Weder er noch die rettenden Rufe von Amycus und Wilkes, die sie ersehnten.
„Was passierte mit dem Paradies?“, fragte sie.
„Ihre Kinder sollten die Früchte ihrer Arbeit kosten“, sagte Evan mühsam beherrscht. „Also schuf sie uns. Die Magie floss durch unsere Adern. Wir tragen das Blut von ihr und ihren Töchtern in uns.“

„Die Welt war nie ein Paradies, Evan“, widersprach Alecto ebenso sanft, wie ihre Hand über seinen gekrümmten Rücken glitt. „Sonst würden wir alle ewig leben. Es gäb keine Krankheiten. Oder es gäbe keine Tiere, die andere Tiere fräßen.“

Falls es ein Paradies wäre, würde Evan nicht an dem Gift verenden, das sie nutzten, um sich von der Unterdrückung des Ministeriums zu befreien, während Alecto nichts anderes tun konnte, als ihm Trost zu spenden.

„Das sind die üblichen Einwände, meine Blume. Die Frage drängt stets sich auf: Warum gibt es trotzdem Böses auf der Welt?“
„Und? Warum ist das so?“, fragte sie und ließ den Kopf an seine Schulter sinken.
„Mutter Natur strebt immer nach einem Ausgleich. Wolken bringen Regen und der strahlende Sonnenschein schafft Wolken. Ein Kreislauf. Nicht immer schön, doch notwendig.“


„Evan Rosier teilt Ihren Glauben. Kennen Sie ihn?“, fragte Alecto und fuhr mit dem Handrücken über ihre Wangen. Ihren Ritter leiden zu sehen, selbst wenn es bloß eine Erinnerung war, schmerzte und trieb ihr unweigerlich die Tränen in die Augen.
„Natürlich. Erst kürzlich habe ich mit ihm gesprochen. Im ‚Tropfenden Kessel‘. Er erfreut sich bester Gesundheit, mein Kind. Kein Grund zur Sorge.“
„Evan ... geht es gut?“, hakte Alecto hastig nach.
„Soll ich ihm ein paar Worte von dir ausrichten? Er würde es sicherlich begrüßen, von einer guten Freundin zu hören.“

Snyde hielt immer noch ihre Hand. Kein Käfig, eher ein Seil, das ihr half, nicht davon zu treiben.
„K-Können Sie ihm bitte ausrichten, dass Sie ein Mädchen getroffen haben, das ihren Ritter schrecklich vermisst?“

Ihr leises Schniefen schien für Synde Anlass genug zu sein, Alecto in die Arme zu schließen. Die Krempe ihres Spitzhutes bog sich gegen Alectos Nase und ihre Wange klebte halb am Busen dieser fremden Frau. Nähe, Wärme und Zuneigung. Hände, die ihr tröstend über den Rücken glitten.
„Natürlich, mein Schatz“, versicherte Snyde ihr. „Aber ich bin mir fast sicher, dass das Schicksal und dein Ritter einen freundlichen Schubs in die rechte Richtung gebrauchen können. Wenn du mir deinen Namen verrätst, wird er schneller zu dir finden. Niemand wird sonst davon erfahren. Bloß Evan.“
„Alecto.“
„Alekto“, wiederholte Snyde voller Begeisterung. „Ein Kind Gaias. Ein hervorragendes Omen! Komm, mein Schatz, trink was mit mir. Iss was. Lass mich deinen Kummer vertreiben.“

Sachte nickend ließ Alecto zu, dass Snyde sie an der Hand nahm und durch die Nokturngasse führte. Bei näherem Hinsehen erkannte sie auch endlich die Symbolik der Brosche an Snydes Brust. Zwei Schalen die eine Kugel bargen. Die Mutter Gaia, die die Erde und das Leben schuf.

„Ich habe kein Gold bei mir“, sagte Alecto nach einer Weile betreten. „Ich kann euch nichts spenden.“
„Niemand spricht von Gold, mein Kind.“
„Eigentlich muss ich zu Charlotta ... ich-“

Nicht Snyde unterbrach sie, sondern eine Ansammlung von Personen, denen sie sich näherten, als sie aus der Gasse traten. Selbst von der Winkelgasse her strömten sie herbei. Um irgendetwas drängten sie sich. Alecto reckte den Kopf und stellte sich auf die Zehenspitzen. Vergeblich. Die Traube wurde zusehends größer.
Sie sah hinauf, suchte Snydes Blick und meinte, etwas Giftiges aus ihrem Gesicht verschwinden zu sehen.
„Was ist das?“, fragte Alecto.
„Wir decken den Tisch für Gaias Kinder. Mit bescheidenen Mitteln.“

Jemand vor ihnen drehte den Kopf. Ein schmutzig, rötliches Gesicht mit glasigen, eingesunkenen Augen. Als er Snyde erblickte, klopfte er sich den Dreck von der Robe. Dann trat er beiseite. Genauso wie der nächste im braunen Umhang. Oder das kleine Mädchen, das einen Kniesel an die Brust gepresst hielt.
„Das sind ziemlich viele Menschen“, bemerkte Alecto und spürte den Pelz auf der Zunge, den diese Erkenntnis mit sich brachte.
„Wie üblich.“
„Wie könnt ihr das bezahlen?“
„Elyan Rosier hat ein großes Herz, aber es gibt auch noch andere Gönner. Fenrir Greyback-“
„Fenrir?“, unterbrach Alecto sie harsch. „Der Geizhals? Niemals!“
„Du ... kennst ihn also?“
„Ja“, erwiderte sie zögerlich. Sie widerstand dem Drang, sich zurückzuziehen. Rückwärts. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, etwas sehr Dummes gesagt zu haben. Snyde unterband das. Inmitten der Leute packte sie sie bei den Schultern und besah sie durchdringend.
„Bist du eins seiner bedauernswerten Geschöpfe?“
„Nein?“, antwortete Alecto gedehnt. „Ganz im Gegenteil.“
Zunächst erweckte Snyde den Eindruck, etwas Bissiges erwidern zu wollen. Doch dann wischte ein Lächeln den rauen Widerwillen aus ihrer Mimik.
„Mach dir keine Gedanken. Bei uns ist jeder erwünscht. Komm. Ich möchte dir jemanden vorstellen.“

Mit einem überzeugten Kopfnicken führte Snyde sie durch die Massen und Alecto beeilte sich, Schritt zu halten. Ein Labyrinth aus Leibern. Die Geräusche um sie schwollen weiter an, je näher sie dem Ende der Wartenden kamen. Wie an einer Perlenkette aufgereiht standen Frauen an einem einfachen hölzernen Tisch. Kessel dampften. Schalen wurden gereicht und dankbar entgegengenommen. Manche der Frauen lachten freudlos. Andere gaben Getränke mit tröstenden Worten davon.
Alecto schaute die Reihe der Helfer entlang und entdeckte eine Gestalt, deren Anblick ihr einen Schlag versetzte.

„Nein! Lass mich los!“, schrie Alecto auf. „Nur über meine Leiche!“
Den Zauberstab inmitten all dieser Menschen zu zücken, erwies sich als schwierig. Schlagartig wurden ihre Handflächen feucht. Ihr Herz polterte los. Snydes Hand war nun nicht mehr Seil, sondern eine Falle, die schmerzhaft zuschnappte.
„Hab keine Angst, mein Kind. Hier ist niemand, der dir schadet!“
Fragend sah auch sie zu dem Mann hinüber. Der stierte ihnen entgegen, mit seinen wässrigen Augen. Ein dreckiges Blond stand in lichten Büscheln von seinem Kopf ab. Damals war er noch pummeliger gewesen. Der Krieg hatte auch für ihn Entbehrung bedeutet.
„Er ist ein Spion der Opposition!“, fauchte Alecto und richtete den Zauberstab auf ihn.
„Ihr kennt euch?“
„Ja“, antwortete  Peter und sein Blick heftete sich wieder auf den Kessel, der vor ihm stand. „Wir kennen uns.“

Der gierige Ausdruck Fenrirs kam ihr wieder in den Sinn und ihre Mimik kopierte ihn wie einen Wachsabdruck. Der Todesfluch, der ihr auf den Lippen lag, würde alle Umstehenden in Panik versetzen.
„Mitkommen“, wies Alecto ihn an und deutete mit ihrer Zauberstabspitze in die nächste angrenzende Gasse. „Ohne Mätzchen. Sonst leg ich dich auf der Stelle um, du dreckiger Blutsverräter.“









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Hey zusammen <3!
Die Erinnerung bezieht sich auf das Kapitel 22 der Stimmen . Mit diesem Ende entlasse ich euch ins Wochenende! Das nächste (vermutlich auch 2 ... mal sehen) Kapitel wird wieder bei "Mehr Glück im nächsten Leben" erscheinen.
Vielen, vielen herzlichen Dank für die wahnsinnig lieben Reviews die hier die letzte Woche verfasst wurden. Ihr seid meine Mundwinkelheber, Mutmacher und Motivationspusher!  

Liebe Grüße

Eure Marginalie
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