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Sharp Fangs / Ashen Masks

von Ari Fey
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Übernatürlich / P18 / MaleSlash
Goro Akechi Protagonist
11.06.2022
19.11.2022
16
78.959
4
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
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11.06.2022 6.545
 
Goros Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich tiefer in den Schatten der kalten Betonwand presste. Durch den Stoff seines Mantels kroch die Kälte der November-Nachtluft, eisig küsste sie seine Nasenspitze.

Mit einer Hand tastete er nach dem Revolver in der Halterung an seinem Gürtel, gefüllt mit reinen Silberkugeln. Die einzige Möglichkeit, die Hungernden zu verletzen; und seine einzige Chance, sollte das hier schief gehen.

Allein auf eine Mission zu gehen, eine Mission die er sich selbst auferlegt hatte noch dazu, war nicht die klügste Entscheidung; Goro wusste, dass jemand, der ihm den Rücken frei halten würde, immer eine bessere Option war als sich selbst in Gefahr zu begeben. Doch der anonyme Hinweis, dass ein Hungernder auf diesem gottverlassenen Fabrik-Gelände gesichtet worden war, hatte ihn erst vor weniger als zwanzig Minuten erreicht.

Genug Zeit, um Verstärkung anzufordern — hätte sein Smartphone nicht wenige Sekunden später den Geist aufgegeben. Was soll’s. Goro war gut genug ausgebildet, um allein klar zu kommen.

Hoffentlich.

Ein Hungernder wäre kein Problem. Zwei, drei von ihnen wären eine Herausforderung. Vier wären ernst zu nehmen, aber Goro vertraute auf seine Fähigkeiten. Allerdings… waren die Hungernden noch nicht lang genug ein Problem, um ihre Fähigkeiten richtig einschätzen zu können. Vor weniger als einem Jahr waren sie das erste Mal aufgetaucht. In Blutrausch verfallene Vampire, die jeglichen Rest Menschlichkeit verloren hatten, den sie nach ihrer Verwandlung noch besessen hatten.

Blutrünstige Monster, ohne Sinn und Verstand. Sie waren weniger Mensch oder Vampir, als deformierte Wesen mit langen, schwarzen Krallen und Fangzähnen die so groß waren, dass sie sich ihre eigenen Münder wund bissen. Doch ihre Augen waren das, was sie verriet — tiefschwarze, seelenlose Löcher inmitten eines reinweißen Schädels, mit Haut so dünn und durchsichtig wie Seidenpapier. Goro hatte die Überreste von einigen von ihnen gesehen; doch die Opfer sahen meist schlimmer aus, mit tiefen Löchern in ihrem Hals oder Schultern. Blutleer und blass.

Goro atmete tief ein. Aus. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Geräusche; bis auf das Knacken und Ächzen der verrosteten Stahlrohre und das weiße Rauschen aus der entfernten Stadt, hörte er nichts Verdächtiges. Ungeduldig tippte er mit behandschuhten Fingerspitzen gegen den Haft des Silberdolchs, den er zusätzlich zum Revolver bei sich trug.

Vielleicht war der Hinweis falsch? Aber wieso… sollte ihn jemand hier her schicken? Irgendetwas musste hier sein. Goro vertraute seinem Instinkt; er lag selten falsch. Aber —

Leises Grollen erklang von Links, aus einem der leerstehenden Lager. Das Geräusch war kurz und leise, aber dann erklang es erneut. Lauter, schmerzverzerrter. Die Stimme wandelte sich von jaulendem Ächzen zu schmerzvollem Schreien, durchzogen von Wortfetzen und Silben, die Goro nur schwer entziffern konnte.

Es klang wie … flehen.

N-nicht… bitte… ah!

Aber…  wie konnte das sein? Wusste der Vampir, was mit ihm passieren würde? Waren… alle Vampire luzid, kurz bevor der Blutrausch ihre Sinne raubte? Goro kniff die Augen zusammen, um besser durch die Dunkelheit sehen zu können. Wenige, flackernde Glühbirnen erhellten das sonst in Schatten getauchte Gelände. Goro war durch seine menschlichen Augen ohnehin im Nachteil; Vampire hatten exzellente Sicht, selbst in der Dunkelheit.

Er musste vorsichtig sein. Sein Gegner hatte, abgesehen von messerscharfen Krallen und Zähnen, einen Vorteil, der nicht zu unterschätzen war.

Langsam, vorsichtig genug um kein einziges Geräusch zu machen, näherte sich Goro der Ecke des Gebäudes, hinter dem er sich versteckt hielt. Er wagte einen kurzen Blick in die Gasse, die zu einem der Lager führte, aus dem die Schreie zu kommen schienen.

Die Schreie hatten aufgehört, stellte Goro fest. Abrupt. Als wäre mit einem Schlag alles vorbei gewesen. Zurück blieb allerdings ein unheilvolles Grollen, und…  oh. Verdammt. Es war mehr als eine fremde Stimme zu hören.

Jammern vermischte sich mit gedämpften Schreien und leisem Wimmern; Goro hörte mindestens drei verschiedene Stimmen heraus. Zwei Männliche, eine Weibliche, kreischende Stimme, die kurz aufschrie und sofort danach zu leisem Knurren verstummte.

Was  zur Hölle ging hier vor sich?

Goro schluckte einen Fluch herunter und holte sein Smartphone aus der Tasche. Der Akku war immer noch leer; es ließ sich nicht einschalten. Keine Hilfe. Er war auf sich allein gestellt. Goro ließ das Smartphone zurück in seine Tasche gleiten und blinzelte erneut in die Gasse. Zwei lange Schatten erhoben sich aus dem Eingang des Lagers und bewegten sich, wenn auch langsam, unbeholfen.  

Fuck. Goro erhaschte noch einen Blick und erkannte die langen, deformierten Klauen in den Schatten.

Bevor die Hungernden ihn sehen konnten, presste er seinen Rücken zurück flach an die Wand. Er hatte zwei Möglichkeiten; entweder er würde sofort verschwinden und hoffen, dass die Hungernden die Stadt nicht erreichten, bevor er es tat, oder… bleiben. Und sie von ihrem Schicksal befreien. Vielleicht würde er Beweise finden, wenn er die Hungernden ausschaltete. Hinweise, die darauf schließen konnten, wieso die Verwandelten plötzlich in Blutrausch verfielen.

Wenn es nur drei von ihnen waren, könnte Goro einen nach dem anderen erledigen, wenn er es clever anstellte. Alles, was er tun musste, war sie voneinander zu trennen. Oder… schneller zu sein, als sie. Obwohl er ein Mensch war, besaß er außergewöhnliche Reflexe, und —

Das Grollen wurde lauter. Goro sah einen langen, schwarzen Schatten in der erleuchteten Gasse neben sich. Fuck. Der Hungernde musste kaum zehn Schritte von ihm entfernt sein.

Goro zückte seinen Revolver und entsicherte ihn mit einem leisen Klick; im gleichen Moment tauchte der Hungernde aus dem Schatten hervor und… sah Goro direkt in die Augen.

Goro zuckte zusammen, als der Hungernde seine langen, spitzen Zähne fletschte. Obwohl das einst menschliche Gesicht noch zu erkennen war, war der Rest von ihm kaum mehr als Mensch zu bezeichnen. Die Gestalt war mindestens einen Kopf größer als Goro, die Kleidung war an einigen Stellen gerissen, als seine Knochen plötzlich gewachsen waren. Um seine tiefschwarzen Augen herum bahnten sich violett und blau schimmernde Adern über seine Wangen und Schläfen.

Die Gestalt knurrte laut auf, als er Goro sah. Er drehte sich kurz zurück in die Gasse und gab ein animalisches Geräusch von sich, dann wandte er sich wieder Goro zu. Ehe er sich versah, streckte er eine Kralle nach ihm aus und leckte sich über die Zähne.

Goro drückte den Abzug.

Der Hungernde stolperte zurück, seine Augen weiteten sich, als er die Schusswunde in seiner rechten Schulter betrachtete. Doch er erholte sich schnell. Er presste eine Klaue auf die Wunde, aus der eine schwarze, ölige Flüssigkeit tropfte und zischte, als sie den Boden traf.

Goro stolperte zurück in die Schatten. Vergebens, denn der Hungernde konnte ihn trotz der Dunkelheit sehen. Hinter ihm tauchten die anderen beiden auf — zwei ebenso große, Furcht einflößende Gestalten, die ein leises Knurren von sich gaben, als sie Goro entdeckten.

Der erste Hungernde hatte sich inzwischen wieder erholt. Obwohl die Wunde sickerte und nicht heilte, stolperte er auf Goro zu.

Goro drückte den Abzug erneut. Dieses Mal traf er den Hungernden in den Kopf, und er sank zu Boden. Der weibliche Hungernde hinter ihm stolperte über seinen Körper, als er flach auf den Boden fiel. Doch der Dritte —

Verdammt. Wo war der Dritte?

Goro blinzelte, als er aus dem Augenwinkel sah, wie etwas Schwarzes nach ihm greifen wollte.

Er wich aus, doch die Kralle verletzte ihn am Arm, schnitt durch den Stoff seines Mantels und hinterließ drei schmerzende Schnitte.

Blut… Er blutete. Goro riss den Arm zurück, machte auf dem Absatz kehrt und rannte durch die Gasse. Blut war ganz und gar nicht gut. Die Hungernden mussten ihn riechen können; besser, als ohnehin. In der Nähe eines in Blutrausch verfallenen Hungernden zu bluten, glich mit einer offenen Wunde in einem Hai-verseuchten Gewässer zu schwimmen.

Goro bog links ab, dann rechts. Er hörte das Knirschen der Schritte der beiden Hungernden hinter sich. Sie waren ihm dicht auf den Fersen. Er musste sie irgendwie abhängen. Er konnte sie nicht zurück in die Stadt locken; und er würde sich ganz sicher nicht von zwei untoten Monstern töten lassen.

Stattdessen rannte er, bis seine Lungen brannten. Sein Arm schmerzte. Und dann… stand er vor einer Sackgasse. Vor ihm blockierte eine Wand seinen Weg, hinter ihm waren die Hungernden.

Goro sprang nach oben, kletterte auf eine der herunter hängenden Leitern und hievte sich auf das Dach des Gebäudes, dann rannte er weiter. Das Dach war flach und führte über andere, anliegende Gebäude und leer stehende Hallen, wie die, aus der die Hungernden gekrochen waren.

Die freie Fläche brachte ihn in einen weiteren Nachteil. Er musste so schnell wie möglich einen von ihnen abhängen. Es gegen beide auf einmal aufzunehmen wäre waghalsig; selbst für ihn. Nicht mit einer Verletzung am Arm, nicht, wenn sein Blut die Hungernden noch mehr anstacheln würde.

Goro hörte das Knurren und Scharren der Hungernden hinter ihm. Er rannte auf ein Gebäude zu, dass sich vor ihm auftürmte; ein großer Schornstein, der einen langen Schatten warf. Goro sah eine Leiter an einer der Seiten, die auf ein höher gelegenes Dach führte. Er musste weiter —

Etwas packte ihn am Arm.

Es kam aus dem Schatten; wie aus dem Nichts. Als hätte Nebel plötzlich eine feste Form angenommen. Eine Hand griff nach ihm und zog ihn in den schwarzen Schatten vor dem Schornstein.

Eine starke Hand windete sich um seine Taille wie eine Schlange und presste ihn an einen warmen… Körper?

Goro riss die Augen auf und wollte protestieren, als die Hand auf seinem Arm sich auf seinen Mund legte und jeden Protest erstickte.

“Schh, Detective,” raunte eine raue, tiefe Stimme, nah an seinem Ohr. “Halt still und dir passiert nichts.”

Goro fühlte eine Reihe von Knöpfen, die sich in seine Wirbelsäule bohrten, so nah presste ihn der Fremde an sich. Aber… Oh, nein. Goro kannte diese Stimme.

Ein kurzer Blick nach unten verriet seine Vermutung. Purpurrote Handschuhe, schwarzer Mantel. Und diese Stimme.

Joker.

Was machte er hier? Wieso war er an diesem Ort —?

Joker zog ihn tiefer in die Schatten, bis Goros Sicht an den Rändern verschwamm. Aus den Augenwinkeln sah er die Hungernden, die ihm gefolgt waren. Sie reckten ihre Nasen in die Luft und schienen dem Duft seines Bluts folgen zu wollen. Verwirrt sahen sie umher, doch… sie schienen weder ihn, noch Joker sehen zu können.

Was… passierte hier?!

Goro spielte mit der Idee, in Jokers Hand zu beißen, als einer der Hungernden direkt in seine Richtung sah. Seine schwarzen Augen glänzten hungrig auf. Langsam trottete er in ihre Richtung. Joker rührte sich nicht, ebenso wenig wie Goro. Er hielt den Atem an.

Der Hungernde kam näher, bis er nur wenige Schritte von Goro entfernt war. Joker drückte ihn enger an sich. Goro sah das Flattern seiner Nasenfügel, als der Hungernde noch näher kam, dem Geruch seines Bluts folgte.

Goro kniff die Augen zusammen. So lange, bis der weibliche Hungernde knurrte. Goro öffnete die Augen und sah, wie sie ihrem Partner erneut entgegen knurrte. Ein Geräusch, was mehr nach einem Tier als nach einem Menschen klang.

Der Hungernde wandte sich ab und folgte ihr. Sie kletterten das Dach herunter, und erst, als Goro sie weder sehen, noch hören konnte, atmete er langsam aus.

Und Joker… hielt ihn immer noch fest.

Als Joker keinerlei Anstalten machte, ihn los zu lassen, biss Goro harsch in Jokers Finger und hoffte, dass selbst durch das Leder seiner Handschuhe eine Wunde zurückbleiben würde. Joker hisste leise auf, ein Geräusch dass einen ungewollten, warmen Schauer über Goros Nacken jagte, dann ließ er locker.

Es verging keine Sekunde, bis Goro seinen Silberdolch zückte, sich einmal um die eigene Achse drehte, und Joker gegen die Mauer des Schornsteins presste, mit der Klinge nur wenige Millimeter von Jokers Hals entfernt.

Joker hob beide Hände. Ein schiefes Grinsen umspielte seine Lippen; seine spitzen Fangzähne blitzten auf. Abgesehen von dichtem, schwarzem Haar, dass ihm in wilden Locken ins Gesicht fiel, erkannte Goro nicht viel von seinem Gesicht. Er trug eine schwarz weiße Maske, wie immer.

“Detective,” sagte Joker, “ich habe dir gerade das Leben gerettet. Wie wäre es, wenn du den Dolch von meiner Kehle nimmst?”

Goro kniff die Augen zusammen. “Vergiss es, Abschaum,” zischte er kalt. Er hatte weder Interesse, noch Nerven für Jokers unsinniges Flirten. “Wieso bist du hier, Joker?”

“Mhm, direkt zur Sache, wie immer,” antwortete Joker mit einem leisen Seufzen. “Ich war in der Nähe. Ich wollte ein Auge auf meinen Lieblings-Detective haben, schließlich…” er leckte sich über die Lippe, “bringst du dich gerne unnötig in Gefahr. Was hast du dir dabei gedacht, allein hier her zu kommen?”

“Das geht dich nichts an. Halt den Mund.” Goro presste sich näher an ihn, und Joker ließ ihn, ein selbstgefälliges Grinsen auf den Lippen. “Ich frage dich noch einmal, und dann schlitze ich deine Kehle mit diesem Dolch durch. Was hast du hier zu suchen? Wieso bist du hier, mitten in der Nacht, auf einem gottverlassenen Gelände, auf dem drei Hungernde umherlaufen?”

Goro sah auf, sah direkt in Jokers Augen. Obwohl sie beinahe gleich groß waren, überragte Joker ihn um wenige Centimeter. Er hielt Goros Blick stand; grau-glänzende Augen, die nichts verrieten. Joker ließ seine Augen über Goros Gesicht wandern, dann ließ er den Blick fallen; er sah auf Goros verletzten Arm, mit dem er den Dolch festhielt. Obwohl Joker ein Vampir war, ließ er es sich nicht anmerken, ob der Anblick oder Geruch von Blut irgendeine Auswirkung auf ihn hatte.

“Du bist verletzt, Detective —”

“Nenn mich nicht so,” zischte Goro.

Jokers Grinsen wurde breiter. “Wäre dir ‘Prinz’ lieber, hm?”

Goro funkelte ihn an und rümpfte die Nase. Er hasste den Spitznamen, den die Medien ihm gegeben haben. “Sag mir, wieso du hier bist.”

“Fein,” Joker schürzte die Lippen für einen Moment, als würde er schmollen. “Ich bin dir gefolgt. Ich habe nichts mit den Hungernden zutun, aber ich wusste, dass heute Nacht einige von ihnen hier sein werden. Ich wusste nur nicht, dass sie sich hier verwandeln würden.”

“Was soll das bedeuten?”

“Du bist nicht der einzige, mit Zugang zu geheimen Informationen, Detective,” erwiderte Joker selbstgefällig. “Ich folge den Hungernden ebenfalls. Ich hätte nur nicht gedacht, dass du mich direkt zu ihnen führst, oder… dass ich dich vor ihnen retten müsste.”

“Halt den Mund!” Goro presste die Klinge zu nah an Jokers Kehle; das Silber brannte sich in seine makellose, weiße Haut und zischte leise auf, wie Wasser auf einem heißen Stein. Unwillkürlich wich Goro zurück. Joker rieb sich mit einer Hand über die Wunde. Weder Schmerz noch Wut spiegelte sich auf seinem maskierten Gesicht wieder; aber sein Grinsen war nicht mehr ganz so selbstgefällig.

“Du könntest wirklich dankbarer sein,” sagte er nonchalant, als hätte Goro ihn nicht gerade tatsächlich verletzt. Anstatt Goro anzugreifen, oder die Klinge aus seiner Hand zu schlagen, wirkte er beinahe… enttäuscht. Goro wich noch einen Schritt zurück. Joker… war nervtötend, arrogant, aber er… verletzte Goro nie, wenn sie sich mehr oder weniger zufällig über den Weg liefen.  Im Gegensatz zu Goro.

“Hör auf mir zu folgen,” sagte Goro kalt und brachte etwas Distanz zwischen sie. Doch bevor er auf dem Absatz kehrt machte, stoppte er und fragte, “Wieso konnten uns die Hungernden nicht sehen?”

“Ah,” Joker lächelte sanft. Goro ignorierte das Klopfen seines Herzens bei dem Anblick. “Diese Fähigkeit kennst du noch nicht, hm? Ich hatte noch keine Gelegenheit, sie einzusetzen, wenn wir uns begegnet sind.”

“Fähigkeit?”

“Ich verrate dir lieber nicht zu viel Detective. Besser, du findest es selbst heraus.” Er zwinkerte.  Zwinkerte. Goro rollte mit den Augen. Bevor er etwas erwidern konnte, kam Joker näher und legte seinen Zeigefinger unter Goros Kinn. Goro hob seinen Blick und zwang seinen Atem, ruhig zu bleiben, als Jokers unergründliche Augen ihn musterten. “Nach allem, was wäre ich für meinen Rivalen, wenn er bereits alles über mich wüsste?”

Goros Blick fiel auf Jokers spitze Eckzähne. Er schluckte, doch bevor er Jokers Arm wegschlagen konnte, ließ Joker locker und griff stattdessen nach Goros Handgelenk. “Du solltest von hier verschwinden, bevor die Hungernden zurückkommen. Dein Blut…” er schweifte ab, sein Blick war auf Goros Wunden gerichtet.

Goro musterte ihn skeptisch. “Was ist damit?”

Jokers Blick schnellte zu ihm. “Es riecht… anders. Aber vielleicht…” er zuckte mit den Schultern, “geht das auch nur mir so. Aber besser wäre es, kein Risiko einzugehen.”

Goro riss seinen Arm aus Jokers Griff und verzog das Gesicht, als ein stechender Schmerz bis in seine Schulter fuhr. “Die Hungernden. Wo sind sie?”

“Ich weiß es nicht,” erwiderte Joker und sah über Goros Schulter auf das Gelände. “Ich denke nicht, dass sie auf dem Weg in die Stadt sind. Vielleicht sind sie noch hier…”

“Wenn sie noch hier sind, müssen wir sie aufhalten,” sagte Goro, bevor er realisierte, was seine Worte bedeuteten.  Wir. Goro zuckte unwillkürlich zusammen. Wieso sollte er mit Joker —?

Jokers Gesicht hellte sich augenblicklich auf. “Detective —”

Ein Plan formte sich in Goros Kopf. Sein Blut… Er könnte es als Lockmittel einsetzen. Goro öffnete die Knöpfe seines Mantels und zog den karierten Wollschal von seinen Schultern, dann zog er den Mantel aus und ließ beides auf den Boden fallen. Gänsehaut breitete sich augenblicklich auf seiner Haut aus. Die Nachtluft schnitt eisig durch den dünnen Stoff seines Hemds.

Joker runzelte die Stirn. “Was hast du vor?”

Goro beachtete ihn nicht, als er den Schaden an seinem Arm betrachtete. Der rechte Ärmel seines weißen Hemds war, wie sein Mantel, am Oberarm in drei Fetzen gerissen, wo die Klauen des Hungernden ihn getroffen hatten. Die Blutung hatte gestoppt, doch der Stoff war an den Rändern rot gefärbt. Die Wunde pochte unangenehm. Sie war nicht tief genug um genäht werden zu müssen; aber es würde eine Weile dauern, bis es ganz verheilen würde.

Goro riss den Stoff von seinem Arm. “Mein Blut. Wir nutzen es als Lockmittel,” erklärte er, bevor er den Stoff in weitere Fetzen riss. “Wir locken sie in eine der Hallen, dann töten wir sie. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie die Stadt erreichen.”

Goro wollte nach dem Mantel greifen, als Joker eine Hand auf seine Schulter legte. Goro zuckte unwillkürklich zusammen. Jokers Hand war… warm, obwohl er ein Vampir war. Selbst durch das Leder seiner Handschuhe fühlte er es. Goro riss sich los.

“Warte,” Joker hielt ihm einen Verband hin. “Hier.”

Verwirrt sah Goro auf und nahm den Verband aus Jokers Hand. “Wo hast du das her?”

Joker zuckte mit den Schultern und deutete auf die Taschen an seinem langen, schwarzen Mantel.

Goro rollte den Verband halbherzig um seinen rechten Oberarm. Seine dominante Seite war Links; die Verletzung stellte also keine allzu große Einschränkung dar. Joker beobachtete ihn für eine Weile, dann nahm er sanft den Verband aus Goros linker Hand.

“Du bindest es zu locker,” sagte er, bevor er den Verband löste und neu ansetzte. Goro beobachtete mit angehaltenem Atem, wie flink Joker den Verband um seinen Arm wickelte. Als hätte er es schon öfter gemacht. Seine Hände…

“Fertig,” murmelte Joker und ließ von Goro ab. Goro fühlte, wie Hitze in seine Wangen stieg, als er ein leises ‘Danke’ erwiderte und den Mantel und Schal wieder überzog. Dann griff er nach den blutbefleckten Stofffetzen und blickte vom Dach auf das Fabrik-Gelände.

Das leise Knurren der Hungernden hallte zwischen den alten Beton-und Stahlbauten wieder. Gut. Sie waren also noch hier.

“Wir sollten keine Zeit verschwenden,” sagte Goro und sah über die Schulter zu Joker. “Komm mit mir. Ich habe eine Idee.”


*


Das Gelände glich einem kleinen Labyrinth. Es war groß genug um mehr als genug Verstecke zu finden oder sich zu verlaufen, wenn man den Überblick verlor. Goro hoffte, dass die Hungernden ihren Orientierungssinn verloren hatten; wenn allein der Geruch von seinem Blut sie antreiben würde, würde sein Plan funktionieren.

Er platzierte die blutbefleckten Stoffetzen an zwei Abzweigungen, in der Mitte des Geländes, welche die Hungernden zu den Lagerhäusern führen würden, aus dem sie ursprünglich gekommen waren.

“Das wird nicht reichen, um sie zu uns zu locken,” sagte Joker, als Goro den dritten Fetzen an einem der Metallpfosten befestigte. “Wir brauchen mehr…”

Goro verzog das Gesicht. “Wenn es sein muss,” murmelte er, dann zückte er seinen Dolch. Er zog einen dunkelbraunen Handschuh aus, setzte die Klinge in der Mitte seiner bloßen Handfläche an und schnitt, bis kleine, rote Tropfen hervorquollen. Goro biss sich auf die Zunge um den Schmerz zu ertragen. Er ließ einige der Tropfen auf den Boden fallen, als er Joker zu einem der leeren Lagerhäuser folgte.

Der Eingang und das Lager waren in dunkle Schatten getaucht. Die Tür stand weit offen; dahinter befanden sich lediglich ein paar verrottete Holzkisten und Stahlbarren. Es gab genug Fläche um zu kämpfen und auszuweichen, sollte es dazu kommen. Allerdings... konnte Goro durch die Dunkelheit nur schwache Umrisse erkennen. Er war im Nachteil, sollte es zum Nahkampf kommen.  

Goro versteckte sich direkt neben der Tür. Joker stand vor ihm und sah auf das Gelände. “Wir erledigen sie so schnell wie möglich. Keine Spielchen. Verstanden?”

Joker nickte, dann ließ er seinen Blick zu Goro wandern. Goro hielt seinem Blick stand, als er seinen Revolver zückte und entsicherte.

“Komm hier her,” sagte Joker und streckte eine Hand aus.

Goro starrte auf Jokers Hand.  Was? “Wieso?”

“Meine Fähigkeit,” erwiderte Joker, als wäre es selbstverständlich. “Wir können sie aus dem Verborgenen heraus angreifen.”

“Wir sind verborgen,” antwortete Goro und fühlte, wie sein Nacken warm wurde. Der Stoff seines Schals machte es nicht besser. Wieso reagierte er nur so—?

“Aber du siehst nichts, wenn du mit dem Rücken zu ihnen stehst. Außerdem ist es dunkel. Jedenfalls für dich...,” erwiderte Joker und trat durch die offene Tür in die Schatten vor dem Gelände. “Vertrau mir, Detective. Von hier aus erreichst du sie, bevor sie das Lager erreichen.”

Goros Blick wanderte zwischen Jokers ausgestreckter Hand und seinem selbstgefälligen Lächeln hin und her. Joker hatte Recht; Goro konnte sie nicht sehen, bevor sie durch die Tür kommen würden. Joker hingegen…

Aber was, wenn er log? Wenn es eine Falle war, und er —

“Ich kann sehen, wie du nachdenkst, Detective,” seufzte Joker und griff nach Goros Handgelenk, dann zog er ihn durch die Tür nach draußen. “Ich höre sie. Komm her und vertrau mir.” Seine Stimme klang rau, ungeduldig.

Goro ließ sich widerwillig von ihm nach draußen ziehen. Joker stellte sich hinter ihn und legte seinen Arm um Goros Taille, presste sich von hinten an ihn.

“Was —”

“Beruhig dich. Ich muss dir nah sein, damit es funktioniert. Sonst können sie dich sehen,” erklärte Joker, so nah an Goros Ohr, dass Goro erschauderte, als Jokers warmer Atem die empfindliche Haut an seinem Hals kitzelte. Jokers Arm fühlte sich an wie ein Brandeisen, als er den Griff um Goro verstärkte. “Das willst du doch nicht, oder?”

Goros Herz raste. Das war… zu nah. Er hasste Nähe; er ließ niemanden so nah an sich. Vor allem nicht jemanden wie Joker. Aber er hatte Recht; er konnte es nicht riskieren, entdeckt zu werden, und wenn es die einzige Möglichkeit war, von Jokers Fähigkeit verschleiert zu werden, dann…

Goro schüttelte sanft mit dem Kopf. Er vertraute seiner Stimme nicht. Am liebsten würde er seinen Ellenbogen in Jokers Rippen jagen, damit er ihn los ließ. Doch Joker ließ nicht locker. Er legte seine flache Hand an Goros Sternum und drückte ihn näher an sich.

“Gut, Detective,” Joker war so nah. Ein warmer, elektrisierender Schauer glitt über Goros überhitzten Nacken. Er wollte sich los reißen, aber… gleichzeitig wollte er —

Lautes Knurren riss Goro aus seinen Gedanken. Er hob seinen Arm mit dem Revolver und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Abzweigungen der Gasse vor ihm. Die Hungernden mussten ganz in der Nähe sein.

Goro legte den Finger um den Abzug. Das Knurren wurde lauter. Goro hörte schnelle Schritte, zwei Paar, dann sah er einen Schatten, der aus einer der Gassen kam. Dann einen Zweiten, direkt hinter dem ersten.

Die Gestalt des Hungernden taumelte aus der Gasse links von ihnen. Er riss den Stofffetzen von der Metallstange und hielt ihn an seine Nase, nahm einen tiefen Atemzug. Dann reckte er seine Nase in die Luft, wie ein Hund der Beute roch. Er blickte über seine Schulter und schnalzte ein paar Mal mit der Zunge, bis auch die zweite, weibliche Gestalt aus derselben Gasse erschien.

Er hielt ihr den Stofffetzen hin und auch sie roch daran, reckte anschließend die Nase in die Luft und sah sich suchend um.

“Worauf wartest du, Detective?”

Joker. Joker war noch immer hinter ihm; Goros Atem blieb ihm im Hals stecken, als Joker seine freie Hand ausstreckte und sie auf Goros legte, welche den Revolver hielt. Er half ihm, zu zielen und Goro unterdrückte das Bedürfnis, ihm mit der Ferse auf den Fuß zu treten. Für wie unfähig hielt Joker ihn eigentlich?

Goro riss seinen Arm los und zielte selbst auf den Hungernden, welcher im selben Moment direkt zu Goro sah. Goros Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er ihn entdeckt? Nein, unmöglich. Aber —

Goro drückte den Abzug, wie aus einem Reflex heraus. Seine Gedanken verstummten; er konzentrierte sich nur auf sein Ziel. Die Silberkugel flog geradewegs zwischen die Augen des Hungernden. Zu den tiefschwarzen Löchern seiner Augen gesellte sich ein Drittes, aus dem schwarze, ölige Flüssigkeit floss, als der Hungernde auf die Knie fiel, und dann, mit dem Gesicht zuerst auf den Boden.

Der letzte, weibliche Hungernde reagierte kaum auf den Tod ihres Partners. Stattdessen folgte sie dem Geräusch des Revolvers und dem Geruch von Goros Blut. Obwohl Goro einen Schalldämpfer nutzte, war das Gehör der Hungernden gut genug.

Sie richtete ihren Blick in seine generelle Richtung, preschte auf ihn zu, wie ein wild gewordenes Tier. Ihre Zähne gefletscht, riss sie die Augen auf, doch bevor Goro ein zweites Mal abdrücken konnte, flog etwas direkt auf sie zu und blieb in ihrem Hals stecken.

Sie gurgelte verzweifelt, ihre Klauen griffen nach ihrer Kehle.

Goro riss sich aus Jokers Armen und drehte sich zu ihm. “Was hast du—?”

Joker lächelte und hielt eine Reihe von schmalen, scharfen Wurfmessern zwischen seinen Fingern nach oben. Angeber. Goro wendete sich ab und trat aus den Schatten.

Die Hungernde sah ihn. Sie streckte eine Klaue nach ihm aus, mit der anderen stützte sie sich auf dem Boden ab. Joker verwendete kein Silber, weshalb sie nicht sofort gestorben war.

Goro blieb einige Schritte entfernt von ihr stehen. Wilde, knurrende Geräusche verließen ihre Kehle. Goro bezweifelte, dass er Informationen aus ihr bekommen würde; sie war eigentlich bereits tot. Kaum mehr, als eine Hülle, ein Schatten von dem, was sie einmal gewesen war.

Der Lauf seiner Pistole richtete sich wie von selbst auf ihre Stirn. Goro drückte ab.

Das Knurren und Gurgeln verstummte. Der Körper der Hungernden fiel flach auf den Boden.

Goro sah über die Schulter zu Joker. Oder… in die Richtung, aus der er gekommen war. Aber er konnte Joker nirgendwo entdecken. Die Schatten waren schwarz und dunkel; doch wenigstens Jokers schwarz-weiße Maske müsste zu sehen sein. Die purpurroten Handschuhe. Aber Goro sah nichts. War das… seine Fähigkeit? Er wurde eins mit den Schatten?

“J-Joker…?”

Eine Hand legte sich auf Goros Schulter. “Hinter dir, Detective,” raunte eine raue, tiefe Stimme.

Goro wirbelte um seine eigene Achse und verzog das Gesicht, als er den selbstgefälligen Ausdruck auf Jokers Gesicht sah. Joker nahm seine Hand von Goros Schulter und steckte beide Hände in die Taschen seines Mantels. “Also dann, gehen wir?”

Goro runzelte Stirn. Was für eine absurde Frage. “Ich kann nicht,” antwortete er und holsterte den Revolver. Er wendete sich ab und lief in Richtung des Lagerhaus, aus dem die Hungernden gekommen waren. “Ich habe noch etwas zu erledigen.”

Joker folgte ihm. Goro hörte das leise Knirschen seiner Schritte hinter ihm. “Hmmm, Detektiv-Arbeit? Beweise sichern, den Tatort nach Hinweisen durchsuchen?”

Anstatt einer Antwort, ignorierte Goro ihn und lief weiter. Er hatte weder Zeit, noch Nerven, um sich mit Joker auseinander zu setzen. Er war müde, erschöpft. Jetzt, wo die Gefahr der Hungernden vorbei war, konnte er es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, vielleicht ein warmes Bad zu nehmen. Aber er konnte nicht einfach so gehen; er hatte ein Protokoll zu befolgen.

Als Goro das Lagerhaus erreicht hatte, war Joker noch immer hinter ihm.

“Was willst du noch?” zischte Goro über seine Schulter. “Wir sind hier fertig.”

Joker schürzte die Lippen zu einem Schmollen. “Immer so kaltherzig, Detective. Du bist ganz anders, als im Fernsehen.”

Goro rollte mit den Augen. Die verfluchten Interviews zeigten ihn nicht von  dieser Seite. Dann wären die Einschaltquoten nicht so hoch. Bei Interviews zeigte Goro sich als charmant, beinahe naiv, aber mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit. Er hasste es. Anstatt ihm eine Antwort zu geben, ignorierte er Jokers Kommentar. Er hatte keinen Grund, Joker so zu behandeln, wie den Rest seines Umfelds. Alle, außer Joker, sahen in ihm das, was auch die Medien zeigten, aber Joker…

“Hey, Detective —” Goro sah, wie Joker erneut seine Hand ausstreckte, aber auf halber Strecke stoppte und seine Hand wieder an seine Seite fallen ließ. “Die Hungernden, sie… es werden immer mehr.” Der sonst so arrogante Ton in Jokers Stimme verschwand. Er klang… tatsächlich besorgt.

“Hervorragende Beobachtung, Joker,” erwiderte Goro sarkastisch, während er versuchte durch die Dunkelheit des Lagers etwas Auffälliges zu erkennen. Irgendwas. Er brauchte einen Hinweis. “Das wäre mir nie aufgefallen.”

Joker schnaubte ein leises Lachen. “Ich versuche, ernst zu sein.”

“Das ich nicht lache.”

“Seit einem Jahr gibt es immer mehr Angriffe. Die Hungernden, sie… sie sorgen dafür, dass die Menschen Angst vor uns bekommen,” seufzte Joker. Es stimmte. Obwohl Menschen und Vampire friedlich zusammengelebt haben, brachten die Hungernden eine neue Gefahr. “Immer weniger Menschen spenden Blut. Aber wir… brauchen es, zum Leben.”

Goro kniff die Augen zusammen. “Bist du auf der Suche nach Freiwilligen die deinen persönlichen Vorrat auffüllen? Ich glaube nicht, dass du hungerst.”

Joker schüttelte den Kopf. “Ich spreche nicht nur von mir. Obwohl…” er biss leckte sich über die spitzen Fangzähne. “Ich hätte nichts dagegen, wenn du mein Freiwilliger wärst.”

Goro griff nach seinem Dolch und umklammerte den Griff so fest, dass das Leder seiner Handschuhe knirschte.

Joker hob beide Hände. “Ein Scherz, komm runter, Detective,” sagte er, dann wurde er wieder ernst. “Ich würde dich nie…” er schüttelte den Kopf, bevor er den Satz beendete. “Wie dem auch sei. Die Hungernden sind ein Problem. Sowohl für Menschen, als auch für uns. Ich… will dir einen Deal anbieten, Detective.”

Goro hob skeptisch eine Augenbraue. “Ein Deal?”

Joker nickte.

Goro drehte sich ganz zu ihm, und verschränkte die Arme vor der Brust. Der Verband spannte sich gegen seinen Oberarm. “Warum sollte ich einen Deal mit dir eingehen, Joker? Du kannst froh sein, dass ich dich nicht auf der Stelle verhafte.”

“Was habe ich verbrochen, Detective? Dir das Leben zu retten?” Joker legte theatralisch eine Hand auf seine Brust. “Nein, ich will, dass wir zusammen arbeiten. Ich will erfahren, wieso die Verwandelten in Blutrausch verfallen. Sie müssen aufgehalten werden, bevor sie irreparablen Schaden anrichten.”

“Wieso solltest du mir helfen?”

“Wir helfen uns gegenseitig,” erwiderte Joker. Er kam einen Schritt näher und streckte eine Hand aus. “Ich weiß, dass wir auf verschiedenen Seiten stehen. Aber wir sind ein gutes Team.” Zu Goros wachsendem Horror, hatte er dabei Recht. Diese Nacht war überraschend gut gelaufen. Und Jokers Fähigkeit brachte ihm einen entscheidenden Vorteil.

Goro reckte das Kinn nach oben und musterte Joker skeptisch. “Was ist für dich dabei drin?”

“Wir haben dasselbe Ziel. Du weißt genauso gut wie ich, dass Vampire sich nicht einfach so in Monster verwandeln und in einen Blutrausch verfallen. Jemand muss dahinter stecken."

"Das reicht nicht, damit ich mich mit Abschaum wie dir abgebe," erwiderte Goro und zuckte beim harschen Ton seiner Stimme zusammen.

Joker musterte ihn, dann wendete er den Blick von Goro ab. Er biss sich auf die Lippe. “Vielleicht stelle ich mich, wenn wir fertig sind? Verrate dir, wer ich wirklich bin?”

Goro blinzelte. Damit… hatte er nicht gerechnet. Joker war ein Mysterium. Es kursierten Gerüchte und Mythen über ihn und sein Netzwerk aus dem Untergrund. Die einen bezeichneten ihn als selbstgerechten Henker, der Vampire bestrafte, die gegen die Regeln verstießen, die anderen betrachteten ihn als Held für den Frieden zwischen Vampiren und Menschen gleichermaßen. Das Zeichen seines Netzwerks, der  Phantoms befand sich oft an Tatorten, an denen Vampire Verbrechen begangen hatten. Joker war schneller, als die Polizei, für die Goro arbeitete. Er war gut. Schnell. Präzise. Goro hasste und bewunderte ihn dafür.

Und… er war ein gesuchter, krimineller Vampir. Für all sein Rechtschaffen, handelte er allein, als Kopf des Netzwerks. Aber niemand wusste, wer er war. Und Goro… Wenn sie die Ursache für den Blutrausch herausfinden würden, und Joker sich stellte… Goros Beliebtheit würde exponentiell wachsen. Er wäre ein Held; jemand der nicht nur Jokers selbsternannter Gerechtigkeit ein Ende machen würde, sondern auch einen neuen, potenziellen Krieg zwischen Vampiren und Menschen verhindern würde.

“Einverstanden.” Goro griff nach Jokers Hand.

“Aber…” Jokers Augen glänzten. “Was bekomme ich?”

Goro hob fragend eine Augenbraue.

Joker zog an Goros Hand, zog ihn näher zu sich, bis kaum ein Blatt Papier mehr zwischen sie passte. “Wenn wir den Verantwortlichen haben, dann… bekommst du  mich, Detective. Aber was ist für mich drin?” Jokers Augen glänzten stürmisch, voller Schalk.

Goros Kehle fühlte sich plötzlich sehr trocken an. Musste er es so formulieren? War das alles nur ein Spiel für ihn—?

“Du hast den Deal vorgeschlagen,” erwiderte Goro und musterte Jokers maskiertes Gesicht. “Es ist etwas spät, um Forderungen zu stellen, hm?”

“Eiskalt, wie immer,” murmelte Joker mit einem schiefen Lächeln. “Aber du bekommst so viel. Es ist nur fair, wenn du auch etwas aufgeben musst. Schließlich würde ich dir zur Verfügung stehen. Mein Netzwerk, meine Fähigkeiten… Du brauchst mich.”

“Ich —” Goro wollte widersprechen.

“Und ich gebe dir das alles. Die Hungernden… das ist größer, als wir beide.” Joker hob seine freie Hand und begann, mit den Spitzen von Goros honigbraunem Haar zu spielen. Goro ignorierte die Hitze, die in seine Wangen stieg und schob es auf die kalte Winterluft. “Aber wenn ich mich anschließend stelle, und alles vorbei ist… es ist nur fair, wenn ich auch etwas bekomme, oder nicht?”

“Was schwebt dir vor?”

“Hmm,” Joker machte eine Show daraus, darüber nachzudenken, obwohl es seine Idee gewesen war. “Ich frage mich, wie viel du bereit wärst zu geben,” er musterte Goro nachdenklich. “Ich gebe dir meine gesamte Existenz, all meine Geheimnisse. Würdest du dasselbe tun?”

Goro rollte mit den Augen. “Ich trage keine Maske.”

“Ich widerspreche dir nur zu gern, Detective,” erwiderte Joker mit einem Lächeln, dass seine spitzen Eckzähne zeigte. Er lehnte sich nach vorn, bis seine Lippen beinahe Goros Wange berührten, als er sagte, “Ich will nichts, was du mir nicht freiwillig geben würdest.”

Hitze schoss in Goros Wangen, seinen Nacken. Sein Puls raste. Was —? Woran dachte er? Unwillkürlich wanderten Goros Gedanken in eine vollkommen absurde, unwillkommene Richtung. Jokers Zähne an seinem Hals. Jokers Lippen an seinen Schlüsselbeinen. Joker zwischen seinen —

“Woran denkst du, Detective?”

Goros Blick schnellte auf. Er schüttelte den Kopf und vertrieb den Nebel aus seinem Kopf, die Gedanken an Joker.

Joker lehnte sich zurück und sah auf ihn herab, seine Fingerspitzen wickelten sich um eine von Goros Strähnen in seinem Nacken. Und… Jokers selbstgefälligem Lächeln nach zu urteilen, hatte Goros Gesicht verraten, woran er gedacht hatte. Verdammt.

Goro legte beide Hände an Jokers Brust und stieß ihn von sich, bis er einige Schritte zurück stolperte.

“Fein,” sagte Goro, ohne Joker anzusehen. “Was auch immer du willst. Du kriegst es. Aber erst, wenn der Verantwortliche für all das geschnappt und verurteilt wurde.”

Jokers Lächeln würde noch breiter. Für jemanden, der gerade zugestimmt hatte, sich selbst der Polizei zu stellen, sah er noch immer viel zu selbstsicher aus. Andererseits… hatte Goro zugestimmt, mit seinem Rivalen, seinem Feind zusammen zu arbeiten. Was… Was tat er da eigentlich? Aber Joker hatte Recht. Die Hungernden waren eine Gefahr für die gesamte Stadt.

“Wie wäre es mit einem Kuss, um den Deal zu —”

“Halt den Mund, Joker, oder ich schneide dir die Zunge raus.” Goro funkelte ihn wütend an.

Joker gab ein raues Lachen von sich. “Schon gut, Detective. Hier.” Joker lief an Goro vorbei, bückte sich, und hob drei Objekte auf, die Goro in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Joker wurde ernst, als er Goro deutete, mit ihm nach draußen zu gehen.

Im dimmen, gelben Licht der verblassenden Laternen sah Goro, was Joker in der Hand hielt. Drei kleine, längliche Spritzen. “Was —?”

“Beweise,” sagte Joker und hielt zwei der Spritzen Goro hin, die Dritte ließ er in einer seiner Manteltaschen verschwinden. “Wir arbeiten jetzt zusammen. Und... ich glaube das war genug Aufregung für eine Nacht. Ich will dich nicht länger aufhalten.”

“Oh,” Goro holte eine durchsichtige Plastiktüte aus einer seiner Taschen hervor und verstaute die Beweise darin.

“Lass mich wissen, was du findest. Ich werde dasselbe tun,” sagte Joker und nickte Goro zu. Goro erwiderte die Geste und wollte gerade ein ‘Danke’ erwidern, als Joker nach hinten trat, zurück zu den Schatten.

Er verschmolz mit der Dunkelheit, und war nicht mehr zu sehen.

“Bis bald, Detective.”



***



"Du hast WAS?!" Morganas hellblaue Augen blitzten auf. Selbst in der Dunkelheit des Cafés leuchteten sie wie zwei Monde. "Bist du wahnsinnig geworden? Mit ihm...! Du darfst dich nicht stellen!"

Akira zuckte mit den Schultern, nachdem er Jokers Maske auf den Tresen gelegt hatte. "Ich habe nicht vor, mich zu stellen. Aber er wäre nie einverstanden gewesen, wenn ich ihm nicht das gegeben hätte, was er unbedingt will."

"Und was soll das sein?" fragte Morgana misstrauisch. Er wurde nervös, trotz seiner menschlichen Gestalt, traten Katzenohren zwischen den schwarzen, glatten Haaren hervor. Wenn er nervös wurde, war es schwerer für ihn, seine menschliche Form aufrecht zu erhalten. "Deinen Kopf, in einer Schlinge?"

Das war... gut möglich. Akira zuckte unwillkürlich zusammen. Er fing sich wieder, bevor Morgana etwas bemerkte. "Hoffentlich auch den Rest von mir, nicht nur meinen Kopf," erwiderte Akira, mehr zu sich selbst, als zu Morgana. "Und vor allem nicht in einer Schlinge."

"Aber das ist, was du ihm versprochen hast!" Morgana schüttelte den Kopf. "Wie kannst du nur so... waghalsig sein?"

"Wir brauchen ihn," erwiderte Akira.

Morgana warf ihm einen skeptischen Blick zu. "Was du 'brauchst', ist ein hübsches Gesicht und einen warmen Körper. Aber Akechi ist gefährlich. Such dir jemanden, der nicht dein verdammtes Leben auf dem Gewissen hat!"

Akiras Augen weiteten sich. Er... flirtete mit Akechi, aber das bedeutete doch nicht, das... "So ist das nicht."

"Ach nein?"

"Nein, er..." okay, Akechi war wirklich... attraktiv. Und seine schneidenden Kommentare verletzten Akira nicht, sondern stachelten ihn nur noch mehr an. Er genoss es, Akechi aus der Fassnung zu bringen. Das wilde Glühen in seinen Augen zu sehen. Aber --

Nein. Akira schüttelte den Kopf. So war das nicht. "Ich finde einen Ausweg. Keine Sorge. Ich lasse nicht zu, dass mir etwas passiert," sagte Akira und legte eine Hand auf Morganas Schulter, drückte sanft zu. "Wie immer."



***



Goro lehnte seinen Kopf an den Rand der Badewanne. Der Badezusatz duftete nach Zitronen und Kräutern, ein Duft, den er seit seiner Kindheit mochte.

Er schloss die Augen, ließ seine Gedanken wandern, zu wildem, schwarzem Haar, spitzen Zähnen und... Joker. Er hatte Joker in der Hand. Vermutlich würde Joker versuchen, ihm zu entkommen, wenn ihr Deal erledigt war; wenn der Grund für den Blutrausch bekannt war.

Vielleicht war es Joker selbst. Und selbst, wenn nicht... irgendjemand musste dafür verantwortlich sein.

Egal wie. Er würde verhindern, dass Joker ihm am Ende des Deals entwischte.
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