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Scherben der Vergangenheit

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / Het
Der Hacker OC (Own Character)
09.06.2022
10.08.2022
7
18.806
4
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
09.06.2022 3.112
 
Hi, ihr Lieben,

willkommen bei meiner neuen FF! :) Ich freue mich riesig, dass ihr hierher gefunden habt. :)

Normalerweise treibe ich mich nur im Supernatural-Fandom herum, aber seit ich das Handygame Duskwood entdeckt habe, lässt es mich nicht mehr los. Erst recht nicht nach dem Finale, das ich innerhalb kürzester Zeit durchgesuchtet habe. :D

Das Wichtigste gleich am Anfang: Diese FF enthält Spoiler für das gesamte Spiel, auch für die zehnte und somit letzte Episode und das Ende! Wer sich also nicht spoilern lassen möchte, sollte ab hier nicht weiterlesen. ;)
Wer das Spiel nicht kennt, wird sich außerdem sehr schwer damit tun, sich hier zurechtzufinden. Denjenigen, die es nicht kennen, kann ich nur raten … spielt das Spiel, es ist wirklich klasse!

So, bevor es losgeht, möchte ich gerne noch ein paar Dinge zur FF loswerden. :D Tja, wie so vielen anderen hier fällt es mir etwas (oder eher sehr :D) schwer, mit Duskwood abzuschließen, gerade weil ich es so liebe, aber auch, weil doch einige Fragen offengeblieben sind. Prinzipiell finde ich das ja auch richtig, man kann nie alles aufklären. Das Ende ist den Machern auch super gelungen, trotzdem hat es meine Muse gut mit mir gemeint und ich hatte gleich ein paar Ansätze im Kopf, die ich unbedingt aufs Papier bringen musste. :)

Die Hauptrolle in der Geschichte spielt natürlich der weibliche MC (ich hab sie in dieser Story Samantha bzw. Sam getauft), aber auch die anderen Charaktere aus Duskwood spielen eine Rolle. Und da es mir auch in diesem Punkt wie vielen anderen geht, habe auch ich eine dezente Schwäche für Jake entwickelt. Von daher darf er in dieser Geschichte natürlich nicht fehlen. :) Ich habe bewusst nur Jake und unseren MC als Hauptcharaktere angegeben, einfach, weil ich nicht alle angeben kann, aber jeder unserer Freunde spielt in dieser Geschichte eine Rolle, versprochen. ;)

Die Grundidee dreht sich in erster Linie darum, wie Jake nach dem Finale zurückkommen könnte, der Rest ist quasi drumherum entstanden, wie es für die Story am besten gepasst hat. Außerdem beschäftigt sich die Geschichte noch mit ein paar offenen Fragen, für die ich mir irgendwie eine Lösung zusammengesponnen habe. :D Trotzdem habe ich mich hier so gut wie möglich an die Vorgaben aus dem Spiel gehalten. Ich hoffe, das ist mir gelungen. :)

In erster Linie ist das eine Liebesgeschichte, außerdem gibt es auch jede Menge Drama, Freundschaft, aber auch etwas Action und Spannung. :) Ich hoffe, die Mischung gefällt euch. Ansonsten bleibt noch zu sagen: Nehmt meine Story nicht zu ernst! Die Geschichte hat nichts mit der Realität zu tun. Hier werden, wie im Game auch schon, einige Dinge behandelt, die in der Realität so sicher nicht abgelaufen wären. ;) Behaltet das im Hinterkopf.

Disclaimer: Die vorkommenden Charaktere und die Schauplätze gehören nicht mir. Ich verdiene mit der Veröffentlichung der Geschichte kein Geld.

Das wäre vorerst alles, somit wünsche euch viel Spaß beim Lesen. Ich hoffe, euch wird die Geschichte gefallen! <3 Über eure Meinungen würde ich mich wahnsinnig freuen! :3 Auch Favoriteneinträge, Mails und Sternchen sind jederzeit gern gesehen! :3

Liebe Grüße,
eure Phoenix :*



*** *** ***** *** ***


Scherben der Vergangenheit


PROLOG

Willkommen in Duskwood



Nur mit Mühe unterdrückte Sam ein Gähnen, als sie ihren Wagen über die gewundene Straße lenkte, welche den dichten Laubwald regelrecht in zwei Hälften teilte. Es stimmte also. Duskwoods Wälder waren wirklich riesig – beinahe endlos – und schienen das kleine Städtchen zu umschließen wie ein dunkler und bedrohlich wirkender Ozean aus dichtem Laub und Geäst.

Sam konnte es noch immer nicht fassen. Nach allem, was sie erlebt hatte und was geschehen war, nach all den Dingen, die sie über Duskwood erfahren hatte, war sie endlich hier.

Es fühlte sich unwirklich an, fast wie ein Traum, aber sie war sich noch unsicher, ob es wirklich ein schöner Traum war. Dafür gingen die Wunden, welche die letzten Wochen auf ihrer Seele zurückgelassen hatten, zu tief. Und ein Teil von ihr wusste, dass sie nie ganz verschwinden würden. Wie Narben, die nur langsam verblassten, aber immer da waren.

Drei Wochen waren seit den schrecklichen Ereignissen in der Eisenbruchmine vergangen. Drei Wochen, seit sie Hannah endlich gefunden hatten und sich Richy, der hilfsbereite und stets gut gelaunte Mechaniker, als der Mann ohne Gesicht zu erkennen gegeben hatte. Und drei Wochen war es her, dass sie das letzte Mal etwas von Jake gehört hatte. Seitdem war er verschollen, ohne auch nur das geringste Lebenszeichen.

Sam spürte, wie ihre Augen verräterisch zu brennen begannen. Wie sich ihre Kehle zuschnürte und ihr jeder weitere Atemzug immer schwerer fiel. Doch anstatt die Tränen zuzulassen, rang Sam sie nieder. Genau wie jedes Mal, wenn die Ungewissheit und der Schmerz sie zu übermannen drohten. Weil sie trotz allem nicht wahrhaben wollte, dass sie Jake nie wiedersehen sollte. Nicht, nachdem er ihr gesagt hatte, wie er wirklich für sie empfand.

Als sich der Wald zu ihrer Linken zu lichten begann und der Straßenrand auf der anderen Seite in ein Kiesbett überging, landete Sam zurück im Hier und Jetzt. Unbewusst nahm sie den Fuß vom Gaspedal und warf einen Blick aus dem Beifahrerfenster, um die Umgebung näher zu betrachten.

Sam kannte diesen Ort, ohne jeden Zweifel. Sie hatte ihn schon einmal gesehen, auf den Fotos, die Dan extra für sie gemacht und ihr geschickt hatte. Es war jene Stelle, an welcher Jennifer vor zehn Jahren am Abend des Pine Glade Festes im Dunkeln überfahren worden war … von Hannah Donfort und Amy Bell Lewis.

Sam würgte den Kloß in ihrem Hals hart hinunter, gleichzeitig überkamen sie eine unangenehme Gänsehaut und das seltsame Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Ein Gefühl von Vertrautheit. Genau wie so oft in letzter Zeit, seit sie aus heiterem Himmel von Thomas angeschrieben und in einen Vermisstenfall hineingezogen worden war. Ein Fall, der ihr gesamtes Leben von einer Sekunde auf die andere völlig verändert hatte.

Mit einem Kopfschütteln verdrängte Sam den Gedanken, betätigte das Gaspedal und ließ den Ort hinter sich. Je mehr Distanz sie zwischen sich und besagte Stelle brachte, umso ruhiger wurde sie. Sogar die Gänsehaut legte sich mit jedem weiteren Meter ein wenig mehr. Sie atmete ein paar Mal tief durch, um sich wieder einigermaßen zu fangen, und folgte der Straße, bis sie hinter der nächsten Biegung das Ortschild von Duskwood ausmachen konnte.

Es war ein merkwürdiges Gefühl für Sam, endlich in Duskwood zu sein. Sie hatte so viel gehört und gesehen, vor allem über Fotos oder Videoanrufe, dass es sich anfühlte, als wäre sie nicht zum ersten Mal hier. Jessy und die anderen hatten ihr den kleinen und verschlafenen Ort derart nahegebracht, dass es ihr vorkam, als würde sie geradewegs in eine ihrer Erinnerungen gesogen werden.

Sie passierte die Kirche, die sie von Jessys Fotos kannte, und die Pforte der Hoffnung, die Bibliothek und das Café Regenbogen, anschließend bog sie in die Richtung des Marktplatzes ab und beobachtete interessiert die Menschen. Danach fuhr sie direkt am Black Swan vorbei, Jessys Lieblingsrestaurant. Dank des virtuellen Spaziergangs, den Jessy mit ihr gemacht hatte, fand sie sich überraschend gut zurecht.

Für ein paar Augenblicke schwelgte Sam in Erinnerungen, bis sie am Ortsrand die Reklame des Motels ausmachen konnte. Und je näher sie dem Gebäude kam, desto unruhiger wurde sie. Unruhig war vielleicht nicht das richtige Wort. Es war vielmehr eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Weil sie schon bald all ihren Freunden gegenüberstehen würde, die sie innerhalb kurzer Zeit so sehr in ihr Herz geschlossen hatte, dass sie keinen von ihnen mehr missen wollte. Dabei hatte sie längst jemanden verloren. Richy … und womöglich sogar Jake.

Sam schob den niederschmetternden Gedanken beiseite. Noch blieb ihr etwas Zeit, bis sie ihre Freunde sehen würde. Niemand wusste, dass sie heute in Duskwood ankommen würde. Niemand außer Lilly, und das auch nur, weil Sam sie gebeten hatte, ihr ein Zimmer im Motel zu reservieren.

Es war nicht so, als würde sie die anderen nicht sehen wollen, ganz und gar nicht. Aber nach allem, was vorgefallen war, fühlte sie sich schlicht und ergreifend noch nicht dazu bereit. Wenn Sam ehrlich war, war sie sogar froh, dass ihr auf diese Weise noch eine kurze Eingewöhnungszeit in Duskwood blieb.

In den letzten Wochen war es still im Gruppenchat geworden. Hannah hatte nach ihrer Rettung mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, und natürlich kümmerten sich Thomas, Lilly und auch Cleo rührend um sie. Aber auch Richys Offenbarung schwebte über ihnen allen wie ein Schatten, der sich schwer und dunkel über ihre Gemüter legte und einfach nicht verschwinden wollte.

Auch Sam hatte sich zurückgezogen, um das Erlebte zumindest einigermaßen verdauen zu können … vergebens. Jetzt war sie hier, aber sie fühlte sich nicht wirklich darauf vorbereitet. In keiner Weise. Und trotzdem hatte sie keine andere Wahl, schließlich hatte sie Alan versprochen, dass sie nach Duskwood kommen und ihm all seine Fragen über den Fall Hannah Donfort beantworten würde.

Doch wenn sie ehrlich war, war das nicht der einzige Grund, weshalb sie sich dazu entschlossen hatte, nach Duskwood zu fahren, und auch nicht der wichtigste. Es gab noch so viele offene Fragen, die sie für sich selbst klären wollte und musste, und das konnte sie nur vor Ort. Das Gespräch mit Alan war nur der erste Schritt.

Vor allem aber war sie hier, weil sie Jake gesagt hatte, dass sie nach Duskwood kommen wollte, sobald das alles hinter ihnen liegen würde. Und er hatte darauf erwidert, dass er hier sein würde. So töricht es auch sein mochte, darauf zu hoffen, Jake tatsächlich gegenüberzustehen, konnte sie den Gedanken nicht einfach abschütteln. Nicht, solange doch noch ein Funken Hoffnung bestand.

Sam holte noch einmal tief Luft, dann bog sie auf den Parkplatz des Motels ab. Sie erkannte Lilly schon von weitem. Sie stand vor einem der Zimmer und unterhielt sich mit einem Mann. Vielleicht Gray, der Hausmeister des Motels, womöglich aber auch nur ein einfacher Gast. Als Lilly das heranfahrende Auto bemerkte, schlich sich ein Lächeln auf ihre Züge, welches ihre Müdigkeit nur zum Teil verbergen konnte.

Als Sam das Auto abstellte, atmete sie ein letztes Mal tief durch, ehe sie aus dem Wagen stieg. Lilly kam ihr entgegen, während der Mann in einem der Zimmer verschwand. Obwohl unzählige Gedanken durch Sams Verstand rauschten und sie sich noch immer nicht sicher war, ob es wirklich gut für sie war, hier zu sein, schenkte sie Lilly ein erschöpftes, aber ehrliches Lächeln.

»Sam!«, begrüßte Lilly sie deutlich überschwänglicher, als Sam es vermutet hatte. Gerade weil sie anfangs ihre Probleme miteinander gehabt hatten, doch das war inzwischen Schnee von gestern.

»Hey, Lilly«, sagte Sam. Sie freute sie sich, Lilly zu sehen, und ließ es sogar zu, als sie innig in die Arme geschlossen wurde. Sam war zwar im ersten Moment überrumpelt, aber sie erwiderte die Umarmung nach kurzem Zögern.

»Es ist so schön, dich endlich kennenzulernen. Also, du weißt schon, nicht nur im Chat, meine ich«, fuhr Lilly fort, während sie sich von ihr löste.

»Ja, finde ich auch«, erwiderte Sam nickend. Lilly schmunzelte.

»Hattest du eine gute Fahrt?«, wollte sie wissen und strich sich eine Strähne ihres schulterlangen, blonden Haars hinter das Ohr. Sam nickte.

»Ja, alles gut gegangen. Ein bisschen Stau, aber nichts, was der Rede wert wäre«, antwortete sie und nutzte die Gelegenheit, Lilly näher zu betrachten. Immerhin hatte Sam sie bisher nur auf Profilfotos oder in Videoanrufen gesehen.

Sie trug eine weite, hellblaue Jeans und ein beigefarbenes Shirt, das ihr um mindestens eine Nummer zu groß war. Scheinbar mochte Lilly es eher bequem. Sie war nur wenig geschminkt. Vermutlich sah man ihr die Erschöpfung gerade deshalb so deutlich an. Kein Wunder, wenn Sam bedachte, durch welchen Albtraum sie hatte gehen müssen … und noch war er nicht endgültig vorbei.

»Ich zeig dir gleich dein Zimmer, dann kannst du dich noch ein wenig ausruhen, bevor du zur Polizei gehst«, schlug Lilly vor.

Sam nickte abwesend, holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum und folgte ihr, während ihre Gedanken zu ihrem bevorstehenden Gespräch mit Alan drifteten. Beim bloßen Gedanken daran war ihr unwohl zumute. Jetzt, da Richy gefasst war, hatte sie nichts mehr zu befürchten, trotzdem war sie nervös. Zum Teil fürchtete sie sich sogar davor, Dinge zu erfahren, die ihr womöglich nicht gefallen würden. Nicht nur über Richy, sondern auch über Jake.

»Hier ist es«, riss Lilly sie aus den Gedanken, schob den Schlüssel ins Schlüsselloch und öffnete die Tür, die mit einer dunklen 11 beschriftet war. Sam zögerte, dann trat sie ein, stellte den Koffer ab und sah sich neugierig um. »Es ist nichts Besonderes, aber ich hoffe, es gefällt dir.«

Ausgelaugt von der langen Fahrt, ließ Sam den Blick durch das Zimmer gleiten. Es war ein einfaches Motelzimmer, wie sie es schon ein paar Mal gesehen hatte. Nicht das modernste, aber zeitgemäß. Die Wände waren weiß gestrichen, die Wand hinter den zwei Einzelbetten jedoch war mit dunklem Holz verkleidet. Mittag über den Betten hing ein großes Bild. Sam erkannte das Motiv. Es war der Schwarzwassersee, den Jessy ihr in einem kurzen Video gezeigt hatte, im Hintergrund ragte der dichte Wald auf. Es war ein schönes Bild.

Der Teppich war grau gehalten, die Vorhänge graubraun und der große, alte Kleiderschrank aus dunklem Holz gefertigt. Hinter den alten Gardinen erspähte Sam saftiges Grün. Richy hatte ihr erzählt, dass das Motel an den Wald angrenzte. Da der Gedanke an Richy schmerzte, schob sie ihn beiseite und drehte sich stattdessen mit einem Schmunzeln zu Lilly um.

»Es ist perfekt. Danke, Lilly«, sagte sie. Lilly lächelte erleichtert, danach legte sich ein angespanntes Schweigen über den Raum. Keine von ihnen schien zu wissen, was sie sagen sollte. Sam freute sich, ihre Freundin zu sehen, aber nach allem, was sie durchgemacht hatten, war die Situation durchaus merkwürdig.

»Fühlt sich sicher komisch an, hier zu sein, oder? Nach allem, was war, meine ich«, brach Lilly nach einer Weile die Stille und sprach somit Sams Gedanken laut aus. Ihre Miene war ernst. Sam sagte nichts und senkte den Blick auf die weiße Bettwäsche, nickte aber. »Und du bist dir sicher, dass ich den anderen noch nichts sagen soll? Sie würden sich bestimmt freuen, dich zu sehen.«

»Ja, ich … ich brauch noch ein bisschen Zeit, okay?«, erwiderte Sam. Sie konnte verstehen, dass es Lilly alles andere als leichtfiel, ihren Freunden etwas dergleichen zu verheimlichen. Sollte Jessy davon erfahren, würde sie Sam sofort sehen wollen, aber noch war sie einfach nicht so weit. Vielleicht morgen, wenn sie das Gespräch mit Alan hinter sich gebracht hatte.

»Okay«, sagte Lilly verständnisvoll. Sam nickte dankbar. »Gut, ich lass dich dann besser allein, aber wenn du später Lust auf einen Kaffee hast, schau doch einfach in der Rezeption vorbei. Ich brauch eh noch ein paar Sachen von dir, für die Unterlagen.«

»Mache ich. Danke, Lilly«, sagte Sam und nahm sich vor, auf das Angebot zurückzukommen. Vielleicht würde es ihr dabei helfen, sich schneller hier einzugewöhnen. Als sich Lilly jedoch zum Gehen umwandte, war Sam diejenige, die sie zurückhielt. »Lilly?«

»Ja?«, fragte sie, blieb im Türrahmen stehen und drehte sich zu ihr um. Ein wenig unwohl zumute spielte Sam mit dem Saum ihres Shirts, ehe sie zu ihr aufsah und besorgt in die braunen Augen blickte.

»Wie geht’s dir und den anderen?«, wollte Sam wissen. Die Frage schien Lilly völlig unvorbereitet zu treffen. Zumindest verschwand das Lächeln von ihren Lippen, stattdessen legte sich ein beinahe trauriger Ausdruck auf ihre Züge.

»Wir kommen zurecht … irgendwie. Ich meine, es ist schwer, das zu verarbeiten, aber die Welt dreht sich weiter. Irgendwie muss man ja weitermachen, oder?«, war alles, was Lilly darauf erwiderte.

Sehr vage ausgedrückt, dachte Sam, aber sie konnte sich bereits denken, dass es ihr verdammt schwerfiel, über die vergangenen Ereignisse zu sprechen. Schließlich war Hannah ihre Schwester. Es war nur die halbe Wahrheit, da war sich Sam sicher, aber für den Moment ließ sie es darauf beruhen.

»Ja, ich … ich denke schon«, stimmte Sam ihr zu, in ihrem Inneren sah es jedoch völlig anders aus.

Für sie hatte sich die Welt nicht weitergedreht, nicht einen Millimeter. Nicht, seit sie fürchten musste, Jake für immer verloren zu haben. Und das nur, weil er an ihrer Stelle in die Eisenbruchmine gegangen war. Weil er es nicht hatte ertragen können, sie in Gefahr zu wissen. Deshalb war er gegangen, und sie hatte nichts tun können, um ihn davon abzuhalten. Es war nicht fair.

»Und was ist mit dir?«, holte Lillys Frage sie zurück in die Gegenwart.

Sam wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie war noch nie der Typ Mensch gewesen, der seine Gefühle vor anderen ausbreitete. Zumindest nicht über einen gewissen Punkt hinaus. Das hier, ihre Gefühle für Jake, der vermeintliche Verlust, die Sache mit Richy … das waren definitiv Dinge, die diesen Punkt überschritten.

»Ich …«, setzte Sam an, etwas zu sagen, doch Lilly kam ihr zuvor.

»Dir fehlt Jake, nicht wahr?«, schlussfolgerte sie aus ihrem Schweigen. Sam schnaubte. Offenbar musste sie nicht einmal etwas sagen, sie schien für Lilly ein offenes Buch zu sein. Zumindest, wenn es um Jake ging. So war es schon damals gewesen, als sie gemeinsam Jakes Rätsel gelöst hatten. Obwohl sie bis zum damaligen Zeitpunkt kaum ein Wort miteinander gewechselt hatten, hatte Lilly längst geahnt, dass zwischen ihr und Jake Gefühle im Spiel gewesen waren. »Schon gut, du musst nichts sagen. Mir fehlt er auch, weißt du?«

Sam nickte verstehend. Ja, das wusste sie. Schließlich war Jake der Halbbruder von Lilly und Hannah. Hannah war noch immer unwissend, aber auch Lilly hatte bis vor kurzem nicht gewusst, dass sie einen Halbbruder hatten. Jetzt war er weg. Vielleicht für immer. Geschnappt vom FBI oder gestorben in den Tiefen der Eisenbruchmine, als das Feuer ausgebrochen war.

Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass er rechtzeitig hatte entkommen können, doch sie wertete es als schlechtes Zeichen, dass er sich bisher nicht gemeldet hatte. Bei niemandem, nicht einmal bei ihr. Nicht einmal mit einer kurzen Nachricht, dass es ihm gutging.

Der Gedanke schmerzte so sehr, dass ihre Augen zum wiederholten Male verräterisch brannten und ihr Blick glasig wurde, doch sie wollte der Trauer nicht nachgeben. Noch nicht. Weil sie fürchtete, den Verlust in jenem Augenblick zu akzeptieren, sollte sie den schwelenden Schmerz in vollem Ausmaß zulassen. Und dazu war sie nicht bereit.

»Ich … ich würde gern kurz unter die Dusche, ich …«, wechselte Sam das Thema, in der Hoffnung, sich wieder einigermaßen zu fangen. Zum Glück schien Lilly es ihr nicht übelzunehmen.

»Klar, kein Problem. Wir sehen uns später, Sam«, sagte sie verständnisvoll.

»Ja, bis später«, war alles, was Sam noch darauf erwiderte. Lilly nickte, dann ging sie zur Tür hinaus, aber noch bevor sie gänzlich verschwand, hielt sie noch einmal inne.

»Ach, Sam?«, richtete sie erneut das Wort an sie. Sam horchte auf und sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihr hinüber, während ihr trüber Blick nur langsam wieder klarer wurde. Als Lilly weitersprach, zierte ein ehrliches Lächeln ihre Lippen. »Willkommen in Duskwood!«
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