Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Liebe / Dark / wertlos

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wertlos

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Het
07.06.2022
01.07.2022
8
25.736
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23.06.2022 4.968
 
Lauf! Schau dich nicht um! Frag nicht wohin und nicht warum! Flieh! Und
bleib‘ nicht steh‘n!
~ASP


Sie landete hart auf einem der Müllsäcke und stauchte sich bei ihrem Aufprall auch
noch das ohnehin schon verletzte Knie, bevor sie seitlich auf der rechten Hüfte zum
Liegen kam.
„Großartig!“, entfuhr es ihr lauter als beabsichtigt, während sie mit säuerlicher
Miene die flache Hand an ihr Knie legte, um es zu stützen. Erst jetzt bemerkte sie,
dass sie tatsächlich auf dem Müllwagen gelandet war und begann zu realisieren, dass
ihre Flucht geglückt war. Ein riesiges Grinsen breitete sich auf ihren Zügen aus,
derweil der Laster sie immer weiter von diesem Ort fortbrachte. Cara versuchte sich
zu drehen und rutschte prompt mitsamt dem Müllsack auf dem sie gelegen hatte von
einem Anderen herunter. Sie rollte den Müllberg hinab und landete mit dem Gesicht
nach unten an der schmierigen, stinkenden Bordwand. Angeekelt hob sie den Kopf,
stützte sie sich mit den Händen ab und kämpfte sich auf allen Vieren, das Gesicht
schmerzverzerrt, den Müllberg wieder hinauf. Ob ihren Sprung aus dem Fenster
wohl jemand beobachtet hatte? Mit Sicherheit eins der hinter ihnen fahrenden Autos,
aber machte man sich hier wirklich Sorgen um so etwas? Wenn man auch zuließ,
was ihr und vielen Anderen zugestoßen war? Zumindest schien der Fahrer nichts
bemerkt zu haben und fuhr weiterhin ruhig seinem Ziel entgegen. Für einen Moment
war sie erleichtert.
„Wieder eine Fahrt ins Ungewisse, das scheint langsam zur Gewohnheit zu werden,
Cara!“, sprach sie leise mit sich selbst. Irgendwie war das nicht ganz normal, aber
ihr ‘Leben‘ war eben auch nicht mehr normal. Ergeben legte sie sich rücklings auf
die geschlossenen Säcke, die zum Teil angenehm weich waren und von denen sie
gar nicht wissen wollte, was sich darin befand. Ihr pochendes Bein legte sie dabei
etwas höher ab. Caras Blick ging in den Himmel über ihr, der bereits anfing sich
Violett zu verfärben.
„Ich bin frei!“, dachte sie dabei und zum ersten Mal seit sie gesprungen war, kam
der Satz auch richtig bei ihr an. Sie war wieder ihr eigener Herr, konnte gehen wohin
sie wollte und keiner war in der Position sie noch einmal zu misshandeln. Solange
sie nicht gefunden wurde. Da kam ihr ein Gedanke. Was würde eigentlich aus Anna
werden? Die war jetzt wieder ganz allein. Cara hoffte, dass auch sie ihre Chance zur
Flucht bekommen würde und es tat ihr leid, dass sie Anna nicht mitgenommen hatte.
Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern. Betreten kaute sie auf ihrer Unterlippe
herum. Sie musste weg und das möglichst unentdeckt. Das war ihr größtes Problem,
unter dem Radar von Boika zu bleiben und sich trotzdem irgendwie durchzuschlagen.
Außerdem musste sie sich überlegen, wo sie hingehen wollte. Sollte sie zurück nach
Deutschland? Wenn ja, wie, ohne Geld? Sollte sie zur Botschaft gehen? Was, wenn
man ihr nicht glaubte? Die Alternativen waren begrenzt. Natürlich konnte sie
hierbleiben, aber wollte sie das? Ohne Jemanden, den sie kannte, der ihr half? Klar,
sie war nicht zwingend auf Hilfe angewiesen, sie würde schon klarkommen, aber
wollte sie das auch? Cara beschloss diese Entscheidung auf später zu vertagen und
konzentrierte sich stattdessen auf das Gefühl von Freiheit. Der Fahrtwind der ihr
durch die Haare spielte, die frische Luft, das Licht, sogar der ab und an aufsteigende
Gestank von Müll, wenn sie an einer Ampel hielten.
Ihr kam diese Stadt riesig vor. Klar, sie war quasi in Berlin aufgewachsen, doch eine
Stadt, die man von klein an kennt, erscheint einem bei Weitem nicht so groß wie
eine unbekannte. Selbst wenn diese sogar kleiner war. Sie hatte nicht die leiseste
Ahnung wo sie hinfuhren und wann sie die Möglichkeit zum Absteigen bekommen
würde.
Es kam ihr vor als fuhren sie schon ewig. Endlich wurde der Lastwagen ohne
erkennbaren Grund langsamer und bog kurz vor einem Wäldchen in einen
Wertstoffhof ab. Sie erkannte viele verschiedene Container und Unmengen
verschiedener Fahrzeuge, von großen Kehrmaschinen bis zu Müllautos wie dem, auf dem sie mitfuhr. Cara krabbelte an die ekelige Bordwand heran und lugte vorsichtig
hinüber. Sie wusste nicht, ob Arbeiter sie sehen würden, doch ihre Vorsicht war
unbegründet. Scheinbar war ihr fahrbarer Untersatz der letzte des Tages, denn es war
sonst niemand mehr zu sehen. Alles schien verlassen. Als ihr Müllwagen neben
einem Container mit geschlossen Flügeldeckeln hielt, nahm sie ihre Chance war, biss die Zähne zusammen und sprang auf den Deckel des Containers. Ihr Aufprall
verursachte einen ziemlichen Lärm und Cara konnte einen kurzen, spitzen Schrei
nicht unterdrücken, als das verletzte Bein aufsetzte. Es knickte kurz unter ihrem
eigenen Gewicht weg, doch sie fing sich wieder. Ihr Blick ging von ihrem blutigen
Hosenbein erschreckt über ihre Schulter zu dem Müllwagen, als sie die Tür hörte.
‘Ich muss hier weg, bevor man mich entdeckt!‘, ging es ihr durch den Kopf. Sogleich
begann jemand lautstark zu schimpfen.
Sie war sich sicher, dass sie gemeint war, als der Mann vor dem Container stehen
blieb und wild gestikulierend auf sie einredete. Cara hatte keinen Sinn und auch gar
nicht genug Worte für eine Erklärung und so rannte sie so schnell sie konnte die paar
Schritte an das andere Ende des Containers. Er stand praktischerweise direkt an dem
Zaun, der das Gelände von dem Wäldchen trenne und sie nahm alle Kraft zusammen,
die sie aufbringen konnte, sprang vom Deckel des Containers nach unten und
überwand damit auch den Zaun. Ohne auf das Lamentieren hinter ihr und den
Schmerz in ihrem Bein zu achten, spurtete sie so schnell sie konnte zwischen die
Sicherheit versprechenden Bäume.
Äste und Dornenranken kratzten an ihr, doch sie durfte nicht langsamer werden. Als
sie weit genug weg war, gönnte sie sich eine Pause. Sie hatte nicht gehört, dass sie
verfolgt worden war und ihr Bein begann auch zu streiken. Schwer atmend lehnte
sie sich gegen einen Baum und entlastete ihr Bein. Cara traute sich nicht, weiter
danach zu schauen. Solange sie keinen geeigneten Verbandsstoff hatte, musste es
ohnehin so bleiben.
Als sich ihr Herzschlag wieder normalisiert hatte, humpelte sie ein paar Schritte
weiter. Jetzt tat ihr das Bein noch sehr viel mehr weh als vor der Pause und sie zog
es stark nach. Cara musste einen Platz für die Nacht finden, wo sie sich ausruhen
konnte, um Morgen nach Lösungen für ihre Probleme zu suchen. Langsam humpelte
sie weiter, bis sich die Bäume zu lichten begannen und sie den Blick auf einen
hübsch angelegten Park freigaben, in dessen Mitte ein imposantes Haus stand. Sie
schätzte eine alte, nun öffentlich zugängliche Villa, von gepflegten Blumenbeeten
umsäumt und an einen Weinberg angrenzend. Cara beobachtete die wenigen
Besucher aus dem schützenden Dickicht heraus, das sie verbarg. Es gab keine
Anzeichen von Unruhe, keine Spur von Verunsicherung, weil bewaffnete Männer
eine junge Frau jagten. Für den Moment fühlte sie sich sicher. Aber hier konnte sie
auch nicht wirklich bleiben. Zu offen.
Sie entschloss sich noch ein bisschen an der Grenze des Weinbergs entlang zu gehen
und wandte sich nach rechts. Der Weinberg war nicht sehr breit, eher lang und so
konnte sie auch nicht lange an ihm entlang gehen, zumal die Bäume um sie herum
immer weniger wurden und sie ihren Schutz zu verlieren drohte. Cara beeilte sich
durch die immer länger werdenden Schatten zu huschen und kam schließlich nach
kurzer Zeit wieder in ein etwas dichter bewaldetes Stück. Sie blieb stehen, um sich
zu orientieren und lauschte auf. Da gluckerte irgendwo Wasser.
Langsam schlich sie weiter vorwärts, bis sie am Rand eines kleinen Abhangs stand
und unter sich einen Bach erblickte. Das Wasser wirkte klar und erst jetzt bemerkte
sie, wie durstig sie war. Vorsichtig hangelte sie sich, sich an den dünnen Bäumen
abstützend, nach unten. Als sie das Wasser erreicht hatte, hockte sie sich mit dem
linken Bein hin und versuchte das Rechte möglichst gerade zur Seite zu strecken,
um das Knie nicht beugen zu müssen. Es klappte erstaunlich gut und Cara konnte
ein bisschen Wasser in ihre Hände schöpfen. Als sie ihren Durst gestillt hatte, sah
sie sich wieder um. Sie brauchte einen Platz zum Übernachten, und das bald. Mit der
einsetzenden Dämmerung wurde es auch merklich kälter und sie schlang den Mantel
fester um sich. Langsam erhob sie sich und durch den veränderten Blickwinkel sah
sie zwischen den Blättern zu ihrer linken etwas Rotes aufblitzen.

Vorsichtig und immer darauf bedacht nicht in den Bach zu treten, lief sie parallel
zum Ufer darauf zu. Plötzlich befand sie sich wie auf einem befestigten Sockel aus
festgetretener Erde.
Vor ihr lag eine winzige Bretterbude, windschief zusammengeschustert mit einer
alten Gartenliege darin und haufenweise Bällen und anderem Kinderspielzeug. ‘Ein
Glücksfall!‘ Cara erkannte das Versteck einiger Kinder aus der Nachbarschaft an.
Sie duckte sich und kroch in das Innere. In einer Ecke befanden sich sogar ein paar
alte Stuhlauflagen und eine Decke. Alles etwas verdreckt, aber ‘In der Not frisst der
Teufel Fliegen‘, dachte sie bei sich und bereitete sich ein halbwegs bequemes und
sicheres Lager für die Nacht. Hier würde man sie sicher nicht finden.
Am nächsten Morgen erwachte sie von einem kitzelnden Gefühl auf der Wange. Sie
schlug die Augen auf und strich sich das Insekt aus dem Gesicht. Sie wollte nicht
näher hinsehen, was es war und setzte sich auf. Ihr Bein machte sich wieder
bemerkbar und sie konnte nicht umhin, zu erkennen, dass sie dringend frisches
Verbandszeug brauchte. Außerdem knurrte ihr Magen vernehmlich und sie wusste,
dass sie es wagen musste, in die Stadt zu gehen, um an Nahrung und Verbandsstoff
zu kommen, auch, wenn sie damit Gefahr lief einem von Boikas Männern zu
begegnen. Sie hatte keine Wahl.
Doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Tatsächlich lag der Wertstoffhof
mitten in Prag wie sie nach kürzester Zeit feststellte und somit hatte sie es nicht
wirklich weit zur Innenstadt, doch ohne Geld dort etwas zu bekommen, schien fast
unmöglich. Eine Zeitlang schlich sie um einige Straßenstände herum, um vielleicht
etwas Essbares mitgehen lassen zu können, doch sie traute sich im Endeffekt nicht.
Hungrig und mit Schmerzen lief sie durch die Fußgängerzonen und über die
historischen Plätze. Beinahe den ganzen Tag verbrachte sie damit, zu versuchen sich
Geld zu erbetteln oder etwas zu stehlen. Bei keinem von beidem kam sonderlich viel
dabei heraus.
Ihre Bettelversuche schlugen fehl, weil sie sich einfach nicht so richtig überwinden
konnte. Sicher, sie hatte Hunger, aber gab es denn keine andere Lösung?
Zaghaft trat sie auf eine mittelalte Dame zu, die ihren Hund soeben von der Laterne
losmachen wollte, an der sie das Tier zum Einkaufen zurückgelassen hatte.
„Entschuldigen Sie bitte…“ Cara versuchte zu lächeln. Es sah allerdings eher
gruselig aus, durch ihre Unsicherheit. Die Frau sah sie befremdlich an.
„Ich wollte fragen, ob Sie vielleicht etwas zu essen oder ein wenig Geld für mich
hätten?“ Die Frau schüttelte nur wortlos den Kopf und beeilte sich von ihr
wegzukommen. So lief das den ganzen Tag. Entweder verstand man sie wegen ihrem
bruchstückhaften Tschechisch nicht oder man wollte ihr nicht helfen.

Gegen Nachmittag schenkte ihr ein Marktstandbesitzer einen Apfel, aus Mitleid,
weil er sie schon den ganzen Tag in ihrem Treiben beobachtet hatte. Cara war ihm
sehr dankbar, aber in Ihrem Kopf liefen die Gedanken immer im Kreis, was jetzt
werden sollte. Sollte sie hier als Bettlerin enden? Immer im Freien schlafen? Ohne Zuhause? Ohne Freunde? Das hier war eine dumme Idee gewesen. Sie kam eben
doch nicht alleine zurecht, musste sie sich eingestehen. Seufzend ließ sie sich auf
den Stufen der Kirche nieder, auf deren Vorplatz sie als letztes ihr Glück versucht
hatte, und zählte die wenigen Münzen, die sie erbettelt hatte. Es würde nicht für eine
neue Mullbinde reichen, ganz davon abgesehen, dass sie sowieso Zwei brauchte. Sie wusste ja sogar, wie viel sie sich erbetteln müsste. Denn tatsächlich war sie um die
Mittagszeit auf ein tschechisches DM gestoßen und hatte sich gefreut eine vertraute Institution gefunden zu haben. Geholfen hatte es ihr aber auch nicht. Es gab dort
Mullbinden im Zweierpack für etwas weniger als 30 Kronen.
Zusammengebettelt hatte sie jetzt 6 und zwei Hustenbonbons. Es hatte einfach
keinen Zweck, erkannte sie. Sie würde zur Botschaft gehen müssen und hoffen, dass
man ihr glauben und sie zurück nach Deutschland bringen wurde. Was dann dort aus ihr werden sollte, wusste sie nicht. Vielleicht würden sie Amira und Hamza ja wieder aufnehmen, wenn sie erfuhren, dass Cara nichts von alldem gewollt hatte? Kurz
darauf verfluchte sie sich für ihre Blödheit. Sie war nur ein Pflegekind, noch dazu
über die Volljährigkeit hinaus. Die Öztürks würden sich nicht ihretwegen die
Schande ins Haus holen, wie sollten sie auch der kleinen Dilara erklären, was mit
ihr passiert war? Nein, das würden sie nicht riskieren. Cara brächte dieser Familie
nur Unglück. Nicht auszudenken, was außerdem geschehen würde, fänden Boikas
Schärgen sie wieder in der Nähe von Berlin. Er würde mit Sicherheit auch ihre
ehemalige Siedlung überwachen lassen, ihm lag schließlich nichts daran, dass seine
Machenschaften aufgedeckt wurden.
Cara schüttelt den Kopf, um sich selbst in ihrer Entscheidung zu bestärken und erhob
sich schwerfällig. Es begann schon wieder zu dämmern und Cara beschloss sich
noch heute Abend auf den Weg zur Botschaft zu machen. Sie fragte einen deutschen
Touristen, ob sie sich ganz kurz sein Handy zum googeln leihen könne und etwas
widerwillig überließ der junge Mann ihr das Smartphone. Cara suchte nach der
Adresse der Botschaft, bat ihn noch um einen Stift und schrieb sie auf die Innenseite
ihres linken Handgelenkes. Kurz überlegte sie bei den Öztürks anzurufen, doch sie
verwarf den Gedanken schnell wieder, aus den gleichen Gründen, aus denen sie nicht
zurück wollte, sollte und konnte. Plötzlich überlegte sie, ob sie nicht einfach mit dem
Handy in der Hand abhauen könnte. Dann fiel ihr ihr Bein wieder ein und sie ließ es
bleiben. Cara bedankte sich und reichte ihm seufzend das Telefon zurück. Als sie
sich abwandte und davonhumpelte, spürte sie seinen skeptischen Blick in ihrem
Rücken, doch es war ihr egal.
Außer Sichtweite der Touristen fragte sie einen freundlich wirkenden, älteren Herrn
mit vielen Lachfältchen um die Augen nach der Richtung der Botschaft. Freundlich
wies er ihr den Weg und benutzte zur Erklärung nur einfache Worte, als er erkannte, dass Caras Tschechisch mehr als schlecht war. Auch bei ihm bedankte sie sich artig und ging langsam in die ihr gewiesene Richtung davon.
Mittlerweile war es schon richtig dunkel geworden und die Straßenlaternen hüllten
das graue, unebene Kopfsteinpflaster in ein beruhigendes Licht. Es ließ sie noch
etwas langsamer gehen und für einen Moment an ihre neu gewonnene Freiheit
denken. Nicht wichtig, wie es von hier aus weiterging, wichtig war, dass sie nicht
mehr in diesem Hurenhaus festsaß. Das war alles was zählte. Es würde sich schon
irgendwie alles fügen, dachte sie in einem Anflug von Optimismus, als sie das als
Karlsbrücke ausgeschilderte Bauwerk vor sich sah. An ein nebenstehendes Geländer
gelehnt stoppte sie und blickte auf die Moldau. Der Anblick des langsam ruhiger
werdenden Prags auf der anderen Seite des Flusses beruhigte auch sie und ein
Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. Der Anblick, den die dezente Beleuchtung der
Stadt im Wasserspiegel bot, war wirklich schön. Einen Moment noch ließ sie das
alles auf sich wirken. Sie sah hinauf zur Mondsichel und ließ ein kurzes Gefühl des
Glücks zu, bevor sie beschloss, weiterzugehen. Cara wusste, dass sie die Karlsbrücke überqueren musste, um zur Botschaft zu gelangen. Sie lag auf der anderen Seite der Moldau und sie sollte sich beeilen, wenn sie vor Torschluss dort ankommen wollte.
Cara wandte sich der Brücke zu und setzte sich in Bewegung, das rechte Bein immer
mehr nachziehend, denn der Tag hatte sie viele ihrer Kraftreserven gekostet.

Irritiert bemerkte sie ein geparktes Motorrad mittig auf der Brücke, kurz vor dem
Torhausturm stehen. War das nicht eigentlich eine Fußgängerbrücke?
‘Mit Sicherheit drückt sich ein Pärchen im Schatten des Torhauses rum, das einfach
ein bisschen Aufregung will, wenn sie später mit dem Motorrad über die Brücke
brettern‘, mutmaßte sie innerlich grinsend, bei dem Gedanken. Manchmal konnte
sie selbst fast vergessen, was war und warum es so geschehen war.

An dem Motorrad angekommen, konzentrierte sie sich wieder auf hre Situation. Cara
schob sie sich rechts daran vorbei und kam dabei den undurchsichtigen Schatten im
Inneren des Torhausbogens ziemlich nah. Sie hoffte, dass sie niemanden stören oder
gar sehen musste, bei was auch immer. Möglichst schnell wollte sie sich unter dem
Bogen hindurch bewegen und beschleunigte ihren Schritt, soweit ihr Bein das zuließ.
Für einen kurzen Moment realisierte sie, dass sie ganz alleine auf der Brücke war,
dann schoss eine große, kräftige Hand aus dem Schatten und packte sie.
Cara wurde in eine Ecke gezerrt, bevor ihr überhaupt klar wurde, was geschehen war.
Sie sah absolut nichts und ihr Gehirn sandte ihren Gliedern nur einen einzigen Befehl:
„Kämpf!“ Und genau das tat sie jetzt auch.
Sie schlug mit gekrümmten Fingern auf die Hand ein, die ihre rechte Schulter
umfasst hielt, um mit den Fingernägeln möglichst viel Schaden anzurichten.
Gleichzeitig trat sie mit dem gesunden Bein in die Richtung, in der sie den Angreifer
vermutete, während ihre rechte Hand nach seinem Gesicht schlug. Und sie hatte
Erfolg.
"Zatracenĕ!“, fluchte jemand vor ihr, als ihre rechte Hand gleichzeitig mit dem
unverletzten Bein auf Widerstand trafen. Der Griff an ihrer Schulter blieb jedoch
und Cara wand sich nach links um ihm zu entkommen. Doch da schloss sich auch
links eine Hand um ihre Schulter und sie wurde an die kalte Steinwand hinter ihr
gedrückt. Angst bemächtigte sich ihrer und sie schlug die Augen weit auf, auch wenn
sie in der Dunkelheit keine Möglichkeit hatte, etwas zu erkennen. Panisch riss sie
den Kopf herum und biss nach dem Handgelenk des Angreifers. Bevor sie richtig
fest zubeißen konnte, erklang ein Knurren ihr gegenüber und ein großer schwerer
Körper presste sich mit vollem Gewicht gegen sie, um sie an jeglicher Bewegung zu
hindern.
„Jetzt hör schon auf, oder behandelst du so immer jemanden, der dir den Arsch retten
will?“ Die Stimme knurrte tief und hörbar verärgert an ihrem linken Ohr.
Cara stoppte mitten in der Bewegung ihrer Hand, die sie gerade an der Seite
hochreißen wollte um ihn noch an der Wange verletzten zu können und überlegte
einen Moment. Er hatte von Helfen gesprochen und bisher hatte er ihr nicht
wehgetan. Wer oder was war er?
„Lass mich los!“, spie sie ihm entgegen und mit einem ergebenen Seufzer rückte er
wieder etwas von ihr ab. Es machte sie wahnsinnig nichts sehen zu können und sie
schob sich näher an das Licht der Brücke heran. Er schien damit keine Probleme zu
haben, denn er blieb im Schatten.
„Bist du wahnsinnig?!“, fragte er grollend, als er wieder nach ihr griff und sie zurück
in den Schatten zog, „Was glaubst du warum wir hier im Schatten stehen? Damit du
wieder auf den Präsentierteller zurücklaufen kannst?“ Ein unwirscher Laut entfuhr
ihm, als er sich wieder näher zu ihr schob. Anscheinend musste man wirklich auf sie
aufpassen, allein war sie wohl nicht in der Lage dazu.

Cara stutzte für einen Augenblick, dann kehrte der Zorn zurück. Was bildete der sich
überhaupt ein? Zerrte sie ins Dunkel, drückte sich in Rätseln aus und wunderte sich
dann, dass sie wieder ins Helle wollte?
„Geht’s noch? Wer bist du überhaupt und was soll das hier? Was willst du?!“ Aufgebracht fachte sie die dunkle Silhouette an.
„Still! Verhalt dich nicht so dumm, wenn ich dir wehtun wollte, hätte ich es längst
getan!“ Seine Stimme drückte Selbstsicherheit aus und Cara verengte die Augen
unwillkürlich zu Schlitzen.
„Ich habe vor dich zu retten, also hör auf so ein Theater zu veranstalten.“ Irgendwoher kannte Cara diese Stimme… „Du bist seit du abgehauen bist nicht gerade klug vorgegangen und warst viel zu öffentlich unterwegs. Außerdem warst du unvorsichtig, es war ein Leichtes dir zu folgen und du hast es nicht einmal bemerkt! Ebenso leicht wäre es für Boika gewesen, du hattest mehr Glück als Verstand.“
Jetzt reichte es Cara. Der Kerl schien keine direkte Gefahr für sie darzustellen.
„Ohh bitte, dann mach es doch besser, wenn du alles so genau weißt! Ich habe dich
nicht um deine sogenannte Hilfe gebeten, die bisher auch nur darin bestand mich in
eine Ecke zu zerren und mir meine angeblichen Fehler aufzuzählen! Wenn das deine Abendbeschäftigung ist, dann kannst du die gerne irgendwo anders und vor allem
mit jemand Anderem ausführen, ich habe für solche Geschichten keine Zeit, ich
muss zur Botschaft, wenn der gnädige Herr nichts dagegen hat, natürlich nur!“,
schnappte sie, deutete ein ausweichen nach links an, schob sich dann aber, bevor er
reagieren konnte nach rechts an der Mauer entlang an ihm vorbei.

Sie ging zielstrebig ein paar Schritte parallel zur Brücke unter dem Torhausbogen,
dorthin, wo das Licht den Schatten etwas weniger durchdringend machte und ein
schummriges Licht herrschte.

Wieder ertönte hinter ihr ein Knurren, das diesmal aber so klang, als habe er alle
Geduld verloren. Cara fragte sich kurz, ob sie einen Fehler gemacht hatte, bevor er
mit zwei großen Sätzen wieder hinter ihr stand, sie zu sich herumriss, mit dem
Rücken an die Wand drückte und sein Gesicht ganz nah an ihres brachte.
„Wenn ich gewollt hätte, dass du zur Botschaft gehst, hätte ich dich wohl kaum hier
abgefangen, oder? Soll ich dich in dein Verderben rennen lassen? Bitte. Geh.“ Gefährlich ruhig, aber mit verzerrten Gesichtszügen musterte er sie. Er ließ
sie los. „Pitomé, ale sladké.“
Cara schüttelte den Kopf und starrte ihn nur an. Das Zwielicht ließ sie nicht jedes
Detail erkennen, aber sie war sich sicher. Sie kannte ihn.
„DU?” entfuhr es ihr.
Der Mann vor ihr verschränkte nur die muskulösen Arme vor der Brust. „Was hast
du erwartet? Dass eine Polizeistaffel aus Deutschland dich retten kommt? Eher
nicht!“ Er lachte sie aus. „Aber wie gesagt, du bist frei, geh ruhig, fall Boika wieder
in die offenen Hände, du bist doch hier die Überlebenskünstlerin, wenn ich dich recht
verstanden habe.“ Er zog eine Augenbraue hoch, grinste selbstsicher und trat einen
Schritt zur Seite, die Arme weiterhin verschränkt.
Diesmal war es Cara, die auf ihn zutrat, kurz vor ihm steh blieb und ihn anfunkelte.
„Was soll das hier? Du kreuzt bei Boika auf und jetzt sagst du, du willst mich retten
und dass ich nicht zur Botschaft soll? Was nimmst du dir da raus? Wer zu Teufel
bist du? Und warum solltest du mir helfen wollen, mal angenommen ich würde dir
glauben, dass du die Wahrheit sagst, was ich natürlich nicht tue!“
Wieder zog er eine Augenbraue nach oben und sah sie spöttisch an. Caras
Gesichtszüge verhärteten sich. Dieser Kerl machte sie wahnsinnig, ihre Situation
war schon verfahren genug, da brauchte sie nicht auch noch so was.
„Also Süße, wie ich das so sehe brauchst du einen kleinen Vertrauensvorschuss.“ Er
machte eine Kustpause und musterte sie. „Ich war bei Boika, um über ein paar Angelegenheiten meines… hmm… sagen wir Arbeitgebers zu verhandeln, der in
direkter Konkurrenz zu Boika steht. Boika hat sich die ein oder andere Regel zwischen uns etwas zu locker ausgelegt. Deshalb war ich da und habe dich hinter deinem Treppengeländer gesehen. Nicht das beste Versteck zum Lauschen, mal nebenbei bemerkt.“ Er stockte kurz. „Als ich am nächsten Tag wieder dort war, sah ich dich gerade mit einem anderen Mädchen die Treppe in den Keller runterschleichen. Du warst totenblass und hast mich nicht gesehen.“ Plötzlicher
Ernst flutete seine Stimme und aus seinem Gesichtsausdruck war jeder Spott
verschwunden. „Ich musste eine ganze Zeit warten und war dann noch lange Zeit in
Boikas Büro. Als ich wieder zur Tür ging, musste ich nah an der Treppe vorbei und
da hörte ich die Schreie aus dem Keller.“ Seine Augen unterbrachen für einen
Moment den Blickkontakt zu Cara, als sich die schmerzlichen Erinnerungen und die
Scham auf ihrem Gesicht abzeichneten. Leise sprach er weiter. „Ich wusste nicht,
was ich tun sollte. Ich wollte dir helfen, keine Frau sollte so unter einem Mann leiden
müssen, aber gleichzeitig konnte ich auch nicht den gerade wieder frisch besiegelten
Waffenstillstand gefährden. Ich bin gegangen und habe gehofft, dass du irgendwann
eine Chance bekommst…“ Er hob die Augen wieder und sah Cara erneut offen ins
Gesicht „Einen Tag später erfuhren wir, dass Boika ein Mädchen abhandengekommen war. Ich habe mich los gemacht dich zu finden, denn ich ahnte, dass sie nach dir suchen würden. Fänden sie dich, wärst du tot. Und das gilt übrigens noch immer. Ich kenne diese Stadt schon mein Leben lang und habe alle Verstecke abgesucht, die du gefunden haben könntest, und wo rennst du rum? Ohne Schutz und ohne einen Plan völlig offen in der Stadt. Ich konnte nicht viel mehr tun, als dich
zu beobachten und darauf zu hoffen, dass sie dich vor der Nacht nicht finden. Aber
ganz ehrlich, sicher ist keiner davon ausgegangen, dass du so dumm sein würdest in der Altstadt mitten am Tage aufzukreuzen.“
Cara wollte gerade Luftholen, um ihm die Meinung zu geigen, als er ihr einfach das
Wort abschnitt und weitersprach. Diesmal wieder etwas sanfter, denn zum Ende hin
hatte er sich wieder in Rage geredet.
„Was aber dein Glück war. Ich konnte dich nicht früher holen. Hätte man mich mit
dir gesehen, wäre die Vereinbarung zwischen Boika und Judas hinfällig…“
„Judas?“ Cara war verwirrt.
„Ja, das ist sein Name. Du wirst schon sehen warum. Deshalb habe ich hier auf dich
gewartet, als ich mitbekam, wie du den alten Mann nach dem Weg fragtest. Und du
stellst dich an wie ein bockiges Kleinkind und versuchst mit allen Mitteln zur Botschaft zu kommen, wo Boikas Bluthund Erik längst auf dich wartet. Er sieht zwar nicht so aus, aber dumm ist er nicht. Er geht davon aus, dass du allein und verängstigt bist und wieder nach Hause willst.“ Er bedachte sie wieder mit einem abschätzigen Blick. „Nun, zumindest ‘verängstigt‘ kann er von der Liste streichen.“ Belustigt blickte er auf Caras zusammengezogene Augenbrauen, ihren störrischen Ausdruck und erinnerte sich an ihre lebhafte Gegenwehr. Wie auf ein Zeichen hin, sah Cara auch, als er den Kopf ein wenig drehte, die roten Striemen über seiner Wange. Sie hatte ihn jedenfalls getroffen.

Es stimmte, verängstigt war sie an sich nicht, aber diese Begegnung warf mehr
Fragen auf, als sie beantwortete. Was sollte sie jetzt tun? Ihm vertrauen? Doch zur
Botschaft gegen? Doch was, wenn er Recht hatte und dort wartete tatsächlich jemand
von Boikas Leuten auf sie? Unsicher sah sie zu ihm auf. Sein Gesicht zeigte jetzt
wieder den üblichen spöttischen Ausdruck, der sie so ärgerte, aber seine Augen
sahen sie offen an und sie hatte das Gefühl, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Auch
wenn das nicht erklärte, warum er sich solche Mühe bei ihrer Rettung gegeben hatte.
Zumal er sie gar nicht kannte. Nur aus Mitleid? Warum hatte sie das Gefühl, das
noch zu bereuen?

„Also gut“, seufzte sie, „Was wäre der Plan, wenn ich mit dir ginge?“
„Du kommst erst mal mit zu Judas, der erklärt dir alles weitere. Dann kümmern wir uns um das verletzte Bein und danach schläfst du dich aus. Deal?“
Was lag ihm nur so an ihrer Rettung? Wenn es denn wirklich eine Rettung war. Aber
hatte sie alternativen? Die Botschaft, wo man auf sie wartete? Sich weiter allein
durch Prags Straßen zu schlagen? Und ihr Bein brauchte dringen einen neuen
Verband und sie einen Ort zum Schlafen. Sie seufzte tief.
„Deal“, willigte Cara trotzdem ein. Ein Bett, eine Mahlzeit und Verbandszeug kamen ihr im Moment wie Luxus vor. Er quittierte das mit einem Nicken.
„Hättest du auch einfacher haben können“, meinte er lapidar und drehte sich zur
Brücke. Cara schnaubte nur.
„Eins musst du mir noch verraten, bevor wir fahren… wie bist du entkommen?“
Ihr Gesicht versteinerte sich bei dem Gedanken an Anna, der sie unwillkürlich
durchzuckte. „Ich habe von einer Freundin den Tipp bekommen, dass ein Fenster
aufgeht. Im zweiten Stock. Ich bin auf einen LKW aufgesprungen.“ Den Müll ließ
sie mit Absicht weg.
Er pfiff leise anerkennend durch die Zähne. „Und deine Freundin? Warum ist sie
nicht mit dir mitgekommen?“
„Eine Kurzschlussreaktion meinerseits“, antwortete sie knapp und er gab sich mit
einem Schulterzucken damit zufrieden. „Wie heißt du überhaupt? Wenn ich mitgehe,
sollte ich doch wissen, mit wem ich mitgehe. Nicht mit Fremden mitgehen und
so...“ Cara überspielte gekonnt lächelnd ihre Unsicherheit.
Überrascht blieb er stehen und sah sie an. „Frey.“
Sie nickte. „Ich bin…“
„Cara. Ich weiß. Komm. Wir sind allein auf der Brücke, der Moment ist günstig.“ Er
fing ihren eingeschnappten Blick auf und streckte ihr die Hand entgegen, doch Cara humpelte erhobenen Hauptes an ihm vorbei.
Frey grinste in sich hinein, was ihm für einen Moment ein fast jungenhaftes
Aussehen verlieh, dann wurde sein Gesicht wieder ernst, als er sich umsah.
Er hielt Cara seinen Motorradhelm hin und schwang sich auf den Sattel seiner BMW
nineT Scrambler. Abwartend sah Frey sie an. Sie straffte nur die Schultern, setzte
den Helm auf und versuchte vorsichtig sich auf das Motorrad zu setzten ohne das
kaputte Bein zu sehr zu belasten.
„Halt dich am Besten an mir fest“, erklärte er, als sie keine Anstalten machte sich
irgendwo festzuhalten. Demonstrativ verschränkte Cara die Arme vor der Brust. Er
wandte den Kopf zu ihr und knirschte mit den Zähnen.
„Cara, das ist dumm!“ Unterdrückte Wut ließ seine Augen blitzen. Ungerührt sah
sie ihn an.
Bitte, das konnte sie haben, sie würde schon sehen, was sie davon hatte. Frey startete
und beschleunigte im gleichen Moment ziemlich nach vorne. Cara drohte den Halt
zu verlieren und schlang ganz automatisch die Arme um seine Taille, während sie
über die Brücke rasten.
„Mistkerl!“, dachte sie noch, sein unterdrücktes Grinsen wahrnehmend, als er sich leicht zu ihr umsah.
Während sie durch die Stadt fuhren und offensichtlich die Hauptverkehrsstraßen
mieden, dachte Cara über ihre Unterhaltung unter dem Torbogen nach. Dieser Frey
schien auch kein unbeschriebenes Blatt zu sein. Wie er zu ihr gesagt hatte, dass sie
von ihnen beiden die Überlebenskünstlerin sei. Ganz so, als wäre er es. Und
überhaupt die Tatsache, dass sein Chef in direkter Konkurrenz zu Boika stand,
bereitete ihr Kopfschmerzen. Wo war sie da nur wieder hineingeraten?
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