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Mehr Glück im nächsten Leben

Kurzbeschreibung
GeschichteTragödie, Action / P18 / Het
Alecto Carrow Avery Evan Rosier Marlene McKinnon Rabastan Lestrange Severus Snape
06.06.2022
15.08.2022
5
23.886
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Dieses Kapitel
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06.06.2022 4.006
 
I.
Ein abschreckendes Beispiel

Eine Fortsetzung der Stimmen des Ersten Zaubererkriegs


Testleserin: Ankh sun Amun
Beta/Korrekturfee: Eve001





Wenn Avery eines in seinem Leben gelernt hatte, dann Folgendes: In der Liebe fand er heraus, wer er sein wollte. Wohingegen der Krieg ihm zeigte, wer er war.


Seine Augen rollten unter den geschlossenen Lidern umher. Sehnsüchtig jagten sie den Lichtblitz. Ein Irrlicht jenseits des Ozeans aus Schwärze. Feiner Sand klebte auf Averys Netzhaut. Ein Vorhang der zwischen ihm und der Realität stand. Jemand sprach. Die Worte erreichten sein Bewusstsein als Brei unverständlicher Laute.

Doch diese Stimme war rauer als die seines Verfolgers. Erleichtert trieb das Irrlicht höher. Und Avery mit ihm. Offenbar hatte er es letztendlich geschafft, Potter abzuschütteln. Die Dunklen Künste, derer er sich dafür hatte bedienen müssen, waren nicht verboten. Begeisterungsstürme dürfte er dennoch keine erwarten, wenn seine Arbeitskollegen davon erführen. Und das würden sie. James Potter war schon immer eine Petze gewesen.

In der Gewissheit sank Avery zurück in die Finsternis, die seinen Geist umklammert hielt. Tiefer und tiefer in gnädiges Vergessen. Das Irrlicht flackerte oberhalb dessen. Geriet in die Ferne. Er griff danach. Erreichte es aber nicht. Die schwarze Präsenz zwischen ihm und der Welt außerhalb pulsierte. Wollte ihn nicht gehen lassen. Doch ein beißender Geruch brachte ihm in Erinnerung, dass es mehr als drei Sinne gab. Stach ihm ins Bewusstsein und peitschte Avery auf. Es stank, als hätte ihm jemand direkt unter das Kinn gepisst. Murrend bemühte er sich, seinen Kopf von der Quelle wegzudrehen. Schaffte es nicht. Etwas hielt ihn fest.

„Durchtrenn den Faden“, empfahl Nott und wedelte erneut mit einem Stäbchen unter Averys Nase herum. „Ammoniak hilft. Keine Sorge. Die schwarzmagischen Viecher sind kaum zu kontrollieren. Ging jedem von uns schon mal so, Junge.“
Die Schärfe trieb Avery die Tränen in die Augen und spülte den Sand von den Netzhäuten.
„Hast du’ne Kippe?“
„Weißt du wie die Lunge von Rauchern, aussieht, Junge?“, fragte Nott und sah mahnend zu ihm hinab.
„Klär mich auf. Aber erst nachdem ich eine geraucht habe.“
„Wie in Teer gewälztes Hackfleisch.“
„Du malst mit Worten.“
„Immer noch ein kleiner Witzbold, hm?“, fragte Nott und legte endlich das Ammoniak-Stäbchen beiseite. Mit einem hatte der alte Knochen recht. Das Band war zerrissen. Avery starrte auf eine Holzdecke. Zwischen den Balken tummelten sich Spinnenweben. Das Gebälk schien ein Eigenleben entwickelt zu haben. Sie wogen unter dessen Atemzüge.
„Wo bin ich?“
„‚White Wyvern‘.“
„Wie bin ich hier hergekommen?“, fragte Avery und versuchte, sich aufzurappeln. Das Echo folgte prompt. Seine Arme versagten ihm den Dienst. Noch bevor Nott etwas sagte, kannte Avery die Antwort.
„Eines der Mädchen vom ‚Msaw Ætare‘ hat dich gefunden. Du hast eine Menge Blut verloren. Und wie ein Wahnsinniger geschrien, während du orientierungslos herumgeirrt bist.“

Angewidert von dem Zustand seiner Arme pendelte Averys Blick umher. Frisch gepelltes Fleisch. Als hätte jemand mit roten und gelben Filzmarkern auf seiner Haut herumgemalt. Nicht einmal das Dunkle Mal auf dem Unterarm war noch zu erkennen. Avery schüttelte den Anblick ab, suchte nach Ablenkung und sah zu den Geräuschen. Hin zur Theke. Rauchende Gläser unter schütteren Hinterköpfen. In die Jahre gekommene Roben. Männer mit Gesichtern so rissig wie der Putz in seinem Büro. Sie passten zum urigen Charme des „White Wyvern“ der mehr mit einem Kotzkübel gemein hatte, als mit einem weißen Drachen. Nott verbrachte hier den Großteil des Tages, seit er aus dem St. Mungo verbannt worden war. Die Todesser nannten es hinter seinem Rücken scherzhaft „seine Praxis“.

„Ich wusste, dass ich heute einen von euch Kindern auf dem Tisch haben würde“, sagte Nott, der einen Tupfer mit einer schmierig gelben Flüssigkeit tränkte.
„Du hättest Wetten annehmen sollen.“
„Gegen wen?“
Mit einem Nicken deutete Avery hinüber zur Theke.
„Der Wirt sieht aus, als hätte seine Mutter nähere Bekanntschaft mit einem Troll gemacht. Das hätte klappen können.“
Der Tupfer näherte sich seinem Arm. Avery spannte sich an. Klemmte die Knöchel und Füße um die Tischbeine des notdürftigen Lazarettes. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals und bittere Magensäure schoss hinterher. Doch die Explosion blieb aus.
„Werd‘ endlich erwachsen, Junge“, fuhr Nott mit seinen Belehrungen fort und griff hinter sich. Legte sich ein Glas an die Lippen und nahm einen kräftigen Zug. Der Schnaps lief ihm aus dem Mundwinkel, ohne dass er ihn wegwischte.
Ein verzweifelter Schluchzer der Erleichterung quetschte sich an Herz und Magensäure vorbei. Ein Jucken in der Lunge blieb zurück. Unbändig wie Durst. Avery brauchte wirklich dringend eine Zigarette. Schielte hinab. Wurde enttäuscht. Bis auf seinen Zauberstab hatte er alle seine Habseligkeiten im Ministerium gelassen. Im Klartext: Weder Pfund noch Gold. Und erst recht keine Kippen.
„Was bekommst du für’s Zusammenflicken?“, fragte er in dem Wissen, dass er ohnehin viel zu knapp bei Kasse war um die Tränke, die Nott ihm die Arme träufelte, zu bezahlen.
„Wir finden schon was.“
„Mein Zauberstab ist ein echter ‚Silver Spears‘“, feilschte Avery. „Aus dem achtzehnten Jahrhundert. Durch die kleine Eiszeit damals hat das Espenholz einen langsameren Wuchs und eine höhere Dichte. Der Kern ist-“
„Steck‘s dir“, unterbrach Nott ihn und sah auf. Ein Krachen. Die Tür war aufgestoßen worden und fiel nun wieder ins Schloss. Es lag außerhalb von Averys Blickwinkel. Jemand fluchte.
„Aber-“
„Sieh’s als eine Art Litha-Geschenk, mein Junge.“
„Pump aber stattdessen nicht ... Vater an, in Ordnung?“
Die Erwähnung Aleisters klebte Avery die Zähne zusammen. Wie war das noch? In Teer gewälztes Hackfleisch? So fühlte sich seine Zunge an. Nott ging weiter seiner Arbeit nach.
„Mein Junge-“
„Ich bin nicht dein Junge.“
„Mein Junge“, beharrte der Heiler, „ich hab dich zwischen den Beinen deiner Mutter hervorgezerrt. Die Nabelschnur durchgeschnitten. Dich voller Blut und Käseschmiere in die Arme deines Vaters gelegt.“
„Und das war der Anfang vom Ende“, stöhnte Avery.
„Fürwahr. Welch unglückseliger Tag für die Zaubererschaft.“
Dieser elendig getragene Singsang stach Avery in den Ohren. Giftgrüne Augen tauchten über ihm auf. Walnussfarbene Locken, gekörnt von einem bestickten Hütchen. Dazu dieses blasierte Grinsen. Avery suchte das Gebälk nach Nägeln ab, mit denen er Rosiers hübsches Gesicht hätte spicken können. Was – um alles in der Welt – fand Alecto nur an ihm?
„Der Juli stand ohnehin unter einem schlechten Stern. Grauenvolle Omen und desaströse kosmische Schwingungen.“
„Mai“, korrigierte Avery ihn. „Ich bin ... im Mai geboren.“
Als ob es darauf ankäme.
„Sicher schwere Sonnenwinde“, fuhr Rosier ungerührt fort, nahm sich einen Stuhl und setzte sich breitbeinig neben ihm. „Oder Meteoriten-Einschläge.“
„Wo, Rosier, wo? Auf welchem Planeten? Und wen kratzt das überhaupt?“
„Ein jener, selbst der kleinste Zirbelsamen ist mit dem Kosmos verbunden. Alles ist bloß ein Konzert tanzenden Sternenstaubs.“ Rosier wedelte mit der ausgestreckten Hand und wies Nott an, weiterzumachen. „Voller Bewunderung und Anbetung sehe ich in die Gestirne und erblicke das Antlitz der Göttinnen.“
„Bitte, geh einfach wieder. Weide dich an jemandes anderen Elend.“
„Was macht der da hier?“, fragte Nott und deutete über Rosier hinweg. Dabei strafften sich seine Schultern, als würde er gleich ausflippen. Der Anblick der dürren Gestalt, in den viel zu großen Roben, hob Averys Laune jedoch beträchtlich. Severus stand mitten im Schankraum und wischte sich mit dem Ärmel über die Wange.
„Hier stinkt’s nach Halbblut. Findet ihr nicht auch?“, stichelte Nott.
„Bleib locker. Snape ist-“
„Ein geschätztes Mitglied unserer Bruderschaft“, schnitt Rosier Avery das Wort ab. Mit erhobenem Zeigefinger zitierte diese Hämorride Severus herbei.
„Solltet ihr nicht in Hogsmeade sein, Kinder?“
Bei der Erwähnung des verschlafenen Ortes rastete etwas in Averys Gedanken ein. Alecto. Sie war sicher dort gewesen, während des Angriffs. Seine Arme fühlten sich weiterhin an, als hätte jemand flüssiges Blei in die Venen gegossen, doch Avery versuchte, sich aufzurichten.
„Der Dunkle Lord wird Verständnis dafür haben, dass du nicht da warst, Junge.“
„Was ist mit Alecto? Hast du was von Amycus gehört?“
Rosier winkte ab. Betrachtete dann die Vielzahl von Klunker, die er an den Fingern trug.
„Erst Hogsmeade und danach waren wir für die Sprengung Druckerpresse im ‚Tagespropheten‘ zuständig“, erklärte Severus.
„Habt ihr sie nicht gesehen?“
„Lausch den Worten des Halbbluts. Es erspart uns unnötige Fragen“, sagte Rosier.
„Na vielen Dank auch.“ Nott tränkte den Tupfer erneut mit der eiterfarbenen Lösung. „Dann darf ich morgen früh meine faltige Alte ansehen anstatt das Rätsel im ‚Tagespropheten‘ zu lösen.“
„So spricht der erfüllte Ehegatte.“
Erleichtert sank Avery zurück. Offenbar war Alecto in Sicherheit. Sonst hätte Rosiers Hofdrache Amycus schon halb Hogwarts in Schutt und Asche gelegt. Trunken von der Glückseligkeit dieser Erkenntnis sah Avery zu Severus, der neben ihm in die Hocke ging.
„Was ist mit dir passiert?“
„Frag Rosier, ob ich eine von seinen Zigaretten bekomme“, antwortete Avery.
Zögerlich wanderten Severus Brauen hinauf. Falten bildeten sich auf seiner Stirn. Dann murrte er: „Rosier. Gib Avery eine Zigarette.“
„Ich habe seine Worte unlängst vernommen.“
„Und?“
„Ich negiere sein Begehr untertänigst.“
Severus hob entschuldigend die Schultern an.
„Da kann man nichts machen.“
„Beschissener Tag“, fasste Avery seine Situation passend zusammen.
„Wieso bist du verletzt?“, fragte Severus erneut.
Vorsichtig tastete er nach Averys Stirn und kräuselte die Lippen zu einem nachdenklichen Kussmund. Das war seine Art, ihm seine Zuneigung zu zeigen. Vor der Berührung flüchtend, drehte Avery den Kopf.
„Meine Tarnung als Obliviator hat verlangt, dass ich gegen den Dunklen Lord kämpfe.“
Daraufhin passierte dreierlei. Rosier lachte – aber viel zu laut, als hätte bloß er den Witz darin verstanden. Nott schmunzelte ebenfalls, doch an der Art, wie er es tat, merkte man, dass er nicht begriff, was daran so witzig sein sollte. Severus‘ Blick pendelte zwischen ihnen her. Unschlüssig wie er das Gesagte einzuschätzen hatte.
„Bist du lebensmüde, Junge?“
„Ich hatte keine Wahl.“
Das Donnerwetter, das Severus offenbar von Nott oder Rosier befürchtet hatte, blieb aus. Er wirkte erleichtert. Beim Lächeln zeigte er eine Reihe fleckiger Zähne.
„Dein vielwerter Vater wird sicher frohlocken, wenn man dich als Verräter vierteilt“, sagte Rosier.
„Er ist kein Verräter“, widersprach Severus. Avery hasste die Art, wie er ihn dabei ansah. Die nachdenklich halbgeschlossenen Lider, den zur Seite geneigten Kopf, gepaart mit dem Scheppern und Klappern aus der Robentasche. Das bedeutete nie Gutes. Hatte es nie. Sein Freund wühlte weiter, griff nach etwas und zog eine Phiole hervor, die der Notts verdächtig ähnlich sah. Mit den Zähnen entkorkte er sie und kippte den Inhalt blindlings über Averys Oberarm. Die Explosion, die Avery eben noch erspart worden war, schlug jetzt doppelt so hart zu. Ein Schrei löste sich aus seiner Kehle, als das Zeug wie Feuer auf seinem Arm lichterloh zu brennen begann.
„Deswegen tupfen. Nicht kippen“, belehrte der Heiler ihn.
„Wir haben es eilig. Averys Wohnung hatte Aurorenbesuch.“
Da schuf man einmal keine Schutzbanne am Morgen und - zack – hatte man die Exekutive am Hals.
„Woher weißt du das?“, krächzte Avery zähneknirschend.
„Du schienst wie vom Erdboden verschluckt“, ergriff Evan das Wort, „also war ich guter Dinge deine sterblichen Überreste in deiner Wohnung aufzufinden. In der innigen Hoffnung, der langgehegte Traum würde endlich wahr, wollte ich als erstens in den Genuss kommen. Doch ich wurde enttäuscht. Wie so oft. Dieses widerliche Ungeziefer, welches dir gegenüber haust, sprach mich an, während ich in deiner verwüsteten Wohnstatt wandelte. Hat großmütig damit geprahlt. Ein Polizist in Kleidern und scharlachrotem Mantel. Snape kam wenig später hinzu.“
Randall Williamson. Auror. Sie alle hatten von ihm gehört. Eine Seuche.
„Es gibt immer ein nächstes Mal, Rosier. Gib die Hoffnung nicht auf“, witzelte Avery und entlockte dem Fatzke ein schiefes Lächeln.
„Heiler Nott“, sagte Severus, stand auf und wechselte abrupt das Thema. „Turais muss untertauchen. Schnell. Kann ich den Rest übernehmen?“
„Immer langsam. Das Ministerium traut sich schon längst nicht mehr in die Nokturngasse. Hier seid ihr sicher, Kinder.“
„Es schmerzt mich zutiefst, dem Halbblut zustimmen zu müssen, doch wir sollten keine Zeit vergeuden.“
„Mich schmerzt was ganz anderes, Rosier.“
Seine dumme Fresse. Gleich neben ihm. Die unheimlichen Blicke, die das wandelnde Magengeschwür ihm zuwarf. Die Gesichtszüge verdunkelten sich weiter.
„Ein unvorhersehbarer Umstand ist eingetreten. Gib mir dein Wort, dass du nicht blindwütig losstürmst.“
„Beim Rauchen kann man so schlecht rennen“, erwiderte Avery.
Seufzend zückte Rosier sein Etui. Klappte es auf. Widerwillig nahm er eine seiner Zigaretten, legte den Filter an die Lippen und gab sich mit der Spitze des Zauberstabs Feuer. Paffte daran und klemmte sie danach Avery in den Mundwinkel. Der tiefe, genüssliche Zug und der Rauch, der seine Lungen flutete, wurde irrelevant, als Rosier sagte: „Wir haben Alecto nicht selbst gesehen. Doch ich habe Kunde von ihr erhalten. Rabastan, er hat mitangesehen, wie ein Auror ihrer in Hogsmeade habhaft wurde.“
„Aber Lestrange hat ihr sicher geholfen, nicht wahr?“
Auf den Tisch vor Schmerzen kauernd klammerte Avery sich an den letzten Krumen Hoffnung. Obwohl er die Antwort längst kannte. Rosier schüttelte den Kopf. Steckte sich selbst eine an und sprach mit einer Grabesstimme: „Mitnichten. Williamson hat ihr Mal entdeckt. Sie wurde nach Hogwarts gebracht. Von dort aus ... wird sie sicher nach Askaban deportiert werden.“
Avery rührte sich nicht, wagte nicht, auch nur eine Bewegung zu machen. Solang der Augenblick nicht verging, konnte er die Wahrheit leugnen. Der Filter fiel ihm aus dem Mundwinkel. Die Zigarette kullerte auf den Dielen davon. Der nächste Atemzug eine Überwindung. Alles schmerzte. Er hatte in seinem Leben schon oft Angst gehabt, auf so viele Arten, aber noch nie zuvor war er so entsetzt gewesen, wie in dem Moment, als er begriff, dass er sie nie wiedersehen würde.
„Turais?“
Mit rasenden Herzen rappelte sich Avery auf. Wischte sich Tränen aus dem Augenwinkel. Severus’ Lippen bewegten sich wie in einem Stummfilm. Charlie Chaplin der eine anrührende Rede hielt. Doch ohne Ton. Und ohne Sepia-Stich. Die Welt ausgemalt von einem schmierig grauen Pinselstrich. Das Pochen seines Pulses war ein tiefer Bass, der über all dem lag. Die Ausgangstüre des „White Wyvern“ kam näher. Ebenso wie der Gedanke, der sich wie ein Flüstern zu formen begann.
Nein. Das ist nicht wahr.
Anstatt seine eigene Haut zu retten und Alice Longbottom den Helden vorzuspielen, hätte er Alecto beistehen müssen. Er malte sich die Horrorbilder aus, was ihr zustoßen würde. Oder schon zugestoßen war. Eine Zelle. Wände die einen zu ersticken drohten. Furchen, die vor blanker Verzweiflung mit Fingernägeln in den Stein geschlagen worden waren. Keine Wärme, weder durch das karge Stroh am Boden, noch durch die Häftlingslumpen.

Averys Hand ertastete den Zauberstab im Hosenbund. Der Schmerz flutete einen Teil seines Verstandes. Der andere war weg. Weit weg. In Hogsmeade. Dort, wohin das Herz ihn zog.
Ehe seine Füße gänzlich das Kopfsteinpflaster der Nokturngasse berührten, wehte ihn der Strudel aus Magie fort. Der Appariervorgang schuf ein Gefühl, des In-alle-Richtungen-gleichzeitig-Stürzen und garnierte es mit dem Eindruck, als würde eine Hand einem durch den Hals in den Magen lagen. Bloß um dann von innen nach außen gestülpt zu werden, wie eine Manteltasche, die voller Tabakkrümel war.
Avery schloss die Augen und als er sie wieder öffnete, entstand ein Hogsmeade vor ihm, in Rauch und Trümmern. Hitze wallte durch seinen Körper, gefolgt von einer merkwürdigen Kälte. Mit der Intensität eines Donners trat die Wirklichkeit an ihn heran. Er hörte Stimmen. Klagende Rufe. Teilweise panisch, viele verzweifelt. Avery konzentrierte sich mühsam. Spannte die heiß tobenden Gliedmaßen an und rannte los.
„Alecto!“
Sein Ausruf wurde ein Teil der allgegenwärtigen Schreie. Nichts erinnerte mehr an den verschlafenen Ort, den Avery so oft besucht hatte. Wo er gemeinsam mit ihr gelacht hatte. Die Straße, der er folgte, war er das letzte Mal Hand in Hand mit ihr entlang gegangen. Dort, beim „Honigtopf“ hatte sie aus dem Rauch der Pfefferkobolde Ringe in die Luft geblasen.
Scherben knacksten unter Averys Sohlen. Der Besitzer des „Honigtopf“ versuchte, die Ladentüre wieder einzuhängen. Ein sinnloses Unterfangen, denn an Stelle der Zargen, klaffte ein riesiges Loch in der Wand. Die Fenster der umliegenden Geschäfte hatten der Hitze nicht mehr standgehalten. Ebenso die Dächer. Aufgeplatzt wie reife Früchte. Rauch pumpte aus jeder Ritze und griff in den Himmel. Beinah wäre Avery in Madame Puddifoot gerannt. Er streifte ihre Schulter und geriet ins Straucheln. Sie hielt sich die Stirn und starrte ihn entgeistert an. Blut entstellte ihre mütterlichen Gesichtszüge. Ohne ihr gutmütiges Lächeln wirkte sie wie ein Gespenst. Avery irrte weiter, ebenso wie sie selbst.

„Hat jemand Alecto Carrow gesehen? Alecto Carrow? Eine Slytherin, karamellfarbenes Haar. Grünblaue Augen. Das Gesicht voller Sommersprossen“, schrie er heiser gegen das Chaos an.
Die Panik hielt ihn wie ein Panzer aus Gestein. Sein suchender Blick glitt über eine Ansammlung von Leichen hinweg. Sorgsam waren ihre Augen geschlossen worden. Die Arme gekreuzt. Ein Schüler mit Hufflepuff-Krawatte. Kaum älter fünfzehn. Daneben die Besitzerin von „Zonko’s“. Die kunterbunten Sterne auf ihrer Robe waren ein bizarrer Kontrast zu ihrer bleichen Haut. Alecto war nicht unter ihnen. Also betrafen auch die Tränen der umstehenden Hexen und Zauberer ihn nicht. Er schwenkte den Kopf. Eine der Nebenstraßen war mit Trümmern verbarrikadiert worden. Davor stand ein Auror und blaffte einen Brigadisten an. Zu ihren Füßen lag ein Todesser. Die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen und die Zähne für immer gefletscht. Die dazugehörige Maske keine drei Schritt entfernt.
Was war hier passiert?
Avery erkannte immer mehr Gestalten in schwarzen Roben am Boden. Durch einen Leichnam liefen gezackte Risse die gesamte Brust hinab. Unterhalb der Hüfte war er in tausend Teilen zersprungen. Hatte er noch geschrien? Nach seinen Liebsten gerufen? Zitternd ging Avery weiter. Krallte sich an den Griff seines Zauberstabes, als wäre es das Einzige, was ihn aufrecht hielt. Suchend schweifte sein Blick umher. Eine wankende Gestalt schlug träge nach ein paar Krähen. Die hackten mit den Schnäbeln auf das Gesicht ein. Rissen brocken heraus und schlangen sie hinab. Ein Vogel zielte direkt auf das Auge. Die Hitze hatte dem Körper zugesetzt. Der Magen war aufgebläht, doch die sonstige Fäulnis noch nicht so weit fortgeschritten.
Falls Avery in Hogwarts eindringen musste, würde Hilfe nicht schaden. Er atmete aus. Noch nie hatte er die Kontrolle über jemandes anderen Inferius übernommen. Doch irgendwann war immer das erste Mal.

Plötzlich rief jemand seinen Namen, wie auch schon vor ein paar Sekunden. Dennoch sah Avery an sich hinab. Was konnte er für den Inferius opfern? Backenzähne besaß er kaum noch welche. Prüfend hielt er seine Linke in die Abenddämmerung. Einen Finger. Seinen Arbeitskollegen könnte er erzählen, dass er ihn beim Kampf gegen den Dunklen Lord eingebüßt hatte. Ehe er sich abschließend für einen entscheiden konnte, wurde er an der Schulter gepackt und herumgerissen.
Schwarze Iriden starrten ihm zornig entgegen. Fettige Strähnen baumelten davor.
„Hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren?“
„Diese Frage erübrigt sich“, fügte ein Zweiter hinzu. „Du blickst in das Antlitz eines Wahnsinnigen.“
„Ihr wusstet es!“, schrie Avery ihnen entgegen.
Vergessen war der Inferius. Jetzt entlud sich all die Verzweiflung und Hilflosigkeit. Keine Worte. Und auch kein Zauberspruch. Bloß eine Zauberstabspitze, die sich in Rosiers Hals bohrte.
„Überleg dir genau, was du jetzt tust“, fauchte der.
Avery wollte ihn töten. Mehr als das. Er wollte ihn leiden sehen. Für Alecto. Dafür, dass er sie nicht beschützt hatte. Nichts unternommen hatte. Im „White Wyvern“ dumme Witze gerissen hatte, anstatt ihr zur Hilfe zu eilen. Als Avery in die weit aufgerissenen, grünen Augen blickte, sah er Alectos. Wie Angst und Tränen in ihnen schwammen, weil sie sich in der Zelle weinend zusammenkauerte. Bis nichts mehr von ihr übrig bleiben würde, außer einer verstandlosen Hülle.
„Turais“, warnte Severus ihn sachte.
„Nur ein falsches Wort von einem von euch und ihr werdet den Satz nicht beenden.“
„Avery ... Hör zu“, bat Rosier und schluckte schwer. Sein Adamsapfel trat dabei deutlich hervor. „Ich habe nach ihr gesucht. Doch das hier war ... ein Gemetzel“ Er sah suchend zu Severus und fügte gedämpft hinzu: „Wir sind geflohen. Mulciber, Snape und ich.“
„Aber klar. Du Feigling. Von wegen ‚ihr Ritter‘. Sei nur einmal in deinem verdammten Leben ehrlich und gib zu, dass sie bloß eine Nummer in deiner Rekruten-Statistik war. Genau wie ihr Bruder.“
„Falls es dir hilft, diesen herben Schicksalsschlag zu ertragen, bitte“, erwiderte Rosier trotzig. Griff in aller Ruhe und ohne Hast nach dem Zauberstab an seiner Kehle.
„Erhebst du den Zauberstab gegen mich, bist du tot.“
„Und warum? Weil ich mir nicht einbilde, dass ich in deinem Zustand da oben reinkomme?“ Rosier wies zum Schloss hinauf. „Das ist Wahnsinn. Und das weißt du selbst. Du bist nur nicht bereit das zu akzeptieren.“
„Und was soll ich stattdessen tun, hm? Witzchen reißen? Sie vergessen? Sie in Askaban verrotten lassen? Ich muss einen Weg finden. Du verstehst das nicht, weil-“
„Weil ich sie nicht so liebe? Wie du?“, schnitt Rosier ihm Wort ab.
„Ja.“
„Dann hast du ja deine Antwort. Und besitz endlich die Güte, den Zauberstab wegzunehmen. Ich bin nicht dein Feind. Verstehst du mich?“
Weder Feind noch Verbündeter. Averys Hand sank samt Zauberstab hinab. Er zog die Nase hoch. Wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Drehte sich um und trottete weiter in Richtung Schloss. Ihr Gespräch war nicht unbemerkt geblieben. Drei junge Zauberer, die an solch einem Schauplatz die Köpfe zusammensteckten und tuschelten, hatten nur Schlechtes im Sinn.
„Wir suchen einen der Professoren und fragen.“
Es war Severus, der Andeutungen machte, ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Doch er ließ es bleiben. Avery nickte stumm.
„Welchen Sinn soll dieses Unterfangen verfolgen?“
Severus schnaubte und murmelte dann: „Wenn es dir nicht passt, verschwinde.“
Danach gingen sie stumm nebeneinander her. Rosier musterte die zerstörten Fassaden. Die Leichen. Rieb sich über die Arme, als könnte er die Schuld abstreifen. Severus hielt den Blick gesenkt und widmete sich seinen Schuhen. Niemand behelligte sie. Je näher sie dem Schloss kamen, desto mehr Menschen kreuzten ihren Weg, die verzweifelt nach ihren Kindern oder Angehörigen riefen. Eine Ansammlung von ihnen schuf Hoffnung. Avery beschleunigte den Schritt. Auf halbem Wege erkannte er eine Stimme, die er in der Schulzeit zu hassen gelernt hatte. Der schottische Akzent gepaart mit dem Spitzhut, der über den Köpfen der Umstehenden herausragte, ließ nur einen Schluss zu. Er drängte sich rücksichtslos an den Leibern vorbei und ignorierte das Trommelfeuer aus Vorwürfen, das auf die Professorin niederging.
„Professor McGonagall“, spie Avery und griff nach ihrem Arm. Ein gequältes Gesicht voller Ruß versteckte sich hinter den Brillengläsern. Der Spitzhut hing schief und einzelne Strähnen hatten sich aus ihrem Haarknoten gelöst.
„Mr. Avery“, erwiderte sie und entzog ihm den Arm wieder. „Haben Ihre Leute hier noch nicht genug angerichtet?“
„Ich ... ich habe gegen Sie-wissen-schon-wen im Ministerium gekämpft“, verteidigte Avery sich und hielt ihr den linken Unterarm entgegen, der immer noch kein Dunkles Mal aufwies. Nur verätztes Gewebe und eitrige Blasen.
„Dafür sehen Sie aber recht lebendig aus. Sind Sie sicher, dass er Anhänger nicht grundsätzlich verschont?“
„Ich bin kein Todesser.“
„Was wollen Sie von mir?“, fragte die Professorin und musterte ihn angewidert.
„Wissen Sie etwas über Alecto Carrow? Ich möchte doch nur-“
„Oh, ich weiß ganz genau, was Sie herumtreibt, Mr. Avery. Glauben Sie ernsthaft, dass wir Ihre kleine Romanze und Mr. Rosiers Machenschaften in Hogwarts übersehen haben?“, unterbrach die Professorin. Die umstehenden Menschen musterten ihn voller Argwohn. Manche versuchten, ihn zur Seite zu drängen.
„Der Schulleiter und der Auror haben Miss Carrow fortgebracht. Beantwortet das Ihre Frage?“
„Sie ist ... in?“
„‚Hogwarts‘ steht nicht über dem Gesetz. Das Ministerium fährt eine klare Linie. Aber da erzähle ich Ihnen nichts Neues, nicht wahr? Sehen Sie es als abschreckendes Beispiel für Ihresgleichen. Und jetzt gehen Sie mir aus den Augen und akzeptieren, dass Sie und Mr. Rosier es waren, die Miss Carrow ins Verderben gestürzt haben.“

Das Märchen, in das Avery sich für ein paar idyllische Monate hatte flüchten können, war zerstört. Das „sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage“ rückte in unerreichbare Ferne. Die Erkenntnis nagte an den letzten Fetzen seines Verstandes. Wie in Zeitlupe huschte er an den umstehenden Leibern vorbei. Niemand würde kommen und ihm helfen. Alecto hatte jetzt nur noch ihn. Es lag in seinen Händen.





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Hey!
Wer hofft, dass sich hier ein POV mit dem anderen abwechselt, wird enttäuscht. Diese Geschichte folgt Averys Schritten. Parallel dazu werde ich „Cinderella muss sterben“ hochladen. Auch Evan wird folgen. Aber immer einen Schritt nach dem anderen. Die Uploads werden nicht regelmäßig erfolgen, um den gewohnten hohen qualitativen Standard zu gewährleisten. Es lohnt sich deshalb das ein oder andere Favo dazulassen . Auch freue ich mich natürlich wie immer über Reviews.
Liebe Grüße
Eure Marginalie
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