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Mutter Fee

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P6 / Gen
05.06.2022
05.06.2022
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8.636
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05.06.2022 8.636
 
Mutter Fee war ein Weichei.
Lina und Lona waren sich da absolut einig. Sie war nett und lieb, aber ein Weichei.
Mutter Fee hatte vor vielen Dingen Angst. Vor den Menschen natürlich. Alle Zauberwesen hatten vor den Menschen Angst, auch wenn Vater Zauberer sagte: er nicht! Aber auch er wählte einen anderen Weg, wenn eine große Gruppe Wanderer den Wanderweg Rotes Dreieck entlang zog, wo das Feenhaus war, um einsammeln zu gehen oder nach den Schnecken zu schauen. Er sagte dann zwar laut: „Man muss sich nicht vor ihnen fürchten. Sie sind nur laut und dumm und sehen nicht, wo sie hintrampeln“, aber das sagte er immer erst, wenn die Wanderer schon weg waren.
Lina und Lona fürchteten sich.
„Und das ist sehr vernünftig von uns“, sagte Lina. „Sie zertreten Schnecken.“
„Nur weil sie so groß sind“, sagte Mutter Fee. „Sie meinen es nicht so.“
„Tun sie wohl“, sagte Lona. „Manchmal werfen sie sie an Bäume.“
„Und sie schmeißen ihren Abfall überall hin“, sagte Lina.
„Manchmal sogar auf dich“, sagte Lona, die nicht so taktvoll und empfindsam war wie ihre Schwester.
Wenn Mutter Fee vor etwas Angst hatte, wurde sie ganz steinhart und grau und konnte sich nicht mehr rühren. Wenn sie vor etwas große Angst hatte, so große, dass jede andere Fee davon geflogen und jeder Zauberer sich in einen Raben verwandelt hätte, um davon zu fliegen, dann verwandelte Mutter Fee sich in einen Mülleimer. Sie stand dann grau und starr neben der Bank mit dem Messingschild „Diese Ruhepause wird Ihnen präsentiert von Optik Petermann“ und die Leute warfen Einwickelpapier von Schokoriegeln und leere Getränkedosen in sie hinein.
Sie konnten ja nicht wissen, dass es Mutter Fee war, die sich in einen Mülleimer neben der Bank verwandelt hatte, obwohl sie hätten sehen können, dass auf der anderen Seite der Bank noch ein Mülleimer stand, der keine Fee war, und in dem schon ganz viel Müll war. Weil das nämlich ein echter Mülleimer war.
Lina fand, dass ihr Vater mehr Verständnis zeigen sollte.
„Mama macht das doch nicht absichtlich“, rief sie, „es ist doch nur, weil sie Angst hat.“
„Angst kann man bekämpfen“, sagte Vater Zauberer. „Man kann alles bekämpfen.“
„Genau!“, sagte Lona.
„Auch Wiggidim Siebenschleier“, sagte Lina spöttisch. Lona wurde rot.
„Wiggidim Siebenschleier ist ein alter Schleimer“, sagte sie, „vor dem hab‘ ich sowas von überhaupt keine Angst.“
Wiggidim Siebenschleier war der größte Junge in Lonas Klasse in der Feenschule. Seine Mutter war eine Hexe und sein Vater ein Elfenprinz, jedenfalls behauptete Wiggidim das, aber ein anderer Junge, der ihn nicht leiden konnte, sagte, in Wirklichkeit sei Wiggidims Vater Hausmeister im Elfenschloss und musste jeden Tag die Kutsche der Elfenkönigin putzen und die Schnecken pflegen.
Wenn jemand sowas sagte, pflegte Wiggidim Dinge nach ihm zu werfen. Kiefernzapfen oder Bucheckernhütchen oder auch mal einen Stein, wenn das, was der andere sagte, besonders gemein war.
Wenn er nicht mit Sachen nach anderen Jungen warf, ärgerte Wiggidim die Mädchen. Er  nahm ihnen ihre Schleier weg, die sie vor dem Klassenzimmer an Haken hängten, klaute ihren Pausenpollen und zog sie an den Haaren. Lauter so Sachen, also eigentlich ganz normal.  Nur weil er so groß war, wirkte es immer wie ein ganz gefährlicher Angriff und die Mädchen schrien sehr laut und liefen zu Hexe Wetterschlau, der Lehrerin, und beklagten sich über Wiggidim. Dann musste er nachsitzen und war am nächsten Tag noch gemeiner.
Seit er Lonas Tauperlenkette mitten auf dem Pausenhof zerrissen hatte, so dass die Tauperlen in alle Richtungen davon gespritzt waren, ging Lona immer erst ins Klassenzimmer, wenn Wiggidim schon auf seinem Platz saß.
Vater Zauberer sagte, das würde er sich nicht mehr lange bieten lassen.
Vater Zauberer ließ sich niemals lange etwas bieten. Er schlug immer ziemlich bald Krach, wenn Mutter Fee noch sagte: „Lass  uns doch erstmal abwarten, vielleicht regelt sich alles von selber.“
„Man darf sich nicht zum Mülleimer der Leute machen“, sagte Vater Zauberer dann und gewöhnlich fing Mutter Fee dann an zu weinen und Vater Zauberer musste sagen, dass er es nicht so gemeint hatte und dass sie aufhören sollte zu weinen und dass er ihnen allen etwas Gutes kochen würde.
Vater Zauberer konnte nämlich nicht nur Krach schlagen, er konnte auch fantastisch kochen. Bucheckernpastete war seine Spezialität. Aber auch gegrillte Heuschreckenbeine liebten Lina und Lona sehr. Mutter Fee freute sich am meisten, wenn er Waldbeerenparfait machte. Lina sagte immer, das hieße so, weil es der perfekte Nachtisch war, aber Parfait bedeutete wohl eigentlich etwas anderes, nur sagten ihr die Erwachsenen nie, was. Vermutlich wussten sie es selber nicht und fanden nur das Wort so schön.
Lina sammelte schöne Worte.
Weil sie älter als Lona war, hatte sie ein eigenes Zimmer im Feenhaus hinter der Bank mit dem Messingschild „Diese Ruhepause wird Ihnen präsentiert von Optik Petermann“. Das Fenster ging genau auf das Stück Erde unter der Bank und das war ein bisschen blöd, weil dort oft die Schuhe der Wanderer standen und ihr die Aussicht versperrten. Aber wenn keine Wanderer da waren, hatte sie von ihrem Zimmerfenster aus den herrlichsten Blick über die Waldwiese bis hinunter zum Bach. Dort saß Lina oft, kaute an ihrem silbernen Bleistift herum und schrieb schöne Wörter auf.
Tauperlenkette war so ein Wort. Sie hatten beide von ihrer Großmutter eine solche Kette bekommen, nur dass Lonas jetzt leider zerrissen war. Lina bewahrte ihre in einem Kästchen unter ihrem Bett auf.
Herbstlaub war ein anderes Wort. So hieß Vater Zauberers jüngerer Bruder, den sie oft besuchten, aber es war auch einfach ein schönes Wort.
Tag-und-Nachtgleiche war zur Zeit ihr Lieblingswort. Sie hatte es in silberner Schrift ganz groß auf eine ganze Seite in ihrem Notizbuch geschrieben. Es klang gleichzeitig schön und geheimnisvoll, wie ein silbernes Wort.
Aber auch kleinere Worte gehörten zu Linas Sammlung. ‚Allmählich‘ liebte sie besonders, und für ‚eigentlich‘ hatte sie sich extra einen rosa Stift ausgesucht. Sie fand nämlich, dass es rosa klang.
Manchmal spielten sie und Lona ein Spiel.
„Welche Farbe hat Sieben?“, fragte Lina.
„Geld“, sagte Lona.
„Für mich hellgrün“, sagte Lina.
„Welche Farbe hat Aua?“, kicherte Lona, sie war eine richtige Kichererbse.
„Dunkelrot.“
„Ach, was, Aua klingt niemals dunkelrot. Es klingt richtig hellrot. Und laut. Aua!!!“
Sie fanden, dass jedes Wort, jede Zahl, jeder Buchstabe für jede von ihnen eine andere Farbe hatte.
„Welche Farbe hat Mama?“, fragte Lina.
„Grau“, sagte Lona.
„Silbern“; sagte Lina.

Morgens brachte Vater Zauberer Lina und Lona in die Schule. Sie nahmen den fliegenden Teppich dafür, denn ihr Schulweg war genau einen halben Meter zu kurz, um mit der Schulfledermaus fliegen zu können. Die Schulfledermaus flog vom Waldrand zu den großen Felsen, wo die Feenschule war, aber nur die Kinder, die weiter weg als die Wandererbank wohnten, durften mit ihr fliegen. Alle anderen mussten sehen, wie sie zur Schule kamen.
Die großen Schüler wie Wiggidim oder Soraya Elbenstein, die eine wirkliche Elfenprinzessin war und Ohrhänger aus echten Perlen hatte, hatten da Probleme. Wiggidim ging zu Fuß und Soraya wurde in einer Elfenkutsche gefahren. Manche von den anderen hatten zahme Vögel, das war natürlich super.
Nur die Schulleitung hatte da wenig Verständnis. Erstens machten die Vögel lauter weiße Kleckse auf die großen Felsen und Hausmeister Salbei hatte alle vier Hände voll zu tun, die wieder abzukratzen und zweitens war es auch nicht ungefährlich mit den Transportvögel. Große Vögel wie Tauben und Eichelhäher stießen schon mal mit kleineren Vögeln zusammen und einmal war ein Kind beinahe von einem Fasan niedergetrampelt worden, weil Fasane dumme Vögel sind, die erst fliegen, wenn ein Mensch mit einem Gewehr hinter ihnen her ist. Aber sie sehen toll aus, das geben alle zu.
Vater Zauberer hat auch wegen der Vögel schon mal Krach geschlagen. Er findet, es geht ganz hervorragend mit dem fliegenden Teppich.
Aber ein fliegender Teppich macht soviel Arbeit.
Erstmal muss man ihn weben. Dafür braucht man Sachen wie Altweiberfäden – also Spinnenfäden, die nur im Herbst aus der Luft gesammelt werden dürfen – Buschwindröschenseide – gibt’s auch nur im Herbst – und Löwenzahnsamen – gibt’s im Sommer überall, sind aber schwer zu erwischen. Das eigentliche Weben ist auch nicht einfach. Man braucht dafür einen Webstuhl aus Holunderholz, anderes Holz geht überhaupt nicht, weil der Teppich dann nicht fliegt. Dann darf man ihn nur bei Vollmondlicht weben und wie oft im Monat ist schon Vollmond? Es dauert also sehr, sehr lange, bis ein fliegender Teppich fertig ist.
Wenn man aber mal einen hat, ist die Arbeit  nicht zu Ende. Er muss ausgebessert und gepflegt werden, er muss zur Inspektion gebracht und wieder abgeholt werden. Er muss mit frühem Morgentau gewaschen werden, sonst wird er zu schwer und fliegt nicht mehr, und nach jedem Flug muss man ihn genau untersuchen, ob irgendwo etwas hängen geblieben ist. Die meisten Zauberwesen sagten sich heutzutage, der ganze Aufwand sei ihnen zuviel, sie nahmen lieber Vögel oder Ahornsamen.
Aber auf einen Ahornsamen passt immer nur einer und Lina und Lona liebten die morgendlichen Flüge mit Vater Zauberer auf dem fliegenden Teppich.
Der Teppich fühlte sich wunderbar an, wie kühles Wasser. Lina streichelte ihn immer erst einmal zur Begrüßung und sogar Lona sagte, wenn sie sich aufregte, musste sie nur daran denken, wie schön sich ihr Teppich anfühlte, dann wurde sie wieder ganz nett und freundlich.
Lona regte sich allerdings oft auf und manchmal fiel ihr der Teppich nicht rechtzeitig ein.
Vater Zauberer war sehr stolz auf seinen Teppich und Lina hatte schon einmal den Verdacht gehabt, dass er auch deswegen soviel Aufwand mit dem Teppich trieb, weil die meisten anderen Zauberwesen sagten, das sei unnötig.
Vater Zauberer war gerne anders.
Mutter Fee fand das anstrengend. Manchmal seufzte sie, dass sie gerne einen Mann hätte, der sich nicht mit allen streiten musste. Dann sagte Vater Zauberer, dass es nicht seine Schuld sei, wenn die anderen zu feige wären, Krach zu schlagen, wo Krach geschlagen werden musste. Und dann kochte er ein sagenhaftes Essen für Mutter Fee, Raupenschnitzel mit Salat aus vierblättrigen Kleeblättern und Beifußgemüse. Und zum Nachtisch sein perfektes Waldbeerenparfait. Mutter Fee sagte dann, es sei doch gut, dass er anders ist als andere Zauberer. Zauberer Gurkenkraut von gegenüber kochte nie und seine Kinder hatten immer getrocknete Löwenzahnblätter als Pausenpollen mit und sie tun ihr leid, so leid.

Die Schule an den großen Felsen war die beste Schule für junge Zauberwesen im Umkreis von siebenhundert Fledermaus-Flugstunden. Und die einzige. Deshalb gingen alle Zauberwesenkinder dorthin. Die Feenkinder, die Wichtelkinder, die Elfenkinder, die Blumenkinder und die Wurzelkinder. Manchmal waren sogar besonders schlaue Häschen oder Fröschchen in den Klassen. Hexe Wetterschlau gab sich mit denen immer besondere Mühe, weil sie erst noch sprechen lernen mussten. Bei ihnen Zuhause wurde ja nur Kaninchenisch oder Froschgu gesprochen und manche Zauberwesenkinder lachten, wenn ein Häschenkind oder ein Froschkind etwas falsch aussprachen.
Zum Beispiel hieß „Danke“ auf Froschgu eben „Quark“, aber spöttische Kinder wie Wiggidim Siebenschleier machten sich manchmal einen Spaß daraus, einem Froschkind, das „Quark“ sagte, wirklich eine Handvoll Mäusemilchquark anzubieten. Oder ihm eine ins Gesicht zu werfen, wenn Hexe Wetterschlau gerade nicht hinsah.

Morgens holte also Vater Zauberer den fliegenden Teppich aus der Garage und rief Lina und Lona zu, sie sollten sich beeilen, weil gerade so ein guter Wind wehte.
Es wehte immer ein guter Wind und Lina und Lona rannten, dass ihre Zöpfe flogen. Mutter Fee packte ihnen ihren Pausenpollen ein und gab jeder von ihnen eine kleine Flasche Blütenwasser mit. Das sammelte sie ganz früh am Morgen, vor Sonnenaufgang aus den Blumenkelchen, wenn sie von der Arbeit zurück kam.
Mutter Fee kam oft zu komischen Zeiten von der Arbeit zurück. Das lag daran, dass sie nahe an der Autostraße im Wellenwerk arbeitete und da musste immer jemand arbeiten, Tag und Nacht. Nur immer jemand anderes, deshalb wurde abgewechselt und manchmal musste Mutter Fee tagsüber arbeiten, dann war sie abends müde, und manchmal nachts, dann kam sie morgens nach Hause und war müde und schlief, bis Lina und Lona aus der Schule kamen.
Im Wellenwerk wurde alles, was im Wald passierte und vor allem, was die Menschen so machten, in kleinen, silbernen Plätscherwellen des Waldbaches gespeichert und an alle Zauberwesen geschickt. So wussten immer alle, was los war und was die Menschen gerade trieben oder sich Neues ausgedacht hatten.
Aber Mutter Fee sagte oft, es sei kein Arbeitsplatz für eine Fee und schon gar nicht für eine Mutter Fee.
Es passierten so schreckliche Dinge.
Die Wellen trugen Bilder in die Zauberwesenwelt. Bilder von überfahrenen Kaninchen, Bilder von weggeworfenem Müll, Bilder von richtig gefährlichem Müll wie alte Benzinkanister, in denen noch Benzin war, auch einmal Bilder von einem Motorradunfall auf der Straße oder von Menschen, die sich anschrien, weil sie meinten, dass jeder von ihnen zuerst auf der Straße gefahren sei. Mutter Fee kam oft nach Hause und sagte, sie sei so voller schrecklicher Bilder wie der andere Mülleimer, der echte, neben der Bank voller Einwickelpapiere und sie wollte einmal nur noch schöne Dinge anschauen.
Dann sagte Lona schon  mal: „Schau uns an!“, und
Mutter Fee lachte und gab ihr einen Kuss.

Wenn Mutter Fee ihnen die Flaschen mit Blütenwasser gegeben hatte und Lina und Lona sicher auf dem fliegenden Teppich saßen, gab Vater Zauberer Zauberluft – die muss man geben, damit der Teppich überhaupt in Flug kommt – und dann schwebten sie über die Wiese, unter den Zweigen der Eichen am Waldrand hindurch und durch den Wald bis zum großen Felsen. Der fliegende Teppich machte gar kein Geräusch und glitt so still durch den Wald und unter den tiefhängenden Zweigen hindurch wie ein Blatt im Herbstwind. Schon von weitem hörten sie den Lärm, den die Transportvögel machten und das Geschrei der Zauberwesenkinder.
„Versprecht mir, dass ihr niemals so herumschreit“, sagte Vater Zauberer und gab ihnen jeweils einen Kuss. „Wenn ihr schreien müsst, schreit vernünftige Dinge wie ....“
„Wie: Das lasse ich mir nicht länger bieten!“, schlug Lona vor und kicherte schon wieder.
Lina fand, dass ihre kleine Schwester manchmal sehr, sehr albern war.
„Oder: Sie werden noch von mir hören!“
Vater Zauberer musste lachen. „Ja, soetwas in der Art.“
„Glauben Sie nur nicht, dass Sie damit durchkommen!“, fiel Lina ein.
Vater Zauberer grinste. „Genau.“
„Und wenn man sehr, sehr schnell etwas sehr, sehr kurzes schreien muss?“, fragte Lona.
„Sie Rüpel!“, sagte Vater Zauberer.
„Sie Raupel!“, lachte Lona. „Jaaaa, das sage ich zu Wiggidim Siebenschleier, nachher in der Pause. Lass mich vorbei, du Raupel! Das klingt gut.“
„Macht, dass ihr in die Schule kommt“; sagte Vater Zauberer und gab ihnen Küsschen auf die Backen. „Und bis heute Mittag.“

Lina und Lona liefen die Wurzeltreppe hinauf und spähten erst einmal in den großen Flur, der zu den Klassenzimmern führte.
„Ich glaube, Wiggidim ist schon drinnen“, sagte Lina.
Lona nickte und nahm ihre Schultasche fest in beide Hände.
„Ich habe auch gar keine Angst vor ihm“, sagte sie.
Lina hängte ihren Feenschleier an einen Haken vor ihrem Klassenzimmer und zeigte Lona den nach oben gerichteten Zeigefinger. Das machen Feenkinder, wenn sie einander sagen wollen: „Du bist toll, du machst das schon!“
Dann ging sie in ihre Klasse.
Lona blieb noch einen Augenblick auf dem Flur stehen und atmete dreimal ein und dreimal aus. Das hatte Mutter Fee ihr gezeigt. Man musste es machen, wenn man ervös war, aber Lona machte es so, dass sie erst dreimal hintereinander einatmete und dann dreimal hintereinander ausatmete. Das war so schwierig und sie bekam oft einen roten Kopf davon, dass sie hinterher gar nicht mehr richtig wusste, wovor sie nervös gewesen war.
Als sie in die Klasse kam, stand Wiggidim Siebenschleier am Pult von Hexe Wetteschlau und Hexe Wetterschlau war noch gar nicht da. Das Pult war deshalb für fünf Minuten Wiggidims Pult und er war hinaufgeklettert und stand breitbeinig oben. Die meisten Kinder aus Lonas Klasse standen unter ihm und guckten zu ihm hinauf.
Denn Wiggidim hatte etwas in der Hand.
Als Lona näher kam, sah sie, dass es ein kleiner goldener Schlüssel war.
Irgendwie kam er ihr bekannt vor. Sie hatte so etwas schon einmal gesehen, aber ihr fiel gerade nicht ein, wo und wann. Wiggidim hielt den Schlüssel so, dass ihn alle gut sehen konnten.
„Das ist ein geheimer Elfenschlüssel“, prahlte er. „Damit kann man jede Tür aufmachen und jedes Geheimnis entschlüsseln. Normalerweise haben ihn nur Elfen, aber mein Vater hat ihn mir geschenkt, weil er so stolz auf mich war, weil ich das Schneckenrennen gewonnen habe.“
„Pffh“, machte Soraya Elbenstein, „das war doch nur so ein Bauernrennen. Mit Hainbänderschnecken. Das kann jeder gewinnen.“
Wiggidim Siebenschleier wurde krebsrot im Gesicht.
„Wieso hast du es dann nicht gewonnen?“, brüllte er Soraya Elbenstein an.
Soraya warf ihre langen, silberblonden Haare auf ihren Rücken und stolzierte zu ihrem Platz. Über die Schulter sagte sie: „Wir haben keine Hainbänderschnecken. Wir haben echte Vollblut-Weinbergschnecken und fahren mit ihnen zum Feld-Wald-und-Wiesen-Derby nächsten Monat.“
Das stimmte. Das Derby war ein großes Fest für alle Zauberwesen. Der Elfenkönig selber kam – er war Sorayas Onkel – und es gab Spiele und Wettkämpfe und Buden, an denen Süßigkeiten verkauft wurden und Geschenke für jeden Anlass und ein Riesenrad, das so hoch war wie der Holunderbusch jenseits der Wiese. Die Erwachsenen tranken jede Menge Blütenwein und wurden sehr lustig und die Kinder bekamen Nektarkringel und Honigkuchen, soviel sie wollten.
Das Schneckenrennen, das Wiggidim gewonnen hatte, war eigentlich nur eine Wette zwischen zwei Wurzelmännlein gewesen, wessen Schnecke schneller war, aber gewonnen hatte Wiggidim trotzdem, und als die anderen Kinder jetzt alle anfingen, darüber zu reden, was sie auf dem Derby alles machen wollten, war das Wiggidim gar nicht Recht. Niemand schaute mehr zu ihm hin, obwohl er doch auf dem Pult stand.
Lona ging zu ihrem Platz und legte ihre Tasche unter den Tisch.
Auf dem Weg zu seinem Platz in der letzten Reihe kam Wiggidim Siebenschleier an ihr vor bei.
„Soll ich deine Mutter aufschließen, wenn sie sich mal wieder verwandelt hat?“, fragte er und grinste so dreckig wie der Abfall, den die Menschen unter die Bank warfen anstatt in den richtigen Mülleimer.
„Hau ab, du Raupel!“; sagte Lona und trat nach ihm.
Nicht richtig, nicht so, dass sie ihn treffen MUSSTE, aber so, dass sie ihn vielleicht treffen konnte und dann sagen konnte, es sei aus Versehen gewesen.
Wiggidim sprang zurück und schrie auf.
„Ich bin verletzt!“, schrie er. „Man muss eine Heilkröte rufen, ich bin schwer verletzt.“
Jetzt wälzte er sich auch noch auf dem Boden und tat so, als hätte er schreckliche Schmerzen.
Lona pustete ihre Backen auf und rollte mit den Augen. Darüber mussten die Mädchen kichern.
„Ruhe in der Klasse!“, sagte eine strenge Stimme hinter ihnen.
Sie hatten gar nicht gemerkt, dass Hexe Wetterschlau ins Klassenzimmer getreten war.
„Was ist hier los?“, fragte sie.
„Lona hat mich getreten“, jammerte Wiggidim, „ganz fest. Und sie hat Schuhe mit Nägeln drin an den Füßen.“
Das war so gelogen, dass man kaum Luft bekam, wenn man es hörte.
Feenkinder hatten nie Schuhe mit Nägeln an. Sie trugen Schuhe aus Blütenblättern, aus Lilien und Frauenschuh – deshalb heißt diese Bluem ja so – und Lona hatte ihre Irisschläppchen an, mit denen sie nicht einmal eine Ameise hätte zertreten können. Sie war sehr böse auf Wiggidim.
Hexe Wetterschlau machte sich diese Mühe nicht. Sie sagte nur zu Wiggidim, dass er sich setzen sollte und dann zu allen Kindern, dass sie ihre Bücher herausholen sollten und Lona machte ein böses Gesicht in Wiggidims Richtung, weil er wieder einmal nicht bestraft worden war. Aber Wiggidim grinste nur.
In der Pause war es noch schlimmer.
Lona ging zu ihrer Schwester, die mit zwei Freundinnen Weinrebenseilspringen spielte, und hüpfte ein bisschen bei ihnen mit.
„Was macht denn Wiggidim Siebenschleier da schon wieder?“, fragte eine von Linas Freundinnen.
„Er zeigt seinen geheimen Elfenschlüssel rum“, sagte Lona in so verächtlichem Tonfall, als sei ein geheimer Elfenschlüssel so etwas ähnliches wie Mäusedreck.
„Er hat einen geheimen Elfenschlüssel dabei?“, sagte Lina. „Die sind unheimlich wertvoll und magisch. Wo hat er den denn her?“
Lona zuckte die Achseln. „Von seinem Vater gekriegt. Weil er beim Schneckenrennen gewonnen hat.“
„Sagt er das?“, spottete Linas Freundin, die ein Elfenmädchen war und sich mit solchen Dingen auskannte. „Lonchen, geheime Elfenschlüssel gibt es nicht als Belohnung für ein gewonnenes Rennen. Wenn Wiggidim so einen dabei hat, hat er ihn entweder seinem Vater geklaut oder es ist kein echter. Die echten Elfenschlüssel sind sehr, sehr magisch. Sie öffnen wirklich alles. Schlösser, Türen, verschlossene Münder, verhärtete Herzen, verborgene Erinnerungen. Der Elfenkönig hat zwei davon, die immer in einem Schließfach in der Schlangenbank sind. Nur an hohen Festtagen oder wenn sie dringend gebraucht werden, holt er sie raus. Sie sind im tiefsten Verließ und die Kreuzottern bewachen sie mit ihren Giftzähnen. Dein Wiggidim ist ein Angeber.“
„Er ist nicht mein Wiggidim“, sagte Lona beleidigt und stolzierte davon. Dass Wiggidim ein Angeber war, wusste sie schon. Das wussten alle.

Am anderen Ende des Pausenhofes versuchte Wiggidim mit dem Elfenschlüssel ein Geheimversteck in den Moosfelsen aufzuschließen, hinter denen die Schule versteckt lag. Es musste geklappt haben, denn die Kinder schrien vor Begeisterung und klatschten in die Hände. Lona ging mit hoch erhobener Nase in ihr Klassenzimmer zurück. Sollte er doch angeben, soviel er wollte, sie würde ihm nicht zuschauen und Beifall klatschen. Sie nicht!

Vater Zauberer holte Lina und Lona fast immer von der Schule ab.
Manchmal kam auch Mutter Fee, wenn sie frei hatte.
Dann war sie meistens guter Laune und kaufte ihnen beim Nektarbäcker einen Honigkringel. Die Bienen beim Nektarbäcker freuten sich, wenn die Kinder nach der Schule kamen und Honigkringel kauften. In der Schule gab es viele Kinder und Honigkringel sind lecker und im Wald gib es nicht viel, wofür man sein Taschengeld ausgeben kann, außer für Honigkringel.
Aber heute hatte Mutter Fee die ganze Nacht gearbeitet und Vater Zauberer kam mit dem fliegenden Teppich.
“Ist Mama Zuhause?“, fragte Lina.
Vater Zauberer nickte. „Ja, aber sie hat sich hingelegt. Chef Schierling war wieder mal unmöglich.“
Lina und Lona schüttelten sich.
„Ich wünschte, Chef Schierling würde in den Bach fallen"“ sagte Lona, „und die Wellen würden ihn davontragen bis ins große Sägewerk von den Menschen. Da würde Sägemehl aus ihm gemacht werden oder ein Brett. Das kann er sich vor den Kopf nageln.“
Lina musste lachen. „Wenn er ein Brett ist, kann er es sich doch nicht selber vor den Kopf nageln, Lona. Dazu muss man schon sehr hinterlistig sein, um sowas zu können.“
„Chef Schierling ist hinterlistig“, sagte Lona.
Chef Schierling war der oberste Aufpasser im Wellenwerk. Er hatte alles zu bestimmen. Er hatte zu bestimmen, wann wer wo zu arbeiten hatte. Er hatte zu bestimmen, welche Wellenbilder die besten waren und bis in den großen Fluss schwimmen durften zu den anderen Zauberwesen in anderen Wäldern. Er hatte zu bestimmen, wer als erstes Frühstückspause machen durfte und wer die meisten Silbermünzen bekam. Und wenn er jemanden brauchte, den er anschreien wollte, dann suchte  er sich einfach einen der Wellenbildsucher aus. Zum Beispiel Mutter Fee.
„Schierling ist eine Giftpflanze“, sagte Lina, „die Menschen machen daraus einen Trank, mit dem sie sich umbringen können.“
„Die Menschen sind doof“, sagte Lona.
„Chef Schierling auch“, sagte Lina.
„Jetzt seid aber mal still“, sagte Vater Zauberer. „Chef Schierling ist ziemlich schwierig, aber es gibt Schlimmere. Er ist selber eine rechte Giftpflanze, aber seine Silbermünzen sind gutes Geld, mit dem wir Nektar und Bucheckern und so kaufen können. Und eines Tages werden wir unser eigenes Flugunternehmen haben und dann drehen wir Chef Schierling eine lange Nase.“
Es war nämlich so, dass Vater Zauberer daran arbeitete, einen fliegenden Teppich zu erfinden, der noch besser und neuer und einfacher herzustellen war als alle, die es bisher gab. Dafür ging er früh am Morgen oder um Mitternacht in den Wald und machte Experimente mit Spinnenfäden und Tauperlen, die niemand sehen durfte. Es würde noch etwas dauern, sagte er immer zu Lina und Lona, aber bald würden sie den tollsten fliegenden Teppich bauen können, den die Zaubererwelt je gesehen hatte und dann würden sie soviel Silbergeld haben, dass sie Chef Schierling und sein ganzes Wellenwerk kaufen konnten. Aber noch war es nicht so weit und sie hatten nur das Silbergeld, dass Mutter Fee von Chef Schierling bekam und  manchmal etwas, wenn Vater Zauberer über die Behandlung von fliegenden Teppichen für die Zeitschrift „Zauberwelt“ schrieb. Weil er soviel von fliegenden Teppichen verstand -  und auch eine Menge von Kristallkugeln und Zauberstäben – durfte er immer wieder etwas darüber schreiben, das die anderen Zauberwesen, dann lesen konnten. Aber dafür bekam er nicht genug Silbergeld, um auch nur die große Zehe von Chef Schierling zu kaufen.

Chef Schierling musste heute einen seiner Tage gehabt haben, an denen er jemanden zum Anschreien brauchte. Als Lina und Lona nach Hause kamen, standen neben der Wandererbank mit dem Messingschild „Diese Ruhepause wird Ihnen präsentiert von Optik Petermann“ zwei Mülleimer. Der rechte war in Wirklichkeit Mutter Fee.
„Arme Mama“, sagte Lina.
„Ja, arme Mama“, sagte Lona und streichelte das graue Metall.
Vater Zauberer brachte den fliegenden Teppich in die Garage und ging in die Küche, um mit dem Kochen anzufangen.
Lina und Lona kletterten auf die Wandererbank und schauten sich um.
Es war ein netter Tag. Kein so  ganz strahlender, an dem man zu einem langen Ausflug aufbrechen möchte, aber doch einer, der zu einem kleinen Spaziergang über die Wiese ermutigte.
„Komm, wir suchen Löwenzahnsamen“, schlug Lona vor.
„Ja, prima!“, Lina sprang von der Bank.
Das war verboten, denn für Feenkinder war es ein sehr hoher Sprung von der Bank und Vater Zauberer hatte immer Sorge, dass sie sich verletzen konnten. Normalerweise taten Lina und Lona auch, was Vater Zauberer sagte, aber manchmal vergaßen sie es und taten sich trotzdem nicht weh.
Lina landete auf den Füßen, wie es sich gehörte, und schaute sich um. „Laufen wir über die Wiese“, sagte sie.
Sie liefen über die Wiese.
Auf dem kleinen Pfad, der aus dem Wald kam und über die Wiese führte, war etwas los. Jemand weinte und jemand anders schrie. Lina und Lona dachten zuerst, dass es Menschenkinder waren, die miteinander stritten.
Feenkinder und Elfenkinder streiten sich auch und Wurzelkinder können sich ganz schön prügeln, aber so laut und böse wie Menschenkinder streiten sie nicht. Und nie, niemals treten sie jemanden, der auf dem Boden liegt und sich den Bauch hält. Und sie hauen auch nie auf den Kopf oder schubsen jemanden mit Absicht um. Solche Sache machen sie einfach nicht.
Auf dem Pfad lag auch niemand am Boden und hielt sich den Bauch, aber es stand jemand da und weinte laut, und jemand anders sagte mit sehr strenger Stimme: „Ich bin sehr, sehr enttäuscht von dir!“
„Das ist Wiggidim Siebenschleier“, flüsterte Lina erstaunt.
„Und sein Vater“, flüsterte Lona genauso erstaunt.
Sie bogen zwei Greiskrautstengel zur Seite und spähten auf den Pfad.
Wiggidim stand da und heulte. Er heulte so sehr, dass ihm sogar die Nase lief und das sah nicht sehr schön aus. Aber es war deutlich zu sehen, dass er nicht heulte, weil er wütend war, sondern weil er sehr, sehr traurig war. Sein Vater, der vor ihm stand, machte ein strenges, aber auch trauriges Gesicht und Lina fand, dass er sehr nett aussah. Er war ein großer Elf, beinahe so groß wie eine Wegwarte (das ist eine schöne blaue Blume, die an Feldrändern wächst), mit schwarzen Haaren, die er als Pferdeschwanz trug. Auch seine Augen waren wegwartenblau.
„Ich hätte nicht erwartet, dass du mich bestehlen würdest, Wiggidim“, sagte sein Vater.
Wiggidim heulte noch lauter. „Ich wollte es doch nur den anderen Kindern mal so richtig zeigen“, schluchzte er. „Die denken immer, dass wir gar nichts besonderes sind. Einige sagen sogar, dass du ... dass du so eine Art Knecht bist beim Elfenkönig und die Schneckenställe sauber machen musst und dass stimmt doch gar nicht. Ich dachte, wenn ich ihnen den Elfenschlüssel zeige, hören sie auf, sowas zu sagen.“
„Aber du wusstes, dass du den Elfenschlüssel nicht nehmen durftest“, sagte sein Vater, „und du hast keinen Grund, dich für mich zu schämen. Ich bin Oberhofmeister beim Elfenkönig, das ist eine sehr gute Arbeit, die ich gerne tue, auch wenn ich nicht der Wichtigste am Königshof bin. Wir sind nicht die Wichtigsten und nicht die Unwichtigsten. Die meisten Leute sind etwas dazwischen, mal ein bisschen wichtig und mal ein bisschen unwichtig. Das ist ganz normal und kein Grund, sich aufzuregen. Und schon gar kein Grund, seinem Vater einen geheimen Elfenschlüssel wegzunehmen, den er vom Elfenkönig zur Reinigung bekommen hat. Was wird der Elfenkönig sagen, wenn er hört, dass ich seinen Schlüssel verloren habe?"
„Wiggidim hat den Schlüssel verloren?“, hauchte Lona entsetzt.
„Psst“, machte Lina.
„Ich hab‘ ihn doch verloren“, heulte Wiggidim.
„Ich werde dem Elfenkönig sagen, dass ich es war“, sagte sein Vater, „denn er hatte ihn mir anvertraut. Ich war für den Schlüssel verantwortlich und habe nicht gut genug auf ihn aufgepasst. Meinst du, ich schiebe alle Schuld auf mein Kind?“
„Vielleicht können wir ihn bezahlen?“, jammerte Wiggidim.
„Soviel Silber, dass wir einen Elfenschlüssel bezahlen können, verdiene ich in meinem ganzen Leben nicht“, sagte sein Vater, „und wenn ich Ober-oberhofmeister werden würde.“
Wiggidim tat Lina und Lona richtig leid, weil er so sehr heulte.
Er war natürlich ein Stinkstiefel und hatte sie oft geärgert. Mit dem Elfenschlüssel hatte er unerträglich angegeben und es geschah ihm nur Recht, dass er jetzt Ärger hatte, aber er tat ihnen trotzdem leid.
Sie hatten keine Lust mehr auf einen Spaziergang und sie wollten auch nicht, dass Wiggidim sie bemerkte. Bestimmt war es ihm unangenehm, dass zwei Mädchen aus der Schule gesehen hatten, wie er so geheult hatte, dass ihm die Nase lief. Und dass sein Vater Oberhofmeister beim Elfenkönig war, sollten sie wahrscheinlich auch nicht wissen.
Sie schlichen also leise durch die Wiese zurück zur Wandererbank.
„Vielleicht könnten wir ihm Suchen helfen?“, meinte Lona nachdenklich.
Lina seufzte. „Der Elfenschlüssel ist ziemlich klein und wir wissen gar nicht, wo er ihn verloren hat, also wissen wir auch nicht, wo wir suchen sollen.“
Damit hatte sie allerdings Recht, das musste Lona zugeben.

Vater Zauberer hatte sich ein ausgezeichnetes Essen vorgenommen, aber es war noch nicht einmal halb fertig. Als Lina und Lona in die Küche kamen, stand er gerade am Herd und tropfte Walnussöl in die Pfanne.
„Oh, prima, Heuschreckenschenkel“, sagte Lona.
„Mit gerösteten Rohrkolben“, sagte Vater Zauberer, „und Feldsalat mit Nüssen. Und als Nachtisch dachte ich an Honigwaben. Es müssten noch zwei Stück in der Speisekammer sein. Hat sich Mama schon zurückverwandelt?“
Lina schaute aus dem Fenster und schüttelte den Kopf. „Chef Schierling muss heute ganz besonders übel gewesen sein“, sagte sie.
„Ja, ich habe so etwas vermutet“, sagte Vater Zauberer. „Es bringt nur nichts, sich zu verwandeln, wisst ihr. Es wird davon nicht besser, wenn man jammert und sich zum Mülleimer anderer Leute macht. Man muss sich wehren.“
„Aber gegen Chef Schierling kann man sich nicht wehren“, sagte Lina. „Wenn Mama sich gegen ihn wehrt, gibt er ihr weniger Silbergeld und dann können wir keine Heuschrecken schenkel mehr kaufen. Wir müssen ihn aushalten und warten, bis es besser wird.“
„Vielleicht wird es aber von selber nicht besser“, sagte Vater Zauberer grimmig und schlug ein Rotkehlchenei in eine Schüssel, als ob es etwas dafür konnte, dass Chef Schierling heute besonders übel gewesen war.
„Vielleicht aber doch“, sagte Lina, „man muss nur abwarten.“
„Du kannst abwarten, bis du schimmelig wirst“, sagte Lona, „ich geh noch mal ein bisschen nach draußen. Sieht ja so aus, als ob Papa noch ein bisschen Zeit braucht fürs Kochen.“
„Und Ruhe, fürs Kochen braucht man Ruhe“, sagte Vater Zauberer. „Geht noch ein bisschen vor die Tür und zählt die Grillen.“
Das sagte er immer, wenn er lieber ohne Kinder in der Küche war als mit Kindern, und Lina und Lona gingen vor die Tür.
Diesmal kletterten sie auf den Holunderbusch neben der Wanderbank und schaukelten an den grünen Blättern.
„Sieh mal, Lina“; sagte Lona, die etwas höhr geklettert war als ihre Schwester, „da kommen welche aus deiner Klasse.“
Lina kletterte neben ihre Schwester und hielt die Hand über die Augen, um besser sehen zu können.
„Das sind Soraya Elbenstein und Nunya Silbermond. Nunya ist in meiner Klasse und Soraya in deiner, also sind es ebenso welche aus meiner Klasse wie welche aus deiner Klasse. Und außerdem kann ich Alfred den Troll erkennen und deine Freundin Wackelschwanz.“
Lona kletterte schnell den Holunderbusch hinunter. Mit Wackelschwanz, dem Kaninchenmädchen, war sie besonders gut befreundet. Alfred Troll ging auch in ihre Klasse, aber sie hatte noch nie viel mit ihm geredet. Was die wohl hier wollten?
Lina und Lona liefen ihren Klassenkameraden entgegen.
Wackelschwanz hüpfte voraus und machte Männchen, als sie Lona erkannte.
„Guten Tag, Lona“, rief sie mit ihrer Kaninchenstimme, die immer etwas heiser klang. Kaninchen sprechen nämlich normalerweise gar nicht oder nur ganz, ganz selten, wenn sie sehr große Angst haben. „Wir haben Frage für dich.“
„Was füre eine Frage habt ihr an mich?“, wollte Lona wissen.
„Und Lina wollten wir auch fragen“, sagte Alfred der Troll gemütlich. Trolle regen sich nie auf.
„Habt ihr vielleicht irgendwo ...“
„... einen Elfenschlüssel gesehen?“, fragten Soraya und Nunya, die Elfenkusinen.
„Wiggidim!“, riefen Lina und Lona wie aus einem Mund.
„Er hat den Elfenschlüssel verloren, mit dem er heute in der Schule so angegeben hat.“
Soraya seufzte. „Ja, genau. Mein Onkel hat ihn seinem Vater gegeben, damit er ihn in die magische Reinigung bringt, aber Wiggidim muss ihn heimlich mitgenommen haben. Mein Onkel ist sehr verärgert.“
Lina und Lona sahen sich an .
„Wir haben nichts gesehen“, zischte Lina vorsichtshalber, den Lona plapperte manche Dinge einfach aus und sie wollte immer noch nicht, dass die anderen Kinder erfuhren, dass Wiggidim geheult hatte. Sie wusste, wie das war, wenn andere Kinder so etwas erfuhren. Sehr, sehr peinlich.
„Er hätte eben  nicht so angeben sollen“, sagte Lona.
Nunya seufzte. „Ich habe auch gesagt, dass es ihm Recht geschieht und mein Vater, der Elfenkönig, hat gesagt, er wird den Schuldigen bestrafen lassen. Irgendwie tut mir Wiggidim auch leid. Die Strafen, die mein Vater sich ausdenkt, sind ziemlich unangenehm.“
Lina erschrak. Wiggidims Vater hatte gesagt, dass er so tun würde, als ob er den Schlüssel verloren hätte. Das würde bedeuten, dass der Elfenkönig Wiggidims Vater bestrafen würde, den netten Oberhofmeister mit den wegwartenblauen Augen. Sie sah zu ihrer Schwester hinüber und merkte, dass Lona auch an Wiggidims Vater gedacht hatte, denn sie sagte: „Es ist gerecht, was der Elfenkönig vorhat. Wiggidims Vater hätte besser aufpassen müssen.“
„Aber er sieht so  nett aus“, widersprach Lina.
„Auch nette Leute müssen bestraft werden, wenn sie etwas falsch machen“, sagte Lona.
Lina schüttelte den Kopf. Sie war anderer Meinung. „Gerechtigkeit genügt nicht“, behauptete sie, „man muss auch nett sein.“
„Davon kommt aber der Elfenschlüssel nicht wieder“, sagte Lona.
„Was flüstert ihr denn da die ganze Zeit?“, fragte Alfred.
„Ach, nichts“, sagte Lina und schüttelte sich, damit alle Gedanken verschwinden konnten. „Was habt ihr denn jetzt vor?“
„Wir wollen versuchen, den Schlüssel zu finden“, sagte Soraya.
„Aber wir nix wissen, wo Wigim ist“, sagte Wackelschwanz.
„Wir waren bei ihm Zuhause, aber da ist niemand und der Gärtner sagte, Wiggidim sei mit seinem Vater unterwegs.“
Lina und Lona sahen sich wieder an. Jetzt blieb ihnen nichts anderes brig, als zu verraten, was sie wussten. Wenigstens einen Teil davon.
„Er war vorhin noch auf der großen Wiese“, sagte Lina.
„Auf dem Pfad, der zum Waldrand führt“, sagte Lona.
„Und sein Vater war auch dabei“, sagten sie beide zusammen.
„Super!“, rief Soraya und rannte voraus. Nunya und Alfred folgten ihr, wobei Alfred mit beiden Beinen gleichzeitig hüpfte, wie Trolle das eben so machen. Am schnellsten war natürlich Wackelschwanz, die vier Pfoten zur Verfügung hatte und die Kinder in kleinen Hopsern umkreiste.
„Ihr schrecklich langsam“, kicherte sie und stupste Lona in die Seite. Lona stupste zurück. „Kunststück, mit Pfoten wie deinen!“, rief sie.
Sie liefen über die großen Wiese, zwischen den Butterblumen und Schafgarben hindurch und auf dem Pfad, der zum Waldrand führte, kam ihnen Wiggidim mit seinem Vater entgegen.
Sie blieben stehen, als sie die Kinder sahen. Wiggidim hatte noch ganz rote Augen. Sein Vater sah sehr ernst aus.
„Hallo, Wiggidim“, sagte Lona und blieb vorsichtshalber stehen.
„Hallo“, sagte Wiggidim mit einer Stimme, die ganz viele Flecken zu haben schien.
„Hallo, Herr Siebenschleier“, sagte Lina und blieb neben ihrer Schwester stehen. Dann wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte, Wie begrüßte man einen Oberhofmeister des Elfenkönigs?
„Hallo“, sagten Alfred und Wackelschwanz. Soraya und Nunya lächelten nur. Elfenprinzessinnen müssen zu niemandem Hallo sagen.
„Hallo, Kinder“, sagte Wiggidims Vater, „können wir euch irgendwie helfen? Habt ihr etwas verloren?“
Lina fand es riesig nett von ihm, dass er fragte, ob sie etwas verloren hatten. In Wirklichkeit hatte er wahrscheinlich den Kopf voller Gedanken an das, was er verloren hatte: nämlich den Elfenschlüssel.
„Sie haben etwas verloren“, sagte Nunya denn auch. Sie sprach wie Elfenprinzessinen nun mal sprechen, ein ganz klein wenig eingebildet.
Wiggidims Vater lächelte. „Nun, zufällig habt ihr ganz Recht. Ich habe etwas Wichtiges verloren und bin gerade auf der Suche danach. Mein Sohn hier“, er klopfte Wiggidim auf die Schulter, „hilft mir beim Suchen.“
„Wir könnten ihnen helfen“, sagte Alfred.
„Wir gut in Suchen“, sagte Wackelschwanz.
„Wo hast du es denn zuletzt gehabt?“, wandte sich Lina an Wiggidim und hielt sich im nächsten Augenblick erschrocken die Hand vor den Mund, denn nun musste Wiggidim ja merken, dass sie ihn vorhin belauscht hatten und wussten, dass er den Elfenschlüssel verloren hatte und nicht sein Vater.
Aber Wiggidim war so traurig, dass er gar nichts merkte.
„Als ich an den Wurzelhöhlen vorbei kam, ha-hatte ich ihn noch“, stotterte Wiggidim, „und dann kam der ... der Wanderweg von den Menschen, da bin ich rüber. Und da-dann bin ich über einen Fliegenpilz gesprungen. Danach weiß ich nicht mehr, ob er noch da war, aber als ich Zuhause ankam, war er weg.“
„Vielleicht ist er in die Wurzelhöhlen gefallen“, vermutete Nunya. Wiggidims Vater schüttelte den Kopf. „Dort haben wir schon gefragt.“
„Oder er liegt noch in der Schule“, sagte Lona.
Wieder schüttelte Wiggidims Vater den Kopf. „Da haben wir schon nachgefragt.“
„Na, klar,“ Alfred schnippte mit den Fingern. „Der Fliegenpilz. Er ist rausgefallen, als du über den Fliegenpilz gesprungen bist. Du hast den Elfenschlüssel bestimmt in die Tasche gesteckt für den Sprung, wetten? Mit was in den Händen kann man nicht gut springen.“
Alfred musste es ja wissen. Als Trol sprang und hüpfte er den ganzen Tag. Lina und Lona, Soraya und Nunya und Wackelschwanz schauten ihn bewundernd an.
So muss es gewesen sein“, sagte Lona.
„Irre klug von dich, Alfred“, sagte Wackelschwanz.
Alfred lächelte und scharrte mit seinen großen Trollfüßen im Gras.
„Aber wo ist er jetzt?“, fragte Lina.
„Vielleicht noch am Fliegenpilz? Wo ist der Fliegenpilz?“
Sie rannten über die Wiese zum Wanderweg. Wiggidim lief fast so schnell wie Wackelschwanz. Sein Vater kam etwas langsamer hinterher, er sah immer noch sehr besorgt aus.
Sie suchten überall. Unter dem Fliegenpilz, hinter dem Fliegenpilz, neben dem Fliegenpilz und ziemlich weit weg vom Fliegenpilz. Nirgends war der Elfenschlüssel zu finden.
Der Fliegenpilz stand ganz dicht am Wanderweg der Menschen und die Feenkinder und ihre Freunde setzten sich auf kleine Steinen an den Rand des Wanderweges und dachten nach.
„Er kann trotzdem rausgefallen sein“, sagte Lona. „Es kann ihn ja jemand mitgenommen haben. Das hier ist schließlich ein Wanderweg und manchmal wandern hier Menschen. Wenn die einen Elfenschlüssel auf dem Weg liegen sehen, heben sie ihn vielleicht auf und nehmen ihn mit.“
„Sie wissen doch gar nicht, was das ist“, sagte Lina. „Für sie ist es vielleicht bloß Abfall.“
„Genau!!!“, schrie Lona. „Das ist es. Das ist es ganz genau! Du bist ein Genie, Lina, und ich bin auch eins. Jetzt weiß ich nämlich wieder, wo ich schon mal einen Elfenschlüssel gesehen habe.“
„Würdest du uns vielleicht ganz in Ruhe erzählen, wovon du redest?“, erkundigte sich Nunya mit zuckersüßer Stimme.
„Von Abfall!“, rief Lona. „Und von Elfenschlüsseln. Ich wusste die ganze Zeit, dass ich sowas schon mal gesehen habe. Jemand hat so etwas in Mama geworfen, als sie schon mal ein Mülleimer war. Sie haben gedacht, dass es Abfall ist, ein Spielzeug aus einem Überraschungsei oder so hat Papa damals gesagt, und sie haben es in Mama geworfen, weil sie dachten, das ist ein Mülleimer.“
„Ja, und?“, sagte Wiggidim und machte ein Gesicht wie er es oft in der Schule machte, wenn er gleich jemanden schubsen wollte. „Was nützt uns das jetzt?“
„Du bist nicht zufällig heute ein bisschen blöd?“, fragte Lona.
Wiggidim ballte die Fäuste. Sein Vater fasste ihn am Arm. „Wiggidim“, sagte er mahnend.
Lina schob sich zwischen Wiggidim und ihre Schwester.
„Was Lonchen meint“, sagte sie, „ist, dass der Elfenschlüssel damals in unsere Mutter geworfen wurde und heute vielleicht wieder. Sie ist nämlich ...“
Das war Lina jetzt wirklich peinlich. Sie wollte eigentlich überhaupt nicht vor all den anderen Kindern und dem Oberhofmeister des Elfenkönigs erzählen, dass ihr Mutter sich, wenn sie Angst hatte, in einen Mülleimer verwandelte.
Aber wiedermal blieb ihr nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen. Lina sagte gerne die Wahrheit. Man musste dann nicht soviel darüber nachdenken, wem man was erzählt hatte. Leider war die Wahrheit nicht immer schön.
„Unsere Mama ist heute ein Mülleimer“, sagte Lona fröhlich.
Lona hatte andere Probleme als Lina. Es machte ihr nichts aus, dass ihre Mutter sich verwandelte und in was. Mülleimer waren nützliche und interessante Gegenstände, wenn man sie und ihren Inhalt näher betrachtete und nicht  zu viele Vorurteile hatte. Lona machte es erst etwas aus, wenn jemand dagegen trat.
„Und wenn du den Elfenschlüssel hier auf dem Wanderweg verloren hast, hat ihn vielleicht ein Mensch gefunden und in den nächsten Mülleimer geworfen“, sagte Lina.
„Und das ist Mama“, sagte Lona noch immer sehr vergnügt. „Und jetzt gehe ich nachsehen.“
Sie hüpfte auf dem Wanderweg davon.
Die anderen schauten sich einen Augenblick verdutzt an. Wiggidims Vater sah sehr hoffnungsvoll aus. Wiggidim selbst sah sehr misstrauisch aus und Soraya und Nunya sahen aus wie viele Menschen aussehen, wenn von Mülleimer die Rede ist, selbst wenn sie selbst welche haben und sie benutzen. Elfenprinzessinnen waren da auch in erster Linie Prinzessinnen und dann erst Elfen.
„Los!“, rief Lina und lief ihrer Schwester nach.
Lona war schon an der Wanderbank mit dem Messingschild „Diese Ruhepause ...“ und so weiter angekommen und kletterte so geschwind hinauf, dass sich Vater Zauberer bestimmt voller Grausen gefragt hätte, wo sie das gelernt hatte. Schließlich hatte er seinen Töchtern verboten auf die Wanderbank zu klettern.
Von der Lehne der Wanderbank aus konnte man bequem in beide Mülleimer hineinsehen. Der richtige Mülleimer kam allerdings nicht in Frage. In ihm hatte jemand vor ganz kurzer Zeit ein Feuer angezündet – Menschen machten das manchmal, vor allem Jugendliche, die Zuhause keinen Kamin hatten, in dem man Feuer hätte machen dürfen – und alles Plastik, das sich darin befunden hatte, war geschmolzen und bildete eine scheußliche, schwarze Masse, die sehr entmutigend aussah.
Mutter Fee hingegen sah sauber und ordentlich aus. In ihr lagen ein benutztes Taschentuch, ein Einwickelpapier von einem Schokoriegel und – ein Elfenschlüssel.
„Hurra!!“, schrie Lona, sprang von der Wanderbank aus auf den Rand des Mülleimers und – schwupps! – hinein.
„Lonchen!“, schrie Vater Zauberer, der in der Kochschürze und mit einem Löffel in der Hand aus dem Feenhaus gelaufen kam.
„Guten Tag, Vater Zauberer“, sagte Wiggidims Vater höflich, „mein Name ist Siebenschleier. Ihre Töchter waren so freundlich, mir aus einer großen Verlegenheit zu helfen.“
„Das ist noch gar nichts verglichen mit der Verlegenheit, in die sie gleich kommen werden“, sagte Vater Zauberer und schimpfte Lina an, weil Lona noch nicht wieder zu sehen war. „Ich habe euch doch verboten ...“
„Papa!“, rief Lona fröhlich.
Vor den Augen der Kinder und Erwachsenen verwandelte sich Mutter Fee wieder in Mutter Fee, setzte Lona vorsichtig auf den Boden, schob das benutzte Taschentuch und das Einwickelpapier zur Seite – Alfred der Troll hob beides auf und warf es in den entmutigend aussehenden echten Mülleimer – und reichte Herrn Siebenschleier den Elfenschlüssel.
„Ich glaube, das gehört Ihnen“, sagte sie.
Normalerweise wäre Mutter Fee lieber gestorben, als sich vor den Augen so vieler Leute zu verwandeln, egal in was, aber auch sie hatte keine Wahl. Der Elfenschlüssel musste zurück zum Elfenkönig, wenn Wiggidims netter Vater nicht eine schlimme Strafe erhalten sollte. Es kam ihr so vor, als ob das wichtiger war als der schreckliche Tag, den sie mit Chef Schierling erlebt hatte. Sie sah noch ein bisschen grau, aber sonst sehr gefasst aus und Herr Siebenschleier strahlte so sehr, dass seine wegwartenblauen Augen wie Edelsteine leuchteten.
„Meine liebe, sehr verehrte Mutter Fee“, rief er aus, Sie ahnen gar nicht..., also, ich kann Ihnen unmöglich sagen, wie sehr ich ... ich meine, Sie sind wirklich ... also, ich danke Ihnen!“
Mutter Fee sah ganz verwundert aus.
„Aber ich bin doch nur...“, sagte sie, „... es ist mir sehr unangenehm ...“
„Wenn ihr noch eine Minute länger hier herumsteht, verbrutzeln mir die Heuscheckenschenkel völlig!“, rief Vater Zauberer verzweifelt aus. „Herr Siebenschleier, darf ich Sie und Ihren Sohn zum Essen einladen. Und die anderen Kinder dürfen auch bleiben, wenn ihre Eltern nichts dagegen haben. Es gibt dann halt für jeden einen Heuschreckenschenkel weniger.“
Nunya isst nicht viel“, sagte Soraya schnell. Ihre Kusine schaute sie böse an.
„Wir dürfen nicht bei gewöhnlichen Zauberwesen essen“, zischte sie.
„Wir kriegen Zuhause nie sowas Gutes“, zischte Soraya zurück, „nur immer Kaviar und Champagner. Langweilig.“
„Ich muss  nach Hause“, sagte Alfred. „Trolle essen immer alle zusammen. Wir sehen uns morgen in der Schule.“
Er hüpfte mit großen Sprüngen davon und winkte noch einmal zum Abschied.
„Ich mag nichts Essen aus Feuer“, sagte Wackelschwanz schüchtern, „wir nur essen Gras und Rübsen. Aber danke schön, ihr viel nett. Morgen sehen in Schule.“
„Tschüss, Wackelschwanz!“, rief Lona. „Morgen nehme ich Rüben als Pausenpollen mit, dann können wir zusammen frühstücken.“

Als der Tisch gedeckt und neue Steine als Stühle herein gerollt worden waren, setzten sich Lina und Lona, Mutter Fee, Herr Siebenschleier und Wiggidim an den Tisch, auf den Vater Zauberer ein schönes Spinnwebtuch gebreitet hatte, und alle schauten zu, wie Vater Zauberer die Pfanne mit den gebratenen Heuschreckenschenkeln herein brachte und sagten „Ah!“ und „Oh!“, wie es sich gehörte.
Vater Zauberer strahlte und erzählte, was für Gewürze er verwendet hatte und Herr Siebenschleier sagte, er hätte noch nie so etwas Gutes gegessen. Es sei nämlich so – er räusperte sich – dass seine Frau vor einigen Jahren .... nun, ja weggegangen sei. Mit einem fahren Sänger, ach, ja. Und seitdem waren er und Wiggidim alleine und es sei nicht immer einfach, für einen so großen Jungen zu sorgen und außerdem Oberhofmeister des Elfenkönigs zu sein und ihm sei bewusst, dass er als Vater nicht immer die Nummer Eins der Elternparade sei, aber ... Er räusperte sich wieder.
„Du bist ganz prima, Papa“, sagte Wiggidim, der sehr rot im Gesicht geworden war. „Ich bin nur manchmal ‘n bisschen grob und ärgere die anderen Kinder, aber da kannst du doch nichts dafür.“
„Nimm einen Heuschreckenschenkel“, sagte Lona, „wenn du isst, kannst du keine bösen Wörter sagen.“
Darüber mussten die Erwachsenen lachen, nur Vater Zauberer runzelte die Stirn.
Es wurde ein sehr lustiges Essen. Vater Zauberer und Herr Siebenschleier unterhielten sich über die neuen Gesetze des Elfenkönigs (sie waren ganz unterschiedlicher Meinung) und darüber , wie man seine Kinder erziehen sollte (da waren sie ganz derselben Meinung). Dann erzählte Lona davon, wie blöd Chef Schierling immer zu ihrer Mutter war und Vater Zauberer schickte sie und Lina und Wiggidim und die Elfenprinzessinnen in Lonas Zimmer, das ein bisschen größer war als Linas und sie spielten Zauberschach, bis Herr Siebenschleier kam und sagte, dass sie gehen mussten und dass Nunya und Soraya mit ihm mitkommen könnten.
Als sie gingen, winkten Lina und Lona ihnen noch lange nach.

„Na, also,“ sagte Lona, „ich wusste doch, dass man vor Wiggidim keine Angst haben muss.“
„Er hat glaube ich nur Angst, dass jemand auf seinem Vater herumtrampelt“; sagte Lina, „weil er nur Oberhofmeister und nicht selber Elfenkönig ist.“
„Na, Elfenkönig kann aber doch immer nur einer sein“, sagte Lona.
„Jaaa“, Lina knabberte nachdenklich an ihrem kleinen Fingernagel, „aber dann ist auch noch seine Mutter mit diesem fahrenden Sänger weggelaufen, anstatt bei ihrem Mann und ihrem Kind zu bleiben. Kann schon sein, dass Wiggidim Angst hat, dass andere Leute seinen Vater auch schlechter finden als einen fahrenden Sänger.“
„Ich finde ihn nett“, sagte Lona, „auch wenn er überhaupt nicht singen kann. Aber vielleicht war Singen für Wiggidims Mutter sehr wichtig.“
„Für die Erwachsenen sind immer so komische Sachen wichtig“, stellte Lina fest.
„Zum Beispiel, dass Kinder rechtzeitig ins Bett gehen“, sagte Mutter Fee, die gerade herein kam.
„Ihr zwei Hübschen müsst machen, dass ihr unter eure Spinnwebdecken kommt. Morgen ist Schule.“
„Ach, Mama“, bettelte Lona und fiel ihr um den Hals, „noch ein Viertelstündchen. Wir haben noch gar nicht alles besprochen. Heute ist sooooo viel passiert. Weißt du, das war so ein Glück, dass du ausgerechnet heute ein Mülleimer geworden bist. Sonst wäre der Elfenschlüssel am Ende unwiederbringlich verloren gewesen.“
„Un-wie-der-bring-lich“, flüsterte Lina entzückt. Dieses Wort musste sie unbedingt in ihr Notizbuch schreiben.
„Wiggidim hat gesagt, er kauft mir eine neue Tauperlenkette“, sagte Lona, „auf dem Derby. Er hat gespartes Taschengeld und kriegt vielleicht noch was von seinem Vater. Er will jetzt nett sein.“
„Wenn da nur nicht die alte Gewohnheit noch manchmal durchkommt“, murmelte Mutter Fee, „es dauert, bis man sich geändert hat, glaubt mir. Ich habe es schon oft versucht.“
„Du musst dich nicht ändern, Mama“, sagte Lina,. „du bist gut so, wie du bist.“
„Auch als Mülleimer?“, lachte Mutter Fee.
„Haben wir doch heute gesehen!“, rief Lona, Dann ganz besonders. Und außerdem läufst du wenigstens nicht mit einem fahrenden Sänger weg.“
„Hat sie nicht nötig“, rief Vater Zauberer aus der Küche, „ich kann selber singen. Hört mal! Wenn die Sooooonnne ühüber den Dääächern ....“
„Hört auf!“, schrien Lina und Lona und Mutter Fee und hielten sich lachend die Ohren zu.
Lina schlich in die Küche hinüber, während ihre Mutter und ihre Schwester noch lachten und schaute ihrem Vater zu, der die Heuschreckenschenkelpfanne in der Spüle sauber kratzte (Vater Zauberer kochte nicht nur sehr gut, er spülte auch gut ab).
„Papa“, sagte sie.
„Ja, mein Schatz“, quetschte Vater Zauberer zwischen den Zähnen hervor. Er liebte es nicht, wenn man ihn beim Heuschreckenschenkelpfannenauskratzen ansprach.
„Du hast dich gesagt, es sei nur gerecht, wenn Herr Siebenschleier bestraft würde, weil er nicht auf den Elfenschlüssel aufgepasst hat.“
„Ja, und das meine ich auch immer noch“, sagte Vater Zauberer.
„Aber wenn er bestraft worden wäre, hätte Wiggidim wahrscheinlich jetzt immer noch keine Lust, Lonchen eine neue Tauperlenkette zu kaufen“, gab Lina zu bedenken. „Und netter wäre er davon auch nicht geworden.“
„Nettsein heißt Schwachsein“, sagte Vater Zauberer.
„Glaub ich nicht“, sagte Lina, „Nettsein heißt Nettsein. Immer gleich Draufhauen heißt Schwachsein. Nette Leute halten einfach mehr aus. Das ist doch nicht schwach.“
Vater Zauberer hörte auf, in der Pfanne herum zu kratzen. „Was meinst du damit, dass nette Leute mehr aushalten, Linchen?“, fragte er. Er sagte nicht oft Linchen zu seiner älteren Tochter, denn eigentlich war sie für so einen Namen schon zu groß.
„Herr Siebenschleier zum Beispiel“, sagte Lina. „Er hat keine Frau mehr und sein Sohn macht ihm eine Menge Ärger und trotzdem ist er immer noch nett. Oder Mama. Sie ärgert sich jeden Tag mit Ekelpaket Schierling herum ...“ – „Linchen, sowas sagt man nicht!“ – „...und ist immer noch nett zu uns und sogar zu Wiggidim. Oder du. Du bastelst an deinen fliegenden Teppichen herum und alle alle anderen lachen über dich ...“ – „Linchen!“ – „Na, ja, nicht ganz alle, aber viele. Und trotzdem kochst du prima Essen und lädst auch noch unsere Klassenkameraden ein. Wenn das nicht nett ist.“
„So“, sagte Vater Zauberer und hielt die sauber gekratzte Pfanne unter den Strahl Bachwasser, der in die Spüle floss. „Ich bin froh, dass ich auch nett bin in deinen Augen. Schön, dass es doch mehr nette Leute auf der Welt gibt, als wir gedacht haben. Nicht zu vergessen die netten Menschen, die den Elfenschlüssel in den Müll ... in eure Mutter geworfen haben anstatt einfach in die Gegend, wie sie es sonst oft machen. Und jetzt wird ins Bett gegangen. Morgen müssen wir alle einen neuen Tag aushalten.“
„Ich glaube, das schaffen wir“, sagte Lina und ging ins Bett.
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