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Life Is Strange - Have You Seen the Light?

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Übernatürlich / P18 / Mix
Chloe Price Kate Marsh Mark Jefferson Maxine "Max" Caulfield Rachel Amber Victoria Chase
05.06.2022
04.02.2023
37
242.550
4
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24.01.2023 6.567
 
Kapitel 35 – Blindes Vertrauen

Brooke Scott
Arcadia Bay, Oregon
Mittwoch, 9. Oktober 2013, 16:16 Uhr

Einen Augenblick lang hielt ich die Augen geschlossen und versuchte dabei, so gleichmäßig und ruhig wie möglich zu atmen, um all die negativen Gedanken, die sich bei mir breitzumachen versuchten, außer Acht zu lassen.
Ich brauch einfach einen freien Kopf und darf mich nicht länger verrückt machen wegen Warrens unbedachter Kurzschlusshandlung, die mir den Autokinoabend mit ihm versaut hat, auf den ich mich so sehr freute.
Auf keinen Fall sollte dies jetzt meine gesamte Gedankenwelt kontrollieren – ich musste mich irgendwie anderweitig beschäftigen. Schließlich gelang es mir sonst doch auch immer, alles Nichtwesentliche auszuschalten und mich nur auf die Dinge zu fokussieren, die wirklich von Bedeutung waren. Leider aber war Warren genau die eine Person hier auf Blackwell – vielleicht sogar die einzige überhaupt in meinem Leben – die ich einfach nicht ohne weiteres als unwichtig abtun konnte, egal wie enttäuscht und missverstanden ich mich auch seinetwegen fühlte.
So biss ich mir einmal auf die Lippe und öffnete nun wieder entschlossen die Augen, ehe ich mich in Bewegung setzte und nach knapp zwanzig Sekunden letztlich auf dem Vorplatz des Wohnheims ankam. Hier waren gerade noch eine Reihe an Schülern unterwegs und auch Hausmeister Samuel saß zusammen mit Miss Grant auf einer der Bänke unweit des Gebäudeeingangs. Beide unterhielten sich dort ruhig und offenbar gut gelaunt miteinander, während sie das Treiben um sich herum beobachteten. Als ich inzwischen bereits auf dem Querpfad zur Eingangstür des Gebäudes war erwiderten die zwei jedoch meinen Blick, wobei Samuel mich teils fragend, aber auch teils überrascht anschaute, dabei aber kein Wort sagte. Miss Grant ergriff stattdessen als erste leise und behutsam das Wort.
„Brooke, hast du irgendetwas? Können wir etwas für dich tun?“

Bestimmt hatte die Frau mich noch nie so aufgewühlt gesehen und... dabei war sie auch seit jeher eine der wenigen Lehrkräfte hier, welche ich aufrichtig bewunderte. Sie versuchte nämlich nicht irgendwie – wie manch anderer Lehrer – gezwungen kumpelhaft rüberzukommen, war aber gleichzeitig auch keinesfalls kalt und unnahbar in ihrer Wesensart. Samuel wiederum war jemand, der tatsächlich die Menschen sehr gut durchschauen konnte, obwohl ich seine spirituellen Theorien, die er in dem Zusammenhang häufig vorbrachte, für kompletten Unfug hielt.
So blieb ich kurz stehen, allerdings ohne nennenswerte Regung meiner Mimik, und starrte beiden für einen kurzen Moment zurück, wobei ich in ihren Gesichtern ein wenig Sorge zu erkennen glaubte. Trotzdem war ich gerade nicht in Stimmung, mich für meine verdrießliche Gemütslage zu erklären und schüttelte daher langsam den Kopf.
„Entschuldigen Sie mich...“, antwortete ich nur leise und kam mir ein bisschen schäbig dabei vor, Miss Grants wohlwollende Geste so knallhart abzuweisen, aber ich hatte im Augenblick einfach nicht das Nervenkostüm hierfür, weswegen ich mich nun eilig wieder in Richtung Vordertür des Wohnheims abwandte.
Aus dem Augenwinkel sah ich dabei, wie meine Lehrerin ihren Arm leicht in meine Richtung hob, doch keine Sekunde später erklang Samuels Stimme so leise, dass ich sie kaum vernehmen konnte.
„Lass sie gewähren, Michelle. Die junge Brooke benötigt gewiss etwas Zeit für sich.“
Tja, da hatte er kurioserweise absolut recht und trotz einem leicht schlechten Gewissen ließ ich die beiden Angehörigen dieser Fakultät nun hinter mir zurück, ehe ich die Stufen zum Wohnheim hinaufschritt und dieses unverzögert betrat. Ich hatte es tatsächlich ein wenig eilig, weswegen ich die Treppen in den zweiten Stock regelrecht hinaufschnellte und dort angekommen durch die Türen in den Mädchentrakt schritt, wo sich am hintersten Ende des Flures mein Zimmer befand. Starren Blickes lief ich darauf den Korridor entlang, doch als ich etwa die halbe Strecke zurückgelegt hatte hielt ich plötzlich – fast schon instinktiv – inne und blieb stehen. Dabei drehte ich meinen Kopf langsam nach links zu der dort befindlichen Zimmertür – es war Zimmer 222... Kates Zimmer.

Ein paar Sekunden stierte ich fast wie in Trance auf die Tür meiner Mitschülerin und dachte plötzlich wieder an Stellas Worte von vorhin... sie meinte ja, Kate würde es eine Freude bereiten, wenn ich sie auch einmal in ihrem Zimmer aufsuchen würde, so wie es die anderen Mädels seit Tagen immer wieder taten. Vielleicht war dort etwas Wahres dran... vielleicht würde es Kate wirklich helfen, wenn ich bei ihr einmal vorbeischaute und vielleicht... ja, vielleicht könnte es auch mir helfen, ein wenig Ablenkung zu finden und mein Gemüt wieder zu beruhigen.
So atmete ich einmal tief durch und drehte mich vollständig zu Kates Tür hin, trat einen Schritt näher heran und klopfte ein wenig zaghaft an – sagte dabei jedoch kein Wort.
Es vergingen vielleicht zwei Sekunden, ehe ich schließlich eine Stimme deutlich durch die Tür vernahm.
„Ja, wer ist da bitte?“
Das war ganz eindeutig Kate und sie klang... normal, würde ich sagen – gar nicht mal traurig, verstimmt oder niedergeschlagen. Demnach schien es ihr wahrlich schon viel besser zu gehen als noch vor wenigen Tagen, was ich als große Erleichterung empfand... nicht nur um meinetwillen, weil das Gespräch sonst extrem awkward hätte werden können und ich auch nicht gerade gut darin war, jemandem mit Sorgen große Empathie entgegenzubringen. Nein, natürlich und vorrangig auch wegen Kate selbst!
„Hey Kate, hier... hier ist Brooke... was dagegen, wenn ich reinkomme?“, fragte ich daher mit einigermaßen fester Tonlage.
Erst dachte ich, dass dies so völlig aus dem Nichts wohl extrem dämlich klingen musste, doch zu meiner Erleichterung ertönte sofort darauf Kates Stimme in einer doch auffallend euphorischen Weise.
„Brooke? Aber natürlich! Komm doch gerne rein!“

Ein leichtes Grinsen fuhr mir dabei über das Gesicht und ich zuckte kurz die Schultern, ehe ich die Tür schließlich öffnete und in das Zimmer trat. Ich war zuvor noch nie hier drin gewesen, doch die Ausstattung des Raumes erschien mir dabei doch reichlich wenig überraschend – gemessen daran, was für ein Mensch Kate war. Es wirkte alles recht schlicht, teilweise auch altbacken, und vor allen Dingen war es hier drin außergewöhnlich ordentlich und aufgeräumt: Keine Klamotten lagen auf dem Boden, selbst die Bücher auf ihrem Schreibtisch waren akkurat gestapelt oder aufgereiht und sogar Müll war nirgendwo verstreut, sondern einzig und allein in dem Papierkorb befindlich, welcher aber auch nicht überquoll.
Hmpf, das ist quasi des exakte Gegenstück zu Warrens Zimmer, wo es häufig aussieht wie nach nem verfluchten Erdbeben.
Bei dem Gedanken musste ich kurz etwas verbittert grinsen, wandte meinen Blick aber direkt wieder zu Kate selbst hinüber, die gerade an ihrem Schreibtisch saß, nun aber von ihrem Stuhl aufstand und mir ein freundliches Lächeln zuwarf. Auffällig war, dass sie gerade ihre Haare offen trug, während sie diese ansonsten fast immer zu einem sehr akkuraten Dutt hochsteckte. Auch hatte sich meine Mitschülerin gerade sehr legere Freizeitklamotten bestehend aus einem schlichten Pulli und einer Jogginghose übergezogen – sonst kleidete sie sich nämlich häufig so adrett als wollte sie auf irgendeine Messe oder Konferenz gehen.
„Brooke, wie schön dich zu sehen! Was führt dich hierher?“, meinte Kate schließlich zu mir, während sie noch immer begeistert auf mich zuschritt.
Auf merkwürdige Weise kam es mir gerade so vor, als wäre all dieses Drama am letzten Freitag gar nicht geschehen, denn das Mädel wirkte schon fast wieder so wie ich sie seit jeher kannte: fröhlich, unbeschwert und dabei doch eher zurückhaltend und bescheiden.
Dies veranlasste mich dazu, nun doch ihr Lächeln knapp zu erwidern.
„Na ja, weißt du... ich hatte noch nicht wirklich die Gelegenheit dazu gehabt, dich zu besuchen, nachdem... na ja, du weißt schon... was neulich vorgefallen ist...“

Obwohl ich meistens doch ziemlich abgebrüht die Fakten aussprach und auch wenig Rücksicht darauf nahm, wie andere das auffassen könnten, so war ich gerade außergewöhnlich vorsichtig Kate gegenüber, diese von Nathan ausgegangene Misshandlung durch die Vortex-Jungs offen anzusprechen. Entsprechend blickte ich etwas verlegen zur Seite, doch meine Mitschülerin, die inzwischen bei mir angekommen war, legte mir kurz ihre Hand auf die Schulter und begann wiederum leicht zu lächeln.
„Ach, das ist schon okay, Brooke, wirklich. Nimm doch bitte Platz“, meinte sie darauf und deutete auf das kleine Sofa, das an der rechten Wandseite nicht weit von der Tür entfernt befindlich war.
Knapp lächelnd nickte ich Kate einmal zu und nahm direkt dort Platz, worauf auch sie sich ihrerseits neben mich setzte. Kurz schaute ich mich dabei noch etwas genauer in ihrem Zimmer um und zwei Dinge fielen mir dabei ein wenig ins Auge: Zum einen befand sich gleich links neben dem Sofa ein offenes Regal mit einem sehr fein ausgearbeiteten Teeservice, welches ich recht beeindruckend fand. Ein nicht ganz unähnliches Service haben tatsächlich auch meine Eltern, allerdings in der Form etwas weniger geschwungen, dafür farbenprächtiger in der Bemalung. Das zweite, was mir auffiel, war am gegenüberliegenden Zimmerende ein Käfig mit einem Zwergkaninchen auf einer halbhohen Kommode. Dies überraschte mich doch ein bisschen, da ich Kate nicht unbedingt für jemanden erachtete, die sich ein Haustier hier auf der Stube hielt. Ich selbst hatte noch nie wirklich den Draht zu Haustieren gehabt und kannte mich entsprechend auch gar nicht mit so etwas aus, aber zumindest stach es doch hier ein wenig hervor.
Nachdem ich noch immer dezent lächelnd meine Aufmerksamkeit wieder meiner Mitschülerin zuwandte musste ich eine kleine Sache allerdings direkt loswerden, die mir gerade wieder in den Sinn kam.
„Offenbar hab ich mir genau den richtigen Moment rausgesucht, um dich zu besuchen. Meistens sind ja in den letzten Tagen die anderen Mädels nach dem Unterricht gleich bei dir gewesen, nicht wahr?“

Dies brachte Kate direkt dazu, für einen kurzen Moment leise aufzulachen, ehe sie mir zu erklären begann:
„Das ist wahr, aber du hast Stella tatsächlich nur ganz knapp verpasst. Sie war gerade einige Minuten bei mir gewesen um sich nach meinem Zustand zu erkunden, aber... sie musste dann recht schnell wieder los, weil sie noch eine Verabredung beim Two Whales Diner unten in der Stadt hat. Was genau für eine weiß ich allerdings nicht... Stella ist manchmal halt ein bisschen geheimnisvoll, musst du wissen.“
Tja, da war durchaus etwas Wahres dran, denn obwohl ich mit Stella in den letzten beiden Jahren nicht wirklich Zeit verbracht hatte, so ist mir doch schon ein ums andere Mal aufgefallen, dass sie so ihre „Momente“ hatte, in denen sie sehr abwesend wirkte und sich dann auch etwas merkwürdig verhielt – und das obwohl sie meistens eigentlich sehr selbstsicher und zugänglich auftrat. Was genau es damit auf sich hatte konnte ich aber beim besten Willen nicht ergründen, selbst wenn ich wollte... und letzten Endes ging mich das Ganze ja eh nichts an.
Ich meine,wenn sich andere ungefragt in meine Belange einmischen empfinde ich dies auch immer als sehr störend.
Noch während ich kurz in diesen Gedanken verweilte ergriff Kate jedoch wieder das Wort und brachte mich so dazu, meinen Kopf zu ihr zurückzudrehen.
„Brooke, ich... ich möchte mich gerne auch bei dir noch einmal in aller Form dafür bedanken, dass du letzten Freitag so tatkräftig dabei geholfen hast, mich von dieser schrecklichen Feier wegzubringen. Stella hat mir erzählt, wie du Rachel und sie unterstützt hast und sogar an ihrer Stelle den Posten in der Garderobe übernahmst. Das war wirklich sehr liebenswert von dir und das weiß ich unheimlich zu schätzen.“

Erneut legte mir Kate darauf ihre Hand auf die Schulter und lächelte mich freundlich an. Zwar war ich fachliches Lob für meine schulischen Arbeiten seit jeher gewohnt und konnte damit problemlos umgehen, jedoch waren Würdigungen bei etwas Zwischenmenschlichem für mich eine ganz neue Erfahrung und entsprechend war ich grad ein wenig unsicher, wie ich geeignet darauf reagieren sollte.
So druckste ich kurz ein bisschen herum, sprach dann aber doch halbwegs gefasst:
„Öhm, danke. Gern geschehen... und... wie fühlst du dich denn jetzt, Kate?“
Natürlich lag diese Frage schon seit meinem Eintreten hier in der Luft, doch wollte ich sie nun doch einmal faktisch aussprechen, worauf Kates Blick sofort ein wenig trauriger wurde und sie kurz vor sich zum Boden blickte.
„Ich... ich komme zurecht. Es wird einige Zeit dauern, all dies zu überwinden, aber... ich bin einfach nur so froh und so dankbar, dass ich viele Freunde um mich herum habe, die mir in dieser schweren Zeit zur Seite stehen und mich tatkräftig dabei unterstützen, meinen Lebensmut zurückzuerlangen. Es ist... ein schönes Gefühl, wenn man weiß, dass man nicht allein ist, gerade in Zeiten großer Sorge und Trübsinnigkeit...“
Ein wenig verkniff ich meine Lippen und blickte meine Mitschülerin etwas ausdruckslos, aber dennoch aufmerksam an, wobei die Gedanken in meinem Kopf speziell aufgrund ihrer letzter Aussage auf Hochtouren kreisten.
„Tja, wie du sicher weißt hab ich noch nie sonderlich viel auf die Meinung und die Gesellschaft anderer gegeben. Vielleicht... vielleicht sollte mir das, was mit dir geschehen ist, doch etwas zu denken geben...“, antwortete ich darauf und blickte nun selbst nachdenklich auf den Teppichboden vor mir.

Auf einmal spürte ich aber erneut Kates Hand auf meiner Schulter – Mann, so viel körperlichen Kontakt wie gerade war ich normalerweise nicht gewohnt und entsprechend wusste ich auch nicht, ob ich das schmeichelhaft oder eher störend finden sollte.
„Brooke, glaub mir, hätte ich nicht so viel Unterstützung von meinen Freundinnen gehabt, dann wäre ich Gott weiß wie tief in einer schlimmen Depression gelandet, aus welcher ich womöglich nie hätte entkommen können. All meine Freundinnen und auch jene Menschen, die mir gleichermaßen eine Hilfe waren – Rachel, Mr. Jefferson und auch du! – sie alle haben mir in gewisser Weise das Leben gerettet. Es sind Menschen des Vertrauens, die uns in den dunkelsten Stunden daran erinnern, dass es da draußen noch etwas Gutes gibt, für das es sich weiterzumachen lohnt. Bestimmt hast auch du solche Menschen in deinem Umfeld, selbst wenn es nur einige wenige sind, hab ich recht?“
Irgendetwas an Kates Worten weckte in mir plötzlich eine Erkenntnis, dass ich womöglich immer viel zu sehr darauf bedacht war, alles selbst regeln zu wollen und jede Hilfe von außen ablehnte. Ich dachte stets, dass andere Menschen mein Urteilsvermögen nur trüben würden und mich zu Dingen verleiteten, die mir gar nicht im Sinn lagen... aber Kate hatte recht: Wenn einem mal wirklich etwas Schlimmes widerführe, so wäre man ganz allein und verloren, wenn man sich von allen Menschen um sich herum abgeschottet hätte...

Ein wenig bedrückt blickte ich das Mädel daher an und seufzte einmal, doch wollte ich dennoch auf ihre letzte Bemerkung eingehen, ob ich denn auch Menschen um mich hätte, denen ich blind vertraute. Natürlich gab es da eine Person, bei der ich gedacht hatte, dass dies der Fall wäre, doch der Streit gerade vorhin ließ mich nun doch ein wenig daran zweifeln.
„Es gibt da jemanden, aber... ich weiß nicht, ob dieses Vertrauen so tief geht wie ich bisher dachte, Kate...“, meinte ich daher nur leise und ein wenig traurig, wobei ich meinen Blick abermals senkte.
„Wie kommst du darauf, dass du diesem Menschen nicht länger vertrauen kannst, Brooke?“, fragte Kate umgehend hintendran, was mich erneut einmal tief durchatmen ließ.
Ich wollte ihr jetzt nicht die ganze Geschichte erzählen, noch wollte ich offenlegen, um wen es sich handelte – obwohl das vielleicht anhand meiner sehr spärlichen Kontakte hier auf Blackwell eh offensichtlich sein könnte.
Meine Augenbrauen hochreißend und nun doch entschlossen, die Sache zumindest irgendwie im Ansatz zu erläutern – auch weil es mir vielleicht sogar gut täte, es einmal jemand Unbeteiligtem offenzulegen – begann ich daher etwas vage zu erklären:
„Na ja... ich will's mal so sagen: Stell dir vor, du würdest mit einem Menschen, der dir etwas bedeutet, eine wirklich einmalige Unternehmung planen, erfährst dann aber, dass dieser zu ebenjenem Erlebnis weitere Menschen hinzuzieht, die du eigentlich gar nicht dabeihaben willst... und das alles auch ganz ohne dein Wissen oder deine Zustimmung. Was würdest du davon halten?“

Keine Ahnung, ob das gerade irgendwie gekünstelt oder gar albern rüberkam, aber Kates Gesichtsausdruck schien doch ein wenig nachdenklicher zu werden, da sie kurz ihre Augen zur Decke drehte, mich dann aber wieder fest ansah.
„Auf die Gefahr hin, dass ich dich falsch verstehe... du willst sagen, dass jemand ohne dein Wissen zusätzliche Menschen zu diesem Erlebnis eingeladen hat?“, fragte sie etwas unsicher, was sich auch in ihrer einzelnen hochgerissenen Augenbraue widerspiegelte.
Ich nickte darauf nur etwas bedröppelt und tippelte nervös meine Fingerspitzen aneinander. Dann jedoch begann Kate plötzlich wieder dezent zu lächeln, was mich etwas überraschte und ich sie entsprechend verwirrt ansah.
„Brooke, was ist denn so schlimm daran, wenn noch mehr Menschen gemeinsam etwas Tolles miteinander erleben können? Wie ich gerade eben schon sagte: Es kann dir ganz neue Möglichkeiten darbieten, wenn du dein Herz für mehr als eine Person öffnest und sie an deinem Leben und deinen Freuden teilhaben lässt. Denn überleg mal: Wenn du immer wieder Menschen ohne dass sie dir etwas Böses getan haben ausgrenzt, wo wirst du dann damit aufhören? Am Ende wirst du womöglich selbst den einen Menschen, der dir am meisten am Herzen liegt, ebenso ausgrenzen und dadurch unweigerlich vergraulen, sodass du ganz alleine bist. Und ich glaube keinesfalls, dass du DAS wirklich willst, nicht wahr?“

Mit fortschreitender Erklärung öffneten sich meine Augen immer weiter und tatsächlich glaubte ich zu begreifen, was Kate mir damit sagen wollte... ja, wenn ich Warren als meinen einen Dreh- und Angelpunkt betrachtete, ihn dabei aber immer wieder an der kurzen Leine hielt und alle seine freien Handlungen zu untergraben versuchte, dann würde er es irgendwann nicht mehr mit mir aushalten und mich zurücklassen – alleine. Und vielleicht wollte er ja genau deswegen Max dabeihaben, weil er genau dies befürchtete... dass ich zu sehr klammerte und ihn so in seinen Freiheiten einzwängte.
Gott, war ich wirklich so verbittert und verbohrt in meiner Weltsicht, dass ich es gar nicht mehr zuließ, dass nicht jeder nach meiner Pfeife tanzte – nicht einmal der eine Junge, der mir wirklich am Herzen lag? Das konnte ich unmöglich so weitermachen und daher setzte auch umgehend ein schlechtes Gewissen bei mir ein, weil ich ihn vorhin so unerbittlich abgewiesen und zusammengestaucht hatte.
Ich meine, ja, Warren hätte mich natürlich in die Entscheidung wegen Max schon mit einbinden können, klar, aber so wie ich reagiert hab brauche ich mich dann auch nicht wundern, wenn ich am Ende alleine zurückbleibe...
Kaum in der Lage, meinen Blick wieder zu Kate hochzurichten schüttelte ich daher von Selbstzweifeln gepackt den Kopf.
„Nein, du... du hast recht, Kate. Das könnte ich nicht zulassen. Ich... ich muss mir endlich einiger Dinge klar werden.“
Noch immer geknickt dahockend rieb meine Mitschülerin mir erneut ihre Hand über die Schulter, was meinen Kopf schließlich wieder langsam zu ihr hinüberschwenken ließ. Dabei fiel mir auch erneut ihr zuneigungsvolles Lächeln auf.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass dir das gelingen wird und dann wirst du ganz sicher sehen, wie viel schöner es ist, wenn du weißt, dass die Menschen um dich herum dich auch an ihrem Leben teilhaben lassen.“

Tja, da mochte tatsächlich etwas Wahres dran sein und vielleicht hatte Warren ja recht, dass auch Max am Ende überhaupt kein schlechter Mensch war und nur meine brennende Eifersucht mich sie als solchen erkennen ließ. Fest entschlossen, meinen Fehler wieder gutzumachen, nickte ich einmal vor mich hin und begann dann Kate ebenfalls aufrichtig anzulächeln.
„Danke dir, Kate. Du hast... mir tatsächlich einiges bewusst gemacht. Das weiß ich sehr zu würdigen.“
Hierauf verbreiterte sich ihr eigenes Lächeln abermals und sie wirkte nun richtig fröhlich, was irgendwie auf merkwürdige Weise ansteckend war und ich daher ebenfalls noch offener lächeln musste. Dennoch war ich jetzt auch erpicht darauf, mich in mein Zimmer zu begeben und Warren eine SMS zu schreiben, um mich für mein aufgebrachtes und vorwurfsvolles Verhalten zu entschuldigen.
So stand ich also von Kates Sofa auf und meinte dann wieder um einiges lockerer zu dem Mädel:
„Nun, dann werde ich deinen Worten mal Taten folgen lassen und etwas erledigen, was ich schon viel früher hätte tun sollen. Vielleicht... bist du ja am Ende doch so was wie eine Art moralischer Kompass für unseren Jahrgang, auch wenn mir das bisher nie so klar werden wollte, Kate.“
Kate musste darauf ein wenig amüsiert auflachen, blickte mich dann aber wieder freudestrahlend und ehrlich begeistert an.
„Ich versuchte nach bestem Gewissen, jedem meiner Mitmenschen einen guten Rat auf den Weg zu geben, wo ich nur kann. Und ich weiß genau, dass du in Wahrheit ein viel einfühlsamerer Mensch bist, als du es dir selbst eingestehst, Brooke. Andernfalls hättest du mir deine Hilfe am letzten Freitag sicher nicht in diesem Umfang zukommen lassen.“

Ein bisschen verlegen verdrehte ich darauf die Augen, denn ein solches Kompliment hatte ich in dieser Form tatsächlich noch nie von jemandem erhalten und wollte es gerade auch irgendwie runterspielen, da mir das schon ein bisschen peinlich war. Gleichzeitig wusste ich aber um Kates gute Absicht und entgegnete ihr daher während ich mich schon halb auf den Weg zur Tür begab:
„Mag sein... jedenfalls bin ich froh, dass es dir zusehends besser geht. Wir... sehen uns dann allerspätestens nächste Woche, denke ich... sofern du dann wieder zum Unterricht kommen kannst.“
Dankbar nickte mir Kate zu und lächelte dabei neuerlich.
„Vielen lieben Dank, Brooke! Und ja, ich sehe gute Chancen, dass ich nächste Woche wieder zu euch stoßen kann, damit auch für mich langsam wieder Normalität einkehrt.“
Dies zu hören zwang mich dann noch einmal zu einem leichten Grinsen und ich verabschiedete mich schließlich knapp aber höflich von meiner Mitschülerin, ehe ich wieder in den Flur hinaustrat. Nachdem ich die Tür hinter mir schloss prustete ich einmal nachdenklich auf und ließ mir noch einmal Kates Worte durch den Kopf gehen. Da steckte wirklich eine Menge Wahrheit hinter, auch wenn ich dies früher nie so wahrgenommen hatte und entsprechend war es mir nun auch ein Bedürfnis, so schnell wie möglich Wiedergutmachung gegenüber Warren zu leisten.

Entsprechend schlenderte ich flotten Schrittes zum Ende des Flures hinab, wo sich linksseitig mein eigenes Zimmer befand, welches ich umgehend aufschloss und ins Innere trat. Meine Schulsachen hatte ich alle noch in meinem Spind im Hauptgebäude gelagert, sodass ich grad nichts ablegen musste und mich stattdessen gleich links hinter der Tür auf mein Bett niedersetzte. Anschließend schweifte mein Blick kurz über die vielen Filmplakate, die hier an den Wänden hingen und bei vielen davon musste ich unweigerlich wieder an Warren denken, mit welchem ich diese Filme teilweise schon mehrfach gemeinsam geschaut hatte. Es waren schöne und wohlige Erinnerungen und damit solche Momente in Zukunft auch noch Bestand haben sollten kramte ich schnell mein Handy aus der Hosentasche.
Ohne auf irgendwelche anderen Nachrichten zu achten, die im Laufe des Tages hereingeflossen waren, öffnete ich sofort die Kontaktliste und wählte Warren an. Ich musste einfach geradestehen für meinen unkontrollierten Ausbruch vorhin und ihm gleichzeitig auch meine Bereitschaft signalisieren, Max doch eine Chance zu geben – so wie Kate es mir über einige Ecken versteckt nahegelegt hatte. Daher seufzte ich einmal etwas wehmütig, begann dann aber voller Tatendrang die SMS zu schreiben.

„Hey Warren. Hör mal, ich möchte mich wegen vorhin bei dir entschuldigen. Ich hab überreagiert und wollte dir keinesfalls solche Vorwürfe machen – ich weiß ja, dass du es mit Max nur gut meintest. Es tut mir leid und wenn du magst kann ich ja gerne noch zu dir rüberkommen und wir können noch ein wenig lernen, ok? Außerdem hab ich mich entschieden, Max doch eine Chance zu geben und würde euch daher gerne ins Autokino begleit--“

Doch noch während ich am Schreiben war ging plötzlich der Vibrationsalarm los und auf dem Display kam ein Anruf herein. Kurz schreckte ich dabei auf, las dann aber den Namen des Anrufers und stellte fest, dass es sich um meine Mutter handelte!
Nanu? Das ist mal höchst ungewöhnlich, denn normalerweise ruft sie nie bei mir an, ohne dass wir uns vorher per SMS dazu verabreden.
Entsprechend irritiert betätigte ich die Taste zum Annehmen und führte etwas zögerlich das Handy zu meinem Ohr.
„Hey, Mama. Was gibt’s?“, sprach ich noch immer recht unsicher und war einerseits sehr gespannt, was meine Mutter denn zu diesem Anruf veranlasste, andererseits aber hoffte ich auch, dass es sich um keine Belanglosigkeit handelte – denn wegen solcher unnötig aufgehalten zu werden hatte ich schon immer gehasst.
„Brooke, Schätzchen. Hallo! Wie geht es dir?“, drang es sofort zu mir und etwas genervt, weil meine Mutter erst diese Begrüßungsfloskeln ausplauderte anstatt sofort zur Sache zu kommen, stöhnte ich einmal leise auf.
„Ach, ganz gut, wie immer halt. Aber warum rufst du plötzlich so unangekündigt an? Das machst du doch sonst nie!“, fragte ich direkt zurück und hoffte, dabei nicht zu ungeduldig oder unwirsch zu klingen.

Hierauf hörte ich Mama kurz besorgt aufatmen – und wenn sie besorgt war, dann ließ sie das einen immer besonders „theatralisch“ wissen.
„Ich... ich hatte heute Vormittag mit Kimberly telefoniert und sie hatte mir von diesem fürchterlichen Vorfall an deiner Schule am letzten Wochenende erzählt. Sag... geht es dir auch wirklich gut und... wie geht es deiner Mitschülerin, die so widerwärtig angefallen wurde? Ich mach mir schon den ganzen Tag solche Sorgen um dich, Liebes!“
Aha, offenbar hatte Warrens Mutter wohl ausgeplaudert, was mit Kate vorgefallen war... warum überraschte mich das nicht? Sie war fast so ungebremst in ihrem Wortschwall wie Warren selbst. Und meine Mutter war leider ein fürchterlich emotionaler Mensch, was mir seit jeher schon allzu oft auf den Sender ging und da war sie natürlich umgehend um ihre einzige Tochter zu Tode besorgt.
Hm, manchmal frage ich mich ja echt, von wem ich mein eher abgeklärtes Wesen überhaupt habe. Meine Eltern haben mir schon öfters halb scherzend erklärt, dass dies wohl von meinem Großvater mütterlicherseits herrührt, den ich aber nie selbst kennengelernt habe...
Da ich aber grundsätzlich Mamas Sorge in diesem speziellen Fall schon irgendwo verstand, nach allem was passiert war, seufzte ich einmal mit zusammengekniffenen Augen und versuchte sie dann zu beschwichtigen.
„Alles gut, Mama, mir geht es wirklich gut. Es hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst und auch Kate geht es mittlerweile wieder deutlich besser. Tatsächlich war ich gerade vor wenigen Minuten bei ihr auf dem Zimmer und hab mit ihr gesprochen – es geht uns allen wieder gut. Und Nathan, der Verursacher des Ganzen, wurde für das restliche Schuljahr suspendiert, also besteht auch keine echte Gefahr, dass so was wiederholt vorkommt.“

Sofort hörte ich ein erleichtertes Aufatmen am anderen Ende der Leitung.
„Du hast ja keine Ahnung, was für ein Stein mir gerade vom Herzen fällt, Brooke. Aber... tu mir bitte den Gefallen und sei weiterhin ganz besonders achtsam, worauf du dich an der Blackwell Academy einlässt. Versprichst du mir das?“, mahnte meine Mutter mich dennoch und sofort überkam mich erneut das Verlangen, meine Augen entnervt zu verdrehen.
„Ach, Mama, was glaubst du denn? Ich hab schon immer dafür gesorgt, dass ich mich aus allem Drama heraushalte und das will ich auch weiterhin so handhaben“, antwortete ich daher nachdrücklich und mittlerweile schon ein wenig verbissen.
Telefonate mit meiner Mutter waren halt meist ziemlich anstrengend, obwohl ich natürlich ihre Fürsorge prinzipiell zu schätzen wusste.
„Das freut mich zu hören, Brooke. Ich bin sehr stolz auf dich. Aber... es gibt da noch eine Sache, die ich mit dir bereden muss“, fügte sie darauf an, wobei sich ihr Tonfall am Ende schlagartig änderte und deutlich ernster, dafür aber umso „kühler“ klang. Was war denn jetzt bitte noch los?
„Hm, irgendwie hatte ich ja schon so etwas befürchtet. Also lass hören...“, antwortete ich meiner Mutter leicht argwöhnisch, worauf sie erneut für einen Moment innehielt und mich dadurch nur noch ungeduldiger werden ließ.

Nach mehreren Sekunden des Schweigens antwortete Mama schließlich mit eindringlicher Stimme:
„Es geht um deinen Cousin, Brooke. Er steckt in Schwierigkeiten...“
Ach du Scheiße, ausgerechnet mein Cousin? Er war so ziemlich die letzte Person, über die ich jetzt gerade sprechen wollte... oder überhaupt irgendwann!
„Ethan? Was hat der denn jetzt wieder angerichtet? Lernt er eigentlich nie dazu?“, entgegnete ich umgehend ziemlich aufgebracht, doch rasch ergriff meine Mutter das Wort und begann die Sachlage genauer zu erklären.
„Er wurde verhaftet. Ihm werden Diebstahl und Hehlerei vorgeworfen, sagten mir die Beamten auf der Polizeistation. Wir konnten ihn auf Kaution freisetzen, aber ihm droht beim bevorstehenden Gerichtsverfahren eine Gefängnisstrafe und--“
Doch in genau diesem Moment war ich es, die Mama eiskalt ins Wort fiel.
„Na, dann ist er jedenfalls endlich dort, wo er hingehört! Der Kerl ist gefährlich und das weißt du ganz genau, Mama!“, rief ich ziemlich aufgedreht und fasste mir dabei frustriert an die Stirn.
Ethan war einige Jahre älter als ich, hatte sich aber schon früher – als ich noch ein Kind gewesen war und er ein Teenager – mit den falschen Leuten rumgetrieben und war in mehreren Straßengangs in Portland aktiv gewesen. Auch wurde er schon mehrfach wegen kleinerer Delikte von der Polizei eingefangen, war aber bislang immer einer „richtigen“ Strafe entkommen, auch weil meine Tante und manchmal sogar meine Eltern ein gutes Wort für ihn eingelegt hatten – was ich noch niemals nachvollziehen konnte. Ich hatte zwar noch nie einen besonders familiären Draht zu dem Kerl gehabt, da er auch mich nie wirklich wahrnehmen wollte und vielleicht sogar eifersüchtig darauf war, dass ich im Gegensatz zu ihm ein stabiles Elternhaus hatte, aber spätestens seitdem er unübersehbar auf die schiefe Bahn geraten war hatte ich ganz bewusst jeden Kontakt mit ihm verweigert und mich so weit wie nur möglich von ihm ferngehalten.

Während ich bei diesen Gedanken den Kopf schüttelte und meine Stirn in Falten legte begann Mama allerdings erneut den Versuch, mich zu beschwichtigen.
„Brooke, Ethan gehört immer noch zur Familie und es liegt mir sehr am Herzen, dass er wieder auf den rechten Pfad kommt. Und... deswegen habe ich ein Anliegen an dich.“
Sofort riss ich völlig perplex meine Augen auf, da ich wirklich keinen Schimmer hatte, was für eine Bitte in Bezug auf meinen Cousin dies wohl sein mochte. So schwieg ich bedächtig und wartete darauf, dass meine Mutter endlich mit der Sprache rausrückte und ihr Anliegen vortrug.
„Dein Vater und ich haben uns mit deiner Tante Clara unterhalten und... wir haben im Sinn, für Ethan die Auferlegung eines Bewährungsprogramms zu erwirken, welches Maßnahmen zur Resozialisierung beinhaltet, damit er einer Haftstrafe entgehen kann. Wenn es deine freie Zeit zulässt, dann könntest du ihn an manchen Wochenenden zu ausgewählten Maßnahmen begleiten und ihm auf diese Weise als Vorbild eines integrierten Mitglieds der Gesellschaft dienen. Bestimmt würde ihm das enorm helfen, sein Leben wieder zurechtzurücken.“
Das meinte meine Mutter jetzt nicht ernst, oder? Ich sollte meine ohnehin spärliche Freizeit dafür opfern, um für diesen kriminellen Scheißkerl den Vormund zu spielen, obwohl er das Verantwortungsbewusstsein eines Dreijährigen besaß?
Völlig empört und kaum in der Lage, meine Gefühle in Worte zu fassen, rief ich daher energisch ins Telefon:
„Auf gar keinen Fall, Mama! Merkst du denn nicht, dass der Kerl eure Gutmütigkeit jahrelang nur ausgenutzt hat, damit seine ganzen Fehltritte folgenlos blieben? Und jetzt wo er endlich mal richtig in der Scheiße steckt soll ausgerechnet ich ihn da rauszerren? Er ist ein hoffnungsloser Fall, begreif das doch! Und dass du dich verzweifelt an den Wunsch klammerst, er könne resozialisiert werden, kann auch dir unmöglich gut tun. Akzeptier doch einfach, dass Ethan seinen Lebensweg schon längst gewählt hat und ihn nichts davon abbringen kann. Ich find's ja auch irgendwie bedauerlich, aber deswegen dürfen wir nicht blindlings die Wahrheit ignorieren oder gar leugnen...“

Ich war absolut nicht gewillt, meinem entfremdeten Cousin irgendeine Form von Absolution für seine unzähligen Missetaten darzubieten. Er musste für das, was er getan hatte, gerade stehen und endlich einmal die Konsequenzen zu spüren bekommen, sonst würde er meinen Eltern ewig auf der Nase herumtanzen und damit auch ihr Leben in den Schmutz ziehen. Das konnte und wollte ich nicht zulassen!
Derweil hörte ich Mama einmal tief aufseufzen und mit einer unüberhörbaren Trauer in der Stimme antwortete sie mir nach einem kurzen Moment beiderseitiger Stille:
„Brooke, ich verstehe dich ja, nur... wenn ich die Chance sehe, dass der Junge wieder rechtschaffen werden kann, dann möchte ich diese auch wahrnehmen.“
Darauf schwieg meine Mutter erneut und ich musste ebenso einmal tief aufschnauben, denn natürlich verstand ich ihre wohlwollende Absicht hierbei, aber Tatsache war nun einmal, dass mein Cousin schon zu lange und zu tief in diesem Morast steckte und der Versuch, ihn auf Krampf wieder geradebiegen zu wollen, würde uns alle nur unnötig belasten.
„Mama, ich weiß, dass du es gut meinst, wirklich... aber es darf einfach nicht sein, dass sein Handeln ewig ohne Konsequenzen bleibt. Wer sich daneben benimmt und vor allem andere damit runterzieht, der muss sich auch über die Folgen im Klaren sein und mit diesen leben, sonst könnte sich ja jeder buchstäblich alles erlauben und wo würde das denn hinführen? Es tut mir leid, Mama...“

Ein merkwürdiges Gefühl überkam mich gerade, als ich diese Worte sprach und plötzlich entsann ich mich wieder meines Streitgesprächs mit Warren von vorhin. Auch er hatte schließlich etwas getan, was definitiv alles andere als in Ordnung war und wenn ich meinem Vorsatz gegenüber Ethan bezüglich dessen, sich der Folgen im Klaren zu sein, treu bleiben wollte... dann durfte ich auch bei Warren nicht einknicken! Natürlich war die Tragweite des Handelns der beiden nicht mal annähernd vergleichbar, aber rein vom Grundprinzip her gab es da doch gewisse Parallelen, wie ich mit solchen Situationen umgehen sollte.
Noch immer diese Gedanken führend erklang erneut die Stimme meiner Mutter und diese zeigte nun tatsächlich ein bisschen Verständnis auf.
„Brooke, ich kann und will dich nicht dazu zwingen und... ich hoffe nur, dass du mit deinem Entschluss im Reinen bist. Ich würde mir einfach so sehr wünschen, dass jeder in unserer Familie wieder auf dem rechten Weg wäre... aber vielleicht hast du ja recht und ich klammer mich nur an Wunschträume, die längst fernab der Wirklichkeit sind. Bitte sei mir nicht böse, mein Schatz.“
Selbstverständlich wollte ich meiner Mutter jetzt nicht auch noch irgendwelche Vorwürfe deswegen machen und so seufzte ich einmal bedrückt auf.
„Natürlich nicht, mach dir da keine Sorgen. Ich... ich muss einfach das tun, was ich für das Richtige halte und ich hoffe, du verstehst das... falls du sonst nichts loswerden möchtest, dann würde ich allerdings gerne auch erstmal hier weitermachen... noch ein bisschen lernen und so. Am Wochenende melde ich mich aber noch einmal bei dir und sag dir, wie es Kate bis dahin ergangen ist, okay?“

Sofort entgegnete mir meine Mutter trotz ihrem noch immer hörbaren Kummer wieder ein wenig optimistischer:
„Das würde mich sehr freuen. Ich hab dich lieb, Kleines.“
Erneut musste ich kurz die Augen verdrehen, da ich es immer extrem cringy fand, wenn Mama mich „Kleines“ nannte, aber was sollte ich machen? Ihr dies auszureden war ebenso hoffnungslos wie meinen Cousin zu einem gesetzestreuen Bürger machen zu wollen, sozusagen.
„Ja, weiß ich doch, Mama... ich melde mich bei dir. Bis bald“, antwortete ich meiner Mutter abschließend leise und ein wenig nachdenklich, ehe ich letzten Endes auflegte und meine Arme schlaff auf die Bettdecke fallen ließ, worauf ich den Kopf zur Zimmerdecke reckte.
Heute war echt einer dieser Tage, wo ich von einer belastenden Situation in die nächste geworfen wurde. Am allermeisten machte mir jedoch nach wie vor die Sache mit Warren zu schaffen... und das Gespräch mit meiner Mutter gerade eben hatte mir wieder eines aufgezeigt: Es wäre ein Fehler, Warrens kopfloses Handeln, als er Max ohne mein Wissen zu unserem gemeinsamen Abend eingeladen hatte, einfach ohne Weiteres durchgehen zu lassen...
Andererseits hatte aber auch Kate recht damit, dass ich ihn nicht einfach aus meinem Leben streichen sollte – und das wollte ich ja auch überhaupt nicht, ganz im Gegenteil! Ich mochte Warren unheimlich gerne – vielleicht sogar mehr als nur das – und er war wirklich die eine Person hier auf Blackwell, der ich stets vertraut hatte... könnte ich ihm also auch insoweit vertrauen, dass er sich im Autokino zu nichts verleiten ließe, wodurch ich ihn für immer verlieren würde?

Grübelnd nahm ich derweil das Handy neben mir wieder an mich und mit einem Blick auf das Display war sofort wieder die unvollendete SMS von vorhin eingeblendet. Kurz sinnierte ich, ob ich diese tatsächlich noch abschicken wollte...
Ja, natürlich will ich das, denn meine Reaktion Warren gegenüber war maßlos übertrieben und ich will ihm nicht das Gefühl geben, dass er mir nichts bedeutet... aber ich kann auch gleichzeitig nicht zulassen, dass er sich im Recht fühlt und dann künftig immer wieder solche Sperenzien abziehen wird...
Daher nickte ich einmal entschlossen und löschte den angefangenen letzten Satz der SMS, nach welchem ich doch ins Autokino mitkommen wollte. Denn ganz ehrlich wollte ich wirklich nicht mit Warren UND Max zu dritt dort sein – das könnte ich einfach nicht! Und der Junge sollte auch ganz klar merken, dass seine Aktionen nicht folgenlos blieben. Andererseits wollte ich mich trotzdem bei ihm entschuldigen und ihm meine Bereitschaft symbolisieren, unseren Streit beizulegen – wie ich es im ersten Teil der SMS schon geschrieben hatte. Diesen ließ ich entsprechend unverändert so stehen und fügte nur noch einen recht allgemeinen Schlusssatz an.

„Sag mir einfach Bescheid, wenn ich rüberkommen kann. - Brooke“

Abermals seufzend drückte ich anschließend auf „Senden“ und hatte so die optimale Lösung für mich gefunden – einen Kompromiss gewissermaßen.
Noch immer ein wenig nachdenklich legte ich das Handy beiseite und starrte ziellos auf meine Zimmerwand, wobei meine Gedanken erneut hin- und herschwirrten. Ich wollte Warren nicht aufgeben, niemals! Und auch Max würde mich nicht davon abbringen, egal ob der Junge sie jetzt tatsächlich nur als einfache Freundin betrachtete oder – was ich insgeheim befürchtete – als mehr als das... ein wenig zog sich mein Magen bei dem Gedanken zusammen, dass die beiden allein im Autokino wären und auch mein Blick verfinsterte sich für einen kurzen Moment, doch wollte ich nicht zulassen, dass ich nur noch daran dachte. Ich musste meinen Kopf wieder frei bekommen und einfach weiterhin mein Ding mit Warren durchziehen... vielleicht würde er dann erkennen, dass ich es gut mit ihm meinte und er mir vollends vertrauen konnte – vielleicht viel mehr als dies bei Max der Fall war. Dann sah ich nach wie vor die Chance, dass ich ihm zum geeigneten Zeitpunkt meine Gefühle eingestehen konnte und wenn er am Ende genauso empfinden sollte, dann wäre all diese Mühe es wert gewesen...
Ein leichtes Lächeln fuhr mir über mein Gesicht, doch im nächsten Augenblick hörte ich den Vibrationsalarm meines Handys aufbrummen und so griff ich eilig nach dem Gerät und schaute mir das Display an. Warren hatte tatsächlich gerade auf meine SMS geantwortet! Schnell las ich mir diese durch und mein Lächeln verbreiterte sich prompt.

„Brooke, ich bin so froh, von dir zu hören! Natürlich nehm ich dein Angebot gerne an! :D Es tut mir auch wirklich leid, dass ich dich nicht vorher gefragt hab wegen der Einladung. Ich mach's wieder gut, Ehrenwort! :) Du kannst gerne jetzt gleich rüberkommen. Freu mich auf dich! DrWarren :P“

Da war ich aber erleichtert, dass Warren meine Entschuldigung annahm und so steckte ich das Handy zufrieden wieder in die Tasche meiner Shorts, ehe ich motiviert von meinem Bett aufsprang.
Ja, ich war der Meinung, dass ich am Ende den richtigen Entschluss gefasst hatte, Warren eine zweite Chance zu geben, gleichzeitig aber auf meinem Standpunkt zu beharren, nicht das dritte Wagenrad im Autokino neben Max und ihm sein zu wollen. Jetzt gerade war ich nur froh, dass Warren mir nicht böse war und so trat ich eilig vor meine Zimmertür und schloss diese direkt ab. Darauf machte ich mich auch gleich auf den Weg in den ersten Stock zu dem Jungentrakt, um den Abend noch bei meinem besten Freund mit ein wenig gemeinsamem Lernen zu verbringen – und eventuell auch noch ein bisschen lockerem Smalltalk. Dabei würde ich aber auf gar keinen Fall das Streitthema von vorhin erneut aufrollen, sondern mich einfach gemeinsam mit Warren ein bisschen ablenken – fernab irgendwelcher Gedanken über Max oder das Go-Ape-Event. All dies spielte momentan nicht die allerkleinste Rolle... zumindest vorerst nicht.
Wie dies aber in zwei Wochen aussieht kann ich im Augenblick noch nicht im Geringsten abschätzen...
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