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Life Is Strange - Have You Seen the Light?

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Übernatürlich / P18 / Mix
Chloe Price Kate Marsh Mark Jefferson Maxine "Max" Caulfield Rachel Amber Victoria Chase
05.06.2022
01.12.2022
30
189.156
4
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24.11.2022 7.265
 
Kapitel 28 – Die innere Stimme

Mark Jefferson
Arcadia Bay, Oregon
Montag, 7. Oktober 2013, 09:11 Uhr

Schnell durchkämmte ich noch einmal meine Aktentasche und vergewisserte mich so, dass ich auch ja nichts zu Hause liegen gelassen hatte, denn gerade heute wäre ein solches Szenario besonders verheerend. Immerhin hatte ich einen Großteil des Wochenendes damit zugebracht, die engere Auswahl der Beiträge für den „Everyday Heroes“-Wettbewerb näher zu betrachten, welche Rachel und ich am vergangenen Freitag festgelegt hatten. Auch hatte ich noch einen sechsten Kandidaten als eine Art „Nachzügler“ diesem Aufgebot hinzugefügt, doch am Ende musste dieser, so sehr er mir auch gefiel, leider einem der fünf ursprünglichen weichen. Erst gestern Abend, weit nach 22 Uhr, hatte ich nach langem Grübeln meinen finalen Entschluss gefasst und daheim in meinem Arbeitszimmer einen versiegelten Umschlag vorbereitet, welcher den Namen des siegreichen Schülers enthielt.
Diesen Umschlag hatte ich, wie ich nun noch einmal sicherstellte, tatsächlich sicher verstaut dabei, sodass ich ihn gleich noch vor Unterrichtsbeginn Ray in seinem Büro überreichen konnte. Zu Beginn der Mittagspause, um Punkt 12 Uhr, war dann eine Versammlung der Schüler auf dem Hauptcampus angedacht, wo ich in deren Beisein den Sieger feierlich verkünden würde. Auf diese Weise blieben ihm oder ihr auch noch ein paar Tage Vorbereitungszeit, ehe wir dann gemeinsam am Freitag nach San Francisco aufbrechen würden, um das Siegerfoto in der renommierten Zeitgeist-Galerie zu zelebrieren.

Zufrieden lächelnd schloss ich daher meine Aktentasche wieder zu und stieg nun auch endlich aus meinem Auto aus, welches ich bereits vor gut fünf Minuten auf dem Parkplatz der Blackwell Academy abgestellt hatte. Es war zu dieser frühen Stunde noch recht kühl draußen und die Sonne zeigte sich bislang nur sehr sporadisch, was ein eindeutiges Zeichen dafür war, dass der Herbst nun endgültig nicht nur optisch durch das sich verfärbende Laub der Bäume, sondern auch klimatisch Einzug gefunden hatte. In wenigen Wochen, wenn es um diese Uhrzeit noch deutlich kälter sein würde, käme ich vermutlich nicht mehr drum herum, mir morgens einen Mantel überzuziehen.
Für den Augenblick ließ ich diese Zukunftsbetrachtungen jedoch außer Acht und wollte mich stattdessen auf den Weg zum Hauptgebäude machen, um dort schon einmal Vorbereitungen für den heutigen Unterricht zu treffen. Gleich um 10 Uhr hätte ich den kunstgeschichtlichen Grundlagenkurs mit der zehnten Klasse, um 11 Uhr dann „Die Einführung in die Fotografie“ mit der Elften und schließlich später am Nachmittag „Die Sprache der Fotografie“ mit der Zwölften. So gesehen stand mir heute ein sehr breites Themengebiet auf meiner Agenda bevor, welches ich den Schülern näherzubringen gedachte.
Oben bei den Sportplätzen angekommen erblickte ich sofort Hausmeister Samuel in einiger Entfernung, wie er gerade den Platz ein wenig aufräumte – am vergangenen Freitag hatte ja in der angrenzenden Sporthalle eine große Party seitens des Vortex-Clubs stattgefunden. So wild wie diese Partys Gerüchten zufolge sein konnten wunderte es mich nicht, dass Samuel noch nicht mit dem Bereinigen der Ortschaften fertig war. Einerseits ließ mich dieser Umstand kurz schief grinsen, aber andererseits tat mir der gute Mann auch ein wenig leid, dass ihm diese unrühmliche und zeitaufwendige Aufgabe zuteil wurde.

Als Samuel kurz zu mir hinüberblickte hob ich einmal begrüßend meine Hand an, worauf auch er dies zaghaft, aber dennoch freundlich lächelnd erwiderte. Unser Hausmeister war sehr engagiert in seiner Tätigkeit und ich mochte ihn, obwohl viele Schüler leider hinter seinem Rücken, wie ich ab und zu mitbekam, eher abschätzig über ihn aufgrund seines etwas sonderbaren Auftretens sprachen. Das hatte der gute Samuel definitiv nicht verdient, denn ohne ihn würde dieses Schulgelände nicht in seinem beschaulichen Glanz erstrahlen, welcher es so sehr von anderen Schulen abhob.
Gerade als ich an der Schwimmhalle vorbeischritt und nun den Hauptcampus betrat, wo sich schon vielleicht anderthalb dutzend Schüler versammelt hatten, erblickte ich auch bereits Ray Wells, welcher akribisch den Platz entlang der Schwimmhalle begutachtete. Das wäre doch der optimale Zeitpunkt, ihn bereits jetzt wegen des Umschlags abzufangen und ihm diesen zu übergeben.

So steuerte ich nun geradewegs auf unseren Direktor zu und als er sich dann auch zu mir umwandte begann er ein wenig zu lächeln.
„Mark, einen schönen guten Morgen wünsche ich dir. Ich hoffe, du hast das Wochenende ganz zu deiner Zufriedenheit verbracht.“
Sofort zeigte auch ich ein freundliches Lächeln hervor und begann einmal bestätigend zu nicken.
„Ja, danke der Nachfrage, Ray. Ich hoffe natürlich, dass dies auch auf dich zutrifft. Tatsächlich hatte ich aber jetzt am Wochenende mehr zu schuften als üblich, wie du sicher weißt. Und ehe du fragst: Ja, ich habe mich für einen Gewinner beim 'Everyday Heroes'-Wettbewerb entschieden.“
Hierauf öffnete ich umgehend meine Aktentasche, wobei Ray mich interessiert anblickte, und holte schließlich in einer raschen Bewegung den versiegelten Umschlag mit dem Namen des Gewinners hervor.
Umgehend begann Ray anerkennend zu nicken und als ich ihm darauf den Umschlag entgegenhielt nahm er diesen langsam und bedächtig an sich.
„Dann dürfte der großen Verkündung zu Beginn der heutigen Mittagspause ja nichts mehr im Wege stehen. Ich selbst werde dafür Sorge tragen, dass während der beiden ersten Unterrichtsstunden hier vor der Schwimmhalle ein kleines Podest aufgebaut wird, von welchem aus wir die Bekanntgabe abhalten werden.“

Das hörte sich nach einem wirklich guten Plan an, denn auf diese Weise würden wir mit Leichtigkeit alle versammelten Schüler gleichzeitig erreichen und so die Kürung des Gewinners vor versammelter Truppe vornehmen, damit diese oder dieser sich von der gesamten Schule feiern lassen konnte – noch bevor wir am Freitag nach San Francisco aufbrächen und die Feierlichkeiten dort in die zweite, weitaus größere Runde gingen.
Entsprechend begeistert grinsend nickte ich Ray abermals zu.
„Ich sehe schon, dass unsere erstmalige Teilnahme an diesem Wettbewerb ein großartiger Erfolg wird, Ray. Und ich bin mehr als gespannt, wie die Zeremonie nachher vonstatten geht.“
Obwohl Ray natürlich ebenso erfreut über den bisherigen Verlauf dieses bahnbrechenden Projekts für unsere Schule war, so war er seit jeher auch ein eher stoischer und pragmatischer Charakter, weswegen er seinen Enthusiasmus deutlich gemäßigter zeigte – diese Eigenart machte ihn aber gleichzeitig auch zu einer guten Führungsperson für diese Schule, da er sich so von keinen persönlichen Emotionen zu kopflosen Entscheidungen verleiten ließ.
Dennoch brachte er nun ein knappes Lächeln hervor und steckte den Umschlag in die Innentasche seines Jacketts, ehe er sich halb in Richtung Schulgebäude umwandte.
„Es wird alles in seinen geordneten Bahnen ablaufen, Mark, davon bin ich überzeugt. Jetzt sollte ich aber langsam in mein Büro zurückkehren, da in gut einer halben Stunde der Unterricht beginnt.“
Dies klang in der Tat nach einer sinnvollen Idee und so nickte ich Ray direkt zu, worauf wir uns gemeinsam in Richtung des Vordereingangs des Hauptgebäudes in Bewegung setzten.

Es hatten sich inzwischen noch ein paar weitere Schüler hier versammelt, die sich in kleinen Grüppchen zusammentaten und die meisten von ihnen wirkten gerade außerordentlich aufgedreht und lebhaft – lautes Gelächter und Gejohle war aus mehreren Richtungen zu vernehmen. Besonders deutlich erschallte dies von einer Gruppe aus sechs bis acht Zehntklässlern, die ich aus meinem Kunstgeschichtskurs kannte und die sich allesamt um ein Handy scharrten. Hatten die jungen Leute etwa wieder mal eines dieser Internetvideos gefunden, bei welchen sie völlig ausflippten? Ein wenig die Augen verdrehend schüttelte ich den Kopf, musste gleichzeitig aber auch selbstironisch grinsen.
Denn wenn ich ehrlich bin hab ich früher, als ich noch in meinen Zwanzigern war und das Internet gerade erst in Mode kam, mir auch die einen oder anderen albernen Videos mit Genuss angesehen – auch wenn diese natürlich von einem ganz anderen Schlag waren als jene, die heutzutage angesagt sind.
Tja, die Internetkultur erfuhr mittlerweile schon eine ähnliche Dynamik wie die Kunstwelt, musste ich leicht amüsiert feststellen...
Gerade wollten Ray und ich die Stufen zum Vordereingang hinaufsteigen, als ich plötzlich die aufgeregte Stimme einer jungen Frau hinter mir vernahm.
„Mark! Mark, warte bitte mal! Ich muss dir etwas erzählen! Etwas Erschreckendes!“

Natürlich hatte ich diese Stimme sofort erkannt – es war unzweifelhaft Rachel! Daher hielt ich auch ohne zu zögern an Ort und Stelle inne und drehte mich besorgt zu meiner Assistentin um, die wohl ebenso gerade erst auf dem Schulgelände angekommen war. Sie selbst blieb völlig außer sich und mit sorgenverzerrtem Gesicht vor Ray und mir stehen.
„Rachel, beruhig dich doch bitte erst einmal und sag mir dann, was denn so erschreckend ist“, redete ich sogleich behutsam auf sie ein.
Auch Ray trat nun einen Schritt vor und sprach ebenfalls mit ruhiger, aber deutlicher Stimme zu Rachel:
„Miss Amber, ich muss Sie der Form halber fragen, ob das, was Sie uns mitzuteilen gedenken, von spezieller Relevanz für den heutigen schulischen Ablauf ist.“
Rachel blickte nun abwechselnd Ray und mich an und zögerte einen kurzen Augenblick, ehe sie dann jedoch etwas weniger verstört, aber noch immer sehr aufgebracht, ihr Anliegen zu erklären begann.
„Es ist sogar von enormer Relevanz, Direktor Wells. Es... es geht um einen Vorfall am vergangenen Freitag während der Herbstparty des Vortex-Clubs...“
Sofort verzog sich mein Blick ein wenig ins Verunsicherte, denn obwohl ich mit den hiesigen Partys abseits dessen, was über die Aushänge bekanntgegeben wurde, nicht wirklich vertraut war, so bekam auch ich natürlich immer mal allerhand mehr oder weniger unsinnige Gerüchte mit, welche die Schüler verbreiteten. Rachel jedoch vertraute ich erstens in voller Gänze, dass sie uns hier keine wilden Mutmaßungen präsentieren würde, sondern nur klare Fakten – und zweitens schien das, was sie gerade berichten wollte, wohl von außerordentlicher Schwere zu sein. Und so etwas ließ auch mich keinesfalls kalt!

Erwartungsvoll blickte ich Rachel daher an, sodass sie nach kurzer Pause ihre Erzählung fortsetzte.
„Kate, sie... sie wurde unter scheinbar wohlwollendem Vorwand in den VIP-Bereich der Party eingeladen und dort von den Vortex-Mitgliedern mit... irgendeiner Droge offenbar betäubt, sodass sie nur noch wie ferngesteuert agierte. Dann haben mehrere Jungs sich an sie herangeschmissen und ihren willenlosen Zustand schamlos ausgenutzt... sie haben Kate befummelt, geküsst und... ich weiß nicht, was noch alles passiert wäre, wenn ich sie nicht dort herausgeholt hätte...“
Sofort fuhr ich langsam eine Hand zu meiner Schläfe und war ehrlich schockiert von diesem Bericht... Kate Marsh war doch stets eine solch unerschütterliche Verfechterin guter Sitten und das ausgerechnet sie anscheinend solch einer Heimtücke ausgesetzt war ließ mich wahrlich erschaudern.
„Rachel... du sagtest grad, du hast Kate dort herausgeholt, also kannst du all die genannten Taten aus erster Hand bezeugen, ja?“, fragte ich noch immer ungläubig, wobei dies offensichtlich mehr eine rhetorische Frage war, die eigentlich keiner Antwort bedurfte.
Schnell wandte ich daher meinen Blick nach rechts zu Ray um, dessen Gesicht sich deutlich verhärtete und er seine Hände nun hinter dem Rücken verschränkte.
Rachel nickte auf meine Bemerkung hektisch, doch sie war mit ihren Ausführungen noch nicht fertig und drehte sich im nächsten Moment halb in Richtung Campus um, wo viele Schüler noch immer in Gruppen zusammenstanden und nach wie vor lautes Jubeln von dort zu vernehmen war.
„Das ist noch nicht alles! Ich... Dana hatte mir per SMS zwar gestern erzählt, dass Kate sich am Wochenende wohl recht gut erholen konnte und sich auch an nichts erinnerte, jedoch... just vor wenigen Minuten, als ich hier auf dem Campus ankam, hab ich einen Blick über die Schultern der grölenden Schüler erhascht und... Mark, einer von den Vortex-Mitgliedern hat die ganze Aktion gefilmt und sie ins Internet gestellt! Das Video mit Kates unfreiwilligen Eskapaden macht hier auf dem Campus bereits in diesem Moment, wo wir uns unterhalten, die Runde! Was können wir tun, um die arme Kate vor dieser Demütigung zu beschützen?“

Meine Güte, dass der bloße Vorfall allein nicht genügte, sondern Kate jetzt auch noch derart öffentlich bloßgestellt wurde war absolut unverzeihlich! Hektisch rasten meine Gedanken und krampfhaft versuchte ich zu überlegen, was man denn wirklich sinnvollerweise tun könnte, doch all diese Informationen von Rachel sprudelten gerade so vehement auf mich ein, dass ich leider ein wenig ratlos war.
Ray war es nun allerdings, der mit strenger und fester Stimme seinerseits einwarf:
„Miss Amber, dies sind schwerwiegende Vorwürfe, die Sie da tätigen. Sollten diese Geschehnisse auf unabstreitbaren Tatsachen fußen, so würde dies bei Weitem ausreichen, um ein Disziplinarverfahren gegen die verantwortlichen Schüler in die Wege zu leiten. Seien Sie versichert, dass ich mich dieser Sache augenblicklich annehmen werde und gleichermaßen den Campussicherheitsdienst darüber in Kenntnis setze, damit dieser weitere Nachforschungen vollziehen kann.“
Anerkennend nickte ich Ray unverzögert zu, denn auch ich war absolut der Meinung, dass die Schüler, die all dies initiiert hatten, zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Rachel blickte derweil Ray ein wenig hilflos, aber dennoch dankbar wegen seines angekündigten Vorhabens, an.
„Glauben Sie mir, Direktor Wells, es gibt Beweise! Die Schüler schauen sich dieses schäbige Video bereits unbekümmert an und...“
Doch Ray hob sofort beschwichtigend die Hand an und warf Rachel einen entschlossenen Blick zu.
„Die Ergründung jedweder Indizien hierzu wird Aufgabe des Sicherheitsdienstes sein. In dem Zusammenhang werde ich Mr. Madsen umgehend von der gesamten Sachlage in Kenntnis setzen und er wird das Sammeln von Beweisen vornehmen. Sowie diese mir vorliegen und ich mich deren Echtheit vergewissert habe werde ich das entsprechende Disziplinarverfahren unverzüglich einläuten.“
Noch immer sichtlich mitgenommen begann Rachel nun Ray erkenntlich entgegenzunicken.
„Vielen Dank, Direktor Wells, das weiß ich zu--“

Plötzlich jedoch wurden wir von einem deutlichen Anstieg des Lautstärkepegels unterbrochen und die mittlerweile gut drei dutzend anwesenden Schüler riefen nun wild durcheinander, sodass ich nur vage Wortfetzen klar vernehmen konnte – der Name Kate fiel dabei aber definitiv mehrfach.
Dann erkannte ich auch den Grund dafür, denn von dem Treppenaufstieg aus kommend, über den es zum Wohnheim hinabging, bewegte sich Kate nun über den Campus, wobei Stella sie von einer Seite im Arm hielt und auch Alyssa eine Hand auf ihre Schulter legte. Kate hielt derweil verzweifelt eine Hand über ihre Augen und ihrem gebeugtem Gang nach zu urteilen fühlte sie sich alles andere als gut.
„Kate, um Himmels Willen!“, rief Rachel direkt erschrocken auf und stürmte sogleich in Richtung der jungen Frau.
Bei Kate und ihren Freundinnen etwa fünfzehn Meter von mir entfernt angekommen versuchte meine Assistentin panisch auf sie einzureden, doch aufgrund des lauten Geräuschpegels bekam ich das Gesprochene nicht mehr mit. Ich beobachtete lediglich, wie Rachel Kate umgehend in den Arm nahm und gleichzeitig Stella und Alyssa energisch etwas erklärte. Da beide Mädchen im nächsten Moment geschockt zusammenfuhren – besonders bei Alyssa, die sonst immer so unerschütterlich auftrat, war dies ein wahrlich seltener Anblick – ging ich stark davon aus, dass Rachel die zwei gerade über das Video in Kenntnis setzte.

Kates sonst so lebensfrohe und heitere Persönlichkeit derart zerrüttet zu sehen löste bei mir grad regelrechte Bestürzung aus und so wandte ich mich rasch zu Ray um.
„Ray, wir können es Kate unmöglich in diesem Zustand und unter diesen Begebenheiten zumuten, am Unterricht teilzunehmen. Sie braucht jetzt vor allem Schutz, um so wenig wie nur irgendwie möglich mit alledem hier konfrontiert zu sein.“
Ray schnaubte einmal tief auf und blickte starr ins Leere vor sich, begann dann aber einmal ausholend zu nicken.
„Du hast recht, Mark. Ich werde Miss Marsh für den heutigen Schultag von der Teilnahmepflicht am Unterricht freistellen – mit der Option, diesen Zeitraum auf weitere Tage auszudehnen, sofern dies vonnöten sein sollte. Ich kümmere mich sofort darum und du solltest jetzt hineingehen und nach bester Möglichkeit den vorgesehenen Tagesplan ins Auge fassen.“
Natürlich war mir klar, dass trotz diesem Vorfall der Unterricht würde stattfinden müssen und entsprechend war ich auch erpicht, Rays Vorgabe nach bestem Gewissen wahrzunehmen, doch würde mir dies heute sicherlich weit schwerer fallen als üblich. Ein Jammer, dass hierdurch die Zeremonie zur Verkündung des Wettbewerbsgewinners derart getrübt wurde... doch weitaus wichtiger als diese Veranstaltung war jetzt Kates Wohlergehen.

Ray war inzwischen auch bei Kate und den anderen Mädchen angekommen und sprach beschwichtigend auf diese ein. Stella und Alyssa nickten dabei ein paar Mal und Rachel brachte ebenso abschließend eine kurze Geste der Anerkennung hervor. Gleich darauf machten Alyssa und Stella kehrt und begaben sich zusammen mit Kate im Arm wieder in Richtung Wohnheim zurück, um sie dort in Sicherheit zu bringen, während Ray und Rachel noch einen kurzen Dialog miteinander hielten. Nach etwa zehn Sekunden begann Rachel abermals zu nicken und zeigte ein sehr gezwungenes Lächeln, ehe sie sich schließlich vom Direktor abwandte und raschen Schrittes wieder auf mich zuging.
„Kate wird jetzt ins Wohnheim zurückgebracht, wo sie heute bleiben soll, Mark. Natürlich hilft ihr das, damit sie nicht auf dem Campus und im Unterricht schikaniert wird, aber... ich kann es immer noch nicht fassen, dass dieser beschissene Vortex-Club zu solch verachtenswerten Taten fähig ist!“
Rachels Wut war am Ende ihrer Aufführungen unüberhörbar und ich konnte sie natürlich gemessen daran, womit wir es hier zu tun hatten, nur allzu gut verstehen. Dennoch wollte ich meine Assistentin gerade ein wenig beruhigen und legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
„Kate hat das große Glück, noch immer Freundinnen um sich zu haben, die fest an ihrer Seite stehen, Rachel. Es wird ein schwieriger Prozess werden, aber sie wird das Ganze bestimmt überwinden können. Und du hast ihr dabei durch dein Eingreifen schon ein sehr großes Stück geholfen.“
Ein wenig versöhnlich bemühte ich mich um ein aufrichtiges Lächeln, doch Rachel brachte ihrerseits nur ein kaum wahrnehmbares Zucken ihrer Mundwinkeln hervor, wobei ihr Blick auf dem Boden hängen blieb... nach einigen Sekunden nickte sie dann allerdings doch zaghaft.
„Schätze schon...“

Mit Sicherheit würde es uns beiden helfen, wenn wir nun zumindest für den Moment wieder auf andere Gedanken kämen, denn Ray sowie David Madsen sorgten nun für die weitere Aufarbeitung des Vorfalls. Obwohl ich Davids Methoden und auch seine allgemeine Attitüde manchmal als doch sehr „schroff“ erachtete, so traute ich ihm definitiv zu, die nötigen Beweise sicherzustellen, um die schuldigen Schüler zu überführen.
„Na komm, Rachel. Lass uns erst einmal hineingehen. Auch wenn uns das heute schwerfallen mag, so müssen wir doch den Unterricht wie gewohnt vollziehen. Ray Wells kümmert sich um alles weitere – es wird alles aufgeklärt werden, da bin ich mir sicher“, sprach ich daher noch einmal versöhnlich auf meine Begleiterin ein.
Rachel selbst wirkte von meinem Worten leider nur bedingt überzeugt, aber verübeln konnte ich ihr dies auf der Kehrseite natürlich auch nicht. Dennoch zwang sie sich abermals zu einem halbherzigen Nicken, sagte dabei aber keinen Wort.
Hierauf schritten wir beide durch den Vordereingang in das Schulgebäude, wo sich schon eine Reihe an Schülern auf den Gängen sammelte. Zu meinem Ärger schienen auch hier drin nicht gerade wenige unter ihnen das ominöse Video von der Herbstparty auf ihren Handys zu schauen, denn die Ausrufe, die uns entgegenschallten, ließen ganz klar darauf schließen. Entsprechend ernüchtert atmete ich einmal aus, während ich aus dem Augenwinkel erkennen konnte, wie sich auch Rachels Gesichtsausdruck nun deutlich verfinsterte.

Den Versuch wagend, einfach das Getöse um uns herum zu ignorieren, schlenderten wir nun den Flur entlang, doch plötzlich rief Rachel wie aus heiterem Himmel laut und mit einer Stimmlage, die ich so „gehässig“ noch nie bei ihr gehört hatte:
„DU!!!“
Darauf sprintete sie förmlich in den Seitengang, wo sich neben dem Zugang zu den Toiletten auch die Schwarzen Bretter befanden, und hielt geradewegs auf Taylor zu, die gerade etwas an eines der Bretter geheftet hatte. Schnell eilte auch ich Rachel hinterher und noch während ich unterwegs war ertönte Rachels Stimme in einer fast schon animalischen Schärfe.
„Du warst diejenige, die das Video gefilmt hat! Hast du auch nur die leiseste Ahnung, was du da angerichtet hast, du miese, kleine, verschiss--“
Taylor zuckte sofort richtig verängstigt vor Rachel zurück und noch ehe es zu eventuellen Handgreiflichkeiten kommen konnte schritt ich augenblicklich dazwischen.
„Rachel! Rachel, bitte, beruhige dich! Lass uns das Ganze sachlich angehen, ja?“, sprach ich so abmildernd wie möglich, aber dennoch in aller Deutlichkeit.
Rachel jedoch schüttelte sofort vehement und mit noch immer wutverzerrtem Blick den Kopf.
„Mark, SIE hat das Video aufgezeichnet, ich habe es gesehen! Letzten Freitag! Ich war dort als es geschah!“
Sogleich wandte ich mich daher zu Taylor um, welche unverkennbar außerordentlich nervös wirkte, und blickte sie mit strengem Blick an.
„Ist das wahr, Taylor? Hast du dieses Video auf der Party aufgenommen?“
Umgehend hob Taylor abwehrend ihre Hände an, welche leicht zitterten.
„Es... es ist nicht so, wie Sie denken, Mr. Jefferson! Ich habe nur getan, was mir von--“

Dann jedoch wurde sie während ihrer Ausführungen unterbrochen, als Rachel ihr ein Flugblatt vor die Nase hielt, welches sie gerade vom Schwarzen Brett gerissen hatte. Offenbar handelte es sich um jenes Flugblatt, welches kurz zuvor von Taylor dort angebracht wurde.
„Spar dir deine erbärmlichen Ausflüchte, Taylor! Und wag es ja nicht zu leugnen, dass du diese Blätter mit dem Link zu Kates Video ans Schwarze Brett geheftet hast!“
Eilig drehte ich mich zu Rachel um, welche meinen Blick sofort erwiderte, worauf ich einmal nickend meine Hand nach vorne hielt. Meine Assistentin überreichte mir im Gegenzug das besagte Blatt, welches ich unverzüglich zu lesen begann.

„KATE MARSH TREIBT ES WILD!!!

Guckt euch an, wie die brave, fromme Kate auf der Vortex-Party komplett die Kontrolle verliert!

Sucht einfach auf Redtube nach 'Notgeile Kirchenschlampe geht mit drei Jungs hart ab' (Kanal: VMC95) oder geht direkt auf:
https://bit.ly/Byf8Ugj

Viel Spaß!!! :D“

Wenn ich es nicht gerade selbst gelesen hätte, dann hielte ich es nicht für möglich, dass solch ein widerwärtiges Verhalten hier an unserer Schule tatsächlich offen zelebriert wurde. Entsprechend trat ich nun einen Schritt näher an Taylor heran, welche ihrerseits im gleichen Augenblick hektisch nach hinten zuckte, und hielt das Flugblatt für sie gut sichtbar in die Höhe.
„Taylor Christensen, dass du tatsächlich zu so etwas Hinterhältigem fähig bist erschüttert mich zutiefst! Wie würdest du dich fühlen, wenn du diejenige wärst, die durch eine Arglist betäubt, dann unwissend zu rufschädigenden Handlungen verleitet würde und zu allem Überfluss auch noch Videoaufnahmen davon in aller Öffentlichkeit landeten?“
Die junge Frau begann nun förmlich am ganzen Körper zu zittern und verzog verkrampft ihr Gesicht.
„Bitte, Sie müssen mir glauben, ich wollte es doch auch nicht so weit kommen lassen! Ich... ich wurde dazu überredet... ehrlich! Mir wurde verklickert, dass wenn ich--“, brachte sie schließlich mit bebenden Lippen hervor, ehe Rachel jedoch blitzschnell nach vorne sprang und mit ihrem Gesicht nur wenige Zentimeter vor Taylors eigenem Halt machte.
„Überredet? Willst du mich verscheißern, Taylor? Dass du so skrupellos bist und es überhaupt tust, ganz egal aus welchem Grund, ist ja wohl Beweis genug dafür, dass--“, fauchte sie ihrer Kontrahentin nun lautstark entgegen, doch ich wollte jetzt auf keinen Fall einen Aufstand heraufbeschwören. Daher fuhr ich Rachel meinerseits beschwichtigend ins Wort.
„Rachel, bitte! Also, Taylor... wer hat dich dazu überredet? Raus mit der Sprache!“

Abwechselnd blickte Taylor nun Rachel und mich an – wobei meine Assistentin inzwischen wieder einen oder zwei Schritte von ihrer früheren Mitschülerin zurückgetreten war – doch sie zögerte damit, etwas zu dem Sachverhalt zu sagen. Stattdessen schüttelte sie nur hektisch ihren Kopf.
„Taylor, das war keine Bitte, das war eine Aufforderung!“, setzte ich so noch einmal nach, diesmal auch in einem etwas lauteren und ungnädigeren Tonfall.
Gleichzeitig erkannte ich aber auch in Taylors Gesichtsausdruck, dass sie während der ganzen Debatte sichtlich eingeschüchtert und verstört wirkte und... irgendetwas sagte mir, dass dies nicht bloß um ihrer selbst willen der Fall war, weil sie sich vor der auf sie zukommenden Strafe fürchtete. Vielmehr erschien es, als würde sie tatsächlich zu begreifen beginnen, was sie und ihre Mittäter Kate eigentlich angetan hatten.
Erneut war es jedoch Rachel, die einen Schritt näher an das Mädchen herantrat.
„Der Kanal gehört doch Victoria, stimmt's? Das sind ihre Initialen und ihr Geburtsjahr in dem Namen, oder? Spuck's aus, verdammt nochmal!“
Um Rachels berechtigter Frage meinerseits Nachdruck zu verleihen verschränkte ich nun meine Arme und starrte Taylor erwartungsvoll an – dabei aber auch unwillig, weitere Verzögerungen ihrerseits hinzunehmen. Nach wenigen Sekunden des Haderns und, wie es mir erschien, kurz bevor sie ihre emotionale Kontrolle verlor, senkte meine Schülerin schließlich den Kopf und fing mit leiser Stimme an, die Wahrheit offenzulegen.
„Es ist wahr... Victoria, sie hat mich dazu gedrängt, das Video aufzunehmen. Sie... ich... ich wollte das alles gar nicht tun! Anfangs dachte ich ja, dass wir Kate nur irgendwie harmlos verarschen oder lächerlich machen würden, aber als ich dann mitansah, wie die Jungs sie... das wollte ich nicht länger mitmachen, doch Victoria hat mich... sie hat mir direkt zu verstehen gegeben, dass wenn ich nicht weiterfilmen würde, ich 'die Nächste' wäre! Verstehen Sie doch, ich hatte wirklich Angst...“

Während Taylor sprach lockerte ich langsam ein wenig meine angespannte Armhaltung und blickte das Mädchen jetzt doch mit ein wenig Bedauern an... nicht dass dieses Geständnis irgendeine ihrer Aktionen auch nur entfernt rechtfertigte, doch ihr war unmissverständlich anzusehen, dass ihr dieser enorme Druck von Victoria und womöglich auch dem gesamten Vortex-Club, um auf deren guter Seite zu stehen, schwer zu schaffen machte. Rachel jedoch war hiervon offenbar lange nicht so überzeugt wie ich.
„Jetzt spiel bloß nicht die Opferkarte aus, Taylor! Nicht du bist hier das Opfer, sondern Kate! Willst du das nicht begreifen oder bist du einfach nur zu blöd dazu?“, rief sie Taylor daher unverändert sauer ins Gesicht.
Um Rachels Zorn ein wenig zu zügeln, gerade weil Taylor meines Erachtens ihre Missetat langsam begreifen schien, legte ich meiner Assistentin eine Hand auf die Schulter.
„Rachel, lass gut sein. Ich denke, sie hat es verstanden...“, flüsterte ich ihr behutsam zu.
Inzwischen gänzlich durch diese vehemente Konfrontation überfordert fuhr Taylor nun beide Hände zu ihrem Gesicht und brach leise, aber dennoch deutlich hörbar, in Tränen aus. Dies zu sehen ließ auch Rachel endgültig einen Schritt zurückweichen und sie warf mir vielmehr einen deutlich bedrückteren Blick zu. Knapp nickte ich hierauf und wandte umgehend mein Augenmerk wieder zu Taylor um, welche noch immer aufgelöst dastand und sich seitlich mit der Schulter gegen die Wand stützen musste, wobei sie nur mit Mühe zwischen ihrem Schluchzen ein paar weitere Sätze anfügen konnte.
„Mir tut das alles doch auch leid, aber ich wollte nur... nicht ausgegrenzt und dann selbst Opfer solcher Scherereien werden. Darum hab ich auch völlig blind Victorias Anweisung mit dem Aushang befolgt, ich sah einfach keinen anderen Ausweg mehr! Mich nimmt doch eh kaum einer hier Ernst und... und dann noch all diese familiären Sorgen nebenbei, um die sich niemand sonst auch nur im Ansatz kümmert, das... das ist einfach zu viel...“

Dies war gerade eine sehr schwer zu lösende Situation für mich, denn obwohl sich Taylor ganz klar ihres Fehlverhaltens bewusst werden musste, so wollte ich ihr dennoch ein paar Worte zukommen lassen, die sie vielleicht in wohlwollender Weise zu einem Umdenken veranlassten.
„Taylor... was du getan hast war unentschuldbar und das weißt du auch ganz genau. Und deswegen gebe ich dir hier und jetzt den gutgemeinten Rat, dich nicht länger daran zu messen, was diejenigen von dir erwarten, deren Gunst du ersuchst. Tu das, was du selbst für das Richtige hältst, denn ich glaube sehr wohl, dass du tief in deinem Inneren weißt, was richtig ist und was nicht.“
Kaum dass ich diesen kurzen Monolog beendet hatte trat auch Rachel wieder einen Schritt nach vorne, um ihrerseits jetzt deutlich gemäßigter etwas zu ergänzen.
„Da hat Mr. Jefferson ganz recht, Taylor. Du tust dir überhaupt keinen Gefallen damit, immer den Fußabtreter für Victoria und andere zu spielen. Ich sehe dir doch deutlich an, dass du das selbst auch gar nicht willst und es dich nur belastet. Du leidest ja regelrecht darunter und schadest damit nicht nur jenen um dich herum, sondern auch dir selbst! … und wenn du uns von jetzt an dabei hilfst, diese ganze Sache lückenlos aufzuklären, dann kannst du echte Wiedergutmachung leisten.“
Nach diesen Worten senkte Taylor ihre Hände wieder von ihrem Gesicht und dabei liefen noch immer eine oder zwei Tränen an ihren Wangen hinunter, doch starrte sie nun abwechselnd Rachel und mich an und begann nach einigen Sekunden schließlich hektisch zu nicken.
„Ich... ich versuche es, ehrlich... leider... weiß ich nicht viel darüber, wie das alles ursprünglich geplant wurde. Ich wurde erst einen Tag vor der Party überhaupt darüber in Kenntnis gesetzt, als die Durchführung schon beschlossene Sache war. Alles was ich weiß ist, dass Nathan und Victoria wohl tiefer darin verstrickt waren... vielleicht auch noch andere, aber das kann ich nicht genau sagen. Und... Courtney wurde gemeinsam mit mir in dieses Vorhaben eingeweiht, sie ist also unschuldig...“, brachte sie noch immer leicht abgehackt, sich dabei aber langsam wieder beruhigend, hervor.

Kurz tauschten Rachel und ich einen Blick aus, der mir zeigte, dass auch ihr diese Information zumindest ein bisschen Klarheit verschaffte. Entsprechend brachte ich Taylor gegenüber nun ein knappes anerkennendes Lächeln entgegen.
„Jede Information hilft uns weiter. Ich danke dir für deine ehrliche Auskunft, Taylor. Und merk dir bitte unsere Worte, damit du auch wieder mit dir selbst ins Reine findest.“
Eilig nickte Taylor abermals und richtete sich dann wieder halbwegs gefasst von der Wand auf.
„Werde ich, versprochen und... vielen Dank, Mr. Jefferson... das... das bedeutet mir viel...“
Zufrieden nickte auch ich der jungen Frau als Antwort zu, ehe sie sich schließlich von uns abwandte und noch immer leicht wackeligen Schrittes in den Hauptflur zurückbegab.
Als sie inmitten des Pulks an Schülern verschwand, die sich dort inzwischen zusammengerottet hatten, hörte ich Rachel einmal laut aufschnauben und noch während sie ihre Augen auf den Boden behielt sprach sie nachdenklich:
„Glaubst du, sie meinst das ehrlich, Mark? Dass sie sich von ihrer Folgsamkeit Victoria gegenüber lossagen will?“
Leicht meine Arme verschränkend hielt ich einige Sekunden inne und blickte vor mich ins Leere.
„Das wird die Zeit zeigen, Rachel. Die Zurschaustellung ihrer Gefühle gerade zeigt mir aber unzweifelhaft, dass sie tatsächlich so etwas wie Reue empfindet und... das ist eine wichtige Basis, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen“, erwiderte ich schließlich mit fester, aber ruhiger Stimme.
Nur langsam wandte Rachel wieder ihren Kopf zu mir um und schaute mich recht unsicher an, doch legte ich ihr nun beruhigend eine Hand auf die Schulter.
„Es war in jedem Falle wichtig, dass Taylor dies einmal vor Augen geführt wurde... und so kalt das auch zunächst klingen mag: Wenn diese bedauerliche Geschichte eine gute Sache mit sich bringt, dann vielleicht, dass Schülerinnen wie Taylor fortan ein Umdenken in ihrem Handeln in Betracht ziehen.“

Jetzt konnte Rachel endlich wieder zumindest im Ansatz ein knappes Lächeln vorzeigen und sie nickte mir langsam zu. Dann jedoch atmete sie abermals tief auf und sah mir wieder fest in die Augen.
„Hör mal, Mark... wenn es dir nichts ausmacht würde ich gerne einmal selbst zu Kate hinüber ins Wohnheim gehen, um mich nach ihrem genauen Befinden zu erkunden. Vielleicht bekomme ich so auch mehr darüber heraus, woran sie sich von der Party noch erinnert... ich versuche auch so schnell wie möglich wieder hier zu sein für den Unterricht.“
Das klang, wie ich fand, nach einer sehr vernünftigen Idee, denn jeder Beistand für Kate könnte ihr in diesen Stunden im großem Umfang helfen – ganz besonders jener von ihrer Retterin. Entsprechend begann ich nun zum ersten Mal seit der Offenbarung dieser verstörenden Ereignisse wieder ungehindert zu lächeln.
„Rachel, Kate würde es ganz sicher im höchsten Maße begrüßen, wenn du ihr Gesellschaft leistest und dich mit ihr unterhältst. Und ich gebe dir in diesem Zusammenhang auch die erste Stunde heute frei, damit du dir alle Zeit dafür lassen kannst. Es genügt, wenn du um 11 Uhr zur zweiten Stunde zurückkehrst – gegebenenfalls auch später, nur lass mich das dann bitte kurz vorher per SMS wissen, einverstanden?“
Ohne zu zögern nickte Rachel dies ab und auch sie konnte endlich wieder zumindest für einen kurzen Augenblick halbwegs lächeln.
„Vielen Dank, Mark. Das weiß ich unheimlich zu schätzen...“
Dann wollte meine Assistentin aber auch keine weitere Zeit vertrödeln, weswegen sie sich direkt umdrehte und schnellen Schrittes zum Ausgang lief. Einmal tief durchatmend betrachtete ich daraufhin noch einmal das Flugblatt in meiner Hand, welches Taylor vorhin aufgehängt hatte. Am liebsten würde ich es ja augenblicklich zerreißen und wegwerfen, doch es war wichtiges Beweismaterial, weswegen ich es stattdessen mit Bedacht faltete und anschließend in meiner Aktentasche verstaute.

Da ich mit einem Blick zur Uhr, die über dem Türsims im Eingangsbereich hing, nun auch feststellen musste, dass es bereits Viertel vor zehn war, wollte auch ich nicht länger Zeit schinden und begab mich so stetigen Schrittes den Flur hinunter in Richtung meines Unterrichtsraumes. Zu meinem Bedauern musste ich dabei erneut feststellen, dass die meisten anwesenden Schüler weiterhin aufgeregt über Kates Video tuschelten und teilweise auch Bemerkungen von sich gaben, die ich mehr als abschätzig fand. Umso erpichter war ich daher darauf, nach Kräften bei der Aufklärung dieses Unglücksfalls zu helfen. Heute Mittag nach der Verkündung des Wettbewerbsgewinners würde ich Ray auf alle Fälle schon einmal die ersten Informationen zustellen, die Rachel und ich von Taylor erfahren hatten.
… der Wettbewerb! Dass ich mich selbst gerade eher beiläufig wieder daran erinnert hatte ließ mich nun einmal kurz innehalten, denn nach allem was ich heute über diesen Partyzwischenfall erfahren hatte hegte ich nun urplötzlich arge Zweifel daran, ob mein Entschluss den Gewinner betreffend wirklich der richtige war.
Aus objektiver, künstlerischer Sicht war dieser trotz langer Überlegung am vergangenen Wochenende – wobei ich den finalen Entschluss erst gestern Abend zu später Stunde gefasst hatte – definitiv am naheliegendsten. Jedoch... in all den Jahren – mittlerweile eigentlich schon Jahrzehnten – die ich nun in dieser Branche tätig war, gab es immer auch diesen einen Aspekt in der Kunst, der sich über alle anderen erhob: die Bedeutung der Kunstwerke, sowohl seitens des Künstlers als auch des Betrachters. Und heute war doch ein ganz kräftiger Ruck durch die Welt von Blackwell gegangen, weswegen ich meine ursprüngliche Festlegung des Siegers nun doch in Frage stellte...
Ja, Kunst ist eben keine reine Mathematik, wo es nur eine logische richtige Lösung zu jeder Fragestellung gibt... vielmehr existiert dort eine große und breite Grauzone, die je nach Sichtweise und Erfahrungsschatz ein ganz anderes Bild auf die Resultate werfen kann.

Meine fachliche, sachliche Kompetenz als Kunstlehrer sagte mir dabei zwar, dass der vorbestimmte Schüler diese Auszeichnung verdient hatte... aber diese andere Seite in mir... meine innere Stimme – sie sprach mir gerade zu, dass dies nicht rechtens wäre, nach allem was heute ans Tageslicht gekommen war.
Während ich bereits sinnierend den Klassenraums betreten hatte, fasste ich eilig nickend einen ultimativen Entschluss und stellte zunächst meine Aktentasche auf das Pult, worauf ich diese öffnete und dort ein leeres Blatt Papier herausnahm. Anschließend verfasste ich handschriftlich etwas auf diesem Blatt und faltete es schließlich sorgsam, ehe ich einen leeren Briefumschlag aus dem Seitenfach der Tasche an mich nahm. Dort schob ich den gefalteten Papierbogen hinein und versiegelte schlussendlich den Umschlag.
Mit einem überzeugten Lächeln im Gesicht betrachtete ich diesen einige wenige Sekunden und machte dann meine Aktentasche wieder zu. Mit dem Umschlag in der Hand verließ ich darauf den Raum, schloss die Tür ab und begab mich nun raschen Schrittes noch einmal auf den Weg zurück in den Flur, wobei ich geradewegs auf mein Ziel zuhielt: Rays Büro in der Nähe des Eingangsbereichs.

Dort angekommen trat ich unentwegt in den Vorraum hinein, wobei es sich um das schulische Sekretariat handelte, und richtete ohne Verzögerung sofort mein Wort an unsere Sekretärin, die gute Heather.
„Entschuldige bitte die Störung, Heather, aber ich muss vor Unterrichtsbeginn noch einmal etwas Wichtiges mit Ray besprechen. Magst du mich bitte einmal zu ihm vorlassen?“
Sie blickte mich ob meines plötzlichen, stürmischen Eintretens etwas überrascht an, doch nach nur zwei oder drei Sekunden begann sie schließlich zu lächeln und hob einmal kurz ihre Hand hoch, um mich um einen kurzen Augenblick der Geduld anzuhalten. Dann betätigte sie den Schalter für die Gegensprechanlage zu Rays Büro.
„Direktor Wells, Mark Jefferson ist hier und möchte Sie einmal sprechen.“
Ein kurzer Moment der Stille verging im Raum, ehe dann durch die Anlage für mich deutlich hörbar Rays Stimme erklang.
„Schicken Sie ihn bitte hinein, Heather.“
Zufrieden nickte ich einmal und bedankte mich höflich bei unserer Sekretärin – die im Übrigen schon viele Jahre vor meinem eigenen Einstand ihre Arbeit hier auf Blackwell aufgenommen hatte – ehe ich die Tür zu Rays Büro öffnete.

Er saß gerade an seinem pompösen Schreibtisch und hatte dort eine Großzahl an Papieren und Formularen bereitgelegt, die er gerade wohl emsig abarbeitete, doch unterbrach er diese Arbeit nun direkt nach meinem Eintreten und richtete den Blick zu mir hoch.
„Mark, was kann ich für dich tun? Es ist ungewöhnlich, dass du so knapp vor Beginn des Unterrichts mich in diesem Büro aufsuchst.“
Da hatte Ray natürlich recht, denn normalerweise ließ ich ihn, wie auch alle meine Kollegen, während des Unterrichtszeitraums in Ruhe seine Tätigkeiten nachgehen, damit er nicht gestört würde. Doch der heutige Tag war in vielerlei Hinsicht weit abseits der Normalität und speziell im Bezug auf mein Anliegen war es daher unabdingbar, den Direktor doch noch einmal schnellstmöglich zu sprechen.
„Bitte entschuldige die Störung, Ray, aber ich habe kurzfristig noch eine kleine Änderung vorgenommen, welche den Sieger des Wettbewerbs betrifft. Hier habe ich den endgültigen Gewinner.“
Darauf hielt ich ihm den gerade zusammengestellten Umschlag entgegen, den Ray kurz etwas argwöhnisch betrachtete.
„Eine Änderung so kurz vor der Bekanntgabe? Mark, das geschah doch sicher nicht bloß aus reiner Laune, habe ich recht?“, fragte er interessiert und dennoch gelassen nach.

Natürlich konnte ich unserem Direktor so ohne Weiteres nichts vormachen und musste daher ein kleines bisschen grinsen.
„Nein, da liegst du ganz richtig, Ray. Die... Ereignisse, die sich uns gerade vorhin dargelegt haben, gepaart mit einigen Aussagen, die Rachel und ich bereits aus einer Schülerin entnehmen konnten, ließen mich meine ursprüngliche Entscheidung noch einmal revidieren. Daher darfst du den Umschlag, den ich dir vorhin auf dem Campus überreicht habe, als gegenstandslos betrachten. Dieser hier enthält den wahren Gewinner des 'Everyday Heroes'-Wettbewerbs.“
Ray hörte sich meine Ausführungen konzentriert an und nickte nach Abschluss einmal ausschweifend, ehe er seinerseits einen Umschlag von seinem Dokumentenstapel auf dem Schreibtisch ergriff – und zwar jenen mit dem „alten“ Gewinner – und diesen sogleich in seinem Papierkorb verschwinden ließ. Dann nahm er schließlich den neuen Umschlag von mir entgegen und lächelte dabei knapp.
„Ich vertraue deinem Urteilsvermögen, Mark, denn eine solch abrupte Revision des Gewinners geschieht gewiss nicht ohne triftigen Grund. Ich werde daher deinem Wunsch entsprechen und diesen zweiten Umschlag bei der Bekanntgabe verwenden. Jedoch... du sprachst gerade von Erkenntnissen und Aussagen, die dich zu diesem Entschluss motivierten. Kannst du mir dazu Näheres sagen?“
Gerne würde ich Ray nun die Neuigkeiten übermitteln, die Taylor mir gerade vorhin kundgab, doch hielt ich es aufgrund der mangelnden Zeit vor dem Unterricht sowie auch zu Taylors eigenem Schutz im Moment für das Beste, dies zumindest bis zur Mittagspause zu verschieben.
„Das kann ich und das werde ich, aber... gerade habe ich das Beweisstück nicht zur Hand und der Unterricht geht in weniger als zehn Minuten los. Nur so viel: Rachel und ich haben einen Aushang am Anschlagbrett im Hauptflur aufgegriffen, welcher den Link zu dem Video enthält, welches gerade auf dem Campus umhergeht. In der Mittagspause, gleich nach der Zeremonie, werde ich dir aber sowohl das Beweisstück überreichen als auch Details zu den Aussagen der Schülerin berichten.“

Auf diese Erklärung hin nickte Ray mir starren, aber dennoch zufriedenen Blickes zu.
„Damit bin ich einverstanden, Mark. Ferner, da dieses Thema gerade noch einmal zur Sprache kommt, kann ich dir schon jetzt mitteilen, dass Mr. Madsen inzwischen über die Vorfälle informiert wurde und sich im Folgenden dieser Sache annehmen wird, um so rasch wie möglich tatkräftige Beweise sicherzustellen. Ich selbst habe hier bereits Formulare vorbereitet, um bei Vorlage dieser Beweisstücke ein disziplinarisches Eilverfahren einzuleiten, sodass die Verursacher schnellstens ihrer angemessenen Strafe zugeführt werden.“
Dass sich Ray so eifrig um eine Lösung des Problemfalls bemühte stimmte mich sehr froh und entsprechend begann ich nun leicht zu lächeln.
„Das ist großartig, Ray. Ich hoffe, dass dieser Missstand so bald wie möglich ein Ende findet und vor allem die arme Kate ohne längerwährende Narben aus der Affäre herauskommt... dennoch werde ich mich jetzt erstmal auf den Weg zum Unterricht machen. Wir sehen uns heute Mittag zur Zeremonie, Ray.“
Erneut nickte mir Ray zu und brachte seinerseits für einen kurzem Moment ein knappes Lächeln hervor.
„Ein guter Entschluss, denn so prekär diese Situation auch sein mag, im Sinne der Aufrechterhaltung der schulischen Ordnung darf der uneingeschränkte Fortbestand des Regelunterrichts am heutigen Tage nicht gefährdet werden. Viel Erfolg, Mark, und bis heute Mittag.“

Nach einem abschließenden Nicken meinerseits wandte ich mich wieder in Richtung Ausgang um und verließ darauf Rays Büro. Beim Gang durch das Sekretariat teilte ich Heather noch schnell mit, dass ich dem Direktor mein Anliegen erfolgreich vorbringen konnte, was sie sehr wohlwollend und mit einem freundlichen Lächeln aufnahm.
Nun aber trat ich wieder auf den Flur hinaus, wo inzwischen deutlich höherer Personenverkehr herrschte als noch vor wenigen Minuten, da der Unterricht immerhin kurz bevorstand und die Schüler sich in ihre vorgesehenen Klassenräume aufmachten. Bei meinem eigenen Unterrichtsraum angekommen erkannte ich bereits sechs oder sieben Schüler wartend vor der verschlossenen Eingangstür stehen und mit einem leicht entschuldigenden Lächeln ließ ich sie in die Runde wissen:
„Verzeiht bitte mein verspätetes Eintreffen, ich hatte grad noch einen kurzen Plausch mit dem Rektor. Aber das Warten hat ein Ende und jetzt lasse ich euch auch hinein, wie es sich gehört.“
Um die allgemeine Stimmung etwas zu heben bemühte ich mich grad um einen lockeren Umgangston, den die meisten der wartenden Schüler auch entsprechend leicht lachend oder zumindest grinsend aufnahmen, worauf ich die Tür zum Klassenraum aufschloss und als Erster hineintrat. Da ich den Lehrplan dieses Kurses inzwischen in- und auswendig kannte dürfte der Unterricht von meiner Seite aus sehr geordnet und routiniert ablaufen und ich hoffte entsprechend auch, dass die Zehntklässler, welche diesen Kurs besuchten, entsprechend aufnahmefähig waren.
Ich war sogar recht froh, jetzt gerade einen etwas niedrigeren Jahrgang vor mir zu haben, da der Großteil der Schüler dort mit den Partyereignissen vom letzten Freitag weniger direkte Berührungspunkte haben dürfte – Vortex-Partys haben nämlich üblicherweise die elfte und zwölfte Klasse als Zielgruppe, während die Neunt- und Zehntklässler eher eigene, vermeintlich „harmlosere“ Feierlichkeiten besuchten, welche zudem von einem durch die Schulleitung ernannten Komitee organisiert wurden – und nicht von einem der schulischen Clubs.

Es vergingen noch weitere vier Minuten, ehe auch die letzten Schüler eingekehrt waren und nun ihre Plätze einnahmen, worauf ich schließlich mit einem einmaligen Händeklatschen die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte.
„Also schön, Herrschaften, dann wollen wir die neue Woche mal ganz unbefangen einläuten und uns auch gar nicht von etwaigen abstrusen Gerüchten oder dergleichen ablenken lassen. Leider wird Rachel uns heute nicht zur Seite stehen können, da sie gerade anderweitigen, wichtigen Belangen nachgehen muss, aber ich bin überzeugt, dass ihr auch mir altem Wirrkopf allein eure ganze Aufmerksamkeit schenken möchtet, nicht wahr?“
Es fiel mir zwar nicht so leicht wie an anderen Tagen, den jungen Leuten meine lockeren und saloppen Sprüche zukommen zu lassen, doch wollte ich auf alle Fälle verhindern, dass sich eine schwelende Atmosphäre der Trübsinnigkeit breitmachte. Dies würde nämlich nicht nur den Lernzugang der Schüler mindern, sondern gewiss auch zu nur noch weiteren unnötigen Tuscheleien über die Party vom Freitag führen, welche niemand hier an dieser Fakultät gerade gebrauchen konnte.
Meine größte Sorge aber betraf selbstverständlich die liebe Kate, denn ich hoffte wirklich, dass sie trotz diesem erschütternden Erlebnis ihre ansonsten von Freude gezeichnete Ausstrahlung nicht niederlegen würde und so gut es ging all dies überwinden könnte. Dass sowohl Rachel als auch Kates enge Freundinnen ihr hierbei unermüdlich zur Seite standen steigerte meine Hoffnung enorm, dass dies tatsächlich ohne allzu große Hürden vonstatten gehen dürfte.
Entsprechend „vorsichtig optimistisch“ setzte ich daher mit meinen Unterricht an und es gelang mir auch sehr gut, diesen ohne nennenswerte Stimmungsabweichungen gegenüber den sonstigen Tagen über die Bühne zu bringen. Für meine Ansprache bei der Wettbewerbszeremonie in der Mittagspause hatte ich mir jedoch in der Zwischenzeit ein kurzes Statement überlegt, um an die Vernunft und den gesunden Menschenverstand der Schüler zu appellieren. Hoffentlich würde diesem auch ein jeder Folge leisten, damit auf dem Campus schnellstmöglich wieder Ruhe und Normalität einkehrte.
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