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Die Hörner von Abas

von Thrash4K
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P18 / Gen
Engel & Dämonen
01.06.2022
07.02.2023
31
128.173
 
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25.01.2023 3.409
 
Als Avida und Belea noch jung waren, Kinder, kaum Jugendliche, tollten sie am liebsten über Wiesen und durch kleinere Wälder, die auf dem Grund ihrer Eltern lagen. Sie waren wohlhabend, gar keine Frage, denn ihren Eltern gehörte viel Land, welches sie von Bauern bewirten ließen.
Im Zentrum stand das doppelstöckige Herrenhaus und war das Symbol ihrer Herrschaft, denn der Vorgarten war prunkvoll mit Büschen und gepflasterten Wegen versehen, die von weißem Kies eingefasst wurden. Zum Haus, dessen Fassade aufwändig mit Lehm verputzt war, führte eine Treppe, zu deren Seite Skulpturen von Jünglingen in feinem Tuch, die Besuchern steinerne Äpfel anboten.

Die beiden Schwestern in Rüschenkleidchen pflückten Blumen und Blüten und banden Kränze aus ihnen, während sich ihre langen schwarzen Haare sanft im Wind wiegten.
„Hey ihr beiden!“, rief eine Stimme von hinten, „Vater und Mutter warten nur noch auf euch. Wenn ihr noch länger herumtollt, wird das Essen kalt.“
Die beiden Mädchen sprangen auf und verteilten ihr buntes Pflanzenwerk in alle Himmelsrichtungen, sodass die Blüten als bunter Regen zu Boden glitten.
„Schwester Cassandra!“, riefen sie wie aus einem Mund.
„Na los jetzt, ihr Schnarchnasen“, sprach das burschikose Mädchen mit erhobener Brust, „Oder habt ihr keinen Hunger? Dann esse ich eure Bratenscheiben!“
„Nein!“, protestierten sie und stürmten zum Haus, dass ihre Kleidchen flatterten. Belea versuchte stets die ältere und um einen Kopf größere Avida zu überholen, verlor jedoch jedes einzelne Duell.

Anders als ihre Schwestern trug Cassandra liebend gern Hosen und wählte dazu passende Hemden aus. Auch ihre Haare hielt so kurz, dass sie gerade bis zu ihrem Kinn reichten, da ihr die glatten, glänzenden Haare zu anstrengend waren. So erschien sie wesentlich länger als Avida, obwohl sie nur einen Kopf größer war.
Ihre Eltern begrüßten diese Ader, die förmlich nach Revolution rief, anfangs nicht, legten aber die Hoffnung nicht ab, dass sie ihre weibliche Seite entdecken würde, wenn sie nur den richtigen Mann fand.

Nachdem sie gegessen hatten, begaben sich Avida und Belea in ihre Zimmer zum Mittagsschlaf. Cassandra hingegen streifte lieber durch das Haus und die langen Flure. In ihrer ganz eigenen Vorstellung wachte sie über ihre kleinen Schwestern. Dann erregten unerwartete Stimmen aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters ihre Aufmerksamkeit. Sie vergewisserte sich nicht einmal, dass sie jemand ertappte, sondern presste ihr Ohr fest an die Tür.

„Mein Fürst!“, rief eine Männerstimme aufgeregt und hoch. Sie gehörte aber nicht ihrem Vater.
„Ich bitte euch die Bedrohung ernst zu nehmen.“
„Ich nehme sie wahr. Jeden Tag“, sprach die ruhige, tiefe Stimme ihres Vaters, „doch ich gedenke nicht, einfache Bauern für meine Sicherheit kämpfen zu lassen.“
„Bitte, mein Fürst. Ich habe bereits mit einigen von ihnen gesprochen und sie haben uns ihre Hilfe zugesagt.“
„Überschreite nicht deine Befugnisse. Solange das Haus Alrayne währt, sind meine Untertanen in Sicherheit. Und ich werde mich sicherlich nicht von ein paar Wilden und ihren Drohungen einschüchtern lassen.“
„Aber mein Fürst-“
„Lass mich ausreden. Ich vertraue auf deine Intuition und deinen Verstand, da sie uns schon oft treu zur Seite standen.“
„Ich danke euch, mein Fürst.“
„Ich werde niemanden zwingen zu kämpfen, aber wer auch immer dazu bereit ist, soll sich einer Eignung unterziehen. Die geeigneten erhalten für die Dauer ihres Dienstes Essen und ein Bett. Für die Anschaffung der Ausrüstung bist du verantwortlich. Und falls durch den Dienst Felder aufgegeben werden müssen, dann lehnst du sie ab. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“
„Ich danke euch für euer Vertrauen, mein Fürst. Ich leite alles weitere in die Wege.“
„Gut. Dann geh.“

Cassandra konnte sich noch rechtzeitig verstecken, bevor der Mann heraustrat. Sie witterte Gefahr und musste nicht lange überlegen, was sie als nächstes zu tun hatte. Daher griff sie sich ein Kurzschwert aus dem Vorrat und übte täglich es zu schwingen und schlug auf Holzpfosten ein, bis ihre Arme taub waren.
Für ihre Eltern war das eine weitere Sorge, da sie nicht wollten, dass sich ihre Tochter mit derart gefährlichen Dingen wie dem Schwertkampf befasste. Doch sie sahen auch aufblühendes Talent und machten das Beste aus der Situation, indem sie ihr einen Lehrmeister zur Seite stellten.
Avida und Belea verbrachten ab sofort weniger Zeit mit Blumen als damit, ihre Schwester anzufeuern, denn sie war stark und entschlossen. Und sie redete ständig davon, dass sie einmal die stärkste Kriegerin der Welt sein würde und Feinde mit nur einem Schwerthieb zerteilte.
Aber das Schicksal ist nicht immer so gnädig, Talent und Edelmut zu belohnen.

„Avi!“, so nannte Belea ihre Schwester damals, „Schau, was ich kann!“
Sie hatte eine Übungsschwert ergriffen und schwang es umher. Wobei man eher sagen musste, dass das Schwert das Mädchen herumschwang, da es viel zu schwer für sie war.
„Nicht! Das ist gefährlich! Leg das weg, sonst sag ich’s Cassandra!“
„Tust du nicht!“
Sie wirbelte weiter umher und bemerkte nicht, dass Cassandra neben ihr auftauchte.
„Hey, Bel!“, das war Beleas Spitzname, „das ist kein Spielzeug. Gib schon her!“
„Ha! Ich werde auch mal so stark sein wie du! Ha!“, rief sie und verlor sich in ihren Bewegungen. Dann entglitt ihren schwächer werdenden Ärmchen das Schwert und schlug Cassandra vor das Schienbein.
Als Belea den Riss in der Hose und all das Blut sah, heulte sie erbärmlich.
„Schon gut“, sprach Cassandra und drückte sie an sich, „ist nicht so schlimm. Aber beim nächsten Mal bin ich nicht mehr so nachsichtig.“
Avida schüttelte nur den Kopf.
„Was Mutter wohl dazu sagen wird?“

Die Schelte kam wie erwartet. Als Strafe wurden Cassandra die Schwertübungen für fünf Tage verboten, da sie ihrer Verantwortung über die Waffen nicht gerecht geworden war. Die beiden kleinen Schwestern wurden nicht bestraft, was sie verwundert zurückließ. Doch damit waren sie nicht einverstanden, da es ihren Köpfen nicht gerecht war, dass nur Cassandra bestraft wurde. Also protestierten sie.
Ihre Eltern zeigten allerdings kein Mitgefühl. Wie konnten sie nur so grausam sein?

Die Tage des Übens kehrten jedoch schnell zurück, nur war die älteste Schwester neben der Spur, da bei jedem Hieb die Verantwortung, von der ihre Mutter sprach, durch ihre Gedanken schwirrte.
Am siebten Tag belauschte sie erneut ein Gespräch ihres Vaters mit seinem Vertrauten.
„Stimmt es“, so sprach ihr Vater, „dass einer der Höfe angegriffen wurde?“
„Bedauerlicherweise ja, mein Fürst. Die Bauern konnten allerdings noch rechtzeitig fliehen. Wir haben also nicht alles verloren. Die Männer, die ich dorthin entsendete, fanden niemanden vor, was mich zu dem Schluss leitet, dass sie immer dort zuschlagen werden, wo wir es am wenigsten vermuten.“
„Verstehe. Sorgt sofort dafür, dass die Bauern ihren Hof wieder bewirten können, zur Not mit noch mehr Wachen.“
„Was ist mit eurer Familie, mein Fürst. Wenn wir die Bewachung der Höfe verstärken, sollten wir das Herrenhaus nicht vergessen.“
Cassandras Vater schien einen Moment lang zu überlegen, denn es herrschte Stille.
„Na gut. Stellt zusätzliche Wachen bereit, aber tut dies unauffällig. Ich will meiner Frau und meinen Töchtern keine Sorgen bereiten.“
„Sehr wohl, mein Fürst.“
„Dann geh jetzt.“

Cassandra versteckte sich erneut, bis der Mann gegangen war. Sie erwartete aber nicht, dass ihr Vater kurz darauf ebenfalls sein Arbeitszimmer verließ.
Sie wurde entdeckt und fühlte sich ertappt, also musste schnell eine Ablenkung her, um ihr verstohlenes Verhalten zu überspielen.
„Vater, wieso hat der Mann so dunkle Blasen an der linken Hand?“
„Das muss dich nicht interessieren.“
„Ich habe aber Angst davor.“
Cassandra und Angst? Ihr Vater war irritiert, so etwas von ihr zu hören.
„Hör mal zu“, er legte seine flache Hand behutsam auf ihr Haupt, „der Mann ist krank und gibt trotzdem sein Bestes. Es tut mir leid, dass ich ihm nicht helfen kann, aber so ist das manchmal im Leben. Du brauchst aber keine Angst zu haben, denn er ist nicht ansteckend.“
„Was hat er denn?“, fragte sie mit großen Augen, nachdem ihr Vater seine Hand zurückgenommen hatte.
„Sein Körper ist nicht so stark wie die unseren. So, und jetzt genug der Neugierde. Das ziemt sich nicht.“
„Alles klar!“, rief sie schnell und sauste davon, damit ihr Vater nicht doch noch auf die Idee kam, dass sie sie belauscht hatte.

In den nächsten Tagen glänzte Cassandra bei ihren Schwertübungen nicht. Viel zu viel ging ihr durch den Kopf. Ob ihr Vater wohl dasselbe durchmachte, wenn er an den Schutz seiner Familie dachte? Und was war das für eine Bedrohung, die von außerhalb kam?
Nach weiteren Tagen löste sich der Knoten in ihrem Kopf, denn sie erkannte, dass das nicht die Fragen waren, die sich stellen musste. Ihr Ziel, schnell eine große und starke Kriegerin zu werden, würde ihre Zweifel nichtig machen.
Avida und Belea spielten nur noch mit Holzschwertern, weshalb sie mittlerweile richtig heroisch bei ihren abgesprochenen Duellen aussahen.
Dann kam der Regen.

Tagelang prasselte er nieder und schenkte den Feldern neue Fruchtbarkeit. Die Geschwister allerdings quengelten.
„Wir wollen endlich wieder draußen spielen!“
Dieser Ausruf raubte den Eltern fast den letzten Nerv, da sie an der Situation nichts ändern konnten.
„Wenn der Regen aufhört, könnt ihr so viel draußen spielen, wie ihr wollt“, war die übliche Antwort.
Im Gegensatz zu den beiden kleinen Schwestern stand Cassandra meist ein einem Fenster und beobachtete die Natur durch die Tropfen auf den Scheiben. Manchmal schwang sie auch ihr Schwert, was drinnen aber nur eingeschränkt möglich war.
„Schwester Cassandra, warum bist du so ruhig?“, fragten die beiden am sechsten Regentag und erhielten eine erwachsene Antwort.
„Ich übe in Gedanken weiter, damit ich mein Bestes geben kann, wenn der Regen aufhört.“
Ab diesem Augenblick fanden auch Avida und Belea einfacher zur Ruhe, tobten nicht mehr so viel durch das Haus und waren weniger aufmüpfig.

Dann kam der Tag, an dem sich alles änderte. Der Regen hämmerte unerbittlich gegen Fenster und Türen, Blitze fuhren hinab und ließen die Menschen erzittern. Im Herrenhaus war es so dunkel, dass man nur im Geleit einer Kerze den Weg fand und immer wenn der Donner verhallte hörte man nichts als das Rauschen. Rauschen, was sich die Angreifer zunutze machten.
Dass die Eingangstür aufkrachte hörte niemand. Niemand außer Cassandra, die wieder einmal durch die Flure streifte.
So schnell sie ihre Beine trugen, rannte sie in den großen Wohnraum, in dem ihre Eltern und Schwestern vor dem Kamin saßen. Doch etwas war seltsam, denn sie hatten sich mit Wachen umgeben. Der Vertraute war ebenfalls anwesend.
„Cassandra, schnell, komm zu uns!“, riefen die Eltern und sie tat wie befohlen.
„Was ist hier los?“
„Wir werden angegriffen, aber bei uns bist du in Sicherheit. Die Wachen werden uns beschützen.“
Hinter Cassandra flog die Tür auf. Fremde Männer mit krummen Zähnen, gekleidet in Fellflickjacken, stürmten den Raum und stellten sich den Wachen zum Kampf.
Als Cassandras Vater den Angriff befahl, geschah das Unerwartete: Die Wachen wurden von Männern aus den eigenen Reihen gemeuchelt. Entsetzen breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Die Mädchen schrien, denn das Blut spritzte.

Der Vater traute seinen Augen nicht.

„Was hat das zu bedeuten? Warum greift ihr euch gegenseitig an?“, fragte er und erkannte in jenem Moment die Wahrheit über diese abscheuliche Tat, als sich sein Vertrauter zu den Angreifern gesellte. Die Erkenntnis ließ ihn sprachlos. Jetzt standen alle gegen ihn und seine Familie. Wie versteinert stand er nur da und erkannte nicht einmal mehr, dass die Angreifer die Töchter an sich rissen.

„Was- Was soll das?“, stammelte er, „Was hat das zu bedeuten? Womit haben wir das verdient?“
Der Vertraute wirkte unbekümmert, als er antwortete: „Nehmt es nicht persönlich, aber ich benötige eure Töchter.“
„Ihr … was?! Nur über meine Leiche!“, brüllte er und zog seinen Degen von der Hüfte.
Einen Moment lang beobachteten sich die Anwesenden, denn niemand wollte den ersten Schritt in diesem Kampf auf Leben und tot wagen. Die Spannung war greifbar.

„Na los“, befahl der Vertraute, „bringt ihn und das Weib um.“
Der Fürst stürmte auf die Angreifer zu, doch er war ihnen nicht gewachsen, denn mit Heldenmut allein gewann man keine Kämpfe.
Einen konnte er niederstrecken, dann trafen ihn die Schwerter und Keulen und schlugen ihn zu einem blutigen Klumpen, dessen Leben am seidenen Faden hing.
Eine der vermeintlichen Wachen ergriff ihr Schwert und rammte es der Mutter in die Kehle, die nach blutigem Gluckern an ihrem eigenen Saft erstickte.
Mit wenigen letzten Worten wandte sich der Vertraute noch einmal an den Vater: „Es hat mich ziemlich viel Arbeit gekostet, meine Männer bei euch einzuschleusen. Eure Wachen waren äußerst wachsam, aber durch die Ablenkung sind sie doch schneller gefallen, als ich erwartet hatte.
Der Fürst regte sich nicht mehr.
Die Töchter tobten, schrien, kreischten, fluchten, schlugen, kratzten, bissen. Sie nutzten in ihrer Verzweiflung alles, was ihnen geblieben war. Aber sie waren machtlos gegen die erwachsenen Männer und wurden von ihnen mit gezielten Angriffen ohnmächtig geschlagen.
„Bringt sie in die Zelle im Keller. Danach dürft ihr euch nehmen, was ihr wollt, solange ihr das Haus stehen lasst. Wir wollen doch nicht, dass jemand hiervon Wind bekommt. Und die Mädchen rührt ihr nicht an. Sie gehören mir.“

Als die drei Schwestern wieder zu sich kamen, war der nächste Tag bereits angebrochen und der Regen hatte aufgehört, aber sie konnten jetzt nicht draußen spielen, denn sie waren nicht frei.
Hungrig waren sie auch und ihre Kleidung bestand nur noch aus Fetzen.
Sie saßen auf dem feuchten, kalten Boden, zitterten und hatten Angst, dass die Männer wiederkamen, um sie zu töten. Aber es kam nur einer: der Vertraute, der ab jetzt von den Mädchen nur noch Beulenmann genannt wurde, da auffällige, dunkle Beulen an seiner linken Hand wuchsen.

„Ich benötige erstmal nur eine von euch. Ihr entscheidet, wer das sein soll. Ich zähle bis drei.“
Sie regten sich nicht.
„Eins.“
Sie hatten Angst, was der Mörder ihrer Eltern mit ihnen vorhatte. Sie würden seinen Befehlen niemals freiwillig folgen.
„Zwei.“
Jetzt lief ihnen das Grauen eiskalt den Rücken hinunter. Was passierte, wenn sie sich nicht entschieden?
„Drei. So, und da ihr nicht hören wollt, müsst ihr eben fühlen.“
Der Beulenmann holte eine Peitsche hinter seinem Rücken her und grinste verstohlen.
„Zehn Schläge. Ihr entscheidet, wer. Ich zähle bis drei.“
Kalter Schweiß brach bei ihnen aus. Wer war dieser Mann, dass er sie schlimmer bestrafen durfte, als man es mit einem Verbrecher getan hätte.
„Eins. Wenn sich niemand meldet, kommen beim nächsten Mal zehn Schläge hinzu.“
Sie blieben standhaft. Vielleicht konnten sie die Situation ja aussitzen.
„Zwei. Wenn eine von euch kaputtgeht, habe ich immer noch zwei. Und ich beginne bei der Jüngsten.“
Noch bevor der Mann bis drei zählen konnte, erhob sich Cassandra, als wäre ihr Wille aus Stahl.
„Ich mach‘s!“
„Na geht doch. Wenn man es nur versucht, kann man alles schaffen.“
Er zog sie am Oberarm mit. Ihre einzige Hoffnung war, dem Mann zu entfliehen, während er sie fortzerrte, um danach Hilfe zu holen. Doch die Hoffnung zerplatzte wie eine Blase toter Träume, als sie erkannte, dass der Beulenmann von zwei weiteren Männern begleitet wurde, die noch wesentlich wildere und niederträchtigere Augen hatten.
„Lass Schwester Cassandra los!“, brüllte Belea mit allem, was ihre kleine Lunge hergab.
Der Beulenmann drehte sich um, sagte nüchtern zu ihr: „Dann sind es eben doch zwanzig Schläge“, und knallte die Zellentür hinter sich zu.

Der Schlag einer Peitsche klatscht mit unglaublicher Wucht auf das Ziel. Man wünscht sich, nie geboren worden zu sein und doch geht der Schmerz vorüber, aber das Gefühl brennt sich tief in die Seele ein. Der zweite Schlag reißt weiter an der schon geschundenen Haut. Der dritte trägt ein wenig mehr, lässt aber hoffen, dass der Körper den anderen Schlägen widerstehen kann. Doch es wird immer schlimmer. Jeder weitere Peitschenhieb trägt Haut und Psyche ab und raubt dem Ziel jeglichen Widerstand.
Wenn man schreit, wird es noch unerträglicher, denn dann steigert sich auch der Peiniger hinein, denn das Auspeitschen ist seine Kunst mit der er seine Opfer formt und auch ein Wille aus Stahl wird weich, wenn man nur lange genug darauf eindrischt.

Als der Mann Cassandra schwer verwundet in die Zelle zurückgab, eilten Avida und Belea zu ihr. Sie hatten Angst sie anzufassen, da sie röchelte und mit roten Striemen übersät war.
„Morgen komme ich wieder. Ich will bis dahin keine Widerworte hören. Ihr wisst, was sonst passiert.“
Dann schlug er die Tür zu.
Die beiden Mädchen kuschelten sich vorsichtig an ihre Schwester ohne zu viel Druck auszuüben, um sie in ihrem Zustand nicht auskühlen zu lassen, denn sie stöhnte und zitterte. Das war aber nicht der einzige Grund, denn sie selbst sehnten sich ebenfalls nach Wärme, die sie dort unten nicht fanden. Kein Kaminfeuer, kein weiches Bett und keine Eltern, die sie in den Schlaf verabschiedeten.
Am nächsten Tag erzählte Cassandra wie im Fieberwahn, dass der Mann ihr aus einem seltsamen Buch vorgelesen hätte und dass er auf der Suche nach einem Heilmittel für seine Krankheit ist und in diesem Buch endlich die Antworten gefunden hatte, die er schon lange gesucht hatte.
Ihr Zustand verschlechterte sich in der folgenden Zeit dramatisch und sie lief fieberrot an.
Mittags öffnete der Beulenmann erneut die Tür, brachte aber kein Essen, sondern zählte.
„Eins.“
Cassandra raffte sich sofort auf. Sie musste ihre kleinen Schwestern unbedingt vor ihm beschützen.
„Zwei.“
„Ich mach’s!“, verkündete sie erhobener Brust, obwohl sie kaum stehen konnte.
Dann brachte der Mann sie fort. Dieses Mal kehrte sie aber kurze Zeit später zurück.

Avida und Belea eilten zu ihrer Schwester und betrachteten zusammen mit ihr die Linien, die der Mann auf ihren Oberkörper mit schwarzer Tinte gezeichnet hatte.
„Er hat wieder aus dem Buch vorgelesen, Aeo-irgendwas. Er muss verrückt sein. Aber vielleicht schaffen wir es ja hier raus, wenn wir tun, was er sagt. Wir dürfen nur nie die Hoffnung aufgeben. Solange wir zusammenhalten, sind wir stark!“
Die Augen der kleinen Schwestern waren überfüllt mit Tränen durch die Worte ihres strahlenden Lichts inmitten der Finsternis.
Mit zittrigen Armen zog Cassandra Avida und Belea an sich und drückte sie so fest sie konnte, um ihre Nähe zu spüren und ihnen Sicherheit zu vermitteln.

Am nächsten Tag kehrte der Beulenmann zurück und begann wieder zu zählen.
„Eins.“
Cassandra folgte ihm sofort, wie abgerichtetes Vieh.„Na wunderbar. So einfach kann Erziehung sein.“
Dieses Mal blieb sie allerdings länger weg. Solange, dass Avida und Belea immer und immer wieder die Worte ihrer großen Schwester wiederholten, um bei Verstand zu bleiben, bis sie endlich zurückkehrten.
Aber etwas war anders. Der Mann warf sie in die Zelle zurück, sodass sie mit der Vorderseite auf die kalten Steine schlug. Sie bewegte sich nicht, sie wirkte leblos.
„Eins“, begann der Beulenmann erneut zu zählen.
Die Mädchen gerieten noch mehr in Panik. Was passierte hier? Was war mit ihrer Schwester? Sie ignorierten den Mann und krochen zu ihr, tasteten sie ab, stupsten sie an, aber sie fühlte sich nur kalt an. Sie rüttelten, aber nichts geschah. Sie drehten sie um und alles leben entwich ihren jungen Gesichtern. Sie verfielen in Schockstarre.
Cassandra war tot. Die Augen aufgerissen, das Gesicht verzerrt. Sie hatte grausame Qualen durchleiden müssen, denn der Mann hatte sie ausgeweidet, die Bauchdecke zurückgeklappt und wie Abfall in den Kerker geworfen.
„Zwei.“
Der wahre Terror begann jetzt. In den Mädchen der Augen funkelte nichts mehr. Sie sahen nur noch ihre Ernte und wie sie in der Mühle des Todes zermahlen wurden.
„Dr-“
Der Mann konnte nicht ausreden, denn oben knallte es gewaltig, als hatte jemand die Tür aufgesprengt. Er befahl den Wachen nachzusehen, aber sie kehrten nicht zurück. Jetzt stand er alleine dort vor ihnen und wollte, trotz der Ablenkung, fortfahren.
Avida brach aus ihrer Lähmung heraus und sprang ihn verzweifelt an.
„Lauf, Bel!“
Doch sie wurde einfach zurück in die Zelle geschleudert und schlug sich den Kopf an.
„Elendes Gör.“
Das waren seine letzten Worte, denn im nächsten Augenblick schlugen augengroße Eisenkugeln seitlich in seinen Kopf ein, sodass er zu Boden ging. Den Kugeln folgte ein junger, aber kräftig gebauter Krieger ohne Haare, der mit einem einzelnen Hieb einer Axt den Schädel des Beulenmannes einschlug. Er war sofort tot.

Der blutbespritzte Krieger näherte sich den Mädchen, die sich kaum noch bewegten. Er reichte ihnen seine Hand und damit so viel mehr, als sie sich zu dieser Zeit vorstellen konnten.
„Habt keine Angst vor mir. Ich bringe euch in Sicherheit. Versprochen.“
Er wartete ihre Reaktionen ab, die kaum vorhanden waren, da sie am Ende all ihrer Kräfte waren. Aber sie versuchten auch nicht ihm zu entfliehen, da sie all ihre Gefühle verdrängt hatten. Der junge Mann kam noch näher und betrachtete ihre Wunden. Er holte aus einem Lederbeutelchen etwas Heilpaste und trug sie oberflächlich auf.
Seine Pranken legte er danach auf ihre kleinen Köpfe und sah sie sanft an, in der Hoffnung, dass die Mädchen ihm Vertrauen schenken würden und sprach dann: „Ich bin ein reisender Söldner und mein Name ist Dain.“
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