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Die Ursache

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Tragödie / P16 / Gen
01.06.2022
01.06.2022
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Sie schrieb, dass sie nur noch ihre Ruhe wollte.

„Als ich sie im Sommer getroffen hatte, war sie völlig verzweifelt wegen des Referendariats“, sagte Sabrina, stellte ihre Kaffeetasse ab und schaute in die Runde. Die Gruppe, die zum größten Teil aus alten Schulfreunden bestand, hockte in einem Café, das sie in ihrer Schulzeit öfters besucht hatten, und schlug die Zeit bis zur Beerdigung tot.
„Da habe ich zu ihr gesagt: Es dauert nur noch ein halbes Jahr, zieh es durch, dann bist du Lehrerin und hast ausgesorgt. Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen. Vielleicht hätte ich sagen sollen: Wenn es so schlimm ist, dann kannst du es auch abbrechen. Es ist okay, etwas auch mal nicht zu schaffen.“ Sabrina schniefte und rieb sich die Augen.

Sie schrieb, dass sie nicht lernen wollte, das Leben zu lieben.

„Du konntest nichts machen“, sagte Freddy. „Das fragt man sich hinterher immer: Hätte ich dies gesagt, das anders gemacht … aber Fakt ist, sie hatte schon längst entschieden, es zu tun. Laut der Rechnung hatte sie das Helium schon vor eurem Treffen gekauft.“
„Der Gedanke, dass diese Flasche schon die ganze Zeit in ihrer Wohnung war …“ Anish schauderte. Er war der einzige in der Gruppe, der nicht mit den anderen zur Schule gegangen war, sondern ein Kommilitone der Verstorbenen. „Aber mir ist sie nirgends aufgefallen.“
„Vielleicht war sie im Schlafzimmer“, überlegte Freddy.
Anish sagte nicht, dass er im Schlafzimmer gewesen war. Es hatte sowieso nichts bedeutet. Das mit ihnen beiden war nur ein Zeitvertreib für sie gewesen, da war immer diese Distanz zwischen ihnen gewesen, die sie niemals überwand, selbst wenn körperlich keine Distanz mehr da war. Vielleicht war die Flasche im Keller gewesen, dachte er.

Sie schrieb, dass sie sich niemals geborgen fühlen konnte.

„Aber in der Zeit zwischen dem Kauf der Flasche und ihrem Tod“, insistierte Sabrina. „Warum hat sie so lange gewartet? Auf was? Ich frage mich, wenn in dieser Zeit etwas anders gelaufen wäre, dann hätte sie es sich doch anders überlegt. Und es wäre doch okay gewesen, das Referendariat abzubrechen. Selbst wenn sie dann arbeitslos gewesen wäre, bis sie etwas anderes gefunden hätte. Das wäre doch in Ordnung gewesen. Oder zumindest sich krankschreiben zu lassen.“
„Aber sich einzugestehen, dass man versagt hat, ist nicht immer so einfach“, meinte Freddy. „Wir lernen von klein auf, dass wir die perfekte Karriere machen müssen, den perfekten Lebenslauf brauchen. Und dann kommen noch ihre Eltern hinzu. Ich denke sowieso, dass der Stress im Ref nur der Auslöser war, nicht die Ursache.“
„Stimmt“, sagte Marie, die bislang nur stumm mit ihrem Teelöffel gespielt hatte. „Das hat sie mir erzählt, damals in der Schulzeit, als es mit meiner Mutter auch schwierig war. Ihre Eltern haben einander nicht mehr geliebt, die haben nur noch zusammengewohnt wegen der Finanzen. Und ihre Mutter hat sie dauernd kritisiert und runtergemacht. Sie glaubte vielleicht, sie kann sich keine Fehler erlauben.“
„Und keine Hilfe annehmen.“
„Was heißt das?“, fragte Anish.
„Schon als Kind ist sie eher auf einen Schrank geklettert, um etwas aus dem oberen Fach zu holen, als einen Erwachsenen zu fragen. Ihre Eltern haben ihr wohl das Gefühl gegeben, dass sie ihnen nur zur Last fällt“, erklärte Freddy.

Sie schrieb, dass es ihre freie Entscheidung war, zu gehen, dass niemand ihr diese Freiheit nehmen konnte.

Auch von Anish hatte sie keine Hilfe annehmen wollen, keinen Trost. Hatte immer so getan, als sei alles in Ordnung. Darum hatte er es erst überhaupt nicht glauben können, an jenem schrecklichen Tag, und später, als er den Brief in seinem Briefkasten gefunden hatte. Offenbar hatte sie an alle, die ihr halbwegs wichtig waren – was nicht viele waren –, einen Brief gesendet. Doch der Brief erklärte nichts. Er war traurig, hoffnungslos, resigniert, aber er erklärte nicht, wie es dazu gekommen war, dass ein junger Mensch schon derartig resigniert war. Konnten wirklich nur die Eltern daran Schuld sein? War das nicht zu einfach?  
„Gab es denn niemanden, dem sie vertrauen konnte? Zum Beispiel ihre Schwester?“, frage Anish.
Marie sagte: „Zu ihrer Schwester hatte sie wohl ein gutes Verhältnis, aber die war deutlich älter und ist ausgezogen, als sie noch ein Teenie war. Das war wohl hart für sie, diese Bezugsperson zu verlieren. Und dann fing auch das mit der Magersucht an, oder?“
Erstaunt blickte Anish zu Marie. Von der Magersucht hatte er nichts gewusst. Sie war sehr schlank gewesen, aber es war ihm nicht als krankhaft aufgefallen.
„Ja, das gab es ja auch noch. War sie nicht in der Klinik deswegen? Hätten die ihr dort nicht helfen können, irgendwas tun können?“, fragte Sabrina.
„Wer weiß. Vielleicht haben sie sie erstmal stabilisiert, aber die Ursache nicht beseitigt. Was auch immer die Ursache war. Und durchs Referendariat ist die wieder hochgekommen“, vermutete Freddy.
„Aber was soll die Ursache sein?“
„Das wissen wir nicht. Das wusste vielleicht nicht mal sie selbst.“
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