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Zwischen immer und nie - Call me by your name Fanfiction

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
29.05.2022
29.05.2022
3
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29.05.2022 945
 
1984; irgendwo in Nordamerika, war Oliver nun ein verheirateter Mann.

Erst am Morgen hatte Elio eine Kassette mit einer Eigenkomposition am Klavier, im Stil des jungen Bachs, in das Paket mit den Hochzeitsgeschenken für Oliver und seine Frau gelegt.
Natürlich hatte er dieses Geschenk mit Bedacht gewählt. Oliver hatte die Ursprungsversion von Bachs Capriccio in B-Dur geliebt.
„Ob er sich erinnern wird, wie er mich bat am Klavier zu spielen?“, fragte sich Elio.

Elio saß in seinem Zimmer und betrachtete die helle Stelle an der Wand, wo einst die Postkarte von Monets Malplatz gehangen hatte. Oliver hatte sie nach ihrem gemeinsamen Sommer mitgenommen, denn dort hatte alles zwischen ihnen begonnen.
Elio dachte daran, wie sie dort im Gras gelegen hatten. Wie Oliver ihm gestanden hatte, ihn schon eine ganze Weile durchschaut zu haben und wie schwer es ihm fiel sich zurückzuhalten. Ihm gesagt hatte, er wolle artig sein, weil es Unrecht wäre, wenn etwas zwischen ihnen sein würde und wie Oliver ihn dann doch geküsst hatte. Wie er selbst mehr wollte, weil er seit Wochen auf diesen Moment gewartet hatte und nicht glauben konnte, dass es wirklich geschah. Mit aller Kraft hatte er versucht in seinem Kuss alles, was ihn betraf, vor Oliver zu verbergen. Elio konnte damals nicht wissen, dass sie das letzte Mal „artig“ sein würden und er danach Oliver alles von sich preisgeben würde.

Aber dann hatte Oliver ihn vor den Kopf gestoßen; das erste von vielen Malen. Eines seiner vielen „Später“, die ihn alle getroffen hatten. So verletzt war Elio in diesem Moment gewesen.
Aber das war alles nichts zu dem, was er jetzt empfand.
Die Postkarte war nicht das Einzige, was Oliver bei seiner Abreise mitgenommen hatte. Auch ein Teil von Elio war nicht mehr hier. Denn war nicht Elio zu Oliver geworden und Oliver zu Elio?!
Elio versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, was sein Vater zu ihm nach seiner Rückkehr aus Bergamo gesagt hatte.

Die meisten Menschen [...] führen [...] zwei Leben, eins die Kopie, das
andere das Original.*

Nein, das wollte Elio nicht. Er würde keine Kopie seines Lebens führen. Er wollte das Original. Nur Oliver würde er bei seinem Namen rufen und er konnte nur hoffen, dass Oliver den Mut finden würde, es ihm gleich zu tun.
Wie in ihrer ersten Nacht, als Oliver seine Zurückhaltung abgelegt hatte und Elio sich komplett vor ihm entblößt hatte, nicht nur körperlich. Elio hatte sich vor dem Schmerz gefürchtet, als sie miteinander schliefen, aber er hatte ihn in Kauf genommen, nur damit Oliver ein Teil von ihm werden konnte. Damit sie eins werden konnten und nicht mehr wichtig war, wer Elio war oder wer Oliver. Das schmerzhafte Erwachen am nächsten Morgen, als ihm bewusst wurde, was sie in der Nacht zuvor alles getan hatten. Er hatte sich selbst verabscheut und sich geschämt vor Oliver, weil er doch nur ein unerfahrener Junge war. Was wusste er damals schon von den Dingen, auf die es wirklich ankam. Aber Oliver hatte ihm einen Vorgeschmack darauf gegeben und dies würde ihn nie wieder loslassen.

Elio hatte bereits nach dem letzten Sommer beschlossen in Amerika zum College zu gehen. Natürlich hatte er sich nur an Colleges in der Nähe von Olivers Universitätsstadt beworben. In wenigen Wochen würde er nach Amerika reisen, um dort Musik zu studieren.
Es gab nur noch eins zu tun; er würde seine Mutter bitten, Oliver anzurufen.
Es war ruhig im Haus, der diesjährige Sommergast war vor wenigen Tagen abgereist, er war kein adäquater Ersatz für Oliver gewesen. Es hatte schon zu dämmern begonnen, als Elio sein Zimmer verlies und sich auf die Suche nach seinen Eltern begab.

„Siamo qui. Komm zu uns Elio“, sagte seine Mutter und winkte Elio zu sich auf die Couch, wo sie rauchend mit Elios Vater saß.
„Oh Mamma.“
„Tesoro mio, was ist los?“, erwiderte sie und strich eine braune Locke aus Elios Gesicht.
„Maman, Papa, ich werde euch so schrecklich vermissen, wenn ich in Amerika bin.“
„Oh Elio, wir dich auch.“
Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und drückte ihn an sich.
„Wie soll ich es nur schaffen dort so ganz alleine zu wohnen?“, fragte Elio seine Eltern.
„Wir könnten doch Oliver fragen, ob du erstmal bei ihm unterkommen kannst?“, erwiderte Elios Mutter.
„Eine wundervolle Idee“, antwortete Elios Vater.

„Ja, eine wundervolle Idee“, dachte Elio und seinen Eltern war nicht aufgefallen, dass es eigentlich seine war.
Schon am nächsten Tag hatte sie Oliver angerufen und ihn gefragt, ob er Elio aufnehmen würde und er ein Auge auf ihren ragazzino haben würde.
Oliver hatte die Bitte von Elios Mutter natürlich nicht abschlagen können. Elio würde also mit Oliver die Rollen tauschen, denn nun würde er der Sommergast sein und Oliver der Gastgeber. Elio würde zu Oliver werden und Oliver zu Elio. Nur mit dem Unterschied, dass Elio nicht vorhatte wieder zu gehen.

Der Sommer neigte sich dem Ende zu und alle merkten, dass die Leichtigkeit der letzten Wochen mit der aufkommenden Brise davongetragen wurde. Elio hatte diese Schwere schon das ganze Jahr über gespürt.
Sein Vater hatte ihm schon nach Olivers Abreise gesagt, dass das, was vor ihm läge, schwer sein würde. Er sollte recht behalten haben. Elio hatte in den letzten Monaten gelitten und sich so oft gewünscht nichts gefühlt zu haben. Oliver nicht geliebt zu haben, ihm nicht alles offenbart zu haben, was er war.

Oliver hatte dies vielleicht vergessen, aber Elio würde ihn an alles erinnern. Er würde ihn nicht bedrängen wie an Monets Malplatz, als er ihm in den Schritt gegriffen hatte. Nein, er würde ganz vorsichtig vorgehen und bevor Oliver bewusst werden würde, was mit ihm geschah, würde er Elio bei seinem Namen rufen.


*Zitat: Call my by your name
 
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