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Ohne Masken

von Heliumini
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
29.05.2022
29.05.2022
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Es ist einfach unmöglich! Ich stehe schon seit Stunden vor dem Spiegel und versuche es. Ich versuche meine Gefühle zu verbergen. Aber es geht nicht. Ich habe die unterschiedlichsten Grimassen ausprobiert und Unmengen an Schminke dafür verschwendet, meine Augen weniger verheult aussehen zu lassen, aber ich sehe immer noch aus wie ein Teenager, dessen Mutter vor einem Jahr gestorben ist, der deshalb nie wieder glücklich geworden und von allen seinen Freunden und vor allem von seinem festen Freund verlassen worden ist. Naja, das trifft auch so ziemlich auf mich zu, bis auf die Tatsache, dass ich auch vor dem Tod meiner Mutter noch nie einen Freund hatte. Aber das ist jetzt egal. Vor einer Woche war Silvester und mein guter Vorsatz war nur ein einziger: Alles vergessen, die Vergangenheit hinter mir lassen und glücklich werden. Gut, das waren jetzt eigentlich drei, aber sie gehören nun mal alle zusammen, denn ohne die ersten zwei ist auch das letzte nicht möglich. Also werde ich jetzt glücklich. Beziehungsweise ich tue so als wäre ich es, was allerdings fast genauso schwierig ist, wie wirklich glücklich zu werden, denn auch wenn fast alle in unserer Welt eine Maske tragen, um cool oder süß zu erscheinen, ich bin dazu nicht in der Lage. Also breche ich meinen guten Vorsatz und gehe einfach so in die Schule. Was sich im Nachhinein als ganz dumme Idee herausstellt. Ich hätte einfach zuhause bleiben sollen, aber das konnte ich morgens ja noch nicht wissen. Also gehe ich zur Schule und erlebe den schlimmsten Schultag meines Lebens. Ein besserer Ausdruck wäre wohl, dass ich knapp überlebe.

Es fängt direkt in der ersten Stunde an: Meine einzige noch gebliebene Freundin Selina ist heute nicht da und dann haben wir ausgerechnet Geschichte und sollen einen kompletten Stammbaum unserer Familie erstellen, natürlich bis zu unseren Ururgroßeltern, aber die sind für mich nicht das Problem, sondern eher meine Mutter, denn ich bringe es ja nicht einmal fertig ihren Namen auch nur zu denken, geschweige denn ihn zu schreiben und ein Kreuz für „tot“ dahinter zu malen. Also renne ich aus dem Klassenzimmer und rein ins Mädchenklo, um erst mal 20 Minuten zu heulen. Dann gehe ich zurück und bekomme direkt einen miesen Kommentar zu hören, für den ich diesem Arschloch erst einmal die Fresse poliere. Das hat mir zwar gutgetan, aber dafür muss ich zum Direktor und danach auch noch zum Schul-Psychiater. Die beiden tuen so als wäre ich psychisch völlig labil und müsste dringend eingewiesen werden, aber ich bin da anderer Meinung. Also sage ich die ganze Zeit über gar nichts und flenne leise weiter, bis sie es aufgeben, mich zum Reden bringen zu wollen und mich zurück in die Klasse schicken. Wieder zurück im Klassenzimmer, in dem die anderen gerade Schweineherzen sezieren, bekomme ich prompt noch einen neuen Spitznamen: Panda, weil ich heute natürlich nicht-wasserfeste Wimperntusche benutzt habe. Aber der gehört zusammen mit Heulsuse, Depri und Zombie noch zu den Harmlosen. Die restlichen Stunden verlaufen relativ ereignislos, bis am Ende der siebten Stunde noch einer sagt: „Ey Depri, ich dachte schon du würdest dich im Klo umbringen, um deiner behinderten Mutter ähnlich zu sein“ und mich mit einem auseinandergenommenem Schweineherz abwirft, mit dem Kommentar: „Sogar dieses Herz ist gesünder als deins!“ Zum Glück für ihn rennt er danach weg, denn mir wäre nach diesem Tag wirklich nach einer Prügelei gewesen. Als ich mit der Bahn nach Hause fahre, ist da auch noch ein kleiner Junge, dessen Mutter anscheinend heute Geburtstag hat, und der ihr gerade das Lied „Danke Mama“ vorspielt. Das gibt mir für heute den Rest und ich verkrieche mich in meinem Zimmer. Mein Vater klopft ein paarmal an die Tür, aber er hat nach einem Jahr endlich gecheckt, dass ich erst recht nicht mit ihm rede, wenn er den Schlüsseldienst ruft, um meine Tür aufzumachen, also gibt er bald auf und ich kann in Ruhe heulen. Eigentlich erstaunlich, wie viel Wasser in meinem Körper enthalten ist, dass ich immer noch weinen kann, aber mir soll ́s recht sein. Ich komme auch abends nicht mehr aus meinem Zimmer raus und weine mich so gegen zehn Uhr in den Schlaf. An was ich mich am nächsten Morgen nicht mehr erinnere, war, dass ich noch gemurmelt habe: „...Wünsche...mir eine Welt... (seufz)...in der ich Masken trage,... in der ich... (schnarch)... immer andere Gesichter... zeigen kann“ und, dass in dem Moment eine Sternschnuppe vorbeigeflogen ist.

Ich wache auf und fühle ich mich irgendwie anders. Ich fühle mich durch und durch scheiße. Naja, das ist nichts Neues, aber irgendwie fühle ich mich auf eine andere Art schlecht. Ich stehe ganz normal auf, ziehe mich an, schminke mich und will gerade nach unten gehen und frühstücken, als mir etwas auffällt: „Moment mal. Ich sehe... irgendwie hübsch aus!“ Ich betrachte mein ganz und gar nicht verheultes Gesicht im Spiegel und fühle mich auf komische Art und Weise besser, weil man mir gar nicht mehr ansieht, wie schrecklich es mir eigentlich geht. Man kann es nur so ausdrücken: Ich trage eine Maske. Eine wunderhübsche, lässige und coole Maske! Ich gehe runter und frühstücke. Mein Vater kommt zu mir. „Hey Isabelle, du siehst ja richtig gut aus! Kommst du dann heute endlich mal mit ans Grab deiner Mutter?“ Und schon könnte ich wieder anfangen zu heulen. Aber es geht nicht! Ich bin einfach nicht in der Lage zu weinen. Also lächle ich meinen Vater immer noch an. Ein Wunder, dass es nicht verkrampft aussieht. Anscheinend sehe ich immer noch liebreizend und einfach nur toll aus, auch wenn es jetzt gerade sehr viel einfacher für mich wäre, einfach meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und so richtig zu flennen. Stattdessen sage ich einfach etwas, dass zu meiner Maske passt: „Ja, ich weiß, ich habe mich echt blöd verhalten im ganzen letzten Jahr, aber glaub mir, dass gestern der Direktor und der Psychiater mit mir geredet haben, hat mir total geholfen und ich habe mir vorgenommen, nochmal neu anzufangen“. Wow, was für ein Schwachsinn, aber es sieht echt so aus als würde er mir das glauben. Mal im Ernst: Wie wahrscheinlich ist es bitte, dass ich mich so schnell verändere? Naja, irgendwie ist es unglaublich anstrengend, dass niemand sieht, wie schlecht es mir  geht, eigentlich noch schlimmer, als wenn alle wissen, wie es um mich steht, denn dann könnten sie sich wenigstens Sorgen um mich machen und ich würde mich nicht ganz so sehr von allen verlassen fühlen. In der Schule ist es genauso. Die Leute reißen dumme, und vor allem unglaublich verletzende Witze und ich lache einfach mit ihnen. Ich meine, das ist doch vollkommen verrückt! Ich lache über Sachen, über die ich innerlich heule und für die ich die Leute am liebsten schlagen würde! Es ist einfach unmöglich dabei nicht völlig zu verzweifeln. Damit genau das nicht passiert überlege ich mir ein Spiel: Ich ignoriere einfach fast völlig mein äußeres Verhalten und überlege mir, was ich tun würde ohne diese Maske, die ich mir so sehr gewünscht hatte und jetzt einfach nur noch entsetzlich finde. Zum Beispiel kommt ein sehr einfallsloser Dustin zu mir, der es einfach nur mag, mich an meine Mutter zu erinnern und sagt: „Hey, Panda, hat dir deine Mutter heute wieder ein Schulbrot geschmiert? Ach nein, habe ich vergessen, geht ja nicht, denn sie ist tot!“. Mein Gesicht lächelt ihn an aber mein Gehirn denkt sich einfach nur, dass ich ihm mein Schulbrot jetzt ins Gesicht schlagen und danach aufs Klo verschwinden sollte. So ähnlich geht das dann noch bis zum Ende des Schultags weiter und ich muss sagen, dass mir so langsam auffällt, wie dumm ich mich eigentlich verhalte. Also ich meine nicht so dumm, wie ich jetzt alle immer nur lässig anlächle und jeder Konfrontation aus dem Weg gehe, aber trotzdem dumm. Ich schlage mich immer mit anderen, weil ich wütend auf sie bin und dann verziehe ich mich zum weinen aufs Klo. Eigentlich ein Wunder, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, mich „Beste Freundin der Toilette“ zu nennen. Also erweitere ich mein Spiel. Ich füge noch einen Aspekt dazu, nämlich wie ich mich verhalten würde, wenn schlagen und aufs Klo verziehen keine Option ist. Also kurz gesagt: Wie ich mich verhalten sollte. Zu Dustins Kommentar sollte ich also zum Beispiel sagen „Ja verdammt! Meine Mutter ist tot und dass ist scheiße! Ich leide darunter und würde dir und allen anderen am liebsten in die Fresse schlagen, wenn ihr sowas sagt, denn natürlich komme ich nicht darüber hinweg! Und ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das in Zukunft nicht mehr machst, denn sonst habe ich irgendwann die Schnauze voll und gehe zum Direktor!“ Ja ich weiß, ich hätte das generell tun können, aber dann hätte ich über meine Mutter reden müssen und dass habe ich immer vermieden. Tja, blöd, dass mir das erst jetzt auffällt, denn momentan kann ich nichts anderes als cool und hübsch sein. Also gehe ich nach Hause und will heulen, was aber wegen der Maske nicht geht. Und wenn man weiter mit meinem Spiel geht, ja, das wäre auch ein Moment zum Heulen, wenn ich mich besser verhalte, denn wie grauenvoll ist es bitte, wenn man sich bessert und niemand etwas davon mitbekommt und einen lobt! Dann kann man auch gleich wieder aufhören Fortschritte zu machen. Also sitze ich wieder in meinem Bett und heule innerlich, was noch viel schlimmer ist als auch außen, denn diese Maske sorgt dafür, dass ich immer schön aussehe obwohl ich mich nicht so fühle. Also bitte, bitte, bitte! Lass es wieder so werden wie früher!

Und dann wache ich auf. Ich verstehe erstmal gar nichts, bis mir klar wird, dass die ganze Masken-Scheiße nur ein Traum war. Zum Glück. Meine Güte, ich glaube ich bin absolut überfordert damit, schön und lässig zu sein! Ich bleibe erstmal noch ein paar Minuten in meinem Bett liegen und denke über diesen wirklich sehr realen Traum nach. Wer weiß, vielleicht wollte mir das Schicksal ja etwas sagen? Also ich meine jetzt nicht, dass Träume sehr real sein können, sondern eher, dass ich mein Verhalten ändern sollte…  und natürlich dass man seinen Gefühlen freien Lauf lassen sollte! Ich komme immer noch nicht so ganz drauf klar, dass ich nie wirklich diese Maske hatte, aber es ist vermutlich besser so. Vielleicht sollte ich meine guten Vorsätze verändern, vielleicht sollte ich mir weiterhin vornehmen glücklich zu sein, aber vielleicht sollte ich deswegen nicht alles vergessen, sondern anders damit fertig werden. Ja, vielleicht…
Vielleicht würde ich es sogar schaffen.
Als ich mich langsam wieder dazu bereit fühle, auf meinen Beinen zu stehen, setze ich mich auf, laufe langsam aus meinem Zimmer heraus, und klopfe an der Tür meines Vaters. „Papa, kann ich reinkommen?“


—— Ende——


So, das war jetzt die erste Geschichte, die ich jemals geschrieben und veröffentlicht habe. Ich würde mich sehr über Rückmeldung (auch gerne darüber, ob diese Geschichte mit der Kategorie, Altersempfehlung, usw. richtig eingetragen ist) freuen, da ich absolut keine Ahnung habe, ob diese Kurzgeschichte eher in die Richtung „naja, vlt lässt du das mit dem veröffentlichen in Zukunft lieber“ geht oder doch ganz gut war. Ich hoffe natürlich sie hat euch gefallen,
LG Helene :)
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