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Ein bisschen Chaos

von Leijara
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P12 / MaleSlash
Aaron "Hotch" Hotchner David Rossi Derek Morgan Dr. Spencer Reid Jennifer "JJ" Jareau Penelope Garcia
29.05.2022
29.05.2022
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Liebe Spence-Love,



Erstmal alles Liebe zum Geburtstag. Ich hoffe, du hast einen wunderschönen Tag verbracht und konntest ihn so verbringen, wie du es dir erhofft hast.

Ich hoffe, ich kann dir mit meiner Geschichte eine kleine Freude bereiten und dass ich deine Wünsche erfüllen konnte, auch wenn ich nicht gerade der beste im Schreiben von Humor bin.

Ich hoffe, du kannst meine Geschichte trotzdem genießen.



Liebe Grüße

Leijara







Die Geschichte ließe sich auch zusammenfassen mit: local angst writer tries humor and fails miserably – ich hoffe ihr habt trotzdem Spaß beim Lesen.

Als ich mit meinem Freund darüber diskutiert habe, dass ich kein Humor schreiben kann, kam er nur darauf, dass ich doch einfach „Rollt ein Derek um die Ecke und fällt auf Spencer“ schreiben soll. Und nun ja, ich finde das witziger als alles, was ich fabriziert habe – deswegen wollte ich es noch mit euch teilen.





Kurzbeschreibung: Er sollte sich vermutlich nicht ganz so viele Gedanken darüber machen, mit seinem Ehemann zusammenzuziehen und trotzdem kann Spencer die Angst nicht abschalten, dass das alles ein böses Ende nehmen wird. Er liebt Derek, aber was, wenn das nicht genug ist.



Content Note: Meiner Ansicht nach keine, vielleicht ein bisschen Angst/Panik. Wenn euch was auffällt, was ich hier erwähnen sollte, sagt gern Bescheid.



***




Ein bisschen Chaos




Spencer konnte nicht schlafen. Er war unendlich erschöpft, hatten er und Derek doch den ganzen Tag damit zugebracht, seine Bücher und den Rest seines Besitzes in Kartons zu packen. Irgendwie hatte es sich fast lächerlich angefühlt, wie wenig Hab und Gut über die Jahre angesammelt hatte. Irgendwie hatte es sich fast lächerlich angefühlt, dass ein Großteil seiner größten Schätze die Bücher waren, die er wie kleine Heiligtümer in den Boxen verstaute. Und eben seltsame Erinnerungsstücke – von Städten, in denen sie waren, von Conventions, die er besucht hatte, von Erinnerungen, von denen er sich auf keinen Fall mehr trennen wollte.

Derek hatte gelacht über die Tardis-Keksdose. Auch wenn Spencer mittlerweile verstand, dass er das nicht böse meinte (und dass er ja ebenso wenig alles verstand, was Derek auf dem Herzen trug), hatte es seiner Umzugsfreude doch einen kleinen Dämpfer gegeben. Er hatte das Gefühl, dass er das vermutlich mal ansprechen sollte (immerhin war Teil ihrer Eheversprechen gewesen, immer offen miteinander zu kommunizieren). Er wusste ganz und gar nicht, wie er es ansprechen sollte – immerhin wollte er nicht schlichtweg ausrasten und Derek vorwerfen, sich nicht um seine Interessen zu kümmern.

Mit Derek zusammenzuziehen, kam ihm immer mehr wie ein großes Fehlurteil seinerseits vor. (Das war doch fast schlimmer, als ihn zu heiraten. Endgültiger.) Ein gemeinsames Haus wurde man immerhin schwieriger los als eine geschlossene Ehe. Eine Flucht wurde dadurch deutlich erschwert. (Nicht, dass er fliehen wollte, und trotzdem: Diesen Drang, konnte er nicht immer unterdrücken.) Und überhaupt vielleicht war es ja Derek, der in ihrem Haus feststellen würde, dass sie so ganz und gar nicht zusammen passten. Spencer war immer noch nicht ganz überzeugt davon, dass Derek wusste, worauf er sich da einließ. Selbst außerhalb von der Arbeit wusste er nicht genau, wie man seinen Mund hielt (auch wenn Derek schon die eine oder andere Möglichkeit gefunden hatte, ihm zumindest kurzfristig die Sprache zu verschlagen).

Alles in allem führte das Gedankenkarussell zu einem Schluss: Spencer konnte einfach nicht schlafen. Ohnehin geneigt zu Schlafstörungen und nächtlichen Eskapaden, war mit dem überfüllten Kopf gar nicht an Schlaf zu denken. Katastrophisieren nannte man das in der Psychologie, was er da betrieb. Und obwohl er sich das so genau herleitete, konnte er gar nichts dagegen unternehmen. Kalte Füße hatte er, würde Garcia wohl sagen, wenn er ihr jetzt sein Leid klagen würde. Er würde sie nicht mitten in der Nacht anrufen, auch wenn sein Finger schon mehrfach über ihre Nummer in seinen Kontakten geschwebt hatte. Aber es war 2:32 am und er konnte sie unmöglich, um ihren Schönheitsschlaf bringen – nicht, wenn sie zugesagt hatte, ihn und Derek morgen beim Umzug zu unterstützen. Das ganze Team hatte zugesagt, was für Spencer eigentlich nur den Druck erhöhte. Wie seltsam würde es wirken, wenn er fliehen würde, während alle sich extra ihren freien Samstag Zeit genommen hatten, um ihm zu helfen.

Er sollte schlafen. Schlafen. Schlafen. Schlafen. Je mehr er versuchte, sein Gehirn davon zu überzeugen, dass Schlaf eine ausgezeichnete Idee wäre (und dringend notwendig, um seine Energie vor dem bevorstehenden Tag wieder zu erlangen), desto weniger wollte es ihm gelingen. Schließlich glitt er so gegen 4 Uhr morgens in einen unruhigen Schlaf, verfolgt von Büchern, Umzugskartons und Transportern.

Der Wecker riss ihn um halb sieben unsanft aus dem Schlaf. Er fühlte sich wie gerädert und überlegte, ob er es nicht lieber gar nicht erst mit Schlaf hätte probieren sollen. Konnte man sich zu seinem eigenen Umzug krankmelden? Eine Migräne wäre doch sicherlich eine gute Ausrede, um den Umzug fürs Erste zu verschieben. (Aber Derek freute sich und vermutlich freute sich Spencer auch irgendwie, wenn er nicht so fürchterlich nervös wegen allem wäre und wenn er die Veränderungen in seinem Leben nicht so furchterregend finden würde.)

Elegant stolperte er über zwei Umzugskartons in seinem Schlafzimmer, was bald schon nicht mehr sein Zuhause sein würde. Das löste beinahe ein Gefühl von Verlassens-Schmerz bei ihm aus, Heimweh nach einem Ort, den er noch gar nicht verlassen hatte. Er liebte das Haus, was Derek für sie beide renoviert hatte. Von der ersten Sekunde an hatte es sich wie ein Zuhause angefühlt. Noch nie zuvor hatte er sich irgendwo so vom ersten Augenblick an zuhause gefühlt. Es war Derek, es war Spencer, es war sie beide. Es war Heimat. Und obwohl er das alles wusste, obwohl er dieses Gefühl immer in seiner Brust spüren konnte, war heute Morgen nach dem fehlenden Schlaf vor allem das Gefühl von Heimweh und Angst vorhanden.

Er wollte sich einen Kaffee kochen, aber Derek und er hatten gestern Abend schon alle Tassen eingepackt. Und die Kaffeemaschine. Stattdessen trank er einen Schluck Wasser direkt aus dem Hahn, hoffnungslos in dem Versuch, nicht darüber nachzudenken, welche ungesunden Chemikalien vermutlich von den alten Rohren seiner Wohnung in das Leitungswasser übertragen wurden. Hoffentlich würde wenigstens Derek an Kaffee denken.

Rasch schlüpfte er in die Kleidungsstücke, die er sich für den Tag zurechtgelegt hatte, und schmiss seinen Schlafanzug in die Reisetasche. (Derek hatte darauf bestanden, einen Teil seiner Kleidung in eine Tasche zu packen, weil sie sicherlich nicht die Energie haben würde, direkt alle Kartons auszupacken. Spencer fragte sich, wie er jemals mit unausgepackten Kartons zum Schlafen kommen sollte. Noch so eine Sache, die er vermutlich vorher hätte ansprechen sollen.)

Es klingelte etwa zehn Minuten, nachdem er sich angezogen hatte, und er hatte in der Zwischenzeit auch nur zwanzig Mal fast alle Kartons aufgerissen, um die Bücher wieder in seinen Regalen zu verstauen und sein Geschirr wieder in seiner Küche zu platzieren.

Derek stand mit einem großen Becher Kaffee (oder zumindest hoffte Spencer das, in dem Einweg-Pappbecher könnte ja auch irgendetwas Anderes sein) vor der Tür.

„Hey Kleiner, bereit für den ganzen Umzugswahnsinn?“ Derek blickte ihn mit einer solchen Liebe im Blick an, dass Spencer das Gefühl hatte, sein Herz müsste explodieren. Diese Gefühle waren sicherlich nicht logisch oder rational, aber sie waren echt.

Spencer zuckte mit den Schultern. „Bin noch ziemlich matt von gestern.“

„Immerhin ist es dann heute Abend endlich geschafft und dein ganzes Zeug ist bei mir.“

Bei mir? Das hörte sich beinahe so an, als würde Spencer nur ein Gast in ihrem gemeinsamen Haus sein. Und als Zeug wollte er sein ganzes Hab und Gut echt ungern bezeichnen. Vermutlich dachte sich Derek nichts dabei, wenn er sich so ausdrückte, aber Spencers Nerven waren ohnehin schon gespannt wie Drahtseile und das half nicht dabei. Er nickte nur, traute seinen eigenen Emotionen nicht, glaubt nicht, dass er sie unter Kontrolle behalten können würde, und er wollte heute wirklich nicht streiten. (Sie mussten ja nun wirklich nicht bei jedem großen Meilenstein in Streit verfallen – der Ausbruch bei ihrer Hochzeit, geschlichtet von Garcia war ausreichend gewesen).

Während sie auf den Rest des Teams warteten, tranken sie den mitgebrachten Kaffee in andächtiger Ruhe. Derek warf ihm seltsame Blicke von der Seite zu (vielleicht, weil er nichts sagte; vielleicht, weil Derek schon bereute, dass sie jetzt tatsächlich zusammenziehen sollten). Spencer überlegte, wohin er seine Kopfschmerztabletten gepackt hätte – je länger der Morgen schon andauerte, desto mehr spürte er den Druck in den Schläfen.

Es klingelte wieder und Garcia, Emily und JJ standen vor der Tür mit einem breiten Grinsen und Handschuhen (anscheinend hatten sie sich besser auf den anstehenden Umzug vorbereitet als er). Wenige Minuten später tauchten auch Rossi und Hotch auf.

„Ihr hättet ja ruhig auch schon mal anfangen können“, scherzte Rossi.

„Aber doch nicht, bevor Spencer nicht wenigstens einen Kaffee intus hat“, erwiderte Derek leichthin. Spencer rollte mit den Augen und ignorierte weiterhin das dumpfe Gefühl in seiner Brust, was nicht nachlassen wollte. Sobald er wieder in diesem wundervollen Haus war, sobald er diesen furchtbaren Tag hinter sich gebracht hatte, würden sicherlich auch alle Zweifel verschwinden.

Sie verbrachten einen großen Teil des Morgens damit, Umzugskartons aus dem vierten Stock nach unten zu tragen – der verfluchte Aufzug lief die ganze Woche schon nicht. Es dauerte länger, als Spencer erwartet hätte, auch wenn er das nie öffentlich zugeben würde. Vielleicht besaß er doch mehr Plunder, als er gedacht hatte. Irgendwie schaffte er es sich, um seine Bücherkartons herumzudrücken und stattdessen andere Kartons nach unten zu tragen. Das ändert aber nichts daran, dass er ein genaues Auge darauf hatte, wen jemand aus dem Team – meistens Derek – seine geliebten Bücher nach unten trug. Immerhin waren auch Erstausgaben darunter, mit denen man lieber sanft umging.

Gegen Mittag und nach einer ordentlichen Mahlzeit aus Sandwiches und Safttüten, gesponsert von Garcia, hatten sie endlich die gesamte Wohnung geleert. Das Gefühl von Heimweh war jetzt beinahe erdrückend – lange Jahre hatte er in dieser Wohnung verbracht. Er hatte hier seine Doktorarbeiten geschrieben, er hatte hier, Derek zum ersten Mal geküsst. Eigentlich hielt er sich nicht für einen sentimentalen Menschen, aber trotzdem, diese Wohnung, die so lange sein sicherer Hafen gewesen war, sah so seltsam leer aus ohne seine ganzen Gegenstände.

„Bist du okay, Spence?“ JJ blickte ihn von der Seite an. Aus ihrem ordentlichen Pferdeschwanz hatten sich im Laufe des Vormittags schon einige Strähnen gelöst und hingen ihr wild ins Gesicht.

„Sicher“, erwiderte er, obwohl er sich so ganz und gar nicht sicher fühlte.

„Wollen wir, Pretty Boy?“, fragte Derek, der sich unschuldig von hinten angeschlichen hatte und ihn in seine Arme zog. Obwohl auch er den ganzen Vormittag körperlich gearbeitet hatte, roch er erstaunlich frisch (und vermutlich tausend Mal besser als Spencer selbst).

„Gern.“ Er ließ einen Teil seines Lebens hier zurück und das durfte wohl ein bisschen weh tun. Aber er ging zu einem gemeinsamen Leben mit Derek und das gab ihm ein Gefühl von Sicherheit. Ein Gefühl von Glückseligkeit.



***




Spencer saß mit Derek im vollbeladenen Transporter. Dereks Besitz hatten sie im Verlauf der letzten Wochen in ihr Haus gebracht. Wenn also seine Sachen auch in dem Haus wären, wäre es tatsächlich endgültig (fast endgültiger als sich das Schließen ihrer Ehe angefühlt hatte). Sein Herz pochte so laut, dass er glaubte, dass Derek es hören musste. Je näher sie an seine neue Heimat kamen, desto nervöser wurde er. Was, wenn es nicht funktionieren würde? Wenn er nicht funktionieren konnte und Derek über kurz oder lang, wie alle Menschen in seinem Leben, feststellen würde, dass er einfach zu kaputt war.

„Wusstest du, dass die meisten Menschen an einem Samstag umziehen?“ Vielleicht konnte er sein Gehirn mit statistischen Fakten vom Durchdrehen abhalten. Sich an die Realität klammern, um jetzt nicht Panik zu verfallen. Wieso fühlte es sich einfacher an, einem Tatverdächtigen hinterherzujagen, als mit Derek zusammenzuziehen? Irgendetwas stimmte doch nicht mit seiner Gehirnchemie.

„Ergibt ja auch Sinn“, brummte Derek unbestimmt.

„Fast zehn Prozent der Amerikaner ziehen dabei in jedem Jahr um und im Schnitt etwa 12 Mal in ihrem gesamten Leben. Da würden mir dann noch ein paar Umzüge fehlen.“

„Kannst du mal aufhören mit deiner Besserwisserei, ich versuche mich aufs Fahren zu konzentrieren.“

„Es ist nicht wirklich Besserwisserei, wenn ich dir Fakten erzähle, Derek.“, erwiderte Spencer genervt. „Und du wusstest doch, worauf du dich einlässt.“

„Das ist jetzt aber Besserwisserei.“ Derek rollte mit den Augen. „Und überhaupt konnte ich ja wohl kaum damit rechnen, dass du dir Statistiken zum Umzug anguckst, um sie mir zu erzählen, während wir umziehen.“

Spencer zuckte mit den Schultern. Er hatte sich wirklich keine Statistiken spezifisch dazu angeguckt, nicht in letzter Zeit jedenfalls. Dass ihm diese Zahlen genau jetzt in den Sinn kamen, war doch auch nicht seine Schuld. Und eigentlich dachte er, dass Derek ihn genug kannte, um das zu verstehen.

Den Rest der Fahrt schwiegen sie. Spencers Kopfschmerzen hatten sich mittlerweile zu einer ausgewachsenen Attacke entwickelt. Und er war sich immer noch nicht sicher, wohin er die Tabletten gesteckt hatte. Da musste man sich schon fragen, ob sein Gedächtnis tatsächlich so ausgezeichnet war. Er massierte sich die Schläfen, um den Druck abzubauen, es half kaum.

„Bist du okay, Kleiner?“ Dereks Stimme war jetzt doch wieder sanft. Vermutlich zehrten auch an ihm die Anstrengungen der letzten Wochen. Arbeit, Renovierung des Hauses, die er ganz allein gestemmt hatte, und der Umzug.

„Kopfschmerzen. Geht sicher gleich wieder.“

„Wir haben’s auch fast geschafft.“ Derek parkte den Transporter vor ihrer Garage. „Und nur damit du es weißt, du bist der Ausreißer in der Statistik zu Umzügen.“

„Wie meinst du das?“ Spencer blickte ihn verwirrt an.

„Hier kommst du nicht wieder weg.“ Derek lachte so offen, dass er gar nicht anders konnte, als miteinzustimmen. Derek wollte eine Zukunft mit ihm. Nicht nur vorübergehend. Und auch wenn Spencer das theoretisch wusste (immerhin hatten sie sich ein Eheversprechen gegeben), tat es gut, wenn Derek das nochmal so direkt sagte.

Während Derek die Tür aufschloss und die Hausschlüssel an ihr gemeinsames Schlüsselbrett hing, trudelte der Rest vom Team ein. Trotz Spencers Kopfschmerzen, trotz des Heimwehs nach einem Ort, der nicht mehr länger sein Zuhause war, stellte sich wieder direkt das Gefühl von Heimat ein. Der grau-gestrichene Flur öffnete sich in die Wohnküche. Die Möbel hatten sie gemeinsam ausgesucht, das große Sofa hatte Platz genug für das gesamte Team, die helle Küche war so groß, dass sie sogar Rossi glücklich stimmen würde. Es war ein Ort des Zusammenkommens, ein Ort der Liebe. Und trotzdem war alles klein genug, dass Spencer nicht das Gefühl hatte, darin unterzugehen. Dass Spencer sich nicht davon erschlagen fühlte.

„Willkommen daheim“, flüsterte Derek in sein Ohr und Spencers Herz setzte einen Schlag aus. Er würde jetzt alles lieber tun, als seine Kartons ins Haus zu tragen. Aber es half ja nichts. Wenigstens waren es diesmal keine vier Stockwerke.

Kartons nach Kartons wanderten in die Wohnung. Und die Ordnung, die sie in den letzten Wochen hier geschaffen hatten, schien direkt durcheinanderzugeraten. Und das leichte Ziehen in seiner Brust wurde wieder stärker. Er mochte es nicht, wenn etwas nicht fertig war. Auch wenn das albern war.

Sie trugen (und damit war natürlich Derek gemeint) die Bücher in die erste Etage, wo Derek ihm tatsächlich eine Bibliothek gebaut hatte. Eine ganze Bibliothek. Derek schleppte einen Karton, Spencer lief ihm hinterher mit leeren Händen. Irgendwer musste schließlich überprüfen, dass seinen Büchern nichts passierte. Er konnte Dereks Augenrollen förmlich spüren, obwohl er sein Gesicht nicht sehen konnte. Sie stellten die Kartons ab und Spencers Blick fiel auf die knallbunte Leiter, die mitten im Raum stand.

„Seit wann ist die denn da?“, wollte er entgeistert wissen.

Derek lachte: „Ich dachte, so kommst du besser an die oberen Regale, Kleiner.“

Spencer rollte mit den Augen: „So viel kleiner als du bin ich gar nicht. Und außerdem ist so eine Leiter doch sicherlich ein Gesundheitsrisiko.“

„Ein Gesundheitsrisiko?“

„Die meisten Unfälle passieren doch im Haushalt. Jährlich verunfallen etwa 2.8 Millionen Menschen, 8000 versterben sogar.“

„Die Statistik klingt doch erstmal nicht so schlecht.“

„Also ich sehe mich schon die Leiter herunterfallen.“

„Jetzt, wo du es sagst...“ Derek lachte.

„Derek-“

„Kein Streit am Einzugstag“, unterbrach Hotch ihn mit einem Karton in der Hand. Ein Bücherkarton augenscheinlich und dabei war er gar nicht beim Tragen beaufsichtigt worden. So nachlässig wurde Spencer schon.

„Wir streiten gar nicht“, erwiderten Derek und Spencer unisono und mussten dann beide lachen.



***




Am frühen Abend hatten sie endlich alle Kartons in das Haus gebracht und immerhin war dieser Schritt geschafft, auch wenn Spencer das Gefühl hatte, das jetzt erst recht alles im Chaos versank.

Sie bestellten Pizza und saßen zum ersten Mal mit dem Team auf dem Sofa. In ihrem gemeinsamen Haus. Es fühlte sich so richtig an, auch wenn ihm die Angst, alles zu verlieren, beinahe die Luft zum Atmen nahm. Es konnte alles in Flammen aufgehen und das wäre ja nicht einmal so unwahrscheinlich. Er und Derek diskutierten ständig. Und selbst wenn das nur Kleinigkeiten waren - wer war heute mit dem Abwasch dran? was sollten sie am Abend im Fernsehen gucken? –, so konnte der Grund dafür doch sein, dass ihre Beziehung grundlegende Probleme hatte. Die Hälfte aller Ehen wurde geschieden und sicherlich würde er bei einer Trennung seinen Freundeskreis verlieren. Derek würde man viel lieber behalten wollen.

„Bist du okay, Kleiner?“ Derek sah ihn schon wieder schief von der Seite an, aber vielleicht auch nur, weil er seit fünf Minuten auf dem einen Stück Pizza herumkaute.

„Nur k.o. Die letzten Wochen waren echt anstrengend.“

„Spencer“, unterbrach ihn Hotch streng. Es war manchmal unfair, mit Profilern befreundet zu sein, die einem scheinbar im Gesicht die Gedanken ablesen konnten.

„Ok, ok. Ich bin mir nicht sicher, ob das alles hier eine gute Idee ist.“

„Eine gute Idee?“ Derek blickte ihn wütend an und Spencer wollte sich am liebsten ganz unter irgendeiner Decke verstecken. Er wusste doch, dass es auch gar keine gute Idee war, das anzusprechen.

Spencer fuhr sich durch die braunen Haare. „Ich meine... Ich meine, ich liebe dich, aber...“

„Es hat noch nie jemand etwas Gutes nach aber gesagt“, unterbrach ihn Derek trotzig, „Können wir es nicht einfach bei Ich liebe dich belassen – ich liebe dich nämlich auch.“

„Lässt du ihn bitte ausreden?“ Hotchs Stimme war so bestimmend, wie Spencer ihn sonst nur an der Arbeit erlebte. Das war Hotchs Autoritätsstimme und auch wenn er nicht einmal angesprochen war, musste er sich trotzdem das Ja, Sir verkneifen.

Derek schüttelte niedergeschlagen den Kopf: „Sprich aus, Spencer.“

Vielleicht wollte er es aber auch gar nicht aussprechen. Und gleichzeitig war es keine gute Idee, alles in sich hineinzufressen. „Ich habe Angst. Angst, dass das hier alles in Flammen aufgeht. Angst, dass du merkst, dass du viel zu gut für mich bist. Dass du merkst, dass ich doch nur der Nerd mit den seltsamen Interessen und zu vielen Statistiken im Kopf bin. Angst, dass ich am Ende ganz allein dastehe und nirgendwo mehr hingehöre. Dass du mich verlässt, weil man mich einfach verlässt. Und dann habe ich nicht mal mehr ein Zuhause, zudem ich zurückkehren kann, weil du mein Zuhause bist. Weil das hier meine Heimat ist.“

„Kleiner.“ Derek schluckte. „Ich liebe dich. Nicht, obwohl du ein Nerd mit zu vielen Statistiken und seltsamen Interessen bist, sondern gerade deswegen. Und ich weiß, dass wir keine Versprechungen machen, die man nicht halten kann, deswegen verspreche ich dir kein für immer. Das wäre dir und mir gegenüber ungerecht, aber ich liebe dich jetzt und ich sehe nicht, dass sich das in der Zukunft ändert. Und glaub‘ mir, ich habe auch eine Scheiß-Angst. Aber ich liebe dich und du bist ebenso mein Zuhause.“

„Und jetzt küsst euch“, rief Garcia aus, als ihr anscheinend die Stille im Raum zu unangenehm wurde.



***




Es wurde später, als Spencer erwartet hätte, bis der Rest des Teams nach Hause fuhr. Und obwohl es ihm reichlich unangenehm war, dass er einen solchen Gefühlsausbruch vor seinem Chef hatte, fühlte sich jetzt alles seltsam leicht und wie Watte an. Es war dumm gewesen, dass er nicht früher mit Derek darüber gesprochen hatte. Aber immerhin war dieser Stein jetzt fürs Erste von seiner Seele verschwunden. (Auch wenn die Angst sicherlich wiederkommen würde.) Irgendwie kam es ihm seltsam vor, dass auch Derek Angst verspürte.

„Meinst du, wir sollten noch mit dem Auspacken anfangen?“, fragte Spencer, als sie die Tür hinter JJ, Garcia und Emily schlossen. Oder zumindest versuchte er, es zu fragen, aber ein Gähnen unterbrach ihn bei der Hälfte.

„Ganz sicher nicht, Kleiner. Morgen ist auch noch ein Tag und jetzt will ich dich einfach nur in unser gemeinsames Bett bringen.“

„Unser Bett?“

„Unser Zuhause.“

Bereitwillig ließ sich Spencer von Derek hinter sich herziehen. Die Kartons konnten bis morgen warten. Das Schlafzimmer war beinahe sein Lieblingsraum im neuen Haus – wenn dies nicht schon die Bibliothek wäre. Ein großes Bett nahm den größten Teil des Raumes ein und sah so gemütlich aus, dass Spencer direkt wieder gähnen musste.

„Weißt du, dass das was in der ersten Nacht im neuen Haus träumt, wahr wird?“, fragte Derek, während er in die Schlafkleidung schlüpfte.

„Das halte ich für einen albernen Aberglauben“, erwiderte Spencer trocken und ließ sich auf das Bett fallen.

„Sicherheitshalber solltest du aber trotzdem was Schönes träumen“, lachte Derek und stellte die Nachttischlampe aus. Es wurde sofort dunkel im Raum, dann aber sah Spencer ein Leuchten von der Decke kommen. Mit näherem Hinsehen erkannte er Sterne, diese kleinen Leuchtsterne, die durch Bestrahlung mit einer Lichtquelle im Dunklen leuchten konnten.

„Ich habe gar keine Angst vor der Dunkelheit mehr“, murmelte er seltsam berührt von der Geste, „Jedenfalls nicht, wenn ich mit dir im Bett schlafe.“

„Vielleicht habe ich auch einfach Angst“, erwiderte Derek ruhig und zog Spencer in seine Arme, „Und so musst du immerhin auch dann keine Angst haben, wenn ich mal nicht da sein sollte.“

Spencer schluckte und sein Körper fühlte sich so voll mit Liebe an, dass er glaubte, platzen zu müssen. Und mit Derek an seiner Seite konnte er definitiv auch ein bisschen Chaos, ein bisschen Veränderung und ein bisschen Diskussion ertragen. Derek war sein Zuhause. Und er sah nicht, dass sich das ändern sollte.
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