Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Im Sommer ein Jahr - Eine Anthologie

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie / P6 / Gen
Koichi Kimura Koji Minamoto
28.05.2022
02.09.2022
8
13.727
2
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
28.05.2022 1.335
 
„Also 4 durch 4 und 2 durch 4.“
„Nein 2 mal vier. Du brauchst doch mehr um schneller zu sein.“
„Aber vorhin musste ich doch auch beides durch rechnen.“
„Das war der proportionale Dreisatz. Das hier ist der Antiproportionale.“
„Und wo war jetzt nochmal der Unterschied?“
„Beim proportionalen Dreisatz heißt es je mehr, desto mehr. Beim antiproportionalen ist es genau umgekehrt. Also je mehr, desto weniger.“

Ein kleiner Moment der Stille.

„Ich verstehe es immer noch nicht Nii-san.“

Kouji seufzte schwer, als sein Blick vom Mathebuch zum Telefon neben ihm glitt.
Seit über einer Stunde waren sie jetzt dabei.
Eigentlich wollte Kouji gar nicht anrufen und seinen Bruder um Hilfe bitten. Er wollte es wie immer alleine schaffen und sich selbst beweisen, dass er keine Hilfe brauchte. Bis vor kurzem war er auch immer auf sich allein gestellt gewesen und musste selbstständig Lösungen für sämtliche Probleme finden.
Aber seit einigen Wochen war das anders.
In der Digiwelt hatte er gelernt, dass es einen viel weiter brachte, wenn man bereit war Hilfe anzunehmen. Oder danach zu fragen. Doch besonders Letzteres viel ihm immer noch sehr schwer. Sein Stolz ließ meist nur widerwillig diesen Schritt zu.
Allerdings war das hier sehr wichtig.
Wenn er es schaffte bei der morgigen Matheklausur über 90 Punkte zu erreichen, würde sein Vater ihm erlauben, das nächste Wochenende bei seinem Bruder und ihrer gemeinsamen Mutter zu verbringen. Und solch eine Gelegenheit musste genutzt werden!

Eigentlich war er in der Schule alles andere als schlecht. Er hatte immer recht gute Noten. Seine Eltern waren mit seiner Leistung zufrieden und so konnte er sich stets im oberen Mittelfeld bewegen.
Im Gegensatz zu seinem Bruder.
Bei ihm gab es keine Arbeit, die schlechter als 95 Punkte abschnitt. Er meinte immer, wenn man im Unterricht gut aufpasse, fällt das Lernen umso leichter. Im allgemeinen fand Kouji, dass sein Bruder ziemlich schlau war. Leider ertappte sich der Jüngere hin und wieder dabei, wie Eifersucht in ihm aufflammte, wenn Kouichi über die Schule und seine Noten sprach. Aber so schnell, wie dieses Gefühl dann auftaucht, so schnell verschwindet es auch wieder. Denn tief in seinem Herzen war Kouji unglaublich stolz darauf einen so begabten Bruder zu haben. Was wohl letztendlich auch der Grund dafür war ihn um Nachhilfe zu bitten. Allerdings stellte sich die ganze Sache als doch nicht so einfach heraus.

„Tut mir leid, dass ich es dir nicht besser erklären kann Kouji.“, kam es deprimiert aus dem Telefon.
Kouji zuckte bei den Worten zusammen. „Es ist doch nicht deine Schuld, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin. Außerdem ist es schwieriger jemanden am Telefon etwas zu erklären, als wenn er direkt vor einem steht.“, versuchte Kouji seinen Bruder aufzumuntern. „Würden wir dichter beieinander wohnen, dann hätte ich einfach zu dir kommen können. Insgesamt wäre alles so viel einfacher.“
„Kouji nicht schon wieder.“
„Was? Findest du es etwa gut so wie es ist?“
Ein Seufzen ertönte aus dem Hörer. „Nein finde ich nicht und du weißt das auch. Aber es ist nunmal nicht zu ändern. Wir müssen halt versuchen das Beste daraus zu machen. Wie zum Beispiel dich durch deine Matheklausur zu lotsen, damit du bei mir übernachten kannst.“
„Hey, setz‘ mich nicht unter Druck!“
„Sorry.“
Seufzen. „Schon gut.“

Kouji balancierte seinen Bleistift auf seinem Zeigefinger und sah sich noch einmal die Aufgabe vor genau an. Dann traf ihn der Blitz.
„Sekunde mal!“ Er starrte weiter in sein Aufgabenheft.
„Ich muss doch immer erst auf eins runterrechnen, oder?“
„Ähm, ja.“
„Bei dieser Backaufgabe vorhin...“
„Du meinst da wo du die Buttermenge errechnen solltest?“
„Genau! Die Frage lautete doch, wie viel Butter ich brauche, wenn ich für mehr Personen kochen will, als in der Anleitung steht.“
„Stimmt. Obwohl ich dir abraten würde zu kochen. Izumi hat mir von Takuya und deinem Burgerwettbewerb erzählt.“
„Hey, ich bin mittlerweile viel besser geworden!“
„Satomi sagte mir letztens, du hättest sogar Suppe fast anbrennen lassen.“
„Weil die Kartoffelstücken so groß waren. Außerdem lässt sich die Temperatur beim Herd wirklich schlecht regulieren.“
„Schon klar.“
„Jetzt hör‘ doch mal auf Kouichi! Ich versuche hier gerade etwas zu begreifen!“
„Tschuldigung.“
„Wo war ich jetzt?“
„Bei der Butteraufgabe.“
„Richtig.“ Kouji sah sich nochmal alles nochmal genau an und ließ den Bleistift über dem Papier schweben. „Du sagtest doch vorhin, proportionaler Dreisatz heißt je mehr, desto mehr. Je mehr Personen ich habe, desto mehr Butter brauche ich auch.“
„Genau.“
„Also rechne ich erst die Personenanzahl auf eins runter. Sprich hier sind es fünf, also auch durch fünf. Und da ich am Ende ja mehr Butter will, rechne ich hier die Buttermenge auch erst durch fünf. Oder?“
„Jap.“
„Damit ich sie später mit der eigentlichen Personenanzahl die ich will mal nehmen kann.“
„Wieder richtig. Die viele Personen sind es laut Aufgabe?“
„Acht.“
„Also?“
„Warte...“ Kouji schrieb die Zahlen auf seinem Blatt nieder. „Bei fünf Personen brauche ich 200g. Durch fünf sind es 40g und das muss ich jetzt mal acht rechnen. Also sind es 320g. Richtig?“
„Kouji ich glaube du hast es begriffen.“

Kouji freute sich innerlich. Jetzt machten die Aufgaben auch viel mehr Sinn. So stand dem Wochenende nichts mehr im Wege. Es würde ein Leichtes sein die Klausur morgen zu bestehen.
„Jetzt nochmal der antiproportionale Dreisatz von vorhin.“, unterbrach ihn sein Bruder in seinen Gedanken.
„Och man Kouichi! Ich kann es jetzt.“
„Bitte Kouji. Du brauchst schließlich 90 Punkte. Und dafür muss alles sitzen.“
Kouji schnaubte genervt. „Na gut.“ Er sah wieder in sein Mathebuch und laß laut vor. „Eine Halle ist mit Wasser überflutet. Warum überflutet man eine Halle?“
„Kouji. Nicht ablenken.“
„Jaja. Der Techniker meinte bei zwei Pumpen bräuchten sie vier Tage, um alles abzupumpen. Die Frage lautet: Wie viele Pumpen werden benötigt, wenn es nur zwei Tage dauern soll?“
Kouji überlegte. „Also... je mehr, desto weniger?“
„Ist das eine Frage oder eine Antwort?“
„Ähm, Antwort.“
„Gut, denn es ist richtig. Also was machst du?“
„Erst wieder auf eins dividieren.“
„Alles?“
„Ähm... nein. Die Tage ja, aber die Pumpen muss ich mal nehmen. Ich brauche ja mehr Pumpen für weniger Tage.“
„Richtig.“
„Und dann kann ich die Tage mal zwei nehmen. Die Tage, die ich brauche.“
„Und die Pumpen?“
„Nehme ich auch mal zwei?“
„Frage oder Antwort?“
„Antwort.“
„Gut. Also wie lautet das Ergebnis.“
„Vier.“
Ein Kichern ertönte aus dem Telefon. Kouji sah es verwirrt an. „Hey, was gibt es da zu lachen? Das Ergebnis ist richtig. ... Es ist doch richtig, oder?“
Das Lachen verebbte. „Ja es ist richtig. Herzlichen Glückwunsch Kouji. Du hast soeben Mathe verstanden.“
Kouji lächelte. „Dank deiner Hilfe.“
„Du bist selbst darauf gekommen.“
„Weil du so geduldig mit mir warst.“
„Dafür sind große Brüder da.“
Kouji schnaubte verächtlich. „Diese paar Minuten.“
„Ein paar entscheidende Minuten.“
„Wie dem auch sei. Ich werde noch ein paar Aufgaben machen und dann wird die Klausur morgen ein Leichtes.“
„Werde nicht übermütig, sonst verhaust du es noch.“
„Mach dir mal keine Sorgen. Ich habe schließlich ein Ziel, dass ich erreichen will.“
Kouji lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er hatte das Telefon wieder ans Ohr genommen und hatte plötzlich das Gefühl, dass sein Bruder am anderen Ende der Leitung schmunzelte. Was auch bei ihn die Mundwinkel nach oben gleiten ließ.
„Ich freue mich schon auf das Wochenende.“, hörte Kouji seinen Bruder sagen.
„Ich mich auch. Dann sehen wir uns endlich mal wieder.“

Ein kleiner Moment der Stille.

„Gut Kouji. Mach noch ein paar Aufgaben, damit morgen alles klappt. Ich werde langsam in die Küche gehen und schon mal den Reis fürs Abendessen waschen. Mutter wird bald zu Hause sein.“
„Tu’ das. Ach und Nii-san?“ Kouji musste plötzlich kichern. Das musste jetzt noch sein.
„Ja? Was ist Kouji?“
„Wenn überhaupt, bist du der ältere Bruder. Aber nicht der Größere.“
Kouji konnte Kouichi verärgertes Schnauben deutlich hören.
„Es sind nur zwei Zentimeter!“, jammerte der Zwilling und Kouji brach in Gelächter aus.
„Zwei entscheidende Zentimeter.“, verwendete Kouji grinsend die Worte seines Bruders gegen ihn.
„Du sollst lernen!“, brummte Kouichi.
„Ich freue mich auch schon auf dich. Bild bald.“
„Bis bald Kouji und viel Glück morgen.“
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast