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Dragonborn - Drachenblut wider Willen

von Ceelia
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
27.05.2022
09.12.2022
40
170.513
10
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24.11.2022 3.668
 
Kapitel 37 – Erneuerung

Direkt nach der Schlacht hatte ich noch zwei Tage im Tempel bleiben müssen, obwohl es mir eigentlich wieder gut ging. Dennoch wollte Priesterin Danica nicht, dass ich mich zu viel bewegte, weshalb ich die meiste Zeit im Bett bleiben musste.
Wenn Miraak mal nicht bei mir sein konnte, leistete mir Lydia Gesellschaft. Es hatte mich einiges an Überzeugungsarbeit gekostet, ihr zu versichern, dass meine Verletzung nicht ihre Schuld gewesen war. Und ich war mir nicht sicher, ob sie mir am Ende nur zugestimmt hatte, um mich nicht aufzuregen. Die Frau war verdammt stur.
Ich hätte noch sehr viel mehr Besucher gehabt, wenn Danica sie nicht alle vor die Tür gejagt hätte. Selbst der Jarl hatte es nicht an ihr vorbei geschafft und das sollte schon was heißen. Sie tat wirklich ihr Bestes, um jeglichen Stress von ihren Patienten fernzuhalten – und die Personen, die diesen Stress ihrer Meinung nach verursachen würden.
Es gab sehr viele Verwundete im Tempel und die wenigen Heiler waren Tag und Nacht mit ihnen beschäftigt. Nicht jeder schaffte es. Und die Schmerzenslaute der Verwundeten verfolgten mich bis in meine Träume. Trotz allem schafften es die Priester irgendwie, dass die friedliche Aura des Tempels erhalten blieb. Egal wie schlecht es einem ging, man hatte stets das Gefühl, als würde Kyne selbst über einen wachen. Und dass man, selbst wenn sie sich dafür entschied, dass man sterben sollte, keine Angst zu haben brauchte. Weil sie einen dann in ihre Arme nehmen und sicher in ihr Reich geleiten würde. „Kuss am Ende“ wurde sie auch genannt. Das beschreibt recht gut, wie sich Krieger vorstellen, in Kynes Armen zu sterben. Auch wenn sie als Kriegsgöttin durchaus grausam sein konnte, versprach sie doch einen sanften Tod.

Am Tag meiner Entlassung hatte sich halb Weißlauf auf dem Tempelvorplatz versammelt, auch wenn ich nicht wusste, woher sie alle darüber Bescheid wussten. Jubelrufe erschollen, als ich erstmals wieder unter freien Himmel trat.
„Drachenblut!“ „Thane!“ „Gelobt sei Kynareth!“, erschollen einzelne Rufe.
Ich rieb mir verlegen den Nacken. Ich hatte doch gar nichts groß gemacht. Miraak hatte die Schlacht für Weißlauf gewonnen. Er hatte die Katapulte zerstört und dann die restlichen Angreifer erledigt. Ich dagegen hatte mich von einem Pfeil treffen lassen. Ich wusste schon, warum ich einen gesunden Respekt vor feindlichen Bogenschützen hatte.
Plötzlich löste sich jemand aus der Menge und ich erkannte Avenicci, den Vogt des Jarl. Ohne Vorwarnung ließ er sich auf ein Knie sinken, während er mir auf beiden Händen eine kleine Axt darbot. Ich blinzelte überrascht.
„Die Axt von Weißlauf, die Euch der Jarl bereits versprochen hatte, Thane“, klärte er mich auf. „Ihr habt sie Euch redlich verdient.“
Er half mir, die Axt an meinem Gürtel zu befestigen.
„Zudem der Schlüssel für das Brisenheim, das Haus, welches Euch als Thane zusteht“, fuhr er fort und überreichte mir den Gegenstand. „Es ist leider noch nicht fertig eingerichtet, aber wenn Ihr mir den Auftrag gebt, werde ich das gerne für Euch erledigen. Wenn Ihr das nächste Mal in Weißlauf seid, ist es bezugsfertig.“
„Ähm, ja... gerne?“, brachte ich überwältigt heraus. Ich war so viel Aufmerksamkeit überhaupt nicht gewohnt.
Jemand drückte mir einen Becher warmen Met in die Hand.
„Auf die Gesundheit unseres Thane!“, verkündete der Vogt und alle hoben ihre Krüge.
„Auf Weißlauf!“, setzte ich hinzu und trank einen Schluck, bevor ich den Becher an Lydia weitergab. Irgendwann würde ich unseren Sieg noch gebührend feiern, aber nicht im Moment.
„Fürst Miraak“, wandte sich der Vogt dann an meinen Gefährten. „Weißlauf schuldet Euch mindestens genauso viel wie Aurelia. Wir verdanken es vor allem Euch, dass wir immer noch eine freie Stadt sind. Der Jarl möchte Euch daher ebenfalls zum Thane erklären. Würdet Ihr mir in die Drachenfeste folgen?“
„Natürlich“, erwiderte Miraak höflich und machte dann eine Kopfbewegung in meine Richtung, die mir bedeutete, dass ich mitkommen sollte. Ich nickte und folgte ihm, während die Menge sich zerstreute.
„Wisst Ihr, womit ich diesen Empfang verdient habe, Lydia?“, fragte ich meinen Huscarl unterwegs. „Ich habe das Gefühl, dass ich die Hälfte der Schlacht im Lazarett verbracht habe.“
„Macht Ihr Witze?“, kam es verblüfft von ihr zurück. „Ihr habt unzählige Rebellen ausgeschaltet! Mehrere Wachen schwören, sie hätten nur überlebt, weil einer Eurer Blitze im rechten Moment den Schwerthieb ihres Gegners abgelenkt hätte! Und wir haben es nur Eurer Barriere zu verdanken, dass es bei unserem Rückzug alle rechtzeitig hinter die Zugbrücke geschafft haben! Ohne Euch wären die Sturmmäntel bis in die Stadt vorgedrungen. Das konnte nur dank Euch verhindert werden!“
„Ach?“, meinte ich schulterzuckend. „Das war doch...“ Nicht der Rede wert, wollte ich sagen. „Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, antwortete ich stattdessen. „Aber es war Miraak, der die Schlacht zu unseren Gunsten entschieden hat. Ohne ihn würden diese Katapulte immer noch auf die Stadt feuern.“
„Das ist wahr“, gab Lydia zu. „Aber das ändert nichts an der Bedeutung Eurer Taten, mein Thane.“
Wir betraten die Treppe, die zur Drachenfeste hinauf führte, und ich hatte erstmals einen guten Überblick auf die Zerstörung, die die Katapulte angerichtet hatten. Mehrere Dächer waren beschädigt, aber die Feuer waren längst erstickt worden. Dennoch, ein kaputtes Dach war mitten im Winter nicht besonders empfehlenswert. Allerdings waren überall, wohin ich blickte, bereits eifrige Reparaturarbeiten am Werk. Die Stadt würde sich von dem Angriff erholen.

Der Jarl hielt die Ernennung zum Thane gewohnt unzeremoniell. Miraak nahm den Ehrentitel und die dazugehörige Axt mit unbewegter Miene entgegen, unterbrach den Jarl jedoch sofort, als dieser ihm ebenfalls einen Huscarl zuweisen wollte.
„Bei allem Respekt, Jarl, ich benötige keinen Leibwächter“, brachte er zum Ausdruck. „Nichts gegen Lydia, aber mir würde ein Huscarl hauptsächlich im Weg stehen.“
Avenicci atmete scharf ein, doch Balgruuf ließ sich davon nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen. „Ich hatte bereits vermutet, dass Ihr das sagen würdet, Drachenblut. Selbstverständlich ist es Eure Entscheidung. Natürlich erhaltet Ihr ebenfalls einen Wohnsitz in Weißlauf“, ging er direkt zum nächsten Thema über. „Liege ich richtig in der Annahme, dass Ihr Euch ein Haus mit Aurelia teilen werdet?“
„Das tut Ihr“, stimmte Miraak zu. „Wir brauchen kein zweites Haus.“
„Dann werdet Ihr ebenfalls einen Schlüssel erhalten“, antwortete Balgruuf und winkte seinem Vogt, der Miraak das Objekt aushändigte. „Wie gesagt ist das Haus noch nicht bewohnbar, deshalb laden wir euch beide weiterhin ein, auf unsere Kosten in der Beflaggten Mähre zu residieren.“
„Wir werden nicht mehr lange in Weißlauf bleiben“, stellte Miraak klar. „Aber ich danke Euch für das freundliche Angebot, Jarl.“
„Es ist uns eine Ehre, die beiden Thane von Weißlauf in unserer Stadt zu wissen“, erwiderte Balgruuf. „Dank Euch steht die Stadt überhaupt noch. Doch jetzt muss ich mich weiter um die Reparaturen kümmern.“
„Dann wollen wir Euch nicht länger davon abhalten“, entgegnete Miraak und nickte dem Jarl zu, bevor er sich abwandte. Daraufhin folgten Lydia und ich ihm nach draußen.

Auch in den Tagen nach meiner Entlassung wich Miraak mir kaum von der Seite. Selbst wenn ich mal einen Moment scheinbar allein verbrachte, war er immer in der Nähe.
Ich nahm es ihm nicht übel. Während der Schlacht hatte es mich schwer erwischt und ich gebe zu, dass ich dem Tod noch nie so nahe gewesen war. Selbst eine meiner Haarsträhnen hatte sich weiß gefärbt, auch wenn ich der Meinung war, dass das wohl eher mit meiner Vision im Tempel zu tun hatte als mit meiner Nahtod-Erfahrung. Der Kuss von Kyne galt bei vielen als Personifizierung des Winters und genauso hatten sich ihre Lippen auch angefühlt. Ich konnte wohl froh sein, dass eine weiße Haarsträhne alles war, was ihr Kuss bei mir bewirkt hatte. Doch davon hatte ich niemandem erzählt. Weder Miraak noch der Priesterin, die mich geheilt hatte. Meiner Göttin von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden zu haben, war etwas so Persönliches, dass ich es mit niemandem teilen wollte, zumal ich die Begegnung selbst noch nicht ganz verarbeitet hatte. Dennoch zweifelte ich nicht daran, dass sie absolut real gewesen war und nicht etwa nur ein lebhafter Traum. Ich hatte Kyne getroffen. Und mit ihr gesprochen. Und was sie mir alles offenbart hatte, war schwer zu verdauen.
Angefangen davon, dass ich ein einzigartiges Mischwesen war, halb Drachenblut, halb Fryse-Hexe, aber das war immerhin nichts Neues für mich gewesen. Schwerwiegender war, dass ich laut Kyne für Miraak erschaffen worden war – zumindest hatte ich ihre Worte so interpretiert. Und ich wusste noch nicht so recht, wie ich mit dieser Information nun umgehen sollte. Ich glaubte nicht, dass es bedeutete, dass unsere Gefühle füreinander nicht echt waren. Aber die Vorstellung, dass die Götter selbst dabei ihre Hand im Spiel gehabt haben sollten, war mir nicht ganz geheuer.
Und dann schließlich die heftigste Neuigkeit von allen: dass ich Alduin besiegen sollte. Ich. Auf der einen Seite war es niederschmetternd, dass ich meinem Schicksal offenbar nicht entgehen konnte, egal wie sehr ich mich darum bemüht hatte, als ich sogar extra deshalb ein anderes Drachenblut zurückbrachte. Auf der anderen Seite wusste ich noch gar nicht, wie ich das Miraak beibringen sollte, der ja fest entschlossen war, Alduin zu töten, um der neue Thur des Drachenschwarms zu werden. Würde ich nicht seine Pläne durchkreuzen, wenn stattdessen ich diejenige war, die Alduin tötete? Würde das nicht automatisch mich zum neuen Thur machen?
Eigentlich wollte ich das gar nicht. Ich wollte die Drachen nicht anführen. Ich konnte nur hoffen, dass es irgendeine Möglichkeit gab, diese Rolle auf Miraak zu übertragen. Ich wollte nicht, dass es deshalb zum Konflikt zwischen uns kam, zumal ich diese zweifelhafte Ehre ja gar nicht haben wollte. Doch das wollte ich Miraak jetzt noch nicht mitteilen. Zu groß war meine Sorge vor seiner Reaktion. Vielleicht würde er einfach nach Solstheim zurückkehren, wenn ihm klar wurde, dass er seine Ziele sowieso nicht erreichen würde. Oder er würde mir erst gar nicht glauben. Aber dann wollte ich gar nicht darüber nachdenken, welche Motive er mir anschließend unterstellte, warum ich diese Aussagen getroffen hatte. Nein. Es wäre besser, er würde es erst gar nicht erfahren. Wenn ich Alduin am Ende tatsächlich tötete und seine Seele in mir aufnahm, könnte ich es immer noch als Versehen tarnen oder mich mit dem Argument des Zufalls herausreden. Wer konnte schon vollkommen kontrollieren, was in einer Schlacht geschah? Bestimmt würde er mir vergeben, dass ich Alduin selbst getötet hätte, wenn... falls es mir gelang, ihn dennoch zum Thur zu erklären. Falls nicht... Darüber wollte ich gar nicht nachdenken.
Das Ganze setzte natürlich voraus, dass es mir überhaupt gelang, Alduin zu töten. Allein diese Vorstellung löste in mir noch ungläubiges Schaudern aus. Aber wenn ich Kyne glauben durfte, würde ich bis zu unserer finalen Begegnung mit Alduin noch mächtig genug werden, um es mit dem Schwarzen Drachen aufnehmen zu können. Ich konnte nur hoffen, dass ihr Plan aufging. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Und vor allem wollte ich nicht sterben.

„Aurelia“, riss mich eine vertraute Stimme aus meinen Gedanken, als wir gerade die Reparaturarbeiten im Windbezirk begutachteten, um zu sehen, wobei wir womöglich noch helfen konnten.
Ich wandte mich um und sah Danica Reine-Quelle auf mich zukommen.
„Es freut mich zu sehen, dass Ihr Euch so gut erholt habt“, begrüßte sie mich. „Hättet Ihr einen Moment Zeit für mich?“
Ich blickte zu Miraak hinüber, dem unser kurzes Gespräch nicht entgangen war. Er nickte, was mir zeigte, dass er der Priesterin genug vertraute, um mich mit ihr allein zu lassen. Anscheinend hatten ihre Fähigkeiten als Heilerin einigen Eindruck bei ihm hinterlassen. Nicht nur bei ihm, nebenbei bemerkt.
Ich folgte ihr auf die Bauminsel, wo wir uns auf einer der Bänke unter den ausladenden Ästen des toten Baumes niederließen. Strahlender Sonnenschein brach nahezu ungehindert dazwischen hindurch und wärmte uns ein wenig.
„Wisst Ihr etwas über diesen Baum, unter dem wir hier sitzen?“, eröffnete Danica das Gespräch mit einer unerwarteten Frage.
„Er scheint alt zu sein“, antwortete ich. „Und anscheinend schon seit längerem abgestorben.“
„Man nennt ihn den Güldengrünbaum“, klärte sie mich auf. „Und er ist altes Heiligtum der Kynareth, für das diese Stadt berühmt ist. Früher kamen unzählige Pilger hierher, um ihn zu sehen. Aber vor ein paar Jahren wurde er vom Blitz getroffen und seitdem treibt er weder Blüten noch Blätter. Wir dachten, er sei tot, aber niemand brachte es über sich, ihn zu fällen. Es ist ein heiliger Baum“, rechtfertigte sie sich, als sie meinen Blick bemerkte. „Selbst tot wollte niemand an ihn Hand anlegen.“
„Warum erzählt Ihr mir das?“, fragte ich zurück. Es schien mir so, als ob Danica auf irgendetwas hinaus wollte.
„Weil sich das vor ein paar Tagen geändert hat“, offenbarte sie leise. „An einem der toten Äste habe ich gestern das erste Mal neue Knospen entdeckt, und das mitten im Winter. Es erscheint mir wie ein Wunder.“
„Das freut mich für Euch, Danica, aber was hat das mit mir zu tun?“, hakte ich nach. Mir war immer noch nicht klar, warum sie mit mir hatte sprechen wollen.
„Ich habe eine Weile hin und her überlegt, was es verursacht haben könnte“, erwiderte sie. „Natürlich bin ich überaus erfreut, dass der Baum wieder blüht, aber warum jetzt – das habe ich mich gefragt.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und dann habe ich mich wieder an den Tag der Schlacht erinnert. Als ihr verwundet wart, nein, im Sterben lagt“, korrigierte sie sich, „ist Eure Magie aus Euch hervorgebrochen. Wild und ursprünglich, und offenbar ohne Euer Zutun. So etwas habe ich in all meinen Jahren als Heilerin noch nie gesehen und ja, Ihr seid nicht die erste Magierin, die ich behandelt habe. Der Baum wurde dabei mehrfach von Eurer Sturmmagie getroffen. Ich weiß nicht, wie es sein kann, aber die Energie aus Eurer Magie scheint dem Baum neues Leben eingehaucht zu haben. Als hätte Kynareth selbst durch Euch gewirkt“, endete sie leise.
„Ihr glaubt, ich sei dafür verantwortlich?“, fragte ich ungläubig, nachdem ich einen Moment geschwiegen hatte. „Seit wann kann Sturmmagie einen Baum wiederbeleben?“
„Das weiß ich nicht“, wiederholte Danica. „Aber Ihr scheint etwas ganz Besonderes zu sein, Aurelia, und damit meine ich nicht, dass Ihr ein Drachenblut seid.“
Ihre Augen lagen einen Moment auf meiner weißen Haarsträhne.
„Ich glaube, Ihr messt mir zu viel Bedeutung bei“, blockte ich ab. „Aber es freut mich für Euch, dass der Baum ein wenig Leben zurück gewonnen hat. Nur... darf ich Euch einen Rat geben, Danica?“
Die Priesterin blickte mich verwundert an. „Ich bitte darum.“
Ich erhob mich und drehte mich zum Güldengrünbaum um. „Habt Ihr Euch den Baum mal angesehen? Er ist nur noch ein riesiges Stück totes Holz und das direkt vor Eurem Tempel. Dem Tempel einer Göttin, die eigentlich für Leben und Erneuerung steht“, erinnerte ich sie. Ich brauchte ihr wohl nicht zu sagen, was das für einen Eindruck machte. „Anscheinend wird einer seiner Äste nun bald wieder blühen“, fuhr ich fort. „Dann nutzt diesmal die Gelegenheit und zieht aus den Samen eine neue Pflanze nach. Und danach hört auf, Euch an etwas zu klammern, das schon lange tot ist und Ihr längst hättet gehen lassen müssen.“
Danica starrte mich aus schockiert geweiteten Augen an und ich hatte das Gefühl, dass ich mit meinen harschen Worten vielleicht zu weit gegangen sein könnte.
„Verzeiht mir, ich hatte kein Recht-“, begann ich, doch die Priesterin unterbrach mich.
„Entschuldigt Euch nicht, Thane. Ihr habt vollkommen recht“, überraschte sie mich und erhob sich ebenfalls. „Aber da jeder wusste, wie sehr ich diesen Baum geliebt habe, hat es niemand über sich gebracht, es mir zu sagen. Dank Eurer Magie habe ich eine zweite Chance bekommen – nicht, um den Baum zu retten, sondern um aus seinen Samen einen neuen Setzling zu ziehen. Das hätte ich schon vor langer Zeit tun müssen.“
Sie trat auf mich zu. „Ich weiß nicht, ob oder wie Eure Magie diesen Ast zum Blühen bringen konnte, aber es ist eindeutig ein Zeichen meiner Göttin. Und ich glaube, dass sie wollte, dass ich genau diese Worte höre, die Ihr mir eben gesagt habt. Dafür danke ich Euch.“
„Nichts zu danken, Danica“, erwiderte ich verlegen. „Aber ich hätte eine Bitte an Euch: Bitte erzählt niemandem von Euren Vermutungen, dass meine Magie etwas mit dem Erblühen des Baumes zu tun hat. Ich will nicht, dass die Leute plötzlich glauben, ich könnte Tote wiedererwecken oder was auch immer. Ich bekomme so schon mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist.“
„Ich werde es für mich behalten, wenn das Euer Wunsch ist“, versprach Danica zu meiner Erleichterung.
„Ich danke Euch“, erwiderte ich nur und kehrte dann zu Miraak zurück, der bereits auf mich wartete.
Die Priesterin sah mir nur stumm hinterher. Ich glaubte nicht, dass sie etwas darüber wusste, dass ich eine Fryse-Hexe war oder was im Tempel wirklich geschehen war, während ich geschlafen hatte. Vermutlich hielt sie meine Anwesenheit einfach nur für ein göttliches Zeichen, ein Wunder Kynareths. Auf jeden Fall wollte ich nicht, dass die Leute mir plötzlich besondere Kräfte zuschrieben. Und vielleicht war es ja wirklich Kyne selbst gewesen, die den Baum wiedererweckt hatte und ich nur ein Medium für ihre Kräfte. Wobei ich mich mit diesem Gedanken ehrlich gesagt noch unwohler fühlte als wenn ich ganz allein dafür verantwortlich wäre.

„Was wollte die Priesterin von dir?“, fragte Miraak, als ich wieder an seiner Seite war.
„Ach, dieser tote Baum blüht anscheinend wieder und sie glaubt, dass ich dafür verantwortlich sein könnte“, antwortete ich ihm. „Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht“, gab ich zu. „Aber ich habe sie gebeten, ihre Theorien für sich zu behalten.“
Miraak nickte. „Gut. Wir sollten nicht mehr Aufmerksamkeit als unbedingt nötig auf die ganze Sache lenken.“
Ich wusste, warum er das sagte. Je weniger Leute wussten, dass ich eine Fryse-Hexe und damit auf ganz besondere Weise mit Kyne verbunden war, desto eher konnten wir verhindern, dass ein gewisser daedrischer Prinz davon erfuhr. Bisher war nur bekannt, dass ich aufgrund meiner Verletzung kurzzeitig die Kontrolle über meine Magie verloren hatte, aber die überwiegend nicht-magische Bevölkerung von Weißlauf dachte sich nichts groß dabei. Vermutlich hielten sie es für nichts Ungewöhnliches. Und Farengar war zu sehr mit seiner Drachenforschung beschäftigt, um den Geschichten Aufmerksamkeit zu schenken. Auf jeden Fall hatte der Rest von Weißlauf zu wenige Informationen über mich, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und so sollte es auch bleiben.

***

Am fünften Tag nach der Schlacht packten wir schließlich unsere Sachen. Wir waren inzwischen seit einer Woche in Weißlauf und ich wurde langsam unruhig. Das Problem mit Alduin löste sich nicht von alleine und je länger wir es aufschoben, desto mehr Zeit hatte der Weltenfresser, seine alten Gefolgsleute wiederzuerwecken und um sich zu scharen. Es wurde Zeit, dass wir endlich mit den Graubärten redeten, herausfanden, was sie wussten, und dann unsere Strategie gegen ihn planten. Bisher sah diese nur vor, dass wir zu zweit gegen ihn antraten, aber ich war mir nicht sicher, ob wir so das schaffen konnten, woran die Zungen damals zu dritt gescheitert waren. Aktuell blieb mir nichts anderes übrig, als auf Kynes Worte zu vertrauen, dass ich bereit sein würde, wenn wir Alduin am Ende gegenüber traten.
Bei unserem letzten Gespräch mit dem Jarl hatte dieser offenbart, dass er selbst schon einmal das Kloster Hoch-Hrothgar besucht hatte und uns gebeten, den Graubärten Grüße von ihm auszurichten. Mein Huscarl Lydia hätte uns auch gerne begleitet, aber das hatte ich abgelehnt mit der Begründung, dass Miraak und ich zu zweit schneller voran kommen würden und auch unauffälliger waren. Am Ende hatte sie nachgegeben. Stattdessen versprach sie, sich gemeinsam mit Avenicci um die Einrichtung unseres neuen Hauses zu kümmern, so dass wir bei unserer Rückkehr nicht auf ein Zimmer in der Beflaggten Mähre hoffen mussten.
Ganz ehrlich, ich wusste nicht, warum Lydia überhaupt so scharf darauf war, uns zu begleiten. Ich konnte mir so ungefähr hundert schönere Dinge vorstellen, als im tiefsten Winter durch Himmelsrand zu reiten und am Ende auch noch den höchsten Berg Tamriels zu besteigen. Wenn es nach mir ginge, hätte ich die ganze Unternehmung auf den Frühling verschoben. Aber keiner von uns traute sich, die Angelegenheit mit Alduin um weitere Monate zu verzögern. Es war bereits jetzt fast vier Monate her seit Alduins Erscheinen in Helgen und niemand wusste, wie lange er womöglich davor schon zurück gewesen war. Es gab immer noch viele Drachenangriffe dort draußen und mit jedem Tag, der verstrich, fielen mehr Leute den Drachen zum Opfer. Wobei ich mich fragte, ob nicht mehr Menschen in den Gefechten zwischen Sturmmänteln und Legion fielen. Aber darüber führte niemand eine Statistik.

Am Morgen des 15. Abendstern verließen wir die Stadt auf unseren beiden Pferden mit dem ersten Tageslicht. Ich drehte mich auf meiner Stute um und winkte den Wachen auf den Mauern, die uns nachblickten. Weißlauf rechnete bis zum 21. Abendstern mit dem Eintreffen der Legion, welche die Stadt dann vor weiteren Angriffen der Sturmmäntel schützen würde. Ich glaubte jedoch nicht daran, dass Ulfric es allzu bald noch einmal versuchen würde. Er hatte bei der Schlacht viele Leute verloren und die musste er erst einmal wieder auftreiben. Nicht leicht, wenn man gerade erst eine vernichtende Niederlage hatte einstecken müssen. Und dass das Drachenblut, oder vielmehr beide, denn ich ging davon aus, dass sich diese Neuigkeit nun rasch verbreiten würde, nicht für seine Sache eintrat, würde ihm nur noch mehr Steine in den Weg legen.
Ich warf Miraak einen Seitenblick zu. Wenn er Großkönig werden wollte, waren Ulfric und Elisif seine ärgsten Rivalen um das Amt. Und einen der beiden hatte er mit der Schlacht um Weißlauf schon beinahe aus dem Spiel genommen. Natürlich würden sich die Jarltümer auf Ulfrics Seite auch nach dieser Niederlage nicht plötzlich dem Kaiserreich anschließen. Aber in dem Moment, wo ein erfolgversprechenderer Kandidat aufs Spielfeld trat, der Ulfrics wichtigste Ziele sogar teilte, würden sie ihre Loyalität gegenüber den Rebellen wohl ganz schnell überdenken. Von daher war es sehr clever von uns, Weißlauf vor dem Eintreffen der Legion zu verlassen, da uns so niemand vorwerfen konnte, für das Kaiserreich zu arbeiten. Miraak und ich hatten als Thane von Weißlauf nur unsere Pflicht erfüllt, als wir die Stadt gegen die Angreifer verteidigt hatten. Das hatte nichts mit dem Kaiserreich zu tun. Das würde man in Rifton, Winterfeste und Dämmerstern ganz genauso sehen. Ulfric hatte sich wirklich den denkbar schlechtesten Zeitpunkt ausgesucht, um Weißlauf anzugreifen.
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