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[25 Jahre HP – noch 34 Tage] Der Anfang

von Coronet
Kurzbeschreibung
OneshotDrama / P12 / Gen
Alastor "Mad Eye" Moody Augustus Rookwood James "Krone" Potter Pomona Sprout Rodolphus Lestrange
23.05.2022
23.05.2022
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Der Anfang

Beitrag für Caralias Projekt „Countdown: 25 Jahre Harry Potter

Noch 34 Tage bis zum Jubiläum!


☽•••☾

28. September 1970.
Der Montag, an dem die Welt zwar nicht stehen blieb und dennoch alles anders war.
Der Tag, an dem der erste britische Zaubererkrieg offiziell seinen Anfang nahm.
Verschiedene Schlagzeilen, verschiedene Perspektiven – ein Krieg.


•••


Anschlag in London – Ministerium ruft Kriegsrecht aus!


Sieben Worte, schwarz auf weiß. Darunter die Fotografie eines nebeligen Schattens am Himmel, hoch über Flammen und schwelenden Häuserruinen. Ein Totenkopf, aus dessen Mundhöhle sich eine Schlange windet.
Der Montag im September, an dem der Tagesprophet diese Titelseite druckt, ist ein grauer Tag. Wie die ganze Woche zuvor. Regen, Themsenebel und Wind beherrschen London. Alles ist wie immer, wie es sein sollte.
Und doch nicht. Der 28. September ist der Tag, der in ferner Zukunft in Schulbüchern stehen wird. Der Tag, an dem der Krieg begann. Der Tag, an dem das magische Großbritannien endgültig gespalten wurde. Vielleicht werden sie ihn eines Tages feiern, den Anfang einer neuen Zeitrechnung.
Doch bevor es so weit ist, wartet ein regulärer Arbeitstag. Ein Montag wie so viele zuvor. Warum sollte es anders sein? Die Welt ist nicht stehen geblieben, als das Ministerium Lord Voldemort und seinen Anhängern den Krieg erklärt hat. Nichts ist stehen geblieben, abgesehen von den Herzen seiner Opfer. Deren Namen hat die findige Journalistin zu Beginn ihres Artikels aufgelistet, ein flüchtiges Mahnmal für den Tod von 23 Menschen, darunter überwiegend Muggel. Schon morgen wird sich niemand mehr erinnern, doch heute beherrschen sie das Tagesgespräch.
Angefangen im Atrium des Ministeriums, vom Keller bis in die oberste Etage, von den Fluren in die hinterletzte Besenkammer – überall spricht man über den Anschlag der Todesser. Den Anfang vom Ende, heißt es da wehklagend. Krieg und das wo man so stolz war, kein Ziel von Grindelwalds Gräueltaten gewesen zu sein!
Heuchler, allesamt, denk Augustus insgeheim. Wie viele seiner Kollegen haben einst geklatscht, als die ersten Reinblutprotestmärsche durch die Winkelgasse zogen? Wie viele haben beipflichtend genickt, wenn die Forderung laut wurde, dass Zauberer und Muggel nicht gleich zu behandeln sind? Wie viele haben gegen den Gesetzesentwurf zur allgemeinen Gleichstellung magisch Begabter jeglicher Abstammungen gestimmt?
Nur an diesem Montag waschen alle die Hände in Unschuld. Das habe man nie gewollt, wie barbarisch doch diese Morde seien – der Krieg sei alleine die Schuld von diesen ‚Verrückten‘. Wegsperren solle man sie. Askaban, lebenslang.
Augustus nickt die Worte müde ab, gibt zustimmendes Brummen von sich, wann es sich gehört, und trägt eine Trauermiene zur Schau, die es mit dem regennassen Stadthimmel aufnehmen kann, der heute von ausnahmslos jedem verzauberten Fenster im Ministerium gespielt wird. Er liest die Titelseite des Tagespropheten, schüttelt den Kopf und äußert sein Bedauern. Sein linker Unterarm juckt wie in Flohpulver getaucht, dabei hat er den Kamin längst hinter sich gelassen.
Es verlangt Augustus sämtliche Selbstbeherrschung ab, die Hand seiner Kollegin Clementia nicht wegzuschlagen, als diese ihn besorgt ansieht, die Finger genau dort auf seinen Ärmel gelegt, wo sich zwei Lagen tiefer das Mal von Totenschädel und Schlange verbirgt. In Zeitungstinte ein ferner Schrecken, unter seiner Haut ein tödliches Geheimnis.
Clementia weiß es nicht, sondern lächelt und fragt ihn, ob er sich auch so schrecklich fühlt. Ob er womöglich eines der Opfer kannte. Immerhin begreift sie selber umgehend die Indiskretion ihrer Worte und beißt sich auf die Unterlippe.
Eigentlich mag Augustus sie. Eine fähige Hexe. Mit ihr kann man lachen. Sie bringt gerne eine Tüte Pfefferminzkröten aus der Winkelgasse mit, die sie in den Arbeitspausen teilen; zwischen den staubigen Glaskugeln hunderter Prophezeiungen lässt es sich mit zartschmelzender Minze gut vergessen, wenn eines der Experimente schiefgeht. Die Tätigkeit als Unsägliche verbindet sie – aber heute, an diesem Montag, den sie wie immer mit dem lästigen Schreibkram in ihrer geteilten Schuhschachtel namens Büro verbringen, ja heute, da ist eine Mauer zwischen ihnen. Unsichtbar, undurchdringlich.
Augustus lächelt irgendwie; gerade so; reichlich bemüht. Er schüttelt beschwichtigend den Kopf. Nein, natürlich kannte er keines der Opfer. Den Zauberer aus der magischen Polizeibrigade hat er vielleicht mal gesehen, er ist sich nicht mehr sicher. Aber ein bedauerlicher Kollateralschaden. So steht es in der Zeitung.
Das Nicken von Clementia, ihre tätschelnde Hand auf seinem linken Unterarm – der inzwischen in Flammen zu stehen scheint –, ihr Seufzen und das Rascheln der Tüte Pfefferminzkröten – all das lässt die Mauer nur wachsen.
Wie viel einfacher das Leben doch wäre, wenn er ehrlich mit ihr sein könnte. Wenn er ihr seine Sicht der Dinge erzählen könnte. Nicht die Lügen, die das Ministerium oder der Tagesprophet schrieben. Wenn er keine gute Miene zum bösen Spiel machen müsste, weil das nun einmal seine Aufgabe ist. Der Spion.
Der Verräter, der lächelt, denn seine und Clementias Hände berühren sich, als sie gleichzeitig nach derselben Pfefferminzkröte angeln. Der Glückliche, dessen Welt nicht stehen geblieben ist, weil niemand weiß, wer er wirklich ist.
Augustus verschweigt selbstredend, dass er Adam Selwyn gekannt hat. Wobei das noch eine Untertreibung ist. Er war sein Freund. Sie haben alles miteinander geteilt, wussten alles voneinander. In der Vergangenheitsform von ihm zu denken ist falsch; nichts als falsch. Es wäre so einfach, diesen Gefühlen – der Wut; der Trauer – Luft zu machen, und trotzdem schluckt Augustus sie mit Pfefferminze runter. Bis es nicht mehr so bitter schmeckt.
In den Augen der Meisten ist Adam kein Opfer. Höchstens das seiner eigenen Umstände. Nicht einmal der dunkle Lord hat den Verlust seines treuen Todessers bedauert. Adam ist tot und Augustus lächelt, obwohl es Montag ist und der Krieg gerade erst begonnen hat. Und er wird nicht morgen wieder vorbei sein. Nicht nächste Woche, nicht einmal nächsten Monat, vermutlich nicht mal in diesem Jahr.
Augustus fürchtet sich. Wie viele müssen noch sterben, bis die Menschen einsehen, dass Muggel und Magie nicht friedlich koexistieren können? Wie viele seiner Freunde werden ohne richtiges Begräbnis verschwinden, weil sie es wagen, die Welt verändern zu wollen? Wie viele Male wird Clementia ihm Fragen stellen und er lächelnd den Kopf schütteln?
Adam Selwyn ist Nummer 24, der dessen Name nicht in der Einleitung des Artikels steht. Täter, nicht Opfer, und niemand außer Augustus Rookwood trauert. Und nicht einmal der weint. Er kann die Sache nicht verraten.


Tod und Terror – die Tragödie Selwyn hautnah!


Sieben Worte, rot glitzernder Irrsinn auf zartrosa Pergament. Die Schnörkel am Seitenrand verhöhnen den Ernst der Realität. Umfasst vom Text das Porträt eines jungen Zauberers, der breit lächelt, als wolle er am Wettbewerb für das charmanteste Lächeln teilnehmen. Die Hexenwoche ist beängstigend schnell mit der geschmacklosen Ausschlachtung eines Anschlages, der einst ein Mahnmal für den Kriegsbeginn sein wird. Mit Wonne seziert der Artikel das Leben von Adam Selwyn, obwohl dessen Leichnam noch in der Rechtsmedizin des St. Mungo liegt.
Alastor weiß nicht, wer dieses Machwerk in die Aurorenzentrale geschleppt hat – aber wenn er es wüsste, würde die betreffende Person den Rest ihres Lebens mit einer zuckenden Pobacke verbringen. Dabei ist es geradezu ein Kunstwerk, wie der Artikel um das Wort ‚Krieg‘ herumtänzelt. Da wird detailliert aus Briefen zitiert, die der Junge vor seinem Tod schrieb, ohne einmal zu erwähnen, dass er half, 23 Unschuldige zu ermorden, weil das Ministerium seinen ach so hochgeschätzten Lord nicht mit offenen Armen empfing. Da wird der reale Krieg zu einer verklärten, persönlichen Tragödie, die besser zwischen den Buchdeckeln eines Schundromans gelandet wäre als in der auflagenstärksten Wochenzeitschrift Großbritanniens.
Am liebsten würde Alastor das Drecksblatt entsorgen. Es ist Montag, es herrscht Krieg. Es braucht kein parfümiertes Klatschmagazin, das ihn an den ersten Zauberer erinnert, den er in seinen unzähligen Berufsjahren getötet hat. Der von einem Fluch aus seinem Zauberstab getroffen wurde und starb.
Es war kein Todesfluch und Alastor ist nicht sicher, ob das nicht besser gewesen wäre. Der Brandfluch, der eigentlich nur Selwyns Fluchtweg abschneiden sollte, stellte fraglos das grausamere Ende dar. In diesem Kampf auf Leben und Tod wäre es gnädiger gewesen, den Avada Kedavra zu wählen. Schneller, effektiver. Dann hätte er jetzt nicht die breite Narbe am Kinn, die trotz Murtlapessenz kaum heilen mag. Und vielleicht wäre der arme Kerl aus der magischen Polizeibrigade noch am Leben.
Macht ihn das zu einem schlechteren Menschen? Sollte nicht er als Auror darauf bestehen, dass sie, die Speerspitze der Gesetzeshüter, keine schwarze Magie anrühren? Doch was ist schon schwarze Magie! Auch ein Gegenfluch ist immer noch das – ein Fluch. Alles andere sind menschengemachte Grenzen, die das eine für gut und recht, das andere für schlecht und gefährlich erklären. Dabei bemisst sich die Moral eines Zaubers allein an der Intention desjenigen, der ihn ausführt.
Selwyn hat ihm mit einem Schwebezauber Glassplitter entgegengejagt, ganz legal, vollkommen ‚weiße‘ Magie. Ihn hätte es beinahe das Augenlicht gekostet, seinen Kollegen das Leben. Nicht zum ersten Mal starrt Alastor das Bild in der Hexenwoche an und wünscht sich, den Todesfluch ausgesprochen zu haben. Dann gäbe es jetzt keinen minutenlangen Kampf, der bei dem Anblick des Toten immer wieder vor seinem geistigen Auge abläuft. Kein unruhiges Zucken seiner Zauberstabhand und schon gar nicht diesen Drang, sich die Kehle mit dem schärfsten Alkohol des Tropfenden Kessels zu verätzen.
Die Hexenwoche verbrennt in demselben Fluch, der Alastors Moral und Anstand auf dem Gewissen hat. Mit dem man auch ein Kaminfeuer entzünden könnte. Alastor starrt auf die Asche und seine Glieder kribbeln wie unter der Nachwirkung eines Schockzaubers. Es ist unerträglich laut in der Aurorenzentrale. Das wirre Geschwätz seiner Kollegen hat ihn schon immer genervt, doch in diesem Augenblick scheint jemand den Pegel hochgedreht zu haben. Dabei sollten sie fort sein, draußen, auf der Jagd nach weiteren Todessern!
Der Krieg wird nicht enden, bevor sie nicht alle dieser widerwärtigen Gestalten aus ihren Löchern gescheucht haben, nicht allen verräterischen Ratten in ihrer Mitte den Prozess – ohne Zutun des Gamots – gemacht haben. Er sollte einen Antrag an die Ministerin schreiben, gleich jetzt. Sie muss dieses alberne Verbot gewisser Zaubersprüche einfach aufheben. Der Krieg kennt keine Regeln, das hat der dämliche Selwyn bewiesen!
Missmutig gleitet Alastors Blick über seine nutzlosen Kollegen, die sich teils noch mit alten Akten herumschlagen. Als hätten sie verpasst, dass ein Krieg ausgebrochen ist. Als wäre der flüchtige Kerl, der in verschiedenen Pubs Getränke vergiftet hat, annähernd so wichtig wie die Bedrohung durch die Todesser. Nein, hier muss sich etwas ändern. Dringend. Er wird das in die Hand nehmen.
Am liebsten würde Alastor die übrigen Auroren mit dem Silencio belegen, nur um ihre erregten Diskussionen über Einsatzplanung und aktuelle Gamotsverhandlungen nicht mehr zu hören. Die lenken ihn nur vom Gebrauch der flotten Schreibefeder ab, die er schon seit Jahren nicht so gewissenhaft benutzt hat wie heute. Und dann erst diese Fragen, die ihm Vorbeilaufende stellen – oder hinter seinem Rücken murmeln, nachdem er dem Letzten von ihnen einen Zungenverknotungsfluch androht. Weder die mitleidigen Blicke der Älteren, noch die Sorglosigkeit der Jüngeren erträgt Alastor heute.
Selwyn hat es verdient. Wer Wind sät, wird Sturm ernten – und der Tote wollte nicht weniger, als die Welt brennen sehen. Nein, Alastor bereut nicht, den Todesser getötet zu haben. Aber der Junge, gerade einmal 22, der nur Wochen zuvor sein Zauberkunststudium beendet hat und dessen Traumreiseziel Argentinien war – wenn man der Hexenwoche Glauben schenken darf –, der geht ihm nicht aus dem Kopf. Er ist noch nicht alt genug, um sentimental zu werden, verflucht!
Wie viele Hexen und Zauberer werden durch seinen Zauberstab sterben müssen, bis der Krieg ein Ende findet? Wie oft wird es sich so anfühlen, dass an einem Montag im September die Welt stehen geblieben ist? Wie viele Duelle und Flüche wird es brauchen, bis Alastor Moody Moral endgültig aufgibt?
Der Krieg muss enden, bald. Er wird ihn nicht mit Feder und Tinte gewinnen, also braucht es Flüche – verbotene Flüche. Alastor weiß, was zu tun ist. Er hat eine Mission.


Ablehnungsbeschluss der Internationalen Zaubererversammlung bzgl. angefragter Krisenhilfe


Sieben Worte, mitternachtsblau auf hochoffiziellem violetten Memopapier. Gefolgt von eng gedrängtem Text, der in vielen verschlungenen Formulierungen genau eines zusammenfasst: Ihr seid auf euch gestellt. Die Mitteilung aus den Vereinigten Staaten hätte den Lauf der Geschichte verändern können – wenn ihre Botschaft eine andere wäre.
So jedoch wird sie in Eugenias Faust zerknüllt und wütend an die holzvertäfelte Wand ihres Büros geschleudert. Mit einem dumpfen ‚Plop‘ fällt die Pergamentkugel zu Boden. Stille senkt sich über den Raum wie ein Leichentuch.
Eugenia würde gerne schreien. Oder weinen. Oder beides. Aber sobald sie einmal anfängt, wird sie nicht wieder aufhören. Sie ist die Zaubereiministerin. Wenn eine den Kopf oben behalten muss, dann sie. Schlimm genug, dass sie, stellvertretend für die magische Bevölkerung, den Krieg von diesem größenwahnsinnigen Lord Voldemort erklärt bekommen hat und Feuer mit Feuer beantwortet.
Hätte sie nur eher gehandelt. Wenn die Reinblüter nie marschiert wären, nicht ihre Forderungen skandiert hätten ... Die Vorstellung kann sie nicht trösten. Eugenia weiß, dass es nichts als Wunschträume sind. Sie hätte eingreifen müssen, bevor die aufgebrachten Hexen und Zauberer sich dem anschlossen, der ihnen ein neues Reich versprach, in dem Magie über alle anderen regierte. Stattdessen hat sie es geschafft, die Reinblüter gegen sich aufzubringen, ohne zu sehen, welche Blüten die einst so harmlose Bewegung trieb. Die jüngste Rechnung für ihr Versagen sind 23 – nein, 24 – Menschenleben.
Nun sitzt sie hier, an dem schlimmsten Montag ihrer Karriere. Dem schlimmsten Tag ihres Lebens, wenn sie ehrlich ist. Sie ist Tage gewohnt, an denen im Minutentakt neue Memos für sie ankommen. Auch mit schlechten Nachrichten. Es ist nicht einmal die erste Gelegenheit in ihrer Amtszeit, bei der es Tote zu bedauern gibt. Früher oder später ereilt jeden in diesem Amt eine Katastrophe sondergleichen. Aber zu wissen, dass es bloß der Anfang ist, das lastet auf ihren Schultern wie ein Bleiumhang.
Wie oft werden sie noch tiefviolette Schreiben erreichen, die sie von einer nationalen Tragödie in Kenntnis setzen? Wie oft wird sie zu ihrem Umhang greifen, in den Kamin steigen und dem Premierminister der Muggel gegenübertreten, um ihn zu informieren, dass ihre Leute die seinen umgebracht haben? Wie viel Zeit bleibt ihr, bis es sie womöglich ihr eigenes Leben kostet, sich nicht zu beugen?
Sie steht auf und verschwindet im Kamin ihres Büros, ohne ihrem Sekretär Bescheid zu geben. Es verschlägt sie an die Themse, wo sie zwischen schwatzenden Touristen, Fish’n’Chips-Buden und hungrigen Möwen auf einer Bank sitzt und die Regentropfen anstatt der Tränen über ihre Wangen laufen lässt.
Die Schuld verfolgt Eugenia Jenkins, wo immer sie hingeht, doch weiter als bis zur Themse wird sie nie fliehen. Es ist ihr Land – ihr Krieg. Und sie will verflucht sein, wenn sie Lord Voldemort auch nur einen Fußbreit Raum lässt.


Schulweite Bekanntmachung: Hogsmeade-Wochenenden bis auf Weiteres ausgesetzt!


Sieben Worte, schwarz und gelb. Sie stechen aus dem fröhlichen Sammelsurium an Notizen auf dem Anschlagbrett heraus. Zwischen Tauschangeboten für Schokofroschkarten, Quidditch-Terminen und Aufrufen für Schulclubs hat sich der Ernst des Lebens eingeschlichen.
Pomona seufzt und fixiert den Aushang mit einem Schwung des Zauberstabs. Ihre kleinen Dachse werden sicher Verständnis haben. Es wird hoffentlich nicht für lange sein, schon gar nicht für immer. Vielleicht scheint bald wieder die Sonne und der Krieg gehört der Vergangenheit an. Sie kann es sich einfach nicht erlauben, anders zu denken. Der Kinder wegen.
An Pomona ist keine Kriegerin verloren gegangen. Sie zaubert ganz passabel, doch viel besser kennt sie sich mit ihren Kräutern und Pflanzen aus. Gegen die Todesser zu kämpfen, kann sie sich nicht einmal vorstellen – und sie will es auch nicht. Zumindest nicht mit Zauberstab oder Flüchen. Dennoch überlegt sie, während sie den Gemeinschaftsraum der Hufflepuffs verlässt, wie sie nicht nur ihren Schützlingen beibringen kann, dass alle Formen der Existenz ihre Daseinsberechtigung haben. Muggel wie Magier, egal aus welchem Elternhaus.
Sie ist sich schmerzlich bewusst, dass es nicht lange her ist, dass einige der Hexen und Zauberer, die nun in den Reihen von Lord Voldemorts Todessern durch das Land ziehen und morden, in Hogwarts zur Schule gingen. Sie kennt sie, hat sie unterrichtet und vielleicht einst für eine besonders clevere Frage gelobt. Hat sie beim Aufwachsen begleitet. Keines dieser Kinder – denn in ihren Augen sind sie lange nicht erwachsen, egal was ihr Alter behauptet – wird an einem regnerischen Tag wie diesem aufgestanden sein und unvermittelt die Idee gehabt haben, zur schrecklichsten Version seines Selbst zu werden. Ohne Anlass. Das entscheidet man ja nicht einfach so, egal, in welchem Haus man ist.
Wehret den Anfängen, denkt Pomona sich. Wer weiß, wie viele der Kinder daheim Eltern haben, die diese Radikalisierung vorleben? Auch unter den Hufflepuffs gibt es jene, die sich als etwas Besseres gegenüber den Muggeln glauben. Weil sie Dinge schweben lassen können und gebrochene Knochen mit einem Zauberstabschlenker heilen können. Harmlose kleine Tatsachen, in Witzen oder Sprichwörtern verpackt. Nur ein paar unschuldige Worte – vermeintlich.
Je tiefer dieser Glaube sich festigt, desto größer die Verlockung, sich über die anderen – angeblich Schwächeren – zu erheben. Wie viele Kinder werden noch den falschen Versuchungen erliegen? Wie viele ihrer Schüler wird sie betrauern – auf beiden Seiten? Wie viele Hogsmeade-Wochenenden werden vergehen, bevor es wieder sicher ist?
Nein, das wird Pomona Sprout nicht unterstützen. Sie ist keine Kriegerin an vorderster Front, aber ihre Rolle ist beinahe noch kriegsentscheidender. Wenn sie es richtig anstellt, werden ihre künftigen Schützlinge keinen Krieg in den Köpfen tragen, sobald sie Hogwarts verlassen.


Bombenexplosion in London – Verdächtiger seinen Verletzungen erlegen


Sieben Worte, dutzendfach auf graues Papier gedruckt. Verteilt an den Eingängen der Bahnstationen, kostenlos. Eine Lüge für die Allgemeinheit. Vermeintliche Sicherheit für die Muggel, die nicht ahnen, dass sie in einem Krieg leben. Es ist besser so für sie, sonst würden all die feinen Aktentaschenträger und schwätzenden Teenager, die Touristen und Senioren und alle, die sich ebenfalls durch den Feierabendverkehr quälen, nur den Kopf verlieren.
Ihrem Schicksal können sie nicht entrinnen, weder allgemein noch jetzt im Speziellen. Wem würde es schon helfen, zu wissen, dass der letzte Tag auf Erden für einen ein grauer Montag sein würde? Nein, die ahnungslosen Muggelschäfchen haben es sogar richtig gut. Sie ahnen nicht, wen sie da auf ihrem Weg zum Bahnsteig anrempeln. Denn wenn sie es wüssten, dann würden sie einen großen Bogen um ihn machen, dessen ist er sicher.
Rodolphus streicht über den Zauberstab in seiner Manteltasche und er fühlt sich stark. Im Krieg gelten keine Regeln, das betonen die Todesser immer wieder. Sie wollen die Welt verändern und das wird nicht mit Protestmärschen oder endlosen Debatten über Gesetzesentwürfe geschehen. Er kann es nicht erwarten, die Phiolen mit Dämonsfeuer zu zünden. Im Gegensatz zu Selwyn – dem Idioten – wird er es nicht verreißen. Sein Vorhaben ist feinsäuberlich durchgeplant, der Rückweg kalkuliert. Bevor auch nur ein Auror auftaucht, wird er verschwunden sein. Und wenn nicht – dann werden sie es bereuen, an diesem denkwürdigen Tag zur Arbeit gegangen zu sein.
Wie viele Muggel kann er heute wohl aus dem Leben reißen? Wie viele Ministeriumsangestellte wird es brauchen, um das Chaos wieder unter Kontrolle zu bekommen? Wie wird der Dunkle Lord es ihm danken, dass er diesen Plan ganz alleine ersonnen hat? Wird er ihm endlich das Dunkle Mal anbieten?
Die Aufregung kriecht wie selbstgebrannter Feuerwhiskey durch seine Eingeweide. Das könnte es sein, der endgültige Beweis seiner Treue! Sein Durchbruch, der Anfang seines Aufstiegs in den innersten Kreis!
Er will nicht einen Schritt hinter Bellatrix zurückstehen. Was sie kann, kann er schon lange. Er muss dem Dunklen Lord nur zeigen, dass er auch alleine genauso fähig ist. Dass er nicht auf seine Ehefrau – wie er das Wort hasst! – angewiesen ist. Ein Exempel an den Muggeln statuieren, das ist kein Problem für ihn.
Die Türen der U-Bahn schlagen hinter ihm zu und Rodolphus Lestrange lächelt. Auf diesen Moment hat er so lange gewartet!


Trauer bei Tornados: Sucher Connelly unter Anschlagsopfern!


Sieben Worte, direkt neben einer Anzeige für den neusten Rennbesen aus dem Hause Sauberwisch. Ein kurzer Nachruf und der Beweis, dass Quidditch keine heile Welt mehr ist.
James blättert schnell weiter durch das Quaffel und Quatsch-Magazin. Die Tutshill Tornados gehören nicht zu seinen liebsten Quidditch-Mannschaften. Eigentlich sind sie ihm sogar recht egal. Er war einmal mit seinem Vater bei einem Ligaspiel der Falmouth Falcons, so vor zwei Jahren, bei dem die Tornados die Gegenspieler waren. Seine Lieblingsmannschaft ist mit Fliegen und Fahnen untergegangen und James hat das erste – und letzte! – Mal in einem Stadion geweint. Vor Wut.
Trotzdem schlingert sein Magen bei dem Anblick des Nachrufs wie beim Sturzflug auf dem Besen. Ein Gefühl, das James sonst liebt. Doch seit die Zeitungen voll von düsteren Bildern sind und seine Eltern ständig in gedämpfter Stimme diese ernsten Gespräche führen, kommt das Gefühl immer öfter auf, wenn er nicht auf dem Besen fliegt. Als würde der Grund unter seinen Füßen nachgeben.
Auch heute reden seine Eltern sehr viel, in dieser leisen Stimme, die sie schon beim Tod seines Großvaters aufgesetzt hatten. Da haben sie ganz häufig gesprochen, nur nicht mit ihm, sondern immer dann, wenn sie glaubten, er sei draußen und würde dem Schnatz hinterherjagen. Er kennt diese Art. So fängt es an, mit den Geheimnissen seiner Eltern, die eigentlich keine sind. Er sieht, wie seine Mutter sich die Augen am Zipfel eines Geschirrtuchs abtrocknet, sobald er in die Küche kommt. Oder hört, dass seinem Vater eine Kröte im Hals zu stecken scheint, obwohl er sonst gerne Scherze bei Tisch reißt. Nichts ist in Ordnung, nicht in diesem Haus und nicht beim Quidditch.
James fragt, ob er bald einen neuen Besen bekommt. Am liebsten den aus der Anzeige. Sein alter hat so einen komischen Linksdrall entwickelt, seit er sich damit – erfolglos – am Wronski-Bluff versucht hat. Vielleicht war der Aufprall am Boden doch etwas zu viel für die feinsäuberlich gestutzten Reisigzweige. Dass seine Eltern keine Widerworte geben, sondern nicken, macht ihn stutzig. Für gewöhnlich muss er kämpfen, sich einen geschickten Plan zurechtlegen, wie er sie am besten weichklopfen kann. Er hat sich schon darauf eingestellt, sie mit dem Versprechen, bei der Hausarbeit zu helfen, zu bestechen.
Stattdessen erhält James ein Lächeln seiner Mutter und sie fragt, ob sie am Samstag zu Qualität für Quidditch gehen wollen. Ihre Augen glänzen bei den Worten – und das nicht, weil sie die Aussicht auf den neusten Sauberwisch so sehr freut. Ihr Blick fällt immer wieder auf den Artikel neben der Anzeige. Zum ersten Mal in seinem Leben kann sich James nicht so wirklich über einen Shoppingbummel in der Winkelgasse freuen.
Wird das jetzt immer so sein? Werden seine Eltern ihm alle Wünsche erfüllen, nur damit er nicht daran denken muss? Werden sie ihm überhaupt noch genug Zeit miteinander haben? Vielleicht sollte er sich lieber wünschen, dass sie etwas mit ihm spielen, ein ganz harmloses Kartenspiel.
James Potter ist schließlich nicht blöd, er ist schon zehn. Er weiß, was da draußen in der Welt vor sich geht. Und er kann es kaum erwarten, endlich nach Hogwarts zu kommen. Zaubern zu lernen. Dann kann er seine Familie beschützen.

☽•••☾

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