Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Bedingungslos

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFamilie / P12 / Gen
23.05.2022
23.05.2022
1
1.944
2
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
23.05.2022 1.944
 
Hier ist mein Ersatzbeitrag zum Wichteln Alles Gute zum Geburtstag 8  für Aieda, auch wenn ich die Vorgaben vermutlich eher frei interpretiert habe, aber sobald diese Idee da war, ging sie mir einfach nicht mehr aus dem Kopf.  Ich hoffe, dass dir gefällt, was ich am Ende aus deinen Vorgaben gezaubert habe und wünsche viel Spaß beim Lesen.

„Franziska, du räumst den Schreibtisch auf. Nicht, dass wir noch irgendwelche Rechnungen übersehen oder irgendwelche Abos nicht gekündigt haben“, meinte Esther, während sie die Kleidung aus dem Kleiderschrank auf mehrere Stapel sortierte. Die, die man gleich entsorgen konnte und die, über die sich vielleicht noch eine Wohltätigkeitsorganisation freuen würde – sofern sie nicht zu altmodisch war.

Der Höhe des Stapels nach zu urteilen hatte Onkel Wilhelm sehr viele altmodische Sachen gehabt, was Franziska nicht wirklich wunderte. Auch wenn sie nicht sehr viel über ihren verstorbenen Onkel wusste, weil ihre Mutter mit ihrem Bruder nicht sonderlich viel zu hatte, wusste sie, dass er sehr gläubig gewesen war.

Oder in den Worten ihrer Mutter: „Das kannst du nicht mehr gläubig nennen, er hat nach der Bibel gelebt und jedes Wort am liebsten wörtlich genommen. Und es ist nur noch schlimmer geworden, seit er in diesen Gebetkreis eingetreten ist“. Das hatte sie jedes Mal zu Franziska gesagt, wenn diese nach ihrem Onkel gefragt hatte. Auch ihre Cousine Esther hatte sie deswegen nicht gekannt, sie hatte nicht einmal gewusst, dass ihr Onkel überhaupt ein Kind hatte.

Über dem Schreibtisch hing ein großes Holzkreuz, an dem ein filigran geschnitzter Jesus hing. Nicht gerade etwas, was Franziska über ihrem Schreibtisch hängen haben wollte, aber die Geschmäcker waren ja verschieden. Sie begann die erste Schublade zu öffnen – ein einziges Chaos aus Stiften und verschiedenen Briefen, teilweise ungeöffnet, darunter auch einige, die nach Rechnungen aussahen.

Und so war es auch, die ersten paar Briefe, die Franziska öffnete, waren tatsächlich Rechnungen. Ein paar Rechnungen für Kleinigkeiten und einige Spendenquittungen über ziemlich hohe Beträge. Franziska legte die Rechnungen auf einen Stapel und die Spendenquittungen auf einen anderen und öffnete die nächste Schublade.

Dort kamen ziemlich viele ungeöffnete Briefe zum Vorschein. Briefe, die teilweise mit „Empfänger unbekannt“ gestempelt waren, manche schienen einfach nur so an ihn zurückgesandt worden zu sein. Aber einige der Briefe schienen worden geöffnet zu sein – Franziska erhaschte einen Blick auf zurückgewiesene Entschuldigungen – „ich schreibe ihnen diese Zeilen, weil er es selbst nicht kann – sie haben sein Leben zerstört“, „vielen Dank für all die Selbstscham, vielen Dank für die Selbstmordgedanken“, „dank Ihnen weiß ich nicht einmal mehr, wer ich bin, ich weiß nicht mehr, wer ich vor all dem war“, „Entschuldigung trifft es nicht einmal mehr – sie haben meinen Glauben zerstört“ und „Sie können froh sein, dass ich noch lebe, ihre Therapie hat mich in die Essstörung getrieben“.

Daneben lag ein Zeitungsausschnitt über den Selbstmord eines jungen Mannes, sowie einige Bibelzitate, unter anderem Levitikus 18:22. Außerdem ein Ausdruck einer Interpretation von eben diesen Zitat. In den Ausführungen wurde erklärt, dass das originale Hebräisch nicht wirklich übersetzbar sei und dass die gängige Übersetzung es sich zu einfach machte. Moment einmal, Onkel Wilhelm, der die Bibel wörtlich nahm, hatte eine Interpretation von Levitikus 18: 22, die alles andere als wörtlich war? War ihr Onkel vielleicht gegen Ende seines Lebens weniger bibeltreu geworden? Und was hatte er getan, dass er um Vergebung bat? Wohl irgendeine Art von Therapie - er war tatsächlich Therapeut gewesen, aber für normale Therapie bittet man doch nicht um Vergebung?


Unter dem Stapel, halb versteckt lag noch eine Kinokarte für „Der verlorene Sohn“, ein Film, der Franziska nichts sagte. Vermutlich war es irgendein biblischer Film, gab es nicht ein Gleichnis, das genauso hieß? Zumindest klingelte da bei Franziska etwas. Aber als sie genauer darüber nachdachte und ihr auch die Handlung des Gleichnisses wieder einfiel, merkte sie, dass das nicht wirklich in die Schublade zu passen schien. Wozu sollte ihr Onkel eine Kinokarte für einen Film über einen Sohn, der sich nachdem er sein Erbe verprasst hat, wieder nach Hause begibt und dessen Vater ihm trotzdem verzieh, zu einem Artikel über einen Selbstmord und einem Bibelzitat über Homosexualität stecken?

Neugierig geworden zückte Franziska ihr Handy und begann den Film zu googlen. Als erstes Ergebnis kam natürlich das Gleichnis aus der Bibel, etwas anderes hatte Franziska kaum erwartet. Aber als zweites zeigte es ihr einen relativ neuen Film an, in dem es um einen schwulen jungen Mann aus einer gläubigen Familie und um die Konversionstherapie, an der er teilnehmen musste.

Hatte Onkel Wilhelm etwa Konversionstherapie betrieben? Franziska hatte das erste Mal davon gehört, als die Gesetzesvorlagen zum Verbot dieser durch den Bundestag gingen, was noch nicht sehr lange her war.

Das würde die Entschuldigungen erklären, vielleicht war es der Selbstmord des jungen Mannes gewesen, der Onkel Wilhelm gezeigt hatte, dass das, was er machte, mehr Schaden als Nutzen anrichtete.

In der nächsten Schublade fand Franziska einen verschlossenen Brief, der an Esther gerichtet war, den ihr Onkel offensichtlich nie abgeschickt hatte, sowie etliche weitere Spendenquittungen. Ihr Onkel hatte nicht gerade geringe Beträge an verschiedene Organisationen gespendet, die – wie Franziska nach einer kurzen Googlesuche herausfand – sich allesamt um Jugendliche kümmerten, die unter anderem lesbisch, schwul, bisexuell oder trans waren. Hatte ihr Onkel versucht, sein Unheil wieder gut zu machen, nachdem seine Entschuldigungen abgeschmettert worden waren?

Währenddessen hatte Esther den Kleiderschrank fast vollkommen ausgeräumt. „Nur noch das oberste Brett, aber dafür brauche selbst ich eine Leiter“, meinte sie, als sie kurz von ihren Stapeln aufsah.

„Was ist, Franziska, hast du einen Geist gesehen?“, fragte sie dann, als sie bemerkte, dass Franziska regungslos vor dem Schreibtisch stand, „oder doch ein paar Leichen gefunden?“. Franziska reichte ihr wortlos den Brief. Esther nahm ihn entgegen und runzelte die Stirn.

„Er wollte jahrelang nicht mit mir sprechen, was möchte er denn jetzt?“, meinte sie dann halblaut, aber öffnete den Brief und begann ihn zu lesen.  Wenig später schaute sie auf: „Eine Entschuldigung offensichtlich – reichlich spät dafür und er hat sich nie getraut ihn abzusenden.“ Sie schnaubte: „Und offensichtlich sollte er mehr Filme schauen, die nicht ganz so bibeltreu sind, wenn die Schlussszene aus „Der verlorene Sohn“ ihm beigebracht hat, dass er sich ändern muss“.

Franziska verstand nur Bahnhof – sie hatte nur kurz nachgeschaut, um was es in dem Film gibt, nicht die ganze Handlung auf Wikipedia gelesen. War Esther etwa homosexuell und hatte sich mit ihrem Vater überworfen? Aber sie wirkte gar nicht so.

Esther schien ihre Blicke zu bemerken: „Bevor du jetzt total ins Fettnäpfchen trittst – ja, ich bin lesbisch und obendrein trans. Und nein, die beste Reaktion ist nicht, hätte ich dir gar nicht angemerkt – obwohl, sie ist besser als keine Reaktion. Das ist wirklich das falscheste, was du machen kannst“.

Franziska war die Kinnlade heruntergefallen und sie brachte nur ein „Danke, dass du das mir gesagt hast“ heraus. Im Nachgang kam noch ein „Das ändert nichts zwischen uns, du bist meine Cousine und ich mag dich, auch wenn ich dich erst seit heute kenne“, bei dem Franziska selbst nicht wusste, woher das jetzt kam.

„Apropos „Der verlorene Sohn“. Weißt du zufällig, ob Onkel Wilhelm in Konversionstherapie verwickelt war“, fragte Franziska dann vorsichtig – in einem Versuch, irgendwie das Thema zu wechseln. Esther schien nicht einmal überrascht über die Frage zu sein: „Na klar – er hat ja damals streng nach der Bibel gelebt – queer sein ist Sünde und all dieser Schmarrn.  Auch wenn es heißt, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das scheint bei den meisten wohl trotzdem nicht angekommen zu sein. Deswegen habe ich ja auch seit zwanzig Jahren kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Wieso – hast du etwa was dazu gefunden?“.

„Ja, lauter Entschuldigungsbriefe, die zurückgewiesen wurden“, meinte Franziska. „Was hat er auch erwartet, dass sich die Menschen jubelnd auf seine Entschuldigungen stürzen? Ich kann ja grade froh sein, dass er keine Gutachten für das amtsgerichtliche Verfahren nach dem Transsexuellengesetz erstellt hat – es reichen ja schon die Gutachter, die da damals herumgelaufen sind.“, Esther klang bitter.

Franziska wusste kaum etwas über das Transsexuellengesetz, sie wusste nur, dass es dazu da war, seinen Geschlechtseintrag und Namen zu ändern. Aber sie hatte es noch nie gelesen. Esther schien das zu erahnen, denn sie öffnete eine Seite auf ihrem Smartphone: „Und da haben wir es ja auch – die schlimmsten Sachen sind mittlerweile unwirksam, aber der ganze Schmarrn steht immer noch drin.  Möchtest du es mal lesen?“ Esther hielt Franziska den Gesetzestext hin.

Franziska kam nicht weit, schon bei den Worten „transsexuelle Prägung“ und „unter dem Zwang stehen“ wusste sie, dass dieses Gesetz nicht schön werden würde. Auch wenn sie noch kaum Berührungspunkte mit trans Menschen gehabt hatte, so etwas hatte niemand verdient. Esther ließ ihr Zeit und meinte dann nur noch: „Das einzig gute an diesem tollen Gesetz ist, dass ich dadurch den Namen losgeworden bin, den mein Vater ausgesucht hat – ich weiß bis heute nicht, wieso Mama da kein Veto eingelegt hat. Verstehst du nun, weshalb etliche Menschen eine Reform dieses Gesetzes wollen?“

Franziska verstand nur es nun nur zu gut. „Jetzt ja. Ich habe auch etliche Spendenquittungen für queere“, sie versuchte sich zum ersten Mal an dem Wort, das Esther benutzt hatte, „Organisationen gefunden. Offensichtlich hat er wirklich versucht, Reue zu tun, nachdem er das mit den Entschuldigungen nicht geschafft hat.“

Zum ersten Mal, seit sie dieses Thema begonnen hatten, lächelte Esther: „Und da hat er auch recht damit – diese Organisationen können das Geld brauchen, für mich und vielleicht für manche der Menschen, deren Leben er zerstört hat, ist es zu spät.  Aber jedes Kind sollte wissen, dass seine Gefühle völlig normal sind und dass seine Eltern es trotzdem noch lieben. Oder dass es Menschen und Stellen gibt, an die man sich wenden kann, wenn es nicht so ist.“

Dieser Tag im Schlafzimmer ihres Onkels, unter einem großen Holzkreuz hallte noch lange in Franziska nach. Sie wusste nun, dass viele Menschen nicht unbedingt das waren, was sie auf dem ersten Blick zu sein scheinen, dass sie eine Cousine hatte, die trans war und dass die Welt manchmal anders war, als sie gedacht hatte.

Den Teufel gibt es und er ist kein kleines rotes Männchen mit Schwanz und Hörnern. Er kann sogar wunderschön sein, weil er ein gefallener Engel ist und früher mal Gottes Liebling war. - Leah aus American Horror Story


Die Vorgaben waren folgende:
Genre: Abenteuer, Action, Drama, Fantasy, Freundschaft, Horror, Humor, Krimi, Liebesromanzen, Mystery, Mythologie, Nachdenkliches, Science-Fiction, Thriller, Trauriges, Übernatürliches
Pairing: keins
Rahmenhandlung: Der Charakter lernt nach einem Todesfall in der Familien/engen Freundeskreis, dass nicht jeder das ist, was vorgibt zu sein. Das stellt das bisherige Weltbilde des Charakters völlig auf den Kopf. Dieser stellt alles, was bisher geglaubt hat zu wissen in Frage.
Anregung: Den Teufel gibt es und er ist kein kleines rotes Männchen mit Schwanz und Hörnern. Er kann sogar wunderschön sein, weil er ein gefallener Engel ist und früher mal Gottes Liebling war. - Leah aus American Horror Story
Verwendung: wörtlich (es reicht, wenn es vor oder nachdem Kapitel steht)
Sonstiges: Tob dich aus, such dir aus in welchem Genre das Ganze spielen soll. Ich würde mich freuen, wenn es etwas düsterer werden würde.

Den Film, den ich erwähnt habe, gibt es tatsächlich, es ist "Der verlorene Sohn" aus dem Jahr 2018.  Der englische Titel ist Boy Erased, genauso wie das Memoir auf dem der Film basiert - beides ist gut, allerdings keinesweg leichte Kost.

Das erwähnte Bibelzitat ist das Standardzitat, wenn man Homosexualität verdammen möchte - auch wenn es Interpretationen gibt, die sagen, dass man es sich mit dieser Übersetzung viel zu einfach macht und es heute nicht unbedingt mehr zu erkennen ist, was tatsächlich verboten werden sollte.

Der Titel ist eine freie Übersetzung des Songtitels "No Matter What"  von Calum Scott.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast