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Ein neuer Anfang

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Newt Scamander
23.05.2022
04.08.2022
16
134.191
12
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Dieses Kapitel
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26.06.2022 6.568
 
„Ich habe mir gedacht, dass ich dich hier finden würde.“

Albus setzte sich neben ihn auf die einsame Bank, von der aus man den See und die Ländereien gut im Blick hatte und reichte ihm seinen Mantel, den er vorhin bei Isla vergessen hatte. Er wusste, wie gern Newt hierherkam, wenn er ein wenig Ruhe brauchte. So war es schon immer gewesen.
Als Isla ihn zwischen zwei Unterrichtseinheiten aufgesucht und ihm gesagt hatte, was passiert war, hatte er die Stunde weniger konzentriert als gewöhnlich über die Bühne gebracht und sich gleich zu Beginn der Mittagspause auf die Suche begeben. Isla hatte mit den besten Intentionen gehandelt und Albus hatte ihren Plan schnell verstanden. Sie selbst identifizierte sich mit vielen der beschriebenen Aspekte und erkannte sie in ihrer Persönlichkeitsstruktur wieder. Das hatte ihr ein wenig Frieden verschafft. Zu wissen, dass sie nicht die einzige mit einer ungewöhnlichen Denkweise war, hatte ihr geholfen, sich weniger fremd zu fühlen. Newt hatte anders reagiert, als sie es erwartet hatte. Dass jemand sich nicht wohler fühlen würde, wenn er hörte, dass er gut zu einer noch unbekannten, als Schizophrenie kategorisierten Disposition, zugeordnet werden konnte, hatte sie nicht bedacht. Es war weit von ihrem eigenen Erleben entfernt und sie war naiv genug gewesen zu erwarten, Newt würde es sicher genauso empfinden.
Albus machte ihr keine Vorwürfe deswegen. Wenn er ehrlich war, empfand er sogar eher Dankbarkeit dafür, dass sie versucht hatte zu helfen und ihn sofort informiert hatte, als sie erkannt hatte, gescheitert zu sein.
Da standen sie nun.
Newt saß mit hängenden Schultern neben ihm und starrte auf den Boden.
Seine Augen waren deutlich gerötet und er wirkte sehr erschöpft. Albus bereute es, dass er den Unterricht nicht frühzeitig mit einer Stillarbeitsphase beendet hatte.

„Isla hat mir gesagt, was passiert ist,“ fuhr er fort. Newt begann unruhig auf der Bank herumzurutschen.
Picket schmiegte sich gegen sein Ohr und fiepte angriffslustig in Albus´Richtung. Er lächelte dem Bowtruckel traurig zu. Leider wusste er noch nicht, ob er etwas tun konnte, um Newt aufzumuntern.
Newt nickte abwesend.
„Möchtest du darüber reden?“
Endlich schaute Newt auf. Nicht nur das, er sah ihm sogar in die Augen.
„Hat sie recht?“, fragte er leise. „Denkst du auch, dass ich…verrückt bin?“
Albus griff beherzt nach seiner Hand und stellte erfreut fest, dass er sie ihm nicht entzog.
„Ich weiß sicher, dass du nicht verrückt bist. Und ich denke nicht, dass dieser Artikel über verrückte Menschen berichtet. Möglicherweise interessiert es dich zu hören, wie ich darüber denke?“
Newt war nicht sicher, ob er das wollte, doch immerhin ging Albus nicht davon aus, dass er eine pathologische Auffälligkeit zeigte. Das war ein guter Anfang, denn er hatte sich dabei ertappt, selbst daran zu zweifeln. Immerhin war er ständig überall angeeckt und hatte so viele Menschen irritiert. Menschen, die er für ziemlich durchschnittlich hielt. Er hatte sich, sogar schon bevor Isla das Gespräch gesucht hatte gefragt, ob etwas nicht mit ihm stimmte.
Immer wieder.
Da er nichts an sich hatte ändern können, hatte er seine Andersartigkeit immer weit von sich weggeschoben. Heute von einer Fremden damit konfrontiert worden zu sein, war kaum auszuhalten.
Ob es ihm helfen würde, mit Albus darüber zu sprechen?
Ihm vertraute er und wenn sagte, dass er nicht verrückt war, stimmte es wahrscheinlich. Albus war immerhin einer der intelligentesten Menschen, den er kannte.
Also nickte er.
Was hatte er schon zu verlieren.
Schrecklich fühlte er sich so oder so.

„Der Gentleman, der diesen Artikel verfasst hat, hat in der Tat eine schwerwiegende Erkrankung zu erforschen versucht. Was er dabei entdeckt hat, waren einzelne Symptome, die nicht zu dieser Krankheit gepasst haben. Vielmehr hat er mit Menschen gesprochen, die ungewöhnlich mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Anders kommunizieren. Spezifische Interessen zeigen. Die Welt auf besondere Weise wahrnehmen und erleben. All diese Punkte hat er versucht zu etwas zusammenzufassen und dieser Persönlichkeitsstruktur einen Namen zu geben. Nicht zu einer Geisteskrankheit, sondern zu etwas vollkommen Neuem. Ich kann mir vorstellen, wie sehr dich die Umstände, dass ein solcher Facharzt diese Erkenntnisse gewonnen hat, verunsichern. Aber es geht sicher nicht darum, dir Wahnsinn zu attestieren. Das war es nicht, was Isla beabsichtigt hat, Newt.“
Newt schwieg.
Was er da beschrieb, klang in der Tat nach ihm. Doch sollte er wirklich akzeptieren, dass jemand kam und ihm einfach so einen Stempel aufdrückte?
Einfach so allem, was er war ,einen Titel verlieh?
Wozu sollte das gut sein?
Warum brauchte man so etwas?
Auch wenn Isla es vielleicht gut gemeint hatte…er hatte das wirklich nicht hören wollen.

„Ich wollte das nicht wissen, Albus,“ flüsterte er und spürte, wie ihm erneut die Tränen kamen. „Kann ich nicht einfach…ich bleiben?“
In Albus regte sich unweigerlich deutliches Mitleid.
Sein Erklärungsversuch schien das Problem nicht gelöst zu haben. Newts Wehrhaftigkeit fand er für gewöhnlich sehr beeindruckend, doch heute stand sie ihm im Weg. Beruhigend schlang er einen Arm um den schlanken Körper neben sich und drückte ihn an sich. Seine Hand strich unablässig über Newts Oberarm, während er sich darum bemühte herauszufinden, wie er all dieses emotionale Chaos bändigen konnte.
Oder besser noch, wie er Newt dabei zur Hand gehen konnte, es selbst zu tun.

„Hör mir gut zu. Diese Studie ändert nichts an dir. Du bleibst der gleiche Mann, der du auch jetzt bist. Wenn du davon profitieren kannst, dass es andere Menschen mit einer vergleichbaren Persönlichkeit wie deiner gibt und du dich gut damit fühlst, weniger allein zu sein, ist das etwas Gutes. Wenn dich die Bezeichnung, die man sich ausgedacht hat, stört, brauchst du sie nicht zu verwenden. Und ich wiederhole es erneut: In meinen Augen bist du nicht verrückt.“
Es half, dass Albus ihn festhielt und auch, dass er ihm erneut versicherte, ihn nicht verrückt zu finden.
Allmählich begann er sogar zu begreifen, was Isla beabsichtigt hatte. Und es tat wirklich gut vermittelt zu bekommen, dass er nicht der einzige ungewöhnliche Mensch auf diesem Planten war.
Dass Albus so viel Zuneigung signalisierte, auch wenn er diesen Artikel gelesen hatte und er sich sicher mit der Frage befasst hatte, ob er Newt unter den dort aufgeführten Gesichtspunkten dieser neuen..Sache….zuordnete, ermutigte ihn sogar ein klein wenig. Vielleicht war es ja wirklich nicht nur schlimm….jedenfalls nicht so sehr, wie es sich im ersten Moment angefühlt hatte…
„Wie…nennt dieser Mann das, was er entdeckt hat?“, fragte er leise. Seine Stimme wurde durch Albus´Mantel gedämpft, aber er hatte ihn dennoch gehört.
„Er hat den Begriff Autismus dafür gewählt,“ murmelte Albus. Newt versuchte sich vorzustellen, dass er sich mit diesem Wort identifizieren sollte, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen. Es klang viel zu krank und zu ungewohnt. Alles in ihm sträubte sich dagegen.
„Niemand hegt die Absicht, etwas an dir zu ändern. Mit dir ist alles in bester Ordnung, Honey. Das ist dir bewusst, nicht wahr?“
Newt richtete sich wortlos auf. Immer wieder bekam er vermittelt, dass er auffiel und dass er anders war. Ständig fühlte er sich missverstanden. Da fiel es durchaus schwer zu glauben, dass alles in Ordnung mit ihm war. Auf der anderen Seite hatte Albus sehr genau gewusst, worauf er sich einließ und er schien sich an all seinen Besonderheiten kaum zu stören. Immerhin war er noch hier. Der einzige, der ihn jemals aufgefordert hatte, sich in Teilen oder insgesamt zurückzunehmen, war sein Vater gewesen. Theseus hatte sich das abgeschaut, doch er wusste, dass er ihm nur helfen wollte, wenn er solche Dinge sagte.
Unwillkürlich erschauderte er bei dem Gedanken, ob es einen Unterschied für ihn gemacht hätte, wenn er dieses Wort doch genutzt hätte. Es wollte einfach nicht passen.

„Ich bin ein wenig durcheinander,“ gestand er und schloss die Augen. Albus nickte verständnisvoll.
„Ich kann mir vorstellen, wie sehr all das dich aus dem Konzept gebracht haben muss. Wie wäre es, wenn wir das Thema auf sich beruhen lassen? Ich denke, wir hatten beide die Gelegenheit, unseren Standpunkt zu verdeutlichen. Mir ist wichtig, dass du jetzt siehst, wie sich nichts ändert.“
Newt lächelte ihm dankbar zu und ließ zu, dass er ihn küsste. Ein wenig besser fühlte er sich tatsächlich.
„Gut…“
Zufrieden drückte Albus seine Schulter und half ihm, sich wieder aufrecht hinzusetzen.Newt schien nach wie vor aufgewühlt genug, um dringend eine klare Orientierung zu benötigen, wie der Rest ihres Tages verlaufen würde.
Wenn es stressig und unberechenbar wurde, waren klare Rahmenbedingungen unerlässlich. So war es schon immer gewesen. Er hatte Newt als sehr emotionales, nervöses Kind erlebt, dass am besten zurechtkam, wenn es auf alle Eventualitäten vorbereitet war. Manchmal hatte er deswegen die ganze Klasse am Montag darüber in Kenntnis gesetzt, welches Thema sie am Donnerstag bearbeiten würden. Damit war er meistens ganz gut zurechtgekommen. Da er viele seiner damaligen Muster bis heute nicht abgelegt hatte, war davon auszugehen, dass es ihm immer noch helfen würde, die Aussichten zu kennen.

„Wie möchtest du diesen Abend verbringen? Was würde dir helfen, diesen Zwischenfall vergessen zu können?“, erkundigte er sich daher. Newt biss sich auf die Lippe. Er wusste nicht, was er am Abend erwarten sollte, doch etwas musste er auf jeden Fall tun.
„Ich…glaube ich sollte mich entschuldigen. Ich war nicht sonderlich nett zu Isla,“ erkannte er leise und schielte zu Albus hinauf, der ihm aufmunternd zunickte. Er ging nicht davon aus, dass Isla nachtragend sein würde, doch er würde diese Aussprache brauchen, um seinen inneren Frieden wiederherzustellen und Isla würde sich über ein Signal, dass er sie nicht aufgrund einer dummen Fehleinschätzung mied, sicher sehr freuen.
„Wenn es dir wichtig ist, das Gespräch mit ihr zu suchen, solltest du es tun. Um diese Zeit ist sie meistens im Krankenflügel. Ich habe leider noch eine Doppelstunde vor mir. Treffen wie uns heute Abend bei meinem Bruder?“
„Oder…vielleicht…bei dir?“, schlug Newt schüchtern vor. Immerhin hatte Albus bereits die Absicht geäußert, wieder ins Schloss zurückkehren zu wollen. Die Aussicht, so häufig mit ihm gesehen zu werden, vielleicht sogar dabei, wie er nicht in den Gästekorridor, sondern in seine privaten Räume verschwand, verunsicherte ihn weiterhin, doch manchmal war Konfrontation der einzige Weg, um sich langfristig zu entspannen. Albus schien dieser Vorschlag sehr zu überraschen, doch er besann sich schnell.
Newt spürte, wie er seine Hand nahm und sie sanft an seine Lippen hob. Etwas in ihm sträubte sich dagegen, diese Geste zu genießen. Nervös schaute er sich um, doch der einsetzende Nieselregen führte dazu, dass sie vollkommen unter sich waren. Keiner der wenigen Schüler, die ihren Unterricht früh beendet hatten, trieb sich bei einem solchen Wetter auf den Ländereien herum.
„Das würde mich sehr freuen. Ich werde oben auf dich warten.“
Newt richtete seinen Blick schweigend auf den See.
Blieb nur zu hoffen, dass er es heute leichter schaffen und nicht wieder ewig vor der Tür des Klassenzimmers stehen bleiben würde.

Als Newt am Abend in das Schloss zurückkehrte, war bereits Ruhe eingekehrt. In den Korridoren patrouillierten noch die Vertrauensschüler, die sicherstellten, dass Schülerinnen und Schüler vor der unmittelbar bevorstehenden Sperrstunde in ihre Gemeinschaftsräume verschwanden. Er grüßte das blonde Mädchen in der Huffelpuffuniform mit einem knappen nicken, welches sie mit einem strahlenden Lächeln erwiderte. So viel Freundlichkeit vermochte er heute nicht mehr auszustrahlen.
Das Gespräch mit Isla hatte sich mehrere Stunden lang hingezogen. Sie hatte ihm seinen kleinen Ausbruch und die Flucht zum Glück nicht übelgenommen und war nicht nachtragend. Vielmehr machte es sie betroffen, wie schwer es für ihn gewesen war, diesen Artikel zu sehen.
Sie erklärte ihm, wie es ihrerseits unglaublich geholfen hatte zu hören, dass sie nicht allein war, konnte seine Perspektive aber gut nachvollziehen, als er ihr kleinschrittig aufschlüsselte, was er gedacht hatte. Newt hatte nach einem langen Gespräch noch nicht oft Erleichterung empfunden und fühlte sich normalerweise eher müde, abgeschlagen und missverstanden.  Noch einmal mit Isla zu sprechen, hatte ihm wirklich geholfen. Möglicherweise konnten sie tatsächlich Freunde werden. Immerhin machte das Freundschaften aus.
Alles besprechen zu können.
Als sie damit fertig waren, alle missglückten Punkte noch einmal durchzugehen, hatte Isla ihn nach Hogsmeade begleitet, um Aberforth zu treffen.
Als Newt aufging, dass er ihm erklären müssen würde, warum er so plötzlich den Koffer holte und ins Schloss zog – am selben Tag, an dem Albus es auch tat – regte sich erneut leise Panik in ihm. Isla bemerkte, dass ihn die Aussicht auf Albus´Bruder zu treffen unruhig machte und erinnerte ihn daran, wie wenig Interesse Aberforth normalerweise an anderen zeigte. So verhielt es sich tatsächlich auch heute.
Er hatte gleichgültig mit den Schultern gezuckt und Isla eine Tasse Tee gekocht.
Newt fragte sich, ob er eine wirklich lange Leitung hatte und nicht verstand, warum er und Albus so viel Zeit miteinander verbrachten oder es ihm egal war. Jedenfalls war er recht dankbar dafür, nicht mit ihm darüber sprechen zu müssen, was zwischen ihnen passiert war, dass sie so viel Zeit miteinander verbrachten. Isla hatte ihm versichert, den Heimweg allein zu finden, als er sich auf den Rückweg zum Schloss gemacht hatte.
Vor Albus´Klassenzimmer blieb er erneut stehen und atmete erst einmal tief durch. Er hatte sich das hier ausgesucht. Er hatte vorgeschlagen, herzukommen.
Albus wartete dort drinnen auf ihn und nur darauf kam es an.
Alles war in Ordnung.

Überrascht stellte er fest, dass weder im Klassenzimmer noch im Büro Anzeichen menschlichen Lebens zu sehen waren. Unter der Tür zu Albus´Schlafzimmer schimmerte ebenfalls kein Licht durch. Newt zückte seinen Zauberstab, um sich wenigstens ein bisschen Licht zu verschaffen.
Albus schien bereits zu schlafen, als er den Koffer vorsichtig auf dem Boden neben der Tür abstellte. Picket setzte er auf einer Monstera ab, die neben dem Fenster wucherte.
Wenn er sich so überlegte, wie früh Albus normalerweise aufstand, um seinen Unterricht vorzubereiten, konnte er sich gut vorstellen, warum er müde war. Eigentlich war es sogar ganz gut, heute kein weiteres ausschweifendes Gespräch mehr führen zu müssen. Er redete gern mit Albus, doch auch er fühlte sich müde und abgeschlagen und wollte eigentlich nur noch schlafen.
Also stieg er in den Koffer, zog sich um und kletterte zu Albus ins Bett.
Es quietschte deutlich weniger und wirkte um einiges stabiler als das, welches sie in Aberforths Gästezimmer geteilt hatten. Außerdem roch es unglaublich intensiv nach….Albus!
Er wusste nicht genau, woraus dieser Geruch genau bestand, doch er wirkte sich ungemein beruhigend auf ihn aus. Ähnlich wie Regen im Sommer, feuchtes Herbstlaub oder Tee. Zögerlich schlang er einen Arm um die Tallie des anderen Mannes und hoffte, ihn dadurch nicht versehentlich aufzuwecken.
Der Körperkontakt tat ihm gut und auch, wenn er die biologischen Hintergründe des wohligen Gefühls verstand, ging die Magie dieses Gefühls dadurch nicht. Albus auf diese Weise nah zu kommen war etwas sehr Besonderes und es bedeutete ihm alles, dass er das erleben konnte. Und dass jemand wie Albus sich auf einen Anfänger wie ihn einließ, fand er auch nach wie vor nicht selbstverständlich. Albus hob träge ein Augenlid, als er fühlte wie, sich die Matratze neben ihm senkte. Verschlafen lächelte er Newt zu. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, wach zu bleiben, bis er kam und das Licht brennen zu lassen, damit er ohne Schwierigkeiten zu ihm fand. Leider war er wohl eingeschlafen und die Kerze war heruntergebrannt.
Umso mehr freute es ihn, dass Newt bei ihm war und sich nicht wieder in den Koffer verkrochen oder sich doch für eine weitere Nacht im Eberkopf entschieden hatte, obwohl es dunkel gewesen war und das Risiko bestanden hatte, dass er ihn aufweckte.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er leise. Newt lächelte ihm zufrieden zu.
„Alles in Ordnung.“ Albus brummte zufrieden und legte den Kopf auf Newts Brust ab. Normalweise wartete er damit einzufordern, dass jemand ihn so hielt, doch in diesem Fall war er bereit zu einer Ausnahme. Newt betrachtete ihn nachdenklich. Wieder einmal hatte Albus alles daran gesetzt, ihm seinen Tag zu vereinfachen und sofort verstanden, was mit ihm losgewesen war. Manchmal fragte er sich, ob das daran lag, dass Albus ihn so viele Jahre kannte, oder ob sein Verhalten viel normaler war, als er dachte.
Spätestens seit heute Nachmittag fühlte er sich zum ersten Mal seit langem genötigt, sich nach der Frage, was Normalität überhaupt sein sollte, zu befassen. In den letzten Jahren hatte er diese Frage konsequent ausgeblendet und sich einfach so sehr zurückgezogen, dass ihm die Unterschiede zwischen sich selbst und anderen weniger bewusst gewesen waren. Besonders, wenn er Zeit mit Theseus verbrachte, war das nicht einfach. Immerhin sollte er ihm sehr ähnlich sein. Sie waren miteinander aufgewachsen, hatten zusammen die Schule besucht…trotzdem hatten sie nie viel gemeinsam gehabt. Für Newt war es schwer einzuschätzen, ob er sich nur in gewöhnlichem Ausmaß von seinem Bruder unterschied, oder ob es ein Problem war, das aus all seinen seltsamen Charaktereigenschaften resultierte.
Andererseits fragte er sich, ob es überhaupt eine Rolle spielen musste. Immerhin schien Albus sich nicht dafür zu interessieren. War es nicht letzten Endes egal, was der Rest der Welt dachte, solange er nicht darunter litt und er dennoch in er Lage war, eine zufriedene Beziehung zu führen?
Warum war es relevant, dass jemand den Dingen, die ihn ausmachten, einen Namen gab?
Und weshalb lag er deswegen wach, auch wenn er es mit Albus durchgesprochen und eigentlich damit abgeschlossen hatte?

Newt hoffte inständig, dass er diesem blöden Zeitungsartikel bald wieder vergessen können würde und sich aus dem Kopf schlug, dass die Erkenntnisse irgendeines Wissenschaftlers sein Leben beeinflussen mussten. Sonst gab er immerhin auch wenig darauf, was man über ihn sagte.
Albus drückte ihn fester, als würde er spüren, dass er immer noch wach lag und grübelte. Lächelnd vergrub er das Gesicht in Albus Haaren. Es tat gut, mit ihm hier zu sein. Newt konnte kaum in Worte fassen, wie glücklich er darüber war, dass Albus ihm eingeredet hatte, dass diese Beziehung einen Versuch wert war und ihn charmant und ohne Widerspruch zu dulden, all seiner Zweifel entledigt hatte. Inzwischen fühlte er sich sicher in seiner Gegenwart. Einfach so, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass die Hölle sich nicht vor ihm auftat, wenn er wirklich einmal an seine Grenzen stieß. Seine Unsicherheiten konnte er so mit der Zeit tatsächlich überwinden und vieles von dem, was ihm anfänglich Angst gemacht hatte, fand er bereits heute ein wenig albern. Vor einigen Dingen hatte er nach wie vor Respekt, doch er war zuversichtlich, dass er sich mit der Zeit daran gewöhnen würde.
Das hier war der Beginn eines ganz neuen Kapitels, sowohl für ihn selbst als auch für sie beide. Möglicherweise war das auch der Moment, in dem er anfangen sollte, wieder nach London zu reisen, um Bounty zu entlasten. Zwar hatte sie ihm täglich geschrieben und alles mit ihm abgestimmt, doch er konnte schließlich nicht verlangen, dass sie auf ewig bei ihm einzog und alle Tierwesen allein versorgte. Vielleicht konnte es für den Anfang ein guter Kompromiss sein, dass er tagsüber in London war und sie einander abends hier wiedersahen. Er fasste den festen Vorsatz, Albus morgen darauf anzusprechen und schloss zufrieden die Augen.

Der folgende Morgen gestaltete sich relativ entspannt, auch wenn sie erheblich  geschäftiger waren, als in den vergangen Tagen um diese Uhrzeit.
Albus zwang sich wie üblich früh aus dem Bett, um seinen Unterricht vor dem Frühstück vorzubereiten, bis ihm bewusst wurde, dass er dafür heute nicht erst zum Schloss zurücklaufen musste. Ihn trennte nur eine Treppe von seinem Klassenzimmer. Dennoch blieb er wach und zog sich unverzüglich an, um früh zum Frühstück in der großen Halle erscheinen zu können. In der letzten Woche war er nur wenig präsent für die Schüler gewesen. Etwas, worauf er immer schon großen Wert gelegt hatte.
Es war wirklich an der Zeit, sich wieder häufiger in der großen Halle sehen zu lassen. Als Newt bemerkte, dass er wach war, stieg er ebenfalls aus dem Bett und sprach ihn zögerlich auf seine Überlegung an, heute nach London zu apparieren, während er sich anzog.
Albus nahm es zur Kenntnis.
Was hätte er auch sonst tun sollen.
Immerhin musste Newt diese Entscheidung ein Stück weit selbst treffen und er bewertete es als gutes Zeichen, dass er begann, seine Wünsche konkreter zu hinterfragen und in die Tat umzusetzen. Er folgte ihm in den Koffer und versicherte immer wieder, dass es verständlich war, wenn er nach Hause wollte. Was natürlich nicht bedeutete, dass er sich nicht über ein Wiedersehen am Abend freuen würde. Darin, Annabelle und Nanny am morgen ihre Flaschen zu geben, waren sie inzwischen geübt und eingespielt.
Es war ein gutes Gefühl, gemeinsame Routinen zu entwickeln. Besonders, da es nicht einfacher wurde, wenn Newt tagsüber nach London reiste. Je nachdem, wie gut er das Apparieren vertragen würde, war nicht immer abzusehen, ob er jeden Abend den Rückweg schaffen konnte. Das würde eine Menge ändern und einiges verkomplizieren, doch Albus verstand seinen Wunsch, nach Hause zu gehen. Trotzdem wollte er ihn nicht ohne einen konkreten Plan ziehen lassen. Wenn sie ihr derzeitiges Zusammenleben ein wenig aufweichten, brauchte es einige Absprachen. Darüber hinaus wollte er sichergehen, seinen Bruder nicht wieder so sträflich zu vernachlässigen, wie er es in der Vergangenheit häufig getan hatte. Er würde in der Mittagspause nach ihm sehen und nach dem Unterricht zurückkehren, wenn er gebraucht wurde, doch er teilte Newts Einschätzung, dass er ein wenig Ruhe gebrauchen konnte und er ein wenig Zeit für sich benötigte.
Er hoffte inständig, dass ihre Beziehung nicht wieder am Alltag zerbrach, denn auch unter diesen tragischen Umständen war es schön gewesen, seinen Bruder zurückzubekommen.
Nah gestanden hatten sie einander zwar nie, doch vielleicht konnten sie eine Art freundschaftliche Ebene miteinander aufbauen.
Etwas Tragfähiges.

Albusbeobachtete Newt dabei, wie er Nanny vorsichtig ihre Augentropfen verabreichte, während Annabelle noch unnachgiebig an ihrer Flasche ruckelte. Eine Luftfeuchtigkeit, die ausreichend hoch war, um zu verhindern, dass die tellergroßen Augen der Mondkälber trocken wurden, ließ sich hier drinnen unmöglich generieren. Es war nicht ideal, aber der einfachste Weg.
„Wie wäre es später mit Abendessen in meinem Büro, wenn du zurück bist?“, hörte er Albus plötzlich hinter sich fragen. Newt blickte über seine Schulter und lächelte ihm zu. Er spürte die kleinen Schmetterlinge, die sich flatternd in seinem Magen ausbreiteten. Er hatte niemals erwartet, dass er es mal so genießen würde, verliebt zu sein. Der Vorschlag sagte ihm in der Tat sehr zu.
„Das wäre schön. Soll ich einfach zurückkommen, wenn ich so weit bin?“, schlug er vor. Dass man ihn unabhängig von der Uhrzeit ins Schloss ließ, wusste er immerhin mitlerweile.
Albus erwiderte sein Lächeln.
„Das würde mich freuen.“
„Gut. Ich werde sehen, dass ich alle auf die Abreise vorbereite.“
Newt erhob sich, mit einem letzten prüfenden Blick auf Nannys Augen und zog seine Hosenträger über die Schultern. Leider musste er feststellen, dass Annabelle immer noch nicht fertig mit ihrem Frühstück war. Bei ihm trank sie erheblich schneller. Sie schien Albus´Gesellschaft wirklich sehr zu genießen, so sehr wie sie alles in die Länge zog.
„Soll ich übernehmen, musst du gehen?“, fragte er und deutete auf das Qilin.
Er hatte keine Ahnung, wie spät es inzwischen war, doch Annabelle hatte eindeutig beschlossen, heute viel Zeit zu haben. Es war allerdings schwer zu sagen, ob das auch für Albus galt. Er winkte gutmütig ab und zwinkerte ihr zu. Natürlich hatte er sehr wohl durchschaut, dass sie sich mit Absicht zeitließ. Das wertete er einfach als Kompliment.
„Nur keine Sorge, das ist in Ordnung. Ich werde zum Frühstück gehen, wenn sie fertig ist.“
Newt legte den Kopf schräg und versuchte, sein strahlendes Lächeln zurückzuhalten. Es war wundervoll zu sehen, wie jemand anders als er selbst damit begann, seine Tierwesen so fürsorglich zu behandeln. Inzwischen hatte er genug Vertrauen in Albus um zu wissen, dass er das nicht seinetwegen tat und es aufrichtig meinte. Wenn dem nicht so gewesen wäre, hätten sie es sicher bemerkt.
Besonders Annabelle reagierte massiv auf Manipulation und Unehrlichkeit. Newt nickte wortlos, stemmte die Hände in die Hüften und schaute sich suchend um. Einige Bereiche des Koffers, besonders die Gehege mit den Wasserwesen, würde er vor dem Apparieren gut sichern müssen, um nicht den ganzen Koffer unter Wasser zu setzen...

"Wie ich sehe, hast du zu tun," erkannte Albus und streckte seine freie Hand, welche gerade noch auf Annabells Rücken gelegen hatte, nach ihm aus. "Geh nur. Wir beide kommen wunderbar zurecht." Newt ließ sich zu ihm ziehen und beugte sich zufrieden zu ihm herunter, um ihn zu küssen.
"Also schön. Ich fange an. Wir sehen uns heute Abend."
Sehnsüchtig küsste er ihn erneut. Es war ein Abschied für einen einzigen Nachmittag. ImGrunde war es das selbe wie in den letzten Tagen auch, wenn Albus zum Unterricht gegangen war, doch irgendwie fühlte es sich nicht so an. Immerhin reiste er quer durch das Land und kehrte erst am Abend zurück. Sie hatten nicht die Möglichkeit, sich in einer Pause zu sehen.
Wann war er nur zu einer solchen Klette mutiert?!

Nachdenklich drückte Albus Newts Hand, der ihm ein letztes Mal zulächelte und dann im Dickicht verschwand. Wie so oft in den vergangenen Tagen rührte sich ein neues Gefühl in ihm. Jedes Mal, wenn er Newt berührte oder - Merlin bewahre - küsste, wurde ihm ein wenig mehr bewusst, wie verzweifelt er sich mehr körperliche Nähe von ihm wünschte. Bisher hatten sie sich damit sehr zurückgehalten.
Zwar schliefen sie im gleichen Bett oder küssten einander, wenn ihnen danach war, doch mehr war bisher nicht zwischen ihnen passiert. Newt erweckte nicht den Eindruck, als hege er großes Interesse, daran etwas zu ändern, doch für Albus wurde das Warten mehr und mehr zur Zerreißprobe.
Sie hatten nie wirklich darüber gesprochen und er kannte Newts Haltung zu diesem Thema nicht, doch er persönlich gehörte zu diesen ganz gewöhnlichen, durchschnittlichen Menschen, die an irgendeinem Punkt einer Beziehung gewisse körperliche Komponenten als vorteilhaft erachteten.Er genoss es sehr, Zeit mit Newt zu verbringen, doch war er nicht sicher, ob ihm das, was sie momentan hatten, langfristig ausreichen würde. Ihm war bewusst, dass Newt auch damit vermutlich eher wenig Erfahrung hatte und es lag ihm fern, diesbezüglich Druck ausüben oder etwas überstürzen zu wollen. Dennoch erkannte er, dass es vielleicht helfen würde, über diese Option zu sprechen. Und wenn es nur der Entwicklung einer langfristigen Perspektive diente.
Ihre Beziehung hatte immerhin viel zu plötzlich begonnen, um den genauen Rahmen vorher abzustecken und ihre Wünsche auszutauschen. Es war normal und legitim, das eines Tages nachholen zu müssen.
Möglicherweise war dieser Tag ja heute.
Als er Newt nach dem Abendessen mit dem notwendigen Feingefühl darauf ansprach, reagierte er nicht so entsetzt auf den Vorschlag, wie Albus es befürchtet hatte.
Newt drehte sein Weinglas nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger, ehe er einen Schluck trank.

„Ich habe ehrlich gesagt angenommen, dass du irgendwann fragen würdest,“ murmelte er. Seine Wangen röteten sich ein klein wenig beim Gedanken darüber, wie diese Unterhaltung wohl verlaufen würde, doch er wusste, dass er körperlich auf diese Themen reagierte und war darauf vorbereitet. Außerdem gab es nichts, was er sich nicht getraut hätte, mit Albus zu besprechen. Ein so grenzenloses Vertrauen hatte er vorher noch nie empfunden. Albus deutete seine Worte als Einladung, das Thema zu vertiefen.
Es klang danach, als sei es in Ordnung und Newt schien sich nicht unwohl damit zu fühlen. Ein guter Anfang.
„Möchtest du mir sagen, wie du darüber denkst?“
Newt kicherte leise.
„Meistens tue ich das gar nicht, Albus,“ erklärte er. „Genau das ist der Punkt. Ich habe dieses Bedürfnis noch nie wirklich verspürt. Ich weiß nicht genau, was ich davon erwarten soll.“
Albus beobachtete ihn interessiert. Er sagte vermutlich die Wahrheit, doch er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich das anfühlen mochte. Zum Glück schien es Newt nicht sonderlich schwerzufallen, mit ihm darüber zu reden. Es erschien ihm in diesem Fall ungemein wichtig, dass sie ins Gespräch kamen.
„Darf ich dich noch etwas fragen?“, erkundigte Albus sich schließlich. Newt nickte ihm tatsächlich zu. Was mochte ihm wohl durch den Kopf spuken? Meistens waren Albus Fragen interessant und führten zu spannenden Gedankenexperimenten.
„Natürlich?“
„Verspürst du keine Motivation es mit jemandem zu tun oder kennst du dieses Bedürfnis ganz generell nicht?“
Newt ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Das war kein unkompliziertes Thema und wenn er Albus sonst schon so wenig bieten konnte, war ihm wichtig, sich wenigstens ausführlich mit seinen Fragen zu beschäftigen.
„Schon, aber…. Es ist für mich einfach…ein rein körperliches Bedürfnis. Wie essen, oder schlafen. Ich bin damit immer eher zweckmäßig umgegangen und habe eben selbst für mich gesorgt, wenn ich das Gefühl hatte, es sei notwendig. Anziehung für einen anderen Menschen, die mich angeregt hätte, jemanden einzubeziehen, habe ich einfach noch nie empfunden.“
Eine bessere Erklärung fiel ihm nicht ein. Er hatte nie etwas sonderlich erstrebenswertes darin gesehen, mit jemandem intim zu werden und auch nie das Gefühl gehabt, dass ich etwas gefehlt hätte.
Natürlich hatte er sich mit der Frage befasst, wie es mit Albus sein würde. Ob er sich darauf unter Umständen einlassen wollte.
Immerhin hatte er sich bisher auch nicht gewünscht jemanden zu küssen oder in einem Bett mit einem anderen Menschen zu schlafen. Beides stellte sich bisher als durchweg positive Erfahrung heraus. Vielleicht galt das auch für diesen Bereich.
„Hättest du dennoch zu gegebener Zeit Interesse daran, es auszuprobieren?“, erkundigte Albus sich. Er hoffte, dass die Antwort kein vehementes Nein sein würde, sondern ein ja oder zumindest ein Vielleicht, eines Tages. Natürlich respektierte er Newts Grenzen und wenn er es wirklich ablehnte, würden sie sich etwas anderes überlegen müssen, aber er hoffte trotzdem, dass es nicht so kommen würde.
Zum Glück konnte Newt ihn in diesem Punkt beruhigen. Er war von Natur aus neugierig und etwas grundsätzlich zu verweigern ohne es ausprobiert zu haben, war nicht seine Art.
„Tja naja…mit dir essen zu gehen oder neben dir einzuschlafen empfinde ich als enorme Verbesserung dazu, es allein zu tun, also….ja, ich denke schon…Ich kann allerdings nicht versprechen, dass ich gut darin bin, aber ich glaube, ich lehne es nicht kategorisch ab.“
Erneut beeindruckte Newt ihn. Kaum jemand stand offen zu seinen Wissenslücken und gestand ein, dass er unter Umständen nicht gut in etwas war. Was albern war, gerade wenn es um so etwas Banales ging. Es erleichterte Albus sehr, dass er so ehrlich zu ihm war. Immerhin kam es genau darauf letzten Endes an.
„Es geht nicht darum an, gut in etwas zu sein.“ Albus verschränkte die Finger miteinander und stützte das Kinn darauf ab. „Ich habe mich lediglich mit der Überlegung befasst, ob du bereit sein würdest, es zu versuchen. Alles Weitere wird sich mit der Zeit fügen. Ganz sicher.“
Newt lächelte und schüttelte leicht den Kopf. Albus hatte eine sehr sachliche Art mit ihrer Beziehung umzugehen, die es ihm sehr leicht machte, solche Gespräche zu führen, aber es lag immer eine gewisse Situationskomik darin, dass seine Ausführungen klangen wie Zaubertrankrezepte.
„Ich bin bereit, es zu versuchen, ja.“ Albus lächelte ebenfalls. Er bemühte sich, gefasst zu wirken, doch der Gedanke, dass sie diesen Schritt gehen würden, versetzte ihn in freudige Anspannung. Auch wennNewt sich bemühte, seineErwartungen bezüglich seiner Qualitäten in Grenzen zu halten, war er optimistisch, dass sie irgendwie zueinander finden und es zu einer guten Erfahrung machen würden.
„Das freut mich sehr.“
„Unter einer Bedingung,“ murmelte Newt und lehnte sich zurück. Nervös fixierte er den Blick auf der Tischplatte. Nun kann der seiner Meinung nach schwierige Teil. Seit er mit Albus zusammen war und er jeden Tag darauf eingestellt war, diese Unterhaltung zu führen, befasste er sich mit den Aussichten und hatte diesbezüglich eine Entscheidung getroffen. Eine, die er nun mitteilen musste. Normalerweise stellte er keine Forderungen oder stellte gerade Bedingungen.
Gerade wenn es wie in diesem Fall um etwas ging, wovon jemand mehr Ahnung hatte, hielt er sich gewöhnlich an dessen Führung und akzeptierte die Konditionen, die sich ergaben.
Albus bemühte sich nicht einmal, seine Verwunderung zu verbergen, denn auch er kannte keine fordernde Seite an Newt. Sie gefiel ihm. Sie war wichtig. Neugierig legte er den Kopf schräg.
„Aber natürlich. Immerhin sollten wir uns beide möglichst wohlfühlen. Deine Wünsche sind daher sehr ausschlaggebend,“ pflichtete er ihm bei und wartete darauf, dass er seine Wünsche weiter ausführte.
„Keine Magie,“ flüsterte Newt und spürte wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Er zwang sich aufzusehen und Albus anzusehen. „Ich möchte weder Zauber noch Tränke, die nicht notwendig sind. Für den Anfang. Ich will…erst wissen, wie es sich wirklich anfühlt wenn du….naja.“
Albus konnte nicht abstreiten, dass ihn alles, was in dieser schlichten Aussage steckte, überraschte.
Er wusste gar nicht so recht, worauf er zuerst reagieren sollte.
Bei seiner Irritation darüber, dass er sich jegliche Methoden vorenthalten wollte, sich das Leben immens zu vereinfachen?
Immerhin gab es diverse Tränke und auch Zauber, die den gesamten Prozess deutlich vereinfachten und ihnen eine Menge abgenommen hätten, worüber sie sich deutlich mehr Gedanken machen mussten.
Oder sollte er erst einmal damit beginnen, dass es in seinen Ohren klang, als hätte Newt bereits eine Rollenverteilung festgelegt?
Nicht, dass ihm diese Vorstellung nicht gefallen hätte, ganz im Gegenteil, doch irgendwie ging er davon aus, dass er das alles viel zu weit dachte.
Andererseits war es auch ein Zeichen, dass er sich wirklich  intensiv mit all den Fragen auseinandergesetzt hatte, die bei ihm aufgekommen waren.
Das wertete Albus erst einmal als ein gutes Zeichen.

„Ich respektiere diesen Wunsch. Dennoch bitte ich dich, ihn zu überdenken. Es gibt sehr harmlose kleine Zauber, die sich kaum darauf auswirken, wie es sich anfühlt und es lediglich etwas einfacher machen. Für uns beide,“ gab er, möglichst diplomatisch, zu bedenken.
„Ich weiß. Ich habe auch sicher keine Angst, dass du in der Lage sein wirst den richtigen Spruch zu finden. Aber ich möchte das….so natürlich wie möglich halten. Am Anfang. Wenn ich weiß, wie ich wirklich dazu stehe, bin ich vielleicht irgendwann offener dafür.“
Albus hätte ihm stundenlang zuhören können. Newt zeigte sich ihm meistens sehr offen, ehrlich und aufgeschlossen, doch seine Worte eröffnete ihm eine gänzlich neue Perspektive.
Die Anwendung entspannender Zauber oder selbst wärmender Substanzen hatte er noch nie ernsthafter hinterfragt. Er war es gewohnt, irgendwann unauffälligen einen Spruch zu wirken oder es dem anderen zu überlassen, für diesen Schritt zu sorgen. Selbst die Substanzen, auf die er ebenfalls verzichten wollte, fanden in diesem Fall keine Anwendung. Es dauerte eine ganze Weile, sich daran zu erinnern, wann er zum letzten Mal vollkommen darauf verzichtet hatte.
Selbst den wenigen Muggeln, mit denen er zusammen gewesen war, hatte er es erspart, darauf zu verzichten.
Natürlich war in diesem Fall sparsamer und diskreter damit umgegangen, doch wenn er ehrlich war, hatte er so signifikant mehr Vertrauen in seine Fähigkeiten.
Natürlich war es keineswegs unerlässlich, Newts Wunsch entsprechend darauf zu verzichten, doch das verkomplizierte einiges. Dennoch musste er feststellen, dass er durchaus neugierig darauf war, wie es sich anfühlen würde.

„In Ordnung. Keine Magie, keine Tränke. Ich finde es nachvollziehbar, dass du erst verstehen willst, was all das wirklich bedeutet, bevor du dich auf zweifelhafte Experimente einlassen möchtest,“ versicherte er. „Dennoch sind gewisse Hilfemittel für einen…Reibungslosen Ablauf….erforderlich. Darauf sollten wir aus Sicherheitsgründen nicht verzichten. Ich gehe davon aus, das ist ein Kompromiss, auf den du dich einlassen kannst? Es ist eine Frage der Sicherheit.“
Gespannt erwartete er Newts Reaktion und fragte sich, ob er ihm bei der Recherche zur Hand gehen würde.
Eine durchaus interessante, anregende Vorstellung.
Newt lachte leise.
„Das weiß ich, Albus. Nur weil ich das nie aktiv angegangen bin, habe ich nicht auf einem anderen Planeten gelebt.“
Albus fragte sich umgehend, woher er seine Informationen bezog und spürte sich bei dem Gedanken leise erschaudern. Eilig schob er ihn bei Seite und lächelte dem plötzlich gar nicht mehr schüchternen Magiezoologen glücklich zu. Es war kaum zu glauben, wie ungezwungen und entspannt Newt sich ihm gegenüber inzwischen verhielt.
Das Selbstbewusstsein stand ihm jedenfalls unglaublich gut.
Sein Starren schien ihn allerdings nach einigen Augenblicken doch etwas zu irritieren. Fahrig glitt seine Hand über die Tischplatte, ehe er zu Albus hoch schielte.

„W- was ist, Albus?“, fragte er schließlich mit unruhiger Stimme. Albus blinzelte und regte sich endlich wieder.
„Entschuldige. Ich weiß, du kannst es nicht ausstehen beobachtet zu werden. Ich habe nur einen Moment gebraucht, um zu bewundern, wie bemerkenswert weit wir in dieser kurzen Zeit entwickelt haben,“ erklärte er.
Nach all seinen Kämpfen mit Gellert, nach allem, was sie einander genommen hatten und den tiefen Narben, in die sie einander beigebracht hatten, wäre ihm nie in den Sinn gekommen, eines Tages wieder so glücklich mit jemandem sein zu können.
Einem anderen Menschen oder sich selbst vertrauen zu können, hatte er sich ebenso wenig vorstellen können, wie Gellert zu vergessen. Ganz würde er ihn wohl nie überwinden, aber inzwischen erlebte er Augenblicke, ganze Tage, in denen er nicht bitter über das ´Was-wäre-wenn´nachgrübelte.
Das Beste daran war, dass Newt ihn nicht zwang, diesen Teil seines Lebens zu totzuschweigen oder ihm ein schlechtes Gewissen einredete, wenn er doch an Gellert dachte. Es schreckte ihn nicht einmal ab, wenn er über ihn sprechen wollte. Oder musste. Er war nicht gegangen. Er ertrug es mit ihm.
Und rettete ihn, ohne ihn zu ahnen, davor, einen fatalen Fehler zu machen und ihn zu suchen.

„Geht mir genauso,“ flüsterte Newt. Albus fühlte eine schlanke Hand, die sich sanft auf sein Handgelenk legte. „Deine Geduld macht alles sehr einfach. Manchmal kann ich kaum glauben, dass du dich auf einen solchen Anfänger wie mich eingelassen hast… Es wäre vielleicht einfacher mit jemandem, der…sich besser auskennt…“
Albus griff seine Hand fester. Unsicherheiten kamen bei Newt immer sehr plötzlich auf. Dann litt sein Selbstbewusstsein darunter, auch wenn eigentlich keinerlei Anlass zur Sorge bestand. Nach diesem Gespräch war es keine Überraschung, dass er etwas fand, woran er zweifeln konnte und es auch tat.
„Das sehe ich anders. Jede Beziehung ist neu und einzigartig. Es ist aufregend, einander auf dieser Ebene kennenzulernen. Immerhin geht es in erster Linie um gemeinsame Erfahrungen. Was du vorher getan hast oder nicht spielt da doch eher eine untergeordnete Rolle, nicht wahr?“
„Immerhin hat dich anscheinend noch niemand darum gebeten, im Bett auf Zauberei zu verzichten…,“ murmelte er. „Ich kann mir schon vorstellen, dass das einzigartig ist….“
Albus nickte und hielt fragend die Weinflasche hoch. Newt winkte dankend ab. Ein Glas beim Essen, ja, daran konnte er sich wirklich gewöhnen. Der Geschmack dieser Sorte sagte ihm ein wenig mehr zu als der, den Fabrizio für sie ausgewählt hatte. Er war süßlicher und heute hatte er auch nicht das Gefühl, ihn zu brauchen, sondern ihn eher genießen zu können. Dennoch legte er keinen Wert darauf, sich wieder so schummerig zu fühlen, wie beim letzten Mal. Nicht Herr seiner Sinne zu sein, konnte er nicht sonderlich leiden. Sein Vertrauen in Albus hatte zwar keine Grenzen und er war sicher, dass er diesen Zustand niemals ausgenutzt hätte, doch er gefiel sich besser, wenn er noch in der Lage war, einem sachlichen Gespräch zu folgen. Albus stellte die Flasche neben den Tisch in die Luft, wo sie sich mit einem Korken versiegelte und wieder auf die Tischplatte zurück schwebte.
„Ich habe mich bereits damit einverstanden erklärt, Darling,“ erinnerte er ihn. „Wir werden mit der Zeit herausfinden, wie es uns damit geht. Nur darauf kommt es an.“
„Gemeinsame Erfahrungen,“ erkannte Newt.
„Gemeinsame Erfahrungen,“ stimmte Albus zu.
„Vielleicht….nicht gleich heute,“ lenkte Newt schließlich ein. Es war gut, dass sie darüber gesprochen hatten und auch, wenn er sich seit Tagen davor fürchtete, diese Unterhaltung auf sich zukommen zu sehen, hatte es sich als gar nicht so furchtbar herausgestellt.
Die wenigsten Erlebnisse mit Albus waren unerfreulich. Wirklich schlimm oder unangenehm hatte sich bislang nichts angefühlt. Was nicht bedeutete, dass er nicht damit gehadert hatte.
„Wann immer du bereit bist, Honey,“ versicherte Albus und hoffte, dass dieses Zeitfenster sich nicht zu ausgedehnt anfühlen würde.
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