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Ein neuer Anfang

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Newt Scamander
23.05.2022
30.06.2022
9
76.632
7
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11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.06.2022 9.246
 
If you can somehow keep them thinking of me
And make me more than an abandoned memory
Well that means we matter too
It means someone will see that you are there
No one deserves to be forgotten
No one deserves to fade away
No one should come and go
And have no one know he was ever even here
No one deserves to disappear

Disappear - Dear Evan Hansen



HINWEIS! Ich habe einen Fehler beim Upload gemacht!! Wer gestern sofort losgelesen hat (danke dafür!) Hat die erste Seite verpasst. Nach dieser Änderung sollten die Lesezeichen in Luft auflösen. Das ist der Grund. Entschuldigt die Unannehmlichkeiten.

LIebe Grüße,

Victoria



„Ist Isla hier?“
„Seit einer halben Stunde,“ hörte er Aberforth hinter sich sagen. Newt stolperte eilig die Treppe zu den Schlafzimmern hinauf. Das dritte Paar Schritte, dass ihnen folgte, ordnete er der Logik halber Albus zu. Es war gut, dass er so schnell begriffen hatte, hier gebraucht zu werden, denn ohne hin würde es gleich unnötig kompliziert werden.
Als Newt die Tür aufriss reinigte Isla gerade mit einer geübten Geste die Bettlaken. Die Luft roch säuerlich, doch Erbrechen passte nicht zu den Blutflecken auf dem Boden. Jedenfalls nicht, wenn sich der Magen des Patienten nicht gerade aufzulösen begann und es sich um gewöhnliche halbverdaute Essensreste gehandelt hätte. Sie hatten ein neues Stadium des Verfalls erreicht.
Aberforth wollte sich an ihm vorbeischieben, doch Newt versperrte ihm entschieden den Weg.
„Kommt nicht in Frage!“
Newt streckte entschieden eine  Hand aus, während die andere zu seinem Zauberstab wanderte. Albern, so albern, wenn er darüber nachdachte, wie talentiert er darin war, ihn zu benutzen, doch die Geste schien zu wirken.
Aberforth starrte ihn an, als sei er übergeschnappt, doch er vermied eine direkte Konfrontation. Newt verwehrte ihm aus gutem Grund den Zugang zu seinem Sohn. Sie konnten versuchen, ihn so zu stabilisieren, dass es für Aberforth nicht traumatisch wurde, wenn er ihn sah  und er sich in Ruhe von ihm verabschieden konnte, doch in dieser Situation würde er ihn nicht zu Credence lassen. Er würde sich selbst damit Schaden und seinen Sohn mit seiner Panik anstecken. Aberforths rechte Hand zuckte nur für den Bruchteil eines Augenblickes zu seiner Körpermitte hin. Albus reagierte umgehend, in dem er  ihn spruchlos seines Zauberstabes entledigte und ihn auffing. Aberforth wirbelte mit hasserfüllter Miene zu ihm herum. Newt ahnte, dass eine weitere Eskalation zwischen den Brüdern unvermeidbar war, doch das würden sie nicht vor Credence austragen.
Er nickte Albus knapp zu, schloss die Tür vor Aberforth und versiegelte sie magisch, um ein erneutes Eindringen so lange zu vereiteln, bis sie so weit waren.
Albus hörte ihn eilig ein Gespräch mit Isla beginnen, die einige Anweisungen herunterbetete und sah sie unter dem schmalen Spalt unter der Tür immer wieder an ihnen vorbeilaufen.
Auch er rechnete jeden Augenblick mit einem Handgemenge, wie er es zwischen ihnen gewohnt war und wappnete sich dafür. Manchmal war es gut, körperlich zu werden, denn es nahm die Anspannung und konnte ungemein beruhigen, doch Aberforth unternahm nichts dergleichen.
Er starrte wortlos und wie gelähmt an ihm vorbei. Albus, der sich gerade noch mit der Frage befasst hatte, ob er seinen Zauberstab benötigen würde, um sie beide unbeschadet durch die kommenden Augenblicke  zu manövrieren, nahm seinen Hut ab und schmiss ihn zusammen mit seinem Mantel achtlos in die nächstbeste Ecke. Unschlüssig, ob es der richtige Weg war oder er grandios daneben lag, trat er zögern einen Schritt auf seinen Bruder zu. Dass gerade aus dieser Situation der erste freiwillige und vor allem friedliche Körperkontakt zwischen ihnen zustande kam, hätte er niemals erwartet, doch Aberforth ließ seine Umarmung tatsächlich zu.
Er musste wirklich sehr verzweifelt sein.
„Es tut mir leid, Abs….“, murmelte er.
„Mir auch….“, erwiderte er leise. Albus bemerkte den gepressten Klang seiner Stimme, doch er ließ es unkommentiert. Es war schon viel wert, dass sein Bruder sich überhaupt von ihm helfen ließ. Unter keinen Umständen würde er riskieren, dass er sich gleich wieder zurückzog. Es gab einfach Situationen, in denen man nicht allein sein sollte.
Also würde er sich hüten, ihm überhaupt die Chance zu geben.
„Komm. Ich mache dir einen Tee,“ schlug er vor.
Aberforth schaute über die Schulter auf die Tür, durch die er dank Newts Zauber nicht gehen konnte und folgte ihm wortlos nach unten in die Schankstube.

„Seit wann ist er schon bewusstlos?“
Newt beugte sich mit beunruhigter Miene über das Bett.
Credence Gesicht hatte erneut die Farbe der Bettwäsche angenommen, was ein schlechtes Zeichen war, denn sie war grün. Isla hatte eine Menge Erbrochenes, das eine beachtliche Menge Blut enthalten hatte, aus dem Stoff gewaschen und widmete sich nun dem Boden. Wie es unter der Decke aussah, hatte sie noch nicht eruiert, doch wenn innere Organe sich zersetzten, war das Ergebnis natürlicherweise abstoßend. Newt erinnerte sich an den Zustand, in dem er das Obscurial vorgefunden hatte, welches jetzt in seinem Koffer untergebracht war und konnte nicht anders, als beeindruckt den Kopf schütteln. Aberforth hatte ganze Arbeit geleistet. Das Mädchen war viel, viel schwächer gewesen und nie an diesen Punkt gekommen.
Er wusste sehr wohl, dass Credence vermutlich nicht mehr aufwachen würde, doch das bedeutete nicht, dass er sich nicht mehr spürte.
Sein Vater hatte nichts unversucht gelassen, um auf ihn aufzupassen.
Das verdiente seine Anerkennung, auch wenn es letzten Endes nichts änderte.

„Seit kurzem erst. Es hat nicht mehr viel gefehlt bis ich ihn selbst in ein Koma versetzt hätte…,“ erwiderte sie und wich fluchend einer neuen Fontäne Blut aus. Es würde nichts bringen, den Boden immer wieder zu reinigen, weswegen sie es aufgab. Newt stellte fest, dass seine Körpertemperatur sich senkte, als er seinen Puls nahm und machte sich geistig eine entsprechende Notiz. Vielleicht war es eine wichtige Erkenntnis, die ihnen später noch half. Immerhin bevorzugte auch Isobella winterliche Temperaturen.
„Was kann ich tun?“
Isla schaute kurz auf und klemmte den Zauberstab zwischen die Zähne, ähnlich wie Newt es getan hätte, als sie sich die Haare zurück band.
„Tuh kanscht die Tränke michen,“ bat sie ihn und nickte zum Tisch herüber, auf dem sie vier Phiolen abgestellt hatte.
„Alles?“
Newt schraubte die erste Phiole auf. Mit Zaubertränken war er nie so ganz sicher gewesen. Natürlich wusste er mit diversen Mixturen umzugehen, die er bei seinen Tierwesen anwendete, doch dabei handelte es sich eher um harmlose pflanzliche Mittel und nicht um komplexe pharmazeutische Produkte.
„Alles,“ bestätigte Isla. „Und das Schlafmittel aus seiner Seitentasche.“
Newt ließ das Fläschchen, welches er gerade öffnen wollte, betroffen sinken. Isla hatte ihm sehr deutlich gesagt, dass man ein Schlafmittel zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nur noch überdosieren konnte. Alles, was den Kreislauf belastete, war mit Sicherheit auf kurz oder lang tödlich.
„Also…können wir nichts mehr ausrichten,“ stellte er fest und betrachtete den Jungen mitleidig. Inzwischen wirkte er wieder ein wenig friedlicher und sah aus, als würde er schlafen. Lediglich ein kleines Rinnsal Blut floss aus seinen leicht geöffneten Lippen.
„Wir können dafür sorgen, dass es nicht schlimm wird. Hör zu. Er trinkt die Elixiere und du holst Albus und seinen Bruder her. Sofort, wenn sie drin sind. Verstanden?“
Newt nickte. Auch wenn sich alles in ihm dagegen sträubte, wusste er, dass er Isla vertrauen musste. Sie verstand am besten, was sie tun mussten und er würde sich hüten, ihre Einschätzungen zu hinterfragen. Was nicht bedeutete, dass er es nicht schrecklich fand, was ihnen bevorstand. Dennoch schüttete er die Tränke zusammen und reichte sie Isla. Schnell entfernte er das Blut aus dem Gesicht des Jungen.
„Also gut…lauf los….,“ murmelte Isla. „Newt. Geh. Jetzt.“

Aberforth hatte sich mit weichen Knien auf den nächstbesten Stuhl beim Kamin sinken lassen und starrte in die Flammen. Seine Befürchtung, sein Bruder würde wieder versuchen, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, dass er nicht führen wollte, stellte sich zum Glück als unwahr heraus. Vielmehr tat er, was er angekündigt hatte. Er kochte Tee und setzte sich schweigend neben ihn. Aberforth mochte es nicht zugeben, aber es half, nicht allein zu sein.
Er hatte keinen Schimmer, wie lange er da saß und sich an seiner Tasse festgehalten hatte, bis Newt mit polternden Schritten die Treppe hinuntergeeilt kam. Aberforth sprang alarmbereit auf und ließ dabei seine Tasse fallen. Albus erhob sich ebenfalls aus seinem Stuhl und schaute Newt fragend an, als er mit rastloser Miene den Raum betrat.
„I-Ich glaube du solltest kommen….,“ sagte er leise. Erwartungsvoll schaute er an Aberforth vorbei, doch Albus war nicht sicher, ob er seinen Bruder jetzt begleiten oder ihm Freiraum lassen sollte. Immerhin war das seine letzte Chance, seinen Sohn zu sehen und er hätte verstanden, wenn er das in Ruhe tun wollte.
„Soll ich hier warten?“, erkundigte er sich daher. Aberforth antwortete nicht und ging auf Newt zu. Im ersten Moment befürchtete er, nun die Konsequenzen dafür zu spüren zu bekommen, dass er ihn vorhin aufgehalten hatte, doch er ging einfach an ihm vorbei und verschwand ins Obergeschoss.
„Nein. wir brauchen sich,“ flüsterte Newt und folgte Aberforth.
Albus sah ihm nach, denn er war nach wie vor nicht überzeugt, ob das auch dem Wunsch seines Bruders entsprach. Als er begriff, dass nicht nur Aberforth seine Hilfe brauchte, ging er ihnen schließlich doch noch nach.

Im Obergeschoss erwartete sie Isla, die das Licht ein wenig gedimmt hatte und sich nach wie vor darum kümmerte, dass Credence die Tränke bei sich behielt. Seine Fingerspitzen glichen zerknülltem, grauen Zeitungspapier. Seine dunklen Locken ließen ihn leichenblass wirken. Insgesamt sah er weder tot noch lebendig aus, sondern eher…unecht.
Er wirkte auf Newt beinahe wie eine Wachspuppe.
Isla zog sich aus der Szenerie zurück, als Aberforth sich schweigend an die Bettkante setzte.
Unauffällig deutete sie auf die Tür.
Newt schielte zu Albus hinüber, der ihnen zunickte.
Die beiden konnten guten Gewissens gehen. Er würde bleiben, bis das Gröbste überstanden war und dann eruieren, mit wem er die Materiereste des Obscurials sicher in Newts Koffer transportieren konnte. Wenn es begann, konnte er sie immer noch wieder zu ihnen hereinholen. Hier und jetzt waren andere Dinge wichtig und er schätzte es, dass Isla sich bereit zeigte, sich für eine Weile zurückzuziehen.
Bis Aberforth ihn bat, ebenfalls zu gehen, würde er sich hüten, ihn allein zu lassen.
Das hatte er in der Vergangenheit zu oft getan.
Also nickte er Newt schweigend zu und schloss die Tür hinter ihm und Isla, die sich im Flur gegen die Wand lehnten und auf den Boden starrten.
Sie hatten ihr Möglichstes getan, doch so fühlte sich nicht an, als sei es genug gewesen. Für Newt war es immer schwer zu ertragen, jemanden leiden zu sehen.
Insbesondere wenn es, so wie hier, nicht möglich war, etwas dagegen auszurichten.
Es verlieh ihm ein intensives Gefühl der Machtlosigkeit, dass er nicht gut aushalten konnte. Normalerweise bewahrte er sich die Kontrolle und versuchte, Einfluss auf die Geschehnisse zu nehmen.
Er versuchte, zu helfen.
Credence konnte er nicht davor bewahren, sich aufzulösen.
Aberforth konnte er es nicht ersparen seinen Sohn zu verlieren und Albus würde ein weiteres Mal dabei zusehen, wie die gleiche Sache erneut ein Familienmitglied tötete.
Nichts davon hatte er verursacht, doch es fühlte sich an, als würde er die Verantwortung tragen.
Es belastete ihn, sich so unglaublich nutzlos zu fühlen.
Müde fuhr er sich mit einer Hand über die Augen.
Er musste verschwinden.
Sofort.

„Newt? Ist alles in Ordnung?“, hörte er die Heilerin fragen.
Er blinzelte und wandte den Kopf in ihre Richtung. Sie beobachtete ihn genau. In ihrem Blick spiegelte sich Sorge. Wieder einmal schien er die Kontrolle über sein Gesicht verloren zu haben.
Schweigend nickte er und starrte stumm weiter die Tür an.
„Bist du sicher?“, vergewisserte sie sich. Newt fand, dass sie ihn überaus arwöhnisch und misstrauisch beobachtete.
„I-Ich weiß es nicht,“ gestand er. Isla lächelte ihm aufmunternd zu.
„Tja, es war ein langer Abend. Atme tief durch und probier, dir nicht zu viele Sorgen zu machen. Es ist bald überstanden. Wenn du es nicht aushältst, geh an die frische Luft. Ich hole dich, wenn wir dich brauchen.“
„Danke…,“ murmelte Newt ohne aufzuschauen. Es war schön, verstanden zu werden. Noch besser wäre es gewesen, wenn das nicht notwendig gewesen wäre.
„Wie wäre es, wenn du morgen mal bei mir vorbeikommst? Ich würde dir gern etwas zeigen,“ schlug sie vor. Newt wusste im ersten Moment nicht, was er darauf erwidern sollte. Es überraschte ihn doch sehr, dass schon wieder jemand freiwillig erwog, Zeit mit ihm zu verbringen. Isla war wirklich ein netter Mensch und er war sicher, dass sie sich gut miteinander verstehen würden, hätten sie sich unter anderen Umständen und in einer weniger belastenden Situation kennengelernt.
„Du weißt, dass man nein sagen kann, nicht wahr?“, fragte sie.
Im ersten Moment ging Newt davon aus, dass sie sich einen Scherz erlaubte, doch sie schien das ernst zu meinen. Eine gänzlich ungewohnte Erleichterung flutete sein Inneres. Zwar war es nicht einfach eine Entscheidung zu treffen, doch immerhin schien sie keinen Druck ausüben zu wollen. Dafür war er durchaus dankbar.
„I-Ich weiß nicht ob…wie…also…,“ stammelte er.
„Darf ich einige Vermutungen anstellen? Du weißt nicht, wie lange es dauert, bis du heute Nacht schlafen kannst. Es war ein turbulenter Abend und du bist dir nicht sicher, ob du nicht morgen ein wenig mehr Ruhe brauchen wirst. Aber du machst dir Gedanken, was ich über dich denke, wenn du mir sagst, dass du deine Ressourcen noch nicht einschätzen kannst.“ stellte sie fest. Newt starrte sie ungläubig an, wurde dann aber von den aufgeregten Stimmen in Credence Zimmer abgelenkt. Isla schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und richtete ihren Zopf.
„Du bist nicht allein,“ teilte sie ihm schlicht mit und machte sich wieder auf den Weg zu ihrem Patienten.
Newt schaute ihr wie vom Donner gerührt nach, ehe er sich beeilte, ihr zu folgen. Nie zuvor war er einem fremden Menschenbegegnet, der ihn so durchschaute und verstand, wie es ihm ging.
War es arrogant gewesen anzunehmen, dass er allein mit seinen ganzen Macken war? Hatte sie das überhaupt damit gemeint? Er kam nicht dazu, diesem Gedanken länger nachzuhängen.
Das Stimmgewirr in Credence Zimmer nahm ab, was er nicht zwingend als gutes Zeichen wertete.
Also trat auch er wieder ein und schloss die Tür hinter sich.

Credence wirkte immer noch wie eine schlafende, gräuliche Puppe, doch Newt sah, wie seine Finger langsam an Kontur verloren. Sie zuckten wie kleine Insekten und seine Augenbrauen bewegten sich immer wieder. Newt trat an Albus heran und nahm seine Hand.
So erlangte er immerhin seine Aufmerksamkeit. Albus nickte ihm zu und zog seinen Zauberstab. Newt tat es ihm gleich und begann, die Zauber zu wirken, die den Raum von der Außenwelt abkapseln würden, um die direkte Umwelt zu schützen. Es war nicht abzusehen, wie diese Implosion verlaufen würde, doch die Erinnerungen an Newt York waren ihm nach wie vor eindrucksvoll präsent und er wollte nicht riskieren, dass Hogsmeade die gleiche Welle der Zerstörung ereilte wie den Straßenzug, den Credence in New York dem Erdboden gleichgemacht hatte. Das hatte er vorab mit Albus besprochen und er war froh darüber, mit seiner Hilfe rechnen zu können.
Allein waren solche Schutzwälle schwer zu errichten.
Als transzendente, durchscheinende Bahnen schimmernden organischen Materials sich von seinen Armen und seinem Gesicht abzuschälen begannen, drückte er Albus´ Hand fester und schob die bläuliche Kuppel nachdrücklich vorwärts. Albus verstand den Wink und legte seinem Bruder eine Hand auf die Schulter. Behutsam zog er ihn aus dem Bannkreis und stellte überrascht fest, auf keinen großen Widerstand zu stoßen.
Aberforth schien akzeptiert zu haben, dass er Abstand halten musste und Widerstand zwecklos war. Er verließ nicht den Raum und schaute auch nicht weg, doch er hielt sich an die Absprachen, die sie zuvor getroffen hatten. Newt hatte immer wieder mit ihm durchgekaut, dass es akzeptabel war zu gehen, wenn es zu viel wurde, doch Aberforth blieb. Vielleicht sogar länger, als es gut für ihn war.
Von Minute zu Minute wurde es schwieriger, menschliche Formen zu erkennen, bis Credence sich zusammenzuziehen schien und zu einem schwarzen, schwebenden, wabernden und unförmigen Klumpen einer semiorganischen Massewurde. Newt schielte zu Aberforth hinüber, der die Überreste seines Sohnes betrachtete. Nichts daran erweckte einen menschlichen Anschein, doch tot schien das bewegliche Material auch nicht zu sein.
Es schien, als könne er damit seinen Frieden schließen.

„Wir sollten ihn in den Koffer bringen,“ murmelte er Albus leise zu.
Aberforth hörte ihn trotzdem, nickte und streckte Albus auffordernd seinen Arm entgegen. Tatsächlich erhielt er seinen Zauberstab zurück und richtete ihn auf Credence.
„Geh vor….,“ sagte er an Newt gewandt und begann, das Obscurial in die richtige Richtung zu schieben.
Newt stellte sicher, dass ihnen keiner seiner anderen Bewohner in die Quere kam, während sie Credence in den Bereich begleiteten, an dem er das andere Obscurial aufbewahrte.
Aberforth war noch nie in seinem Koffer gewesen, doch er schien sich auch nicht sonderlich dafür zu interessieren, wie es dort aussah. Er konzentrierte sich darauf, dass Credence nirgendwo aneckte und verheerendes anrichtete. Als er bemerkte, dass ein zweites Obscurial über dem Schnee schwebte, stutzte er irritiert.
Newt lächelte ihm aufmunternd zu und winkte ihn zu sich herüber.

„Das ist Isobella,“ erklärte er. Verblüfft ließ Aberforth den Zauberstab sinken.
Er gab diesem Ding einen Namen? Weiterhin?
Newt setzte sich auf einen Stein und deutete einladend auf den zweiten, der sich im Gehege befand . Albus nickte ihm knapp zu und deutete mit dem Kinn zurück auf den Riss im Vorhang, durch den sie gekommen waren.
Isla folgte ihm zurück zu Newts Hütte und ließ sie ebenfalls für einen Moment allein. Newt war nach wie vor nicht sicher, ob Aberforth ihm vertraute. Dass Albus es tat, war sicher hilfreich, um sich ein Urteil zu bilden, doch immerhin ging es hier um seinen Sohn.
Vielleicht würde es ihm ja helfen, wenn er hörte, wie er mit seinem anderen Obscurial umging.

„Ich habe Isobella seit einem Jahr. Ihre Eltern haben sie mir überlassen,“ erklärte er. „Sie war noch klein, als sie in diesen Zustand gelangt ist. Leider hatte sie auf dem Weg hierher weniger Glück als Credence. Sie stammt auf Afrika. Seit sie Auffälligkeiten zeigte, hat man sie bei Schamanen in Behandlung zu geben. Das hat Zeit gekostet und ihr letzten Endes nicht geholfen. Als ich sie kennenlernte, war sie eher tot als lebendig und man hat mir verboten, ihr Medikamente zu geben. Immerhin konnte ich ihre Eltern überzeugen, sie in meine Obhut zu geben, als sie all das hinter sich hatte. Seit dem ist sie hier.“
Aberforth starrte den schwarzen wabernden Klumpen an. Natürlich hatte auch in ihr früher einmal ein Mensch gesteckt, doch dass Newt das immer noch sah, eröffnete ihm eine gänzlich neue Perspektive.
„Und…was tust du  hier mit ihr?“, fragte er.
„Ich versuche herauszufinden, in welchem Umfeld sie sich wohlfühlt. Wir wissen unglaublich wenig über Obscuriale. Auch nicht, ob man den Prozess umkehren kann. Bisher ist die Bildung eines Obscurials als tödliche Erkrankung eingestuft und niemand hat sich ernsthaft um eine Behandlung bemüht. Auch wenn es möglicherweise keine Heilung gibt….. Etwas….bleibt von ihnen. Von diesen Menschen. Meistens sind es noch Kinder. Sie verdienen mehr als irgendwo liegen gelassen zu werden….“
Aberforth beobachtete Isobella und Credence, die nahezu unbewegt nebeneinander in der Luft standen. Natürlich verdiente es niemand, der starb einfach liegengelassen zu werden. Damit hatte er absolut recht. Dennoch fragte er sich, ob die beiden einen Unterschied gespürt hatten, oder ob all das hier eher seinem und Newts Seelenfrieden diente.
„Hmhm….“, brummte er nachdenklich.
Es war  viel zu viel passiert und die Situation war zu skurril, um spontan darauf zu reagieren. Was er mit Sicherheit sagen konnte war, dass er Newt und der Heilerin dankbar war.
Newt noch ein wenig mehr, denn er hatte nicht nur seinem Sohn geholfen, sondern auch bei seinem Bruder eingies bewirkt. Wie genau er das angestellt hatte, wollte er sich lieber nicht fragen, doch Albus wirkte losgelöst und glücklicher als er es in den letzten Jahren getan hatte. Selbst wenn ihre Beziehung nicht einfach war, hatte er sich das immer  für ihn gewünscht.
Streng betrachtet hatte er ihm alles gewünscht.
Alles  außer Gellert Grindelwald.

„Du kannst jederzeit herkommen und ihn sehen, wenn du möchtest. Sag mir einfach Bescheid. Das ist kein Problem,“ bot Newt an. Aberforth nahm es dankbar zur Kenntnis. Ob er das wirklich wollte hatte er allerdings noch nicht entschieden.
„Danke,“ murmelte er und stand auf. Nachdem er mehr oder weniger den ganzen Tag belagert worden war, brauchte er dringend ein wenig Ruhe. Und so betäubt und leer wie er sich fühlte, sicher auch Schlaf.
Als Newt ihn heute morgen ins Bett geschickt hatte, war er nicht zur Ruhe gekommen und hatte nur die Decke angestarrt. Nicht gerade entspannend.
Die Endgültigkeit, vor der er hier stand, hatte etwas tröstliches, geradezu beruhigendes.
Möglicherweise würde sich das auf seinen Schlaf auswirken.Newt nickte mehr zu sich selbst und erhob sich von dem eiskalten Felsen.
„Keine Ursache. Lassen wir den beiden ein wenig Zeit, sich aneinander zu gewöhnen. Komm morgen früh zurück, wenn du magst.“ Er reichte Aberforth die Hand, um ihn auf die Füße zu hieven, doch er nahm sie nicht und rappelte sich eigenständig hoch.
„Gute Nacht, Aberforth.“
Aberforth verschwand ohne einen weiteren Kommentar.
Auch für Albus, der ihn neben der Treppe erwartete um zu sehen, ob er noch etwas brauchte, hatte er nur einen kurzen Seitenblick übrig.
Albus verstand ihn gut. So hatte er sich nach Adrianas Tod gefühlt. Er ließ ihn unbehelligt verschwinden und beschloss, auch diese Nacht in seinem Zimmer hier im Dorf zu verbringen. Es war in jedem Fall sicherer, wenn sie in der Nähe blieben. Newt schien zu der gleichen Einschätzung gelangt zu sein. Er bat ihn um ein wenig Zeit mit seinen Tierwesen und sicher ihm zu, nachzukommen, wenn er all seine täglichen Aufgaben erledigt hatte.
Unter gewöhnlichen Umständen hätte Albus ihm Unterstützung dabei angeboten, doch heute sah er, dass Newt seinen Freiraum brauchte und verschwand - zu seinem Leidwesen - zunächst allein ins Bett.

Als Newt eine letzte Runde durch den Koffer ging, begann sich die Anspannung dieses turbulenten Nachmittages  endlich ein wenig zu legen.
Es war beeindruckend, wie ein Tag, der so schön begonnen hatte und so wundervoll verlaufen war, ein so tragisches Ende nehmen konnte. Andererseits war er sehr erleichtert darüber, dass Aberforths Kampf damit endlich endete. Er war am Ende seiner Kräfte gewesen, das hatte er deutlich gesehen.
Natürlich war es sicher nie einfach, ein Kind zu verlieren, aber über Wochen zu beobachten, wie es jeden Tag ein wenig mehr verschwand, stellte er sich bedeutend schlimmer vor.
Albus erwartete ihn bereits sehnsüchtig Bett, als er schließlich die Treppe hinaufstieg. Er sah so müde aus, wie er selbst sich fühlte, doch er wirkte ebenso erleichtert. Das minderste sein schlechtes Gewissen darüber, dass er im Grunde froh über das Ableben eines jungen Menschen war,  ein klein wenig. Schweigend zog er sich seinen Schlafanzug an und stieg zu Albus ins Bett. Newt fühlte sich derart abgeschlagen und ausgelaugt, dass er sich nicht einmal daran störte, in Unterwäsche beobachtet zu werden.
Ob ihm das grundsätzlich etwas ausgemacht hätte wusste er nicht sicher. Bislang hatte niemand sonderlich viel Interesse daran gezeigt, ihn nackt zu sehen. Er hätte sich nicht einmal getraut einzuschätzen, ob Albus das wollte und falls ja, mit welchen Intentionen. Heute jedenfalls schien er es ganz ohne Hintergedanken zu tun und einfach sehnsüchtig darauf zu warten, dass er zu ihm ins Bett kam.
Als es endlich so weit war freute er sich darüber, in den Arm genommen zu werden. Es hatte ihm gestern gefallen und nach einem so zermürbendem Nachmittag brauchte er das. Vielleicht hätte es ihm das auch leichter gemacht New York und Paris zu verarbeiten, doch damals war er allein gewesen.
Entsetzlich allein, auch wenn er sich eingeredet hatte, dass seine Familie im Koffer war.
Es war schlicht und ergreifend nicht dasselbe, wie er sich mit der Zeit eingestehen musste.
Albus schloss ihn fest in die Arme.
Wortlos und ein wenig unruhig, als wüsste er einfach nicht mehr, was er noch sagen sollte. Newt kannte es von ihm, dass er sich tief in seine Gedanken grub, doch heute schien er nicht freiwillig an diesem Ort zu bleiben, der sich in seinem Inneren ausbreitet.
Etwas fraß ihn und auch, wenn es normalerweise Albus war, der auf ihn aufpasse und nicht umgekehrt, überkam ihn das Gefühl, heute derjenige von ihnen zu sein, der diese Aufgabe übernehmen würde.

„Was ist mit dir?“, flüsterte er und richtete sich auf.
Er brachte keinen Abstand zwischen sie und wand sich nicht zu weit  aus der Umarmung, auch wenn er sich auf den Bauch gedreht hatte, um Albus besser ansehen zu können.
„Kennst du Tage, die mehr um dich herum als mit dir im Zentrum an dir vorbeiziehen, als seist du nichts weiter als ein unbeteiligter Beobachter? An solchen Tagen wache ich erst Abends auf, wenn ich die Augen schließen will und frage mich, ob ich überhaupt das Recht hatte, glücklich zu sein.“
Newt runzelte verwundert die Stirn.
Auf seltsame Weise ergab das, was er da beschrieb Sinn und dann auch wieder nicht. Er kannte es gut, dass die Zeit an ihm vorbeirauschte und er sich dann, wenn er versuchte einzuschlafen, mit der Frage befasste, was eigentlich zwischen Sonnen auf und Untergang mit ihm passiert war. Insbesondere, wenn zu viele Reize ihn erdrückten, konnte er oft nicht alles erfassen. An jenem Tag, als Leta sich Gellert entgegengestellt hatte, war es ihm so ergangen. In dem Augenblick, in dem er Theseus zum ersten Mal seit Jahren freiwillig in die Arme geschlossen hatte, war ein solcher Moment des Aufwachens über ihn hereingebrochen.
„Jeder hat das Recht, glücklich zu sein,“ flüsterte er. „Die Welt wird nicht zu einem anderen Ort oder…besser….wenn du dir die Schuld an Dingen gibst, die jenseits deines Einflusses liegen.“
Albus seufzte leise.
Es tat zwar gut das zu hören, doch er sah das ein klein wenig anders.
Während sie Hogsmeade verlassen hatten, war sein Bruder vermutlich bereits durch die Hölle gegangen, ohne, dass er es bemerkt hätte. Wieder einmal. Es gab so viel, dass er hätte tun müssen….so viele gravierende Fehler, die er immer noch nicht korrigiert hatte…
Er wusste nicht einmal, wie es Aberforth in diesem Moment ging.
Durfte er sich da überhaupt gestatten, zur Ruhe zu kommen?
Albus hatte keine Ahnung, was diese unangenehmen, destruktiven Gedanken auslöste. Sie waren ihm in dem Augenblick gekommen, in dem er unten in der Schankstube den Teekessel aufgesetzt hatte.
Als Newt die Tür versiegelt hatte.
Als er unten im Koffer wieder seinen Platz eingenommen und sich um seinen Bruder gekümmert hatte.
Hätte er es nicht sein müssen, der all diese Dinge tat?

„Ich bin nicht sicher, ob ich diese Meinung teilen kann. Ich werde mich wohl eines Tages daran gewöhnen müssen, nicht immer die Kontrolle zu behalten.“ Besänftigend strich er Newt eine Haarsträhne aus der Stirn.
Er wollte ihn nicht beunruhigen. Es lag Albus gewöhnlich fern, seine Gefühle derart zu relativieren, doch Newt hatte heute wirklich Großes geleistet. Es war nicht richtig zu provozieren, dass er sich nun auch noch seinetwegen Gedanken machen musste. „Ist mit dir alles in Ordnung? Unser kleiner Ausflug zu Fabrizio und all das hier?“
Newt lächelte ihm aufmunternd und überaus ungeschickt gekünstelt zu. Albus gelangte unweigerlich zu der unangenehmen Erkenntnis, dass sie heute wohl beide entschieden hatten, einander zu schützen und aus einer guten Absicht heraus unehrlich wurden.
Sie wussten beide, dass Newt hoffnungslos überstrapaziert war und Albus nicht wirklich Einvernehmen mit seinen Gefühlen schließen konnte.
Vielleicht kam es darauf heute nicht an.
Vielleicht reichte es für heute einfach aus, nicht allein einzuschlafen und zu wissen, dass jemand da war.
„Es geht mir gut“, versicherte er, während er sich wieder an seine Brust schmiegte. „Du hattest recht, was Isla betrifft. Ich mag sie sehr. Sie…hat gefragt, ob ich sie im Schloss besuche.“

Albus begann, nachdenklich kleine Kreise auf seinen Rücken zu streicheln.
Es wunderte ihn kaum, dass Isla schnell einen Zugang zu Newt gefunden hatte.
Sie glänzte vor allem durch ihr Einfühlungsvermögen und ihre Toleranz.
Das war einer der Gründe, warum er sich in der Bewerbungsphase dafür eingesetzt hatte, sie einzustellen.
Ihr Motivationsschreiben hatte mit dem Satz „Je mehr wir zu einem gewöhnlichen Teil unserer Wirklichkeit erklären und in diese wundervolle Welt integrieren, desto weniger von uns verschwinden in einsamen schwarzen Löchern unter uns und werden dort vergessen“ abgeschlossen. Dieser einzelne Satz hatte ihr neben ausgezeichneten Referenzen eine Einladung verschafft, sich persönlich vorzustellen. Albus hatte sie gebeten, näher auszuführen, was sie damit ausdrücken wollte. Isla hatte es in den kommenden zwei Minuten fertiggebracht, einem Saal gefüllt mit beinahe allen ihrer ehemaligen Lehrkräfte begreiflich zu machen, warum sie davon ausging, dass etwa alle Probleme, die im Schulalltag entstanden, durch das schlichte Bestreben, die Schüler besser verstehen zu wollen, zu lösen war.
Sie war noch weiter gegangen und hatte hinterfragt, warum so viele Schüler, die an Störungen wie Lykanthropie litten, niemals eine Schulzulassung erhielten und man sich dann wunderte, wenn sie verwahrlosten und in die Kriminalität abdrifteten. Sie führte zahllose Beispiele dafür an, wie es möglich wäre, jedes Kind in den Unterricht zu integrieren. Als man sie darauf hinwies, dass dies nicht ihre vorrangige Aufgabe war, hatte sie sich in ihrem Stuhl zurückgelehnt und darauf bestanden, dass es die Aufgabe eines jeden sein sollte, der an dieser Schule beschäftigt war.
Diese offene Kritik hätte sie beinahe die Anstellung gekostet, während sie genau das war, was Albus an ihr geschätzt hatte.
Den Schulleiter hatte er letzten Endes eher mit sachlichen Argumenten wie ihren beeindruckenden pharmakologischen Fähigkeiten überzeugt.
So oder so hatte er sich durchgesetzt und dafür gesorgt, dass die Stelle mit ihr besetzt wurde.
Seit drei Jahren war Isla inzwischen in der Schule beschäftigt und auch, wenn man sie immer wieder daran erinnert hatte, dass sie keine Hauslehrerin war, kamen die Kinder mit so gut wie jedem Problem zu ihr, weil sie nie zu viele Fragen stellte und immer eine Lösung fand.
Sie war bliebt bei den allermeisten Schülern und erfüllte ihre Aufgaben stets hingebungsvoll. Albus genoss es sehr, mit ihr zu arbeiten.
Auch, wenn sie nur ein Jahr älter als Newt und damit um einiges jünger war, als erselbst, standen sie einander inzwischen recht nah.
Jemandem im Schloss Vertrauen zu können war ein gutes Gefühl und schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Nach einigen Wochen, in denen  sie ganz allein den Krankenflügel auf Vordermann gebracht und alles umstrukturiert hatte, war sie nach dem Abendessen auf dem Rückweg zu ihren privaten Räumlichkeiten plötzlich unter einer heftigen Migräne kollabiert. Er hatte sie gefunden und möglichst unauffällig zurück gebracht.
An diesem Abend hatte sie ihm von ihrer konkreten, eigenen, sehr speziellen Routine erzählt, die sie hier noch nicht hatte etablieren können.
Nach dem Quidditch-Spiel am Nachmittag hatte sie drei Schüler behandeln müssen, während ihre Mannschaftskollegen ebenfalls im Krankenflügel zugegen gewesen waren. All das hatte sie aus dem Konzept gebracht. Sie hatte das beklemmende Gefühl als ´sensorisches Überlaufen´ bezeichnet. Isla hatte ganz natürlich und selbstverständlich darüber gesprochen und schien die Tatsache, so etwas schlecht verarbeiten zu können, gänzlich als Teil ihrer Persönlichkeit anerkannt zu haben.
Je mehr Zeit er mit Newt verbrachte, desto mehr Parallelen fielen Albus auf und er war sicher, dass Isla ebenfalls bemerkte, dass sie einiges gemeinsam hatten.
Bei ihr würde er niemals eine Grenze legitimieren oder sich erklären müssen.
So etwas spürte Newt immer schnell. Dass er  schneller mit ihr warm wurde, als mit den meisten anderen, war daher keine große Überraschung.
Es schien ihn, ganz wie Albus es angenommen hatte, neugierig zu stimmen, dass ihm jemand in bestimmten Punkten ähnlich war.
Diese Erfahrung machte er immerhin nicht allzu häufig.

„Möchtest du sie denn wiedersehen?“, fragte er und hoffte, Newt möge bitte keine Eifersucht heraushören. Das war wirklich das Letzte, was er diesbezüglich transportieren wollte.
„Ich denke schon. Es könnte schön sein…“
Newt drehte sich auf den Rücken und schaute nachdenklich zu Albus hoch, der nicht anders konnte, als ihm aufmunternd zuzunicken.
„Das denke ich auch. Ich habe mich gefragt, ob es morgen an der Zeit sein könnte, wieder ins Schloss zu ziehen. Mein Bruder scheint ein wenig Zeit für sich zu benötigen. Du könntest mich begleiten,“ schlug er vor. Wenn Aberforth ihn weiterhin brauchte, das war keine Frage, würde er selbstverständlich bleiben. Realistisch betrachtet, würde er das nicht wollen. Außerdem konnte er jederzeit hierher zurückkehren, wenn er hier erwünscht war.
Newt schien an diesem Vorschlag einige Schwierigkeiten festzustellen.
„Wird das nicht auffallen?“, fragte er leise.
Natürlich wollte Newt nicht wirklich auf Albus´Gesellschaft verzichten. Ihr Abend bei Fabrizio ihm zudem vor Augen geführt, dass sich die Hölle nicht vor ihnen auftat, wenn sie ihre Beziehung auslebten. Allerdings war er nicht sicher, ob er schon bereit dazu war, Menschen die er kannte damit zu konfrontieren. Nicht, weil es Albus war, mit dem er zusammen war und sicher nicht, weil er Schwierigkeiten befürchtete, weil sie beide Männer waren. Er hatte so etwas einfach noch nie getan.
War es nicht wichtig, einige wenige Personen, die ihm nahestanden, vorab zu informieren?
Seinen Bruder zum Beispiel?
Verspürte Albus dieses Bedürfnis nicht?
„Ist das wichtig?“, antwortete er wie so oft mit einer Gegenfrage.
Ihm persönlich war ihm egal, wer sie miteinander sah. Sie waren glücklich miteinander. Das war alles, worauf es seiner Meinung nach ankam.
„Ich habe dazu ehrlich gesagt noch keine Meinung….“, wich er aus. Albus erkannte deutlich, was er da tat, doch er beschloss, jetzt nicht weiter darauf herumzureiten. Immerhin schloss er die Option, das Versteckspiel eines Tages zu beenden, nicht aus. Es war verständlich, dass er dafür noch Zeit benötigen würde. Immerhin hatte er die Erfahrung, jemanden deswegen tuscheln zu hören, noch nie gemacht. Doch da schien noch etwas anderes zu sein, dass ihn beschäftigte. Ein fragender Blick genügte, um Newt leise aufseufzen zu lassen.
„Albus? Dir ist bewusst, dass ich….irgendwann…nach London zurückkehren muss… nicht wahr?“, fragte er leise. Bounty kann das Haus nicht ewig hüten…Ein paar Tage kann ich noch bleiben aber…ich werde mich ohnehin um einiges kümmern müssen…also…vielleicht ersparen wir uns…das?“
Albus ließ ihn geduldig ausreden. Dass er sich um seine Tierwesen zu Hause kümmern wollte, war sehr verständlich. Dass er die beabsichtigte Abreise als Begründung verwendete, nicht mit zum Schloss kommen zu wollen, hielt er doch eher für eine unglaubwürdige Ausrede.
„Du könntest dennoch am Abend zurückkommen. Ich kann dich zu jeder Uhrzeit an der Grenze zu den Ländereien abholen. Ich bin recht zuversichtlich, dass wir uns organisieren werden. Auch unauffällig, wenn du vorerst Wert auf Diskretion legst.“
Newt schwieg nachdenklich und lauschte einige Atemzüge lang nur seinem Herzschlag. Wieder einmal hatte Albus ihn auf frischer Tat ertappt.
Auch, wenn er nicht direkt gelogen hatte, schämte er sich ein wenig, sich wegen etwas so Banalem übertrieben emotional anzustellen.
Noch dazu vermutlich ohne triftigen Grund. Albus warf ihm seine Unsicherheit wie üblich nicht vor, doch er fragte sich schon, warum er sich nicht ein einziges Mal zusammenreißen konnte.

„Ich denke….das geht in Ordnung,“ ergab er sich schließlich den Aussichten. Vielleicht würde er es einfach auf den Versuch ankommen lassen müssen und die Erfahrung machen, dass es vermutlich niemanden kümmern würde. So wie er es hier in den letzten Tagen auch gehandhabt hatte. Zufrieden küsste Albus seine Stirn und lehnte sich wieder in die Kissen. Je länger sie hier lagen, desto bewusster wurde ihm, wie müde er war.
Er lehnte sich weit aus dem Fenster und ging davon aus, dass es Newt sicher ähnlich ging.
„Wir sollten vielleicht versuchen, ein wenig zu schlafen,“ murmelte er. Newt nickte an seiner Brust. Er fühlte sich rastlos und unruhig, doch wenn er ehrlich war, übermannte ihn bei allem, was er versuchte zu verarbeiten, auch eine gewisse Erschöpfung. Er war zuversichtlich, dass er an Albus´Seite schlafen können würde. Auch gestern Nacht hatte er sein seltsames Sicherheitsbedürfnis meisterhaft zu bedienen gewusst. An seiner Seite hatte er sich sogar in einem ihm unbekannten Teil Londons gut gefühlt.
Dabei hatte er gar nichts weiter getan, als da zu sein. Vielleicht genügte das ja…dass jemand da war und blieb, auch wenn er sich irrational verhielt.
Er spürte, wie Albus sanft sein Kinn anhob und ihn zu einem sanften Kuss zu sich zog. Newt hatte das Gefühl, dass er lange dauerte.
Sehr viel länger als alle, die sie bisher ausgetauscht hatten.
Er schaffte es nicht mehr sich zu fragen, warum es so war, als er tief in seinem wohlverdienten Schlaf versank.

Am kommenden Nachmittag verspürte Newt eine subtile Hemmung, Isla besuchen zu gehen.
Gestern Abend war er noch zuversichtlich gewesen, Albus begleiten zu wollen, wenn er zum Unterricht ging oder sich nach dem Frühstück bei Aberforth selbst auf den Weg zum Schloss machen zu wollen. Er brachte es nicht über sich und fühlte sich blockiert, wie schon lange nicht mehr.
Schließlich redete er sich erfolgreich ein, dass Aberforth ein zweites Paar Hände gebrauchen, welches ihm half, Credence´Zimmer auszuräumen. Albus hätte er niemals darum bitten können. Newt fragte er streng genommen auch nicht. Als er an der geöffneten Tür vorbeilief und sah, wie er versuchte, die letzten Blutflecken vom Boden zu kratzen, griff sich einfach einen Schwamm und half ihm. Darüber sprechen mussten sie nicht und sie arbeiteten so lange schweigend nebeneinander, bis Aberforth schließlich einige Fragen über seine vorherige Arbeit mit Obscurialen stellte. Auch danach, wie er Credence zum ersten Mal begegnet war, fragte er. Newt erklärte ihm bereitwillig alles, was er wissen wollte und nahm ihn schließlich mit in den Koffer, um seinen Sohn zu besuchen. Anschließend redete er sich erfolgreich ein, dass es zu spät war, die Heilerin noch zu stören.
Am Abend stieß auch Albus wieder zu ihnen.
Ein wenig hatte er darauf gehofft, Newt beim Mittagessen zu treffen, doch es überrasche ihn eigentlich kaum, dass er nicht zum Schloss gekommen war. So positiv er gestern auch von Isla gesprochen haben mochte - neue Freunde zu finden war etwas, dass ihm schwerfiel. Er sprach ihn nicht darauf an.
Wenn er bereit war, würde er schon kommen. Isla schien das instinktiv zu wissen, denn sie erkundigte sich nicht nach ihm und versuchte auch nicht anzuregen, dass Albus mit ihm darüber sprach. Albus verwarf ihren gestern gefassten Plan, gemeinsam im Schloss unterzukommen für den Moment. Auch, wenn Aberforth im Moment keine tiefgründigen Gespräche mit ihm zu suchen schien, tat ihm Newts Gesellschaft im Moment augenscheinlich sehr gut. Allein dass er sie zuließ, wertete er schon als enormen Fortschritt. Albus sagte er nur jeden Abend, dass es keinen Grund gab, ihn zu bemuttern. Etwas schien Newt so zu tun, dass er dieses Gefühl bei ihm niemals verspürte. So oder so war es ein gutes Gefühl, ihn nicht allein zu lassen, weil sie nicht miteinander sprechen konnten und in dem Wissen zu gehen, dass jemand auf ihn acht gab.
Sie behielten ihr aktuelles System, in Hogsmeade zu übernachten, daher für den Moment bei.
Albus störte sich nicht weiter daran .
Er hatte es nicht eilig und so lange sie sich alle gut damit fühlten, konnte es ihm nur recht sein.

Ehe Newt es sich versah, war auch diese Woche an ihm vorbeigezogen. Die Zeit verflog unlängst schneller, wenn man so glücklich war, wie er zum vielleicht ersten Mal in seinem Leben feststellen durfte.
In seiner eigenen Wahrnehmung hatte er dazu keinen sonderlich großen Beitrag geleistet.
Albus machte es ihm leicht und gestaltete alles so unkompliziert er nur konnte. Es halrf Newt sehr, sich auf ihn verlassen zu können. Albus kam es vor, als würde er sich bei jedem Aufeinandertreffen ein wenig mehr entspannen und das Bedürfnis, Dinge vor ihm zurückzuhalten, langsam abzubauen.
Insgesamt taute er mehr und mehr auf. Das erkannte Albus auch an der Art und Weise, wie er mit seinem Bruder umging. Manchmal unterhielt er sich sogar mit unbekannten Gästen in der Schankstube, wenn er am Abend in den Eberkopf zurückkehrte. Eine enorme, bemerkenswerte Veränderung.
Als Albus sich eines Morgens erneut früh auf den Weg zum Schloss begeben wollte, stand Newt tatsächlich mit ihm auf und informierte ihn darüber, dass er am Nachmittag mit Isla verabredet war.
Er nahm es erfreut zur Kenntnis und bemühte sich, nicht zu überschwänglich zu reagieren. Dennoch bestärkte er Newt in seinem Vorhaben, was ihn immerhin ein wenig zu ermutigen schien. Als er sich am Nachmittag überwand, seinen Mantel überzuziehen und Picket in die Tasche klettern ließ, verspürte er ein wenig Nervosität, doch immerhin ging er zu dem Ort, an dem Albus war. Wenn wider Erwarten seine Hilfe brauchen würde, war er ganz in der Nähe.  Newt verließ die Straße und bog auf den kleinen Pfad ein, der am verbotenen Wald entlang zum Schloss führte. Er bevorzugte diese ruhige, menschenleere Route. Immer wieder beschwor er sich, die Ruhe zu bewahren und sich nicht jetzt schon damit rückzuversichern, dass Albus ihn im Ernstfall retten würde.
Sie sollte sich ein solcher Ernstfall überhaupt darstellen?! Wenn Isla sich nicht spontan in einen Vampir verwandelte und ihn in die Schule lockte, um ihn aufzufressen, bestand realistisch keine Gefahr. Es war eine ganz banale, harmlose Einladung.  
Newt probierte, das Unterfangen möglichst rational zu betrachten.
Es gab jemanden, der Interesse daran zeigte, sich mit ihm zu treffen. Eine Person, die ihm auf den ersten Blick sehr nett vorgekommen war. Vielleicht sollte er wirklich versuchen, seine Voreingenommenheit abzulegen und nicht so paranoid und misstrauisch zu sein.
Als er nach seinem kurzen Spaziergang zum Schloss die Eingangshalle betrat, fühlte er sich schon weniger angespannt. Ob es an dem gewohnten Umfeld lag, daran, wie lange er sich schon auf diesen Besuch vorbereitet hatte oder daran, dass er es schaffte, seine Vorsätze, weniger verrückt zu sein, in die Tat umzusetzen, wusste er nicht, doch insgesamt, das konnte er sicher sagen, fühlte er sich wohl in seiner Haut.
Zielstrebig begab er sich in den ersten Stock und betrat zum ersten Mal seit über zehn Jahren den Krankenflügel.

„Newt! Schön, dich zu sehen.“ Isla wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und zog den Vorhang, der sie bisher verborgen hatte, geräuschvoll zurück.
Sie trug ein sonnenblumengelbes Strickkleid und braune Schuhe mit sehr kleinen Absätzen, die dennoch erheblichen Lärm verursachten. Ihre roten Locken hatte in seinem unordentlichen Knoten gebändigt, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten. Hätte Newt nicht gewusst, in welches Haus der sprechende Hut sie einsortiert hatte, wäre es ihm spätestens in diesem Augenblick bewusst geworden.
„Woher wusstest du, dass ich es bin?“, fragte er verwirrt. Immerhin hatte er bisher kein Wort gesagt.
„Du hast einen ziemlich besonderen Laufstil. Deine Füße kommen immer seitlich auf. Das ist ein sehr besonderes Geräusch,“ klärte sie ihn auf. Newt zuckte mit den Schultern. Das war ihm noch nie aufgefallen, aber wenn es wirklich so besonders war, ergab es vermutlich Sinn, dass sie es gehört hatte.
„Tee?“
Newt nickte schweigend und folgte ihr in den angrenzenden Wohnraum. Hier war er noch nie gewesen. Die wenigen Male, die er zur Schulheilerin gemusst hatte, war er direkt in eines der quietschenden Metallbetten gesteckt worden. Einladend deutete sie auf eine Sitzecke, die der in Albus Büro ähnelte. Jedenfalls prinzipiell. Sie hatte sich lediglich für gelbe Sitzkissen anstelle von scharlachroten Polstern auf den Holzstühlen entschieden.
„Entschuldige. Ich habe lange gebraucht, um herzukommen,“ murmelte er schuldbewusst. Isla schaute kurz von ihrem Teekessel auf, winkte dann aber gutmütig ab.
„Schon in Ordnung. Ich bin sicher, das hatte seine Gründe. Wie geht es Aberforth?“, erkundigte sie sich. Auch, wenn Albus ihm immer wieder von seinen Schwierigkeiten mit seinem Bruder berichtet hatte und sie bestätigen konnte, wie mürrisch er manchmal war, schätzte sie seine Gesellschaft. Er war besonders. Insbesondere darin, sich nicht leicht aus der Ruhe bringen oder abschrecken zu lassen. Ihr System beim Arbeiten hatte er nie so richtig durchschaut, doch das schien ihn nicht gestört zu haben. Im Gegenteil. Sie hatten sich nach Credence´Zerfall noch zweimal getroffen und sich immer noch genug zu erzählen gehabt.
Heute hatte sie noch nichts weiter von ihm gehört. Zum Glück saß sie, was Informationen betraf, bei Newt direkt an einer Quelle, die weniger emotional mit dem Sachverhalt verfuhr als Albus. Sie ging davon aus, dass die wenigen Dinge, die er ihr erzählt hatte, nur die Spitze des Eisberges waren.
Was sie wusste genügte ihr, um ihn nicht auf Aberforth anzusprechen.
Newt teilte dieses Problem offensichtlich nicht.

„Besser, denke ich,“ mutmaßte er. „Er besucht Credence oft. Ich glaube, es hilft ihm, dass er ihn regelmäßig sieht.“ Newt hatte jedes Mal, wenn Aberforth die Treppe hinunterkam, im ersten Moment das Gefühl, dass er sich schwertat und es dann mit jeder Minute ein wenig leichter für ihn wurde, sich den Tatsachen zu stellen. Ein wenig, als würde er diesen Prozess jeden Tag erneut beginnen und sich immer wieder vor Augen führen zu müssen, was geschehen war.
Dieses Gefühl kannte er gut. Er brauchte ebenfalls immer eine Weile, um sich an sein Umfeld anzupassen und wenn etwas daran ihm nicht passend vorkam und ihn irritierte, konnte es sogar vorkommen, dass er Mühe hatte sich in seinem eigenen Keller zurechtzufinden.
Bounty hatte einmal Gehege umstrukturiert, ohne sich vorab mit ihm abzusprechen. Sie hatte im Sinne der Tierwesen gehandelt und die einzig richtige Entscheidung getroffen, doch er hatte drei Tage lang Körbe mit Futter fallen lassen, weil er dort, wo er einen Felsbrocken erwartete, keinen mehr fand. Aberforths Thema war sehr viel emotionaler und es war sehr verständlich, dass er da seine Zeit brauchte.
Isla schien das ähnlich zu bewerten.

„Jeder trauert anders. Und wenn sein Weg ist, regelmäßig zu kommen und ihm das hilft…“, sie zuckte mit den Schultern und ließ den Satz unvollendet im Raum schweben. Newt konnte nicht sagen warum, aber es stresste ihn, nicht zu wissen, wie dieser Satz enden sollte. Er blinzelte mehrfach und spürte, wie seine Wangen rot wurden. Lange hatte er gar nicht gewusst, dass er das tat, bis Theseus ihn irgendwann darauf angesprochen hatte. Danach hatte er eine ganze Woche nicht mit ihm gesprochen, auch wenn er es nur gut gemeint hatte.
Er wusste nach wie vor nicht, wie es dazu kam, doch wenn er nervös wurde, kam diese kleine, lästige Sache immer wieder zum Vorschein. Dann half es, etwas mit seinen Händen in seinen Haaren zu tun, da sich so unauffällig sein Gesicht verbergen ließ. Nervös strich er sie zurück und rang sich ein Lächeln ab.
„Scheinbar tut es das, ja,“ murmelte er. Isla lächelte freundlich zurück.
„Gut. Und wie geht es dir?“
Newts Lächeln verschwand. Er sprach wirklich nicht gern über sich. Etwas, dass Isla nicht wissen konnte und die Frage war an sich normal. Doch was sollte er dazu sagen? Dass es ihm schwergefallen war, herzukommen, konnte er ihr immerhin schlecht auf die Nase binden. Auch wenn sie nett wirkte, war er nicht sicher, wie sie das aufnehmen würde. Also entschied er sich kurzerhand für die sozial anerkannte Antwort.
„G-gut….“
Islas Augen bekamen einen angriffslustigen Glanz.
„Warum macht dich die Frage nervös?“, fragte sie. Einfach so, gerade heraus. Newt wich irritiert ein Stück zurück, doch sie hielt seinem Blick ungerührt stand.
„Niemand möchte diese Frage ehrlich beantwortet bekommen…Ich möchte aber nicht näher auf das ´warum´eingehen…es ist kompliziert….“ Isla sah sein linkes Bein nervös auf und ab wippen, während er erneut zu blinzeln begann. Newt hoffte, dass er nun alle möglichen Rückfragen im Keim erstickt hatte. Es war schon schwierig genug zuzugeben, dass er kompliziert war und er ein Thema gern aussparen wollte.
Bei Albus traute er sich inzwischen, ungezwungen und offener zu sprechen, was ihm auf dem Herzen lag, doch so gut kannte er Isla einfach noch nicht.
„Ich finde das nicht kompliziert. Schon gut. Soll ich das hin und her ein wenig abkürzen und dich erlösen? Ich habe dich nicht eingeladen, weil ich versucht habe zu flirten,“ informierte sie ihn. Nicht, um ihn bloßzustellen, sondern um sicherzugehen, dass er aufhören konnte, darüber nachzugrübeln. Newts Lippen verzogen sich erneut zu einem unsicheren Lächeln.
„So offensichtlich?“, fragte er und beobachtete sehr angestrengt, wie die Teekanne herbei schwebte, um seine Tasse zu füllen. Islas Offenheit machte es ihm ein wenig leichter, Vertrauen zu fassen. Sie schien nicht die Sorte Mensch zu sein, die sich vorschnell ein Urteil bildete, ohne die Dinge zu hinterfragen.
Seine größte Sorge war gewesen, dass sie sich anschließend mit vielen Fragen zu seinem ungewöhnlichen Verhalten an Albus wenden würde und er ihn so in Erklärungsnot brachte. Welcher Art ihre Beziehung war, hatten sie zwar niemandem auf die Nase gebunden, doch dass sie einander nahestanden, war vermutlich ziemlich offensichtlich.
„Ziemlich, ja.“ Isla schlug die Beine übereinander und nickte deutlich in seine Richtung. „Keine Sorge. Ich komme Albus sicher nicht in die Quere.“
Newt verschluckte sich an seinem Tee und hustete sich mindestens die halbe Tasse ins Gesicht. Ungerührt reichte Isla ihm eine Serviette.
„O-Oh M-Merlin das…das tut mir leid….,“ stammelte er und betrachtete die zahllosen Tropfen, die er in seinem kleinen Schockmoment quer über den Tisch und den Boden verteilt hatte. Isla schwang ihren Zauberstab und trocknete ihr Mobiliar und ihren Boden. Was machte schon Tee auf dem Boden? Sie winkte die Kanne herbei, damit sie Newts Tasse nachfüllte.
„Oh, Liebes. Wenn ihr versucht sicherzustellen, dass es unter euch bleibt, würde ich euch raten, beim nächsten Mal nicht Händchen zu halten, während ihr einen Bannkreis beschwört,“ riet sie gutmütig. Ein wenig unterhalten fühlte sie sich schon, wenn sie sich Newts fassungsloses Gesicht so besah. Was hatte er erwartet? Dass es nicht aufgefallen war? Nicht, dass sie sich daran gestört hätte. Sie wünschte Albus schon lang jemanden an seiner Seite, der ihn glücklich machte und es wunderte sie nicht, dass Newt dazu in der Lage war.
Selbst, wenn sie die beiden nicht miteinander erlebt hätte, wäre ihr schnell aufgefallen, wie viel zufriedener Albus in letzter Zeit wirkte. Er hatte ihr immer mal wieder von jemandem erzählt, mit dem er ausging, doch das hatte nie ernst gewirkt oder ihm viel sichtliche Zufriedenheit verschafft. Mit Newt schien das anders zu sein. Allein deswegen schon war sie neugierig, was für ein Mensch er war.
Sein Einsatz für Credence und seine Fürsorge auch seinem Vater gegenüber hatte genügt, um ihr die Gewissheit zu verschafften, dass sie ihn mögen würde.
Dieser Eindruck bestätigte sich zunehmend.
Newt verfluchte sich indes  selbst dafür, dass er so gedankenlos gewesen war, nach Albus´Hand zu greifen, um auf sich aufmerksam zu machen. Diese Geste war in der Tat nicht sonderlich platonisch. Ob er Albus sagen musste, dass Isla es herausgefunden hatte und er ihr nicht glaubwürdig widersprochen hatte?

„Jetzt schau nicht als sei das etwas Schlechtes. Es ist doch schön, wenn ihr glücklich und zufrieden seid.“
„Das ist es nicht…können wir bitte das Thema wechseln?“, bat er leise. Eigentlich war er immer davon ausgegangen, dass er nicht gern über sich selbst redete. Er wurde gerade eines Besseren belehrt. Über sich und Albus wollte er noch weniger sprechen. Vor allem nicht so lange er nicht wusste, ob es Albus recht war.
„Ja, natürlich. Worüber?“
Isla sah deutlich, dass er sich unbehaglich fühlte und das Gespräch ihn zunehmend belastete. Sie kannte diese Augenblicke selbst. Besonders mit Fremden, deren Erwartungen ihr nicht bekannt waren, empfand sie nicht selten den gleichen Druck. Ihn das Thema bestimmen zu lassen und ihm die Wahl zu lassen, womit er sich wohler fühlte, erschien ihr wie ein guter Ausweg.
„Vielleicht darüber, warum ich hier bin?“, schlug er vor. „Immerhin haben wir romantische Intentionen ausgeschlossen. Du sagtest, es gäbe etwas, dass du mir zeigen möchtest?“
Isla brummte zustimmend in ihre Teetasse und stellte sie ab. Ihr Gesicht spiegelte viel Enthusiasmus, als sie aufsprang.
„Richtig. Warte hier….“
Newt schaute ihr nach, während sie in den Nachbarraum verschwand. Etwas hatte Isla an sich, dass er sehr schätzte. Es ergab Sinn, dass Albus so freundschaftlich und zugewandt mit ihr umgegangen war, wenn er sie zusammen gesehen hatte. Ein wenig besorgt darüber, dass sie ihn so einfach durchschaute, war er dennoch. Hoffentlich würde Albus es ihm nicht übelnehmen, dass seine Unachtsamkeit sie enttarnt hatte. Besonders da er selbst derjenige gewesen war, der sich so sehr angestellt hatte, als Albus in London seine Hand hatte halten wollen.
„Hier ist es…,“ murmelte Isla und strich einen Zeitungsausschnitt glatt. Es handelte sich offenbar um eine Muggelzeitschrift.
Auf der Rückseite, die Newt von seinem Platz aus gut sehen konnte, war ein Bild von einer Biene auf einer Sonnenblume abgedruckt, die sich nicht bewegten. Die Schlagzeile darüber war halb abgeschnitten, doch er war sich ziemlich sicher, das Wort ´Bienenstock´noch nie gehört zu haben. Es klang nicht englisch. Isla tippte mit ihrem Zauberstab auf das dünne Papier. Die Buchstaben begannen zu verschwimmen und sich schließlich in eine Sprache zu übersetzen, die auch er verstehen konnte. Zögernd nahm er den Artikel entgegen und begann zu lesen.
Seine Pupillen weiteten sich erschrocken, als ihm die Worte ´neuartige Störung´und ´Facharzt für Psychiatrie´ins Auge fielen.
Warum bei allen verwunschenen Schwertern in Steinen hielt sie das für etwas, dass er dringend lesen sollte?!
„Ich musste an dich denken, als ich den Artikel gesehen habe,“ erklärte sie zu allem Überfluss.  Als Newt den Zettel mit vor Entsetzen geweiteten Augen fallen ließ und aufsprang, als stünde sein Stuhl in Flammen, ging ihr auf, dass diese Formulierung möglicherweise nicht allzu klug gewählt gewesen war.
„D-das stimmt nicht. I-ch bin nicht….ich bin nicht….verrückt…“, stotterte er verwirrt. Isla hob beschwichtigend die Hände.
„Das habe ich nie gesagt. Psychiater erforschen auch gesunde Menschen und…“
Newt konnte sie nicht hören. Die Wände schienen sich um ihn zusammenzuziehen und unaufhaltsam näherzukommen. Schließlich schienen sie auch seinen Brustkorb zu zerquetschen und den letzten Rest Lust aus ihm herauszupressen. Isla beobachtete, wie er schon zum dritten Mal binnen Sekunde die Gesichtsfarbe änderte.
„N-nein. Da steht…etwas ü-über eine Krankheit. Ich bin so nicht…I-ich bin nicht….“
Mühsam presste er die Lider zusammen und öffnete die Augen wieder, doch es half nicht. Er sah den Raum und auch Isla nur noch verschwommen.
Es dauerte einige mühsame Atemzüge, die ihm kaum Sauerstoff einzubringen schienen, bis er verstand, dass er weinte.
„Newt….ich…“, unternahm sie einen weiteren Versuch, doch sie sah ein, dass sie nicht durch diesen Schleier der Hysterie dringen können würde. Eine Panikattacke wie diese würden sie nur aussitzen können und hoffen, dass sie schnell vorübergehen würde.
In der Hoffnung, die kalte Luft möge ihn aus diesem schlechten Film herausziehen, öffnete sie ein Fenster.
„Nein…I-ich muss….“
Ohne seinen Mantel mitzunehmen, verschwand Newt mit unkoordinierten Schritten im Treppenhaus. Innerlich verfluchte Isla ihre ungeschickte Kommunikation und schaute nachdenklich auf den Zeitungsausschnitt, den Newt in seiner Panik ein wenig zusammengeknüllt hatte.

Sie selbst war zufällig über diese Studie gestolpert und las die Publikation seit dem beinahe täglich. Es tat gut zu hören, dass sie nicht die einzige war, die mit gewissen Defiziten kämpfte und sich derer auch in dreißig Jahren nie hatte entledigen können. Ihre kommunikativen Fähigkeiten, die sie gerade eindrücklich unter Beweis gestellt hatte, waren ein außerordentlicher Beleg für diese Tatsache.
Der entscheidende Punkt war, dass nichts von den Auswirkungen, die sie bei sich wahrnahm, in diesem Schriftstück negativ dargestellt waren oder als pathologisch und behandlungsbedürftig eingeschätzt wurden. Vieles wurde…normalisiert.
Und wirklich normal hatte sie sich nie zuvor gefühlt.
Der Gedanke, dass Newt diese Informationen eventuell anders aufnehmen könnte als er selbst, war ihr leider im Vorfeld nicht gekommen. Immerhin hatte sie ihm wirklich nicht vermitteln wollen, dass ihr etwas an ihm unangenehm aufgefallen war oder krankhaft auf sie gewirkt hatte. Nachvollziehen konnte sie seine heftige Reaktion daher immer noch nicht wirklich, doch es spielte auch keine Rolle, warum es so gekommen war.
Die zentrale Frage, die sie sich nun stellte,  war, wie sie nun damit umgehen sollte, dass er einem Nervenzusammenbruch nahe ohne Mantel auf dem Schulgelände herumlief.
Isla erwog es, ihm nachzugehen und das offensichtliche Missverständnis gleich aus der Welt zu schaffen, doch sie verwarf den Gedanken schnell wieder.
Wenn Newt sie hätte sehen wollen, wäre er ihr vermutlich nicht weggelaufen.
Also steckte sie den Zeitungsartikel ein und machte sich schnurstracks auf den Weg zu Albus´Klassenzimmer.
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