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Ein neuer Anfang

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Newt Scamander
23.05.2022
04.08.2022
16
134.191
12
Alle Kapitel
26 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
23.05.2022 6.167
 
Guten Tag :)

Ich hatte mal Bock auf was neues und habe einfach drauf los geschrieben.
Das war vor etwa 120 Seiten...ich habe ein Problem :D
Ich bin sehr erfreut über jeden der klickt, sternt, favorisiert oder kommentiert. Anregungen (oder konkretere Wünsche)  nehme ich in Review oder PN Form immer gern entgegen und versuche alles einzubauen.
Bisher hat das meistens geklapt.

Ich lege den Uploadtag icht weiter fest,  denke aber ich werde etwa ein Kapitel pro Woche fertigstellen.

Im Verlauf werde ich.....expliziete...Szenen nicht vorab ankündigen. Die Geschichte ist  mit einem 18ner Rate versehen, ich meine das durchaus ernst. Die Szenen sind immer in größere Kapitel integriert und damit vermutlich schwer zu ignorieren. Auch auf Spoiler werde ich nicht gesondert hinweisen. Ich halte mich nah an die Ereignisse aus Fbawtft 3 :)

Joa. Mehr habe ich eigentlich ersteinmal nicht anzumerken.

Viel Spaß mit dem ersten Kapitel!

Liebe Grüße,

Victoria





„H-Hallo? Albus?“

Newts Stimme klang selbst in seinen eigenen Ohren dünn und kraftlos,  als er leise gegen die Tür pochte. Das begründete sich in mehreren Dingen gleichzeitig.
Zum einen fühlte er sich nach diesem wirklich langen, anstrengenden Tag jetzt schon schrecklich erschöpft. Jacobs und Queenies Hochzeit hatte ihn sehr ausgelaugt. Besonders die kurze Ansprache, die er in seiner Funktion als Trauzeuge  pflichtbewusst hatte halten müssen, machte ihn schon seit mindestens drei Tagen mürbe. Als es schließlich so weit gewesen war, hatte er sich eigentlich recht passabel geschlagen. Jedenfalls war das die Rückmeldung, die er im Nachhinein erhalten hatte. So richtig vorstellen konnte er sich das eigentlich nicht, aber nun war es ohnehin zu spät gewesen, etwas daran zu ändern.
Im Endeffekt hatte er sich diesen Stress sogar vollkommen umsonst gemacht, denn Jacob hatte ihm in einem ruhigen Moment eröffnet, wie sehr ihn die Tatsache, dass er etwas vorbereitet hatte, überrascht hatte.
Tatsächlich hatte niemand damit gerechnet, was ihn zusätzlich irritierte und verunsicherte.
Zum anderen wollte er Albus schlicht und ergreifend nicht stören, weil er davon ausging, seine Privatsphäre zu verletzen. Das war wiederrum eindeutig konträr zu seinem Anliegen war, ihn zu sprechen und durch lautes Anklopfen auf sich aufmerksam zu machen.
Newt war nicht einmal wirklich sicher, ob er überhaupt hier sein wollte, doch er hatte den Eindruck, dass es wichtig war und er konnte es nun war es zu spät für einen Rückzieher.

Man hatte ihn im Schloss darüber informiert, dass Albus sich bei seinem Bruder aufhielt.
Eigentlich war das keine sonderlich große Überraschung, bedachte man die allgemeinen Umstände, doch es wäre Newt leichter gefallen, wenn er nur Albus hätte begegnen müssen.
Einem mürrischen, übellaunigen Aberforth gegenüberzustehen, stand nach einem ohnehin schon anstrengenden Tag nicht gerade weit oben auf seiner Wunschliste. Seine neu entdeckte Vaterrolle und die Aussicht, dass sein Sohn bereits schwere Symptome des körperlichen Verfalls zeigte, obwohl sie einander gerade erst kennengelernt hatten, war gleichermaßen tragisch als auch ein verständlicher Grund, warum Aberforth ihm noch mäßiger gelaunt die Tür öffnete, als Newt es gewohnt war. So bitter hatte er den Bruder seines Freundes noch nie erlebt.
Es erfüllte Newt mit unbändiger Hilflosigkeit, was er am wenigstens aushaltbar fand. Der Fall war zu seinem Leidwesen sehr klar: Er konnte schlicht nichts tun.
Seine Forschung an Obscurialen hatten diverse Regierungen so rigoros unterbunden, dass er kaum klüger war als vor fünf Jahren. Nach wie vor gab es keine richtige Behandlung für diese parasitäre Situation, die er bis dato nicht einmal richtig kategorisieren konnte.  Es war wirklich verzwickt. Zu allem Übel war die auffordernde, verzweifelte Miene, mit der Aberforth ihn einließ, nicht einmal das einzige enttäuschte Gesicht, in das er heute geblickt hatte.
Vor seiner Abreise hatte Tina ihn so ähnlich angesehen.
Warum wusste er nicht.
Er war immerhin so lang auf Jacobs Hochzeit geblieben, wie er es höflicherweise hatte tun müssen. Gedanklich war er jedoch beinahe die ganze Zeit über bei Albus gewesen.
Bei ihrem Gespräch vor der Bäckerei, den Ereignissen der letzten Wochen.
Auch bei Gellert.
Albus hatte ihm nie alles erzählt und viele Details diese Beziehung betreffend verschwiegen, was selbstverständlich sein gutes Recht war. Newt war allerdings nicht sicher, wie es für ihn ausgehen würde, wenn er sich jetzt zu sehr zurückzog und versuchte, alles mit sich selbst auszumachen.
Er hatte bis zum Schluss gehofft, dass Albus noch zu ihnen kommen würde. Jacob hatte ihn ganz selbstverständlich eingeladen, auch wenn er nicht wirklich mit seinem Erscheinen gerechnet hatte.
Und das, obwohl er beinahe schon da gewesen war.
Schließlich hatte Jacob ihm aufmunternd auf die Schulter geklopft und ein verständnisvolles „Ich glaube, du musst jetzt los,“ gemurmelt, als Newt begonnen hatte, immer länger und immer nachdenklicher aus dem Schaufenster der Bäckerei auf Albus´ Fußspuren zu starren, die langsam im Schnee verschwanden.
Jacob kannte ihn gut und akzeptierte alles, was er tat, sagte oder zurückhielt. Newt vermutete, dass es deswegen so gut funktionierte, mit ihm befreundet zu sein.  
Er war schlicht unkompliziert.
Sein Verständnis, selbst über eine verfrühte Abreise an seinem eigenen Hochzeitstag, hatte Newt sehr dankbar zur Kenntnis genommen und war sofort aufgebrochen.
Kurz hatte er das sogar bereut.
Stellenweise hatte er die Unterhaltungen sogar genießen können und er mochte jeden der wenigen Gäste.
Doch er hatte sich kaum richtig darauf einlassen können, denn er verstieg sich in seinen Gedanken um seinen ehemaligen Lehrer und inzwischen langjährigen Freund und geriet so sehr ins Grübeln, dass er immer wieder den Faden verlor.
Es wurde von Minute zu Minute schwerer, beim Thema zu bleiben, was ihm ohnehin nie leicht fiel.
Er befasste sich stattdessen intensiv mit der Frage, ob es ihm überhaupt zustand, sich einzumischen und Albus aufzusuchen.
Dann hatte er sich tatsächlich überwunden es zu tun, nur um dann zu hören, dass es ihm wohl schlechter ging als angenommen.
Es kam Newt wie die einzig logische Erklärung vor, wenn er freiwillig zu Aberforth ging und sich dort einquartierte.
Die Brüder pflegten immerhin ein sehr angespanntes Verhältnis und auch, wenn sie gerade ein wenig enger zusammenrückten, klaffte ein Abgrund zwischen ihnen, den auch Credence nicht füllen würde.
Der Verlust ihrer Schwester hatte einen Keil zwischen sie getrieben und eine jahrelange, machtlos, unausweichliche Stille verursacht, die wie dicker Nebel über ihnen hing. Manchmal fragte Newt sich, ob sie nicht einfach wieder damit aufhören konnten, einander so stiefmütterlich zu behandeln, doch da er und Theseus oft nicht besser gewesen waren, erlaubte er sich besser kein Urteil.

Aberforth hatte ihn wortlos hereingewunken und nach oben zu Albus´ Zimmer geschickt.
Auf die Frage wie es Credence ging, hatte er nur den Kopf geschüttelt. Newt hatte gesehen, dass er den Tränen nah war und beschloss, sich intensive Gedanken darüber zu machen, wie er dem Jungen helfen konnte. Wenn auch nur mit den Symptomen. Irgendetwas würde er sich schon einfallen lassen. Aberforth hatte den Vorschlag, dass er später nach ihm sehen würde, mutmaßlich gleichgültig abgenickt und war verschwunden.
Hier war er nun und fragte sich, ob es wirklich richtig war, hergekommen zu sein.
Nur wenige Augenblicke nach dem Newt seine Anwesenheit durch das Anklopfen kundgetan hatte, öffnete Albus die Tür einen Spalt breit.
Als er sah, wen er vor sich hatte, noch ein wenig weiter und musterte ihn gelinde gesagt überrascht.
„Newt. Bitte, komm nur herein. Entschuldige die Aufmachung. Ich habe so spät keinen Besucher erwartet.“

Albus winkte seinen Morgenmantel zu sich. Es kam nicht oft vor, dass er gestört wurde. Wenn ihn jemand in der Schule zu so später Stunde aufsuchte, handelte es sich gewöhnlich um einen akuten Notall und wenn er davon ausging, dass jemand wirklich seine Hilfe benötigte, hielt er sich nicht damit auf, sich vollständig anzuziehen. Immerhin trug er meistens einen Pyjama. Deutlich fuhr er sich mit der Handfläche über die Augen und ließ die Arme in die Ärmel des seiner Meinung nach erforderlichen Kleidungsstückes gleiten.
Er hätte sich beides sparen können.
Die Maskerade des beinahe schlafenden Mannes nahm Newt ihm jedoch keine Sekunde ab. Er war wach. Eindeutig sehr wach und aufgewühlt.
Er beschloss, Albus diesen Eindruck nicht mitzuteilen.
Vermutlich wäre das unhöflich gewesen.
Ein Morgenmantel überzeugte ihn allerdings ebenso wenig, wie das theatralische Augenwischen.
Newt trat zu ihm herein und schloss die Tür hinter sich. Nun war er erst recht verunsichert.
Er persönlich fand spontane Besuche, mit denen er nicht gerechnet hatte, meistens eher lästig.
Allerdings hatten sie immerhin eins gemeinsam: Er hatte sich auch nicht an diesem Ort erwarte und war gänzlich unvorbereitet.
Deswegen trug er jetzt einen schrecklich unbequemen Anzug, der nicht zu seinen Stiefeln passte.
Je länger er so dastand und darauf wartete, dass Albus etwas sagte – irgendetwas – desto mehr fielen ihm all die kleinen Stellen auf, an denen dieser Anzug ihn einengte.
Albus bekam sein Unbehagen nur am Rande mit.
Er war zu beeindruckt, wie anders Newt wirkte, wenn er sich weniger zweckmäßig kleidete.
Bereits in New York war ihm aufgefallen, wie gut ihm gedeckte Farben und klassischere Schnitte standen. Nicht, dass etwas gegen seine heißgeliebte, wenngleich eigenwillige gelbe Weste gesprochen hätte…Albus blinzelte, als ihm auffiel, wie lange er Newt schon anstarren musste.
Er öffnete gerade den Mund, um den für seinen Besucher sicher inzwischen unangenehm langen Augenblick der Stille zu durchbrechen, als Newt ihm zuvorkam.

„E-Entschuldige die Störung…,“ murmelte er. Albus lehnte sich mit fragender und zugleich neugieriger Miene gegen den Kaminsims. Bei seinen Worten verzogen sich seine Lippen zu einem warmen Lächeln. Newt fühlte sich gleich ein wenig willkommener. Das tat gut, denn Aberforth hatte ihm nicht unbedingt den Eindruck vermittelt, dass er erfreut darüber war, ihn zu sehen.
„Nicht doch. Du störst mich nie,“ versicherte er. „Kann ich dir eine Tasse Tee anbieten?“
Newt schaute sich um. Nirgendwo war ein Kessel zu sehen. Oder Tee. Es würde also Umstände bereiten.
„Nein, vielen Dank.“
Albus musterte seinen Gast nachdenklich. Es interessierte ihn sehr, was Newt dazu veranlasst hatte, noch heute anzureisen, um ihn zu sehen. Normalerweise trafen sie einander eher zufällig oder er veranlasste ihre Begegnungen. So viel Initiative war er von seinem ehemaligen Schüler nicht gewohnt.
Es gab sicher einen triftigen Grund für seinen Besuch und er war gespannt darauf, worin dieser Grund bestand. Abgesehen davon, dass er die Situation als ungewöhnlich bezeichnen würde, freute er sich natürlich in der Tat sehr, ihn zu sehen. Newts Gesellschaft war unkompliziert und er war überaus loyal, was für die wenigsten Menschen galt.
Und das waren nur zwei der unzähligen Gründe, warum er sich nicht gescheut hatte, ihn um Hilfe zu bitten, als er sie so dringend gebraucht hatte.

„Also schön. Bitte, setz dich doch,“ bot er an und deutete auf den Stuhl. Den einzigen Stuhl. Das Zimmer zeichnete sich nicht gerade durch sonderlich einladende Ausstattung oder viel Mobiliar aus, doch da Albus selten herkam, störte es ihn nicht. Newt winkte ab und hob den Koffer auf Augenhöhe.
„Eigentlich dachte ich, du willst sie vielleicht besuchen. Das…das Qilin – Mädchen,“ schlug er vor. Es war nicht sein Stil, sich gegenüberzusitzen und anzustarren, während man sich unterhielt. Damit fühlte er sich nie sonderlich wohl. Möglicherweise ging es Albus genauso.
Er bewies, wie es sich herausstellte, in diesem Fall den richtigen Riecher. Albus´ Miene hellte sich für einen kurzen Moment auf und verschloss sich gleich wieder.
Alles an dem Jungtier erinnerte ihn an Gellert.
Nicht, dass es notwendig gewesen wäre, ihn zu erinnern.
Newt zu Liebe würde der Bitte, die er eigentlich als freundlich gemeintes Angebot formuliert hatte, entsprechen. Er hatte es nett gemeint und ihn durch Ablehnung bloßzustellen wäre in Anbetracht der Tatsache, dass er extra hergekommen war, unhöflich gewesen.
Es hätte Newt nur unnötig irritiert.
Also lächelte er ihm zustimmend zu und nickte.
„Das würde ich sehr gern. Wie hast du sie genannt?“, erkundigte er sich, als Newt den Koffer auf den Boden legte und vorsichtig öffnete.
Ein unschuldiges Lächeln zuckte über Newts Lippen, während er zu Albus hinauf blinzelte. Er kannte ihn inzwischen wirklich gut.
„Annabelle.“
Albus unterdrückte das wachsende Bedürfnis, Newt in den Arm zu nehmen.
Das war ein sehr passender Name für das hübsche Wesen mit den riesigen Augen und es war sehr typisch für ihren Ziehvater, dass er etwas gleichermaßen niedliches aussuchte. Er mahnte sich, es nicht zu übertreiben und erwiderte das freundliche Lächeln, das Newt über die Lippen gehuscht war.
„Ein wunderbarer Name. Nach dir, bitte.“

Albus konnte es nicht leugnen - er war froh, Newt zu sehen.
Eigentlich hatte er sich fest vorgenommen, allmählich damit zu beginnen, sich seinen Gefühlen bezüglich Gellert zu stellen und die unerfreuliche Situation, die sich zwischen ihnen abgespielt hatte, aufzuarbeiten. Meist half ihm dabei ein kurzfristiger Abschied von seinen üblichen Strukturen, soweit sein Beruf es zuließ.
Manchmal half es, Dinge niederzuschreiben. Manchmal war es sinnvoll, sich in die Arbeit zu stürzen und sich abzulenken. Manchmal war es einfach erforderlich, alle Gedanken und Gefühle, die ihm kamen, zuzulassen. Sich ihnen hinzugeben, wenn auch nur für eine kleine Weile und zu verstehen, wonach es sich überhaupt anfühlte. In den vergangenen Stunden hatte er also wie besessen Aufsätze korrigiert – was mangels Konzentration nicht funktioniert hatte – versucht, seine Gefühle in Worte zu fassen – was nicht gelungen war – und letzten Endes nur noch stumm dagesessen und versucht, sich möglichst behutsam an seine Gefühle heranzutasten. Das hatte sogar so etwas wie leise Regungen ausgelöst. Regungen, die er nicht verstand und die er sich noch nicht zu hinterfragen traute. Zu groß war seine Angst, er könnte sich zu tief in die Dunkelheit wagen und hinterher nicht wieder herausfinden. Das war leider in der Vergangenheit immer wieder vorgekommen und er legte keinen großen Wert auf eine Wiederholung.
Newts Anwesenheit gab ihm zum ersten Mal, seit er gemeinsam mit Aberforth Credence aus Bhutan hergebracht hatte, ein gutes Gefühl. Allein die Tatsache, dass er hergekommen war, weil er ahnte, wie dringend er gebraucht wurde, war schon wundervoll genug.
Vielleicht konnte er ihm in der Tat helfen.
Immerhin tat er das bereits, auch wenn er es vermutlich gar nicht beabsichtigte.
Albus beschloss, sich nicht zu viel zu erhoffen und einfach dankbar für das zu sein, was sich daraus entwickeln würde.
Also folgte er ihm langsam die Treppe herunter. Die Geräuschkulisse, welche die Tierwesen im Inneren des Koffers verursachten, schwoll enorm an.

Es war, als würde er durch einen unscheinbaren Vorhang in eine bessere, friedlichere Welt stolpern. Er sah die Niffler, die kein Gehege hielt, einen Demiguise, der geduldig zwischen den heranwachsenden Occamy-Jungtieren saß und einem Mondkalb, das offenbar allein losgezogen war, und diesen Teil des Koffers wohl zum ersten Mal erkundete.
Was Newt hier drinnen geschaffen hatte, diente ihm zwar lediglich als Reisebehausung, doch es war unglaublich beeindruckend. Albus kannte niemanden, der seine Tierwesen so liebevoll versorgte.
Vielleicht lag es daran, dass Newt sie nicht als Haustiere betrachtete, sondern eher als Mitbewohner. Auf dem Schreibtisch traf er auf Picket, der mit Bleistiftspänen spielte.
Newt führte ihn vorbei an einem verletzten Hippogreifen, der erst kürzlich bei ihm abgegeben worden war und zog einen Vorhang zur Seite. Albus war, als würde er gegen eine Wand laufen. Die Wärme verursachte leichten Schwindel bei ihm, aber es schien das Umfeld zu sein, dass das kleine Mädchen brauchte.
Um sie herum standen zahllose Bäume verschiedener Arten und Größenordnungen. Der Boden war von dunkelgrünem Moos bedeckt.
Die Lichtverhältnisse ließen den Schluss zu, dass es hier noch früh am Abend war, denn es dämmerte. Das verwirrte Albus ein wenig, denn in den anderen Behausungen war es bereits dunkel gewesen. Newt bemerkte, dass ihn die Helligkeit stutzen ließ und drehte sich zu Albus herum.
„Annabelle schläft nicht gut ein. Wenn sie denkt, es ist schon lange Abend, geht es etwas besser, deswegen dunkle ich das Gehege etwas langsamer ab, als die anderen,“ erklärte er und hob eine Liane an.
Er wusste natürlich genau, auf welcher Lichtung er ihr Schlaflager aufgebaut hatte. Seine Matratze lag, seit er das Jungtier aufgenommen hatte, in diesem Gehege. Qilins gehörten zu den Tierwesen, die ohne Körperwärme und ein schlagendes Herz neben sich eingingen, solange sie so klein waren.
Ähnlich wie Entenküken.
Mindestens zwei Wochen musste er das noch fortführen, sonst bestand Lebensgefahr.
Manchmal nahm er sie auch am Tag mit sich und vergesellschaftete sie, etwa mit den Mondkälbern oder mit sich selbst, damit sie nicht vereinsamte.

Schüchtern stakste das kleine Mädchen auf Albus zu.
Sie war sichtlich müde, doch der Besuch freute sie so sehr, dass sie nicht einfach liegen bleiben konnte.
Albus ging vor ihr in die Hocke und streckte ihr schmunzelnd die linkeHand entgegen.
„Guten Abend Annabelle,“ flüsterte er. Anabelle war nie schüchtern gewesen, doch heute schien sie so überzeugt, ihren Besucher nicht als Bedrohung verstehen zu müssen, dass sie nicht einmal seinen Geruch aufnahm musste, ehe sie sich an seine Handfläche und gegen seine Beine schmiegte. Newt schüttelte lächelnd seine Matratze aus und hängte den Mantel über einen Ast.
„Sie wird schnell groß,“ merkte Albus an, während er Annabelle hinter den Ohren kraulte.
„Das täuscht,“ murmelte Newt. „Verglichen mit anderen Spezies wächst sie sogar recht langsam. Allerdings habe ich bisher nie für ein Qilin gesorgt. Daher weiß ich nicht, ob es nicht normal ist. Aber sie trinkt gut. Manchmal dauert Entwicklung eben etwas länger.“
Albus blinzelte zu ihm hoch. Offenbar hatte er das auf sich bezogen. Ohne von Annabelle abzulassen seufzte er.
„Ich nehme an, dafür bin ich wohl ein lebendiger Beweis“, stellte er fest .
Er hatte sich gedacht, dass Newt ihn noch auf die vergangenen Wochen ansprechen würde. Das war legitim. Immerhin hatten sie viel zusammen durchgemacht und dann war er einfach so von der Bildfläche verschwunden. Newt wies einladend auf einen umgestürzten Baum.
Gerade wenn er mit der Flasche fütterte, achtete er darauf, eine Sitzgelegenheit zur Verfügung zu haben. Meistens saß er vor dem Baum und lehnte sich an, während sie trank. Streng genommen war sie in der Lage, aus einem Napf zu trinken, doch er wollte ihr diese Form der Zuneigung, die sie nicht mehr von ihrer Mutter hatte bekommen können, nicht gänzlich verwehren.
„Das…wollte ich nicht damit sagen. Glaube ich. Wegen so etwas bin ich auch nicht hier. Ich wollte nur sehen, wie es dir geht. Gerade, als du nicht zu uns gekommen bist,“ legte er seine Beweggründe für den spontanen Besuch dar. Seine Ohren glühten. Er hatte Albus sicher keine Verzögerungen in diesem Bereich unterstellen wollen. Eher Toleranz dafür signalisieren, dass er ein eigenes Tempo hatte und vielleicht anbieten, dass er darüber reden konnte, wenn er wollte. Newt setzte sich auf den Boden und hob seinen Zauberstab. Die Flasche näherte sich ihm. Annabelle tollte fröhlich auf ihn zu, als sie sah, dass es an der Zeit für die abendliche Fütterung war und blieb erwartungsvoll vor ihm stehen.
Newt sah nur noch Albus´Beine, als er sich neben ihn auf den Baumstamm setzte und die Beine überkreuzte.
„Mein Platz war hier, bei Aberforth. Er braucht viel Hilfe. Ich war nie gut darin, sein Bruder zu sein. Jahrelang angehäufte Schulden, die ich endlich zurückzahlen möchte,“ murmelte er. Sein Blick driftete ins Leere. Seine Hand ruckte seltsam. Newt konnte sich denken, wo hin.
Natürlich war ihm die silberne Kette um seinen Hals aufgefallen, die er eigentlich nicht mehr tragen müsste. Dass Albus seinen Bruder unterstützen wollte, glaubte er ihm natürlich, doch er hielt das nicht für den wahren Grund, warum er nicht zu ihnen gekommen war. Ob er ihn darauf ansprechen durfte?
„Ja. Ich habe gesehen, dass er jede Hilfe nötig hat,“ pflichtete Newt ihm bei. „Aber ich denke, er hätte es verstanden. Ein wenig Ablenkung hätte dir vielleicht gutgetan.“
Albus lächelte schief.
„Möglicherweise. Ich nehme an, du würdest mich nun gern hiernach fragen.“

Er hob zwei Finger und vollführte eine halbe Drehung. Die Kette schwebte langsam über seinen Kopf und blieb neben ihm in der Luft hängen. Newt hätte den Anhänger gar nicht sehen müssen, um zu wissen, worum es sich handelte. Der Blutpakt leuchtete nicht mehr und war sichtbar inaktiv, doch Albus hatte sein Gefäß wieder zusammengesetzt. Newt konnte sich nicht vorstellen, warum er entschieden hatte, die Kette weiterzutragen und er wollte das nicht wirklich seiner Fantasie überlassen. Allerdings war er auch nicht sicher, ob es ihm zustand, danach zu fragen. Albus signalisierte dadurch, dass er ihm das Schmuckstück so bereitwillig zeigte, zwar Offenheit, doch das bedeutete nicht, dass er sich wohl damit fühlte, einfach gerade heraus um mehr Details zu bitten.
Leider auch nicht damit, es bleibenzulassen, denn er hatte in der Tat eine Menge Fragen. Er stellte sich vermutlich dieselben, wie der Rest der Welt es auch tat.
Niemand hatte gesehen, was in Gellerts und seinem Wall passiert war.
Der Kampf zwischen ihnen war kurz gewesen, doch er hatte hinter einer grauen Nebelwand stattgefunden. Die schalenlose Kugelhatte von außen nur wie eine tote, graue Front gewirkt ohne Innenleben. Wie ein tiefhängende Wolke gelegentlich durchzuckt von einem Unwetter aus roten und blauen Blitzen.
Newt war kein Experte, doch ein Kampf auf Leben und Tod zeichnete sich seinem Kenntnisstand nach eigentlich durch mehr grüne Todesflüche aus. Erschaudernd dachte er an die Nacht zurück, in der die Mutter des Qilin ermordet worden war. Da hatte er das erste Mal befürchtet, dass jemand ernsthaft versuchen könnte, ihn umzubringen.
Er hatte überall nur noch grüne Blitze durch den Wald zucken sehen, aus jeder Richtung....
Unwillkürlich begann er zu blinzeln und versuchte die unliebsamen Erinnerungen zu vertreiben.
Das war jetzt unwichtig. Hier und heute ging es um das, was in Bhutan zwischen Albus und seinem ehemaligen Partner vorgefallen war.
Er war nicht der Einzige, der sich gefragt hatte, was dort drinnen geschehen war, doch im Gegensatz zu anderen, die sich für die Sensation an sich interessierten, hatte er geahnt, dass es Albus sehr beschäftigen würde. Die Frage nach dem Warum schien keinen außer ihm sonderlich zu kümmern. Die kritischen Stimmen darüber, dass Albus ihm kein Ende bereitet und den Kampf abgebrochen hatte, überwogen bei weitem dem Verständnis für seine Entscheidung. Für Albus war dieser Zwischenfall politischer Selbstmord gewesen.
Newt empfand das als ungerecht.
Wäre er in diesem Bannkreis gewesen…er war nicht sicher, welche Entscheidung er getroffen hätte.

„Du trägst es noch,“ stellte Newt fest. Albus versuchte, seinen Tonfall zu deuten.  Es erweckte nicht den Anschein, als würde er werde bewerten noch verurteilen, dass Albus derart sentimental war. Er machte lediglich eine Beobachtung und teilte sie mit ihm, ohne eine Meinung dazu zu haben.
„Ich habe mich in den letzten Monaten sehr daran gewöhnt,“ erklärte Albus sich. Es klang wie eine Rechtfertigung, die es Newts Meinung nach nicht brauchte. Es war letzten Endes seine Entscheidung und Newt würde sich hüten, ihm ungefragt seine Meinung dazu auf die Nase zu binden.
Immerhin war er nie in dieser Situation gewesen und konnte nicht beurteilen, wie es Albus damit gehen musste.
„Albus? Wenn ich....etwas sagen dürfte…es ist in Ordnung…eine andere Entscheidung zu treffen, als sie erwartet wird,“ sagte er sotckend und hob Annabelle auf seinen Schoß, die sich zufrieden gegen seine Brust lehnte. Wenn sie getrunken hatte, war das Jungtier immer sehr anhänglich und benötigte ein wenig Körperkontakt beim Einschlafen.
Er hörte Albus leise hinter sich seufzen.
„Eine Entscheidung setzt eine Wahl voraus. Ich habe mich nicht in der Lage gesehen, etwas zu unternehmen. Selbst als sich die Gelegenheit ergab, nach dem der Fluch seine Wirkung verloren hatte, war nicht in der Lage gegen ihn vorzugehen.“
Bedauernd schüttelte Albus den Kopf. Seine Unfähigkeit, wenigstens seine Festnahme zu erreichen , verpasste ihm nach wie vor ein schlechtes Gewissen.
Noch schlimmer war es auszuhalten, dass nur wenige Schläge dieses anderen Herzens unter seinen Fingerspitzen genügt hatten, um wieder in den Sog seiner Gefühle gerissen zu werden.
Alles war wie ein kräftiger Regenschauer auf ihn niedergeprasselt.
Die Metapher hinkte allerdings, denn es war nichts Reinigendes, gutes daran gewesen. Er hatte sich hinterher noch schmutziger als vorher gefühlt.
Wenn er ehrlich war, trug er das Siegel nicht nur aus nostalgischen Gründen.
Es fühlte sich immer noch an, als könnte er das Schmuckstück nicht ablegen. Wenn er es versuchte, war es ihm, als fehlte ihm etwas sehr Wesentliches. Vielleicht war es das letzte, verzweifelte Festhalten an etwas, das eigentlich längst verloren war.
„Er genau so wenig,“ bemerkte Newt und schaute über seine Schulter.
Albus schaute konsequent auf den Boden und wiegte den Kopf nachdenklich hin und her.
Ein interessanter Gedanke, zweifelsohne.
Doch Gellerts Verhalten durfte letzten Endes nicht seinen Anspruch diktieren. Newt wollte damit natürlich erreichen, dass er sich weniger schlecht mit seinem Handeln – oder besser Unterlassen – fühlte. Zu sehen, wie er sich darum bemühte, war schön und Albus empfand durchaus Dankbarkeit für den Versuch, doch es half nicht. Jeder Gedanke an Gellert zerriss etwas in seiner Brust.
Diesen Schmerz hatte er eigentlich überwunden geglaubt, doch je länger er es zuließ, desto deutlicher wurde ihm, dass er sich bisher einfach nicht gestattet hatte, diese Gefühle zu akzeptieren.
Zuzulassen, dass es weh tat und eine Weile weh tun würde, auch wenn es ihm eigentlich hätte egal sein müssen, war ein großer Schritt. Ein Schritt, gegen den er sich bisher gewehrt hatte.
Doch nicht einmal der Versuch, sich einzureden, er sei wütend auf Gellert und nicht in erster Linie verletzt, hatte ihm geholfen. Es tat gut, einige Punkte laut auszusprechen. Besonders, weil Newt damit so unglaublich verständnisvoll umging. Albus wäre sogar soweit gegangen zu sagen, dass er sich mit seiner Hilfe vielleicht sogar einiges eingestehen können würde, wogegen er sich momentan noch werte.

„Es wäre ehrlicher gewesen, mir nicht einzureden, dass ich diese Situation allein bewältigen kann. Es wäre meine Verantwortung gewesen, das zu erkennen und den Auroren das Feld zu überlassen,“ sagte er leise, als hoffte er beinahe, Newt könne ihn so nicht hören. Was paradox war, denn im Grunde wünschte er sich, dass jemand sie hörte und ihm einredete, dass auch dieser Fehler verzeihlich war. Was seiner eigenen Einschätzung nach nicht zutraf. Besonders, weil er sich wieder so entscheiden würde. Newt hatte ihn bisher nie an seinen Fehlern gemessen und er hoffte inständig, dass es dabei blieb.
„Fehler sind da, um begangen zu werden. Albus…ich hätte ihn auch nicht getötet.“ Newt wiegte Annabelle ein wenig hin und her, bis dem Qilin schließlich die Augen zufielen. Behutsam legte er das kleine Wesen auf die Matratze und deckte sie mit seinem Mantel zu. Geruch und Wärme würden für den Moment genügen, damit sie schlafen konnte. Es würde ausreichen, wenn er später zurückkam und ihr Gesellschaft leistete.
„Ich glaube ohnehin nicht, dass du jemals in der Lage wärst, zu töten, Newt,“ merkte Albus an und erhob sich. Newt vermied es ihn anzuschauen und wandte ihm den Rücken zu, als er das sagte.
„A-Als er….als er Jacob gefoltert hat…da...da wollte ich es…,“ offenbarte er leise und drehte sich erst zu ihm um, als er es ausgesprochen hatte. Nicht nur Albus schien Gedanken zu hegen, die er selbst verurteilte. Diese kurze Mordfantasie hing ihm noch immer nach. Niemals zuvor hatte er so etwas empfunden und er hoffte, dass es nie wieder dazu kam. „Aber du hast vermutlich recht. Ich hätte es nicht gekonnt.“

Albus beobachtete den nachdenklichen jungen Mann. Er versuchte wohl gerade sehr ernsthaft, seine eigenen Gefühle zu reflektieren, denn er war nicht der Typ für Mord. Dass er so einen Gedanken gehabt hatte, als er gesehen hatte, wie Gellert Jacob das antat, hielt Albus für verständlich, doch es ergab durchaus einen Sinn, dass Newt sich erschreckte, solche neuen Seiten an sich zu entdeckten.
„Vielen Dank Newt. Für dein Verständnis. Manchmal ist es leichter die Handlungen eines anderen zu verurteilen, ohne sie zu hinterfragen. Ich rechne es dir hoch an, dass du nicht den einfachen Weg wählst und dich bemühst, meine Beweggründe nachzuvollziehen. Ich für meinen Teil verstehe es gut. Jacob ist ein Freund. Es ist ein normaler Wunsch, ihn zu verteidigen.“
„Du bist kein ….anderer…., Albus. Du bist mein Freund,“ widersprach er energischer als er es eigentlich beabsichtigt hatte.
„Es bedeutet mir viel, von dir als Freund betrachtet zu werden.“
Albus schaute auf Annabelle hinab, die sich friedlich auf ihrer Decke unter Newts Mantel zusammengerollt hatte.
Ein wenig wünschte er, an ihrer Stelle zu sein. Er vermisste es, mit dem sicheren Gefühl, dass jemand sich um ihn kümmerte, einzuschlafen. Bis zuletzt hatte er gehofft, das würde zwischen ihm und Gellert irgendwann wieder möglich sein. Dass dieser Fall nicht eintreten würde und durfte, war ihm natürlich rational bewusst, doch das bedeutete kaum, dass er sich nicht danach sehnte. An seinen Gefühlen änderte es nichts.
Newt bemerkte, dass sich schon wieder ein langer, seltsam stiller Moment anbahnte. Also schenkte er Albus erneut ein kleines Lächeln und klopfte sich den Staub und einige trockene Blätter von der Hose.
„Komm. Wir lassen sie schlafen.“

Albus folgte Newt aus dem Koffer heraus, zurück in sein Zimmer. Von diesem zauberhaften, magischen Ort wieder in die bittere Realität, die eisige Wirklichkeit zurückgeholt zu werden, bedauerte er zutiefst. Dort unten regierten Toleranz für all diese Tierwesen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, liebevolle Zuwendung und grenzenloses Vertrauen. Je länger er Newt mit seinen Tierwesen beobachtete, desto sicherer wurde Albus sich, dass Newt der wahrscheinlich liebevollste Mann war, den er kannte. Die unerschütterliche Geduld, mit der er diese kleinen Kreaturen versorgte, hatte Albus schon immer sehr beeindruckt. Dabei war es ihm meistens gleich, ob es sich um beeindruckende, komplexe Dämonenwesen oder einfache Wichtel handelte.
Beinahe konnte man sagen, es war eine schöne Vorstellung, von Newt gerettet zu werden.
Auch auf Albus wirkte seine Präsenz sich meistens heilend aus. Tröstlich. Es war immer eine Hilfe, sich in seinem Dunstkreis aufzuhalten, auch wenn er nichts weiter tat, als zuzuhören.
Newt setzte sich wie selbstverständlich auf den Stuhl, den Albus ihm zuvor angeboten hatte und musterte ihn erwartungsvoll. Albus blieb gedankenverloren am Feuer stehen und starrte hinein. Newt ahnte, dass er immer noch mit sich rang, weil er nicht akzeptieren konnte, was er nicht getan hatte. Als er zuletzt an dieser Stelle gestanden hatte, war er von denselben Dämonen gequält worden und hatte Newt freundlich aber bestimmt und ohne es direkt auszusprechen darum gebeten, zu gehen.
Er hatte ihn fortgeschickt, weil er die Aussicht nicht ertragen hatte, dass Verständnis für seine Situation aufgebracht wurde und er seine Rolle opfern musste.
Sich nicht in die Einsamkeit abschotten zu können und sich stattdessen helfen zu lassen war nichts, woran er gewöhnt war. Die ausgestreckte Hand zu akzeptiere war schwer für ihn, denn normalerweise reichte er sie und nahm sie nicht. Newt hatte geahnt, dass Albus auch heute darum bitten würde, ihn allein zu lassen, sobald es darum ging, ehrlich über die Zukunft zu sprechen.
Er war darauf eingestellt, heute eine Grenze zu überschreiten und nicht zu gehen, nur weil Albus ihn dazu aufforderte.
Manchmal zogen seine Tierwesen ich einen Splitter ein oder traten in eine Dorne. Sie wollten dann auch nicht, dass er die Stelle berührte, die weh tat.
Dennoch tat er es, weil es notwendig war. Geduldig und mit dem erforderlichen Fingerspitzengefühl. Hinterher ließ er sie nicht damit allein, und versorgte sie so lange, bis der Schmerz ein wenig nachließ. Genau das würde er heute für Albus tun. Jedenfalls im übertragenen Sinne.
Eine Weile sagte keiner von ihnen etwas. Newt hielt die Stille so gut aus wie er konnte, doch er sah, dass sie Albus allmählich zusetzte.

„Bitte Entschuldige. Es kommt nicht allzu häufig vor, doch ich fürchte, ich bin sprachlos,“ murmelte er schließlich und musste über sich selbst lächeln. Tief vergrub er die Hände in den Taschen seines Morgenmantels und zog ihn fröstelnd enger.
„Darf ich dir vielleicht eine Frage stellen?“, schlug Newt vor.
„Selbstverständlich.“ Albus klang mechanisch und angespannt, doch damit hatte er gerechnet.
„Hast du…versucht…ihn zu erreichen? Wolltest du ihn finden?“, fragte er schließlich. Immerhin hatten sie über die Sache an sich gesprochen. Darüber, dass er nicht damit abgeschlossen hatte, doch Newt wusste noch nicht, wie er nun weitermachen wollte. Oder ob er schon weitergemacht hatte.
Albus schluckte schwer. Das hatte er, wenn er ehrlich war, gar nicht gemusst. Er hatte diverse Theorien, wo Gellert sich aufhalten mochte. Die Situation, eine Entscheidung treffen zu müssen, ob er ihn auslieferte, wollte er sich ersparen. Wollte es nach wie vor nicht riskieren das zu müssen, auch wenn es das richtige gewesen wäre. Er glaubte nicht mehr an Gellerts Unschuld. Er wusste, was er getan hatte. Seine Loyalität war deplatziert und egoistisch, doch er konnte sich nicht davon lösen.
„Ein Teil von mir hofft, dass er versuchen wird, mich zu finden.So haben wir es in der Vergangenheit gehandhabt. Ich will ihn nicht verfolgen müssen. Selbstverständlich hege ich durchaus ein gewisses Interesse daran zu wissen, was aus ihm wird und wo er sich aufhält, doch ich befürchte die Beweggründe sind die gänzlich falschen.“
Newt schüttelte entschieden den Kopf.
„Können wir…das nicht tun? Das…mit dem Bewerten?“ Newt richtete sich ein Stück auf. „Können wir nicht einfach…“
„Ignorieren, dass ich jemanden Liebe, der die Welt in Stücke reißen wird, wenn niemand ihn abhält? Jemanden, den ich nicht lieben sollte, weil es der Beweis ist, dass ich erneut auf ihn hereingefallen bin? Jemanden der…“ ´selbst nicht in der Lage ist jemanden zu lieben und es mir trotzdem nicht in den Kopf gehen will, dass er mich manipuliert? Jemanden, der gut darin ist, Geschichten zu erzählen, die ich nie hätte akzeptieren dürfen und die trotzdem akzeptabel waren, weil sie der Preis für eine gemeinsame Zukunft waren? Albus biss sich hart auf die Zunge. Der leichte Schmerzreiz holte ihn augenblickblich ins hier und jetzt zurück. Es führte ohnehin zu nichts.
Wie oft hatte er sich all diese Vorwürfe schon gemacht? Damals, als sie einander nähergekommen waren, hatte er es nicht für möglich gehalten, dass ein anderer Mensch jemals so tief in ihn hineinsickern konnte.
Oder zumindest nicht, dass er sich so in ihm festkrallen und sein Inneres aus ihm herausreißen würde, wenn er versuchte, ihn loszubekommen.
Er hatte das, was Liebe mit jemandem anstellen konnte, schlicht und ergreifend unterschätzt.

„Alles, was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse,“ flüsterte Newt. Warum ihm gerade dieses Zitat in den Sinn kam, wusste er selbst nicht, aber es kam ihm sehr passend vor. Albus schaute beeindruckt zu ihm herüber. Anerkennend nickte er.
„Friedrich Nietzsche. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet die als ungewöhnlich und obszön geltende  Denkweise dieses Mannes deinen Geschmack trifft. Kanntest du ihn?“
„So alt bin ich nicht, Albus,“ lachte er. „Aber Unrecht hat er nicht.“
„Es ehrt dich, dass du versuchst, mein Handeln zu rechtfertigen. Aber nichts davon war jenseits von Gut und Böse. Leider muss ich gestehen, dass ich diesen Pfad für Gellert wieder einschlagen würde.“
Zwar hatte Aberforth ihm Holz zur Verfügung gestellt und in seinem Kamin prasselte ein Feuer, doch ihm war entsetzlich kalt. Er redete sich der Einfachheit halber ein, dass es nur an den tropischen Wetterbedingungen in Annabells Gehege lag, an die sein Körper sich gewöhnt hatte.
„Albus…. Du hast nichts Unverzeihliches getan. Du hast dich nur verliebt.“
Albus spürte den Anhänger, der sich anfühlte wie ein schwerer Anker, der ihn ins tiefe Nichts eines verfluchten Ozeans zog,  jetzt noch deutlicher. Wie konnte er Newt erklären, dass sie sehr wohl eine gemeinsame Vision gehabt hatten?
Es war nach wie vor sehr ungewohnt, überhaupt über Gellert zu sprechen.
Bisher hatte er diesen Teil seines Lebens erfolgreich aus der Öffentlichkeit herausgehalten. Nicht, weil er ein Problem damit hatte, wen er liebte, sondern weil es einfacher war. Kaum jemand gab sich so unkompliziert wie Newt mit den Fakten zufrieden und urteilte nicht.
Es fehlte ihm an Übung, diese Dinge einfach auszusprechen, doch bisher fühlte es sich gut an, nicht allein damit zu sein. Newt machte es einfach. Vielleicht ein wenig zu einfach.
„Es klingt sehr plausibel, wenn du es so sagst. Einfach….“, murmelte er und gestattete sich einen Augenblick lang die Hoffnung, dass es vielleicht wirklich einfacher sein konnte, als es in seiner Fantasie gerade aussah. Waren all diese Dinge, die er zumindest billigend in Kauf genommen hatte, verzeihlich, wenn er aus Liebe die Augen davor verschlossen hatte? Ein interessanter Gedanke.
Zugegebenermaßen - ein durchaus  befreiender Gedanke.
„Es ist einfach. Mach es dir einmal im Leben nicht so schwer und…“
Albus erfuhr leider nicht mehr, was er darüber hinaus noch unternehmen sollte.
Ohne anzuklopfen riss Aberforth die Tür auf. Newt war nicht unbedingt gut darin Gesichter zu deuten, doch er war sicher, dass er panisch wirkte.
Albus teilte diese Einschätzung.
So hatte er Aberforth lange nicht mehr erlebt. Seit ihm der Umstand, dass er es vorzog, sich mit Männern zu umgeben, ihm durch eine aufgerissene Tür bekannt geworden war, hatte er eigentlich immer angeklopft. Vor allem, wenn er wusste, dass er jemanden bei sich hatte. Selbst wenn es nur ein Freund war, der ihn besuchte.
„Albus!“
Sein Tonfall bestätigte die bisherigen Eindrücke. Ihm stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Albus durchquerte eilig den Raum. Ganz sicher gab es ein Problem mit Credence. Es war die einzige Erklärung.
„Was ist passiert?“, fragte er, bemüht die Ruhe zu bewahren.
„Keine Ahnung er…ist bewusstlos….“, stammelte Aberforth. Newt schaltete umgehend und begann, erste Ideen zu entwickeln, was sie dagegen unternehmen konnten. Albus wandte sich möglichst gefasst an ihn. Wenn sie beide die Ruhe bewahrten, da war er sicher, war dem Jungen damit mehr geholfen.
„Newt. Würde es dir etwas ausmachen, nach Credence zu sehen?“, bat er ihn freundlich. Newt hörte ihn nur am Rande. Er war auf direktem Wege die Treppe in den Koffer hinab gestolperte, um einige Dinge zu holen, die er vermutete brauchen zu können.
„Geht vor!,“ rief er ihnen zu. „Ich komme gleich!
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