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Das Groupie-Programm

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / Mix
Jungkook OC (Own Character)
23.05.2022
30.06.2022
6
15.614
5
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Dieses Kapitel
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23.06.2022 3.358
 
Lynn


Die ersten Takte von 'Butter' weckten mich irgendwann aus einem traumlosen Schlaf. Ein verwegener Jungkook sang über Butter, die weich war und einfach in jemandes Herz stolzierte, dann wurde er von Taehyung abgelöst, der den Song schwungvoll weiterführte. Musste ich zur Arbeit? Aber ich war doch noch todmüde. Hatte ich überhaupt geschlafen? Murrend drehte ich mich um und tastete nach meinem Handy, aber es war wohl nicht in Reichweite. Dafür etwas anderes. Oder jemand anderes? Unter meinen Fingern lag nackte Haut. Schlagartig war ich wach und riss die Augen auf.
Achja.
Ich war doch gar nicht zuhause.
Meine Hand lag auf der harten Brust des BTS Members, der mich gestern absolut verzaubert hatte. Dem ich alles von mir offenbart hatte, in nur einer Nacht. Mir schoss das Blut ins Gesicht, wenn ich nur daran dachte und auch jetzt sah er absolut hinreißend aus. Die dunkelrote Decke bedeckte den unteren Teil seines Körpers, nur seine Brust war entblößt. Er lag auf der Seite, mir zugewandt und den Arm in meine Richtung gestreckt. Seine Augen waren geschlossen, sein Mund leicht geöffnet und seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig, während diese absolut wunderbar seidigen Haare auf dem Kissen lagen. Am liebsten hätte ich meine Finger wieder darin vergraben, ihn wieder geküsst. Doch das helle Licht, das durch die Vorhänge schien, war ein Zeichen dafür, dass unsere gemeinsame Zeit bald vorbei sein würde und ich war mir unsicher, ob JK solche Zärtlichkeiten am Morgen danach schätzte. Also tapste ich vorsichtig und leise aus dem Bett, fand mein Handy in meinem Rucksack und stellte erst einmal meinen Wecker aus. Es war 7.00. Um 8.00 sollte der Chauffeur reinschneien. Ob ich das gut finden sollte, wusste ich gerade nicht. Ich wollte schlafen, ja. Es gab da ein bisschen was aufzuholen, aber ich wollte auch hierbleiben. Bei ihm. Ich konnte noch nicht glauben, dass das hier schon vorbei war, bevor es richtig angefangen hatte. Aber ich drängte diesen Gedanken in die hinterste Ecke meines Hirns. Daran sollte ich wirklich nicht denken! Der Abschied würde kommen. In einer Stunde. Damit musste ich leben. Auch wenn ich  gerade noch nicht wusste, wie.
Meine beste Freundin bombardierte mich natürlich über whatsapp:

„Na, wie ist er so?“ Gestern, 23:34
„Du musst mir morgen unbedingt ALLES erzählen!“ 23:40
„Wehe, du lässt irgendein Detail aus!“ 23:40
„Jetzt bist du bestimmt keine Jungfrau mehr“ Grinseemoji 01:03
„Ich hoffe, dir geht’s gut! Meld' dich doch bitte, wenn du das liest!“ 06:32


Ich seufzte leise. May hatte wohl auch nicht so viel geschlafen und sich lieber Sorgen um mich gemacht. Kurz tippte ich ihr eine Nachricht, dass alles gut war und ich sie später anrufen würde. Ich beschloss aber, definitiv die Details auszulassen. Wenn ich nur daran dachte, was wir noch alles getrieben hatten, schoss mir die Hitze ins Gesicht... und zwischen die Beine. Ich hatte an ihm herum experimentieren können wie sonst etwas, hatte mir alles genommen, was ich wollte. Er war geduldig mit mir gewesen, wir hatten viel gelacht und uns gegenseitig verwöhnt. Oral hatte ich es bei ihm auch versucht und er hatte mich angeleitet, wie er es am liebsten mochte. Ich hatte ihn reiten dürfen, später hatten wir es noch unter der Dusche getan. Seine Blicke und sein Stöhnen würde ich wohl nie vergessen. Auch nicht, wie er sich unter meinen Fingern angefühlt, sich unter mir gewunden hatte, darum gebettelt hatte, ihn zu erlösen, als ich die Fäden in der Hand gehabt hatte. Und als er es mir unter der Dusche gemacht hatte, war da dieses erregte Flüstern in meinem Ohr gewesen: „Baby, komm' für mich.“ Brr, selbst jetzt bekam ich noch eine wohlige Gänsehaut. Zwischendurch hatten wir uns ausgeruht, viel gequatscht. Ich sollte ihm alles darüber erzählen, wie ich Army geworden war, warum ich Jin als Bias auserwählt hatte und nicht ihn. Das war etwas peinlich gewesen, doch Jungkook hatte es mit Humor genommen. Er hatte mir Dinge erzählt, die ich noch nicht gewusst hatte. Es war, als kannten wir uns schon ewig.
Ich zog mich an und ging dann zurück zum Bett. Jungkook schlief immer noch. Leise hockte ich mich an die Bettkante und legte meine Arme darauf ab. Es war so schön, ihn einfach anzusehen. Das hätte ich den ganzen Tag machen können. Doch der laute Nachrichtenton meines Handy, ließ ihn dann doch zusammenfahren. Mit der friedlichen Stille war es wohl aus. Jungkook streckte sich und gähnte herzhaft. Ich dachte schon, er würde sich einfach umdrehen und weiterschlafen, da öffnete sich ein Auge, das mich sofort entdeckte. Er blinzelte ein paar mal und lächelte mich an.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen. Es ist schon nach sieben.“
Er winkte ab.
„Ist doch noch was Zeit. Komm nochmal ins Bett.“ Sein Ernst? Wollte er mir den Abschied noch schwerer machen? Schon jetzt hatte sich ein dicker Kloß in meinem Hals festgesetzt. Gleich war ich wieder nur ein Army von vielen. Ich würde ihn wieder nur aus der Ferne bewundern können und niemandem sagen dürfen, was für ein toller Mensch er war, auch ohne die Kameras. Ich würde ihm nie wieder so nah sein können. Und das machte mir gerade mehr aus als ich zugeben wollte.
Jungkook bemerkte, wie ich unentschlossen vor dem Bett hockte und rappelte sich doch noch auf.
„Alles okay?“, fragte er und ich hätte beinahe bitter aufgelacht. Natürlich war alles okay. Bis auf dieses kleine Detail, dass unsere gemeinsame Zeit gleich vorbei war und wir wieder in unsere Leben zurückkehren würden, als wäre diese Nacht zwischen uns nie geschehen. Aber das hatte ich von Anfang an gewusst. Ich hatte mich bewusst darauf eingelassen. Dass er meine Gefühlswelt komplett auf den Kopf stellen würde, das hatte ich nicht eingeplant. Wie er da so saß und mich besorgt musterte, trieb mir fast die Tränen in die Augen. Ich musste mich kurz abwenden, hinter meinen Locken verstecken, um sie wegzublinzeln. Vielleicht war ich aber auch einfach nur verwirrt von dieser fantastischen Nacht. Vielleicht würde morgen wieder alles beim Alten sein. Ich hoffte es.
„Ja, ich bin okay“, sagte ich. „Gibt es zufällig was zum Frühstück? Ich verhungere!“
„Hmm, dafür kann ich sorgen.“ Jungkook kramte sein Telefon hervor und schrieb jemandem. „Sind Brötchen in Ordnung für dich?“
„Auf jeden Fall!“
JK sammelte seine Klamotten zusammen und verschwand kurz im Bad, während ich doch schon einmal May schrieb, um sie zu besänftigen.
„Ich sage dir schon mal so viel: ich habe vielleicht einen neuen Bias. Und es war wunderschön“ 07:19
Kurz danach kam Jungkook wieder aus dem Flur getapst. Seine Haare lagen wieder perfekt. Er sah startklar aus. Es klopfte an der Tür. Der Sänger schlurfte in seinen großen Pantoffeln hin, öffnete sie und nahm ein volles Tablett Frühstück entgegen. Es gab Brötchen und Kaffee. Prompt meldete sich mein wütender Magen wieder. Ich stand auf, nahm ihm Aufstrich und Aufschnitt ab und zusammen deckten wir den Tisch. Es gab Papierteller und Holzbesteck. Ich fühlte mich wie beim campen. Jungkook schien gut gelaunt und summte gedankenverloren vor sich, während er sein Brötchen schmierte. Na, wenigstens einer von uns hatte gute Laune. Das konnte ich von mir nicht sagen. Auch wenn seine Stimme mir doch ein kleines Lächeln entlockte. So ganz nah und live war sie noch atemberaubender...
Ich aß schweigend das Frühstück und versuchte normale Konversation mit ihm zu betreiben, ohne dass er bemerkte, wie niedergeschlagen ich war.
„Und? Geht es morgen wieder zur Arbeit?“, fragte er mich und ich entdeckte ein Brötchenkrümel in seinem Mundwinkel. Ich unterdrückte den Impuls, es direkt wegzuwischen.
„Ja“, sagte ich stattdessen und schlürfte an meinem Kaffee. Der war richtig gut. So hätte ich zukünftig jeden Tag beginnen können. Mit einem leckeren Kaffee und Jeon Jungkook an meiner Seite. Ich beobachtete ihn verstohlen über meinem Becherrand, wollte mir jedes kleine Detail einprägen, das ich erhaschen konnte. Wie sein Lippenpiercing beim kauen auf und ab hüpfte, wie seine Ohrringe wippten und leicht klimperten, wie seine Tattoos am Unterarm im Sonnenlicht leuchteten, genauso wie seine Haare und wie seine Augen strahlten – und mich anstarrten? Ich kniff die Augen zusammen und er grinste mich ertappt an, wie ein kleiner Junge, der beim Lolli klauen erwischt wurde. Er war zu niedlich.
„Ich würde ja gern mal einen Tag mit dir tauschen“, plauderte er einfach weiter. „Einen Tag lang ein ganz normales Leben führen.“
„Ach echt?“ Ich hob eine Augenbraue.
„Ja.“ Er lehnte sich zurück und rieb sich zufrieden den vollen Bauch. „Mal nicht von Fotografen und Presseleuten umringt sein, einfach seinen Pflichten nachgehen und abends Freizeit haben. Das wäre toll.“
„Aber nur mit der Option am nächsten Tag wieder du sein zu können?“
Er zuckte mit den Achseln, ließ mich dabei aber keine Sekunde aus den Augen.
„Vielleicht. Käme drauf an, was mich in diesem normalen Leben erwartet.“ Jungkook sah mich noch immer genau so an wie gestern. Es gefiel mir. Viel zu sehr. Er musste damit aufhören, sonst -
Es klopfte an den Tür.
„Das Taxi für Miss Choi ist da“, erklang es dumpf. Auf einmal huschte ein Schatten über Jks Gesicht. Er stand auf, ging um den Tisch herum und hielt mir seine Hand hin. Das Lächeln, das folgte, erreichte seine Augen nicht mehr. Wollte er auch nicht, dass es endete? Ich starrte seine Hand an, wollte sie ergreifen, aber festhalten und nicht wieder loslassen. Doch das war keine Option. Nicht für mich.
Schweren Herzens ließ ich mich von ihm auf die Beine ziehen. Der Stuhl quietschte, als ich ihn nach hinten schob. Seine Hand war so warm. Zusammen bewegten wir uns zur Tür, wie in Zeitlupe. Ich hob meinen Rucksack vom Boden auf, ohne den Sänger loszulassen und warf ihn mir halb über die Schulter.
Dann standen wir vor dem Türrahmen, nah voreinander. Ich roch den Kaffee in seinem Atem, konnte mich nur auf seine Lippen konzentrieren. Würde ich ihm noch einen letzten Kuss stehlen können? Würde er mich lassen? Doch Jungkook kam mir zuvor, beugte sich zu mir herunter und drückte mir seine Lippen auf. Ich wollte ihn an mich ziehen, doch keine Sekunde später löste er sich von mir, führte meine Hand an seine Lippen und küsste auch sie.
„Es war mir eine Ehre, Lynn Choi“, sagte er und seine Augen leuchteten vor Aufrichtigkeit. Er verbeugte sich vor mir und ich erschauderte. Jeon Jungkook verbeugte sich vor mir! Das würde mir doch niemand glauben! Ich schnappte nach Luft, tat es ihm aber gleich, machte einen Knicks und verbeugte mich eifrig, während mir die Tränen in den Augen brannten. Der Sänger öffnete die Tür und nickte dem Sicherheitsmann zu, der schon ungeduldig mit den Füßen scharrte.
„Pass auf dich auf.“ Noch einmal sah er mich an, sah mir tief in die Augen. Ich wollte nicht gehen. Ich wollte bei ihm sein. Ihm ewig in diese dunklen Monde schauen, die so rein und treu dreinblickten.
„Du auch auf dich“, hörte ich mich andächtig flüstern. Er nahm wieder eine meiner schwarzen Locken und zwirbelte sie nachdenklich zwischen den Fingern. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber gleich wieder und schüttelte leicht den Kopf. Was wollte er sagen? Sag es doch einfach, Jeon!
„Vielleicht sieht man sich ja nochmal bei einem Konzert“, sagte er dann. „Auf Wiedersehen, Miss Choi.“ Erst jetzt ließ er meine Hand los. Sofort fühlte sie sich viel zu kühl an. Seine Wärme fehlte.
„Ja, vielleicht. Auf Wiedersehen, Mister Jeon.“ Wir nickten uns noch einmal zu, dann drehte er sich um und schloss die Tür wieder. Der Sicherheitsmann wies mich an, ihn zu begleiten.
So endete sie. Unsere gemeinsame Zeit. Ich würde diese Nacht niemals vergessen. Sie war schon jetzt ein Teil von mir. Genauso wie Jungkook es war. Der Abschied fiel mir viel zu schwer. Fuck.

Auf der Fahrt nach Hause steckte ich mir Musik ins Ohr und schloss die Augen.
Natürlich blitzten jede Menge Erinnerungen von letzter Nacht in meinem Kopf auf und ich hielt die Bilder fest, saugte sie in mich auf. Diese Blicke, die Jungkook mir immer wieder zugeworfen hatte... Hatte er die auch für seine übrigen Groupies reserviert? So intensiv. Sehnsüchtig. Oder hatte ich sie mir nur eingebildet? Hoffentlich war diese Nacht auch für ihn etwas Besonderes gewesen. Hoffentlich würde ich ihm in Erinnerung bleiben. Wir würden uns ja doch nicht wiedersehen.
Der Song, der lief, machte die Sache nicht besser.

"There goes my heart beating
'Cause you are the reason
I'm losing my sleep
Please come back now

And there goes my mind racing
And you are the reason
That I'm still breathing
I'm hopeless now"


Im nächsten Moment spürte ich, wie mir eine erste Träne über die Wange lief. Die nächste folgte. Ich konnte und wollte sie nicht aufhalten. Bestimmt würde morgen alles wieder in Ordnung sein. Gerade war ich einfach nur emotional. Das würde vorbeigehen. Morgen würde alles wieder normal laufen und ich würde mich nicht diesen Gefühlen hingeben, die da gerade in mir aufkeimten. Auf keinen Fall.
Doch für heute war es okay. Ich war aufgedreht, müde und glücklich und traurig und das alles gleichzeitig.
Ich weinte leise auf meinem Rücksitz und wechselte das Lied auf 'Nothing Like Us', aber die Cover Version von Jungkook und dann weinte ich noch mehr. Aber es war okay. Für heute.

There's nothing like us
There's nothing like you and me
Together through the storm



Jungkook


Er musste sich beeilen, der nächste Termin stand an. Die Band würde Busan heute noch verlassen und zurück nach Seoul reisen, um dort ein wichtiges Interview zu führen. Ihr Flug ging in zwei Stunden und er würde gleich mit den Jungs zum Flughafen fahren.
Hoseok, Jimin und Seokjin gesellten sich am Backstageausgang zu ihm. Sie hatten ihre Bekanntschaften wohl auch gerade verabschiedet.
„Hey, Kookie!“ Jimin sprang ihm fast auf den Rücken. „Gut geschlafen?“, witzelte er. Jungkook rollte mit den Augen. Zwischen ihnen gab es eine unausgesprochene Regel – es wurde nicht über die Groupies gesprochen!
„Ja, hab ich“, sagte er daher nur.
„Wohl eher gar nicht, oder?“ Jimin verwuschelte ihm lachend die Haare. Auch die anderen beiden sahen super happy aus. Hatten wohl ebenfalls eine schöne Nacht gehabt. Jungkook auch. Und was für eine. Es war magisch gewesen mit ihr. Zwischendurch hatte er dafür gebetet, dass diese Nacht niemals zu Ende gehen würde. Aber jetzt war sie vorbei und Jungkook blieb mit einem leeren Gefühl zurück, das vorher noch nicht da gewesen war.
Er bereute es nicht. Und dann irgendwie doch. Weil er sie nicht wiedersehen würde. Weil er ihr die Unschuld geraubt hatte, ohne es vorher gewusst zu haben. Sie hätte es verdient gehabt, ihr erstes Mal mit einem Mann zu erleben, der ihr die Welt zu Füßen legen und sie glücklich machen konnte. Vielleicht hätte er dieser Mann sein können, wäre er nicht weltberühmt und Mitglied einer koreanischen Boyband. Vielleicht hätte er sich geehrt fühlen sollen, aber in diesem Moment gestern, hatte er sich einfach nur schlecht gefühlt. Danach hatte es allerdings keinen Grund mehr dafür gegeben. Sie hatte ihn vollkommen überwältigt. Mit allen Sinnen und in jedem Sinne. Aber es hatte ihn nicht wirklich überrascht. Er hatte damit gerechnet, seit er sie beim Konzert erspäht hatte. Heute Morgen war er richtig glücklich aufgewacht. Die Erinnerung an die vergangene Nacht und die Nähe zu Lynn hatte ihn auf eine Wolke befördert. Einer Wolke voller Leidenschaft und Wärme. Sie hatte ihm so viel gegeben. Wahrscheinlich hatte sie selbst keine Ahnung, wie viel. Von dieser Wolke stürzte er aber jetzt umso tiefer herunter. Das hatte er nun davon. Trotzdem würde er es nicht rückgängig machen wollen. Dafür war es viel zu schön gewesen.

Am Flughafen war mal wieder super viel los. Er und seine Hyungs bahnten sich mithilfe des Sicherheitspersonals einen Weg zum Gate. Überall schrien Armys ihre Namen, Fotografen hielten ihm ihre Kameras ins Gesicht und blendeten ihn mit zuckenden Blitzlichtern. Er war es gewohnt und wie immer blieb er höflich, winkte, lächelte und verbeugte sich, was die Fans nur noch mehr anstachelte. Er war ihnen so dankbar, dass sie die Band nach den ganzen Jahren noch immer unterstützen und er wusste, dass er dieses Privileg niemals für selbstverständlich halten sollte, aber manchmal sehnte er sich nach Normalität, nach Ruhe, abseits von dem ganzen Medienrummel. Ein paar Wochen nicht immer proben, Musik schreiben und aufnehmen, Videos machen und an Fotoshoots teilnehmen. Einfach in den Tag hineinleben und die Seele baumeln lassen. Er brauchte unbedingt Urlaub.

Er saß neben Taehyung, als das Flugzeug die Startbahn entlangraste. Kurz darauf hoben sie ab und Busan wurde innerhalb von Sekunden so klein wie eine Spielzeugstadt. Jungkook starrte aus dem Fenster. Irgendwo da unten war Lynn längst zuhause und ging wieder ihrem Leben nach. Vielleicht dachte sie schon gar nicht mehr an ihn. Der Gedanke zerriss ihn und beruhigte ihn zugleich. Es war besser so. Aber er verzehrte sich nach ihr. Er hatte nicht gewusst, dass er sie gebraucht hatte, bevor er sie getroffen hatte. Aber jetzt schmerzte jeder Atemzug in seiner Brust, weil sie nicht da war. Es war verrückt. Ja, er hatte immer an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt, aber dass es ihn so heftig treffen würde, das hätte er nicht gedacht. Was sollte er nun tun?
„Kookie?“ V stupste ihn von der Seite an und warf ihm besorgte Blicke zu.
„Alles okay? Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe?“
Schuldbewusst schüttelte Jungkook den Kopf. Er bekam gerade nichts mit und es tat ihm leid. Tae seufzte entnervt.
„Was ist denn heute bloß los? Ist gestern Nacht etwas vorgefallen?“ Wenn er wüsste...
„Nein, es ist alles gut. Es ist nur...“  
„Lass mich raten“, unterbrach ihn Tae und beugte sich nah an sein Ohr, wo er hinein flüsterte: „Dein Date gestern Nacht geht dir nicht mehr aus dem Kopf?“ Der Jüngere blinzelte ein paar mal hintereinander überrascht. Das war nicht das erste Mal, dass V in ihm las, wie in einem offenen Buch. Verblüfft nickte er nur und Tae lächelte traurig.
„Du bist nicht der erste, dem das passiert. Mich hat es auch schon mal erwischt. Gefährliche Sache.“
„Hast du auch das Gefühl gehabt, dass es ein Riesenfehler wäre, sie einfach gehen zu lassen?“
Tae biss sich auf die Unterlippe, sichtbar in Erinnerungen versunken.
„Ich weiß genau, was du meinst.“ Die beiden Freunde tauschten verständnisvolle Blicke aus. „Aber die Gefahr besteht, dass man sexuelle Anziehung mit etwas Tieferem verwechselt.“ Jungkook kniff die Augen zusammen. Tat er das etwa? Er war sich ziemlich sicher, dass es nicht so wahr. Aber woher sollte er das wissen? Er war so unerfahren. Doch Lynn hatte ihn eiskalt erwischt. Bis ins Mark. Das musste doch etwas bedeuten?
„Was hast du dann gemacht?“, gab er etwas resigniert zurück. Taehyung zuckte nur mit den Schultern.
„Was hätte ich tun sollen? Wir müssen loslassen und weitermachen, sie vergessen. Was anderes bleibt uns halt nicht übrig.“ Seine Worte trafen Jungkook hart. Er schluckte den dicken Kloß herunter, der sich in seiner Kehle bilden wollte. Gerade schien vergessen ein unmögliches Unterfangen. All diese Erinnerungen waren so präsent, er wollte sie ergreifen und ewig festhalten. Er ließ sich missmutig in seinem Sitz zurücksinken. Sollte er Tae erzählen, dass er ein Foto von Lynns Vertrag gemacht hatte? Dass er ihre Adresse kannte? Wohl lieber nicht. Der Ältere würde wohl alles daran setzen, dass er keinen Kontakt zu ihr suchte. Doch würde er es ihm versprechen können? Never.
„Es ist schwer, ich weiß“, fuhr Taehyung leise fort. „Aber du packst das schon.“ Er drückte kurz Jungkooks Arm. Dieser gab nur ein widerwilliges „Mmmh“ von sich. Dann drehte sich wieder zum Fenster um und schloss die Augen. Er musste unbedingt noch ein bisschen schlafen, bevor sie in Seoul ankamen.
„In zwei Wochen haben wir ein paar Tage frei“, hörte er V noch sagen. „Das habe ich dir eben mitteilen wollen. Wollen wir dann etwas unternehmen?“ Diese Tage kamen wirklich wie gerufen.
„Klar“, murmelte Jungkook matt. Und er wusste, was er in dieser Zeit noch erledigen würde, sah es klar vor sich. Auch wenn er eine Riesendummheit beging. Er musste sie noch einmal sehen. Sich vielleicht auch vergewissern, ob er wirklich Begierde nicht von Liebe unterscheiden konnte. Er musste einfach. Es durfte noch nicht vorbei sein...
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