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Von Bäumen, Bergen und dem Selbst

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P6 / Gen
23.05.2022
23.05.2022
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Sie stand am Fuße des Berges und sah hinauf. Fühlte sich erdrückt von der scheinbar unüberwindbaren Größe des Gesteins, das sich vor ihr auftürmte. Seinen Schatten auf sie warf. Fühlte, wie sie ihre eigene Angst davor erfüllte, bei dem Versuch, allein hinaufzuklettern, abzustürzen. Da tauchte ein Stück weiter ein Baum aus dem bläulich violetten Nebel auf. Er strahlte die Ruhe aus, die sie gerade benötigte. So trat sie auf ihn zu und begrüßte ihn, indem sie sachte seine Rinde mit ihrer Stirn berührte und die Augen schloss. Beinahe im selben Moment, so kam es ihr vor, fühlte sie einen gleichmäßigen und ruhigen Herzschlag aus den Tiefen der Wurzeln zu ihr empordringen. Der Herzschlag der Erde. Über ihr durchbrach die Sonne den Nebel und schenkte ihr Wärme und neuen Mut. Die Frau setzte sich zwischen die Wurzeln des Baumes und horchte. Hinein in die Tiefen der Erde. Hinein in die Strahlen der Sonne. Lauschte dem Wind und dem Wasser, das von den Felsen tropfte. Und schließlich..horchte sie in sich hinein.
Was sie sah, war sie selbst. Wie sie vor einem anderen Berg stand. Sich ebenso fürchtete, wie jetzt, emporzuklettern. Doch fand sie etwas, das ihr den nötigen Antrieb gab. So stellte sich ihr jüngeres Ich diesem Berg und legte das ab, was sie am Boden hielt.
Mit dem Herzschlag der Erde, der unter ihr und in ihr selbst pulsierte, kehrte sie zurück in die Gegenwart. Nun wusste sie, was zu tun war. Im warmen Licht des hohen Königs des Lichtes richtete sie sich auf und sah hinauf zur Spitze des Berges. Schemenhaft erkannte sie, was dort auf sie wartete. Sie atmete tief die neblig feuchte Luft ein und berührte die Kette um ihren Hals. Es war eine besondere Kette. Gewebt aus Selbstzweifeln und Furcht. Die Frau nahm sie ab und betrachtete sie. Hielt sie ins Licht.
"Ich erkenne in dir meine Chance, an meinen Aufgaben zu wachsen. Über meine Grenzen hinauszugehen und meine Fähigkeiten und mein Wissen zu erweitern.", sprach sie mit ruhiger Stimme. "Ich bin nun entschlossen, dich abzulegen und umzuwandeln in Mut und Selbstvertrauen."
In Dankbarkeit legte sie die Kette zwischen die Wurzeln des Baumes, verabschiedete sich von diesem und begann ihren Anstieg. Er war nicht leicht und sie musste oft Pausen einlegen. Mal rutschte sie ab, fand jedoch immer wieder genug Halt, um weiterzugehen. Und die Aussicht war ihr größter Lohn. Als sie an der Spitze des Berges ankam, da leuchtete der Himmel über ihr in den allerschönsten Farben, die sie sich nur vorstellen konnte. Und sie sonnte sich in diesem Anblick und dankte der Erde und der Sonne und ihrer Liebe, die ihr geholfen hatten, ihren eigenen Wert zu erkennen.
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