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Wandas Absolution

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P16 / Gen
22.05.2022
22.05.2022
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2.232
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Kurzbeschreibung:

Die verängstigten Blicke ihrer Kinder, die sie nur durch die Stäbe des Treppengeländers sah – sie hatten Wanda realisieren lassen, was sie getan hatte.
Sie hatte sich von den dunklen Kreaturen des Darkholds hinreißen lassen und war die Böse. Sie hatte ihrem alternativen Selbst wehgetan, Menschen getötet, das Buch der Vishanti zerstört, und ihren Kindern Angst eingejagt. Nun fasst sie einen Entschluss, der für immer sein soll.




Wandas Absolution



Sie trat zurück. Die heile Familie hörte sie nicht mehr, nur noch das leise Klacken ihrer Absätze. Das Wohnzimmer verschwand, Stein erschien an dessen Stelle und knirschte unter ihren Sohlen.
In ihr zog sich alles zusammen, ihr Herz verkrampfte sich, in ihrem Inneren zitterte sie.
Sie flog zurück zu ihrem Thron, hob ihre Hände. Die Magie flimmerte um sie herum, sie schickte sie in alle Himmelsrichtungen, umschloss die Mauern ihres Schlosses.
„Zu existieren ist sinnlos geworden“, dachte sie. „Herrschaft oder Zerstörung ... Ich hätte die Zerstörung gebracht.“

Schmerzlich wurde ihr bewusst, dass sie nicht ihre Mutter sein konnte. Sie war nicht dazu in der Lage, den Platz ihrer Variante einzunehmen, die Jungs liebten sie zu sehr.
Sie liebten ihr alternatives Selbst mehr als sie.
Die Tränen rannten ihre Wangen hinab und sie schluchzte.
Sie hatten ihre Spielsachen nach ihr geworfen.
Sie wollten sich schützen, wehren, hatten Angst.
Sie hatte ihre Kinder angeschrien.
Billy und Tommy sahen sie als Monster.

Stephen, Wong, America. Sie waren alle nicht mehr da.
Waren längst geflohen.
Sie schluckte. Nun war sie ganz allein.
Wieder.
Nur sie und die dunklen Zaubersprüche, die ihr rasende Wut und Gier eingeflößt und die Finsternis in ihr Herz gebracht hatten.

Als sie ihre Augen schloss, sah sie die schwarzen Schatten, die untoten Gestalten, die ihr Herz umklammert hatten.
Sie fauchten, lachten sie aus. Rissen ihre Seele in Fetzen. Ihr Inneres war eingeschlossen, bewacht von den dunklen Mächten. Und sie stand mittendrin. Und wurde gezwungen, alles anzusehen.
Wieder und wieder.

Wieder spürte sie den Schock, als die Bombe von Stark Industries ihr Haus getroffen und ihre Eltern getötet hatte.
Wieder spürte sie die Leere, als sie jedes von Hydras Experimenten über sich ergehen ließ.
Wieder spürte sie den Schmerz, als Pietros Herz aufhörte zu schlagen.
Wieder spürte sie die Wut, als sie Ultrons Herzstück herausriss und zerstörte.
Wieder die Liebe, die zu Vision aufglomm.
Wieder die schönen Erinnerungen zusammen, wieder die Gespräche und die Zuflucht.
Wieder die Angst um ihren Geliebten, als Proxima und Corvus sie angegriffen hatten.
Wieder das Leid, als Vision sie darum gebeten hat, ihm seiner Seele zu berauben.
Sein Tod.
Die Zeitumkehr, die ihn erneut aufatmen ließ, nur um aus seinem Tod ein qualvolles Sterben zu machen.
Die Trauer.
Die Illusion einer perfekten und harmonischen Familie.
Die gnadenlose Zerstörung von all dem, was sie sich je gewünscht hatte.

All dies umspann ihr Herz in einem Hex immer und immer wieder. Die untoten Gestalten flogen um sie herum, lachten hysterisch.
Sie schniefte, ein witzloses Heben ihrer Mundwinkel konnte sie nicht kontrollieren. „Ihr werdet niemanden mehr leiden lassen“, sagte sie, hob ihre Hände. „Das Darkhold wird nicht länger existieren. Weder in diesem noch in anderen Universen. Keine andere Version meiner selbst hat dieses Schicksal verdient.“
Die Magie umschloss die Kreaturen, schlug Risse in das Hex.
Mit einem Schlag hatte sie alle vernichtet.
Das Hex löste sich auf, die Erinnerungen verschwanden. Nun sah sie diesen Teufelskreis aus Bildern nicht mehr.

Sie öffnete die Augen wieder.
Nach allem, was geschehen war, fühlte sie nun Ruhe.
Das Gemäuer des Schlosses hielten der Zerstörungskraft ihrer Magie nicht mehr stand, stürzten herab.
Doch es war in Ordnung.
Es tat ihr nicht weh.
Solange Billy und Tommy in anderen Universen glücklich waren, war alles gut.

Sie atmete tief durch. „Keine weitere Wanda soll jemals zur Scarlet Witch werden.“
Damit ließ sie ihre Arme sinken. Und mit ihr das Darkhold um sie herum.
Die Trümmer fielen hinab, trafen sie.
Doch sie spürte nichts mehr. Es war, als wolle ihre Magie sie vor dem letzten Schmerz beschützen.
Nie wieder träumen. Nie wieder die Albträume des Erwachens erleben.


„Wanda!“

Sie erschrak, doch ehe sie sich umdrehen konnte, um zu erkennen, wer nach ihr ihr gerufen hatte, packten sie zwei Arme von hinten und zogen sie von ihrem Thron. Hinaus aus ihrem Verderben und hinein in ein oranges Licht.

Sie schnappte nach Luft, hob ihre Hände wieder.
Die männliche Stimme hinter ihr stöhnte qualvoll auf, gleichzeitig schloss sich das orange Licht.
Das Darkhold war weiterhin am Einstürzen und sie fühlte, wie der Fluch von ihr fiel.
Rasch wandte sie sich um und verweilte einige Meter über dem Boden.

Der Mann, den sie vor sich in der Luft festhielt, war ihr vollkommen gleich, doch sie konnte den Zauber nicht aufrechthalten. Ihr schossen neue Tränen hoch und sie ließ ihn los.
Der Mann fiel auf seine Knie, rang nach Luft, hustete.
„E-entschuldige“, wisperte sie und nahm ihre Hände zu sich. Sie zitterten und sie schluckte schwer. Erst als sie wieder den Boden unter ihren Füßen spürte, sackte sie selbst ein. Ihre Lippen bebten. „Ich bin ein Monster“, sagte sie, schluchzte. „Ich bin ein Monster.“

„Und was soll ich dann sein?“, raunte ihr die männliche Stimme entgegen.
Sie blickte auf und gleichzeitig schwang er sein schwarzes Haar zurück, schnaubte und schaute sie vorwurfsvoll an. „Jetzt weiß ich, wie sich Thor gefühlt haben muss. Da will man ein Leben retten und wird von diesem fast umgebracht.“
Er stand auf und kreiste mit den Schultern.
Doch Wanda ballte ihre Hände zu Fäusten und die Chaosmagie umspielte ihre Finger. Sie biss ihre Zähne aufeinander. „Warum hast du das getan?“

„Du glaubst nicht wirklich, dass ich das mächtigste Wesen im gesamten Multiversum einfach in den Suizid rennen lasse?!“, sagte der Mann und legte seine Stirn in Falten. Doch im selben Moment nahm er verteidigend seine Arme hoch. „Unangebrachte Wortwahl, entschuldige. Ich fange einfach mit meinem Namen an, wenn es in Ordnung ist. Loki von Asgard.“
In Wanda kochte die Wut hoch. Wie konnte es dieser Mann wagen, sie aus ihrer Entscheidung zu reißen? Sie weiterhin dem Leid ihres Schicksals auszusetzen?
„Du hättest mich nicht am Leben lassen sollen, Loki von Asgard. Ich bin ein Monster“, wisperte sie.
Zu ihrer Überraschung schüttelte Loki jedoch den Kopf und ein Lächeln zeichnete sein Gesicht. „Nein, du bist kein Monster. Du bist die Scarlet Witch. Und genau dich brauchen wir. Wir brauchen deine Hilfe. Mit deiner Macht können wir verhindern, dass das Multiversum kollabiert und alles und jeder in jedem Universum stirbt.“

Wanda schüttelte leicht mit ihrem Kopf und ihre Skepsis wuchs. „Ich bin nicht die einzige Wanda, warum hast du ausgerechnet mich geholt?“
„Weil du die einzige Scarlet Witch im ganzen Multiversum bist! Und du wirst die einzige Wanda sein, die jemals zur Scarlet Witch wird! Du bist die Einzige, die alle Varianten von Kang aufhalten kann, die versuchen, erneut Krieg zu führen!“
„Was ...“ Allmählich versiegten ihre Tränen. „Wer soll Kang sein?“

Loki stoppte und ballte seine Hand zur Faust. „Verdammt, wieso kennt den keiner?“, zischte er, fing sich jedoch. „Dieser ... Mensch hat das Multiversum gefunden und die einzelnen Universen voneinander getrennt, um einen multiversalen Krieg zu verhindern, der alles und jeden vernichtet hätte. Er hat das gut gemacht, versteh mich nicht falsch, nur er wurde ... Wahrscheinlich, nehme ich an, getötet. Gewissermaßen von mir.“ Wie er dies aussprach, wurde er immer leiser, doch schüttelte schließlich den Kopf und stellte sich aufrecht. „Aber das spielt keine Rolle, seine Varianten sind bösartig und dazu imstande, alles auszulöschen.“ Er hob seine Hand, um seine Worte erneut zu unterstützen. „Er hat im schlimmsten Fall ein Monster, dass die Realität auffrisst, und du erschaffst Realität!“ Ein breites, unehrliches Grinsen erfüllte seine Lippen und er stemmte die Hände in die Hüften. „Das passt doch perfekt.“

Wanda drehte ihm den Rücken zu, schmerzverzerrt schluchzte sie und sank wieder hinab zum Boden. „Wieso hast du mich nicht einfach sterben lassen?“
Loki zog eine Augenbraue hoch, seufzte. „War ich nicht deutlich genug? Wenn ich die Möglichkeit habe, diesen Kang aufzuhalten, und du bist diese Möglichkeit, ansonsten kollidiert das Multiversum und alle werden sterben, lass ich dich dann einfach so in den Selbstmord laufen?“
Plötzlich drehte sie sich um, voller Zorn. Rote Wände erschienen um die beiden, bestückt mit Runen. Ein Magieschleier legte sich um seinen Hals, riss ihn vom Boden. Erschrocken rang Loki nach Luft.
„Du hast mir meinen letzten Frieden genommen!“, schrie Wanda, während die Tränen ihre Wangen benetzten.
Er nickte hastig, wollte ihrer Hexerei entkommen, doch kein Zauber gelang ihm. Verzweifelt schnappte er nach Luft.
„Vision!“, würgte er hervor.

Augenblicklich ließ Wanda von ihm ab und Loki fiel zu Boden. Er stöhnte auf, erhob sich und torkelte leicht. Als er sicher stand, fuhr er sich durch die Haare und atmete tief durch. „Wow, und ich war schon von Sylvie beeindruckt.“

Wanda nahm ihre zittrigen Hände zu sich und biss ihre Zähne aufeinander, bevor sie es wagte, zu fragen. „Was hast du gesagt?“
Loki sah ihr direkt in die Augen und hielt ein kleines Gerät in seiner Hand hoch. „Schon mal von der TVA gehört? Zeit spielt keine Rolle und nachdem die TVA durch das Zerstören des Zeitstrahls ebenfalls vernichtet wurde, habe ich mir unser Universum genauer angeschaut. Ich habe nach einer Lösung gesucht.“ Er drückte einen Knopf und das Hex wich einem Bild, welches Wanda noch nie zuvor gesehen hatte. Obwohl es ihr so vertraut vorkam.
Westview. Vision. Und die seelenlose Waffe, die einst ihr Geliebter war.
Sie sprachen miteinander und die leeren Augen der Waffe füllten sich langsam mit Leben, bevor er die Flucht ergriff und davon flog.
Wanda verharrte. „Das ist Vision. Das ist mein Vision.“

Loki nickte. „Deine Manifestation eines Synthezoiden hat diesem Vision seine Seele zurückgegeben, wenn du es so nennen möchtest. Und ... Es ist dieser Vision, der unter anderem deine Hilfe braucht.“

Rasch drehte sie sich zu ihm und ihr Hex löste sich endgültig auf. Die Tiefe kam in ihre Stimme zurück. „Was?“
Ehe sie sich versah, hatte Loki einen Knopf gedrückt und ein neues Portal öffnete sich. Wanda traute ihren Augen nicht und schritt zurück, als sie den weißen Körper erblickte.

Erst als ich sich das Portal wieder geschlossen hatte, nahm die weiße Gestalt sachte einen Arm hoch. „Hallo, Wanda.“
Bei dem Klang seiner Stimme schluckte sie und war nicht dazu imstande, ihre Tränen zurückzuhalten. „Bist ... Bist du das wirklich?“
„Ja und nein“, antwortete dieser. „Verzeih die Ausdrucksweise. Ich bin Vision, allerdings nicht der Vision, den du kennst.“ Er kam nicht näher, sondern wahrte Distanz. Eine Distanz, die Wanda verunsicherte. „Deine Manifestation hat mir den Zugang zu allen Erinnerungen gegeben. Ich habe alle wiedererlangt, ich weiß, was zwischen uns gewesen ist und was du dir zusammen mit meinem früheren ich gewünscht hast.“

Loki verschränkte einen Arm, um den anderen darauf abzustützen, und hielt sich die Faust vor dem Mund. Sein Blick ruhte auf der Scarlet Witch, die, obwohl sie schon gebrochen war, auf ihn wirkte, als würde sie weiter an den Worten des Mannes zerbrechen, den sie liebte.
Wanda prägte sich jede Feinheit seines Gesichts ein, jedes Funkeln in seinen Augen, die wieder so voller Leben schienen. Und doch wirkte etwas anders.
Vision schaute sie eindringlich an und erklärte ihr. „Ich weiß von allem, aber ich muss dich insofern enttäuschen, dass ich keine menschlichen Gefühle mehr besitze. Die Erinnerung daran besitze ich und ich respektiere die Beziehung als Ehemann und Ehefrau, die du mit meinem früheren Ich geführt hast. Ich, wie ich jetzt hier stehe, kann sie jedoch nicht mit dir weiterführen, da ich dir nicht diese Gefühle zeigen kann, die in einer solchen Beziehung maßgeblich sind.“

Wie Vision dies aussprach, trat Loki immer mehr Schritte zurück und war schon Inbegriff zu fliehen, denn die Scarlet Witch hatte in ihrer Trauer und der neuen Hoffnung Stillstand gefunden.
Die letzten Tränen liefen hinab und ihr Gesicht erblasste. Sie rührte sich nicht, lediglich ihre Mundwinkel zuckten.
Nun doch trat Vision einen Schritt auf sie zu. „Es ist nicht in meiner Absicht, dich zu verletzen, Wanda. Aber es ist notwendig, dass du die Wahrheit erfährst, damit du keinen falschen Hoffnungen erliegst. Ich kann dich nur insofern beruhigen, dass Loki etwas herausgefunden hat.“
Wanda sah zu Loki und giftete ihm mit einem Blick entgegen, der zu töten vermochte. „Was?“

Kurz presst Loki seine Lippen aufeinander, doch zeigte erneut das Gerät in seiner Hand. „Was deine Kinder anbelangt ... Sie existieren in diesem Universum. Nicht noch, sondern wieder. Ihre von dir geschaffenen Seelen waren so real, dass sie übergewandert sind.“
Er drückte den Knopf und zwischen Wanda und Vision erschienen die Bilder von zwei großen Jungs. Zwei, die unterschiedlich, in verschiedenen Familien aufwuchsen, doch ihren Weg zu jemand ganz Bestimmtes fanden.

Wanda erschrak und schnappte nach Luft. Die Gesichtszüge ihrer Kinder hatte sie sofort erkannt. Zitternd hielt sie beide Hände vor ihrem Herzen. „Das sind meine Jungs!“
Vision nickte. „Jedoch sind dies Bilder aus der Zukunft. Die Seelen unserer Kinder wurden wiedergeboren. Es wird einige Jahre dauern, aber sie werden zu dir zurückkehren, Wanda. Du hast deine Familie nicht verloren. Es mag nicht so sein, wie du es dir gewünscht hast, doch deine Familie lebt und sie findet ihren Weg zu dir.“

„Aber das kann nur geschehen, wenn du uns hilfst und diesen multiversalen Krieg nicht ausbrechen lässt“, ergänzte Loki. „Du bist die Einzige, die dazu in der Lage ist, all das zu stoppen.“

Wanda schluckte schwer, doch das Beben ihrer Hände und das Schlottern ihrer Beine ließ nach. Ein Nicken entfloh ihr. „Alles. Alles für meine Familie.“
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