Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zwischen den Welten

von Stormyr
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
20.05.2022
29.09.2022
22
60.525
10
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.09.2022 3.572
 
Vorab kurze Erinnerung bzgl. der im ersten Kapitel genannten CNs,
insbesondere: Suizid(gedanken)


- - -
Dämonen der Vergangenheit


Lennards Familie wohnte nur wenige hundert Meter vom See entfernt. So verabschiedete er sich für fast eine Stunde und kam danach mit einem kleinen Outdoor-Grill, Grillkohle, einer Kühlbox mit Getränken sowie Grillfleisch und Gemüse wieder, für das wir zuvor eine gemeinsame Liste geschrieben hatten. Ich war überrascht davon, dass Lennard sich den Stress antat für zwei Typen, die er gerade erst am See kennengelernt hatte. Für ihn schien es nicht einmal wie Aufwand, er summte fröhlich vor sich hin, während er den Grill anzündete. Julian wiederum bereitete das Essen vor, während ich im Schatten einiger Bäume im Gras saß und den beiden müde zuschaute. Ich freute mich auf den Abend, aber zugleich fühlte ich mich erschöpft und kraftlos. Gerade rieb ich mir über meine Augen, als Julian mir eine kleine Colaflasche hinhielt. Ich verzog das Gesicht.

»Koffein und Zucker«, sagte Julian, »komm schon, dein Kreislauf ist im Keller.«

Seufzend nahm ich die Flasche an mich und trank einen kleinen Schluck. Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont und tauchte den Himmel in einen dunklen Orangeton. Dennoch hatte ich mich heute wieder mit der Creme einreiben müssen, die gegen Sonnenbrand half. Eine zarte Brise machte die letzten Sonnenstrahlen erträglich.

Ich fühlte mich überflüssig in unserer Runde. Während ich tatenlos im Gras saß, legten die anderen beiden Grillfleisch und Gemüse auf den Grill und unterhielten sich angeregt darüber, wie man am besten Fleisch zu grillen hatte. Als ein Stück Fleisch zwischen dem Rost durchgerutscht war und sie es fast verkohlt wieder herausgefischt hatten, brachen sie in Gelächter aus.

Ich kaute auf meiner Unterlippe herum und schlang die Arme um meine angewinkelten Knie. Dass die beiden auf einer Wellenlänge waren, war unschwer zu erkennen. Traurig senkte ich den Kopf. Lennard war wie der Freund, den Julian brauchte, aber nicht hatte. Und was hatte ich bisher für ihn getan? Ich hatte ihn im Stich gelassen, als sein Vater auf ihn losgegangen war, ihn abgewiesen und beleidigt und drängte ihm zusätzlich meine lächerlichen Probleme auf, obwohl er ganz andere Sorgen hatte.

»Was ist los?« Julians Worte ließen mich aus meinen Gedanken schrecken. Er kniete vor mir und musterte mich mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn. Ich nestelte mit den Händen an meinem Hosenbund und zuckte mit den Schultern.

»Nichts«, antwortete ich angestrengt ruhig. »Hab nachgedacht.«

»Ich hab’s gesehen.«

Ich zwang mich zu einem Lächeln. Derweil lehnte sich Julian zu der Getränkebox und holte zwei Bierflaschen heraus. Mit einem Flaschenöffner öffnete er gekonnt die Flaschen, ehe er mir eine hinhielt. Meine Augen verengten sich. »Du musst mich nicht bemuttern.«

»Mach ich gar nicht. Aber ein bisschen Alkohol kann dir vielleicht beim Abschalten helfen.«

Er grinste verschmitzt und wackelte mit der Bierflasche in seiner Hand.

»Koffein für den Kreislauf und Alkohol für die Stimmung?«, murmelte ich, »klingt nicht gesund.«

»Man muss sich nur zu helfen wissen.«

Ich verdrehte die Augen, aber nahm die Flasche in die Hand und nahm einen großen Schluck, der mich augenblicklich das Gesicht verziehen ließ. Aufmunternd klopfte Julian mir auf die Schulter, ehe er sich zu Lennard umdrehte und ihm gegen den Oberarm tippte, um ihm anschließend ebenfalls eine Bierflasche in die Hand zu drücken.

Als der Großteil des Grillfleisches fertig war, ließ Julian sich mit zwei Tellern neben mir nieder und reichte mir einen rüber. Dankend nahm ich ihn an, ehe Lennard uns Besteck reichte. Selbst das Geschirr hatte er sich von seinen Eltern geborgt. Ich versuchte mir meine gedrückte Laune nicht anmerken zu lassen, während ich die Bratwurst und das Steak auf meinem Teller aß. In der Zwischenzeit stand Lennard noch immer am Grill und aß nebenbei seine Portion. Heiterer wurde ich erst wieder, als ich mein drittes Bier zur Hälfte leergetrunken hatte und es mühseliger wurde, den Fokus zu behalten. Aber dafür entspannte ich mich und klinkte mich lockerer in die Gespräche ein.

Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden, als Lennard kurz zur Kühlbox ging und mit einer Flasche Kräuterlikör und drei Schnapsgläsern zurückkehrte. Er setzte sich ins Gras und reichte jedem von uns eines der Gläser. Zwar protestierte ich nicht, aber ein mulmiges Gefühl stieg in mir hoch, nachdem ich mein Glas mit Kräuterlikör gefüllt hatte. Üblicherweise kamen bei mir nicht besonders gute Dinge herum, wenn ich zu viel Alkohol trank. Das hatte mir meine Schulzeit gelehrt … und der Abend mit Julian, an dem ich das erste Mal mit ihm rumgeknutscht hatte. Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen, ehe ich mit Julian und Lennard anstieß und den Schnaps hinunterkippte. Es brannte in meiner Kehle.

»Wenn ihr noch wollt, schenkt euch selbst nach.« Lennard legte die Flasche mit Kräuterlikör zwischen uns. »Aber übertreibt nicht. Betrunkene, laute Leute sind hier nicht gern gesehen.«

Ich griff nach dem Kräuterlikör und schenkte mir mein Schnapsglas auf. Den skeptischen Blick von Julian sah ich nur im Augenwinkel, ehe ich den Schnaps in einem Zug trank. Der Alkohol wärmte meinen Oberkörper von innen. Julian fasste mir an den Oberarm, woraufhin mir ein Schauer über den Rücken lief.

»Alles okay bei dir?«

Ich schluckte. »Natürlich. Ich dachte, du wolltest, dass ich trinke.«

Julian sog zischend Luft zwischen seinen Zähnen ein. »Aber nicht so viel.«

Glucksend hielt ich mein leeres Schnapsglas in die Luft. »Der schmeckt einfach.«

»Du meinst, so wie der Wein in Venedig?«, sagte Julian.

Ich zog eine Grimasse.

»Ihr wart in Venedig?«, fragte Lennard und ich war froh, dass er unser Gespräch auf ein anderes Thema lenkte. Anstatt von diesem einen Abend in Venedig zu erzählen, an dem ich Julian Dinge über meine Familie erzählt hatte, die ich normalerweise für mich behielt, fing Julian an, von unserer gesamten Reise zu erzählen. Er sprach schnell beim Erzählen und seine Augen leuchteten, als würde er stolz verkünden, dass er einen Preis gewonnen hatte. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen.

Ich spürte den Schnaps schneller, als mir lieb war. Während Julian und Lennard weiterhin Bier und das ein oder andere Glas Schnaps tranken, wechselte ich zum Wasser. Nicht, dass ich mich auch noch bei Lennard ausheulen würde.

Nach einer Weile, als ich mir sicher war, dass mein Körper es vertrug, rang ich mich erst zu einer weiteren Bierflasche durch. Nichtsdestotrotz entwich mir hin und wieder ein tiefes Gähnen. Meine Augenlider wurden schwer und mich überkam das Bedürfnis schlafen zu gehen, während die anderen beiden sich angeregt unterhielten und lachten, als hätte der Abend gerade erst begonnen. Lennard schenkte sich Kräuterlikör. »So.«

Er kippte sich den Schnaps hinunter und rümpfte kurz die Nase. Das wievielte Glas es gewesen war, wusste ich schon nicht mehr, aber dafür machte Lennard noch einen recht nüchternen Eindruck. Er stellte das Glas im Gras ab, wo es sofort umkippte. »Es ist nach Mitternacht, Freunde. Zeit für Deep Talk.«

Julian lachte. »Jetzt dachte ich, du sagst Zeit fürs Bett

»Alter, ich bin froh, wenn ich an einem Freitag überhaupt ins Bett komme.«

Ich verschränkte die Hände in meinem Schoß, während ich dem Gespräch der beiden lauschte.

»Aber um mal zur Sache zu kommen: Wisst ihr, ich mag euch. Und wenn ich Leute mag, interessieren mich auch ihre peinlichen oder unangenehmen Geschichten«, sagte Lennard. »Im Gegenzug erzähle ich natürlich auch von meinen. Und weil ich nicht unhöflich sein will, dürft ihr zuerst eine Frage stellen, die wir alle beantworten. Bock?«

»Oh ja!«, stieß Julian aus, »ich hab eine Frage!«

Lennard grinste über beide Ohren. »Schieß los.«

»Was war dein peinlichstes Sexerlebnis?«

Ich machte die Augen groß, denn obwohl ich damit hätte rechnen sollen, dass bei peinlichen Geschichten solche Fragen aufkamen, hatte ich diese nicht erwartet. Ganz anders als Lennard offensichtlich, der die Augen verdrehte. »Die Standardfrage überhaupt.«

»Dann kannst du sie mir doch ohne Mühe beantworten, oder?«, erwiderte Julian.

»Sicher.« Lennard grinste breit. »Die Sache ist, mir ist nichts peinlich beim Sex. Also komische Situationen gibt es immer mal, aber was soll’s? Jeder furzt mal im Bett, oder?«

Julian lachte laut auf und schüttelte den Kopf. »Danke, Lennard. Mehr brauche ich nicht wissen.«

Stattdessen drehte sich Julian in meine Richtung und sah mich auffordernd an. »Nun wird’s interessant. David?«

Ich seufzte und rieb mir über die Stirn. Dieses Gespräch bereitete mir mehr Unbehagen, als ich zugeben wollte.

»Keine Ahnung. Ich schätze, mein erstes Mal?«

»Warum?«, fragte Julian.

»Weil ich keine Ahnung hatte, was ich tue. War das bei euch nicht so?«

Ich kniff die Augenbrauen zusammen, weil ich das Gefühl hatte, komisch zu sein. Aber ich hatte keine lustigen Geschichten, die ich erzählen konnte, dafür passierte in meinem Leben einfach zu wenig.

»Bei wem ist das erste Mal schon gut?«, sagte Lennard mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Julian grinste. »Bei mir.«

Ich spürte einen unerwarteten Stich in meiner Brust, als ich daran dachte, mit wem Julian sein erstes Mal gehabt hatte.

»Okay, also wenn dein peinlichstes Sexerlebnis nicht das erste Mal ist, was dann?«, fragte Lennard und stützte sich mit den Armen hinter seinem Rücken ab. Neugierig musterte er Julian, der sich am Kopf kratzte.

»Ich weiß nicht, ob das zählt, aber ich bin mal morgens im Bett einer Frau aufgewacht und konnte mich an nichts erinnern. Hab schon Panik gekriegt, weil ich ja eigentlich nicht auf Frauen stehe und dann hab ich sie gefragt, ob wir Sex hatten und sie meinte, nein, ich wollte nur kuscheln. Was noch seltsamer ist, weil ich kuscheln hasse.« Er gluckste. »Zumindest im nüchternen Zustand.«

Meine Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie, so fest presste ich sie aufeinander. Warum hatte er dann mit mir gekuschelt? Aus Mitleid?

»David, hast du eine Frage?« Julians Blick traf meinen, und für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, dass er bemerkte, woran ich dachte. Sachte rieb ich mir über den Hals, ehe ich mit den Schultern zuckte. Sein Gesichtsausdruck wirkte skeptisch, als würde er mir nonverbal etwas mitteilen wollen, doch ich verstand es nicht. Ich atmete tief ein. »Mir fällt nichts ein. Lennard?«

Lennard räusperte sich und setzte sich wieder gerade hin. »Was bereut ihr am meisten?«

Mein Herz stolperte. Meine Atmung wurde flach und mein Mund wurde so trocken, dass sich der aufkommende Knoten in meinem Hals nicht einfach so hinunterschlucken ließ.

»Da darfst du anfangen«, sagte Julian, woraufhin Lennard schief grinste. Ich war froh, dass ich nicht reden musste. »Gut.« Er klatsche in die Hände und faltete sie ineinander. »In meiner Jugend wollte ich Profischwimmer werden. Ich hab an regionalen Schwimmmeisterschaften teilgenommen, war auch nicht mal so übel, aber wollte mehr. Deutsche Jugendmeisterschaft. Und natürlich der große Traum von Olympia. Tja, blöd nur, dass ich nicht mit dem Leistungsdruck umgehen konnte und mir anders weitergeholfen habe.«

Doping, war mein erster Gedanke, aber ich konnte ihn nicht aussprechen. Ich kannte den Druck, liefern zu müssen und die Zweifel, nicht gut genug zu sein. In anderen Sportarten war es vermutlich schlimmer als im Fußball, aber ich wusste, was es mit Menschen machen konnte.

»Weitergeholfen? Meinst du mit Drogen?«, antwortete Julian. Lennard nickte.

»Und kam es raus?«

Lennard streckte seine Arme nach vorne, die Hände noch immer ineinander gefaltet, ehe er seine Schultern streckte, als müsste er sich seelisch auf die nächsten Worte vorbereiten. Dann atmete er tief ein.

»Ich hab die Reißleine gezogen, bevor es rauskam. Hab’s aber meinem Trainer erzählt und bin natürlich aus dem Verein geflogen. Nebenbei habe ich mir noch mein Schuljahr versaut und meine Beziehung in den Sand gesetzt. Aber das war schon okay so. Ich bin nicht für den Profisport gemacht. Ich wünschte nur, ich hätt’s auf eine angenehmere Art rausgefunden.«

Das hätte ich mir auch gewünscht, dachte ich, während die Erinnerungen an trübblaue Augen hochkamen. Ich senkte meinen Blick und musterte nachdenklich meine Hände, mit denen ich an meiner kurzen Hose nestelte. Mein Kopf war voll und gleichzeitig so leer. In meiner Brust zwickte es.

»David?«

Ich schreckte hoch und spürte Julians Hand auf meinem Knie.

»Alles okay?«

Schwer schluckend rang ich mich zu einem Lächeln durch. »Wie oft willst du mich das noch fragen?«

»Na, du bist heute seltsam drauf.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nicht anders als sonst.«

Julian runzelte die Stirn, aber offenbar machte er keine Anstalten, weiter nachzubohren. Ob aus Höflichkeit oder weil er mir tatsächlich glaubte, wusste ich nicht.

»Willst du dann weitermachen?«, fragte Lennard und schmunzelte. Schmerzhaft presste ich meinen Kiefer aufeinander, und spürte prompt ein Stechen in meinem Kopf. Mit einer Hand rieb ich mir über die Schläfe. Ich wollte etwas sagen, aber in mir stieg Panik auf, sodass mir alle Worte im Hals stecken blieben.

»Ich weiß was.« Es war Julians Stimme, die mich davor bewahrte, tiefer in den Gedankenstrudel zu sinken. Abwesend spürte ich noch, wie er sanft über mein Knie streichelte, bevor er seine Hand zurückzog. Bevor Julian jedoch weitersprach, schenkte er sich Kräuterlikör in sein Schnapsglas und kippte es hinunter. Kurz zog er eine Grimasse, dann räusperte er sich. »Ich bereue, dass ich es nicht schaffe, meinen besten Freund aus meinem Leben zu kicken.«

Den Satz hatte er so schnell ausgesprochen, dass ich mit meiner mangelhaften Konzentration kaum mitkam.

»Was ist mit ihm?«, fragte Lennard.

Julian rümpfte die Nase. »Er ist ein Arschloch.«

»Kleines Arschloch, großes Arschloch?«

»Gigantisches Arschloch.«

Ein Grinsen schlich sich in Julians Gesicht, nur für einen kurzen Moment, dann wurde seine Miene wieder ernst. Lennard warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. »Wann hattet ihr das letzte Mal Kontakt?«

Julian zog zischend Luft ein und fuhr sich mit der Hand durch die strubbeligen Haare. »Vor zwei Tagen. Er schreibt mir immer mal wieder.«

Ich machte große Augen und blinzelte mehrfach. Wann?, wollte ich fragen, aber mir blieb die Luft weg. Ich hatte das Gefühl, mein Magen zog sich zusammen. Warum hatte er nichts davon erzählt?

»Hast du geantwortet?«, fragte Lennard und da nickte Julian erneut.

Lennard streckte einen Hand aus. »Gib mir dein Handy. Dann blockier ich ihn und lösch seine Nummer.«

Julian machte große Augen. »Nein.«

»Soll ich’s mir holen?«

»Nein!«

Julian sprang auf und ging auf Abstand, aber auch Lennard war schnell auf den Füßen, um ihm zu folgen. Da half es auch nicht, dass Julian vor ihm wegrannte, denn Lennard war sowieso schneller und holte ihn ein, bevor die beiden großen Abstand zu mir gewinnen konnten. Gedankenlos schaute ich ihnen zu, während meine Gedanken um Fabio kreisten. Und um meinen Klassenkameraden. Ich hielt mir den Kopf, weil ich das Gefühl hatte, dass die Gedanken von innen gegen meine Schädeldecke drückten. Mir wurde übel.

»Kannst du mir das entsperren?«

Bei Lennards Worten schaute ich zu ihm auf und obwohl die Sicht vor meinen Augen verschwamm, sah ich die beiden, wie sie sich gegenüberstanden. Mit verschränkten Armen funkelte Julian ihn an, während Lennard sein Handy in der Hand hielt und auf den gesperrten Bildschirm starrte. Julian schüttelte den Kopf und riss ihm das Handy aus der Hand.

Ich blinzelte weitere Male, aber meine Sicht wurde nicht besser. So sehr ich auch versuchte, meine Lungen mit ausreichend Sauerstoff zu füllen, es schien nicht zu funktionieren. Deshalb sprang ich auf, schwankte kurz, weil mir schwarz vor Augen wurde, und dann ging ich an ihnen vorbei ihn Richtung unseres Zeltes. Eine Hand lag auf meinem Bauch, als würde ich mich gleich übergeben müssen.

Ich hörte noch, wie Julian mir hinterherrief, aber es hielt mich nicht davon ab, weiterzulaufen. Bis zu unserem Zelt, wo ich den Reißverschluss der Tür mit zitternden Händen öffnete und regelrecht ins Zelt stolperte. Ohne Umwege schmiss ich mich auf die Isomatte, drehte meinen Körper in Richtung Zeltwand und hielt mir die Arme vor das Gesicht. Die Tränen, die mir in die Augen stiegen, versuchte ich wegzublinzeln. Normalerweise weinte ich nicht. Das hatte ich seit Jahren nicht mehr. Es dauerte nicht lang, bis ich hörte, wie jemand ins Zelt kam, und ich wusste, dass es Julian war, aber ich drehte mich nicht zu ihm um.

»Bist du wütend?«, fragte Julian. Dem Gruscheln nach zu urteilen, hatte er seinen Schlafsack beiseitegeschoben und sich auf die Isomatte gesetzt. Ich schniefte kurz, aber antwortete nicht. »Ist es wegen Fabio? Sorry, ich hätt’s dir erzählen sollen.«

Nun schleppte ich mich doch hoch, drehte mich mühselig in Julians Richtung und winkelte meine Knie an. Ich rieb mir über die Augen, um die Tränen wegzuwischen. Julian hob erschrocken seinen Kopf; auf seiner Stirn bildeten sich tiefe Falten, während seine Kieferknochen hervortraten.

»Du weißt, was ich am meisten bereue, oder?«, sagte ich und konnte das darauffolgende Schluchzen nicht unterdrücken.

»Dass du deinen Mitschüler geküsst hast?«

Ich schloss verzweifelt die Augen und schüttelte den Kopf. »Dass ich ihn … gemobbt habe.«

Die Worte kamen nur stockend aus meinem Mund und mir fiel es schwer, ihm danach in die Augen zu sehen. Tränen liefen mir über die Wangen, die ich schnell beiseite wischte. Ich atmete tief durch in der Hoffnung, dass mein Körper sich beruhigte, aber meine Hände zitterten noch immer.

»Er hat – « Ich schnappte nach Luft und schniefte. »Er lebt nicht mehr.«

»Du meinst … was?«

Julians Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie, während ich meine Augen starr auf meine Knie richtete.

»Und du fühlst dich schuldig?«, sagte Julian.

Ich sah auf und zog meine Augenbrauen nach unten.

»Schuldig fühlen? Ich bin schuld!« Meine Stimme war aufbrausend. »Ich hab ihn geküsst und dann gemobbt, damit es nicht rauskommt! Und dann hat er sich umgebracht!«

Julian legte sich einen Zeigefinger auf den Mund und nickte in Richtung unseres offenen Zelteingangs, aber ich schnalzte nur mit der Zunge und ließ mich frustriert auf die Seite fallen. Eine ganze Weile lag ich auf der Isomatte und starrte abwesend vor mich, ohne etwas zu sehen. Ich fühlte mich leer. Als klaffte ein tiefes, schwarzes Loch in meiner Brust.

Unzählig lange Minuten verstrichen, bis Julian die Stille durchbrach. »Ich weiß nicht, ob’s dir hilft, aber so eine Entscheidung trifft man aus vielen Gründen. Und meistens ist es nicht nur einer.«

Ich kniff meine Augenlider zusammen, ehe ich versuchte, Julian anzusehen. Aber mir fiel es schwer, die Augen offenzuhalten, geschweige denn mich wieder aufzurichten. Und dennoch alarmierten mich seine Worte.

»Hast du schon mal darüber nachgedacht?«, flüsterte ich.

Julian senkte seinen Blick. »Ständig. Vor allem seit meinem Streit mit Fabio.«

Ich ignorierte das Ziehen hinter meinen Rippen. »Was ist passiert?«

Julians Hände verschränkten sich krampfhaft ineinander, ehe er sie zwischen seine Beine klemmte. Seine Atmung wurde schneller, ich sah es an seiner Brust, die sich schnell hob und wieder senkte. Er vermied es, mich anzusehen, aber ich sah genau, was er fühlte … weil ich es kannte. Aber Julian schaffte es, sich wieder aufzurichten. Er holte tief Luft und versuchte sich aus der angespannten Körperhaltung zu lösen. Stattdessen setzte er sich in den Schneidersitz und nickte, als müsste er sich selbst Mut machen.

»Zu viel«, stieß er aus, es klang fast so frustriert wie ich gerade. »Es ist nicht das erste Mal, dass ich versuche, mich von ihm fernzuhalten. Aber dann fühle ich mich einsam … und allein … und – « Er fuhr sich mit der Hand über die Wange. »Ich weiß nicht. Ich such immer wieder den Kontakt zu ihm. Und ich hasse mich dafür. Weil ich mich wie das Problem fühle. Und dann denke ich mir …« Er verzog das Gesicht und schüttelte sich. »Ich denk dann, dass es einfacher wäre, das Problem … na ja … zu beseitigen.«

Ein Ruck durchfuhr meinen Körper und ich schaffte es, mich aufzusetzen. Ich streckte eine Hand nach ihm aus, aber ließ sie vor mir sinken. Zu hören, wie Julian über sich selbst dachte, löste ein unangenehmes Ziehen in mir aus, eines, das beinahe unerträglicher war als die klaffende Leere, die ich bis eben gefühlt hatte.

»Glaubst du, das hat er auch gedacht?« Meine Stimme war noch immer so leise, dass ich befürchtete, Julian könnte mich nicht verstehen.

Aber er zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Es ist bei jedem anders. Ich kann dir nur sagen, wie es bei mir ist.«

In mir sträubte sich alles. Ich schüttelte den Kopf. »Julian, du bist nicht das Problem. Fabio ist es.«

Julian presste die Lippen aufeinander. Er schaute mich an, als würde er erwarten, dass ich noch etwas hinzufügte, aber als ich das nicht tat, seufzte er. »Wenn Fabio das Problem wäre, hätte ich Lennard mein Handy gegeben.«

Ich kniff die Augen zusammen und versuchte die Szene zwischen den beiden zu rekapitulieren, die ich nur noch mit halber Konzentration mitbekommen hatte. Und dann schnaubte ich. »Du hast gesagt, er ist ein gigantisches Arschloch, ja? Dann befreie ihn nicht von seiner Schuld. Und mich auch nicht von meiner.«

Julian öffnete den Mund, aber dann schloss er ihn wieder und schaute weg. Er legte seine Stirn in Falten und rieb sich über seinen Handrücken. Nach einigen Momenten setzte er noch einmal zum Sprechen an, doch auch diesmal endete es nur in einem tiefen Durchatmen. Und dann nuschelte er: »Ich bin verwirrt.«

Meine Mundwinkel hoben sich schwach. In Wahrheit fühlte ich mich aber mächtig ausgelaugt und wollte nur noch, dass dieser Tag endete. Deshalb war ich froh, dass Julian das Thema damit fallenließ.

»Ähm, ist es okay, wenn Lennard hier schläft?«, sagte Julian nun und kratzte sich am Kopf. »Ich hab ihm gesagt, er soll erst mal beim Grill warten.«

Ich nickte. Und dann sprang Julian auf, als würde er so schnell wie möglich aus dem Zelt flüchten wollen, aber ich konnte es ihm nicht verübeln. Ich sah ihm noch hinterher, wie er aus dem Zelt schlüpfte, dann legte ich mich auf den Rücken, faltete die Hände auf meinem Bauch ineinander und starrte gedankenverloren an die Zeltdecke. Erstaunlicherweise fühlte ich mich … ruhig. Ich wollte mich nicht verstecken. Nicht mehr.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast