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Der Doppelgänger

von Mujuchu
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Thriller / P12 / Het
Caroline Fuchs Cristina Bayer Dr. Anja Licht Franz Hubert Reimund Girwidz Sabine Kaiser
17.05.2022
28.06.2022
7
11.445
4
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Dieses Kapitel
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17.05.2022 1.539
 
Reimund Girwidz spazierte alleine am Ufer der Isar entlang. Es war Wochenende, doch er konnte die freien Tage nicht so richtig genießen, da er wieder einmal versucht hatte, sich bei seiner Ex-Frau zum Kaffee einzuladen, von ihr aber abgewimmelt worden war.

“Du musst lernen loszulassen, Reimund!”, hatte sie ungeduldig am Telefon gesagt.

Loslassen! In den letzten Monaten hatte er so vieles loslassen müssen: Seine berufliche Position, seine Frau und auch seine Tochter. Johanna vermisste er davon am meisten. Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er an seine renitente Tochter dachte. Wie viele Kämpfe hatte er mit ihr ausfechten müssen, wie oft hatte sie ihn herausgefordert? Doch sie war und ist sein kleines Mädchen, auch wenn sie inzwischen schon Mitte zwanzig war und im 14. Semester Philosophie und Germanistik studierte, mit welchem Ziel auch immer.

Der Polizist war so in seine Gedanken versunken, dass er nicht auf den Weg achtete und plötzlich stolperte er. In letzter Sekunde versuchte er sich noch an einem Laternenpfahl festzuhalten, aber sein Gewicht zog ihn nach unten. Die Landung war weicher als vermutete, doch als er erkannte, worauf er jetzt lag, stieß er einen lauten Entsetzensschrei aus! So schnell er eben konnte sprang er auf und erkannte eine Frauenleiche, deren aus dem Gebüsch ragender Arm ihn zu Fall gebracht hatte. Zuerst glaubte er Johanna in dem Frauenkörper zu erkennen, doch schon bald wurde ihm klar, dass sie es nicht war. Diese Frau war größer und blond.  

Mit zitternden Händen wählte er die Nummer seines Kollegen Hubert. Er musste es lange klingeln lassen, bis dieser abnahm.

“Hubert”, brummte es dann am anderen Ende und erst als Girwidz den Grund für seinen Anruf genannt hatte, klang die Stimme am anderen Ende interessiert und Hubert versicherte vorbeizukommen.

Als nächstes wählte der Beamte die Nummer der Pathologin Frau Doktor Fuchs, die ebenfalls versprach zu kommen. Nur wenige Minuten später trafen die beiden Angerufenen fast gleichzeitig ein.

Während die Pathologin sich sofort über die Leiche beugte, meinte der Kollege:
“Is Eahne da a kloins Malheur passiert?”

Verwirrt sah Girwidz Hubert an. “Wie meinen Sie das?”, stammelte er, “Ich habe mit dem Tod dieser Frau nichts zu tun!”

Gemeinsam warteten sie auf die ersten Erkenntnisse der Pathologin, die sich auch bald darauf an die Polizisten wandte:
“Die Frau liegt hier wahrscheinlich schon seit mehreren Stunden, die Leichenstarre hat schon eingesetzt. Papiere hatte sie keine dabei. Genaueres kann ich Ihnen nach der Obduktion sagen.”
Sie packte ihre Sachen zusammen und verabschiedete sich von den Kollegen, als die Bestatter kamen um den Leichnam in die Pathologie zu bringen.

Auch zwei Tage später hatte die Tote auf ihrem Tisch noch keinen Namen. Dr. Caroline Fuchs verfasste ihren Bericht über die Unbekannte und beschrieb darin auch das Aussehen des Mordopfers. Eins stand fest: Die junge Frau war eindeutig erwürgt worden und zwar mit bloßen Händen. Trotzdem hatte die Pathologin keine Fingerabdrücke oder DNA-Spuren feststellen können; der Täter oder die Täterin musste also Handschuhe getragen haben. Die Frau war zwischen 25 und 30 Jahre alt gewesen und kerngesund. Es gab keine weiteren Verletzungen am Körper der Toten und sie passte auch auf keine der aktuellen Vermisstenanzeigen. Als Dr. Fuchs mit dem Bericht fertig war, schob sie die Leiche in den Kühlraum und beschloss den Bericht persönlich auf dem Revier abzugeben.

Kurze Zeit später bog sie mit ihrem Auto auf den Feldweg ein, der zu dem abgelegenen Bauernhaus führte, in dem das neue Revier der Wolfratshausener Polizisten untergekommen war. Vor dem Gebäude standen sowohl das schwarze Cabrio der Revierleiterin Sabine Kaiser, wie auch der alte, museumsreife Streifenwagen, unter dem zwei Beine hervorragten.

“Guten Abend, Herr Yazid!”, grüßte die Pathologin freundlich und schloss ihren Wagen ab. Yazid rollte unter dem Auto hervor.

“Ja, Grüß Gott, Frau Doktor! Was führt Sie denn hier heraus an einem so scheenen Obend?”, flirtete er mit der hübschen Frau und wischte seine öligen Hände an seiner nicht minder öligen Jeans ab.

“Die Arbeit, Herr Yazid, die Arbeit”, erwiderte sie und ging mit langen Schritten auf die Eingangstüre zu.

Noch bevor sie diese erreicht hatte, erschien Sabine Kaiser im Türrahmen und begrüßte die Pathologin: “Frau Dr. Fuchs! Welch schöne Überraschung! Was führt Sie hierher?”

Gemeinsam betraten die Frauen Frau Kaisers Büro und die Revierleiterin bot ihrem Gast den Platz ihr gegenüber an und setzte sich an ihren Schreibtisch. Caroline Fuchs zog ihren Bericht hervor und erläuterte ihre Erkenntnisse.

“Es liegt also eindeutig Fremdverschulden vor”, beendete sie nach einer Weile ihren Vortrag und sah sich im Büro um.
“Schön haben Sie es hier! Kein Containerambiente mehr.”

Sabine Kaiser stimmte ihr zu, doch dann fügte sie hinzu: “Sehr bürgerfreundlich ist es aber nicht, da war die zentrale Lage am Wolfratshausener Bahnhof schon geschickter!”

Gerade als sich die Pathologin verabschieden wollte, meldete sich ein Besucher an der Sprechanlage an. Polizeimeisterin Bayer ließ den aufgeregten Mann ein, der sich ihr als Hermann Gelten vorstellte. In der Hand hatte er eine Ausgabe des Wolfratshausener Kuriers, mit der er vor den Augen der Polizistin herumwedelte.

“I kenn di Frau!”, rief er aus und brach dann in Tränen aus. Bestürzt stand Christina Bayer auf und führte den aufgelösten Mann zu einem Stuhl.

Sie sah ihre Chefin fragend an und setzte sich dann nach einem kurzen Kopfnicken in Richtung Zentrale wieder an ihren Posten.

Dr. Fuchs reichte dem Mann ein Glas Wasser und fragte: “Geht’s wieder oder wollen Sie sich ein bisschen hinlegen?”

Der Mann schüttelte den Kopf und nahm die Hände aus einem Gesicht.
Dann atmete er tief durch und erklärte: “Die junge Frau auf dem Bild, das ist die Resi, meine Tochter. Was ist mit ihr passiert?”
Sein Blick wanderte zwischen den Frauen hin und her.

Resolut meinte Frau Kaiser: “Kommen Sie erst einmal mit in den Konferenzraum und der Kollege bringt Ihnen einen Kaffee!”
Sie gab Polizeimeister Riedl einen Wink und führte Hermann Gelten in den benachbarten Raum.

“Sie haben das Foto in der Zeitung erkannt. Warum haben Sie Ihre Tochter nicht als vermisst gemeldet? Die Ausgabe ist ja schon von gestern?”

Gelten nahm einen Schluck Kaffee und entgegnete dann leise: “I war a paar Tag auf Geschäftsreise. Da kommt des scho vor, dass man sich amol a paar Tag net gesehn hat. Aber als i heit Abend wieder zruck kommen bin, da war se net do und als i die Zeitungen der letzten Tage durchgschaut hab, da hab i des Foto gsehn!”

Gelten brach ab und schlug wieder die Hände vor die Augen.
“Wie isse denn gstorben?”, wagte er es schließlich zu fragen.

“Ihre Tochter wurde erwürgt”, erklärte Frau Dr. Fuchs, “sie scheint ihren Mörder gekannt zu haben, des es gab keinerlei Kampfesspuren.”

Plötzlich schlug der trauernde Vater kräftig mit der Faust auf den Tisch und knurrte: “Des war bestimmt ihr Freind, der Lump!”

“Wie kommen Sie darauf?”, hinterfragte die Kaiser diese Beschuldigung, “und hat der Lump auch einen Namen?”

Wieder seufzte der Mann und begann schließlich zu erzählen: “Vor etwa drei Monaten hat se ihn auf einer Party kennen glernt. Der is viel älter als sie, eher mei Alter, und ich woaß nur, dass ss ihn Jim nennt, aber ich hab koi Ahnung, ob der wirklich so heißt. Zwei- oder dreimal hat er se bei uns zu Hause abgholt und war mir von Anfang an suspekt. Was wui a so oider Kerl von so am jungen Ding? Aber mei Resa war total verschossn in den Mo, da ging nix.”

Frau Kaiser versuchte noch mehr zu erfahren, doch Gelten konnte ihr nicht mehr erzählen.

“Können Sie uns den Mann beschreiben?”, fragte sie schließlich noch und als Gelten nickte, rief sie nach Riedl.
“Mein Kollege setzt sich jetzt mit Ihnen zusammen und Sie beschreiben ihm den Mann, ja?”  

Frau Doktor Fuchs stand noch immer bei Christina Bayer und fragte die junge Frau: “Wo sind eigentlich die Herren Ermittler? Der Streifenwagen steht vor dem Haus, da hatte ich erwartet auch auf Hernn Hubert und Herrn Girwidz zu treffen.”

“Die sind heute mit dem Rad unterwegs”, erklärte Christina und grinste, “der Streifenwagen hat wohl heute Nachmittag was abgekriegt, als die beiden im Acker gelandet sind. Irgendwas mit dem Auspuff, aber der Yazid ist schon dran.”

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Konferenzraum und die Revierleiterin kam geraus.
“Christina, schauen Sie mal, ob sie etwas über einen Hermann Gelten und seine Tochter Resa oder Theresa herausfinden können.”

“Ist das die Tote?”, hakte Caroline Fuchs nach.

“Sieht so aus”, erwiderte die Polizeirätin und hörte aufmerksam zu, als Christina Bayer vorlas:

“Hermann Gelten, wohnhaft in der Fliedergasse 23 in Wolfratshausen, Unternehmensberater. An der Adresse ist noch eine Theresa Gelten gemeldet, könnte vom Geburtsdatum her seine Tochter sein.”

Riedl traute seinen Augen nicht, als er die fertige Zeichnung vor sich liegen sah.

“Sind Sie sicher, das ist der Mann?”, fragte er noch einmal nach und hielt das Phantombild in die Höhe.

Gelten nickte und fragte: “Kann ich jetzt gehen? Das ist alles zu viel für mich.”

“Da fragen Sie ab besten meine Chefin”, meinte Riedl und als sich der Mann von Sabine Kaiser verabschiedet hatte, zeigte er den Frauen das von ihm angefertigte Phantombild.
Plötzlich war es ganz still im Revier und alle Augen waren auf die Zeichnung gerichtet.

Frau Dr. Fuchs fand  zuerst ihre Stimme wieder und flüsterte leise: “Aber das ist doch....!”
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