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Am Ende der Unendlichkeit

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Harry Potter Severus Snape
17.05.2022
17.05.2022
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Kurzbeschreibung: HP/SS; Snarry || „Was könnte mehr ein Ende sein als das hier“, flüsterte er zurück und dann, in einem verzweifelten Ton, der ihm selbst unangenehm war: „Ich sterbe, Potter.“ || Happy End! Beitrag zu dem Projekt „Der verfluchte erste Satz“ von Nevermind


Hallo liebe Lesemäuse!
Überraschend schnell melde ich mich zurück mit einem neuen Snarry-Oneshot. Dieses Mal handelt es sich um einen Beitrag zu dem Projekt Der verfluchte erste Satz, welches von Nevermind (nasturka und Roff Boff) organisiert wird. Ich fand die Idee so reizend, dass ich es mal probieren wollte.
Mein Satz war die Nr. 20: Am Ende der Unendlichkeit wartet das Nichts.

Mal wieder wirklich nur etwas kurzes für Zwischendurch – nach meinem letzten hochgeladenen Snarry Oneshot „Der Besuch“ ist dieser hier womöglich etwas düster, hat aber ein Happy End. Ich hoffe, es gefällt euch. Viel Spaß!




Am Ende der Unendlichkeit


Am Ende der Unendlichkeit wartet das Nichts. Der menschliche Verstand war gar nicht in der Lage, etwas wie Unendlichkeit überhaupt zu fassen und doch war wohl offenkundig, dass die Unendlichkeit eins ganz bestimmt war: nun, unendlich. Ohne ein Ende. Was wartet also am Ende von etwas, das kein Ende hat? Oder hatte sie durchaus ein Ende, jedoch keinen Anfang? Severus fand, dass das ein wundervoll intelligenter, geradezu scharfsinniger Gedankengang war, den er da hatte, also entschied er, ihn zu teilen.
„Am Ende der Unendlichkeit wartet das Nichts.“
Grüne Augen, sorgenvoll verengt, huschten unruhig über seinen Körper. Severus hätte dem Jungen gerne gesagt, dass er sich entfernen sollte, da sein Starren ihm überaus unangenehm war. Das war eine Lüge – er hatte seit Wochen mit keinem Menschen mehr reden können und auch wenn jedes Wort wie Schleifpapier in seiner trockenen, geschundenen Kehle rieb, würde er eher sterben, als ihn wegzuschicken. Sterben. Was war wohl näher an dem Nichts als der Tod?
„Ich … ich verstehe nicht, Professor“, hauchte Potter, die kräftigen Finger um eine der rostigen Eisenstangen vor sich legend. Severus machte ein missbilligendes Geräusch – versuchte es zumindest, auch wenn er befürchtete, dass es sich weitaus mitleidserregender anhörte, als ihm lieb war.
„Das ist keine Überraschung. Sie waren nie eine besonders philosophische Persönlichkeit“, krächzte Severus. Schleifpapier. Konnten Stimmbänder bluten? Es fühlte sich an, als bluteten sie. Als wären sie ganz trocken und rau, aufgerissen, so wie seine Ellenbogen im Sommer. Seine Hände bluteten an den Knöcheln. Nicht richtig – nur offene Stellen, die brannten, wenn er die schmerzenden Finger bewegte. Keine richtige Verletzung, viel mehr eine Drohung. Severus verzog die trockenen Lippen zu einem grimmigen, rissigen Lächeln. So weit war es mit ihm gekommen: Seine Fingerknöchel drohten ihm schon. Ob er sie zu schweigen bringen könnte, wenn er sie weiter aufrieb?
„Professor.“
Potters Stimme, so ekelhaft verzweifelt, riss ihn wieder aus seinen Gedanken und er bewegte müde die Augen zu der Gestalt, die einen Meter entfernt gegen das Gitter gepresst kauerte. Wie ein Hund saß er da, das Gesicht zwischen den rostigen Stäben, beschmutzte seine Wangen. Als würde er zu Severus kommen, wenn er nur noch ein kleines bisschen fester drückte. Für eine Sekunde stellte Severus sich vor, wie er einen Arm in die Zelle streckte – lockend, rufend. Komm her, Severus, komm zu mir. Wer ist ein guter Junge? Als wäre Severus der Hund. Und als würde Potter denken, dass er ihn einfach durch die Stäbe nach draußen ziehen könnte. Was Potter wohl hatte tun müssen, um ihn besuchen zu dürfen? Eigentlich waren ihm keine Besuche erlaubt, das wusste er. Nicht vor der Verhandlung. Und danach würde es niemanden mehr geben, der ihn besuchen wollen würde. Nicht dass es jetzt so viel mehr Menschen gab.
Zum ersten Mal kam Severus der Gedanke, ob er sich Potter vielleicht nur einbildete. Das wäre ein ganz besonders morbider Streich seines Unterbewusstseins, ihm ausgerechnet eine Halluzination des jungen Mannes vor die Nase zu setzen, den er von allen Menschen auf der Welt am wenigsten sehen wollte. Dann wiederum, von wem sollte er sonst halluzinieren? Potter konnte wenigstens unterhaltsam sein mit seinen merkwürdigen Gesichtsregungen und seinen fragenden Blicken, wenn er die einfachsten philosophischen Gedankengänge nicht verstand. Was eine Halluzination von Albus wohl tun würde? Vermutlich würde er bei ihm in der Zelle sitzen, auf einem alten mächtigen Stuhl mit überschlagenen Beinen und einer Tasse Schwarztee in der Hand. Zur Hälfte Tee, zur Hälfte Milch, kein Zucker. Er würde einen Schluck nehmen und Severus mit traurigen Augen über die Halbmondbrille hinweg ansehen, sich einen Keks nehmen (diese ekligen weichen, viel zu süßen Butterkekse, die kein Mensch mit Verstand zu sich nahm) und sagen Hach, mein Junge. Entschuldige, dass du mich töten musstest und Severus würden die Tränen in die Augen steigen und er würde wimmernd fragen, wieso – wieso er all das von ihm verlangt hatte, womit er das verdient hatte, wieso er nicht einfach hatte sterben können, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Und Albus würde seufzen und vom größeren Wohl reden und Severus würde sich abwenden und ihn ignorieren.
„Severus.“
Dieses Mal wanderte Severus‘ Augenbraue in die Höhe und er starrte Potter müde an, amüsiert und irgendwie verärgert. Severus, sagte der Bengel, als hätte er ein Recht dazu. Keine Halluzination, so viel war sicher. So frech konnte nur der richtige Potter sein.
„Ich erinnere mich nicht, Ihnen meinen Vornamen angeboten zu haben“, wollte Severus schnarren, doch seine Stimme war so leise und erbärmlich, dass er nicht sicher war, ob überhaupt die Hälfte davon zu Potter durchgedrungen war.
„Ich werde Sie hier rausholen“, versprach Potter ihm mit zitternder Stimme. „Ich werde nicht zulassen, dass Sie hier …“ Er beendete den Satz nicht, natürlich nicht.
Sterben, hing es unausgesprochen in der Luft. Severus schloss die Augen.
„Am Ende der Unendlichkeit“, raunte er brüchig. „Nichts.“
Die Unendlichkeit, das war das, worin Severus stand. Das war ja das interessante an der Unendlichkeit. Man stand vor ihr und hinter ihr zugleich.
„Unendlichkeit“, wiederholte Potter leise. Severus verstand nicht wieso, aber er fragte auch nicht danach. Und dann streckte er tatsächlich die Hand durch die Gitter zu ihm und Severus hätte beinahe laut aufgelacht, würde sein Hals ihm nicht mit einem nachdrücklichen Stechen mitteilen, dass das eine ganz dumme Idee wäre. Doch Potter rief ihn nicht zu sich, wie einen dummen Hund, sondern hielt ihm etwas hin. Severus brauchte einen Moment, in den mäßigen Lichtverhältnissen überhaupt zu erkennen, was es war und als er es realisierte, kam Bewegung in ihn – so plötzlich und schnell, dass seine Gelenke knacksten und seine Muskeln protestierten. Er ignorierte es, kroch auf dem schmutzigen Boden die kurze Entfernung zu Potter und nahm mit zitternden Händen die volle Wasserflasche aus der entgegengestreckten Hand.
Potter legte einen Finger an seine Lippen und sah ihn bedeutungskräftig an, doch Severus hätte diesen Hinweis gar nicht benötigt. Er wusste durchaus, dass ihm nur eine sehr limitierte Menge an Wasser erlaubt war und er hatte vor zwei Tagen das letzte Mal etwas bekommen. Würden die Wachen, die sie sicherlich belauschten, hören, dass Potter ihm eine Flasche reingeschmuggelt hatte, würde er das nicht überleben. Ein Risiko, das Severus durchaus bereit war einzugehen. Das Nichts kam sowieso unaufhaltsam näher, aber der Durst war bereits da. Mit zitternden Fingern schraubte er den billigen Plastikverschluss von der Flasche, hielt sie vorsichtig wie ein Neugeborenes – um erstens keine knisternden Geräusche zu verursachen und dadurch womöglich noch die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich zu ziehen und zweitens keinen Tropfen der kostbaren Flüssigkeit zu verschütten. Er trank mit verzweifelten, tiefen Schlucken, war gar nicht in der Lage aufzuhören. Himmlisches Wasser. Es gab nichts auf der ganzen Welt, das besser schmeckte.
Potter begann zu reden. „Was meinen Sie mit der Unendlichkeit?“, sagte er und es war eine so dumme Frage, dass Severus beinahe sein Trinken unterbrochen hatte. Doch dann realisierte er, dass Potter nur redete, um die Geräusche seiner Schlucke zu überdecken. Vielleicht war der Junge doch nicht so dumm, wie er aussah. „Meinen Sie die Ewigkeit? Oder Unendlichkeit wie bei Zahlen? Und wieso das Nichts? Kann es etwas wie ein Nichts überhaupt geben?“, fragte Potter weiter, leere Worte, langsam und geduldig, bis Severus bis auf den letzten Tropfen alles ausgetrunken hatte und ihm mit einem Ausdruck tiefster Glückseligkeit die Flasche zurück durch die Gitter reichte. Potter versteckte sie mit vorsichtigen Bewegungen in seinem dicken Mantel, in den, wie Severus nun sah, eine kleine Aussparung in das Innenfutter geschnitten worden war, um mehr Platz für die Flasche zu machen. Severus hätte wieder zurück an seinen ursprünglichen Platz rutschen können, doch er hatte sich genug verausgabt für einen Tag und sein Bauch schmerzte von der unerwartet großen Flüssigkeitsaufnahme. Aber es hätte keinen Sinn gemacht, etwas übrig zu lassen, er hätte die Flasche niemals behalten können. Er spürte, wie sich sein Kopf ein bisschen klärte und er fragte sich unwillkürlich, ob Potter einen Stärkungstrank oder etwas ähnliches in das Wasser gemischt hatte. Hoffentlich hatte er ihn gekauft oder Granger brauen lassen – nicht, dass er Severus in seinem Versuch der Hilfe vergiftete.
„Sir?“
Severus schloss die Augen, sich gegen das Gitter lehnend. Kraftlos, matt. Er spürte, wie zwei Hände nach seinen griffen. Severus war so kalt, dass die Berührung ihn erschreckte – Potters Hände fühlten sich geradezu heiß an, beinahe unerträglich, und doch rutschte er instinktiv näher zu der Quelle dieser Wärme, erschaudernd. Potters Schweiß brannte auf seinen wunden Knöcheln, doch es war ein gutes Gefühl. Irgendwie kräftigend. Severus hatte seit Wochen nicht mehr geschwitzt, dafür bekam sein Körper schlichtweg nicht genug Flüssigkeit.
Potter schloss die Hände um seine, drückte sie, rieb die kalte, geschundene Haut in vorsichtigen Bewegungen, als versuche er, ihn aufzuwärmen. Es war ein kläglicher Versuch, aber Severus nahm, was er bekommen konnte.
„Es gibt zwei Unendlichkeiten“, murmelte er, die Augen noch immer geschlossen. Er war nicht in der Lage, Potter anzusehen. „Die, die hinter einem liegt und die, die vor einem liegt.“
Potters Atem stieß gegen seine Wange und kurz darauf spürte er, wie der junge Mann seine Stirn gegen seine Wange drückte. Mehr Wärme. Es war himmlisch, obwohl die rostigen Eisenstangen so kalt gegen seine Haut drückten, dass es vermutlich besser wäre, davon abzurücken.
„Die eine hat keinen Anfang aber ein Ende, und die andere einen Anfang aber kein Ende. Und als ganze hat sie keins davon.“
Potter machte ein leises, brummendes Geräusch. Die Vibration fuhr Severus bis in die Zehenspitzen.
Severus fühlte ein Kribbeln in den Fingerspitzen. „Meine Unendlichkeit endet bald“, murmelte er. „Im Nichts.“ Und was war mit der Unendlichkeit, die noch kommen würde? Die ohne Ende? Severus glaubte nicht an ein Leben nach dem Tod. Er glaubte an überhaupt nichts. Vielleicht hatte er keine zweite Unendlichkeit. Vielleicht war ihm nur das Nichts vergönnt.
„Ihr Ende ist noch nicht gekommen“, flüsterte er.
Severus öffnete die Augen, träge und hoffnungslos. Er blickte geradeaus zur seitlichen Mauer seiner Zelle, wo der stinkende Eimer mit seinen Ausscheidungen stand.
„Was könnte mehr ein Ende sein als das hier“, flüsterte er zurück und dann, in einem verzweifelten Ton, der ihm selbst unangenehm war: „Ich sterbe, Potter.“
Fast, nur fast, war es ein tröstlicher Gedanke. Severus war nie einer der Personen gewesen, die den Wert des Lebens als bedingungslos angesehen hatte. Er war durchaus der Meinung, dass ein Leben so schmerzhaft werden konnte, dass es nicht mehr lebenswert war. Was wäre an einem Leben in Askaban noch lebenswert? Wäre der Tod keine Erlösung? Die Wahrheit war, dass Severus nicht sterben wollte. Aber er wollte auch nicht in Askaban sein. Und wenn ihm nur diese beiden Optionen zur Verfügung standen?
Potters Hände begannen zu zittern und er drückte seine Hände noch fester, sodass es beinahe weh tat. „Nein“, gab er zurück, entschieden und keinen Widerspruch zulassend. „Nein, ich werde Sie hier rausholen. Ich lasse nicht zu, dass Sie hier sterben.“
Ein Gefühl in seiner Brust. Merkwürdig warm und drückend. Severus stellte sich vor, wie er lächelte.
„Ich hatte angenommen, Sie wären glücklich darüber“, murmelte er. Potter sollte glücklich sein, über sein Ende der Unendlichkeit. Nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war. Nach den Jahren der hasserfüllten Behandlung, dem Verrat an seinen Eltern, dem Mord an Albus, all den Diensten, die er für den dunklen Lord erledigt hatte. Er sollte Severus auslachen und sich erfreuen an seinem Leid, seinem näherkommenden Nichts, aber er saß neben ihm und weinte.
„Ich habe Ihnen verziehen“, war die simple Antwort, die überhaupt keinen Sinn machte. Severus verzieh man nicht. „Ich werde nicht zulassen, dass sie Sie verurteilen.“
„Wann?“ Ein Wort, mehr brauchte es nicht. Wieder stieß der warme Atem des anderen Mannes gegen seine Haut.
„In drei Wochen“, flüsterte Potter. „Ich wurde als Zeuge zugelassen. Ich werde alles tun, was nötig ist. Ich werde nicht zulassen, dass Sie hier sterben, ich verspreche es Ihnen. Können Sie mir versprechen, noch so lange durchzuhalten?“
Ein dünnes Lächeln zog an den rissigen Lippen. „Sie werden nicht auf Sie hören, Potter.“
„Das müssen sie“, presste er verzweifelt hervor.
„Ich habe gemordet“, flüsterte er.
„Ich auch“, gab Potter zurück. Severus lächelte bitter und er spürte, wie seine Unterlippe aufriss.
„Helden dürfen morden.“
„Sie sind ein Held.“
„Nein“, seufzte Severus, nicht in der Lage, den Kopf zu schütteln. „Nein, Potter, bin ich nicht.“
Sie schwiegen und Severus war froh darum, denn es gab nichts, was er noch zu sagen hatte.
In einem anderen Leben hätte er über diese Szene geschmunzelt oder wütend die Augenbrauen zusammengezogen. Da saßen sie, sich aneinander festhaltend, kauerten auf dem schmutzigen Boden, die Gesichter aneinandergedrückt wie zwei Liebende. Harry Potter und Severus Snape. Manchmal hatte das Leben schon einen ganz besonders merkwürdigen Sinn für Humor. Es war faszinierend, wie manchmal nichts mehr eine Rolle spielte. Wie jahrelang aufgebauter Hass und Feindschaft in Anbetracht des Nichts vollkommen an Bedeutung verlieren konnten. Wie von zwei Menschen, die sich so sehr gehasst hatten, nur noch ein zitternder, sich aneinander festklammernder Haufen übrig blieb.
Es waren nur ein paar Minuten und doch eine Ewigkeit, bis sich ihnen Schritte näherten und ein großer, ständig wütend aussehender Zauberer Potter aufforderte, sich von den Gittern zu entfernen und den Besuch zu beenden.
Sehr langsam zog Potter seine Hände von ihm weg und als sich ihre Blicke begegneten war Severus noch immer überrascht von den Tränen, die in den grünen Augen schimmerten.
„Ich werde alles tun, Severus“, versprach er wieder. Severus. Der unverschämte junge Mann hatte Nerven. „Ich hole dich hier raus.“
Severus brachte ein Lächeln zustande. Für Potter, für sich selbst.
„Seien Sie nicht zu enttäuscht, wenn es anders ausgeht“, war seine leise Antwort. „Es ist nicht Ihre Schuld.“
Potter schloss noch einmal die Finger um die Eisenstange, als würde er gleich versuchen, sie einfach aufzubiegen. Doch die Wache, die langsam genug davon hatte zu warten, trat mit einem grimmigen Gesichtsausdruck zu ihnen und packte Potter am Arm, während er gleichzeitig mit seinem Knüppel durch die Stäbe stieß und Severus an der Schulter traf. Severus, die grobe Behandlung gewöhnt, gab keinen Laut von sich und rutschte stattdessen langsam auf dem schmutzigen Boden zurück in seine Ecke, mit stumpfen Augen zusehend, wie Potter von der Wache weggezerrt wurde.

Drei Wochen waren Unendlichkeit in Askaban. Aber auch zwei Tage waren Unendlichkeit in Askaban. Es gab kein Zeitgefühl, wenn es weder hell noch dunkel wurde, wenn man keine Vögel hörte oder die Sterne beobachten konnte. Wenn man nichts anders sah als dieselben drei Steinwände und dieselben rostigen Gitterstanden, dann gab es schlichtweg nichts mehr. Die Welt könnte untergehen und er wüsste es nicht. Es gab nur ihn, ihn in dieser schmutzigen Zelle. Und die wechselnden Wachen, die ihn bespuckten und ihm so gammeliges Essen reichten, dass er bei jedem Bissen sämtliche Selbstbeherrschung, die er noch hatte, aufbringen musste, um sich nicht zu übergeben.
Siebzehntausendvierhundertdreiundsiebzig Steine hatte seine Zelle. Severus hatte fünfmal gezählt, die ersten Male war er auf eine jeweils andere Zahl gekommen, doch die letzten beiden Male auf siebzehntausendvierhundertdreiundsiebzig, woraus er schloss, dass es vermutlich die korrekte Zahl war. Hätte er ein Stück Kreide, könnte er sie nummerieren, um sicherzugehen, doch er hatte nichts. Er hatte es mit Blut versucht, aber damit schrieb es sich nicht so gut auf dunklem Stein.
Severus zählte gerne. Es war so ziemlich das Einzige, was er machen konnte und leider gab es nicht sehr viel in seiner Zelle, was er zählen konnte. Er zählte die kleinen Muttermale auf seinem Körper (siebenundvierzig), die Rillen, die in den Eisenstangen waren (zweitausendsiebenhundertzweiundsechzig). Manchmal zählte er, während er mit müden Fingern gegen den rauen Stein trommelte, leise flüsternd, schnell und ungeduldig, als würde die Zeit schneller vergehen, wenn er sich beim Zählen beeilte. Achthundertfünfundsiebzig, achthundertsechsundsiebzig, achthundertsiebenundsiebzig, achthundertachtundsiebzig …  viertausendzwölf, viertausenddreizehn, viertausendvierzehn, … Manchmal zählte er einfach so mit geschlossenen Augen, bis er vor Erschöpfung in einen leichten Schlaf glitt und dann wachte er irgendwann auf und zählte weiter. Siebentausendeinundsechzig, siebentausendzweiundsechzig, siebentausenddreiundsechzig, …
Und als er nicht mehr zählen konnte, versuchte er zu rechnen – erst kleine Multiplikationsaufgaben, dann größere, für die er so lange brauchte, bis er zwischenzeitlich Zahlen wieder vergaß und von vorne beginnen musste.

Und dann irgendwann, nach dieser kleinen Unendlichkeit, wurde er aus seiner Zelle geführt. Man hatte ihn in Ketten gelegt, was absolut lächerlich war, da er kaum genug Kraft im Körper hatte, um zu laufen. Er war jedoch nicht so dumm, die Wachen auf diese Tatsache hinzuweisen und schleppte sich mit zitternden Beinen voran, Schritt für Schritt, die Augen auf den Boden gerichtet, weil ihm schwindelig wurde, sobald er den Blick hob. Er war kaum anwesend – alles drehte sich, seine Ohren rauschten und er hörte kaum, was irgendjemand zu ihm sagte. Er spürte eine merkwürdige, perfide Vorfreude darauf, unter den freien Himmel treten zu können, vielleicht sogar die Sonne auf der blassen Haut zu spüren, vielleicht den Mond zu sehen. Doch diese Freude war ihm nicht vergönnt – er wurde nicht aus dem Gefängnis rausgeführt, sondern in einen feuchten Raum weit unter der Erde, wo Ratten über den Boden huschten und die Zauberstäbe der Wachen die einzige Lichtquelle waren. In dem Raum brannte ein grünes, irgendwie dunkles Feuer, mindestens ein Dutzend Wachen standen angriffsbereit um ihn herum und Severus verschwendete nicht einmal einen Gedanken daran zu versuchen, sich loszureißen. Er wurde in die Flammen gezerrt und nach einem Wirbel aus Farben und Ruß in einen Raum gestoßen, in dem Severus schon einmal in Ketten gestanden hatte. Das war in einem anderen Leben gewesen, vor so vielen Jahren, und doch erinnerte er sich an jeden Moment. Damals hatte er Hoffnung gehabt. Damals hatte Albus ihn nach Hause gebracht. Er wusste, dass er nicht mehr nach Hause kehren würde.

Er sah Potter. Severus kauerte an seinem Platz, die schmutzigen Haare hangen ihm wild im Gesicht, er hörte die Stimmen des Ministers und der Mitglieder des Gamots, aber er hörte nicht zu. Er hielt den Blick auf Potter gerichtet, sein verzweifeltes Gesicht, die naive Hoffnung in den grünen Augen, die früh genug noch sterben würde. Er hörte Potters Flehen nach seiner Aussage, seine Beteuerungen, seine bittenden leeren Worte. Und er sah die Erkenntnis in seinem Blick, als er mit jedem verzweifelten Wort ein bisschen mehr verstand, dass es keine Hoffnung gab. Dass die Anwesenden nichts davon hören wollten – dass das Urteil schon vor der Verhandlung gefallen war und dass nichts, was er sagte oder tat, noch einen Unterschied machte.
Severus blickte nicht in die Richtung des Gamots, als abgestimmt wurde, denn das musste er gar nicht. Er behielt den Blick auf Potters Gesicht, den eigenen Herzschlag in den Ohren, sah wie sich die Verzweiflung in Potters Zügen mit jeder Sekunde verstärkte. Die vollen Lippen geöffnet, Tränen in den Augen, die zitternden Hände zu Fäusten geballt. Und dann schrie er auf und versuchte auf Severus zuzuspringen, kämpfte mit verzweifelten Schlägen gegen die unnachgiebigen Hände der Wachen, die sich ihm in den Weg stellten. Nein! Nein, das könnt ihr nicht machen! NEIN! Ein aufgeregtes Raunen ging durch den Saal, der Minister verlangte nach Ruhe und verkündete sein Urteil und Potter schrie, und schrie, Tränen auf den Wangen, nein immer wieder nein und ich lasse das nicht zu!
Es gab eine Menge, was Severus in dem Moment hätte spüren sollen. Angst vor der Zukunft, dem Tod. Angst vor dem Ende seiner Unendlichkeit. Angst vor dem Nichts. Stattdessen spürte er Mitleid – er wollte sich bei Potter entschuldigen und ihn um Verzeihung bitten. Verzeih mir, dass ich gehen muss. Als wäre es seine Entscheidung gewesen, als gäbe es irgendetwas, was er dagegen tun könnte.
Sie brachen den Blickkontakt für keine Sekunde, bis Severus schließlich an seinen Ketten zurück in das Feuer gezerrt wurde. Doch es war, als wäre er noch immer dort im Verhandlungszimmer – Potters Schreie und die Verzweiflung in seinem Gesicht hatten sich ihm eingebrannt und in den nächsten Tagen verging keine Sekunde, in der Severus nicht an ihn dachte. Er zählte nicht mehr. Wieso zählen, wenn Zahlen keine Bedeutung mehr hatten?

Als Severus Potter das nächste Mal sah, war er ehrlich überrascht. Er wusste nicht, wie viel Zeit seit seiner Verurteilung vergangen war, aber es war nicht lange gewesen. Er hatte nicht gewusst, ob es Potter erlaubt werden würde, ihn zu besuchen – er hatte nachgefragt, aber die Wächter hatten nur gelacht und ihm ein Stück trockenes Brot vor die Füße geworfen. Es war der Tag gewesen, an dem Severus aufgehört hatte zu essen. Er würde so oder so sterben. Wieso die Sache also noch herauszögern?
Doch dann kam Potter, vielleicht ein paar Tage nach seiner Verhandlung und Severus sah auf, als er die näherkommenden Schritte hörte. Ungewöhnlich schnell und gehetzt, nicht so langsam und kraftvoll wie die Wachen. Und dann stand Potter vor den Gittern, ein merkwürdiger Ausdruck im Gesicht, und Severus lächelte erschöpft.
„Ich habe mich schon gefragt, ob Sie sich von mir verabschieden würden“, raunte Severus sanft. Seine Stimme klang noch erbärmlicher als beim letzten Mal, als sie sich gesehen hatten. „Ich muss zugeben, ich wäre enttäuscht gewesen, wenn Sie nicht gekommen wären.“ Es war Severus‘ Art und Weise ihm zu sagen, dass er sich freute, dass Potter hier war. So kurz vor dem Ende seiner Unendlichkeit.
Potter lehnte die Stirn gegen die Eisenstange vor sich und lächelte auf eine seltsam liebevolle Art und Weise.
„Du kannst auf mich zählen“, antwortete er ihm und Severus verzichtete darauf, ihn auf die Leere hinter diesen Worten aufmerksam zu machen. Er konnte auf gar nichts mehr zählen, auch nicht auf Potter. Aber das war in Ordnung. Der junge Mann konnte nichts für die Fehler, die er in seinem Leben gemacht hatte.
Severus hatte bei weitem nicht genug Kraft, mit mehr als einem kleinen Lächeln auf den Anblick des Helden der Zaubererwelt zu reagieren. Er war durchgefroren bis in den letzten Muskel, seine Knochen schmerzten, das Atmen stach ihm in der Brust. Er hatte keine Kraft mehr übrig. Er war schon so gut wie tot.
In diesem Moment bemerkte Severus, dass Potter seinen Zauberstab in der Hand hielt und noch bevor er sich darüber wundern konnte, schob sein ehemaliger Schüler einen großen altmodischen Schlüssel in das verzauberte Schloss der Zellentür, drehte ihn quietschend um und atmete erleichtert auf, als das Schloss leise klackte.
Severus starrte zu ihm auf, als er die Tür öffnete und in sein Reich, seine kleine Zelle, trat.
„Potter, was tun Sie da?“, waren die ersten Worte, die ihm in den Sinn kamen, als Potter seine Hand zu ihm ausstreckte. Er rührte sich nicht. Er wusste gar nicht, ob er überhaupt noch die Arme bewegen könnte.
„Ich habe dir versprochen, dass ich dich hier raushole“, antwortete Potter ihm mit grimmiger Entschlossenheit, ungeduldig neben ihm in die Knie sinkend. Er spürte, wie sich Potters Arme unter seine Achseln schoben und ihn in die Höhe zogen. Severus‘ Beine zitterten, aber er schaffte es, nicht sofort wieder zu Boden zu sinken.
Potter umarmte ihn – nur den Bruchteil einer Unendlichkeit, ein paar Sekunden, die sich anfühlten wie so viel mehr. Severus erlaubte es, zumindest redete er sich das ein, denn es war nicht so, als hätte er wirklich protestieren können.
„Komm“, flüsterte Potter in sein Ohr und Severus erschauderte, zu keinem klaren Gedanken fähig. Er verstand nicht, was vor sich ging, verstand nicht, was Potter gedachte zu tun.
Aber die Wachen, wollte er sagen, doch er brachte keinen Ton heraus. Potter ergriff ihn an der Hand, wie ein kleines Kind, das man führen musste, und griff dann in die Innentasche seiner Robe, seinen Zauberstab herausziehend. Nicht seinen eigenen, sondern Severus‘. Severus‘ Zauberstab, der irgendwo im Ministerium in der Aurorenabteilung verwahrt worden war und der definitiv nichts in der Hand von Harry Potter zu tun hatte. Potter drückte ihm den Stab zwischen die kalten, tauben Finger, sah ihm ernst in die Augen und sagte: „für den Notfall.“
Severus starrte ihn an, mit leerem Blick, abgelenkt von dem warmen Gefühl seines Zauberstabs, der bei der ersten Berührung erfreute Funken versprühte, ganz, als hätte er ihn vermisst.
Dann dachte er für einen kurzen Moment, Potter würde ihn küssen. Hier in der Zelle, umgeben von den grauen Mauern und all dem Schmutz. Er wusste nicht, woher er diesen absurden Gedanken nahm. Vielleicht lag es an dem Blick, den Potter ihm zuwarf. Oder der Art und Weise, wie sich seine Finger um Severus‘ schlossen. Für einen Moment sah er es deutlich vor sich – wie Potter sich ihm näherte, ihm einen Kuss auf die rissigen Lippen drückte und ihn fragend ansah, während er versteinert dastand und ihn anstarrte.
Natürlich küsste er ihn nicht. Potter griff seinen eigenen Zauberstab und zog Severus an der Hand aus seiner Zelle. Dann schloss er sogar noch die Tür hinter ihnen, drehte den Schlüssel noch einmal und sie liefen los – langsam, weil Severus‘ Beine zitterten und ihm schwindelig wurde bei der plötzlichen unerwarteten Bewegung, aber sie liefen. Weg. Weg von den siebzehntausendvierhundertdreiundsiebzig Steinen, weg von seiner Unendlichkeit.
Sie kamen an einem bewusstlosen Mann vorbei, der mit verdrehten Augen und gezogenem Zauberstab auf dem schmutzigen Boden lag und Severus starrte mit ungläubigen Augen auf die handlungsunfähige Wache. Potter hielt nicht inne, zog ihn weiter hinter sich her, den Stab kampfbereit erhoben.
Sie erreichten den nächsten Korridor und irgendwo hörte er ein leises, melodisches Murmeln – er wollte stehen bleiben, doch Harry zog ihn unbeirrt weiter und einen Moment darauf bogen sie um die Ecke und er starrte überrascht auf Granger, die über einem bewusstlosen Mann kniete und, den Stab zwischen seine Augen gerichtet, leise Zaubersprüche murmelte. Sie sah auf, als Potter mit Severus in den Korridor trat und nickte stumm, nach links deutend. Potter antwortete ihr mit einer ebenfalls stummen Geste hinter sich, bevor er einen Finger hochhielt. Granger nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte und rannte fast lautlos an ihnen vorbei in den Korridor, aus dem sie gekommen waren und in dem die bewusstlose Wache lag.
Sie sprachen kein Wort. Potter führte ihn durch steinerne Flure und halbzerstörte Treppen, nicht hinab in den Keller, sondern zum Ausgang, wo Weasley überaus angespannt wirkend auf sie wartete.
Severus bekam kaum mit, wie sie durch die bedrückenden Mauern eilten, aber er verspürte eine unaussprechliche Welle der Erleichterung, als sie nach Draußen in die sternenklare Nacht traten. Aber er bekam keine Gelegenheit, den plötzlichen Überfluss an frischer, salziger Meeresluft zu genießen, denn Potter zog ihn unbarmherzig weiter, den Abgrund hinab bis an die Felsenküste, wo zwei große, überaus stolz aussehende Hippogreife auf sie warteten.
Der Wind stürmte ihnen mit so großer Gewalt entgegen, dass sich Severus kaum auf den Beinen halten konnte. Vermutlich wäre er schlichtweg zu Boden gesunken, hätte Potter ihn schließlich einen Arm um seine Taille geschlungen und ihn dazu gebracht, sich auf ihn zu stützen.
Es ging alles unfassbar schnell. Granger und Weasley kamen zu ihnen gerannt, es gab einen kurzen Austausch von nonverbalen Zeichen und die beiden sprangen hintereinander auf einen der Hippogreife. Potter brachte ihn mit einer nachdrücklichen Bewegung seines Armes dazu, sich vor dem skeptisch blickenden Tier zu verneigen, das daraufhin kurz zögerte und ebenfalls seinen Kopf zum Boden senkte. Potter zögerte keine Sekunde, hievte Severus auf den Rücken des Tiers, bevor er selbst vor ihm aufstieg und Severus‘ Arme um seinen Körper dirigierte. Severus hielt sich an ihm fest mit der letzten Kraft, die ihm noch geblieben war – und dann rannte der Hippogreif los und stieß sich vom Boden ab.



Am Ende der Unendlichkeit war es warm und weich und er spürte sanfte Berührungen an seiner Stirn und seiner linken Hand. Raue Fingerspitzen, die zaghaft über seine geschundene Haut strichen, ganz langsam, kaum spürbar. Severus war sich für eine unangenehme lange Zeit absolut sicher, dass er tot war. Doch dann kamen die Erinnerungen zurück – die Erinnerungen an die Unendlichkeit und die siebzehntausendvierhundertdreiundsiebzig Steine und Potter, der ihm versprach, dass sein Ende noch nicht gekommen war. Potter, der ihn aus Askaban führte. Potter, der ihn auffing, als er nach einem ewigen Flug kraftlos von dem Hippogreif glitt und in eine erleichterte, voller Sehnsucht empfangene Ohnmacht fiel.
Und Severus begann wieder zu zählen. Zählte die sanften Kreise, die Potters Daumen über seinen Handrücken zog und dann seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge.
„Sind Sie wach, Sir?“, fragte Potter leise, als er bei vierhundertsiebenundachtzig Atemzügen angekommen war. Severus hielt die Augen geschlossen.
„Bin ich tot?“, fragte er, nur um sicherzugehen. Ein leises, zaghaftes Lachen antwortete ihm.
„Nein, Sir, noch nicht.“ Ein fester, bestätigender Druck an seiner Hand.
Severus zählte noch einmal zehn Atemzüge, bis er es wagte, seine Augen zu öffnen. Es war angenehm dunkel in dem Raum, wo auch immer er war, und für einen Moment blickte er an die dunkle, hölzerne Decke, bevor er den Kopf zur Seite fallen ließ und zu Potter sah, der neben seinem Bett auf einem ziemlich bequem aussehenden Sessel saß. Im Schneidersitz, dieser Punk.
Müde, aber zufriedene Augen erwiderten seinen Blick und Severus wunderte sich über das sanfte Lächeln, das an den vollen Lippen zog.
Potter ließ seine Hand nicht los, was bereits merkwürdig genug war. Doch Severus war noch viel zu schwach, um diese unschuldige Berührung zu hinterfragen. Er realisierte, dass er nicht nur in einem warmen und weichen Bett lag, sondern dass ein angenehmer, unauffälliger Geruch um ihn lag. Er fühlte sich sauber, befreit von dem Schmutz, dem er in Askaban ohne Pause ausgesetzt gewesen war. Ob Potter ihn gebadet hatte? Wenn ihm irgendetwas an seinem Leben lag, dann hatte er sich hoffentlich auf Reinigungszauber beschränkt. Dann wiederum war Potter nicht sonderlich bekannt, auf sein Leben achtzugeben.
„Das war überaus töricht von Ihnen“, brachte Severus sogleich heraus – seine Stimme kratzte noch immer und jedes Wort war ein unvorstellbarer Kraftakt, doch es musste gesagt werden.
Potter besaß auch noch die Vermessenheit, daraufhin in ein dreistes Grinsen auszubrechen. Als hätte er nicht sein wertvolles Leben, seine unbezahlbare Freiheit für einen verurteilten Todesser aufs Spiel gesetzt. Ihm war nicht mehr zu helfen. Es war offenkundig, dass Potter keinerlei Verstand besaß. Ein hoffnungsloser Fall.
„Alle werden wissen, dass Sie es waren, der mich befreit hat. Man wird uns finden.“
„Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen. Und Sie sollten nicht zu viel reden“, antwortete Potter ihm fast schon zärtlich und kurz darauf näherten sich seine Finger Severus‘ Gesicht. Der schloss instinktiv die Augen und wunderte sich stumm, als sein ehemaliger Schüler ihm eine verirrte Strähne aus dem Gesicht strich. „Sie haben viel durchgemacht.“
Severus erschauderte.
„Sie siezen mich wieder“, stellte er tonlos fest.
Potter machte ein leises, nachdenkliches Geräusch. „Ich habe nicht das Gefühl, dass Sie von mir geduzt werden wollen. Solange Sie mich siezen, sieze ich Sie.“
Severus wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Potter hatte ihm das Leben gerettet. Sicherlich hatte er es sich verdient, Severus‘ Vornamen zu benutzen. Doch ihn Harry nennen? Nein, das wäre absurd. Geradezu verwegen. Vollkommen unangebracht.
„Ich bringe Ihnen etwas zu Essen, denken Sie, Sie bekommen schon etwas herunter?“
Essen. Severus hatte schon viel zu lange nichts gegessen. Er brachte ein Nicken zustande und Potter drückte noch einmal seine Hand, bevor er sich von ihm entfernte. Severus hatte das Bedürfnis, ihm hinterherzusehen und die Augen durch das fremde Zimmer schweifen zu lassen, doch er war viel zu erschöpft und ließ daher die Augen geschlossen.

Anscheinend war er wieder eingeschlafen, denn als er das nächste Mal die Augen öffnete, saß Potter eingekugelt in dem Sessel und schlief. Die fürchterliche Brille war ihm halb von der Nase gerutscht und ihm stand der Mund leicht offen, aber er gab kein Geräusch von sich. Severus blinzelte sich wach, amüsiert von dem merkwürdigen Anblick. Er entschied in Anbetracht der Situation etwas unübliche Milde walten zu lassen und den jungen Mann nicht aufzuwecken. Sowieso hatte er schnell anderes im Kopf, als er auf einem kleinen Beistelltisch neben dem Bett eine Schüssel mit Suppe sah. Sie dampfte sogar – Potter musste sie mit einem Wärmezauber belegt haben. Severus hasste Suppe. Er war der festen Überzeugung, dass jeder Mensch der behauptete, er würde Suppe mögen, in Wahrheit log. Suppe war etwas, das man nur dann zu sich nahm, wenn man zu schwach für feste Nahrung war oder nicht mehr genügend Zähne hatte, feste Nahrung zu kauen. Ein Essen für arme, alte Menschen oder Kriegszeiten. In seiner Kindheit hatte es ständig Suppe gegeben. Die ganz besonders ekelerregende Art, die zu neunzig Prozent aus Wasser und zehn Prozent aus verkochtem, uraltem Kohl bestand und es dennoch irgendwie schaffte, so widerwärtig zu schmecken, dass man sie am liebsten noch mehr verdünnen würde.
Doch Severus war so hungrig, dass er vermutlich sogar seinen linken Arm essen würde und daher war er bereit, dem dampfenden Teller eine Chance zu geben. Es war eine orangene, dickflüssige Masse und Severus rümpfte die Nase, als er sich möglichst lautlos ein wenig aufsetzte und mit zaghaften, zitternden Händen die Schüssel in die rissigen Hände nahm. Den ersten Löffel probierte er beinahe absurd vorsichtig angesichts der Tatsache, wie unfassbar hungrig er war.
Essbar, entschied er. Kürbis. Cremig und überhaupt nicht verwässert. Nach der anfänglichen Scheue hielt ihn nichts mehr zurück und er löffelte die Suppe mit so gierigen, hastigen Bewegungen, dass er ein paar Mal kurz innehalten musste, um durchzuatmen. Er war erleichtert, dass Potter noch immer schlief, denn er war sich sicher, dass er einen überaus lächerlichen Anblick abgab. Doch das war es, wenn er so darüber nachdachte, wohl wirklich nicht wert, dass er darüber auch nur einen Gedanken verschwendete.
Erst als er die leere Schüssel vorsichtig zurück auf den Beistelltisch stellte und erschöpft zurück in das Kissen sank, eine Hand auf dem schmerzenden Bauch abgelegt, realisierte er, dass er gerettet war.
Gerettet. Vorerst. Was auch immer das bedeutete. Am Leben, offenkundig. Frei, womöglich. Nicht in Askaban. Jenseits der Unendlichkeit.
Severus schloss die Augen, als er die aufsteigenden Tränen spürte, die lähmende Sprachlosigkeit, die Furcht, der Schrecken vor der Erleichterung, die er empfand. In Askaban lernte man sehr schnell, sich keine Hoffnungen mehr zu machen, selbst ohne Dementoren. Hoffnung war Gift in Askaban. Er war kein Sirius Black, der so viele Jahre mit dem Wissen überlebt hatte, dass er unschuldig war und dass er einen Grund hatte, wieder zurück ins Leben zu finden. Severus war kein unschuldiger Mann, er hatte diese Freiheit nicht verdient, aber das hieß nicht, dass er sie nicht brauchte. Dass er Hoffnung auf eine Zukunft hatte – wusste Merlin welche, aber er hatte eine, eine Zukunft die mehr war als nichts.
Potters Atemzüge zählend schlief er schließlich wieder ein.

Es war schwer zu sagen, wie viel Zeit verging. Severus wusste nicht, wie lange er schlief und er wusste nicht, wie lange er wach war. Die meiste Zeit war Potter bei ihm und bis auf vereinzelte, stichelnde Bemerkungen schwiegen sie sich an. Potter saß bei ihm in dem großen Sessel, wenn er aufwachte und er saß auch da, wenn er einschlief. Nicht selten wachte Severus auf und sah Potter schlafen – auf dem Sessel zu einem kleinen Ball eingerollt, den Kopf auf einer der Lehnen abgelegt, die Arme herunterhängen lassend. Manchmal lag er auch mit ausgestreckten Beinen da, die Füße auf der Bettkante abgestützt. Und jedes Mal schlief er so tief und fest, dass Severus es sich erlaubte, ihn für ein paar Minuten zu beobachten, neugierig, fragend, das innere Durcheinander an neuen, unbekannten Gefühlen ignorierend, bis ihn ebenfalls die Müdigkeit wieder übermannte und er, Potters Atemzüge zählend, wieder zurück in seinen ohnmachtähnlichen Schlaf glitt.
Severus war zu erschöpft für große Unterhaltungen und Potter besaß genug Anstand, ihn nicht mit unerwünschten Fragen zu löchern oder ihm unangenehme Konversationen aufzuzwingen. Und auch Severus hatte Fragen. Tausende. Er würde sie stellen, sobald er sich sicher war, dass er überleben würde.
Er verbrachte die erste Zeit beinahe ausschließlich im Bett. Ein gewöhnlicher Gang ins Bad kostete ihn derart viel Kraft, dass er nicht einmal in Betracht zog, sich in dem Haus umzusehen. Seine Muskeln schmerzten, jeder einzelne, und Severus benötigte sämtliche Kraft, um gegen die Lungenentzündung zu kämpfen, die er ausbrütete. Potter versorgte ihn unaufgefordert mit frischem Kräutertee, durchaus essbarem Essen sowie diversen Heil- und Traumlostränken (die, wie Severus sichergestellt hatte, tatsächlich von Granger gebraut worden waren), ohne die Severus vermutlich in aller Ironie schlichtweg wenige Tage nach seiner Rettung elendig verreckt wäre. So blieb es Potter erspart, ein Loch für ihn ausheben zu müssen und Severus spürte eine stetige Besserung seines Zustandes, über die er mehr als nur erleichtert war.

Dem Blick aus dem Fenster nach zu urteilen war es ein sonniger, warmer Tag als Severus schließlich kräftig genug war, nach einem Besuch im Bad seine erste Erkundungstour zu starten. Potter war nicht bei ihm gewesen und Severus, der sein Zimmer und das angrenzende Badezimmer noch nie verlassen hatte, legte beinahe zurückhaltend die Tür an den Knauf, als erwartete er, dass abgeschlossen war. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Potter die Vermessenheit besaß, ihn einzusperren, aber für ganz unwahrscheinlich hielt er es auch nicht. Dementsprechend zufrieden war er, als sich die Tür ohne Widerstand öffnete.
Kurz darauf befand er sich in einem unauffälligen, hell gestrichenen Flur. Es gab absolut nichts Interessantes darin – kein Mobiliar, keine Dekorationen, nur eine einfache Lampe an der Decke. Die, genau wie die in seinem Zimmer, dank Elektrizität leuchtete. Wo auch immer er sich befand, es war ein Muggelhaus. Der Flur führte noch in zwei weitere Räume. Severus klopfte leicht mit dem Knöchel gegen das helle Holz der Türen, bevor er sie öffnete, vermeiden wollend, plötzlich vor einem halbnackten Potter zu stehen. Der erste Raum war vollkommen leer und der zweite stellte sich als ein zweites, größeres Badezimmer heraus, in dem Potter ganz offensichtlich vor kurzem geduscht hatte, denn das Fenster stand weit offen und die Duschwand war noch feucht. Auch hier gab es nichts Interessantes zu entdecken – herumliegende Handtücher, eine Zahnbürste, Zahnpasta, eine Haarbürste, Duschgel und Shampoo. Potter schien in dieser Hinsicht überaus spartanisch veranlagt zu sein und Severus, der sich noch nie darüber Gedanken gemacht hatte, zuckte darüber nur desinteressiert mit den Schultern.
Der Flur endete in einer engen Treppe, die mit einem Knicks nach unten ins Erdgeschoss führte. Severus zögerte nur einen Moment, legte dann aber die rechte Hand fest um das Geländer und wagte den Vorstoß die Stufen hinab, weitaus geduldiger als gewöhnlich, Schritt für Schritt. Es war ein erheblicher Kraftakt, aber er brachte es hinter sich.
Am Fuß der Treppe angelangt stand er direkt in einem großen, offenen Wohnzimmer, welches ebenfalls spartanisch eingerichtet war. Kaum Mobiliar – ein Sofa, auf dem ein Kissen und eine Bettdecke darauf schließen ließen, dass Potter dort nächtigte; ein Kamin, ein Wohnzimmertisch, ein paar leere Regale. Severus war beinahe enttäuscht über die elende Leere, die überall herrschte, und lief nach nur einem kurzen Innehalten weiter. Es gab noch eine zweite Treppe, die offensichtlich in einen Keller führte, doch Severus öffnete die andere Tür, die von dem offenen Flur abführte.
Potter sah auf, einen überraschten Ausdruck im Gesicht. Er hatte eine Tasse Kaffee in der Hand, die Beine entspannt überschlagen, eine Ausgabe des Tagespropheten vor sich auf dem Tisch liegen. Es war eine Küche – überraschend groß, aber ebenfalls eindeutig von Muggeln gebaut. Gewöhnliche Geräte, recht modern allesamt, eine saubere Arbeitsfläche, ein schmutziger Topf in der Spüle.
„Professor“, begrüßte Potter ihn mit hörbarer Sorge in der Stimme. „Ist alles in Ordnung?“
Severus‘ Vermutung, dass Potter gerade erst geduscht hatte, bestätigte sich mit einem Blick auf seine feuchten Haare und er brummte, bevor er sich mit einer vorsichtigen Bewegung auf den Stuhl neben Potter setzte.
„Mich hat der Duft von Kaffee angelockt“, log Severus und Potter reagierte, ganz wie erwartet, mit einem amüsierten Lächeln, welches den sorgenvollen Ausdruck ersetzte.
„Ich verstehe, wie wollen Sie ihn denn?“, fragte er sogleich, den Tagespropheten wieder zusammenfaltend. Er stand auf und legte die Zeitschrift auf seinen Stuhl, bevor er sich daran machte, Severus einen Kaffee zubereiteten.
Severus wusste, dass Potter die Zeitung absichtlich nicht auf den Tisch gelegt hatte, in der Hoffnung, dass Severus sie nicht beachten würde. Folglich beachtete er sie natürlich viel mehr, als er es sonst getan hätte. Er beugte sich über, den Propheten aufnehmend. Das Datum ganz oben verriet ihm, dass Voldemorts Fall bereits über ein Jahr her war. Ein Jahr. Es hätten genauso gut ein paar Wochen oder zehn Jahre sein können. Severus war bis Juli im St. Mungos gewesen. Direkt nachdem die Verletzungen geheilt worden waren, die er durch Nagini erlitten hatte, war er nach Askaban gebracht worden. Nur vorläufig, war ihm gesagt worden. Bis zur Verhandlung. Wann sie stattfinden würde, hatte ihm niemand sagen können. Er hatte damals gewusst, dass er nicht wieder rausgelassen würde. Und nun … nun war es wieder Sommer und er war draußen. Wenn auch nicht so, wie er es erwartet hatte.
„Keine Milch, doppelt Zucker“, murmelte er.
„Geht auch Süßstoff?“, antwortete Potter. Er drehte sich zu ihm um. „Sie sollten das nicht lesen.“
Severus ignorierte ihn, natürlich. Es waren eine Überschrift, die ihm sofort ins Auge fiel. Todesursache von Severus Snape bleibt ungeklärt. Wachen vermuten Selbstmord.
Er sah auf, sein Blick begegnete Potters. Der seufzte und ließ zwei kleine Tabletten Süßstoff in Severus‘ Tasse fallen, bevor er sie vor ihn auf den Tisch stellte.
„Sollte ich mir deswegen keine Sorgen machen?“, fragte Severus tonlos, ein merkwürdiges Gefühl in der Brust. Todesursache. Die Unendlichkeit in Askaban. Selbstmord.
Potter setzte sich wieder, ihn nachdenklich betrachtend. „Ich habe im Laufe meines Lebens irgendwann gelernt, dass Spontanaktionen eine dumme Idee sind“, sagte er sanft. „Ich bin mit Ron und Hermine ins Ministerium eingebrochen. Gringotts. Ich sollte mein Glück nicht herausfordern. Denken Sie, ich hätte Sie in einer unüberlegten alles-oder-nichts Mission aus Askaban geschleift, ohne vorzusorgen? Es mag Sie vielleicht überraschen, aber wir hatten tatsächlich einen Plan.“
„Einen Plan“, wiederholte Severus. Er runzelte die Stirn, Übelkeit in sich aufsteigen spürend. Todesursache. Wer hatte für ihn sterben müssen?
„Wessen Leiche wurde gefunden?“
Potter hob die Augenbrauen. „Niemandes“, antwortete er nach einem Moment irritiert. „Es gibt keine Leiche. Hermines Gedächtniszauber sind ausgezeichnet. Die Wachen sind der Meinung, dass sie Sie tot aufgefunden und wie üblich ohne Verzögerung ins gefängniseigene Krematorium gebracht haben. Es gibt keine Untersuchungen.“
Severus spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Er behielt Potter fest im Blick, beinahe verzweifelt nach Spuren einer Lüge Ausschau haltend.
„Sie haben meinen Zauberstab entwendet“, fuhr er bemüht unbeeindruckt fort.
Potter lächelte. „Ich habe einen Gefallen bei Kingsley eingefordert. Offiziell ist er nach Ihrem Tod vernichtet worden.“
Daraufhin schwieg Severus für einen Moment. Seine Finger schlossen sich wie von selbst um die Kaffeetasse und er senkte den Blick auf die dunkle Flüssigkeit, nachdenkend.
Er lebte. Potter hatte Wort gehalten und nicht zugelassen, dass er in Askaban gestorben war, was er sicherlich wäre, hätte er ihn nicht rausgeholt. Die Zaubererwelt dachte, er sei tot. Er würde ein neues Leben beginnen können. Irgendwo. Leben. Alles andere als das Nichts.
„Wo sind wir?“, fragte Severus schließlich weiter.
Potter, der gerade einen Schluck seines Kaffees genommen hatte, sah ihn weiterhin auf diese merkwürdige, sanfte Art und Weise an.
„Irland“, gab er ihm die verlangte Information ohne Zögern. „In der Nähe Corks, um genau zu sein.“
Cork. Nicht Nordirland. Kein Teil des vereinigten Königreichs. Damit kein Teil des Zuständigkeitsbereiches des Ministeriums oder Hogwarts‘. Irgendwie nah, aber doch weit genug entfernt. Potter hatte Köpfchen – oder vielleicht war es auch Grangers Idee gewesen.
Severus nickte langsam. „Wessen Haus ist das?“
„Noch meins. Bis Sie sich entschieden haben, ob Sie bleiben möchten.“
Eine Augenbraue schoss in die Höhe. „Ist das ein Angebot?“
Er legte den Kopf zur Seite. „Wenn es Ihnen nicht gefällt …“
Wenn es Ihnen nicht gefällt, sagte er. Als wäre das der einzige Grund, weshalb es akzeptabel wäre, dass Severus ein solches Geschenk ablehnen würde. Ein Haus. Nicht Hier Professor, ich habe Ihnen zwar schon Ihr Leben gerettet, aber ich schenke Ihnen noch ein schönes Buch, gefällt Ihnen bestimmt. Ein Haus. Ein Haus. Potter würde ihn eines Tages noch um den Verstand bringen, so viel war sicher. Blieb nur die Frage, wie er es anstellen würde.
Severus fühlte sich hundeelend. Geradezu widerlich. Seine Brust schmerzte, ihm war ekelhaft warm und sein Herz schien unwillig zu sein, in einem normalen Tempo zu schlagen. Nein, das gefiel Severus alles überhaupt nicht. Und doch hatte er sich, auf eine ganz paradoxe Art und Weise, nie besser gefüllt. Nie lebendiger.
„Wieso“, hauchte er. Nicht, weil er besonders dramatisch sein wollte, sondern weil er seiner Stimme nicht zutraute, lauter zu sprechen, ohne peinlich wegzubrechen.
Merkwürdigerweise schien Potter mit dieser Frage weder gerechnet zu haben noch irgendetwas damit anfangen zu können.
„Wieso?“, wiederholte er irritiert. „Sollen Sie auf der Straße leben?“
Er verdrehte theatralisch die Augen. Merlin, Potter hatte vielleicht den Mut eines Helden, aber die Kursichtigkeit eines Maulwurfes.
„Nein“, brachte er bemüht neutral heraus. Sie minderbemittelter, überschwänglicher Gutmensch. „Wieso haben Sie das getan? Wieso sind Sie dieses-“ unfassbar dumme „-Risiko eingegangen?“ Nur um mich zu retten, als wäre ich es wert?
Im Nachhinein realisierte Severus, dass Potter ihm in diesem Moment eintausend verschiedene Antworten hätte geben können und vermutlich hätte er mit keiner einzigen davon wirklich gerechnet. Doch mit der, die er ihm ohne zu zögern mit einem kleinen, sanften Lächeln gab, hatte er wirklich überhaupt nicht gerechnet.
„Weil ich es wollte.“
Severus hatte das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen. Er hatte Potter angestarrt und den Atem angehalten, bis Potter schließlich endlich den Blickkontakt gebrochen und die Augen abgewendet hatte. Erst dann war Severus in der Lage gewesen, sich wieder zu fangen. Er wusste nicht, wieso ihn diese Antwort so irritierte. Vielleicht, weil er keine einzige Sekunde daran zweifelte, dass er die Wahrheit sagte.
Er nahm einen Schluck von dem Kaffee, den Potter ihm gebracht hatte. Es war sein erster Kaffee seit einer absoluten Ewigkeit. Seit dem Tag der Endschlacht. Der wie jeder andere Tag begonnen hatte. Er war lecker – geradezu perfekt.
Severus hielt die Augen fest auf die dunkle Flüssigkeit gerichtet als er sagte: „Danke.“
Einfach nur danke. Es war erbärmlich. Aber was sollte er sagen? Wie drückte man seine Dankbarkeit aus, wenn jemand einem etwas so Wertvolles geschenkt hatte? Freiheit. Leben. Wie fasste man in Worte, dass man mit jeder Faser seines Körpers schmerzhafte, lähmende Dankbarkeit empfand?
„Keine Ursache“, antwortete Potter lediglich. Als Severus aufsah, lächelte er wieder. Und Severus realisierte, dass er es nicht in Worte fassen musste, weil Potter sich längst bewusst war, was er fühlte.


War man einmal ein Teil der Unendlichkeit – und ist nicht jeder Mensch zwingend ein Teil der Unendlichkeit? – dann erkennt man schnell, dass man ihr nicht mehr entkommen kann. Severus fühlte sich, als hätte er es irgendwie geschafft, die Unendlichkeit hinter sich zu lassen und nun stand er hier vor einer neuen, ganz anderen Unendlichkeit. Der zweiten. Der mit einem Anfang aber ohne ein Ende. Severus stand am Anfang.
Blieb nur die Frage: Wenn am Ende der Unendlichkeit das Nichts wartet, was steht dann am Anfang der Unendlichkeit? Severus kannte die Antwort, aber er wäre nicht in der Lage, sie auszusprechen. Noch nicht.

Das erste Mal, dass Potter ihn nicht einfach schlafen ließ, bis er von selbst aufwachte, war die erste Nacht, in der er keinen Traumlos zu sich nahm. Es war seine eigene Entscheidung gewesen. Wie jeden Abend hatte Potter eine kleine Auswahl an Tränken auf seinem Nachtisch abgestellt und Severus war im Begriff gewesen, auch den Traumlos zu nehmen, hatte sich dann jedoch dagegen entschieden. Als jemand, der sein Leben damit verbracht hatte, diese Tränke zu brauen, wusste er absolut alles über sie. Und auch, welchen Effekt sie haben könnten, sollte man sie zu lange nehmen.
Und natürlich hatte er Albträume, auch wenn er gerne so tat, als hätte er keine. Er träumte von seiner Zelle in Askaban und mit jeder Sekunde fiel irgendwo ein Stein aus der Wand – nur fiel er nach Innen in den Raum und Severus konnte nicht entkommen, wurde begraben unter Steinen, während die Wachen im Korridor über seine Hilferufe nur lachten. Es war kein besonders graphischer Traum und Severus hatte bei weitem schlimmere Albträume gehabt – aber es waren die Gefühle gewesen, die er dabei empfunden hatte. Die Bedrängnis, die Angst, die tiefverwurzelte Verzweiflung. Das näherkommende Nichts.
Potter hatte ihn geweckt – nicht sanft oder zaghaft, sondern laut und bestimmt.
„Snape“, hatte er gesagt, mit so kräftiger Stimme, dass Severus, der noch immer unter Steinen begraben wurde, spürte, wie sein Zittern abrupt aufhörte.
Und dann, noch etwas bestimmter: „Severus, wach auf.“
Severus wachte auf und Potter saß bei ihm am Bett und hielt seine Hand. Nicht auf eine herablassende Art und Weise, als wäre er ein dummes Kind oder eine schwache alte Frau, der man die Hand tätschelte, damit sie sich beruhigte. Es gab nur ein Wort, dass Severus benutzen würde, um die Berührung zu beschreiben, und das verursachte eine zähe, blubbernde Wärme in seinem Unterleib, die die Erinnerung an den Traum erfolgreich in eine dunkle Rauchwolke packte. Liebevoll.

Liebevoll war alles, was Potter tat. Liebevoll waren seine Blicke, wenn er dachte, Severus würden sie nicht bemerken. Liebevoll waren die flüchtigen Berührungen seiner Schulter und die Art und Weise wie er lächelte, wenn Severus sie mit einer hochgezogenen Augenbraue und einer schneidenden Bemerkung kommentierte. Liebevoll war die Art und Weise, in der er seinen Kopf auf Severus‘ Beinen bettete, wenn er sich neben ihm auf das Sofa legte, während Severus eines der Bücher las, das Potter ihm gebracht hatte. Liebevoll bereitete er ihre Mahlzeiten zu, liebevoll brachte er ihm Tee und Kaffee, liebevoll lehnte er sich an ihn, liebevoll waren seine Worte, seine Gesichtszüge, sein Lächeln.
Und Severus sah all das – er war nicht blind, bei Merlins Bart, und er war auch kein pubertärer Jugendlicher, der noch zu wenige Erfahrungen in seinem Leben gemacht hatte, um zu realisieren, was vor sich ging. Er sah es. Jeden Tag, während es ihm Stück für Stück besser ging und er sich von seiner Zeit in Askaban erholte. Während er sich das erste Mal aus dem Haus wagte und sie einen kurzen Spaziergang zusammen machten. Während der unzähligen Stunden, die sie gemeinsam vor dem Kamin saßen und sich leise unterhielten. Er sah es. Er verstand es. Er wusste, was es für Potter bedeutete. Aber er wusste nicht, was es für Severus selbst bedeutete.
Manchmal fragte er sich, ob es überhaupt irgendetwas bedeuten musste. Potter näherte sich ihm in keinem Moment auf eine unangemessene Art und Weise. Er fühlte sich nicht unwohl, nicht direkt zumindest. Er fragte sich, ob er es einfach ignorieren könnte. Ob es möglich wäre, so zu tun, als würde er es nicht sehen und als wüsste er nicht, was in Potter vor sich ging.
Doch dann sagte Potter etwas oder lachte oder verdrehte die Augen oder machte irgendetwas und Severus verspürte wieder diese zähe Wärme im Unterleib und er wusste, es bedeutete viel mehr, als er in der Lage war zuzugeben.


„Was tun Sie da?“, fragte Potter eines Tages schläfrig. Er siezte Severus noch immer, weil Severus ihn noch immer siezte. Langsam fühlte es sich auch für den Tränkemeister an wie ein albernes Spiel, irgendwie trotzig, die nicht zu leugnende Wahrheit verleugnend. Aber es war einfacher so und vielleicht war einfacher ja nicht unbedingt schlecht.
Sie befanden sich in Severus‘ Zimmer. Severus lag bereits im Bett, den Rücken gegen das Kopfteil gelehnt, ein zugeschlagenes Buch unbeachtet im Schoß. Potter saß auf dem Sessel, die langen Beine faul ausgestreckt. Der Sessel stand näher am Bett als gewöhnlich und Potter hatte nicht nur die Füße auf der Bettkante abgelegt, sondern fast seine ganzen Beine, sodass sie sogar auf Severus‘ Oberschenkeln abgelegt waren. Er trug nur Shorts und ein lockeres Shirt und hatte selbst ein aufgeschlagenes Buch in den Händen.
Severus Fingerspitzen wanderten wie von selbst, beinahe hypnotisiert, über Potters spärlich behaarte Beine. In sanften, hauchzarten Berührungen strich er ein paar Zentimeter über die blasse Haut, stoppte kurz, und fuhr dann in eine andere Richtung weiter, bevor er wieder stoppte.
„Ich zähle“, antwortete er geistesabwesend.
Potter senkte das Buch ein bisschen. „Was?“
„Ihre Muttermale“, gab Severus zurück, den Zeigefinger auf ein weiteres Muttermal legend. Sieben. Er strich weiter, hoch bis zu Potters Knie. Acht. Er bemerkte, dass Potter Gänsehaut bekam, aber er ignorierte es. Und wenn Potter irgendwelche Einwände gegen die Berührungen hatte, äußerte er sie nicht. Severus‘ Finger strich weiter über das warme Bein des anderen Mannes. Neun, zehn. Mit einer bittenden Bewegung schob er eine Hand unter Potters Knie und der andere Zauberer kam der Bitte wortlos nach, das Bein hebend. Severus fuhr die Wade hinab bis zum Knöchel. Elf, zwölf, dreizehn …

Zählen war einfach. Zählen konnte er immer, egal wie er sich fühlte. Es beruhigte ihn auf eine ganz merkwürdige Art und Weise. Half ihm beim Einschlafen, aber auch beim Wachbleiben. Half ihm dabei, nicht über Dinge nachdenken zu müssen, über die er nicht nachdenken wollte. Über seine Unendlichkeit in Askaban. Über die Angst vor seiner neuen Unendlichkeit. Diese große Leere seiner Zukunft, die nun vor ihm stand, und die er füllen musste, ohne zu wissen wie. Über Potter. Potter und seine liebevollen Gesten und ihre Bedeutung und das Wissen, dass Potter nie etwas von ihm fordern würde, solange er nicht bereit war. Und die Fragen, ob Severus überhaupt bereit sein wollte. Ob er zulassen wollte, was sich so unaufhaltsam mit erschreckender Gewalt zwischen Ihnen anbahnte.

„Wieso schlafen Sie hier?“, fragte Severus in der nächsten Nacht in die Dunkelheit hinein. Potter hatte noch ein Buch in der Hand, doch Severus bezweifelte, dass das spärliche Licht der Kerze auf dem Nachttisch wirklich ausreichte, um zu lesen. Immerhin hatte Potter seit Minuten nicht umgeblättert, aber eingeschlafen war er auch noch nicht. Severus wüsste es, wenn Potter schlafen würde, denn Potter schnarchte. Ganz leise nur, kaum hörbar, und irgendwie war es fast mehr ein geräuschvolles Atmen als ein Schnarchen, aber es machte mehr Spaß, jemanden wegen seines Schnarchens aufzuziehen als wegen seines Atmens.
Er rechnete fast damit, dass Potter so tun würde, als würde er schon schlafen, nur um die Frage nicht beantworten zu müssen. Wie so oft jedoch in den letzten – ja was eigentlich? Tagen? Wochen? – überraschte er Severus mit seiner unverschleierten Ehrlichkeit.
„Ich fühle mich wohler, wenn ich weiß, dass es Ihnen gut geht.“
Severus machte ein vieldeutiges, brummendes Geräusch. Er konnte hören, wie Potter das Buch zuklappte und zur Seite legte.
„Möchten Sie, dass ich gehe?“
„Nein“, antwortete Severus sofort. „Ich brauche Ihr atmen zum Einschlafen.“
Er sah es nicht, aber er wusste einfach, dass Potter lächelte. Dieses Harry-Potter-Lächeln eben. Das, das gestandene Frauen im mittleren Alter aufseufzen ließ und das, das in Severus‘ Unterleib dieses zähe Gefühl verursachte. Liebevoll.
Er zählte vierhundertachtundsiebzig Atemzüge, bis er endlich einschlief.

In der Nacht darauf hatte Severus einen schwachen Moment. Auch das kam vor. Manchmal.
„Sie haben Rückenschmerzen.“
Dieses Mal war Potter derjenige, der lediglich mit einem brummenden Geräusch antwortete. Und es war Severus, der lächelte. Ungesehen in der Dunkelheit und auch nur für eine Sekunde.
„Es ist alles andere als klug von Ihnen, Nacht um Nacht auf diesem Sessel zu verbringen.“
Potter schnaubte leise. „Ich dachte Sie brauchen mich. Es hört sich an, als würden Sie mich doch loswerden wollen.“
Severus hatte die Augen noch immer geöffnet und starrte an die hölzerne Decke mit den dreihundertfünfundzwanzig Astlöchern, die er nicht sehen konnte, aber von denen er wusste, dass sie da waren.
„Wenn Sie versprechen, Ihre Finger bei sich zu behalten, können Sie im Bett schlafen.“ Das neben mir blieb unausgesprochen, aber es hing dennoch in der Luft. Direkt über ihm, provozierend, lockend. Severus hatte das Gefühl, es beinahe sehen zu können.
Potter antwortete erst nach neun langen, geduldigen Atemzügen.  Als er dann sprach war seine Stimme doch irgendwie erstickt.
„Und wenn ich es nicht versprechen kann?“
Erst zuckten Severus‘ Mundwinkel in Reaktion auf die unerwartet kecke Antwort, dann stockte ihm der eigene Atem in der Brust. Sein Herzschlag beschleunigte sich merklich und das zähe Gefühl im Unterleib war noch wärmer und unangenehmer als sonst.
Elf kurze, flache Atemzüge von Potter in der Dunkelheit. Dann rutschte Severus demonstrativ weiter Richtung Wand, um Platz für Potter zu machen, gleichzeitig die Bettdecke zur Seite schlagend. Stumm, aber doch auffordernd.
Potter stand auf, streckte sich, seine Gelenke knacksten. Er zögerte.
„Sind Sie sicher, Professor?“
Und Severus schloss die Augen und gab beinahe ungeduldig zurück: „Jetzt leg dich hin, Harry.“
Und wieder konnte er Potters Lächeln spüren. Die vorherige Zurückhaltung und das Zögern, die eben noch so schwer im Raum gehangen hatten, waren verschwunden. Potter setzte sich auf die Bettkante, dann klang es, als würde er sich die Socken von den Füßen ziehen und achtlos neben dem Bett liegen lassen. Kaum zwei Sekunden später lag er neben Severus und zog sich die Decke bis zum Kinn, bevor er sich ohne vorgetäuschte Schüchternheit zu ihm drehte und sich an ihn schmiegte, einen Arm unter seinen Kopf geklemmt, den anderen über Severus‘ Brust abgelegt.
Es war dieser erste Kontakt, der Severus bewusst machte, dass es endgültig war. Aber nicht auf eine bedrohliche, sondern eine beruhigende Art und Weise. Endgültig und endlos.
Potters lächerlich warme Füße streiften seine eigenen eiskalten, ihre Beine berührten sich in ganzer Länge. Severus spürte, wie Potter sein Gesicht gegen seine Schulter drückte, die Hand auf seiner Brust zuckte leicht. Und Severus bewegte sich mit einer bisher unbekannten Vorsicht, als er den linken Arm zwischen ihren Körpern hervorzog und ihn, etwas umständlich, um Potter legte, während seine rechte Hand Potters fand. Ihre Finger verflochten sich.
Es gab Dinge, die er sagen wollte. Unzählige Dinge. Jeder Gedanke vermessener als der andere. Er sprach keinen davon aus, noch nicht.
In dieser Nacht zählte er nicht.

Am nächsten Tag war es außergewöhnlich leicht so zu tun, als wäre alles vollkommen normal, denn irgendwie war es das auch. Sie standen auf, verbrachten jeder für sich etwas Zeit in ihren jeweiligen Badezimmern, nahmen in der Küche gemeinsam ein einfaches Frühstück zu sich. Ein Spaziergang durch das nächste Dorf, eine Diskussion über die Effektivität eines bestimmten Verteidigungszaubers. Am Mittag ein gutes, leckeres Essen, danach ein paar Stunden ruhigen Schachspiels und anschließendem stummen Beieinandersitzen, während sie jeweils wortlos lasen. Nichts ungewöhnliches, das eines genaueren Berichtes bedürfen würde – keine Berührungen, keine Liebesbekundungen, keine verzweifelten Küsse.
Es wäre ein Tag wie jeder andere geworden, wäre Potter nicht am Ende genau wie in der Nacht zuvor neben Severus unter die Decke gekrochen. Dieses Mal war Severus derjenige gewesen, der die erste Berührung initiierte und Potter in seine Arme zog, noch bevor dieser sich hatte zu ihm drehen können. Die Folge war das, was der allgemeine Volksmund wohl als Löffeln bezeichnete. Severus fand, dass das ein lächerlicher Begriff war. Geradezu absurd. Und doch stellte er beinahe verwundert fest, wie perfekt ihre Körper zusammenpassten, als er sich an den Rücken des jüngeren Mannes schmiegte, einen Arm um den schmalen Körper gelegt, die Nase in den unordentlichen Haaren vergraben. Und Potter seufzte zufrieden auf und wünschte ihm eine gute Nacht und Severus brummte.
Er lauschte Potters Atem und seinem Herzschlag, genoss die Wärme, die der fremde Körper ausstrahlte. Wieder zählte er nicht – es war Potters Nähe, die ihm die Ruhe, nach der er sonst so verzweifelt suchte, bereits gab.


Am nächsten Tag war dann irgendwie alles anders. Sie sprachen über die Zukunft, zum allerersten Mal. Severus gestand, dass er geneigt war, in dem Haus zu bleiben. Potter zeigte ihm den großen Keller und sie unterhielten sich über die Möglichkeiten, ein Labor einzurichten, sodass er wieder brauen könnte. Es gab ein Zaubererdorf ganz in der Nähe, in dem sich auch eine Apotheke befand. Mit der entsprechenden Verkleidung würde Severus womöglich keine Probleme haben, seine Tränke auch zu verkaufen. Es klang nach einer Zukunft, mit der er leben könnte. In der er glücklich sein könnte. Es gab nicht viel, was Severus wirklich wichtig war. Eins davon waren Zaubertränke. Das andere eine ständig lächelnde Nervensäge.
Severus war nicht dumm oder schwer von Begriff. Er wusste, was zwischen Ihnen geschah. Als Potter ihn dann küsste, hatte er dennoch nicht damit gerechnet.
Dabei war es so offensichtlich gewesen, wenn er so darüber nachdachte. Potter hatte ihn nachdenklich betrachtet mit seiner üblichen, unbeschwerten Art und Weise. Und dann hatte er wieder gelächelt und sanft stichelnd verlauten lassen: „Wenn du möchtest, dass ich bei dir bleibe, frage mich einfach.“
Und Severus wusste, dass er das niemals tun könnte. Abgesehen davon, dass Potter bereits mehr als genug für ihn getan hätte, erschien ihm eine derartige Bitte als so unangemessen und so lächerlich, dass er kaum Worte dafür hatte. Das war nicht das Leben, das Potter leben sollte. In England, mit einer Frau und zweieinhalb Kindern, bei seinen Freunden, seine Karriere als Auror beginnend. Nicht irgendwo in Irland in seinem geheimen Liebesnest mit dem verurteilten Todesser, dem er zur Flucht verlaufen hatte. Es war nicht richtig. Es war in jeder möglichen Hinsicht falsch.
Und doch war es dieses zähe, warme Gefühl in seinem Inneren, das Severus dazu brachte zu antworten: „Würdest du bei mir bleiben?“
Vielleicht hatte er erwartet, dass Potter einfach lachen und den Kopf schütteln würde, doch natürlich tat er das nicht. Er trat auf Severus zu, beide Hände an seine Wangen legend, und küsste ihn. Severus erschauderte, die Augen geöffnet lassend, Potter anstarrend. Zwei Atemzüge. Nur zwei. Warme Lippen und sanfter, zitternder Atem, bebende Finger an seinen Wangen.
Dann beendete Potter den Kuss und sah ihn fragend an, als erwartete er, dass Severus ihm eine Rückmeldung gab. Als hätte er nicht gerade ihre trockenen Lippen zusammengedrückt, sondern ihm einen eilig zusammengestellten Aufsatz abgegeben.
Nicht durchdacht, fundamentale Lücken, zu oberflächliche Ausführung und keine zufriedenstellende Antwort auf meine Fragestellung, dachte Severus, sich mit amüsiert zuckenden Mundwinkeln vorstellend, wie er die Anmerkungen mit roter Tinte auf Potters Wange schrieb. Nichtsdestotrotz – Ohnegleichen.
Er war schwach geworden, wirklich. Ein eindeutiger Fall von Bevorzugung. Er hatte Potter schon immer viel zu viel durchgehen lassen.
„Bereit für die Unendlichkeit?“, murmelte Potter leise, mit den Fingerspitzen über Severus‘ Wangenknochen streichend. Es war eine liebevolle Berührung. Natürlich war es das und dennoch war es irgendwie seltsam. Neu und angsteinflößend, aber vielversprechend.
Und Severus legte in einer zurückhaltenden, fast schon fragenden Bewegung die Arme um den Körper seines ehemaligen Schülers.
„Ja“, gab er mit ruhiger Stimme zurück. Wieder zuckten seine Mundwinkel, doch dieses Mal nicht amüsiert, sondern erleichtert. Weil es sich richtig anfühlte. Diese Unendlichkeit nach dem Nichts.




So ihr Lieben, das war es auch schon mit diesem kurzen Oneshot. Falls es euch gefallen hat, freue ich mich wie immer über ein Sternchen, ein Review oder eine sonstige Nachricht (gerne auch mit Kritik!). Aber wie immer bei mir gilt: wer kein Review schreiben möchte, ist trotzdem genauso herzlich willkommen. Ich wünsche euch noch einen wundervollen Tag und bis bald!
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