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Mit einem Brief fing alles an

von Tullia
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Minerva McGonagall Severus Snape
17.05.2022
18.08.2022
19
43.433
58
Alle Kapitel
123 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
05.08.2022 1.623
 
Hogwarts, 14. Mai 1999




Ich fühle mich gerade sehr schlecht und fürchte, einen Fehler begangen zu haben. Verwirrend ist, dass ich gleichzeitig der Meinung bin, dass es eben kein Fehler war. Ich denke, hätte ich noch etwas sagen und erklären können, ginge es mir etwas besser. Zum Ausgleich daher dieser Brief. Vielleicht kann ich danach endlich schlafen. Es ist weit nach Mitternacht und ich muss eigentlich schon bald wieder aufstehen.

Um es nochmal ganz klar zu formulieren: Ich habe dich nicht geküsst, um dir etwas zu beweisen oder zu provozieren, ich habe es getan, weil ich es wollte und weil ich das Gefühl hatte, du wolltest es auch. Ein eigentlich sehr schöner Moment der Übereinstimmung, wenn du danach nicht gewirkt hättest, als wäre etwas ganz Furchtbares passiert. Ist es das?

Ich sehe durchaus Probleme dabei, dich zukünftig zu behandeln, aber wie erwähnt, die bestehen bereits jetzt. Wenn ich aber gefühlt für dich als Heilerin versagt habe, dann tut es mir aufrichtig leid! Habe ich das? Ist das zukünftig ein Problem?

Ich bin verwirrt und das liegt ganz klar am eigentlichen Hauptproblem dieser Konstellation, ich kenne dich nicht. Ich bilde mir nicht ein, dich einschätzen zu können - ich wünschte, ich wüsste jetzt, womit ich als nächstes rechnen muss. Gefühlt gibt jedes Detail, das ich erfahre, nur mehr Rätsel auf. Was wohl daran liegt, dass mein Wissen um Persönliches in Großteilen auf meiner Funktion als angehende Medimagierin und dem unbefugten Betreten deiner Räume beruht. Es liest sich noch viel schlimmer, als es sich denkt.

Ich weiß, dass es dir nicht gut geht und ich ahne, dass du dich zusätzlich betrogen fühlst. Aber für mich war dieser Schritt in die Privatsphäre sehr wichtig und wegweisend. Die Konsequenz für dich tut mir leid, aber ich werde es nicht bereuen, erkannt zu haben, dass du ein nahezu verstörend vielgesichtiger Mensch bist. Ein Rätsel und Mysterium, das ich so gern etwas besser verstehen und kennen würde, auf unterschiedliche Arten.

Hinzu kommt das vermutlich sehr kindische Streben nach genau dem, was man nicht haben kann. Deine Anerkennung wollte ich immer! Ich habe mich darum bemüht und dich verflucht, weil du sie mir verwehrt hast, ungerecht und boshaft. Dann zu erfahren, dass das tatsächlich nicht an mir lag…

Aber ich werde nicht ein bisschen schlauer aus dir! Ich verstehe nicht, was in dir vor sich geht, ich war mir lange Zeit sicher, du hättest nichts für mich übrig. Selbst noch nach dem "Einbruch".

Vorhin kam ich mir vor, als wäre ich mit einem wilden Tier eingesperrt und statt ihm Raum zu geben, habe ich es immer weiter in die Ecke gedrängt. Aber ich wollte es eben hören, die Anerkennung über den logischen Schluss hinaus, dass ich mit den verdammten Büchern etwas anfangen könnte und du sie mir nur deshalb hinterlassen hättest, weil es keinen Anderen gab! Das ist nicht wirklich "anders". Was möchtest du, Severus? Du legst nah, dass es um Nähe geht, du nimmst meine Hand, du erwiderst meinen Kuss. Und dann bist du entsetzt davon.

Die brutale Wahrheit ist, dass ich nun Angst vor dem Kommenden habe. Du bist unberechenbar und weder will ich meine Berechtigung zu deiner Behandlung verlieren, noch will ich von dir dafür abgestraft werden, dass ich gesehen habe, dass du ein Mensch bist. Bitte strafe mich nicht ab!
Ja, die brutale, verstörende Wahrheit ist, ich fürchte dich noch immer. Vielleicht mehr als je zuvor. Du kannst sehr verletzend sein. Provokation, Beleidigung, die ganz und gar kalte Schulter, alles halte ich für möglich.

Wenn es grundsätzlich nicht um Nähe ging, oder nicht um mich, dann sag es und gut. Ich bin keine hysterische Kuh, die ihre Patientenbesuche dazu verwenden wird, zur Stalkerin zu mutieren. Was auch immer du möchtest, ich werde mich daran orientieren. Aber sag mir, was du möchtest!

Ich lege auch gern vor. Ich habe dich gern geküsst und würde es wieder tun. Ich bin 19 und emotional definitiv überfordert. Daher kann ich dir leider nicht sagen, woher der Wunsch ursprünglich gekommen ist. Spannung und Neugier sind genauso möglich, wie unbewusst das dringende Bedürfnis, etwas wiedergutzumachen, oder echte Anziehung. Ich habe mir in den letzten Tagen und Wochen oft vorgestellt, wie es wäre, dir tatsächlich näher zu kommen. Die Realität hat alles getoppt.

Es hat mir gefallen, aber das wichtigste für mich ist deine Genesung. Wenn die überforderte Idiotin dem entgegensteht, dann taucht sie dir gegenüber nicht mehr auf.


Hermine



War sie mit dem Brief zufrieden? Nicht im geringsten. Schrecklich pathetisch erschien er ihr und er konnte nicht in mindesten das widerspiegeln, was in ihr vor sich ging.

Aber wie sollte er das auch? Gefühlt tanzte sie auf Eiern. Blöd, wenn man eine Schwäche für ein Mysterium hatte und dieses so mysteriös war, dass man tatsächlich nicht sicher wusste, ob es provokant oder in Zuneigung küsste.
Nein, eigentlich glaubte sie nicht wirklich an eine Inszenierung. Dafür war Snape zu sehr aus seiner Rolle gefallen. Eigentlich hatte er sich gewunden wie ein Aal und dann versucht die Flucht nach vorn anzutreten. Und nicht mal das hatte richtig funktioniert. Hermine war ihm zuvor gekommen. Der Lohn war der beste Kuss ihres bisherigen Lebens gewesen.

Wem wollte sie also etwas vormachen? Natürlich war sie auch neugierig und geschmeichelt, es war auch aufregend gewesen, aber allem voran mochte sie diesen komischen Mann. Sie fand ihn ausgesprochen anziehend - über Spekulationen, die über ihren Geisteszustand einsetzen würden, sobald jemand davon erfuhr, der nicht Minerva McGonagall hieß, würde sie jetzt nicht auch noch nachdenken. Sie war verliebt in Severus Snape.


Als Hermine am Morgen den Brief von Severus erhielt, dauerte es einige Zeit und einen Blick auf die Uhr, um zu begreifen, dass er keine Antwort auf ihr Schreiben war.
Er hatte ihr auch geschrieben, von sich aus.
Dann dauerte es eine ganze Weile, bis sie sich in der Lage sah, eine Antwort zu formulieren. Im Geist tat sie es dann den ganzen Tag über, immer wieder. Immer wieder anders, denn jedes Überdenken seiner Worte, ließ eine andere Regung in ihr in den Vordergrund treten. Die verschiedenen Emotionen gaben sich die Klinke in die Hand. Wut und Empörung über diese Reduzierung. Verwirrung über die plötzliche, extreme Direktheit. Geschmeicheltsein, dass er sie tatsächlich als Frau wahrnahm. Erneute Empörung genau darüber, über sich selbst, denn eine Wichsvorlage zu sein, sollte ihr nicht schmeicheln! Und dann verschob sich der Fokus auf die letzten Worte. Ob sie "neben all der Unschuld naiv, gleichgültig oder verrückt" war. Fehlte doch eigentlich nur noch dumm, um die Herabwürdigung ein bisschen zuzuspitzen. Ja, diese Worte kreisten am nachhaltigsten in ihr. Sie warfen die Frage in ihr auf, die sie Snape schon gestellt hatte: Was hatte er denn in ihr gesehen? Oder war seine eigentliche Schwäche die für naive Dummchen, die kluge Bücher lasen, mit denen sie in seinen Augen eigentlich nichts anfangen konnten?

Als sie sich am Abend an den Schreibtisch in ihrem Quartier in Hogwarts setzte, war sie überzeugt, dass es unmöglich war, eine Antwort nicht voller Wut zu formulieren. Dann las sie seinen Brief noch einmal. Und blieb wieder an einer anderen Stelle hängen.

"Was hast du als Reaktion erwartet?"

Nichts hatte sie erwartet, denn nichts war geplant oder auch nur zu erwarten gewesen. Und das mit ihrer Naivität war eine Frage. Ja, naiv, gleichgültig und verrückt waren in Frage gestellt. Nur die Unschuld nicht. Das war vermutlich eine ernstgemeinte Frage hinsichtlich ihrer Motivation.
Zauberhaft, sie sollte den Brief vielleicht einer literarischen Analyse unterziehen. Ihn interpretieren und nach Schlüsselwörtern und stilistischen Mitteln suchen.
Aber zumindest ihre Wut legte sich bei diesen Gedanken etwas. Es war eine Frage nach ihrer Motivation! Vermutlich war Hermine tatsächlich verrückt, sich zu jemandem hingezogen zu fühlen, den man dekodieren musste. Und er auch, denn normalerweise musste man wohl nicht Bücher anderer nachlesen, um sich in die Stimmung zum masturbieren zu bringen.

Ja, entweder er war verrückt oder der Brief war schlicht und ergreifend genau das, was Hermine doch eigentlich befürchtete. Eine Provokation. Oder beides, denn nur ein Verrückter würde versuchen, vermeintlich Schlechtes in den Vordergrund zu rücken, um abzuschrecken, wenn man für das Gegenüber doch eigentlich etwas übrig hatte.



Hogwarts, 14. Mai 1999



Inzwischen wirst du meinen Brief ja gelesen haben. Wie fühlst du dich damit, mir so unfreiwillig Recht zu geben? Dein Geschreibsel war eine Provokation, eine Reduzierung auf etwas, was mich nach Möglichkeit "schockieren" soll, nicht wahr? Denn ich bezweifle ernsthaft, dass du dieselben Bücher wie die Frauen gelesen hast, mit denen du dich durch das Kamasutra getestet hast! Da standen einige Namen und nein, ich bin auch darüber nicht in Ohnmacht gefallen.

Was stimmt nicht mit dir? Wenn zwei Menschen sich einvernehmlich küssen, dann versuchen sie im Nachgang selten, das schlecht zu machen! In dem du nahelegst, dass es dir nur um das Thema Ausziehen und Sex geht, tust du das! Ich habe erhebliche Zweifel, dass es so ist, aber vielleicht bin ich naiv und verrückt. Gleichgültig kannst du gern als mögliche Eigenschaft streichen.
Und - ernsthaft - für wie naiv und unschuldig hältst du mich genau? Meinst du wirklich, ich bin so minderbemittelt, dass mir nicht klar ist, dass Sexphantasien zu einer Annäherung gehören? Willkommen im Milleniumjahr, ich bin durchaus aufgeklärt und verfüge sogar über eigene Hormone, deren Existenz nicht verteufelt werden. Halt dich fest, ich weiß sogar aus Erfahrung, wie Selbstbefriedigung funktioniert. Ich bin kein verdammtes Mauerblümchen! Deshalb bin ich immernoch nicht schockiert. Findest du das jetzt gut oder schlecht?


Hermine



Ganz ohne Wut hatte es nicht funktioniert. So gar nicht.
Dreimal las sie den Brief noch, bevor sie sich tatsächlich überwand, ihn abzuschicken.
Nein, sie war kein Mauerblümchen!
Als die Eule davon flog, wurde ihr trotzdem übel.
Severus Snape… Sie hatte Severus Snape geschrieben, dass sie sich selbstbefriedigte. Weil er damit angefangen hatte, sowas zu schreiben!
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