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meereswellen und himmelskörper

von vis
Kurzbeschreibung
OneshotAngst, Freundschaft / P16 / Gen
Megumi Fushiguro Yuji Itadori
16.05.2022
16.05.2022
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say you’re there when i feel helpless
if that’s true, why don’t you help me?
it’s my fault, i know i’m selfish

stand alone, my soul is jealous
it wants love, but i reject it
trade my joy for my protection

nf — trauma



⋆ ⋆ ⋆



Wenn Megumi Yūji mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es ohne zu zögern eins: Licht.

Denn Yūji war hell, nahezu strahlend, kein Zweifel. Manchmal so grell, sodass es Megumi schmerzte ihn anzusehen. So grell, sodass Megumi nichts anderes übrig blieb, als die Augen zu schließen. Andernfalls würde ihn die Wärme, die Yūji ausstrahlte wohl verbrennen, ihn sieden und verunsten lassen; flackern und flimmern, erglühen und verbrühen.

Yūji war Licht, er war Helligkeit. Er war ein Hoffnungsschimmer an dem sich Megumi viel zu leicht viel zu sehr festklammerte als wäre es eine Fackel, die er in einem dunklen, tiefen Tunnel mit sich trug. Yūji war Freude, Glückseligkeit, Unbekümmertheit. Yūji war lächeln und lachen. Grinsen und schmunzeln. Yūji war Glück und Wärme. Ja, Yūji war hell. So hell, sodass es weh tat. So hell, sodass es schmerzte nur daran zu denken. So hell, sodass Megumi Angst hatte sich an der Flamme zu verbrennen, sie fallen zulassen, sodass auch der letzte Funken erlosch. Lieber verbrannte er sich seine Hände, seine zähen Fleischmassen und fragilen Knochengerüste bis sie zu Asche und Staub wurden als dass er zulassen würde, dass diese Flacker ihr Licht verlor. Als dass er dieses Licht — Yūji — erlischen, sterben lassen würde.

Die Angst war dennoch präsent. Egal, wie entschlossen Megumi auch war dies niemals Realität werden zu lassen — nicht mehr — die Angst blieb immer. Mal leise, mal lauter. Mal leichter, mal schlimmer. Aber immer da. Immer.

Megumi hatte gelernt damit zu leben.

Er würde so stark werden, so stark, sodass er keine Angst mehr haben würde. Keine Angst mehr haben konnte. Irgendwann. (Er wusste, dass diese Angst, diese Furcht, diese Panik immer bleiben würde. Sie war die Kindheitsfreundin, die Megumi niemals gehabt hatte, die immer zurückkommen würde und auch die, die niemals gehen würde.)

Megumi lebte mit all dem. Er war es gewöhnt. Es war in Ordnung. Manchmal war es schlimm genug, um ihm die Nächte und Ruhe zu nehmen, sie an sich zu reißen und mokierend zu zerreißen.

Nichts, was Megumi nicht schon längst gewöhnt war.

Megumi kannte seine Verlustängste, Vertrauensprobleme und unbegründeten Paniken allzu gut. Sie waren ihm allesamt altbekannt. Wirklich. Es war nichts Neues. Nichts ... wichtiges.

Schlimm wurde er erst dann als er eines Besseren belehrt worden war.

Im Nachhinein kam sich Megumi wirklich egoistisch, selbstsüchtig, bescheuert vor. Im Nachhinein ... war es immer noch genauso schlimm. Genauso destruktiv und verheerend.

Megumi hatte niemals — nie — auch nur annähernd daran gezweifelt, dass Yūji so hell war wie das Licht. Dass er das Licht war. Dass Yūji die Sonne war, die jeden Tag aufging, Landschaften und Meeresoberflächen erhellte und selbst die dunkelsten Ecken und Seiten der Straßen beleuchtete.

Er wusste, dass Yūji sein Seelenheil war, dass Yūji seinen Scherbenhaufen auffing, dass Yūji seine Bruchstücke von einem Herzen wie ein Kartenhaus wiederaufbaute. Ja. Daran hatte Megumi nie gezweifelt.

Doch dass eine Sonne, die unerschrocken strahlte, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat tiefe, lange Schatten hinter sich warf, ungesehen und ignoriert — ja, daran hatte Megumi nie gedacht. Es schien abwegig, gar unmöglich. Denn Yūji war wie eine Sonne. Er war die Sonne. Die Erde, der Merkur, der Saturn — sie alle drehten sich um die Sonne. Bewunderten das Licht, die Helligkeit. Irrelevant ob sie sich daran verbrannten oder nicht. Es war es wert. Oh ja, es war es absolut wert. Ohne Zweifel.

Umso verheerender war es zu erfahren, dass selbst die Sonne Schattenseiten besaß. Schmerzen und Qualen mit sich trägt. Und dass er es nie bemerkt hatte.

Yūji litt.

Sehr sogar. Und Megumi ... Megumi war Schuld daran.

Er fragte sich, ob Yūji nicht doch hätte sterben sollen. Besser exekutiert werden sollen. Es wäre das Richtige gewesen — zumindest im Anbetracht der Situation. Doch in Hinblick auf Megumis persönliche Gefühle, seiner eigenen Denkweise ... Aus Megumis Sicht war es das Richtige gewesen ihn leben zu lassen. Und Megumi dachte immer, dass er damit richtig gelegen hätte.

Jetzt erschien es ihm dämlich. Kindlich. Naiv. Diese Einseitigkeit seiner Gedanken. Diese selbstverständlichen Annahmen. Diese Anmaßung.

Er hatte begriffen, dass Gut und Böse nicht einfach nur das waren. Das etwas, dass in seinen Augen als abscheulich angesehen wird, in den Augen eines anderen Menschens anders aussah. Dass ... Dass nichts richtig war. Aber hieß das dann zwangsläufig auch, dass alles falsch war? Er wusste es nicht. Vielleicht war auch alles richtig. Alles ein möglicher Rechenweg zur Lösung der Formel. Vielleicht aber war alles vergeblich. Eine Sackgasse, die einen nicht weiterführte, nicht die Lösung entgegenbrachte. Zumindest nicht die erwünschte Lösung.

Megumi wusste es nicht.

Ob seine Art zu Leben lebenswert war, war ihm ebenfalls schon immer ein Mysterium gewesen. Er lebte, weil ... ja, warum eigentlich? Weil er geboren wurde? Weil er keine Wahl hatte und ihm ein Leben entgegengeworfen wurde, dass er niemals hatte haben wollen? Und er es noch war, der Yūji dasselbe angetan hatte? War seine Moral überhaupt moralisch?

Auch das wusste Megumi nicht.

Vermutlich war es einer dieser Formeln, die gar keine Lösung mit sich brachte. Eine dieser Fangfragen bei der jede Antwort zum Scheitern verurteilt war. Was wusste er schon? Es war ohnehin zweitrangig. Letztlich machte es keinen Unterschied, ob seine Denkweise vertretbar war oder nicht — es würde sich nichts ändern. Er lebte nach seiner Moral. Guten Menschen sollte Gutes passieren. Und deshalb ... deshalb würde er guten Menschen Gutes tun. Seiner Schwester konnte er nichts Gutes tun. Noch nicht. Aber Yūji ... Yūji würde er Gutes tun. (Es fühlte sich wie ein Mantra an. Je öfter er es wiederholte, desto mehr entsprach es der Realität. Zumindest redete er sich das gerne ein.)

Jetzt fragte sich Megumi, ob er ihm wirklich Gutes getan hatte, indem er ihm das Leben gerettet hatte. Vielleicht hatte er Yūji die Hölle präsentiert. Vielleicht.

Megumi wusste es nicht. Und er war sich nicht so sicher, ob er die Antwort verkraften konnte.

Der Auslöser seiner Zweifel war lächerlich, nahezu dämlich. Vielleicht war es gerade das, was es so schlimm machte. Vielleicht war es das, was es so schlimm machte, dass seine starke Sicherheit, Entschlossenheit, dass er es nicht bereute Yūji das Leben gerettet zu haben, ins Wanken brachte. Vielleicht.

Es war vor einigen Wochen gewesen. Kurz vor den Prüfungen und Examen, die man als Jujuzistenschüler bewältigen musste. Letztlich war auch die Jujutsu Tech High am Ende des Tages eine Schule. Dass die Schüler also gemeinsame Lerngruppen erstellten und sich gegenseitig halfen, war nicht allzu überraschend. Überraschend war nur wie schwer es Yūji fiel, konzentriert zu bleiben. Wach und bei Bewusstsein zu bleiben — etwas, das ihm einige genervte Schläge und verbale Angriffe von Nobara gekostet hatte.

»Penn’ nicht ein, du Kartoffelgesicht!«

»Ha?! Seit wann sieht mein Gesicht wie eine Kartoffel aus?!«

»Schon seit immer, Trottel!«

»Gar nicht waaahhhh! Au, das tat—!!«

»Schnauze oder ich hau’ dich noch mal, Mohrrübe!«

Megumi konnte die Auseinandersetzung der Beiden zitieren, denn diese fand mehr als nur ein Mal statt. Und eigentlich wäre er genervt davon gewesen, hätte sich daran erinnert, warum er es sonst immer bevorzugte allein zu lernen. Eigentlich. Doch Yūji war in letzter Zeit häufig übermüdet, hatte Augenringe, war nicht bei der Sache und wenn, dann sehr unkonzentriert. Nobara dachte sich nichts dabei, verdrehte nur die Augen, doch Megumi hielt inne. Schlief Yūji nicht gut? Ein Funken an Besorgnis machte sich in ihm breit und ein Flammenmeer an Verwirrung verschluckte alle weiteren Gedanken. Also fragte Megumi ihn. Nebensächlich, am nächsten Tag, als sie gemeinsam ein neues Rezept ausprobiert hatten. Beziehungsweise Yūji ihm total begeistert irgendwas von einem super coolen, leckeren, klasse Rezept, das jeder Idiot hinbekommt erzählt hatte. Und weil Yūji nun mal Yūji war und nicht locker gelassen hatte, hatte Megumi sich bereitgeschlagen. Schließlich hatte er nichts zu verlieren, nicht wahr?

Also haben sie zusammen gekocht. Oder Yūji hatte gekocht und Megumi stand wie bestellt und nicht abgeholt da. Unbeholfen und unerfahren. Zumindest ... war es sonst immer so. Eigentlich.

»Sag mal, Itadori ... Ist alles okay?«, hatte er damals gefragt als er nebenher die Zwiebeln geschnitten hatte. An das Brenne in den Augen hatte er sich mit der Zeit gewöhnt. Zwar konnte er das nicht so leicht wegstecken wie Yūji, aber immer hin brauchte es nicht mehr ganze Papierrollen, um den ungewollten Tränenfluss zu stoppen.

»H—huh? Wie kommst du denn darauf?« Verwirrt hatte Yūji die Augenbrauen zusammengezogen, ihn überrascht angesehen. Irgendetwas hatte in seinen kastanienbraunen Augen aufgeflimmert. Hätte Megumi es nicht für so abwegig gehalten, hätte er gedacht, gewusst, dass es Angst gewesen war.

Megumi war zu blind gewesen, um es zu sehen. Megumi war zu taub gewesen, um die ungewöhnliche Verunsicherung in Yūjis Stimme wahrzunehmen.

Stattdessen hatte er aufgehört die Zwiebeln zu schneiden, angefangen zu erklären. »Naja, weißt du ... Letztens beim Lernen warst du echt nicht bei der Sache. Und in letzter Zeit habe ich das Gefühl, du bist generell abwesender. Keine Ahnung. Schläfst ... schläfst du überhaupt noch?«

Fragen im Kopf, Sorgen im Herzen und Befürchtungen auf der Zunge. Das waren Megumis Empfindungen damals gewesen.

Yūji hatte gelacht.

»Awww, ist echt nett von dir, dass du dir so Sorgen machst!«, hatte er gegrinst. Als Megumis eindringlicher Blick allerdings nicht von seiner Haut abließ, ließ Yūji die Hand, die ihren Weg von allein in sein Haar fand, sinken. Eine Angewohnheit, die er wohl nie gänzlich lassen konnte. Yūji senkte seine Stimme, richtete seinen Blick auf das Brett vor ihm, ganz so als würde er zum Lauch neben ihm sprechen statt zu dem Menschen vor ihm.

»Weißt du ... Du bist echt ein guter Freund, Fushiguro. Danke. Aber du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen! Ich schlafe gut und viel, bald wird’s besser! Kein Grund zur Sorge!«

Megumi hatte verstehend genickt, sich abspeisen lassen. »Okay.«

Dabei hatten sie es belassen.

Selbst als das Gericht auf dem Herd verbrannte, weil Yūji zu spät reagiert hatte, zu sehr in Gedanken, zu müde war, hatte Megumi nicht weiter nachgestochert.

Du bist echt ein guter Freund.

Ja, klar. Natürlich. Ein guter Freund, der nichts bemerkte. Nichts tat. Nicht half.

Megumi schmeckte die Bitterniss dieser Erinnerungen auf seiner Zunge. Im Rückblick realisierte er, dass es mehr war. Mehr gab. Solche Momente. Momente in denen Yūji nicht okay war. In denen sein Licht verblasste. Fade erschien, aufweichte. Bröckelte.

Momente, in denen es Yūji nicht gut ging. In denen es ihm beschissen ging.

Es gab mehr, sehr viel mehr. Manchmal zuckte Yūji zusammen, wenn ihn jemand ansprach. Versteifte sich, wenn das Thema Sukuna aufkam. Wehrte ab, wenn man fragte, ob es ihm gut geht. Er genug schlief. Überhaupt schlief. Genügend aß. Gar etwas aß.

Yūji zerbrach und Megumi sah es nicht. Merkte es nicht. Erst als die Bruchstücke vor ihm lagen, ausgebreitet auf dem Boden, überall verteilt — erst dann, als es schon längst zu spät war, bemerkte Megumi es. Die Schwere in Yūjis Seele. Die Schatten seines Lichtes. Die schleichende Entfärbung, Verblassung seines Strahlens.

Erst dann merkte Megumi wie sehr Sukuna Yūji das Leben zur Hölle machte.

»Dass ich dich gerettet habe, war keine rationale Entscheidung. Der Gefahr zum Trotz konnte ich es nicht ertragen einen guten Menschen wie dich sterben zu sehen. Ich habe ein wenig gezögert, doch letztlich habe ich einem egoistischen Impuls nachgegeben. Doch das war besser so. Ich bin kein Held. Sondern ein Jujuzist. Deshalb habe ich keine Sekunde bereut, dich gerettet zu haben.«

Ja. Megumi hatte es niemals, keine einzige Sekunde bereut, dass Yūji am Leben gelassen worden ist. Nie.

Bis jetzt.

Sukuna stahl Yūji die Nächte, redete immer wieder mit ihm, wenn er alleine war, immer in der Intention ihm zu schaden. Jedes Wort, jeder Satz, der einen Riss in das fragile Glashaus einzog. Ein kleiner Riss, dem keine Beachtung geschenkt wurde. Es war nichts, was man bemerken würde. Nichts, was einem auffallen würde. Dann kam noch ein Riss. Und noch einer. Und noch ein weiterer. Immer weiter. Eine weitere schlaflose Nacht, eine weitere Erinnerung daran Junpeis Tod nicht verhindert haben zu können, ihn verursacht zu haben, Schuld daran zu sein. Ein weiterer Vorwurf, dass allein dadurch dass er lebt Menschen sterben. Dass seine bloße Existenz Fluch genug war. Eine weitere einsame Nacht in der Gesellschaft von Sukuna. In der Wärme des Sommers frierend im Bett liegen, während Sukunas Worte seine Gedanken einnahmen wie Schnee im Winter ganze Straßen und Landschaften. Wie Gift durch Herz und Seele flossen, alles an Reinheit und Unschuld zerstörten.

Ja, Sukuna war durch und durch ein Fluch. Ein Fluch, der Yūji nicht los ließ, ihn an sich riss, Schritt für Schritt, Stück für Stück immer wieder weitere zebrechen ließ. Mit Knochen auf seiner Haut Schuld einmeißelte, mit Blut die Wände beschmierte, einfärbte, mit Tränen und Hydrolyse, die sich mit dem Blut vermischten, die einst so reinen, weißen, unwissenden Wände nur noch mehr beschmutzten. Sukuna, der Yūji schadete, quälte, folterte, vergiftete.

Und Megumi, der es nicht sah. Nicht bemerkte. Hörte. Bis jetzt.

Jetzt als er hier stand, in Yūjis Zimmer. Einem Zimmer versunken im Chaos der Einsamkeit, der Schuld.

Megumi hatte ein lautes Poltern gehört, etwas das gescheppert hatte. Etwas, das umgestoßen wurde. Da er direkt neben Yūji sein eigenes Zimmer hatte, war es kaum verwunderlich, dass ihn die Geräusche aufgeweckt hatten. Also ist Megumi aufgestanden, hat den kurzen Flur zwischen den Räumen überquert. Entnervt und müde mit tausend Beleidigungen und Beschwerden auf der Zunge hatte er Yūjis Zimmer betreten, bereit dazu ihm zu sagen, dass es mitten in der Nacht war – eine Tageszeit an der jeder normale Mensch schlief.

Die Worte wurden verschluckt, die Wut verflog. Das Einzige was blieb, war Hilflosigkeit.

Yūji stand da. In einem Zimmer, seinem Zimmer das einem Schiffbruch glich. Ein Schiffbruch war. Und Yūji, der in diesem Schiff saß, allein, verzweifelt, einsam. Yūji, der drohte zu ertrinken. Und Megumi, der panisch den Rettungsring suchte, ihn nicht fand. Weil es ihn nicht gab. Weil es die Rettung nicht gab. Weil Yūji zum Ertrinken verurteilt wurde. Weil Megumi ihn mit seinem Egoismus, seinem Impuls ihm das Leben zu retten zum Ertrinken verurteilt hatte.

Yūji bemerkte nicht, dass Megumi sein Zimmer betreten hatte.

»Hör auf, Sukuna. Hör auf, hör auf, hör auf, hör endlich auf–«

»Mit was denn? Dir die Wahrheit zu sagen? Ha! Du Knirps bist wirklich schwach. Kannst den Tod deines Freundes wohl nicht so vertragen, was? Hab ich da etwa einen wunden Punkt getroffen? Ohh, das tut mir ja leid! Na, sag schon – wie viele Leben hast du bisher schon auf dem Gewissen? Drei? Vier? Fünf? Zehn? Oder doch bereits zwanzig? Entschuldige, irgendwann hab ich aufgehört zu zählen, haha! Du und so viele Leben wie möglich retten, dass ich nicht lache! Du bist der Grund warum Leute sterben, Knirps!«

»Ich sagte, du sollst aufhören! Als ob ich das nicht alles schon längst wüsste, verdammt!«

»Aww, fängste gleich wieder an zu heulen? Ist ja lustig! Hast du dir das von deinem Freund abgeschaut? Der, mit dem du ständig über irgendwelche Filme geredet hast? Ah, sorry, hab glatt vergessen, dass der tot ist! Wie hieß er noch mal? Naja, interessieren tut es mich nicht wirklich. Ehrlich, du bist so lächerlich, Bengel.«

»Was willst du von mir?! Lass mich endlich in Ruhe schlafen! I– ich–«

»Oho! Sollten Mörder wie du denn überhaupt schlafen dürfen? Hast du es nicht verdient, dass dein Gewissen dich auffrisst, Balg?«

»Du hast überhaupt kein Recht zu urteilen! Wie viele Leben hast du denn bitte schon auf dem Gewissen?!«

»Mehr als ich zählen könnte. Aber im Vergleich zu dir gebe ich es auch zu, anstatt es zu verleugnen, Schwächling. Gerade weil ich selbst gemordet habe, kann ich dich sehr wohl veurteilen, Mörder.«

»Du hast keine Ahnung! Du bist nicht–«

»... Itadori...?«

Eine kreischende Stille hagelte, zog in das Zimmer ein wie ein kühler Luftzug bei offenem Fenster.

Sukuna sagte nichts mehr. Doch Yūji spürte sein Grinsen, die Vorfreude. Yūji wusste, dass Sukuna sich durchaus bewusst war wie sehr er ihn an den Rand brachte. Und auch, dass es nur noch einen kleinen Schubs brauchte, um endgültig zu fallen. Einen Stoß, den Megumi ihm nun geben würde.

Oh ja, Sukuna freute sich wirklich sehr darauf zu sehen, was für einen Schaden er angerichtet hatte. Er freute sich auf das scheppernde Geräusch eines gebrochenen Geistes. Er freute sich auf das Knistern, wenn das Eis anfing einzubrechen. Wenn die zugefrorene Meeresoberfläche nachgab, ihr wahres Gesicht offenbarte und Yūji verschluckte. Hinunter zog. Ihn ertränkte.

Darauf freute Sukuna sich unglaublich sehr. Er wollte nicht verpassen, wie sein Gefäß in den Abgrund fiel, auf den Boden aufkam und endgültig zerbrach.

»Fushiguro...?«

»W– was – Ich ... Ich habe Stimmen gehört und hab mir Sorgen gemacht. Du ... Ist alles In Ordnung?«

Ist alles in Ordnung?

›Nein. Es ist nicht alles in Ordnung. Um ehrlich zu sein, ist nichts in Ordnung. Um ehrlich zu sein halte das nicht mehr aus. Um ehrlich zu sein ... bin ich erschöpft. Unglaublich erschöpft.‹

»Klar doch! Sorry dafür dich aufgeweckt zu haben, haha! Ich werde versuchen leiser zu sein, versprochen! Naja, jetzt ist es wohl zu spät, aber–«

»Itadori.«

Stille schnitt in das Zimmer, ließ Yūjis plötzlichen Schwall an Worten vertrocknen, bevor er weiter hätte ausbrechen können.

»Hör auf mich anzulügen.«

»Wovon redest du? Als ob ich dich jemals anlügen würde, ich–«

»Itadori.«

»...«

Megumi wusste nicht, was er sagen sollte, wusste nicht, was er tun sollte. Er wusste nur, dass er etwas tun wollte, etwas, egal wie klein es auch war – irgendetwas – und er wollte es so sehr, dass es kaum auszuhalten war. So sehr.

Megumi streckte in der lächerlichen Illusion die Schlucht zwischen ihm und Yūji auch nur annähernd verringern, gar schließen zu können, seine Hand aus nur um zu realisieren, dass es eben das war: Eine Illusion. Seine Hand blieb in der Luft, verloren und fehl am Platz, während Worte – so viele Worte – in seiner Kehle hochkriechten, prickelten, brannten, schmerzten und kein einziges davon verließ seine Lippen.

Megumi wollte etwas – irgendetwas – sagen. Stattdessen blieb er stumm.

»E– es ist spät! Wir sollten schlafen gehen, noch mal sorry dafür, dass ich dich aufgeweckt habe—«

Megumi wollte etwas sagen, etwas schreien und kreischen, ihm widersprechen, ihn klar machen, dass er gefälligst mit ihm reden sollte, seinen Schmerz nicht vor ihm verstecken und kaschieren sollte, doch es kam kein Wort über seine Lippen. Kein einziges

Stattdessen stand Megumi im einen Augenblick Yūji gegenüber, nur ein paar Schritte voneinander entfernt, die sich jedoch wie ganze, kilometerweite Schluchten und Krater anfühlten. Im nächsten spürte er den weichen Stoff von Yūjis Shirt unter seinen zitternden Händen und roch die leichte Duftnote von Yūjis Shampoo als er leicht bebend atmete.

Megumi sagte nichts. Obwohl so viele Worte, so viele Vorwürfe, so viele Entschuldigungen, so vieles seinen Hals hochkriechen wollte und gleichzeitig wie Säure seine Stimmenbänder schmelzen und wegätzen ließ, blieb er still, sprach keins der wütenen Worte aus, ließ die stürmischen Wellen weiterhin verzweifelt gegen Felsen stießen, anstatt sie endlich an Land zu bringen.

Megumi sagte nichts, hielt Yūji stummt fest im Arm, während die leise Hoffnung das alles, was er dachte, alles was er fühlte durch den schmerzhaft festen Griff seiner Hände ausgesprochen wurde. Das verzweifele Es tut mir leid und das verstummte Ich liebe dich im Orkan verschwommen und dennoch nie vergessen.


Megumi fand keinen Rettungsring. Also beschlosse er selbst zu einem zu werden.


⋆ ⋆ ⋆


how can i say this without breaking?
how can i say this without taking over?
how can i put it down into words?
when it’s almost too much for my soul alone

fleurie — hurts like hell



⋆ ⋆ ⋆



a/n
ich habe diesen oneshot zuvor zufällig in meinen ablagen entdeckt und dachte mir einfach nur: „fuck it, let’s do this“ so here i am! ohne korrekturlesen, ohne edition, ohne gar nichts. keine ahnung, dieser os ist monate alt und ob er ein lückenfüller auf meinem profil oder speicherplatz ist, macht letztlich für mich keinen unterschied. aber vielleicht — hoffentlich — für irgendjemanden da draußen, der nach inspiration sucht. idk.

und in diesem sinne verabschiede ich mich.
good night, folks <3
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