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Der Baum der 120 Geschichten

Kurzbeschreibung
SammlungAllgemein / P16 / MaleSlash
16.05.2022
01.06.2022
11
18.877
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17.05.2022 1.789
 
Seufzend sah der Schwarzhaarige dem älteren Mann zu, wie dieser an ihrem Haus das Gerüst aufbaute. „Sollen wir Ihnen nicht doch helfen, Herr Müller? Mein Lebensgefährte kennt sich sehr gut mit Pflanzen und deren Entfernung aus!“, sprach der junge Mann besorgt aus. Zwar stimmte das nur bedingt, aber durch die magische Begabung seines Lebensgefährten war diese Aktion sicherlich sicherer, als wenn ihr Vermieter und Hauseigentümer auf diesem sehr instabil wirkenden Gerüst arbeiten würde. Dies tat er zwar jedes Mal, aber mit der Zeit war das Gerüst, wenn man es denn als solches bezeichnen konnte, immer gefährlicher geworden. Was auch daran lag, dass ihr Vermieter es selber zusammen gebaut hatte. Da gab es Bretter, die viel zu kurz waren und mit einem weiteren Brett und einigen Schrauben auf die richtige Länge gebracht worden waren. Und dann waren da Leitern, die auch einfach an den Seiten des Gestells gebunden worden waren.

Jedoch war ihr Vermieter auch schon immer ein sehr eigenwilliger Mensch, welcher sich nur ungern helfen ließ. „Mach dir keine Sorgen, Fynn. Geh ruhig mit deinem Partner einkaufen. Ich habe schon auf so einem Gerüst gestanden, als ihr noch nicht geboren wart!“, gab Herr Müller freundlich, aber dennoch mit Nachdruck von sich, ehe er ein weiteres Brett zwischen die Metallstreben schob, um einen Boden daraus zu formen. Dabei schwankte die Konstruktion schon bedrohlich, was dem jungen Mann einen flauen Magen bescherte. Und ihm schoss durch den Kopf, dass Herr Müller wohl schon immer auf genau diesem Gerüst gestanden hatte. Wahrscheinlich stammte die Grundkonstruktion noch aus seiner Lehrzeit und er hatte es dann einfach immer wieder nach seinen Möglichkeiten repariert. „Komm Schatz. Wenn Herr Müller meint, dass er keine Hilfe möchte, dann sollten wir sie ihm auch nicht aufzwingen“, meldete sich nun auch sein Partner zu Wort, welcher soeben aus dem Haus kam, kurz ihren Vermieter grüßte und zu ihrem Wagen ging. „Ganz genau, Fynn. Du hast einen sehr schlauen Partner. Aber ihr könntet mir einen Gefallen tun und mir auf dem Rückweg aus dem Baumarkt noch etwas mitbringen“, mit diesen Worten gab der ältere Mann den beiden eine leere Verpackung eines Unkrautvernichters.

„Das bringen wir Ihnen gerne mit, Herr Müller. Aber bitte versprechen Sie uns, dass Sie vorsichtig sein werden“, verlangte Fynn von ihrem Vermieter, was diesen nur schmunzeln ließ. Gerade der gute Fynn machte sich mehr Sorgen um ihn, als seine eigenen Söhne. Gut, diese kannten auch seine Art zu Arbeiten und wussten, dass ihm noch nie etwas Schlimmes passiert war. „Jetzt geht und haltet mich nicht von der Arbeit ab! Ich habe vor heute noch fertig zu werden!“ Seufzend schüttelte Fynn den Kopf, ehe er sich zu seinem Partner ins Auto setzte und mit diesen zum Supermarkt fuhr. „Mach dir keine Sorgen. Ihm wird schon nichts passieren. Im Winter ist er doch auch auf dem Ding herumgeturnt und es ist nichts passiert. Genauso wie im letzten Sommer, als er die Rückseite gestrichen hat“, sprach der Braunhaarige lächelnd aus. „Ich mache mir aber Sorgen, Nev! Im Winter und gerade letzten Sommer lebte auch noch der Mann von Frau Dunka. Dieser hat Herrn Müller wenigstens die Leiter gehalten und war da, falls etwas passiert. Aber du weißt, dass er vor ein paar Monaten gestorben ist und momentan ist niemand im Haus. Frau Dunka ist mit ihren Enkeln weggefahren und Daniel ist auf einer Vorlesung in der Universität“, entgegnete der Schwarzhaarige scharf. Ihm behagte es gar nicht, dass weder die Mieterin der unteren Wohnung, noch der Student aus dem Dachgeschoss gerade im Haus waren.

Dieses Verhalten ließ Neville schmunzeln. „Du benimmst dich ja gerade so, als wäre Herr Müller dein Großvater“, neckte ihn Neville, welcher aus dem Wagen ausstieg und schon einmal einen Einkaufswagen holte. Schnaubend folgte ihm sein Partner. „Du weißt ganz genau, dass er das nicht ist. Aber Herr Müller ist ein sehr netter Mensch und mein Vermieter. Zudem ist er schon über siebzig und sollte nicht ohne Aufsicht auf einem Gerüst arbeiten, was aussieht, als wenn er es selber gebaut hat und es jeden Moment zusammen brechen könnte. Lass uns einfach schnell einkaufen, damit wir ihm helfen können. Notfalls musst speziell du ihm helfen!“ Seufzend schüttelte der ehemalige Hogwartsschüler seinen Kopf. Wenn sein Partner sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war dieser nicht mehr vom Gegenteil zu überzeugen. Aber trotz dieser Macke liebte er ihn und hatte für ihn die magische Welt und sogar England verlassen. „In Ordnung. Ich gebe mich geschlagen. Kaufen wir schnell ein und besorgen den Unkrautvernichter für Herrn Müller, damit du dich überzeugen kannst, dass es ihm gut geht.“ Das dies der Fall sein würde, davon war er überzeugt. Der Mann war alt genug, um zu wissen, was er da tat und auch, was er sich in seinem Alter noch zutrauen konnte.

~*~

Eine halbe Stunde später waren die beiden mit ihrem Einkauf fertig und auf dem Weg vom Baummarkt zurück zu ihrer Wohnung, als sie das durchdringende Geräusch einer Sirene hörten. „Das kommt aus unserer Straße“, meinte Fynn besorgt, je näher sie ihrer Wohnung kamen. Da musste etwas passiert sein. Sicher war Herrn Müller ein Missgeschick passiert und dieses dumme Gerüst war daran Schuld. Und er sollte recht behalten. Gerade als sie in die Straße einbogen, konnten sie noch sehen, wie ein Krankenwagen mit Blaulicht davon fuhr. Irritiert über diesen Zustand parkte Neville sein Auto in einer Parkbucht schräg gegenüber ihrem Haus, ehe sie gemeinsam ausstiegen und zu ihrem Haus liefen. „Da ist was passiert. Ich habe es doch gewusst! Schau dir die Leiter an, wie schräg sie am Gerüst hängt und … oh Gott“, vor Schreck schlug Fynn die Hand vor den Mund, als er die Blutspur auf dem Bürgersteig vor dem Haus sah. Nur wenige Zentimeter vom Gerüst entfernt. „Komm, Fynn. Setz dich erst mal wieder ins Auto. Ich werde mit Herrn Mandelbaum sprechen. Der sitzt schon wieder, mit seinem Hund, auf der Türschwelle gegenüber und raucht eine. Ich denke mal, dass er den Krankenwagen gerufen und wahrscheinlich auch etwas gesehen hat. Danach rufen wir Frau Müller an, denn der Wagen ihres Mannes kann nicht hier in der Einfahrt stehen bleiben, wo er noch offen ist und den Schlüssel hat Herr Müller ja immer in seiner Hosentasche“, sprach Neville beruhigend und dennoch bestimmend auf den Älteren ein, ehe er diesen zu seinem Wagen bugsierte und ihn sich setzen ließ.

„Ist gut, Nev. Sprich du mit Herrn Mandelbaum. Ich rufe schon mal Frau Müller an“, gab eben dieser von sich, nachdem er sich von dem ersten Schreck erholt hatte. Nickend nahm der Braunhaarige das zur Kenntnis und ging zu Herrn Mandelbaum rüber, welcher wie jeden Tag auf seiner Türschwelle saß, seinen Hund streichelte und eine Pfeife rauchte. „Guten Tag, Herr Mandelbaum. Haben Sie mitbekommen, was mit Herrn Müller passiert ist?“, wollte Neville freundlich von dem Mann wissen, welcher etwa im Alter von Herrn Müller war. „Hallo Neville. Ich vermute mal, dass seine Leiterkonstruktion ihn nicht gehalten hat. Ich habe ihn schon am Boden gefunden, als ich gerade vom Spaziergang mit Arko wieder gekommen war. Aber er ist ja auch immer so stur! Ich habe ihm schon oft meine Hilfe angeboten, doch er hat sie immer abgelehnt! Und jetzt auch noch so etwas Unsicheres mit den Leitern bauen! Kannst du dir das vorstellen, Junge? Er hat einfach in die große Leiter eine kleinere mit einem Spanngummi gebunden!“ Seufzend nahm Neville diese Worte entgegen. Das klang ganz nach ihrem Vermieter. „Vielen Dank für die Auskunft, Herr Mandelbaum“, bedankte er sich bei dem älteren Herren, welcher nun wieder mit seinem Hund in seinem eigenen Haus verschwand. Ja, Herr Müller war schon immer etwas wunderlich gewesen und hatte seine eigene Art mit dem Werkzeug und den Hilfsmitteln umzugehen. Kopfschüttelnd ging er wieder zu seinem Partner zurück, welcher auch gerade sein Handy beiseite legte. „Frau Müller kommt gleich vorbei und bringt den Zweitschlüssel. Einer von uns soll dann bitte den Wagen in die Garage fahren. Sie war ziemlich aufgelöst.“ Wieder nickte der Braunhaarige nur, ehe er mit dem anderen ihren Einkauf ausräumte und dann in ihrer Wohnung auf Frau Müller wartete.

~*~

Diese kam auch etwa eine viertel Stunde später bei ihnen an, wobei sie nicht so durch den Wind erschien, wie der Schwarzhaarige, welcher sich erst einmal hinlegen musste. „Guten Tag, Frau Müller. Bitte entschuldigen Sie Fynn. Ihn hat das doch sehr mitgenommen, weshalb er sich etwas hingelegt hat. Sie wissen ja, wie das Verhältnis zwischen ihrem Mann und ihm ist. Und als er dann das Blut hier im Hof gesehen hat und dann auch noch etwas an der Wand entdeckt hat, hat dies ihn doch ganz schön fertig gemacht“, meinte Neville freundlich, als er mit der älteren Dame zu dem Wagen ihres Mannes ging. Er ließ dabei gezielt aus, dass er dem anderen sogar etwas geben musste, damit sich dieser beruhigt. „Das kann ich verstehen. Fynn und mein Mann haben in den Jahren, in denen er hier wohnt und Sie noch nicht mit ihm zusammen waren, eine Art Familiäres Verhältnis aufgebaut. Nur schade, dass mein Mann sich nie dazu durchringen konnte, sich auch helfen zu lassen“, seufzte die Dame, ehe sie den Kopf schüttelte. „Ihr Mann ist eben sehr eigen. Konnte der Arzt schon etwas wegen dem Zustand Ihres Mannes sagen?“ Wieder kam ein Kopfschütteln von ihr. „Leider noch nichts genaues. Er hat eine große Platzwunde am Kopf und der Notarzt vermutet ein Schädel-Hirn-Trauma. Aber er kann sich auch noch andere Verletzungen zugezogen haben. Sie haben ihn gleich ins Uniklinikum gebracht. Was er nun genau alles abbekommen hat, werden erst die genaueren Untersuchungen zeigen. Ich werde morgen früh gleich mit unserem Sohn hinfahren. Der Arzt sagt, dass die Untersuchungen wohl noch den ganzen Tag andauern werden und es vorher keinen Sinn hat hinzufahren“, gab Frau Müller leise von sich.

Das ihr Mann aber auch so stur sein musste und immer alles ohne Hilfe machen wollte. Irgendwann musste es doch mal dazu kommen, dass ihm etwas dabei passierte. Seufzend sah Neville der älteren Dame hinterher, welche in ihrem Haus verschwand, nachdem er den Wagen ihres Mannes in die Garage gefahren hatte. Er würde ihren Mann auf jeden Fall besuchen, sobald man wusste, was dieser hatte und in welcher Klinik er letztendlich behandelt werden würde. Vielleicht konnte er, als ausgebildeter Heiler, etwas für dessen Genesung unternehmen. Mit diesem Entschluss stieg er ebenfalls auf den kleinen Tritt vor ihrem Haus und wandte sich noch einmal dem Gerüst und der Blutspur zu. Aber vorher würde er dieses Ungetüm abbauen und sauber machen. Nicht das sein Partner gleich wieder eine Attacke bekam, wenn er das Blut sah und dann an einen blutüberströmten Herrn Müller denken musste. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und machte sich auf den Weg in ihre Wohnung. Waren etwa alle alten Muggel so komisch? Hoffentlich wurde sein Partner nicht auch so!
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