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Neptun ist seit 2017 Gott der Sterne

von sanjo
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Het
14.05.2022
14.05.2022
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Der römische Gott Neptun ist unlängst nicht nur Gott des Nassen, sondern auch Gott der Sterne. Anders lässt sich nicht erklären, wie das Mixtape „Neptun“ des Hip-Hop Künstlers OG Keemo einen (zu der Zeit) neuen Stern am deutschen Rap-Himmel gebar. Das 2017 bei Chimperator Productions erschienene Mixtape aus Mannheim lässt beim ersten Hören hie und da an diesem Urteil zweifeln; mit dem emotionalen und starken Song „Henry Fonda“ endlich der Scheibe fällt aber alles Hapern. Dieses erste Projekt des Rappers Karim Joel Martin (1993) und seines Produzenten Funkvater Frank läutete, wie man damals vermuten musste und heute evident weiß, eine neue feste Größe in der deutschen Hip-Hop Szene ein.

In sieben Tracks und mit einer bescheidenen Spielzeit von lediglich 20 Minuten erzählt der Rapper auf den ersten Blick nicht viel von interpretierbarem Inhalt. Auch bei einem genauerem Blick ist ein Großteil des Lyrik das typische „Ich bin der (neue) beste im Rap-Game“. Was für ein Mixtape natürlich völlig in Ordnung ist. Viele der Songs bestehen aus nur einem einzigen Part, nur eine Handvoll hat eine Hook. Es sind keine Album-Songs, aber dass Keemo das auch kann, zeigt er spätestens fünf Jahre später mit „Mann Beißt Hund“. Diese eher altbekannte Leier vom „Krass-Sein“ spielt Keemo allerdings hier mit imposanter Lyrik. Er greift dabei in veränderter Form auf das Konzept zurück, dass dem Rapper Haftbefehl die Gunst des Feuilletons erbracht hat: Er mischt die authentische Umgangssprache der Straße mit gehobenerem Deutsch. Im ersten Songs, „Intro“, etwa spricht er davon, dass seine „Bitch“ in für einen „Misanthrop“ hält. Auch verspricht er, man“ verfehl[e] [ihn] mit dem weiteren Gesprächsverlauf“, wenn es nicht um Geld ginge. Mit dem allgemeinen Ton und speziell Begriffen wie „Arschfingern“ zeigt er aber klar, dass wir uns weiterhin beim Straßenrap befinden. Dieses erste Lied läutet eine wiederkehrende Thematik ein: Keemo ist in einer Beziehung mit einer Frau, die er hier, wie im Rap typisch, „Bitch“ nennt. Er spricht an, dass die Beziehung zwischen den beiden alles andere als gut ist. Auch ist es ihm wichtig hie und da anzumerken, dass sie stärkere Drogen nimmt. Das zweite große Thema, dass er in „Intro“ anspricht ist, dass er stets und ausschließlich an Geld interessiert ist. Dabei wird am Ende deutlich, dass er sich in dem Bezug in einer Schleife befindet, denn er rapt, dass er Unmengen Geld in den Wunschbrunnen wirft. Ob er damit das Glücksspiel meint oder fruchtlose Investitionen in ein immaterielles Ziel ist mit leider unklar. Die Lyrik in dem Lied ist durchweg von überdurchschnittlichem Niveau. Natürlich gibt es Ausnahmen; der Wie-Vergleich „Ich bin auf der Straße wie ein Schülerlotse“ etwa ist völlig inhaltslos und ein Füller. Außerdem musste Keemo die Betonung des letzten Wortes, „Wunschbrunnen“ stark anpassen, damit es in die Kadenz passt, was einen unschönen Nachhallt mit sich zieht.
Der zweite Song trägt den Titel „Kobe“ und erzählt von Keemos Früchte tragenden Anstrengungen. Das aber eher oberflächlich und so läuft der Song im Inhalt in etwa auf das gleiche hinaus wie „Intro“. Hier muss man das erste Mal anmerken, dass der Beat von Funkvater Frank sehr Spaß macht. Die Musik auf dieser Scheibe ähnelt sich zwar insgesamt eindeutig, aber was an Varianz fehlt macht Frank an Qualität wett. Zusammen mit dem guten Flow von Keemo ist „Kobe“ dennoch ein Hörgenuss. Der Vergleich mit Kobe Bryant ist sehr oberflächlich, was die Legitimität der Betitelung in Frage stellt. Ebenfalls kritisch anmerken kann man die, leider für das Genre allzu typische, Degradierung eines Menschen durch die (fiktive) sexuelle Schändung der weiblichen Partnerin. Nur da wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen gibt es einen (großen) deutschen (Straßen-)Rapper, der Frauen nicht als bloße Objekte sieht.
„Mascarpone“ ist der dritte Track und bekommt seinen Namen von einem Vergleich Keemos der Farbe der Drogen seiner „Bitch“ und des Milcherzeugnisses. Insgesamt eine weitere Sammlung belangloser Bars über ACAB, Kriminalität und „Ich-Bin-Der-Beste“, die aber durch die Performance des Rappers und die Produktion von Frank dennoch einen Hörgenuss liefert. Leider ist hier die Dichte der oben angesprochenen billigen Wie-Vergleiche etwas hoch.
„Perlen“ auf der Nummer vier bietet inhaltlich etwas mehr. Keemo erzählt, dass er sich trotz anfangendem Erfolg durch Musik immer noch um seine finanzielle Situation sorgen muss. Für ihn ist Rap zu der Zeit nichts anderes als eine Einnahmequelle und damit ist die Produktion eines Songs für ihn gleichzusetzen mit einem Raubzug. Mehrmals wiederholt er außerdem, man solle sich seinen Namen merken. Fünf Jahre später wissen wir, dass er damit nicht übertrieben hat. Lyrisch ist hier interessant, dass Keemo in der Hook zuerst von Perlen spricht und dann direkt von Schweinen, was sofort an die Phrase „Perlen vor die Säue“ erinnert. Der Rapper sagt, er nehme seine Perlen mit ins Grab—Schweinen würden jeden Tag sterben. Hat er tatsächlich an das Sprichwort gedacht und betont, dass er sich keine unnötige Liebesmüh macht?
Nummer fünf, „PEN“, steht für „Pferde, Euros, Nutten“ und damit für Keemos drei Ziele—Markenkleidung des Herstellers „Polo Ralph Lauren“, Geld und Sex. Die Lyrik des Songs lassen Keemo spaßige Flows verwenden, die wunderbar mit Franks Beat spielen. Musikalisch tritt hier besonders die Prehook, in der der Rapper seine drei Ziele wiederholt, hervor; in positivem Sinne. Inhaltlich widerspricht sich Keemo hier allerdings in einem Punkt sehr stark. Er wiederholt mehrmals seine Missgunst gegenüber „Fashionbloggern“, mit denen er übertrieben mit Markenklamotten posende Rapper meint. Dabei spricht er selbst nicht nur in diesem Song sondern im gesamten Mixtape immer wieder an, welche Kleidung und Accessoires er trögt. Sogar eine spezifische Luxusmarke nennt er in genau diesem Song (siehe oben)!
An vorletzter Stelle kommt „Neptun“, der Platte Namensgeber. An dieser Stelle kurz zur Interpretation des Titels. Beide offensichtliche Bedeutungen des Namens sind denkbar. Meint Keemo den Planeten, so könnte er den Fakt ansprachen, dass dieser entdeckt wurde, weil er die Bahn des damals schon sehr lange bekannten Planten Uranus störte. Keemo könnte damit darauf anspielen, dass er von Rapfans entdeckt würde, weil er das althergebrachte aufmischt und „stört“. Die naheliegende und im Text belegbare Interpretation ist allerdings die des römischen Gottes. In diesem Song sagt Keemo „Neptun, Neptun, Neptun - wer macht so ne Welle“. Entweder inszeniert sich der Rapper also selbst als urmächtigen Gott oder als Störung im Wirkungsbereich desselben. In „Perlen“ jedoch wird das erste deutlich. In dem Song warnt er vor sich als kommende Gefahr und lässt diese Gefahr dann als Neptun erkennen, der Segler kentern lässt. Keemo inszeniert sich also latent als einer der drei mächtigsten Göttern der römischen Mythologie—etwas ungestüm aber durchaus ok. Zurückkommend zu dem Song „Neptun“ kann man noch anmerken, dass hier die sprachliche Varianz des Künstlers erneut auffällt. Wörter wie „Vernissage“ und „Fontanelle“ benutzt Keemo ganz natürlich in seiner Straßenlyrik—eine Bereicherung! Außerdem beinhaltet der Track einen Beat-Switch von Funkvater Frank der unglaublich Spaß macht. Gegen Ende des Songs triumphiert OG Keemo und rappt, dass er heute derjenige ist, der er früher gerne gewesen wäre. Er erfreut sich also damals schon an seinem Erfolg, der bis dato noch eher bescheiden war.
Der letzte Song, „Henry Fonda“, ist das absolute Highlight des Mixtapes. Ohne diesen Song hätte man die Platte als mittelmäßigen Newcomer-Rap abtun können. So zeigt OG Keemo allerdings, dass die Songs davor seine Technik showacasen, er hier allerdings seine Fähigkeit, Emotionen und Geschichte zu erzählen beweist. Benannt ist der Song nach der US-Amerikanischen Schauspiel-Legende Henry Jaynes Fonda; der Grund dafür ist dem nicht-Filmfanatiker allerdings unklar. Keemo erzählt hier seine Lebensgeschichte und wie er sich früh seiner prekären Situation bewusst war. Außerdem illustriert er, wie er in die Kriminalität gerutscht ist und zeigt hier den Teufelskreis der Prekärkriminalität auf: Seit ihm mit 12 Jahren sein Fahrrad gestohlen wurde, nimmt er sich sich ebenfalls Dinge einfach so. Ebenfalls geht er darauf ein, dass seine Eltern infolge dessen viel Geld für seine Strafverfahren zahlen musste, er sich jetzt aber daran bereichert, ihnen alles zurückzahlen zu können. Endlich geht er noch auf seinen Missbrauch der Droge Marihuana ein, der schon in jungen Jahren begann und heute seine einzige Beruhigung in Stresssituationen darstelle. Gleichzeitig erkennt er aber auch, welche problematischen Folgen dies mit sich zieht: der Konsum mache seine „psychologische Aktivität [zu] […] ein[em] große[n] Matheproblem“—unter dem Einfluss der Droge anzieht er sich seiner menschlichen Fähigkeiten und wird zu einem bloßen Apparat. Insgesamt ein sehr atmosphärischer und emotionaler, geradeheraus ehrlicher Song, auf dem die erstklassige Performance von Keemo von einem passenden, wunderschönen Instrumental von Funkvater Frank unterstützt wird.

Insgesamt handelt es sich bei „Neptun“ von OG Keemo ganz klar um ein Mixtape; die Kluft zu einem Album ist deutlich spürbar. Während die ersten sechs Tracks Keemos herausragende Technik, besonderen Lyrik-Fähigkeiten und Funkvater Franks Händchen für tolle Beats zeigen, beweisen die beiden mit „Henry Fonda“, dass auf jeden Fall ein inhaltsvolles Album in den beiden steckt. Von 2022 rückblickend lässt sich diese These bestätigen, auch wenn es etwas gedauert hat.

„Wenn ich irgendwann sterbe, dann nur wie ein Rockstar“ (Kobe)
„Bitte mich bitte nicht um ein Feature“ (PEN)
„Neptun, Neptun, Neptun – wer macht so 'ne Welle? / Ihr seid bloß 'ne schnelle potenzielle Kohlequelle“ (Neptun)

„Und ob's mir gut geht, seit ich mir dann selber einfach nam
Was ich wollte ohne Geld dafür zu zahlen, ich sag mal so
Mir geht's gut wenn ich meinen Eltern bar die selbe Summe zahlen kann, wie Sie damals blechend für meine Strafrechtlichen Verfahren“ (Henry Fonda)

„Und ob’s mir gut geht? / Ich habs mir nicht so ausgesucht“ (Henry Fonda)
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