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Die einzige Zeugin

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
14.05.2022
11.08.2022
30
112.080
88
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
10 Reviews
 
26.06.2022 4.682
 
Tag 13; 20. September 2006

Walter Watson mochte keine Überraschungen.
Er mochte es nicht, wenn Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter plötzlich ausfielen. So wie heute.
Hanson hatte sich krankgemeldet. Ausgerechnet Hanson! Jetzt musste Marquess die Belby-Sache weiterbearbeiten. Aber die taube Nuss würde schon nichts Brisantes ausfindig machen…
Watson mochte auch keine Überraschungen zum Mittag. Er mochte es nicht, wenn das Mittagsmenü ausverkauft war und er sich spontan umentscheiden musste. So wie heute. Nur weil er etwas später als üblich in sein Stammrestaurant gekommen war.
Nein, Walter Watson war definitiv nicht der Typ für Überraschungen.
Darum mochte er es auch nicht, dass – als er zurückkam aus seiner Mittagspause – der Minister persönlich vor seinem Büro stand und irgendetwas mit Marquess besprach. Und was er gar nicht leiden konnte war, dass anscheinend ER SELBST das Ziel von Kingsley Shaklebold war:
„Ah, Walter“, begrüßte Kingsley ihn gut gelaunt wie immer mit seinem tiefen Bass. „Hast du eine Minute?“
„Natürlich, Kingsley“, entgegnete Watson und hielt dem Minister seine Bürotür auf.
Dabei fragte er sich, wann Kingsley das letzte Mal hier in seinem Büro in der Strafverfolgungsabteilung gewesen war…?
Watson schluckte.
Bei Jupiter – das hatte doch gewiss mit der vermaledeiten Granger und dem lästigen Potter zu tun, der immer noch in den USA herumschnüffelte. Wieder spürte Watson die Schlinge um seinen eigenen Hals und wie sie sich langsam zuzog…
Cool bleiben, Junge, riet er sich selbst und behielt sein dünnlippiges Lächeln unter dem dichten Schnauzbart bei.
„Was kann ich für dich tun, Kingsley?“, Watson bot dem Minister einen Sessel an.
„Ich bekomme hier und da Anfragen nach Sonderermittler Snape“, sagte Kingsley und setzte sich. Watson schwante Unheil…
„Er ist schon sehr lange mit dem Fall ‚Zabini gegen Granger‘ betraut und hat in der Zeit nur zweimal bei kurzen Undercover-Einsätzen helfen können“, Kingsley machte eine kurze Pause. „Länger als 12 Monate werde ich ihn nicht bei diesem Fall lassen. Egal ob dir oder IHM das missfällt. – Wie lange ist er schon hinter der Flüchtigen her?“
„Es werden bald neun Monate. Granger ist ziemlich geschickt.“
Kingsley lachte freudlos auf. „In der Tat.“

Dann fragte der Minister weiter: „Gibt es Fortschritte?“
Watson setzte sich etwas aufrechter in seinem Schreibtischstuhl.
„Selbstverständlich. Schließlich ist es Snape“, schleimte Watson. Dann jedoch ließ er seine Schultern etwas sinken, beugte seinen Oberkörper einen Hauch nach vorne, schaute auf seine blankpolierte Schreibtischplatte und dann mit zusammengepressten Lippen zu Kingsley hoch. Es war wichtig, dass er seine Rolle gut spielte. Überzeugend spielte.
„Allerdings…“, Watson zog sein Taschentuch aus der Hose und wischte sich die Stirn, die tatsächlich leicht feucht war. Ihm war klar, dass ein Teil seines ‚Unwohlseins‘ nicht gespielt war – sondern der nackten Wahrheit entsprach. „Allerdings herrscht seit einer Woche Funkstille.“
„Funkstille?“
„Das ist eigentlich nichts ungewöhnliches bei Snape“, verteidigte Watson und hob abwehrend die Hände, die er dann langsam auf das Holz des Schreibtisches sinken ließ. „Jedoch hat er einen Termin versäumt. Und das sieht ihm nicht ähnlich.“
„Seit wann meldet er sich nicht mehr?“, fragte Kingsley nach. Nicht mehr freundlich, sondern leidenschaftslos konzentriert.
„Seit dem 8. September.“
„Heute ist der 20.September – das sind fast zwei Wochen, Walter.“
Watson spürte den bohrenden Blick Kingsleys, der ihn nicht aus den Augen ließ.
„Welchen Termin hat er nicht eingehalten?“,
„Snape wollte sich melden, wenn er zurück in New York im MACUSA ist. Er berichtete, Granger gefunden zu haben–“
„Wie bitte?“, unterbrach Kingsley ihn scharf. „Das erfahre ich erst jetzt?“
„‘Gefunden‘ bedeutet noch nicht ‚Auf dem Weg nach Groß Britannien‘, Kingsley!“, wehrte sich Watson. „Ich hätte dir sofort Bescheid gegeben, wenn sichergestellt gewesen wäre, dass sie sich auf dem Weg hier her befindet. – Granger ist nicht nur schlau, sie scheint auch durchtrieben zu sein. Sie darf nicht unterschätzt werden. Darum habe ich gewartet.“
„Worauf?“
„Auf die Erfolgsmeldung der US-Aurorenzentrale, dass Snape und Granger auf dem Weg hier her sind.“
Kingsley pfiff leise durch die Zähne. Watson war sich nicht sicher, ob das gut oder schlecht für ihn war.
„Und das sind sie nicht?“
„Offensichtlich nicht. – Snapes letzte Meldung war, dass er die Flüchtige gefunden habe.“
Kingsley schüttelte leicht den Kopf.
Das war eine klare, nonverbale Ansage. Watson ging besser sofort darauf ein.
„Ich wollte ihm 14 Tage Zeit geben. Wie gesagt, dass Snape sich nicht meldet, ist nichts Ungewöhnliches. Das weißt du selbst. – Aber jetzt wird mir klar, dass das ein Fehler ist. Dass es ein Fehler war, so lange zu warten. Ich werde mich umgehend an die US-Aurorenzentrale wenden und Druck machen.“
Kingsley nickte leicht.
„Ich denke auch, dass es ein Fehler war, Walter.“ Kingsleys Blick war streng. Walter schluckte. Ob sich jetzt die Schlinge zuzog um seinen Hals?
„Ich werde prüfen lassen, ob es fahrlässig war.“
Watson sackte das Herz in die Hose. Eine Untersuchung war genau das, was unangenehm werden könnte…
„Aber ich werde es erst prüfen lassen, wenn der Fall geklärt ist.“
„Danke, Minister“, nuschelte Watson in seinen Walrossbart.
„Denn ich stimme dir zu, Walter, Hermine Granger darf nicht unterschätzt werden. Deine erste Priorität sollte es jetzt sein, Snape zu finden. Hoffen wir, dass er unversehrt ist.“
„Kingsley? Ich dachte immer…“, begann Watson überrascht.

Watson war wirklich neugierig. Das Wissen, wie Kingsley zu Hermine stand, war auch ausschlaggebend für die Schlinge um seinen Hals. Sympathisierte er mit der Göre, dann würde Watson es bedeutend schwerer haben, all seine kleinen Patzer in der Ermittlung zu vertuschen…
„Ich dachte immer, du seist zu… nunja: zu persönlich betroffen. Ich dachte immer, dass eure gemeinsame Zeit, von dir und Granger, im Phönixorden der Grund ist, warum der Zaubergamot den Fall der Strafverfolgung zugeteilt und nicht ans Aurorenbüro delegiert hat?! Ich dachte immer, dass du der Hexe niemals einen Mord zutrauen würdest?“
„Ich kenne sie, Walter. Beziehungsweise: ich habe sie gekannt. Ich weiß um ihre Zauberkunst und um ihre Magie.“
Mehr gab der Minister nicht preis. Leider.
Watson nickte.
„Du sprichst mit der US-Aurorenzentrale?“, es war mehr eine Arbeitsanweisung als eine Frage.
„Gleich heute“, nickte Watson und dachte bei sich, dass er das noch etwas hinauszögern würde, damit er wieder mit der Nachtschicht in den USA sprechen könnte. In der Nacht waren alle Büros auf Minimum besetzt. Man würde hoffentlich nicht viel Zeit haben für die britische Extraarbeit…

Kingsley erhob sich. Watson tat es ihm gleich.
„Du willst niemanden in die Staaten schicken, um nach Snape zu sehen?“
Watson hielt seine leeren Handflächen nach oben.
„Ich habe das schon überlegt“, sagte er. „Aber unsere Abteilung ist derzeit voll ausgelastet. Dazu die Krankheitsfälle… Ich wüsste nicht, wen?“
Kingsley nickte knapp und ging zu Watsons Bürotür.
„Vielleicht kann das Aurorenbüro helfen“, spekulierte Kingsley und drückte die Klinke herunter. „Ich kümmere mich darum.“
Dann war der Minister aus seinem Büro verschwunden.
Zurück blieb sein letzter Satz: „Ich kümmere mich darum…“

Watson griff sich an den Hals.
Was hatte Kingsley gegen ihn in der Hand? – Ein fahrlässiges Fehlverhalten. Damit könnte er abgemahnt werden. Verflucht! Er könnte strafversetzt werden. Weniger Ansehen, weniger Gehalt.
Watson verwandelte die Karte von England, die rechts von seinem Schreibtisch an der Wand hing, in einen Spiegel und begutachtete sein Gesicht: rosig, dickwangig, mit dickem Schnauzer. Vielleicht kein schönes Gesicht, aber ein markantes. Ihm selbst war es immer schön genug gewesen.
Nun: weniger Ansehen und weniger Gehalt. Damit könnte er leben. Das war besser, als sein Gesicht zu verlieren – im wahrsten Sinne des Wortes. Das war besser, als sein Gesicht zu verlieren und eine neue Identität annehmen zu müssen…
Er würde schon durchkommen. Er würde den Rest dieses Falles schlampig weiterbearbeiten. Eine Strafversetzung riskieren und am Ende gewiss auch kassieren. Und er würde versuchen, Maurice irgendwie unter Druck zu setzen: Es mussten Ergebnisse her. Rasch. Bevor Kingsley Granger in die Finger bekam und die ganze Brückenschlag-Unternehmung dadurch gefährdet wurde.
Mit einem Wedeln seines Zauberstabs verwandelte sich der Spiegel zurück in die Landkarte.
„Ich kümmere mich darum“, hatte Kingsley gesagt.
Ob er Gawain, den Leiter der Aurorenzentrale, wirklich davon überzeugen würde, jemanden in die USA zu schicken? Denn Potter war ja schon da… … Ob Gawain davon überhaupt wusste?
Bei Merlin!
Watsons Schnurrbart erzitterte, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel: Vielleicht verhielt sich Kingsley hier auch nicht ganz rechtens? Was verheimlichte er? – Watson sollte unbedingt heute noch mit Malfoy sprechen. Vielleicht konnten sie durch diese Affäre Kingsley ins Straucheln bringen?
Denn, wie sagte Lucuis immer: „Dreck zu sammeln, lohnt sich immer. Früher oder später verwandelt es sich in Gold.“ – Das hatte sich schon oft bezahlt gemacht. Lucius ‚Dreck-Archiv‘ mit den gesammelten Fehltritten verschiedenster Persönlichkeiten hatte sich schon oft als sehr zweckmäßig bewiesen, wenn es darum ging, hin und wieder jemanden zu überzeugen – oder plump gesagt: zu erpressen.
Watson pfiff leise durch die Zähne.
Die Schlinge um seinen Hals fühlte sich bedeutend leichter an als noch vor dem Gespräch mit Kingsley.

∞∞ ~~ *** ~~ ∞∞

Wieder war Hermine morgens in seinen Armen aufgewacht.
Wieder wäre sie dort so gern liegen geblieben und hätte sich ihren Träumereien hingegeben, statt sich aus dem Bett zu stehlen…

Wieder saßen sie am Abend lesend im Wohnzimmer.
Hermine schlug ein Bein über das andere und verlagerte ihr Gewicht auf dem durchgesessenen Ohrensessel. Heute war das Möbelstück besonders unbequem…
Ihr Blick wanderte über den Rand der Tageszeitung hinweg zur Couch. Zu Severus. Er beugte sich gerade nach vorne zum Boden, um Hugo den Beißring in die Hände zu drücken, der dem Kleinen mit dem zappelnden Armen aus den Fingern gerutscht war.
Bei dem Anblick schlug Hermines Herz höher.
Es hatte gefühlt ewig gedauert, doch nun schien sich Severus Snape an den Säugling zu gewöhnen. Severus ignorierte Hugo nicht mehr, sondern nahm ihn wahr – und in diesem Moment interagierte er sogar mit ihm.
Hugo quäkte erfreut, als seine Fingerchen sich um den Beißring schlossen.
Severus rechter Mundwinkel zuckte kurz, dann lehnte er sich in die Couch zurück und sah gleichzeitig auf – Hermine direkt in die Augen.
Kein Wunder, dass mein Herz einen Takt schneller schlägt, dachte Hermine.
Die schwarzen Augen bohrten sich in ihre – doch sie konnte nichts darin lesen.
Hermine fühlte das Lächeln auf ihren Lippen, dann senkte sie schnell den Blick wieder in die Zeitung.
Sie blätterte um.
Auf der folgenden Seite mit Kleinanzeigen sprang ihr ein Ford Fiesta ins Auge. Privatverkauf. Laut Postleitzahl musste der Halter hier im Bezirk wohnen…
Es war perfekt. Genau die Anzeige, auf die sie gewartet hatte. – Doch das übliche Kribbeln einer sich auftuenden Chance wollte sich nicht einstellen.
Hermine blätterte die Zeitung wieder um und sah dabei zu Severus, der sich in das Buch über heimische Kräuter vertieft hatte. – DIESER Anblick sollte weniger kribbelnd sein…
Doch seit er sie erneut geküsst hatte. Seit sie ihn zurück geküsst hatte… Seit er sie erneut berührt hatte, so zärtlich, fordernd. Sein Rauhes: „Ich möchte dich berühren“…
Merlin-verflucht!
Sie hatte sich gestern wirklich zusammenreißen müssen, als sie ihm die Fäden gezogen hatte und ihm wieder so nah gewesen war. Sie spürte seine Blicke. Sie spürte seine Magie. – Sie hatte es nicht lassen können, ihm gestern wenigstens durchs Haar zu streichen…
Hermine zwang ihren Blick in die Zeitung.
Morgen, gleich morgen sollte sie bei dem Fiesta-Besitzer anrufen.
Und diesmal durfte Severus ihr keinen Strich durch die Rechnung machen! …Vielleicht sollte sie ihn für eine Weile mit einem Fluch kaltstellen… Mit einem Petrificus Totalus vielleicht?!
Hermine verzog kurz das Gesicht. Das gefiel ihr nicht. Gar nicht.
Aber sie durfte nicht länger hierbleiben.
Sie durfte nicht länger hierbleiben wollen…!

~~ ** ~~

Vier Stunden später, mitten in der Nacht, erwachte Severus je aus einem Alptraum. Sein Herz schlug heftig in seiner Brust. Die Bilder von Reißzähnen, die auf ihn niedersausten, verblassten schnell – was blieb war das Gefühl von Furcht, Gefahr und Eile. Das Gefühl von etwas Wichtigem, das er unbedingt erledigen musste, das ihm aber einfach nicht gelingen wollte…
Aufgewühlt und hellwach trotz der Nachtstunde setzte sich Severus auf.
Am Abend hatte es nicht geregnet, sodass die Temperatur nicht heruntergekühlt war.
Es war warm im Schlafzimmer. Und stickig.
Hermines Seite des Bettes war leer.
Severus lauschte. Hörte aber nichts.
Er griff zu seinen Krücken und hoppelte – nur mit seiner schwarzen Boxershorts bekleidet – über den Flur ins andere Zimmer. Doch das Ställchen war leer. Das Zimmer auch. Keine Hermine. Kein Hugo. Keine Perlentasche. … Auch keine Wickeltasche war zu sehen?!
Severus Puls erhöhte sich. Hatte sie sich davongeschlichen?
Den ganzen Tag hatte sie ausgesprochen still und bedrückt gewirkt, die Vorzeichen einer erneuten Flucht?

Er wirbelte herum und eilte, so schnell es mit den Krücken ging, ins Wohnzimmer, wo er so unvermittelt stehenblieb, dass er beinahe ausgerutscht und der Länge nach hingeschlagen wäre.
Da saß sie: Hermine Kendall. Auf dem unbequemen Ohrensessel. Sie schlief und hielt dabei das Baby auf ihrem Arm. Den Träger ihres weißen, blickdichten Nachthemdes hatte sie zum Stillen über die Schulter gezogen. Hugos winziger Mund drückte sich auf ihre Brustwarze. Alle paar Sekunden nuckelte er ein bisschen, und die pummeligen Bäckchen bliesen sich auf wie unter einem Inflatus-Fluch, dann entspannten sich die Lippen wieder.
Das Mondlicht schien auf Hermines Hals und die kleine Mulde überm Schlüsselbein. Die Furche zwischen ihren Brüsten lag in tiefen, geheimnisvollen Schatten.
Merlin, wie gern hätte er dieses bezaubernde Tal erforscht. Severus stellte sich vor, wie seine Lippen es durchwanderten, und allein die Vorstellung war so verführerisch, dass er unwillkürlich leise aufstöhnte.
Augenblicklich unterdrückte er den Laut, weil er Hermine auf keinen Fall wecken wollte.
Er war zu alt, um verstohlen auf eine weibliche, nackte Brust zu starren.
Sich klammheimlich von einer spärlich bekleideten Frau am anderen Ende des Zimmers erregen zu lassen war lächerlich, unreif und ichbezogen.
Severus sollte sich abwenden – aber er brachte es nicht fertig.
Sein Blick blieb an ihren leicht geöffneten Lippen hängen. Wie gerne wollte er…

Plötzlich zerriss ein schrilles Pfeifen die Stille.
Hermine erwachte augenblicklich.
Severus fühlte sich ertappt.
„Was ist das Fürchterliches?“, fragte er und meinte seine gierigen Blicke – und das Pfeifen.
„Der Wasserkessel“, sagte Hermine verschlafen.
Hastig schob sie sich den Träger des Nachthemdes wieder über die Schulter. Das Baby wand sich und beschwerte sich quengelnd, als sie es von ihrer Brust nahm und an ihre Schulter legte.
„Ich habe Wasser aufgesetzt, bevor ich Hugo zu stillen begann. Wieso bist du wach?“
„Es ist zu warm zum Schlafen.“ Eine lächerliche Ausrede…
„Ich habe bemerkt, dass du schlecht geschlafen hast. Möchtest du einen Tee?“, fragte sie, als sie auf ihn zuging – Richtung Küche. Immer noch pfiff der Wasserkessel voller Zorn.
Severus verneinte mit einem leichten Rucken seines Kopfes.
„Kannst du Hugo halten, bis ich mir eine Tasse aufgegossen habe?“
Die junge Hexe wartete nicht auf eine Antwort, sondern nahm ihm eine Krücke ab und drückte ihm das Kind im Vorbeigehen in den Arm.

Severus erstarrte. Ein paar Sekunden lang tat er überhaupt nichts. Er sperrte jegliche Empfindungen aus. Dann schaute er hinab auf das Baby, um einen sachlichen Blick zu riskieren. Die Augen des Jungen waren beunruhigend fest auf ihn gerichtet. Severus hielt den Atem an. Bestimmt würde der Kleine zu weinen anfangen, wenn er feststellte, dass ein Fremder ihn in den Armen hielt. Oder?
Severus sah an den aufgerissenen Augen vorbei auf die speckigen Arme und Beine. Hugo war ein molliges Baby. Darum war Severus überrascht, wie leicht er war. Auch wie weich seine Haut war, erstaunte ihn. Oder vielleicht kam ihm die Haut nur so weich vor, weil sie an seiner kühlen Brust mit der langgezogenen Narbe lag? – Bei dem Gedanken rührte sich die Finsternis in seinem Innern. Er konnte es nicht besser beschreiben. Das Düstere, Dunkle kam in Bewegung und lichtete sich leicht, wie ein Nebelschleier in den ersten Strahlen der Morgensonne.
Severus sah dem Baby wieder ins Gesicht. Es weinte immer noch nicht. Stattdessen öffnete sich Hugos Mund zu einem weiten Gähnen, so dass Severus die Zunge und den zahnlosen Kiefer sehen konnte. Dann ließ das Baby drei kleine Pupse folgen, ein Trio winziger Explosionen, die Severus durch die Windel hindurch spüren konnte.
Unwillkürlich entfuhr Severus ein amüsiertes Schnauben und sein rechter Mundwinkel zuckte verdächtig nach oben… - Ein Lichtstrahl durchfuhr die Dunkelheit in seinem Innern.
Hermines Stimme riss ihn je aus seinen Beobachtungen:
„Ich hatte so ein Gefühl, dass ihr beiden gut miteinander klarkommen würdet, sobald du ein bisschen entspannter wärst.“
Severus hatte sie nicht bemerkt, ehe sie ihn ansprach. Mit einem Blick stellte er fest, dass sie ihn über eine dampfende, nach Orangen duftende Tasse Tee hinweg beobachtete.
„Er mag dich“, ergänzte sie.
„Woher willst du das wissen?“
„Er macht Bläschen. Das tut er nur, wenn er sich wohlfühlt.“
Dem Baby lief tatsächlich Speichel über Mund und Kinn; seine Ärmchen wedelten aufgeregt.
„Nimm ihn lieber wieder“, meinte Severus.
Das schien sie zu amüsieren, doch sie stellte wortlos ihre Tasse auf den Tisch ab, nahm das Baby und trug es in sein Zimmer.


Als Hermine wenige Augenblicke später zurück in die Wohnküche trat, stand Severus noch am selben Fleck. Am selben Fleck, wo er zuvor einen Bläschen-machenden Hugo in seinen Armen gehalten hatte… an seiner nackten, blassen Männerbrust…
– Sie sollte dringend auf andere Gedanken kommen, ermahnte sich Hermine selbst.
„Er ist sofort wieder eingeschlafen“, sagte sie. „Warum hat man es als erwachsener Mensch so viel schwerer?“
Severus antwortete nicht sofort. Seine schwarzen Augen glitten kurz über ihr Nachthemd, dann bohrten sie sich in ihre. Die anderen Gedanken lösten sich ins Nichts auf. Hermines Herzschlag erhöhte sich automatisch.
„Uns geht zu viel im Kopf rum.“ Severus Stimme war dunkel und rau, so wie vorgestern, so wie sein ‚Ich möchte dich berühren‘…  Die Erinnerung jagte Hermine einen kurzen Schauer über den Rücken, über ihren Bauch und ihre Beine.
Severus rührte sich nicht.
Und sie selbst sollte nicht weiterfragen. Sie sollte gehen. Aus seiner Nähe. Sich lösen von seinem Blick… Doch sie ging nicht.
„Geht dir was im Kopf rum?“, fragte Hermine leise.
Es war nicht sehr subtil…
Sie meinte, dass das Schwarz seiner Augen plötzlich glänzte.
Severus schluckte. Als er sprach, streckte er eine Hand nach ihrer Hüfte aus:
„Ja. Und es will gar nicht mehr aufhören...“, sagte er in seiner typisch gedehnten Weise.
Er zog sie behutsam näher an sich heran.
Hermine spürte seine warmen Finger durch ihr Nachthemd.
Und sie spürte die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, die sich einfach nicht mehr in ihre Schranken weisen lassen wollte…
„Ich muss auch ständig daran denken“, flüsterte Hermine – da senkte er schon seinen Kopf und küsste sie.
Seine zweite Krücke polterte zu Boden. Noch während sie fiel, schob Severus seine Hand in ihr abgemähtes Haar und hielt ihren Kopf fest. Hermine spürte sein Begehren. Seine Zuneigung.
Wie er sie küsste… Wie seine Hände langsam über ihren Körper strichen…
Beim guten Gryffindor, sie konnte nicht länger darauf verzichten. Sie WOLLTE nicht länger darauf verzichten!
Und er schien es doch genauso zu wollen wie sie.
Hatte er nicht auch Verantwortung für das, was hier geschah?
Übernahm er nicht sogar die Führung?
…und bei Circe, SO ließ sie sich gern führen…


Die Hände der Hexe strichen über seine Schultern und schlossen sich fest in seinem Nacken zusammen.
Endlich, endlich hatte er sie wieder, dachte Severus, wobei sein Instinkt ihm sagte, dass ‚wieder‘ das falsche Wort war. – Egal. Endlich hatte er sie!
Und er würde diese Chance, ihr Vertrauen zu gewinnen, nicht verspielen.
Gewiss nicht.
Ihr Mund schmeckte süß und heiß, weil sie zuvor Tee getrunken hatte.
Ihre Haut fühlte sich zart, weich und warm an.
Severus schob seine Hände in ihre Achselhöhlen, wanderte dann mit den Handflächen an ihren Rippen entlang und umschloss die Seiten ihrer Brüste. Er spürte ihren festen Busen an seiner Brust und die Berührung entfachte ein Feuer in seinem Leib. Und in seiner Seele. Es loderte hell und vertrieb die Dunkelheit, vertrieb die Düsternis und die Kälte.
Er senkte den Kopf und rieb mit seiner Wange über die weißen Hügel. Er küsste die Hexe durch das weiße Nachthemd hindurch und zerrte dann ungeduldig die Träge über ihre Schultern, um den Stoff hinuntergleiten zu lassen – bis zu ihrer Hüfte, wo er Hermine festhielt. Ihre Brüste lagen jetzt frei unter seinen Lippen, seinem Mund, seiner Zunge. Der milchige Moschusgeschmack behexte und benebelte ihn. Severus drückte eine Brustwarze an seinen Gaumen und sog daran.
„O Merlin!“, die gehauchten, von einem kleinen Seufzer gefolgten Worte waren der erotischste Laut, den er je vernommen hatte.

Er hatte tausend Phantasien, was er mit ihr anstellen wollte… doch es ging hier nicht um ihn. Sondern um sie. Er wollte, dass sie ihm vertraute. Wollte ihr die Angst nehmen. Den Schmerz….
Severus küsste sie auf den Hals und knabberte unter den rabiat abgeschorenen Haaren an ihrem Nacken.
Sie ging darauf ein, drehte sich langsam zur Seite, bot ihm immer mehr ihres Nackens an und drehte sich dabei immer weiter bis sie mit dem Gesicht zur Wand stand, die Stirn an das Rosenmuster der Tapete gelehnt. Severus nahm die Hände von ihrer Hüfte. Das Nachthemd fiel zu Boden. Er hob ihre Arme über ihren Kopf, drückte ihre Unterarme vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen vorsichtig gegen die kühle Wand. Er küsste weiter ihren Nacken und Hals, während eine Hand an ihr herunterglitt und sich unter ihr Höschen schob, ihren Po knetete. Die andere fuhr über ihren Bauch und schloss sich um eine Brust.
Wieder seufzte Hermine.
Seine Hand in ihrem Höschen strich nach vorne, durch ihr Schamhaar und versank zwischen ihren Schenkeln. Sie war nass. Severus wurde schwindelig vor Lust. Er liebkoste sie mit zwei Fingern, arbeitete sich sanft zwischen ihre Schamlippen vor und fand schließlich ihren Eingang.
Bei Salazar - die Wirklichkeit war berauschender als alle Phantasien, die er sich zusammengesponnen hatte. Sie fühlte sich überwältigend an – äußerlich kühl wie Porzellan, innen kochend heiß.
Severus schob seine Hüfte vor und drückte sein erigiertes Glied zwischen ihre Pobacken. Er strich mit der einen Hand federleicht über ihre straffe Brustwarze, spielte mit ihr, während sich die Finger der anderen Hand behutsam in ihr bewegten. Bald begann sie mit ihrem Schoß über seine Hand zu reiben, bis er sich schließlich völlig ruhig hielt und alle Bewegung von ihren kreisenden Hüften ausging. Die Hände auf dem Rosenmuster der Tapete schlossen sich zu festen, ab und an trommelnden Fäusten.
Severus Atem beschleunigte sich. Er beherrschte sich und rieb sein Glied nur Millimeterweise an ihren Po.
Bei Merlin – sie so zu erleben machte ihn unglaublich an.
Ihre Hüften wurden schneller. Severus stöhnte leise auf.
Hermine lehnte ihre Stirn an die Tapete. Dann öffneten sich ihre Fäuste, sie presste ihre Handflächen an die Wand, keuchte auf und erbebte.
Sie kam leise, aber gewaltig.

Sobald der Schauer verebbt war, zog Severus seine Hand langsam zurück, drehte Hermine um und schloss sie in die Arme. Erschöpft und schweratmend lag sie an seiner Brust.
Ein gutes Gefühl an seiner Brust – und in seiner Brust.
„Wenn ich könnte, würde ich dich jetzt ins Schlafzimmer tragen“, brummte er in ihre wilde Mähne.
Die Hexe verstand. Mit geröteten Wangen und einem verlegenen Lächeln hob sie seine Krücken auf, reichte sie ihm und führte ihn durch den Flur ins Schlafzimmer.
Severus beeilte sich, seine Boxershorts auszuziehen und stieg ins Bett.
Er hatte Lust. Große Lust auf diese junge Hexe.
Doch Hermine zögerte.
Neben dem Pulsieren seiner Lenden, meldete sich kurz sein Verstand, sein Instinkt, und warnte ihn, dass etwas nicht stimmte, dass ihr Zögern doch Bände sprach…! Doch Severus hörte nicht auf die innere Stimme. Stattdessen nahm er ihre Hand und zog Hermine sanft neben sich.
„Leg dich hin“, raunte er ihr zu und küsste sie.
„Kannst du… mit deinem Gips…?“
„Kein Problem.“
Severus drückte sie in die Kissen, zog ihr das Höschen aus und ließ es auf den Boden fallen, dann liebkosten seine Hände ihren Busen und ihren Bauch. Ihre Haut glühte noch nach dem Orgasmus.


Hermine seufzte auf und ließ sich fallen. Erneut.
Überließ ihm die Führung.
So gern gab sie das Heft des Handels ab, das immer so eng verbunden war mit dem Gefühl der Verantwortung.
Sich einfach fallen lassen. Ganz hier sein, in diesem Moment.
Wieder fanden seine Lippen ihren Mund.
Hermine strich über seine Rippen. Severus ergriff eine ihrer Hände und führte sie zu seiner Erektion.
Kurz zögerte Hermine, dann fuhr sie von der Wurzel bis zur Spitze. Wieder und wieder.
Severus gab einen leisen, unartikulierten Laut von sich. Er zog ihre Hand von seinem besten Stück, küsste ihre Handfläche und rollte sich dann über sie. Teilte ihre Schenkel und senkte sich zwischen sie.
Doch plötzlich hielt er inne.
„Bist du sicher, dass es okay ist?“, fragte er und strich über die blassrosa Kaiserschnittnarbe, die waagerecht über ihrem Schamhaar verlief.
Er würde ihr niemals wehtun, dachte Hermine. Da war sie sich 100%ig sicher.
Eine Woge der Zuneigung überschwemmte ihr Herz bei diesem Gedanken.
Und auch wenn ihr Verstand irgendwo in ihrem Hinterkopf leise piepste: „Er würde mir niemals wehtun, SOLANGE sein Gedächtnis verschüttet ist.“, sprach ihr Herz klar und deutlich, dass sie gerade dabei war, sich in ihn zu verlieben… in Severus Snape.
„Es ist okay“, antwortete Hermine und lächelte.
Seine schwarzen Augen schauten sie aufmerksam und… ungewöhnlich weich an, als er langsam und behutsam in sie eindrang. Hermine seufzte leise auf und schloss die Augen.
Es fühlte sich unglaublich an…!


Severus versenkte sich so tief es nur ging in sie. Dann beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie auf den Mund.
Wegen des eingegipsten Beines musste er sein ganzes Gewicht mit den Armen abstützen. Doch er spürte die Anstrengung kaum. Er spürte nur sie: Hermine Kendall.
Ihre Zweisamkeit durchbrach die Dunkelheit in seinem Innern wie das Polarlicht skandinavische Sommernächte. Kein Verrat mehr, keine Schuld – sondern nur das gute Gefühl ganz zu sein, unverfälscht zu sein, sich auf der richtigen Seite zu bewegen.
Es war atemberaubend.
Es war einzigartig.
Das Gefühl mit ihr eins zu sein. Das Gefühl, wie sie ihre Hüfte begann nach oben und nach unten zu kippen.
Zu einzigartig…?
Severus bewegte sich mit ihr, bewegte sich vor und zurück. Erkundete sie. – Zum ersten Mal, das war ihm so klar wie kaum etwas anderes.
Er löste den Kuss und flüsterte: „Du hast mich angelogen, Hermine.“
Sie sah ihn erschrocken an.
„Ich habe noch nie mit dir geschlafen.“ Die Worte purzelten ihm aus dem Mund, während er versuchte, die unaufhaltsam entgleitende Kontrolle zu behalten.
Er bewegte sie weiter und der Schreck in ihren Augen verwandelte sich zurück in Lust. Die Hexe unter ihm stöhnte auf.
„Das hätte ich bestimmt nicht vergessen“, keuchte Severus und trieb sich schneller in sie.
Hermine klammerte sich fester an ihn, winkelte ihre Beine an.
„Hör nicht auf“, hauchte sie.
„Ich würde mich an dich erinnern, an das hier.“
Die Lust nahm ihm dem Atem. Die Lust vernebelte seinen Verstand.
Nur einmal noch begehrte sein Verstand auf: „Wer bist du, verflucht noch mal?“ presste Severus zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Hermine bog den Rücken durch. „Bitte, hör nicht auf.“
Sie hätte ihn nicht bitten müssen. Er hätte sowieso nicht aufhören können.
Gegenseitig schaukelten sie sich zu einem stürmischen Orgasmus hoch.
Severus hatte das Gefühl, als würde seine Welt explodieren und in Tausend Teile ins All geschossen werden, um dort schwerelos davon zu treiben.
Schweratmend kam er nur langsam wieder zur Besinnung. Er spürte, wie sich ihre Fingernägel in seine Schultern bohrten, spürte, wie seine Arme vom eigenen Gewicht schwer wurden.
Severus rollte sich von ihr herunter. Die Hexe schlang ihren Arm um ihn und ließ sich halb über seine Brust sinken.
„Halt mich fest“, flüsterte sie. „Ganz fest.“
Nur zu gern erfüllte er ihre Bitte, sie zu halten, sie zu schützen.
Endlich.
Endlich!
Endlich war er heil, dachte er. Endlich war er ganz. Endlich frei – mit ihr.
Da war so viel Licht in ihm.
Severus grub seine Nase in ihre abgemähte Mähne. Er genoss den Duft ihrer Haare, er genoss ihren stoßweisen Atem auf seiner nackten Brust, das Gewicht ihres Beines, das sich über seinen Oberschenkel geschoben hatte.
Ihre Finger strichen über die seltsame, kleine, feine Narbe an seinem Hals.
Langsam beruhigte sich ihr Atem. Wurde gleichmäßiger, tiefer.
Schläfrig murmelte sie in die Stille des Zimmers: „Ich weiß gar nicht, wieso ich überhaupt keine Scheu vor dir habe.“
„Das wäre auch eigenartig. Schließlich bin ich dein Ehemann“, murmelte Severus.
Es war so einfach ihre Argumentation auszunutzen…
Doch Hermine antwortete nicht darauf, sie war schon eingeschlafen.


tbc – to be continued

P.s. In diesem Kapitel findet ihr Zitate aus dem Roman „Die Zeugin“ von Sandra Brown ©1996, Blanvalet Verlag München – den folgenden Seiten entnommen: 317-325
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