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Die einzige Zeugin

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
14.05.2022
05.08.2022
27
105.436
63
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
12 Reviews
 
19.06.2022 4.097
 
(Weiterhin Tag 10, 17. September 2006 abends)

Zeit und Raum sogen Walter Watson vom Bauchnabel ausgehend in die Blechgießkanne zu seinen Füßen. Mit einem hellen Scheppern landete die Kanne keine Sekunde später in einer engen Sackgasse in einem heruntergekommenen Stadtteil von Dublin auf dem Kopfsteinpflaster. Zeit und Raum spukten Watson wieder aus der Blechgießkanne aus.
Watson beschwerte sich nicht. Portschlüssel waren zu effizient. Die Vorteile überwogen jeder Unbequemlichkeit.
Dank seines Gehstocks konnte sich Watson mit einem leichten Wanken auf den Beinen halten. Aus den Augenwinkeln sah der beleibte Mann, dass der illegale Portschlüssel in Gestalt der Kanne mit einem leisen „Schwupp“ ins vermeintliche Nichts verschwand. Bestens.
Watson richtete seinen Bowler, strich sich über seinen dicken, dichten Schnauzbart und trat aus der Sackgasse. 500 Meter trennten ihn von der alten Apotheke, in der ein schauriger, aschgrauer Hexenmeister lebte, der für ein paar Galleonen Verschwiegenheit und einen Internationalen Flohnetzwerk-Kamin bereitstellte.
– Es war Zeit, ein ernstes Wort mit ‚dem neuen Marcus‘ und Hans zu wechseln. Das Eis unter seinen Walross-Füßen wurde in London für seinen Geschmack eindeutig zu dünn…

Denn Watson war nicht dumm. Seit Maurice ihm gemeldet hatte, dass er Potter im US-Ministerium gesehen hatte, war sich Watson sicher, dass es Potter gewesen sein musste, der in sein Büro eingebrochen war. Potter wusste demnach aus der Akte, dass Snape Granger gefunden hatte – und dass beide vermisst wurden.
Ein Glück gab es keine Verbindung zu ihm als Leiter der Strafverfolgung – keine direkte jedenfalls.
Watson hatte in die offizielle Zabini-gegen-Granger-Akte bereits nachgetragen, dass die US-Aurorenzentale nach Snape fahndete. In einer persönlichen Notiz hatte er sicherheitshalber hinzugefügt, dass Snape als bekannter Einzelgänger sich oft wochenlang nicht gemeldet hatte und Watson ihm daher noch 14 Tage zum „Wiederauftauchen“ geben würde, bevor er derzeit dringend in Britannien benötigte Strafverfolgerinnen oder Strafverfolger in die Staaten schicken würde. Das wirkte doch alles sehr rund. Jedenfalls auf den ersten Blick…

Dennoch: Er musste weiterhin vorsichtig sein, wenn er seine eigene Haut retten wollte.
Die Meldung, dass Marcus/Maurice und Hans als getürkte, britische Strafverfolger aufgeflogen waren, war keinesfalls beruhigend gewesen. Die beiden hatten ihm schließlich über den offiziellen (schnellen) Dienstweg auf dem Laufenden gehalten. – Watson hatte auch hier nachträglich in der Zabini-gegen-Granger-Akte eintragen müssen, dass diese Meldungen aus seiner Sicht nur der US-Aurorenzentrale zugeordnet werden konnten. So würde Watson behaupten können, dass er niemals von zwei Hochstaplern in den USA gewusst habe. Er würde darauf bestehen, dass er immer davon ausgegangen war, der US-Auror Hankins habe ihm diese Mitteilungen gemacht…

Die neueste Meldung von Marcus/Maurice, dass Potter nicht im Alleingang in den USA war, sondern Berichte für den Minister direkt und persönlich schrieb, beunruhigte Watson mehr und mehr…
Er spürte es deutlich: eine Schlinge war ihm schon um den Hals gelegt. Jetzt kam es darauf an, den Kopf herauszuziehen, bevor sich die Schlinge zuzog.

Fünfzehn Minuten später steckte Watson seinen Kopf in die fauligen, blauen Flammen des klebrigen Kamins des Hexenmeisters und verband sich mit dem gewünschten Kamin in New York.
Maurice, ‚der neue Marcus‘, zeigte sich auf der anderen Seite.
„Was bei allen verfluchten Schlammblütern treibt ihr dort drüben?“, fauchte Watson dem Jungspund als Begrüßung entgegen. „Und wo, bei Salazar, ist Granger?!“
„Immer sachte, Walter. Immer sachte“, der neue Marcus hob beschwichtigend, unbeeindruckt und arrogant wie eh und je die Hände.
„Wir haben gerade herausgefunden, dass Hermine wahrscheinlich im Süden, im Bundesstaat Tennessee, untergetaucht ist. Eine Muggelfahndung wurde ausgerufen. Aber keine Sorge, Walt, Potter ist hier ganz alleine und hat kaum magische Unterstützung. Es wird ein leichtes sein, an ihm dranzubleiben und ihn am Ende niederzustrecken.“
„Du bist dort auch allein“, erinnerte Watson.
„Quatsch – ich habe Hans. Und der hat schon seine Kontakte im Süden klargemacht. Wenn die Muggel Hermine finden, wissen wir es garantiert eher als Potter. Und das beste: das kostet alles keinen Knut. Hans Kontakte haben kostengünstigere Überzeugungsmethoden als Bestechungsgelder. Die knacken einmal mit den Knöcheln und das gegenüber wird blass und erfüllt ihnen jeden Wunsch“, Marcus lachte gehässig.
Watson schauderte kurz. Er konnte sich schon vorstellen, wie die Kollegen von Hans dort in den Staaten sehr überzeugend werden konnten… … Watson hatte diese sogenannte „Kunst der Muggel“, wie Hans sie nannte, an den Überresten von Neville Longbottom deutlich erkennen können. Damals hatten sie Longbottoms Leiche erst zusammenflicken müssen, bevor sie hatte gefunden werden dürfen.
…Hans hatte damals viel an dem Kräuterkundeprofessor ausprobiert. Zu viel, wie Watson fand.
Auch damals hatte Marcus einfach nur gehässig gelacht so wie jetzt und gesagt, er wolle bei Hans „in die Lehre“ gehen. Watson hatte das absurd und abschreckend gefunden. Aber seitdem waren Marcus/Maurice und Hans unzertrennlich…
„Außerdem“, berichtete der neue Marcus, „wissen Hans Kollegen, wo und wie man auf Muggel-Art untertaucht. Glaub mir, Walt, Hermine haben wir vor Potter. Dann erledigen wir Hermine und Snape – und alles wird wieder gut.“
„Ich hoffe, du hast einen besseren Plan als allein deine Vision des Sieges?“, sagte Watson.
Marcus war taff, keine Frage. Er war schlau, begabt, ziemlich geschickt mit dem Zauberstab – aber trotzdem überschätzte er sich immer, wenn auch nur um eine Unze. Aber zum Schluss musste immer irgendetwas improvisiert werden. Und das schmeckte Watson nicht.
„Wir können erst im Detail planen, wenn wir mehr wissen, Walt. Das weißt du.“
Ja, das wusste Watson.
Das wusste er nur zu genau.
Tennessee, also.
Watson wünschte, er würde sich nicht so ohnmächtig fühlen in dieser Sache. Er hatte keine Kontrolle über die Geschehnisse in den USA. Und das störte ihn am meisten.

Es gab kaum weitere Neuigkeiten. Keine zehn Minuten später verabschiedete sich Watson von Marcus. Keine dreißig Minuten später brachte ihn der nächste illegale Portschlüssel zurück nach London. Keine vierzig Minuten später öffnete Walross Watson die Tür zu seinem Londoner Loft.
Nein, das würde keine angenehme Nacht werden.
Es gab zu viel zu überlegen und zu befürchten. – Was vermutete Shaklebold? War Watsons Stellung als Leiter der Strafverfolgung gefährdet? Und was hatte den Minister dazu bewogen, Potter doch noch an den Fall zu lassen, von dem der vermaledeite Gold-Junge über ein Jahr ferngehalten worden war?
Nein, das würde keine angenehme Nacht werden.
Watson ahnte, dass er kein Auge zu tun würde…

∞∞ ~~ *** ~~ ∞∞

Tag 11, 18. September 2006

Hermine öffnete langsam und nur widerwillig die verschlafenen Augen. Ihr Kopf ruhte auf einem fremden Arm und ihr noch müder Verstand wusste sofort, wem dieser Arm gehörte.
Hermine blinzelte. Die Morgendämmerung tauchte das Schlafzimmer in Grandma Mays Haus in trübes Licht. Vor sich sah sie den blassen Brustkorb von Severus Snape, der sich gleichmäßig hob und senkte. Sie spürte das plötzlich drängende Verlangen, einfach einen Arm um ihn zu schlingen, sich an ihn zu kuscheln, ihre Nase an seinen Hals zu drücken und… Stopp!
Sie sollte so nicht denken.
Sie sollte so nicht fühlen.
Kein Wunder, dass ihr Unterbewusstsein sie in der Nacht wieder verraten hatte! Und das trotz des gestrigen Tages, an dem er ihre Pläne durchkreuzt hatte…
Kein Wunder, dass ihr Unterbewusstsein sie, befeuert von der Sehnsucht nach Nähe, des nachts zu ihm trieb, obgleich er zu einem lästigen Hemmschuh geworden war.
Ein Hemmschuh, der schließlich ihre sichere Flucht vereitelt hatte!
… Ein Hemmschuh, der ihr Suppe gekocht hatte…
Ein Hemmschuh, der viel zu agil wurde! Gestern hatte er es tatsächlich geschafft, im Garten ein Kräuterbeet zu entdecken und zu gießen.
… Ein Hemmschuh, der ihr mit genau dieser Willensstärke und mit seinen wunderbar starken Armen einen Schutz bieten könnte vor der Menschenjagd da draußen… wenn er nur wollte…

Gestern Nachmittag war Hermine vor Angst und Verzweiflung fast vergangen. Sie war sich sicher, dass Watson hinter dem Fahndungsfoto in der Muggel-Presse steckte! Wer sonst?
Watson war hinter ihr her. Erneut. Mit der Macht der magischen Strafverfolgung. Mit der Macht der Muggel-Polizei in den USA. Und gewiss auch mit mörderischen Handlangern der Brückenschlag Inc.
… Hatte sie ihren Vorsprung, den ihr der Unfall und Severus Amnesie gewährt hatten, verspielt?

Was sie gestern panisch gefürchtet hatte, zeigte sich heute, mit klarem Kopf, in einem etwas anderem Licht: Hatte sie ihren Vorsprung verspielt? Vermutlich noch nicht! Denn das Fahndungsfoto machte deutlich, dass Watson & Co. keine Ahnung hatten, wo sie wirklich war. Und niemand wusste von Grandma May. – Alles, was sich verändert hatte, war, dass Watson sie nicht mehr inkognito suchen ließ, sondern offensiv. Im Prinzip bedeutete das nur, dass sie noch vorsichtiger sein musste. Wenn sie jetzt in die Stadt fahren wollte, müsste sie ihr Aussehen magisch verändern.
…Wenn Severus allerdings wieder mitfahren wollen würde, könnte sie dies nicht tun… Das musste sie ab jetzt immer mitbedenken. Sie würde ihn nicht noch einmal unterschätzen.
Wie aufs Stichwort brummte Severus im Schlaf.
Sie sollte besser schleunigst aufstehen. Er sollte nicht merken, dass sie so gut wie in seinen Armen aufgewacht war…


Severus gab solange vor zu schlafen, bis er die Zimmertür zugehen hörte. Dann öffnete er die Augen. Er lauschte in den Flur hinein. Sie ging ins Bad.
Severus bewegte den Arm, auf dem ihr Kopf geruht hatte. Der Arm war leicht eingeschlafen. Seine Finger zu einer Faust ballend und öffnend versuchte er das typische Kribbeln zu vertreiben.
Dann griff er energisch zu den Krücken an seinem Nachttisch, wuchtete sich aus dem Bett auf die Beine und ging zügigi um das Bett herum zu Hermines Seite.
Er hatte das Haus gestern gründlich durchsucht. Jede Ecke, die er erreichen konnte, hatte er gefilzt. Jeden Zentimeter nach magischen Spuren abgesucht. Weiterhin: nichts. Nur eine Sache hatte er sich noch nicht anschauen können: ihre Perlenhandtasche.
Er hoffte, sie würde die Perlenhandtasche irgendwann einmal vergessen, wenn sie ins Bad oder zu dem Baby ging.
Severus durchsuchte ihre Bettseite, den Nachttisch. Er suchte auch unter der Matratze. Aber auch heute hatte sie die Handtasche nicht vergessen.
Unerwartet stieß seine Krücke gegen einen Gegenstand am Boden, der halb unter dem Bett lag: das Buch, der Krimi, den sie abends las.
Severus hob ihn instinktiv auf und hob erstaunt beide Augenbrauen. Es war kein Krimi, sondern ein Reiseführer: Toronto. Kanada.
Kanada.
Jetzt kannte er also das „Wohin“: Sie wollte fliehen, ohne ihn – und das nach Kanada.
Seltsamerweise betrübte ihn der Fund nicht, sondern elektrisierte ihn eher: Wenn sie nach Kanada fliehen würde, würde er sie dort finden. Ganz sicher.
– War das nicht ein eigenartiger, unrühmlicher Gedanke? Als ob er Jagd auf sie machen würde…
Oder rührte das elektrisierende Gefühl von der Sicherheit, DASS er sie finden würde und sie ihm so eigentlich niemals verloren gehen würde?
Widerspruch – alles lag im Widerspruch, wenn es um Hermine Kendall ging: Ihre Nähe. Ihre Geheimnisse.
Wie sie sich über Tag von ihm fernhielt und in der Nacht seine Nähe suchte.
Wie er ihren Worten misstraute und doch ihre Nähe immer wieder genoss. Viel zu sehr genoss…
Severus erinnerte sich, wie er vor ihr erwacht war. Wie ihr weiches, buschiges Haar auf seinem Arm lag. Die Schwere ihres Kopfes. Ihre entspannten Gesichtszüge. Der warme Atem, der ganz eben seine Brust streifte…
Severus schob die verwirrenden Gedanken beiseite und legte das Buch zurück auf den Fußboden.
Er würde schon noch dahinterkommen, hinter ihr großes Geheimnis.

~~ ** ~~

Als Hermine zehn Minuten später aus dem Bad kam, stand Severus putzmunter und angezogen mitten im Flur. Das überraschte sie. Sie hatte ihn nicht gehört – und sie hatte vermutet, dass er tief und fest schlief…
Doch SEINE Überraschung bei ihrem Anblick war größer:
„Bei Merlins Bart“, stieß er aus, als er sie sah. „Was hast du mit deinem Haar angestellt?"
Unsicher fasste sich Hermine in den jetzt freiliegenden Nacken, nachdem sie ihre langen Haare abgeschnitten hatte. Die Kürze entsprach Audrey Toutous Frisur in dem Muggelfilm „Amelie“ – nur dass Hermines Haare buschig, wellig und dicht zu allen Seiten abstanden…
„Es war zu heiß. Ständig hat es mir im Nacken geklebt. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.“
Hermine zuckte die Schultern und wie so oft war es Hugo, der sie aus der Befragung mit seinem Weinen rettete.
Hermine drängt sich an Severus vorbei und trat in das kleine Zimmer, in dem Hugo sein Bettchen hatte.
„Was ist denn, Hugo? Hmm?“
„Glaubst du, dass er dich überhaupt noch erkennt?“, stichelte Severus, der ihr gefolgt war.
„Er erkennt meine Stimme“, erwiderte Hermine angesäuert.
Sie wusste, dass Severus Recht hatte: Sie sah schrecklich aus. Die kurzen Haare standen ab und waren jetzt überhaupt nicht mehr zu bändigen. Und doch hatte sie es tun MÜSSEN, nachdem sie ihr Bild auf dem Titelblatt der Zeitung aus Nashville erblickt hatte. Vielleicht wurde das Portrait auch im Fernsehen ausgestrahlt. Mit der neuen ‚Haarpracht‘ war sie zumindest etwas gewappnet für den Fall, dass sie in der Öffentlichkeit keine Magie anwenden könnte, um ihr Aussehen zu verändern, weil Severus dabei war.
Hermine hob den weinenden Hugo aus seinem Ställchen und trug ihn zu dem kleinen Schreibtisch des Zimmers, den sie zum Wickeltisch zweckentfremdet hatte.
„Bist du nass? Bist du deswegen ein kleiner Schreihals?“
Hermine hörte am Pochen seiner Krücken, dass Severus sich näherte.


Severus stellte sich neben sie und sah zum ersten Mal beim Wechseln der Windeln zu. Das Baby beruhigte sich zusehends.
„Er ist beschnitten“, bemerkte er.
„Äh, ja.“
Severus verfolgte Hermines Hände, ihre Finger. Wie sie das Kind an den Füßen sanft anhob und die Windel platzierte. Wie ihre Finger über die Speckbeine des Babys strichen. Sie hatte schöne Hände, überzogen mit ihrer typischen Porzellanhaut.
„Warum ist er beschnitten?“, fragte Severus, um sich von IHRER HAUT abzulenken.
„Wir wollten es einfach so.“
Severus schaute von ihren Händen auf das Profil ihres Gesichtes und sah gerade noch, wie es von diesem liebevollen Muttergesicht zu dem typisch wachsamen Ausdruck wechselte, den sie immer trug, wenn er ihr persönliche Fragen stellte. – Was, bei Merlin, war an diesem Thema heikel?
Es ärgerte ihn. Es ärgerte ihn, dass sie von ihm weg wollte, dass sie ohne ihn – und vor allem OHNE ERKLÄRUNG – heimlich nach Kanada wollte.
Wer war diese Frau?
Gerade hatte sie noch nah bei ihm gelegen und jetzt…?
„Wollte ich, dass er es so ist wie ich oder dass er nicht so ist wie ich?“, bohrte Severus nach.
„Wie meinst du das?“
„Bin ich beschnitten oder nicht?“
Die Hexe schnaubte abfällig.
„Weißt du das nicht selbst?“, fragte sie zurück und zog mit angestrengtem Gesicht dem Baby seine Anziehsachen über.
Aber so leicht würde sie ihm nicht davonkommen.
„Doch, ich weiß es“, antwortete Severus. Und was würde er dafür geben, dass er sich sicher sein konnte, dass SIE es auch wusste – weil sie ihn dort berührt hatte, gestreichelt, gerieben, mit ihren Lippen…- Stopp!
Die Gedanken waren elektrisierend – oder war das ihre Nähe? Oder die Hoffnung, er würde ihrem Geheimnis auf die Spur kommen?
Severus legte seinen Finger unter ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich.
„Ich weiß es – und du?“, fragte er und sah in ihre wachsamen, Reh-braunen Augen, die sich kurz leicht weiteten. Aus Angst? Oder Überraschung?


Hermine war so fassungslos, als hätte er einen Stupor auf sie losgelassen. Sie versuchte, es so gut es ging zu verbergen.
„Was für eine lächerliche Frage“, entgegnete sie und lächelte nervös.
Sie wollte sich wieder Hugo zuwenden, doch Severus fasste sie am Handgelenk und hielt es fest, bis sie sich geschlagen gab und ihn wieder ansah.
„Antworte mir, Hermine.“
„Ich hasse es, wenn du mich ins Kreuzverhör nimmst.“
Severus antwortete in seiner gewohnt trügerisch ruhigen Art:
„Und ich hasse es, wenn man mich anlügt. Du behauptest, meine Frau zu sein. Eine Gattin müsste wissen, ob ihr Mann beschnitten ist.“
Sein Blick forschte in ihren Augen, während sein Daumen begann, gemächlich Kreise in ihrer Hand zu ziehen.
Es wirkte bedrohlich und anziehend zugleich.
„Also?“, hakte Severus nach. „Oder haben wir uns immer im Dunkeln geliebt?“
„Natürlich nicht“, antwortete Hermine mit fester Stimme, wenngleich sie sofort an die Nacht nach ihrem Alptraum in seinen Armen dachte…
„Und haben wir zusammen geduscht?“
Phantasiebilder von ihm und ihr unter der geräumigen Dusche der Vertrauensschülerinnen in Hogwarts entstanden plötzlich vor ihrem inneren Auge… Merlin!
Hermine versuchte sich von Severus abzuwenden, aber er zog sie am Handgelenk zurück.
Mistkerl! Er war instinktiv viel zu gut darin, die Schwächen seines Gegenübers auszunutzen.
Sie sollte sich vorsehen!
„Manchmal“, antwortete Hermine schnippisch und sah ihm offensiv in die Augen. Sie würde nicht von ihrer Story abweichen. Sie war seine Ehefrau. Sie durfte diesen Trumpf nicht verspielen – noch nicht.
„Du hast mich doch bestimmt dabei eingeseift. Liebkost.“
Er hob ihre Hand an seinen Mund und küsste sie in die Handfläche. Als er weitersprach, kitzelten seine Lippen ihre Haut:
„Du wusstest doch bestimmt, wie du mich berühren musst, damit mein Blutdruck steigt.“
Hermine spürte, wie sich ihr Magen leicht wie ein Luftballon hob und wieder absackte. Sie wollte schlucken, aber ihr Mund war ausgetrocknet. Ihr Herzschlag dröhnte bis in die Ohren.
„Du hast dich jedenfalls nie beklagt“, antwortete sie und klang dabei etwas heiser.
„Dann sollte die Frage nicht so schwer zu beantworten sein“, beharrte er.
„Das ist sie auch nicht.“
„Also…?“
„Ich finde es albern.“
„Tu´s trotzdem“, sagte er und küsste erneut ihre Handfläche.
Er würde sie nicht eher gehen lassen, bis sie antwortete. Und es musste die richtige Antwort sein...
Sie hatte eine Fifty-Fifty-Chance…
Hermine räusperte sich und schickte ein Stoßgebet gen Himmel.
„Du bist nicht beschnitten.“
Severus sah sie lange und eindringlich an, ehe er ihr Handgelenk freigab.
Am liebsten wäre Hermine vor Erleichterung zu Boden gesunken. Ihr war schwindelig vor Freude; sie hätte in Jubelschreie ausbrechen können.

Sie nahm Hugo vom Wickeltisch, gab ihm einen Kuss und legte ihn in sein Ställchen. Sie würde den Kleinen mit in die Küche nehmen, wenn sie das Frühstück bereitet hätte.
Als Hermine sich wieder aufrichtete und umdrehte, stand Severus beunruhigend dicht hinter ihr.
Er fasste sie an den Schultern. Seine Augen wanderten über ihr Gesicht, dann über ihr Haar.
„Warum hast du es abgeschnitten?“, fragt er leise in seiner typisch gedehnten Sprechweise.
„Sieht es so schrecklich aus?“, fragte Hermine und fühlte, wie seine Meinung sie wirklich betroffen machte.
„Verglichen mit vorher, sieht es ziemlich schlimm aus. Also: Warum?“
„Ich habe dir doch gesagt, dass…“
„Das ist nicht die Wahrheit, Hermine. Wenn dich die Haare im Nacken gestört hätten, hättest du sie hochbinden können. Stattdessen hast du dich verstümmelt. Warum?“
Er sah sie streng und skeptisch an und fügte hinzu: „Du wolltest dich gestern absetzen.“
„Nein!“
„Hör auf, mich anzulügen“, zischte er. „Wenn du nur Lügen erzählen kannst, dann sag lieber nichts.“
Seine schwarzen Augen glühten plötzlich. Severus zog sie heftig an sich. „Denn allmählich wünsche ich mir, deine Lügen wären wahr. Ich wünschte… …ach verflucht!“
Er küsste sie leidenschaftlich und gierig.
Und Hermine ließ sich küssen. Von seinem warmen Mund.
Sie ließ es sogar geschehen, dass sie seinen Kuss erwiderte. Dass ihre Hände in seinen Nacken und seine Haare fuhren.
Bei Merlin, ja – verflucht! Sie war ausgehungert. Körperlich, sinnlich ausgehungert. Hermine musste es sich eingestehen. Der Umstand wog genauso schwer wie das Argument, dass sie schließlich nicht von ihrer Story abweichen durfte, seine Ehefrau zu sein.
Da seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt war, schloss sie Severus in die Arme und schmiegte sich an ihn. Er stöhnte leise in den Kuss. – Was für eine Verheißung!
„Ich möchte dich berühren“, flüsterte er heiser.
Seine Hände wanderten zu ihren Brüsten. Er streichelte ihre Brustwarzen, die sofort fest wurden. Seine Liebkosungen ließen Feuchtigkeit durch ihr T-Shirt treten. Er warf einen Blick auf die Milchflecken, dann auf seine nassen Fingerspitzen und seine Miene verhärtete sich vor Begierde.
Zum ersten Mal, dachte Hermine, sah sie einen unverfälschten Gesichtsausdruck auf dem Gesicht von Severus Snape, der sonst seine ausdruckslose Miene so perfekt beherrschte.
Severus nahm ihren Kopf in seine großen, feingliedrigen Hände. Seine Daumen strichen über ihre Wangen, über ihre Lippen. Er senkte seinen Kopf und küsste sie, diesmal überraschend zärtlich. Sein Mund berührte ihren kaum. Er überschüttete sie mit winzigen Küssen. Jedes Mal, wenn sich ihre Lippen trafen, lösten sie sich sofort wieder voneinander, doch allein diese Flüchtigkeit ließ Hermine innerlich schmelzen.
Bei Gryffindor, sie wollte nicht mehr allein sein! Sie wollte keine Zärtlichkeit mehr missen!
…Doch bei Gryffindors Eingeweiden, wie Severus Snape sie hassen würde, wenn er sein Gedächtnis zurückerlangen würde. Wie er es hassen würde, dass sie so einen unverschämten Blick hinter seine Fassade geworfen hatte.
– Aber vielleicht vergaß er es ja auch? Vielleicht würde er alles vergessen, was seit dem Unfall passiert war, wenn sein Gedächtnis zurückkam…?! Anterograde Amnesie! Vielleicht war Hermine hier und jetzt in einer Blase, gefangen mit ihm, ihrem Hemmschuh und Ehemann Severus Snape. Vielleicht durfte sie sich hier im Haus von Grandma May wirklich einmal fallen lassen? Einfach fallen lassen in seine Arme… und in die Illusion einer Kleinfamilie…?

Severus gab ihr noch drei dieser flüchtigen Küsse, dann blieb er auf ihren Lippen. Seine Zunge drang besitzergreifend in ihren Mund. Sein Kuss forderte Erwiderung.
Das süße Ziehen in Hermines Bauch wurde langsam unerträglich. Sie spürte, wie das Blut in ihr Geschlecht schoss, spürte es pochen und feucht werden. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zum letzten Mal so sinnlich, so voll Lust gefühlt hatte. Ihre Brüste waren fest und reagierten auf die leiseste Berührung. Sie verzehrte sich danach, seine Hände, seinen Mund darauf zu spüren. Sie verzehrte sich danach, geliebt zu werden – als Frau, nicht als Mutter.
Merlin, sie wünschte es sich so sehr. Und hatte sie nicht einen Wunsch frei? Schließlich hatte sie morgen Geburtstag…!
Hermine drückte ihren Schoß an seine Mitte. Spürte die Erektion. Sie seufzte erregt auf.  
„Hermine?“
„Ja“, hauchte sie atemlos.
„Lass uns ins Bett gehen.“
Bett.
Er wollte mit ihr ins Bett, um sie zu lieben.
Ohne dass Hermine es wollte, meldete sich ihr Verstand. Es war wie eine eiskalte Dusche: Wo sollte das alles enden? Wenn er wüsste, wer sie wirklich wäre… und wer er eigentlich war…!
War sie wahnsinnig?
Hatte sie ebenfalls das Gedächtnis verloren?


„Ich… ich kann nicht!“, hörte Severus sie sagen. Doch was die Worte bedeuteten, drang erst einen Moment später in sein vernebeltes Gehirn, als sie sich jäh aus seinen Armen löste, so dass sie beide beinahe das Gleichgewicht verloren.
Hermine wich zum Schreibtisch zurück und streckte abwehrend beide Arme vor sich aus.
„Bitte, tu das nie wieder!“
Severus war wie vor den Kopf geschlagen. Frust durchflutete ihn, weil die Hexe seine Leidenschaft an- und abschaltete, ohne dass er ihre Beweggründe dafür ausmachen konnte.
Sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Er fühlte sich zu ihr hingezogen.
Auch wenn sein Instinkt ihm immer wieder versicherte, dass sie NICHT verheiratet waren, blieb diese Anziehung. Stunde um Stunde. Tag für Tag.
„Das ergibt doch keinen Sinn, Hermine. Was hast du denn?“
„Ich will einfach nicht. Und damit Schluss.“
Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Ihre Körpersprache war eindeutig.
Eine neue Welle aus Frustration schwappte durch seinen Körper.
„Mir will das nicht in den Kopf. Wenn wir Mann und Frau sind, wie du behauptest. Wenn wir es beide wollen…“
„ICH will NICHT. Schon lange nicht mehr.“
„Warum nicht?“
„Wegen der Schmerzen.“
„Schmerzen?“ Severus wurde blass. Er hatte so eine düstere Ahnung, dass er ein Schwein war… „Habe ich dich irgendwann verletzt?“, fragte er.
Hermine schüttelte den Kopf. „Nicht physisch. Psychisch.“
Tränen traten ihr in die Augen. „Ich weiß es noch wie heute, und es tut immer noch weh.“
„Bei Salazar“, zischte Severus leise. „Ich hatte eine andere, ist es das?“
Ihr Blick sprach Bände.
Verflucht noch eins, dachte Severus. DAS ergab Sinn. Das erklärte ihren Umgang mit ihm.
Und es erklärte die Finsternis in seinem Innern: Verrat und Leid – das passte zu dem düsteren Gefühl, das ständig in ihm waberte und immer nur durch eine ihrer Berührungen gelichtet und gelindert wurde…


Hermine wischte sich eine Träne aus ihrem Auge und flüchtete aus Hugos Schlafzimmer, raus auf den Flur, raus aus dem Haus. Sie ging mit zügigen Schritten die Auffahrt hoch und wünschte sich, sie könnte bis Kanada laufen ohne sich einmal umzublicken. Und dann weiter nach Australien. Gemeinsam mit Hugo.
Sie blieb am Ende der Auffahrt an der verlassenen Straße stehen.
Wieder spürte Hermine die Schmerzen und die Demütigung, als Ron ihr seine Affäre mit Lavender gestanden hatte und sich all die kleinen Ungereimtheiten der vorangegangenen Zeit zusammengesetzt hatten. Angefangen mit absurden Nachtschichten bis hin zu den Blicken auf Nevilles Beerdigung…
Betrogen, gedemütigt, verlassen.
Hermine schlang sich die Arme um den Leib und weinte stumme Tränen.
Weil sie Ron einst geliebt hatte.
Weil Ron ihr das Herz gebrochen und sie betrogen hatte.
– Und weil sie Severus ähnliches antun würde.
Betrogen, gedemütigt, verlassen…
Hatte sie nicht eben dies mit Severus vor? Würde es sich nicht genauso für ihn anfühlen, wenn sie mit Hugo weiterfliehen und ihn nichts ahnend allein lassen würde?


tbc – to be continued

P.s. In diesem Kapitel findet ihr Zitate aus dem Roman „Die Zeugin“ von Sandra Brown ©1996, Blanvalet Verlag München – den folgenden Seiten entnommen: 235-241.
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