Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die einzige Zeugin

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
14.05.2022
05.08.2022
27
105.436
63
Alle Kapitel
243 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
 
14.05.2022 4.236
 
A/N: Diese FF ist deutlich inspiriert von dem Roman „Die Zeugin“ von Sandra Brown ©1996, Blanvalet Verlag München (definitive Leseempfehlung für Krimi-Fans!) und ist quasi ein Versuch „Die Zeugin“ ins Potter-Universum zu transportieren.

Ich erlaube mir, einige Passagen und besonders die treffsicheren und dramaturgisch spannenden Dialoge aus „Die Zeugin“ zu zitieren, natürlich angepasst an die Sprache von Hermine und Severvus und die magische Welt von JK. Die zitierten Seiten werden immer unter jedem Kapitel angegeben, damit diese FF kein elendes Plagiat wird. (Aufgrund der Lesbarkeit habe ich die Zitate nicht extra gekennzeichnet. Das wäre zu verwirrend.)

An dieser Stelle nochmal eine ausdrückliche Leseempfehlung für „Die Zeugin“, denn der männliche Protagonist in dem Krimi kommt unserem Severus echt nahe ;-))
 
Lange Rede, kurzer Sinn: Nichts davon gehört mir. Alle Rechte gehören J.K. Rowling und Sandra Brown! Ich kombiniere nur ihre Ideen und spiele mit ihren Figuren ;-) *unschuldig-guck*

Und jetzt: viiiiiel Spaß!

Lieben Gruß,
wandbreaker


∞∞ ~~ *** ~~ ∞∞


Kapitel 1: Der Unfall

Tag 1, 8. September 2006

Severus saß in einem Muggel-Polizeiwagen und versuchte seine langen Beine im Fußraum des Beifahrersitzes zumindest etwas auszustrecken.
Der Regen prasselte laut in Abermillionen dicken Tropfen auf die Frontscheibe des Wagens. Die Scheibenwischer versuchten ihr Bestes, um immer wieder für ein paar Sekunden einen klaren Blick auf die verlassene Straße vor ihnen freizugeben.
Zum Hippogreif! Zweieinhalb Tage würde er mit dieser ineffizienten Muggel-Fortbewegungsmethode verlieren…
Zu seiner Rechten sah Severus Felsformationen zwischen den Baumwipfeln eines grünen, dichten Waldes herausragen. Zur Linken des Wagens tauchte immer wieder ein wilder Fluss auf, der sich offensichtlich neben der Straße entlang durch das abfallende Walddickicht schlängelte.
Kurz: Sie fuhren mitten durchs Nirgendwo.
Die letzte Stadt schien ewig weit hinter ihnen zu liegen.
Wie konnte ein Land nur so groß sein?
Er verabscheute die USA...

„100 Meilen hätten wir geschafft“, bemerkte der Muggel-Officer Jackson neben ihm am Steuer in seinem Staaten-Akzent.
Severus brummte nur.
Blieben noch etwa 1.900 Meilen bis Washington D.C., ein Zwanzigstel hatten sie erst hinter sich gebracht. Es würde noch ewig dauern bis sie im Internationalen Auroren-Büro ankommen würden. Und das nur, weil Granger sich weigerte, in die fliegenden Muggel-Maschinen zu steigen. Wegen ihres Babys.
Merlin! Wegen ihres Babys!
Severus warf einen Blick über seine Schulter: Da saß sie. Hinter dem Muggel-Officer. Mit brauner Zottelmähne, einer kleinen Perlenhandtasche um die Schultern, störrischem Gesichtsausdruck und einem 3-Monate alten Baby auf dem Arm.
Hätte er DAS gewusst, hätte er den Auftrag niemals angenommen. Niemals!
Sie warf ihm einen stoischen Blick zu, drückte den Säugling instinktiv etwas näher an sich und sah dann aus dem Seitenfenster.
„Der Druck im Flugzeug ist zwar nicht so schädigend wie das Apparieren, aber es tut Säuglingen nicht gut. Ich fliege nicht!“, wie oft hatte sie ihm das zugezischt, wenn kein Muggel dabei war. Vor den Muggeln war ‚Flugangst‘ ihr Argument… – und es wirkte.
Er hatte kleinbeigeben müssen. Das internationale Geheimhaltungsabkommen hätte es nicht gutgeheißen, wenn er die Mannschaft der Muggel-Polizeistation in Riverton, Utah, magisch seinem Willen unterworfen hätte…
Darum saßen sie jetzt in diesem Wagen… und würden noch die nächsten zwei Tage darin sitzen.
Severus atmete geräuschvoll durch die Nase ein und aus.
Wenigstens war das Kind still. Wenigstens das.

Er hatte Hogwarts nach der Schlacht zwar nicht unbedingt wegen der lärmenden Schüler verlassen, aber er war froh, dass keine schrillen Kinderstimmen mehr seinen Alltag zusätzlich malträtierten.
Nein, er hatte Hogwarts verlassen, weil Kingsley ihm nach dem Sturz des Dunklen Lords ein einmaliges Angebot gemacht hatte: „Komm Severus, mach‘ weiter mit dem, was du all die Jahre getan hast – kämpfe gegen die Todesser und die Dunklen Künste.“
Bei einem außerordentlich hohen Gehalt (Kingsley hatte seine Jahre als Doppelspion als ‚Angestellten-Jahre‘ anrechnen lassen) sollte Severus in der Aurorenzentrale arbeiten.
Severus hatte das Angebot etwas variiert angenommen: mit weniger Gehalt, dafür mit mehr Freiheit.

Seitdem arbeitete Severus für seinen gewohnten Lehrer-Lohn als Auror – aber nicht von einem Büro im Ministerium aus, sondern von seinem Schreibtisch in Spinners End aus.
„Sonderermittler“ hatte Kingsley sein Amt getauft.
„Special Auror“.  
Severus arbeitete grundsätzlich allein. Selten musste er bei Dienstbesprechungen dabei sein. Und er hatte das Privileg, Aufträge ablehnen zu können.
Die Magische Strafverfolgung wie auch die Aurorenzentrale griffen auf seine Dienste zurück und taten dies in besonders schwierigen Ermittlungen, bei scheinbar ausweglosen Recherchen oder bei der Planung von heiklen Undercover-Einsätzen.
Im Prinzip war er direkt dem Minister – also Kingsley – unterstellt. Die jeweiligen ermittelnden und in der Patsche sitzenden Behörden suchten beim Minister um die Hilfe des Sonderermittlers Snape an. Erst wenn Kingsley deren „Anträge auf Unterstützung durch den Sonderermittler“ gegengezeichnet hatte, wurde Severus behelligt.
Und die Abteilungen behelligten ihn gern…
Für seine Kolleginnen und Kollegen im Ministerium war er zum ‚Jolly Joker‘ geworden: überall einsetzbar und bislang stets erfolgreich.
Auch in dieser Granger-Sache. Wenn es auch lange gedauert hatte…

Es war acht Monate her, dass Walter „Walross“ Watson, der rundliche Leiter der Magischen Strafverfolgung mit dem mächtigen Schnauzbart, einen von Kingsley genehmigten „Antrag auf Unterstützung durch den Sonderermittler“ zu ihm nach Spinners End geeult hatte – gemeinsam mit sämtlichen Unterlagen im Ermittlungsfall „Zabini gegen Granger“.
Vier Monate lang hatte Watson zuvor mit seinen Dilettanten der Strafverfolgung nach Hermine Granger gefahndet und sie nicht gefunden. Die Strafverfolgerinnen und Strafverfolger wussten sich keinen Rat mehr – also spielten sie ihre letzte Karte und forderten Special Auror Snape an.

Tatsächlich hatte es Severus weitere geschlagene acht Monate gekostet, die Hexe hier in den USA zu finden:
Drei Monate hatte er ihre Spur in Groß Britannien verfolgt, die immer wieder an der Themse in Coldharbour auf Zabini-Manor, 18 Meilen außerhalb von London, endete.
Es war unerträglich gewesen, festzustellen, dass er in dieselbe Sackgasse geraten war, wie Watsons Amateure… Also hatte er umso verbissener weiterermittelt und dummerweise zwei Monate in Australien vergeudet.
Dabei hatte nichts auf den Roten Kontinent hingewiesen, es gab keinerlei Verbindung zwischen Granger und Australien, von der er wusste. – Aber Severus hatte herausgefunden, dass Harry Potter sich eine Woche nach ihrem Verschwinden allein dorthin aufgemacht hatte… was ungewöhnlich war. Verdächtig sogar. Potter unternahm doch nie etwas alleine?!
Severus hatte Potters Route in diesem verflucht heißen Australien rekonstruiert – aber sie hatte ihn nicht zu Granger geführt oder auch nur in die Nähe irgendeines weiteren Hinweises auf ihren Aufenthaltsort.

Frustriert hatte Severus nach fünf Monaten wieder am Themse-Ufer in Coldharbour gestanden, flussabwärts und flussaufwärts geschaut. Die dicke Granger-Akte unter dem Arm geklemmt.
Zwei Tage lang hatte er dem trüben Wasser beim Vorbeifließen zugeschaut. Dann hatte er die Akte Akte sein lassen und sich allein auf seinen Instinkt verlassen.
Was hatte Miss-Know-it-All getan? Hier am Themseufer? Umzingelt von angesehenen Zauberern und Hexen?
Den hinterlegten Erinnerungen der Zeuginnen und Zeugen nach, musste Granger völlig den Verstand verloren haben. Paranoide posttraumatische Störung hatte Heather Hearron, Chefheilerin vom St. Mungo, diagnostiziert. – Aber Severus hatte in jenem Moment die Hintergrundinformation ausgeblendet und sich ganz auf Miss-Know-it-All konzentriert, die hier am Themseufer gestanden hatte und in Panik fliehen wollte vor den Zauberern und Hexen:
Hinter ihr die Hexen und Zauberer. Vor ihr der Fluss, der gleichzeitig Teil des ausgeklügelten Sicherheitssystems von Zabini-Manor war. Sie hatte von dieser Uferseite aus nicht disapparieren können. Wie war sie also geflohen?
Es blieb nur: der Fluss.
Die gegenüberliegende Uferseite war sofort nach ihrem Verschwinden millimeterweise auf Apparationsspuren untersucht worden: Fehlanzeige. Sie war definitiv nicht auf der anderen Uferseite gesehen worden und sie war definitiv nicht von der anderen Uferseite wegappariert.
Alles was man den Zeugen zufolge wusste, war, dass sie sich in die Themse gestürzt hatte.
Danach: nichts mehr.

Severus hatte flussaufwärts in Richtung London geschaut. Das konnte er ausschließen. Er hatte drei Monate kreuz und quer in Britannien ermittelt. Sie war definitiv nicht mehr im Lande.
Er hatte flussabwärts geschaut, wo die Themse 25 Meilen weiter in den Ärmelkanal mündete. Es war die einzige Möglichkeit.
Severus hatte sich, ohne weiter zu grübeln, einfach in Bewegung gesetzt, seinem Instinkt vertraut und sich am Ufer entlang durch die Böschung geschlagen.
Er hatte sich vorgestellt wie das Granger-Gör – aus welchem Irrsinn auch immer heraus – auf der Flucht vor den Hexen und Zauberern von Zabini-Manor zu sein.
Er hatte sich vorgestellt – WIE auch immer – mit dem Fluss zu flüchten. Vor Menschen mit Magie. Als muggelstämmige Hexe. Mit panischer Angst.
Mit jedem Schritt am matschigen Ufer entlang wurde er sich sicherer, dass sie Großteils auf Magie verzichtet haben musste. Aber wie, bei Merlins Bart, war sie dann vom Fleck gekommen?
Severus blendete das „Wie“ aus. Schließlich handelte er sich hier um Hermine Granger. Sie war so verdammt clever. Und ihre Vergangenheit bewies, dass sie – wenn sie sich einer Sache sicher war – erschreckend verbissen und risikobereit handelte.
Er hatte das „Wie“ übersprungen und einfach angenommen, dass sie aufgrund ihres Wissens um die Muggelwelt schnell vom Fleck gekommen war. Aber wohin?

Severus war zu jedem größeren und belebteren Punkt am diesseitigen Themse-Ufer appariert und hatte sich umgesehen:
Purfleet empfand er als zu nah an Coldharbour.
Die Queen Elisabeth II. Bridge war zu umzingelt von gut bewachten Muggel-Industriehafen-Anlagen.
South Stifford… vielleicht…?!
Erst in Tilbury hatte sein Instinkt angeschlagen: Am Tilbury Fort war es leicht, der Themse einigermaßen ungesehen zu entsteigen, ohne wie das Ungeheuer von Loch Ness auf sich aufmerksam zu machen.
Die Muggel-Straße A 1089 lag perfekt in der Nähe. Keine halbe Meile entfernt
Hier gab es verschiedenste Muggel-Transportmittel, wohin man sah.
– Wie verließ man via Muggel-Transport das Land? Und wo kam man dann hin?
Severus hatte am Tilbury Fort auf die Themse geblickt und instinktiv gewusst, dass sie das Land auf dem Wasserweg verlassen hatte.

Er hatte all sein Glück auf diese Eingebung gesetzt – und Granger elf Wochen später letztlich gefunden. Auf der ‚anderen Seite des Wassers‘: Hier in den verfluchten Vereinigten Staaten.
Der Jolly Joker des Ministeriums war wieder einmal erfolgreich.
Es war Severus gestern ein diebisches Vergnügen gewesen, seine Erfolgsmeldung an Walross Watson über die US-Aurorenzentrale schicken zu lassen. Und Watson würde sich sicherlich seinen Walross-Schnauzer zerpflücken, wenn er der Nachricht entnahm, dass Granger ein Kind hatte.
Was für ein Schnitzer in der Granger-Akte!
Sie musste bereits schwanger gewesen sein, als sie Watson auf Zabini-Manor durch die Finger geschlüpft war…

Diese ewig lange Granger-Mission jetzt erfolgreich abzuschließen, befriedigte Severus. Mochte dieser Polizeiwagen noch so unbequem und der Regen noch so laut auf das Autodach pladdern.
Obwohl ihn, wenn er nun die 26-jährige Hexe auf dem Rücksitz der Polizeistreife betrachtete, ein irritierend seltsames Gefühl beschlich.
Irgendetwas stimmte nicht mit der Akte „Zabini gegen Granger“.
Irgendetwas schien nicht zusammenzupassen…
Und sie war definitiv nicht paranoid oder post-traumatisch gestört. Jedenfalls nicht, seitdem er sie gestern in der Kleinstadt Riverton in Utah mithilfe der Muggel-Polizei überführt hatte.
Granger hatte sich nicht einmal gewehrt. Hatte einfach alles Notwendige in ihre matt-glitzernde, kleine Handtasche gestopft, ihm widerstandslos ihren Zauberstab übergeben und sich das Baby vor den Bauch geschnallt.
Wie hätte sie sich auch – mit BABY – ihm widersetzen wollen?!
Walross Watson hatte ihn bei der Beauftragung jedoch auf eine völlig andere Situation eingestellt.
„Wenn möglich lebend und in einem Stück in Gewahrsam nehmen“, hatte Watson gesagt und ihm einbläut, wie wahnsinnig Granger sei.
Tja… Severus hatte noch nie viel auf Walross Watson gegeben.
Doch diese Fehleinschätzung seitens der Strafverfolgung hinterließ einen fahlen Beigeschmack, wenn er an die Akte „Zabini gegen Granger“ dachte. Irgendetwas stimmte damit nicht – er spürte es in seinen Eingeweiden…
… aber er kam nicht darauf, was es sein könnte – und seine Aufgabe war es nicht, die Ermittlungen gegen Granger zu leiten, sondern lediglich die junge Hexe zu finden.
Basta.
Das allein war schon ein schweres Stück Arbeit gewesen.

„An der nächsten Tankstelle müssen wir halten und die Routen-Änderung melden“, riss ihn der Muggel-Polizeityp aus den Gedanken und trommelte gegen das Fundgerät. „Wir sind hier zwischen den Bäumen und Felsen in einem Funkloch.“
Wir sind im Nirgendwo von Nirgendwo, dachte Severus.
Severus wusste nicht im Detail, was es mit dem rauschenden Funkgerät oder diesem ominösen Funkloch auf sich hatte. Aber er verstand so viel, dass zurzeit keine Muggel-Kommunikation zwischen dem Wagen und der Polizeizentrale bestand. Oder zwischen diesen Handy-Dingern und dem Rest der Welt. Wie umständlich das Leben ohne Magie war…
Dass sie wegen eines Unfalls und eines Riesenstaus den Lincoln Highway hatten verlassen müssen und nun auf dieser kurvige Landstraße gen Nordosten fuhren, würde ihre Ankunft in Washington D.C. gewiss verzögern… Verflucht!

„Das Radio funktioniert wegen der Empfangsstörung auch nicht. Aber ich hab‘ ein paar CDs. Country?“, fragte der Muggel begeistert und hielt etwas Flaches, Quadratisches hoch, das das unbewegte Bild eines Muggels mit Gitarre und dem typischen 60er-Jahre Haarschnitt zeigte.
„Verschonen Sie mich“, grummelte Severus.
„Funklöcher gibt es in Groß Britannien wohl nicht, was?“, versuchte der Muggel das Gespräch in Gang zu halten.
…Es sollten die letzten Worte sein, die er in seinem Leben sprach…

~~ ** ~~

Den umgestürzten Baum, der die Straße hinter der nächsten Kurve blockierte, hätte niemand vorausahnen können. Und durch den dichten Regen war der Wagen praktisch schon auf den Baum geprallt, ehe jemand ihn gesehen hatte. Ehe Snape seinen Zauberstab gezückt und der Muggel das Lenkrad zur Seite gerissen hatte.
Der Wagen drehte sich um 180 Grad, schoss quer über die Straße, walzte die viel zu schwache Leitplanke nieder und stürzte eine überwucherte Böschung hinunter. Äste kratzten die Lackierung des Polizeiwagens auf und schlugen die Radkappen weg. Die Fenster barsten. Felsen und Baumstümpfe verbeulten die Karosserie.

Obwohl Hermine den unvermeidlichen letzten Aufprall lange kommen sah, überraschte es sie, mit welcher Wucht der Wagen bei seinem Absturz auf die massive Fichte vor ihnen prallte.
Der Dreipunktgurt schnürte sie mit enormer Gewalt ein. Es war ihr egal. Sie presste Hugo an sich, beugte sich schützend über ihn. Nichts war wichtiger als ihr Sohn.
Als der Wagen sich nicht mehr bewegte und der Schmerz sich über Nacken, Schulter, Brust und Bein explosionsartig ausbreitete, versicherte sich Hermine, dass ihm nichts passiert war. Hugos Augen waren neugierig und erwartungsvoll aufgerissen. Er schmatzte, als er in Hermines Gesicht sah.
Merlin sei Dank, er war unverletzt. Welch ein Glück! Ein unglaubliches Glück!
Plötzlich rutschte der Wagen einen halben Meter weiter die Böschung hinab. Der vom Regen aufgeweichte Boden unter den Rädern sackte weg und auf ihm glitt der Wagen seitlich an der Fichte vorbei. Durch die zersplitterte Scheibe sah Hermine den schnell fließenden Parley Creek River keine drei Meter entfernt. Shit!
Schnell machte Hermine sich los, kämpfte mit der zerbeulten Tür, kletterte mit Hugo aus dem Wagen und legte den Säugling an einem sicheren Platz auf die Erde, sein Gesicht mit dem Zipfel seiner Decke leicht zugedeckt. Der Regen schien Hugo dennoch nicht zu gefallen. Er begann quengelig zu wimmern.

Hermine sah zurück zum Polizeiwagen und zögerte.
Sie könnte die beiden Männer zurücklassen und all ihre drängendsten Probleme wären gelöst…
Konnte sie wirklich…?
Nein – sie konnte nicht!
Denn sie war keine Mörderin! Sie war kein verrückter, gewaltbereiter Mensch – auch wenn sie dessen vor dem Zaubergamot angeklagt werden würde, sobald Snape sie zurück nach England schleppte…
Snape!
…Aber nein. Sie konnte nicht. Sie konnte die beiden nicht zurücklassen…

Hermine stürzte zurück zum Wagen, wollte die Fahrertür aufreißen, aber sie war zu verzogen. Schnell war sie wieder auf dem Rücksitz – doch für den Muggel kam jede Hilfe zu spät. Sein Gesicht war zu einer unkenntlichen Masse aus zersplitterten Gesichtsknochen und zerrissenem Gewebe geworden. Er war halb aus dem Sitz gehoben worden und sein Kopf, der seitlich über dem Lenkrad hing, baumelte wie losgerissen. Ohne sich von dem Blut und Schleim abschrecken zu lassen, der alles überzog, beugte sich Hermine vor und legte ihre Finger in die Nähe der Schlagader auf den Hals des Polizisten. Sie spürte keinen Puls.
Plötzlich ruckte der Wagen und schlitterte erneut einen Meter weiter in Richtung Parley Creek.
Hermines Herz hämmerte in ihrer Brust. Dann fiel ihr Blick auf den Beifahrersitz, auf Severus Snape.
„Snape!“, rief sie.
Er reagierte nicht.
Sie rüttelte an seiner Schulter, woraufhin sein Kopf gegen das Seitenfenster kippte. Sie sah Blut aus seinem schlaffen Mundwinkel sickern.Über seiner rechten Schläfe klaffte ein tiefer Schnitt. Ansonsten sah sie keine Verletzungen. Seine Augen waren geschlossen.
Hermine streckte sich zu ihm und tastete mit den Fingern seinen Hals ab.
Da! War das ein Puls?
Sie beeilte sich aus dem Wagen und zur Beifahrertür zu kommen. Sie zerrte an der verklemmten Tür. Sie fühlte sich so ohnmächtig ohne Zauberstab.
Dass Hugo nach inzwischen lauthals, lebendig weinte und sein Unbehagen über den kalten Regen zum Besten gab, beruhigte sie.
Endlich war die Tür offen. Hermine öffnete den Sicherheitsgurt und Snape fiel ihr aus der Tür entgegen. Keinen Moment zu spät. Mit einem weiteren Ächzen rutschte der Wagen vollends in den Fluss ab. Hermine aber klammerte sich an den schlaffen, schweren Oberkörper ihres ehemaligen Lehrers, rutschte im Matsch aus, fiel auf den Steiß – aber ließ ihn nicht los. Seine schlaffen Beine purzelten aus dem Fußraum des Wagens, der eine Sekunde später zwei Meter weiter unten in den Fluss kippte. Der Polizeiwagen tauchte in den Parley Creek, wurde Teil der Strömung und versank langsam in den Tiefen des Flusses.

~~ ** ~~

Zwei Stunden später saß Hermine in einem warmen Einzelzimmer im Bezirks-Krankenhaus. Hugo lag schlafend an ihrer Schulter. Beide waren sie untersucht worden und hatten neue, frische Kleidung an. Wie durch ein Wunder hatten sie den Unfall unversehrt überlebt. Sah man von den blauen Flecken des Dreipunktgurts und einen verspannten Nacken bei Hermine ab.
Eine Krankenschwester und ein Deputy standen neben ihrem Bett – die Frau mit einem Klemmbrett in der Hand, der Mann in Polizeiuniform mit einem Spiralnotizbuch zwischen den Fingern.

Auf seine „Was ist passiert“-Frage hatte Hermine den Unfallhergang geschildert. Nur hatte sie aus dem toten Officer einen Unbekannten gemacht, der sie bis nach Evanston im angrenzenden Bundesstaat Wyoming hatte mitnehmen wollen. Und aus dem Polizeiwagen wurde ein grauer Toyota Corolla – mit Kennzeichen aus Wyoming.
Einen neuen Bundesstaat und einen Unbekannten in das Ereignis einzuflechten, würde ihre durch den Unfall gewährte Gnadenfrist gewiss verlängern.
Vielleicht war das Glück wieder auf ihrer Seite?

Schließlich hatte sie es geschafft, ein Jahr lang unterzutauchen. 12 lange Monate – bevor Snape sie im Auftrag des britischen Ministeriums für Magie in den USA ausfindig gemacht hatte.
Hermine verschaffte es eine grimmige Genugtuung, dass ihr ehemaliger Lehrer dafür auf die Hilfe der Muggel-Polizei hatte zurückgreifen müssen.
Das hatte ihr die erste Gnadenfrist gewährt:
Als er sie in Utah gefunden hatte, waren überall Muggel gewesen. Ohne Magie anwenden zu können, wirkte Snape viel weniger furchteinflößend. Und er musste sich dem Muggel-Vorgehen anpassen. Die Zusammenarbeit zwischen dem ‚Bundesmarshall‘, als der sich Snape ausgab, und den lokalen Muggel-Polizisten besagte, dass die Muggel-Polizei sie beide bis Washington D.C. eskortieren sollte. Dort würde Hermine dem FBI überstellt. Das dachten jedenfalls die Muggel.
In Wirklichkeit hätte Snape sie dem magischen Mittelsmann innerhalb der FBI-Hauptzentrale vorgeführt. Der wiederum hätte Snape und sie dem Internationalen Verbindungsbüro des US-Zaubereiministeriums, der MACUSA in New York, übergeben, um sie so schnell wie möglich nach England zu bringen. – Das war Snapes Plan gewesen.
Dann kam der Unfall.
Durch den Unfall war ihr jetzt eine zweite Gnadenfrist gewährt worden. Und die wollte Hermine auf keinen Fall ungenutzt lassen. Ihr Leben hing davon ab. Sie musste verschwinden…

„Name?“, fragte der Deputy neben ihrem Krankenbett.
„Pardon?“, versuchte Hermine Zeit zu gewinnen.
Welchen sollte sie nennen?
Den Namen, den Snape benutzen würde – ihren wirklichen Namen?
Oder den Namen, den sie sich in den USA gegeben hatte…?
Hatte Snape seine Aussage bereits gemacht?
Hermine hatte dem bewusstlosen Tränkemeister noch an der Unfallstelle seinen sowie ihren Zauberstab abgenommen. Auch seine Geldbörse und die vielen Papierunterlagen in seinen magisch vergrößerten Jackett-Taschen.
Sie hatte alles in ihre kleine Perlenhandtasche gesteckt, die ihr in den vergangen 12 Monaten zur Heimat geworden war.
Dann war sie mit Hugo auf dem Arm die Böschung hinaufgeklettert, hatte nach gefühlt 1000 Meilen Fußmarsch einen vorbeikommenden Wagen angehalten, der den Muggel-Notruf alarmiert hatte.
Hermine hatte sich gegen einen Patronus, gegen Magie entschieden.
Bei der Ankunft im Muggel-Krankenhaus war sie von Snape getrennt worden.
Sie hatte keine Ahnung, wo er war und wie es ihm ging.
…Vielleicht bestand noch ein Quäntchen Hoffnung, dass sie ihre schützende Muggel-Tarnung aufrechterhalten konnte?!

„Wie heißen Sie, Miss?“
„Kendall“, entschied sich Hermine für ihre Muggel-Tarnung.
„K-e-n-d-a-Doppel-L? Ist das so richtig?“, fragte der Deputy, während er die Buchstaben notierte.
Hermine nickte.
Hier in den USA hatte sie ein Jahr unter dem Namen Kendall Parsons gelebt.
Kendall – so hatte ihre Großmutter mit Zwischennamen geheißen. Ein unüblicher, seltener Name, den sowohl Männer als auch Frauen tragen konnten.
„Also, Mrs. Kendall. Können Sie den Verstorbenen, der im Autowrack im Creek verschollen ist, näher beschreiben?“
„Nein, Kendall ist…“, setzte sie an zu erklären, wurde aber jäh unterbrochen durch den diensthabenden Arzt.
„Gute Nachrichten!“, rief der Mann im weißen Kittel.
Hermine ahnte, was und WEN er meinte.
„Wie geht es ihm?“, fragte sie sofort. Dass ihre Stimme ängstlich klang, verwunderte niemanden.
Der Arzt lächelte breit. „Er lebt, und das hat er Ihnen zu verdanken.“
„Ist er schon wieder bei Bewusstsein? Hat er irgendwas gesagt?“
„Wollen Sie nicht selbst nach ihm sehen?“
Hermine schaute nervös vom Arzt, zum Deputy, zur Krankenschwester und wieder zum Arzt.
„Ich… ich denke schon.“
„Ich komme mit“, schaltete sich der Deputy ein.
„Und ich suche dem kleinen Goldschatz ein Bettchen auf der Säuglingsstation. Machen Sie sich seinetwegen keine Sorgen“, flötete die Krankenschwester und nahm ihr behutsam den schlafenden Hugo ab. „Gehen Sie ruhig mit dem Doktor.“

Hermine folgte dem Mann im weißen Kittel. Der Deputy schlurfte hinter ihnen her.
„Er hat einen Schienbeinbruch. Der Bruch weist keine Komplikationen auf. Wir brauchen also nicht zu operieren, sondern nur einen Gips. Damit hat er großes Glück gehabt. Ich hatte mit Rippenbrüchen, inneren Blutungen oder mit Organverletzungen gerechnet, aber für all das gibt es keine Anhaltspunkte. Sein Zustand stabilisiert sich“, berichtete der Arzt beinahe enthusiastisch.
„Die schlechte Nachricht ist, dass er einen ziemlichen Schlag auf den Kopf erwischt hat. Die Röntgenaufnahmen lassen nur einen Haarriss im Schädelknochen erkennen, aber um die Wunde zu schließen, waren ein Dutzend Stiche nötig. Das sieht im Moment nicht besonders hübsch aus, aber die Narbe wird ihn nicht allzu sehr entstellen.“
„Er hat stark geblutet“, gab Hermine zu bedenken.
„Wir haben ihm sicherheitshalber eine Blutkonserve verabreicht. Dann ist da noch eine Gehirnerschütterung, aber die wird nach ein paar Tagen Bettruhe überwunden sein. Mit seinem gebrochenen Bein wird er allerdings mindestens einen Monat lang Krücken brauchen.“
Der Arzt öffnete eine Zimmertür.
„Erst vor ein paar Minuten ist er wieder zu sich gekommen, deshalb sieht er noch so benommen aus."

Obwohl Hermine kurz unschlüssig in der Nähe der Tür stehenblieb, spürte sie sofort Snapes Blick auf sich. Seine schwarzen Augen lagen aufgrund der Schmerzen und des Blutverlusts tief und dunkel in den Höhlen. Doch sein Blick war fest und durchdringend wie immer…
Unsicher trat Hermine ans Bett. Ihr Verstand versuchte die Situation zu analysieren: Sie hatte eindeutig einen Vorteil. In diesem Zustand, würde er sie niemals festsetzen können! Sie war ihm überlegen.
Ob er schon nach den US-Auroren oder der Muggel-Polizei gefragt hatte…?
Hermine verfluchte ihre Unwissenheit und Nervosität – und erinnerte sich an den Deputy, der hinter ihr stand. Snape könnte sie sofort bei ihm anzeigen…
Sie schluckte die aufkommende Panik hinunter und zwang sich zu sprechen:
„Hi. Wie geht´s?“, ihre Stimme zitterte nur leicht. Ein Glück.
Seine schwarzen Augen verweilten weitere Sekunden ohne zu blinzeln auf ihrem Gesicht. Dann sah er kurz in die Runde.
„Wer sind Sie?“, fragte er mit matter, kratziger Stimme, aber in seinem typischen gedehnten Tonfall.
Der Arzt beugte sich über seinen Patienten. „Sie erkennen sie nicht?“
„Nein. Sollte ich? – …Wo bin ich? – …WER bin ich?“
Der Arzt starrte seinen Patienten sprachlos an. Der Deputy ließ seinen Kugelschreiber fallen. Hermine versuchte ihrem Gesicht einen fassungslosen Ausdruck zu geben. Hinter ihrer gekräuselten Stirn arbeitete es fieberhaft.
Winkte ihr hier eine dritte Gnadenfrist?

„Tja, es sieht so aus, als hätte die Gehirnerschütterung bei unserem Patienten zu einer Amnesie geführt. Das geschieht öfter als man landläufig glaubt. Bestimmt ist der Gedächtnisverlust nur vorübergehend. Kein Grund zur Sorge.“
Das aufgesetzt wirkende Lächeln des Arztes ließ Hermine an seinen Worten zweifeln…
„Fürs Erste sind Sie seine einzige Informationsquelle. Bitte sagen Sie uns – und ihm – doch, wer er ist.“
Hermine sah, wie Snapes Augen sie scharf ansahen und sich dabei misstrauisch verengten.
Merlin! – Doch die Panik, die in ihr aufgestiegen war, löste sich in Luft auf: Er konnte sich an nichts erinnern. An nichts! Es war ein Geschenk der Götter!
Sie wäre verrückt, wenn sie die Gelegenheit nicht beim Schopf packte. – Und sie hatte eine Idee.
Erstaunlich gelassen verkündete Hermine:
„Er ist mein Mann.“
„Mr. und Mrs. Kendall also”, schniefte der Deputy. „Und die Vornamen?“
Hermine bemühte sich, Snapes Blick standzuhalten.
Früher war er jeder Lüge sofort auf die Schliche gekommen… aber mittlerweile hatte Hermine verflucht viel Übung darin – und er hatte sein Gedächtnis verloren.
Es könnte funktionieren…
Es musste funktionieren!
Zumindest solange bis sie mit Hugo aus diesem Krankenhaus ungesehen fliehen konnte.
„Hermine und Severus“, sagte sie.
Das war keine Lüge. Doch seine schwarzen Augen blieben misstrauisch…



tbc – to be continued

P.s. In diesem Kapitel findet ihr Zitate aus dem Roman „Die Zeugin“ von Sandra Brown ©1996, Blanvalet Verlag München – den folgenden Seiten entnommen: 8, 12, 13, 16-20.
(Aufgrund der Lesbarkeit habe ich die Zitate nicht extra gekennzeichnet. Wäre zu verwirrend.)
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast