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Die längste Nacht

Kurzbeschreibung
GeschichteHorror, Sci-Fi / P16 / Gen
14.05.2022
29.06.2022
12
17.704
2
Alle Kapitel
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23.06.2022 1.420
 
Nahe Wells, Nevada, 20.September 2050

Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch zwischen den seltsam geformten Felsen hindurch, die hier überall die Landschaft bildeten. Über die staubige Landstraße fegte in großer Eile ein Van. Er bewegte sich auf Düsen und schwebte etwa dreißig Zentimeter über dem Boden. Der Mann am Steuer hieß Mike Ford und er hatte etwas bei sich, das dazu fähig war, die Situation des Landes zu verändern. Eigentlich war er Hobbyfilmer und hatte einige reizvolle Landschaftsaufnahmen erstellt, aber er hatte zufällig etwas mitangesehen, das er nicht so ganz fassen konnte.
Da war ein Loch in der Wüste gewesen. Ein großes Loch, in welchem ein Feuer gebrannt hatte. Männer in weißen Schutzanzügen waren ebenfalls dort gewesen, sowie auch zwei große Laster mit beweglicher Ladefläche. Er hatte zunächst geglaubt, Zeuge einer illegalen Müllentsorgung zu sein und wollte sich gerade aus dem Staub machen, denn so was konnte einem vermutlich viel Ärger einbringen. Dann jedoch hatten die Männer dort unten angefangen, die Laster zu entladen.
Leichen. Da waren Leichen aus den Lastern gefallen. Schockiert und angeekelt hatte er mit der kleinen Kamera draufgehalten. Das Gerät war recht modern und hatte über eine gute Zoomfunktion verfügt, weswegen er die Toten genauer betrachten konnte, ohne allzu nahe herangehen zu müssen.
Dafür war er ausgesprochen dankbar, denn obwohl er einen, wie er meinte, sicheren Abstand wahrte, wehte der Wüstenwind dennoch den Geruch nach Tod, Verwesung und Krankheit zu ihm herüber.
Und die Lastwagen? Waren das nicht Fahrzeuge der Army? Warum sollte die Army so viele Leichen in der Wüste verscharren? Woher kamen die überhaupt?
Das waren Fragen, die sich sicher irgendwann klären würden, aber nun musste er hier weg. Möglichst unauffällig schlich er sich im Schatten des frühen Morgens zu seinem alten Van, setzte sich ans Steuer und gab Gas. Das Auto war alt, aber durch den Düsenantrieb sehr schnell.
Mikes Herz schlug wild. Wenn er es schaffte, diese Aufnahmen zu veröffentlichen, dann würde das einen handfesten Skandal auslösen, da war er sich sicher.
Vielleicht würde er ja sogar berühmt? Man würde ihn dann wohl in Talkshows einladen und interviewen. Ein richtiger, relevanter, amerikanischer Held und… er stutzte und blickte in seinen Rückspiegel.
Lichter waren hinter ihm aufgetaucht. Sie waren noch etwas entfernt, aber er bekam Panik. Hatten sie ihn womöglich doch gesehen? Würden sie ihn nun holen kommen? Vor seinem geistigen Auge sah er sich bereits in einem geheimen Gefängnis für Hochverräter, kniend, mit verbundenen Augen am Boden.
Voller Angst trat er das Gaspedal durch und sein Fahrzeug wurde noch schneller. Er warf einen weiteren Blick durch seinen Rückspiegel.
Da waren noch immer Lichter hinter ihm. Wie zwei gierige, hasserfüllt lachende Augen. Kamen sie näher? Das ließ sich im Augenblick kaum feststellen. Er rechnete damit, jeden Augenblick Mündungsfeuer hinter sich zu sehen und Kugeln zu spüren, die seinen Körper durchsiebten. So einer Salve hätte sein altes Fahrzeug sicher nichts entgegenzusetzen.
Die Landschaft um ihn herum verschwamm vor Geschwindigkeit. Nur die Lichter waren noch da, nach wie vor. Wie ein Jäger, der seine Beute genüsslich jagte und seine Freude daran verspürte, ihre Angst wahrzunehmen.
(Lauf, kleiner Mensch! Lauf und lauf und lauf! Bleib nicht stehen!)
Er schluckte und korrigierte das Lenkrad. Für ein schwebendes Düsenauto war es zwar weniger problematisch, von der Straße abzukommen, aber ein Felsen von entsprechender Größe wäre dennoch sein Ende.
Etwas klatschte gegen seine Windschutzscheibe. War das ein Kaktus gewesen? War er womöglich schon lange von der Straße abgekommen? In diesem Fall hätte er dringend langsamer werden müssen, aber ein kurzer Blick in den Rückspiegel zeigte ihm, dass das keine Option darstellte.
Diese verdammten Lichter waren noch immer hinter ihm und schienen sich sogar zu nähern. Natürlich verfügte auch die Army über Düsenfahrzeuge, mit denen sie ihn locker verfolgen konnte. Und natürlich, bei seinem Glück nicht überraschend, hatten sie in genau dieser Nacht auch welche dabei.
(Nun lauf schon, kleiner Mensch! Ist das etwa alles, was du kannst?)
Er fluchte und drehte die Geschwindigkeit noch einmal weiter auf. Eine der Nadeln auf seinem Armaturenbrett stieg in den roten Bereich, der anzeigte, dass die Gaszellen seines Fahrzeuges sich langsam zu überhitzen begannen.
Er fegte über einen sandigen Hügel hinweg und die Düsen wirbelten Staub und Dreck auf. In diesem Augenblick krachte es laut. Einen Augenblick lang, glaubte er sogar ein Lachen seiner Verfolger hören zu können, dann explodierten die glühend heißen Gaszellen und verwandelte den Wagen in eine Feuerkugel. Er überschlug sich mehrmals, prallte gegen Felsen und wurde durch die bloße Wucht des Aufpralls auseinandergerissen. Ein kleiner Regen aus brennenden Trümmerteilen ging nieder.
Still brannten sie vor sich hin, dann verloschen sie.
Mike Ford würde niemals für irgendjemanden oder irgendetwas relevant sein.
Dunkelheit legte sich über alles.
Dunkelheit und Vergessen.
Von den Lichtern eventueller Verfolger war nichts zu sehen.
Jedoch saß auf einem Stein in der Nähe ein riesiger Adler und betrachtete die Szene mit schiefgelegtem Kopf.

Ein geheimer Ort, vermutlich in West Virginia, 29.September 2050

General Ludlow blickte geistesabwesend auf die Bildschirme vor sich. Sie zeigten Videoaufnahmen des Amoklaufes in dem geheimen Labor. Das schien schon so lange her zu sein, aber der Eindruck war falsch.
Wohin hatte sich dieses Land verirrt?
Eine schwierige Frage, aber er wünschte sich, er hätte damals, als diese Biowaffe in Auftrag gegeben worden war, schärfer dagegen protestiert. Dieser Protest hätte mit ziemlicher Sicherheit seine Karriere beendet und die Waffen wären wohl so oder so gezüchtet worden, aber dennoch…
Mit einem Auge schielte er nebenbei auf eine Wand aus acht massiven Fernsehbildschirmen, auf denen die relevanten Nachrichtensender liefen. Friedensverhandlungen mit China, die Mexikokrise, Choleraausbrüche, mögliche Lebensmittelknappheit in San Francisco. Dazu herrschte derzeit kein Mangel an bewaffneten Auseinandersetzungen. Dramatisch, natürlich, aber zumindest kein Wort über eine tödliche Megaseuche.
Es war ruhig.
General Ludlow durfte sich davon aber nicht täuschen lassen. Die Geister, die sie gerufen hatten und nun nicht wieder loswurden, waren noch da. Sie verrichteten ihr Werk im Stillen. Die öffentlichen Krankenhäuser im ganzen Land, waren die Augen und Ohren der Regierung, zumindest in diesem Fall. Sie notierten gewissenhaft jeden möglichen neuen Fall, wärend die Ärzte von einer verfrühten und ungewöhnlich aggressiven Grippewelle sprachen und ihre Patienten entsprechend behandelten.
So falsch war diese Herangehensweise vermutlich nicht.
Zumindest soweit Ludlow wusste, fanden sich durchaus einige Grippestämme unter den Vorfahren dieser neuartigen Seuche.
Es klopfte und der General forderte den Neuankömmling auf, einzutreten.
Major Arnold Irons betrat den Raum. Aus irgendeinem Grund wirkte Major Irons, Chef der internen Nachrichtenübermittlung, zu jeder Tageszeit so, als sei er frisch und ausgeruht. Seine Uniform saß stets tadellos und wies nicht einen Fleck auf.
„General? Minneapolis meldet über zwanzigtausend neue Ansteckungen, allein seit heute Mittag“, vermeldete er und hielt eine blaue Mappe in die Höhe. Auf ihr standen die Worte ‚Minneapolis Gesundheitsdaten‘.
Unscheinbare Worte, die niemanden misstrauisch machen würden, der nicht über den Inhalt Bescheid wusste.
„Legen sie das Ding auf den Schreibtisch“, sagte Ludlow und deutete auf das entsprechende Möbelstück. Irons tat, wie ihm geheißen und legte die Mappe dorthin. Dabei kam er nicht umhin, einen unordentlichen Stapel aus mindestens zwei Dutzend dieser Mappen zu bemerken. Sie trugen Aufschriften wie, ‚Boston‘, ‚Denver‘, ‚Olympia‘ oder ‚St. Lois‘.
Ludlow starrte derweil unbeirrt auf die Aufnahmen.
„Wie hoch, zum Teufel, war wohl die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sowas passieren würde?“, fragte er leise.
„Ich weiß es nicht, Sir. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann hätte ich es eigentlich für unmöglich gehalten“, sagte Irons. Ludlow lachte humorlos.
„Wer nicht!? Schätze, deshalb haben wir uns auch nicht dagegen abgesichert! Ich meine, wie hätten wir denn so was ahnen können?“
„Hätten wir nicht, Sir“, sagte Irons.
„Nein. Wohl nicht. Wir hätten mit dieser Scheiße gar nicht erst anfangen dürfen. Wir haben uns wahrlich groß gefühlt, als wir ihn kreiert hatten, diesen neuen Virus. Wussten sie, dass in diesem Labor unter anderem vier Nobelpreisträger für Chemie und Biologie gearbeitet haben?“
„Nein, das war mir neu.“
„Mann, was waren wir stolz auf unser Baby. Die tödlichste Waffe der Menschheitsgeschichte. Was waren wir stolz…“, murmelte Ludlow.
Beide schwiegen und hingen ihren Gedanken nach.
„Beten sie, Irons?“, fragte Ludlow nach einer Weile.
„Selten, Sir. Manchmal überredet meine Frau mich dazu.“
„Geht mir ähnlich. Ich habe mir immer viel darauf eingebildet, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen. Ich spiele aber gerade ernsthaft mit dem Gedanken, in die Kapelle zu gehen und es vielleicht doch zu tun.“
Tatsächlich besaß die Einrichtung eine solche. Sie befand sich im dritten Untergeschoss, vier Stockwerke über ihren Köpfen.
„Wenn es hilft, Sir, warum nicht?“, sagte Irons unverbindlich.
Vielleicht wurden sie die Geister, die sie gerufen hatten, ja auf diese Weise los?
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